Zum 150. Todestag von Charles Baudelaire

baudelaire

Charles Baudelaire in Neuübersetzung bei dtv

Charles Baudelaire (1821-1867), der dieses Jahr am 31. August seinen 150. Todestag hatte, gehört mit seinen „Fleur du Mal“ (1857/1868) zu den herausragendsten Lyrikern der Moderne und war nicht nur einem Arthur Rimbaud, sondern auch vielen anderen Dichtern aufgrund seiner poetischen Formensprache ein großes Vorbild. Jean-Paul Sartre widmete ihm im Jahre `78, – quasi 100 Jahre nach Baudelaires Tod – einen beachtenswerten Essay, der allerdings auch viel über Sartres Existenzphilosophie verrät: „Die freie Wahl seiner selbst, die ein Mensch trifft, ist absolut identisch mit dem, was man sein Schicksal nennt.“ Ist dem wirklich so?

Ödipäische Mutterliebe

Eine in Mauritius abgebrochene Seereise nach Indien, sein Ehe mit der Mulattin Jeanne Duval und die Tatsache, dass er das Vermögen seines verstorbenen Vaters verprasste, sind einige der Stationen seines Lebensweges, die ihn unter die Vormundschaft des Notars Ancelle brachten. Natürlich trug auch sein liederlicher Lebenswandel, der Umgang mit Prostituierten und die Feindschaft zu seinem Stiefvater General J. Aupick sowie die Infizierung mit Syphilis zu seinem Leiden bei, von dem ihn einzig seine Poesie retten konnte. „Er war ein ewig Minderjähriger, ein gealterter Jüngling, und lebte in Wut und Hass, aber unter der wachsamen und beruhigenden Aufsicht anderer“, schreibt Sartre über Baudelaire. Der poète maudit habe zwar Zeit seines Lebens die Einsamkeit gesucht, die anderen aber gebraucht um seine Alterität unter Beweis zu stellen. „Dieser Einsame“, schreibt Sartre, „hatte Angst vor der Einsamkeit: nie geht er ohne Begleitung aus. Er sehnt sich nach einem Heim. Nach Familienleben“ und dennoch wollte er ein Genie sein. Genie war für ihn, die absichtlich wiedergefundene Kindheit, „und er brauchte die Anderen, um seine Alterität immer wieder aufs neue zu beweisen, denn er konnte nicht einsam sein, nicht wirklich“, so Sartre. Baudelaire habe stets „in Anbetung seiner Mutter“ gelebt und von ihm stammt auch der Satz: „Ich lebte immer in Dir. Du gehörtest mir ganz allein. Du warst Idol und Kamerad in einem.“, der aus einem Brief an seine Mutter stammt. Auch wenn er die zweite Heirat seiner Mutter nie verwinden konnte – denn wer einen Sohn wie ihn habe, brauche nie mehr zu heiraten. Die Vorwürfe an seine Mutter könnten einer Krankheit, die von Pierre Janet als Psychasthenie bezeichnet wird, verschuldet sein, denn Baudelaire sah die Welt wie durch ein Lorgnon, wie Sartre spitz bemerkt. „Unsereinem genügt es, einen Baum oder ein Haus zu sehen: in ihre Betrachtung versunken, vergessen wir uns selbst. Baudelaire ist ein Mensch, der sich nie vergisst. Er beobachtet sich beim Sehen. Er beobachtet sich, wie er sich beim Sehen beobachtet.“ Die Gegenstände selbst hätten für ihn keinen Wert, sie waren nur ein Vorwand, ein Abglanz oder eine Projektionsfläche und hatten nur die eine Aufgabe, ihm, während er sie sah, Gelegenheit zur Selbstbetrachtung zu geben, so Sartre. Zwischen den Gegenständen und ihm herrschte Transluzenz, „vergleichbar dem Zittern der heißen Luft im Sommer“.

Der existentialistische Mensch

978-3-499-14225-3

Bei Rowohlt: 1978 erschienen

Der von Sartre auch als Heautontimorumenos (=jemand, der sich selbst bestraft) bezeichnete Baudelaire wollte seiner eigenen Luzidität stets ein Schnippchen schlagen, damit ihn dies dann überhaupt zum Handeln befähige, denn die härteste und längste Strafe Baudelaires sei zweifellos die Luzidität seines Geistes gewesen, da er seinen fast krankhaften Reflexionszwang stets als Peitsche benutzt habe, so Sartre. Baudelaire sei nicht Zustand, „er ist Interferenz zweier konträrer Bewegungen, die beide zentrifugal sind und von denen die eine in die Höhe, die andere in die Tiefe strebt. (…) Er beugt sich über diese Freiheit und es schwindelt ihm vor diesem Abgrund. (…) Baudelaire: der Mensch, der sich als Abgrund empfindet.“ Baudelaire ist der Mensch, der sich sehen wollte, als sei er ein anderer. Sein Leben sei aber nichts anderes, als „die Geschichte dieses Scheiterns“. Und so wird Baudelaires Leben zum Vehikel für Sartres Existenzphilosophie: „Er begriff, dass die Freiheit unausweichlich zu absoluter Einsamkeit und letzter Verantwortung führt.“

