Worte der Kindheit

Ist Sprache statisch oder entwickelt sie sich dynamisch? Die praktische Antwort gibt das Buch »Worte der Kindheit«, die Norbert Golluch auf 176 Druckseiten gesammelt hat.

Der 1949 im westfälischen Münster geborene Grundschullehrer und ehemalige Redakteur der Satirezeitschrift »Pardon« belegt mit seiner Sammlung, dass jede Generation ihre eigenen Ausdrücke hat, die bei vermehrtem Gebrauch in die Alltagssprache einfließen. Einige Wörter gehen im Strom der Zeit verloren, andere Wörter ändern ihre Bedeutung. Aber stets ist es wohl so, dass die Ausdrücke unserer Kinderzeit in unseren Hinterköpfen kleben bleiben und uns bei praktischem Gebrauch auch im wahrsten Wortsinn »alt aussehen« lassen.

Wer heute noch von einem »Ratzefummel« spricht, wenn er ein Radiergummi meint, der kennt auch noch die Drohung »Ich zieh dir den Hosenboden stramm«. Denn letzteres taten Väter und bis zum gesetzlichen Verbot anno 1973 auch bundesrepublikanische Schulmänner, wenn sie ihre Schutzbefohlenen über den Tisch zogen und mit dem Rohrstock »windelweich« prügelten. Es sollten keine Falten die Schlagkraft abbremsen, deshalb wurde die Hose des Malträtierten über dem Hintern mit geübtem Griff glatt gezogen.

Ältere Semester dürften unter »Wuchtbrumme« noch ein Teufelsweib verstehen, deren Rundungen Münder offen stehen ließen. Jüngere Semester bezeichnen mit dem Begriff inzwischen eher ein stärker gebautes weibliches Wesen.

»Hol mal den Brockhaus«, hieß er in Vorzeiten von Google & Co., wenn es im Familienkreis darum ging, Streitfragen zu entscheiden. Heutige Generationen rufen vielleicht nur noch »Alexa« oder »Siri«, wenn sie eine Auskunft brauchen.

»Geh aus dem Internet, ich will telefonieren« hieß es vor Jahrzehnten, als der gesamte Datenverkehr über eine einzige Telefonleitung abgewickelt wurde. Ein derartiger Hinweis würde heute wohl auf Unverständnis der Kids stoßen.

Der US-amerikanische Sprachforscher Wendell Johnson hat mal darauf hingewiesen, dass wir uns selbst viele Probleme schaffen, indem wir eine statische Sprache verwenden, um eine Wirklichkeit, die im ständigen Wandel begriffen ist, auszudrücken oder einzufangen: »Unsere Sprache ist ein unvollkommenes Instrument, das von unwissenden Menschen in grauer Vorzeit geschaffen wurde. Es ist eine animistische Sprache, die dazu einlädt, über Stabilität und Konstanten zu sprechen, über Ähnlichkeiten, Normalitäten und Arten, über magische Transformationen, schnelle Heilungen, einfache Probleme und endgültige Lösungen. Die Welt jedoch, die wir mit dieser Sprache beschreiben wollen, hat sich inzwischen sehr verändert. Sie ist jetzt bestimmt von Prozessen, Veränderungen, Unterschiedlichkeiten, Dimensionen, Funktionen, Beziehungen, Wachstum, Interaktionen, Entwicklung, Lernen, Herausforderungen und Komplexität. Und ein Teil unseres Problems ist die Tatsache, dass unsere sich ständig wandelnde Welt und unsere relativ statische Sprache ein ungleiches Paar sind.«

Norbert Golluch hat in seinem Buch bekannte und weniger bekannte Worte, Sprüche und Redewendungen aus den letzten fünf Jahrzehnten zusammengetragen. Er erläutert sie auf unterhaltsame Weise und verzichtet dabei auf jede sprachwissenschaftliche Erörterung oder schulmeisterliche Attitüde. »Worte der Kindheit« sind eine amüsante und vergnügliche Lektüre für zwischendurch.

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Genre: Sprache
Illustrated by Riva Verlag München

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