Ich bin ein Geschichtenzerstörer

Eins ist klar: Thomas Bernhard ist alles andere als ein Geschichtenzerstörer, mag er sich selbst auch mal in einem seiner gern provozierenden Interviews als ein solcher bezeichnet haben. Der schreibende Sonderling aus Oberösterreich ist vielmehr einer der größten Erzähler, die der deutsche Sprachraum aufzuweisen hat, und das beweist der vorliegende kleine Auswahlband mit dem provozierenden Titel anschaulich.

Bernhard hasste die idyllische Prosa, er schauderte vor belanglosen Erzählungen und wollte, »wenn ich nur in der Ferne irgendwo hinter einem Prosahügel die Andeutung einer Geschichte auftauchen sehe«, diese gleich »abschießen«. Dabei erzählte er selbst gern in dem ihm eigenen giftig-monologisierenden, mit atemlosen Bandwurmsätzen gefüllten Stil Geschichten, die er geschickt in seine Romane einbaute. Einige dieser Geschichten wurden für diesen Band aus ihrem bisherigen Umfeld ausgelöst, sie wurden quasi entbeint und funkeln nun wie Edelsteine im literarischen Raum.

Bernhards Geschichten verstören den Leser, wenn er mit ihm auf Pfaden der Kindheit zur Forchlermühle wandert, wo die Müllersöhne einem halben Hundert exotischer Singvögel, die zuvor Jahrzehnte lang in einer weitläufigen Voliere gehegt und gepflegt wurden, den Hals umgedreht haben, um sie auszustopfen und dann in das Zimmer ihres einstigen Herrn auszustellen. Das Geschrei der Exoten sei ihnen nach dem Tod des Onkels, der die Tiere betreut habe, auf die Nerven gegangen, wird dem Besucher beschieden, jetzt kehre wieder Ruhe ein in das Tal am Ende der düsteren Schlucht. Dem macht es der Geruch der Vogelleichen unmöglich, länger zu bleiben, er geht hinaus.

Großartig ist Bernhards Beschreibung einer Autofahrt, um ein Exemplar der Neuen Zürcher Zeitung mit einem ihn interessierenden Aufsatz zu erwerben. Rund 350 Kilometer fährt er mit zwei Freunden zuerst in die »sogenannte weltberühmte Festspielstadt« Salzburg, wo sie die Zeitung jedoch nicht bekommen, dann in den »weltberühmten Kurort Bad Reichenhall« sowie weitere kulturell hoch notierte Orte, um feststellen zu müssen, dass es dieses von ihm hochgeschätzte Blatt nirgendwo gibt. In einer meisterhaften Suada entzündet sich aufgrund der Nichterhältlichkeit der Zeitung sein Zorn gegen Österreich, »dieses rückständige, bornierte, hinterwäldlerische, gleichzeitig geradezu abstoßend größenwahnsinnige Land«. Er wolle sich nur noch dort aufhalten, wo er wenigstens die Neue Zürcher Zeitung bekomme, tobt der Dichter, und dann bleibe in Österreich in Wirklichkeit nur Wien, denn in allen anderen Städten die vorgeben, das Blatt zu haben, bekomme man sie gerade dann nicht, wenn man sie unbedingt brauche.

Ein erzählerisches Kabinettstückchen liefert der Gmundener Autor, wenn er »Im Aufmachen der Kommode« eine gelbe Papierrose entdeckt und schwallartig erzählt, wie er mit einem Studienfreund ein Musikfest in Altensam besucht habe, wo sie sich »durch rasches Austrinken mehrerer Gläser Bier und Schnaps gleich in die für ein solches Musikfest notwendige gehobene Stimmung gebracht« hätten, dann jedoch von diversen bekannten Gesichtern endlos ausgefragt wurden, warum sie nicht in ihrem Heimatort geblieben, ja, ob sie überhaupt noch Österreicher seien, um sich dann schließlich, als sie es nicht mehr aushielten, einen Weg durch hunderte betrunkene Leute zu einem Schießstand zu bahnen, an dem der Freund, der doch ebenso wie Bernhard den Schießsport ebenso wie die Jagd verachtete, im Grund sogar hasste, eine Reihe Papierrosen abschoss, worauf er von den Umstehenden als der beste Papierrosenschütze, den sie jemals auf einem Musikfest getroffen hätten, bezeichnet wird.

Wer sich dem Bernhardschen Duktus vorsichtig annähern möchte und keine Angst vor meisterhaft gemachten, oft seitenlangen Satzungetümen hat, der wird mit dieser klitzekleinen Auswahl bestens bedient.


Genre: Kurzprosa
Illustrated by Suhrkamp Frankfurt am Main

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