Suizid oder die Äquivalenz des Todes

So wie Sartre Baudelaire interpretiert und analysiert bleibt er am Ende nicht nur als Künstler, sondern auch als Mensch allein. „F**,“ so Sartre, „das heißt danach streben, in einen anderen einzudringen; der Künstler hingegen geht niemals aus sich selbst heraus.“ Und in diesem Sinne interpretiert Sartre auch Baudelaires „Impotenz, Frigidität, Sterilität“: „Sogar im Coitus blieb er ein Einsamer, ein Onanist, denn im Grunde bereitete nur seine Sünde ihm Genuss“. Eine Phantomsünde, wie Sartre ergänzt, denn nichts lasse die Freiheit und Einsamkeit besser spüren. Für das Liebesspiel habe er sich sogar Handschuhe angezogen haben, schreibt Sartre. Jede seiner Handlungen sei das symbolische Äquivalent des Todes gewesen, den er sich nicht zu geben vermochte, da er ihn ja überleben müsste, um die Früchte desselben genießen zu können. „Frigidität, Impotenz, Sterilität, Mangel an Hingabe, an Hilfsbereitschaft, Sünde: lauter Äquivalente des Selbstmords. Sich bejahen bedeutet für Baudelaire ja sich als reine untätige Wesenheit setzen, also eigentlich als Gedächtnis. Und sich verneinen bedeutet: ein für allemal nichts anderes sein wollen als die unabänderliche Kette seiner Erinnerungen.“

Der Duft der Vergangenheit

Die Modulation eines seiner großen Grundthemen, der Vergangenheit, bringt Baudelaire auch zu einer aufschlussreichen Verquickung derselben mit der geistigen Potenz von Düften, wie wir gleich sehen werden. „Il est de forts parfum pour qui toute matière/Est poreuse. On dirait qu`ils pénètrent le verre.(Es gibt Düfte, so stark, dass alle Materie/Für sie porös ist. Man könnte meinen, sie durchdringen das Glas.) Wie die Schizophrenen und Melancholiker rechtfertigte Baudelaire seine Unfähigkeit zu handeln, indem er sich dem Schon-Erlebten, dem Schon-Getanen, dem Unabänderlichen zuwendete. Er habe die Wahl getroffen, so Sartre, diese bewusste Vergangenheit zu sein. Aus der Gegenwart hingegen habe er eine verkleinerte Vergangenheit gemacht, um ihre Realität besser leugnen zu können. „Wert hat allein die Vergangenheit, weil die Vergangenheit ist. Und wenn die Gegenwart manchmal einen Schein von Schönheit und Güte zeigt, so nur darum, weil sie ihn der Vergangenheit entlieh wie der Mond sein Licht der Sonne.“, schreibt Sartre. Damit verbunden sei eben auch Baudelaires Vorliebe für Düfte gewesen, denn der Duft bedauere stets, dass er vorhanden sei und dieses Bedauern atmen wir gleichsam gleichzeitig mit ihm ein: „Mainte fleur épanche à regret/son parfum doux comme un secret/Dans les solitudes profondes (Manche Blume verströmt Bedauern/Ihren Duft so süß wie ein Geheimnis,/In den tiefen Einsamkeiten)“ heißt es bei Baudelaire. Düfte seien Körper und zugleich so etwas wie die Negation des Körpers. Diese geistige Inbesitznahme habe Baudelaire auch bei den Frauen geliebt, die er eher „einatmete“ als körperlich liebte. Außerdem hätten Düfte „noch jene besondere Fähigkeit, sich rückhaltlos hinzugeben und trotzdem ein unerreichbares Jenseits zu evozieren“, so Sartre, denn Baudelaire liebte auch die Geheimnisse, „die ein ständiges Jenseitiges manifestierten“. Für seine Freunde und Verwandten sei er dadurch nicht mehr nur auf das beschränkt gewesen, was er tatsächlich war: ein Onanist. Für Baudelaire hatte nur die Vergangenheit Tiefe. Sie versehe und präge alles mit der dritten Dimension zitiert Sartre Charles de Bos’ Interpretation. „Sie ist, da sie unabänderlich ist und nichts als ein Gegenstand passiver Kontemplation. Zugleich aber ist sie abwesend, unerreichbar und wunderbar verwelkt. Sie besitzt „Geist“ und sei viel weiter fort als Indien oder China und doch sie nichts so nahe wie sie: sie ist das Sein jenseits de Seins. Und gerade Düfte würden sie evozieren: „Charme profond, magique, dont nous grise/Dans le présent le passé restauré. (Tiefer magischer Zauber durch den uns berauscht/In der Gegenwart die widerstandene Vergangenheit)“ zitiert Sartre Baudelaire’s Gedicht „Un Fantome“.

