Adieu Atlantis

Valentina Freimane führte ein Leben, in dem es keinen Mangel an historischen Katastrophen gab. Die Theater-,Film- und Kunstwissenschaftlerin wurde 1922 in Riga in eine lettisch-jüdische Familie hineingeboren und ist heute eine der letzten Überlebenden des Holocaust im Baltikum.
Adieu Atlantis  
 Ihre Familie war eine der Kunst und Kultur zugeneigte kosmopolitische, wie es sie heute kaum mehr gibt. In ihrer frühen Kindheit pendelte sie mit ihren Eltern zwischen Riga, Paris und Berlin, in der über ganz Europa verteilten Großfamilie werden die verschiedensten Sprachen gesprochen. In Berlin bekleidete ihr Vater die exponierte Stelle des Rechtsberaters der UFA, man residierte nahe des Kurfürstendamms, frühe Stars der erwachenden Leinwandkunst, Regisseure und Schriftsteller waren ständige Gäste der Familie. Das große Vorbild der damals kleinen Valentina war der Filmstar Anny Ondra.

Mit diesen unbeschwerten Erinnerungen beginnen ihre Memoiren. In Adieu Atlantis blickt Valentina Freimane zurück auf den ersten Teil ihres Lebens. Auf die unbeschwerten, von kultureller Großzügigkeit geprägten Jahre folgten Jugendjahre in Riga, in denen sie die dreifache Okkupation des Baltikums – zunächst durch die noch junge Sowjetunion, dann durch den Einzug der deutschen Wehrmacht und schließlich wieder durch die Rückkehr der Sowjets – durchlitt. Sie verlor ihre Eltern, ihren Ehemann und fast alle weiteren Verwandten. Valentina Freimane selbst fand an verschiedenen Orten Unterschlupf, unter anderem beim Minderheitenpolitiker und Journalisten Paul Schiemann, der im Gegensatz zu den meisten Deutschbalten nicht umgesiedelt war und der ihr während dieser Zeit seine Memoiren diktierte.

Zunächst aus der Perspektive des unbeschwerten, von allen Seiten geliebten Kindes, später dann aus der Sicht der jungen Frau läßt sie für den Leser in Adieu Atlantis ein spannendes Zeitgemälde entstehen. Ihre Erinnerungen sind ein Zeugnis einer untergegangen Welt, eines versunkenen Atlantis, das bisher in den Geschichtsbüchern wenig Würdigung erfuhr und gerade in unseren Breiten weitgehend unbekannt ist. Daneben sind es auch die Erinnerungen an die ihr Schutz gewährenden Menschen, die einen breiten Raum in ihren Erinnerungen einnehmen und denen sie damit eindrucksvoll Reminiszenz erweist.

Die Lebensgeschichte Valent?na Freimanes ist eng mit der Geschichte nicht nur Europas, sondern vor allem auch mit der Lettlands verknüpft und eröffnet einen vielschichtigen Blick auf diese Zeit. In der Tat ist es ja so, dass nicht nur immer weniger Zeitzeugen unter uns leben, die noch authentisch von dieser Zeit erzählen können, sondern gerade auch die damaligen Lebenswirklichkeiten im Baltikum und vor allem die der dort lebenden Juden hierzulande weitgehend unerzählt sind. Valentina Freimane schließt eine Lücke und macht nicht zuletzt dadurch Adieu Atlantis so lesenswert.

Zu Beginn ihrer Erzählungen meint man, ein osteuropäisches Pendant zu den Buddenbrooks vor Augen zu haben. Lebhaft und bildgewaltig erzählt sie vom Glanz vergangener Zeiten, von einem der klassischen Bildung verpflichteten Haushalt. Später dann ändert sich das Bild, wenn sie von der sich unerwartet schnell verändernden Lebenswelt der baltischen Juden, von ihrem lange gehegten Irrtum, durch die lettische Staatsbürgerschaft geschützt zu sein und schließlich vom Untergang einer Hochkultur erzählt. Darüber hinaus aber zeigt das Buch auch – losgelöst vom historischen Kontext – die Wichtigkeit einer Erziehung, in der Kindern Selbstvertrauen und Möglichkeiten zur freien Entfaltung gegeben wird.

Ihr Buch ist wie ein direktes Gespräch mit einem Zeitzeugen. Freimane ist nicht die größte Schriftstellerin, das gibt sie selbst unumwunden zu. Manchmal strengen ihre Erinnerungen arg an, es fehlt ein wenig an Stringenz und Struktur. Andererseits ist es gerade dies, was ihre Erzählungen so authentisch und wertvoll macht. Es ist, als höre man einer alten Dame zu, die in ihrem Sessel sitzend plaudernd vom Einen zum Nächsten kommt. Es ist wahrhaftig, auch charmant, aber es ist auch streckenweise schwer zu lesen.

Ihre Erinnerungen sind geprägt von Selbstvertrauen, dazu bemüht sie sich sichtlich, ohne Bitterkeit zurückzuschauen. Auch wenn sie aus der Perspektive des Kindes erzählt, Sachlichkeit, dem Leser die Möglichkeit eigener Urteilsfindung zu geben, ist ihr wichtig. Dabei ist ihr allerdings auch jederzeit bewußt, dass sie ihr Leben sehr privilegiert begonnen hat und ihr das auch so anerzogen wurde. Bei allem durchlebten Leid hat sie diese Attitude bis heute nicht abstreifen können. Sie weiß, dass sie kein Durchschnittsleben gelebt hat und ist stolz darauf. Ab und an kommt es dem Leser so vor, dass sie diese Besonderheit einmal zu oft und zu gerne herausstellt. Aber sei es drum. Es wurde Zeit, dass auch dieser Teil des Holocaust einmal erzählt wurde. Er ist es ebenso wie alle anderen, wesentlich besser dokumentierten Teilbereiche, wert erzählt zu werden. Freimanes Memoiren sind spät erschienen, aber sicher nicht zu spät.

Man kommt während der Lektüre nicht umhin zu denken, wie traurig es ist, dass diese Welt versunken ist. Was könnte Lettland heute für ein einzigartiges Land sein, wie sehr war es damals multikulturell geprägt! Auf ihre Art nimmt Valentina Freimanes Buch eine Art Vermittlerposition ein. Zu oft werden die Erinnungen an diese Zeit von strikter antifaschistischer Erinnungskultur auf der einen und antibolschewistischer auf der anderer Seite geprägt. Adieu Atlantis ist auch ein Aufruf für Toleranz und Demokratie auf allen Seiten. In der gegenwärtigen Zeit wiederaufkeimender Verfeindung der Ideologien, namentlich in der Debatte über die Ukraine-Krise, könnten ihre Erinnerungen, so sie denn gehört werden, eine Brücke zwischen gegensätzlichen Weltanschauungen bauen. Und schon alleine deshalb sei dem Buch seine kleinen Schwächen verziehen und das Fazit gezogen: lesenswert und aller Ehren wert.

Adieu Atlantis endet 1945. Aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Valentina Freimane es als überlebende Jüdin großbürgerlicher Herkunft nicht leicht in der Sowjetunion. Dennoch machte sie eine bemerkenswerte Karriere. Als promovierte Kunstgeschichtlerin arbeitete sie an der Lettischen Akadiemie der Wissenschaften. Ihre Verbindungen und Beziehungen ermöglichten es ihr, eine ihrer großen Leidenschaften, das Kino, mit ihren Studenten zu teilen und Filme aus den Teilen der Welt zu beschaffen, die sonst in der Sowjetunion nicht gezeigt wurden. Viele verehren sie bis heute für das von ihr so geschaffene Fenster zu einer ansonsten abgeschnittenen Welt. Bis heute lebt sie sowohl in Riga als auch immer wieder in Berlin.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift.de 


Genre: Biographien, Memoiren, Briefe
Illustrated by Wallstein Göttingen
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