Baudelaire: Krebsgang in die Zukunft

Bereits mit 25 Jahren habe er begonnen im „Krebsgang voranzuschreiten“: er hatte einen Großteil seines Vermögens bereits vergeudet, den größten Teil seiner Gedichte geschrieben, sich das venerische Leiden zugezogen, das Verhältnis zu seinen Eltern eine endgültige Form gegeben, die Frau getroffen „die wie Blei auf jeder Stunde seines Lebens lastet“ und so sei ihm nichts anders mehr übrig geblieben, als sich selbst zu überleben, so Sartre. „Später wiederholt er sich nur noch.“ Und wenn er verzweifelt war, klammerte er sich immer an dieselben Hoffnungen. Nur im Jahre 48 sei er kurz in Aufruhr geraten, aber es sei keine ehrliches Interesse an der Revolution gewesen, sondern er wünschte sich nur, dass das Haus des General Aupick, seines Stiefvaters, in Brand gesteckt werde. „Dann versank er rasch wieder in seinen grämlichen Grübeleien über eine auf der Stelle tretende Gesellschaft“, so Sartre. Er entwickelte sich nicht. Er löste sich auf.

Ich werde sterben ohne aus meinem Leben etwas gemacht zu haben.“ Schmerz sagte er, sei Adel, Unglück die kostbarste Eigenschaft einer Seele, denn Baudelaire habe den Glücklichen verachtet, da er die Spannung verloren habe, gefallen sei, Glück unmoralisch sei. Der Schmerz half ihm, so zu tun, als sei er nicht von dieser Welt, schreibt Sartre.

Jean-Paul Sartre
Baudelaire. Ein Essay
Original 1963 Éditions Gallimard Paris
1978 Rowohlt Verlag 124 Seiten
ISBN: 978-3-499-14225-3
128 Seiten

Charles Baudelaire, Claude Pichois, Friedhelm Kemp
Die Blumen des Bösen Les Fleurs du Mal
Aus dem Französischen von Friedhelm Kemp
Vollständige zweisprachige Ausgabe
EUR 12,90 € [DE], EUR 13,30 € [A]
dtv Literatur
520 Seiten, ISBN 978-3-423-12349-5

Leben heißt frei sein – ein wehmütiges Au Revoir für Benoite Groult

zum Tode der französischen Schriftstellerin und Publizistin Benoîte Groult

Anfang der Woche ist sie gegangen. Aus diesem Leben, das sie so sehr liebte. Die französische Journalistin, Autorin und Frauenrechtlerin Benoite Groult. Gesegnete 96 Jahre ist sie geworden, agil, interessiert und stimmgewaltig bis zum Schluß. In Frankreich hatte ihre Stimme großes Gewicht, ihre Sicht der Dinge war auch als ausgleichendes Moment gefragt. In Deutschland war sie weniger für ihren Kampf um die Rechte der Frauen gefragt, sondern hauptsächlich für ihren großen Roman „Salz auf unserer Haut“. Benoite Groult war eine der frühesten Verfechterinnen des modernen Feminismus. Sie stand aber nicht für den freudlosen, verbissenen Feminismus, für den die ein oder andere deutsche Frauenrechtlerin gerade auch der jüngeren Generation bekannt ist und die damit gerade auch jüngere Frauen eher abschreckt. Benoite Groult war die Vertreterin eines – ich nenne es in Ermangelung eines besseren Einfalls einfach mal so – französischen Feminismus, eines lebensbejahenden, sinnlichen Feminismus. Vielleicht hat sie deswegen auch die Bezeichnung Feministin gar nicht so gerne gehört, was sie wollte, war Gleichberechtigung. Und zwar für ausnahmslos alle.

BenoiteGroult

Neben ihren vielfachen Anliegen, die sie nie kompromisslos, aber immer entschieden vertrat, war sie aber vor allem auch eins: Eine begnadete Schriftstellerin und hingebungsvolle Erzählerin mit einem großen Talent für pointierte Charakterzeichnung und exakte Milieu-Genauigkeit. Dabei zauberte sie mit wenigen Worten eine Atmosphäre, in die der Leser sofort eintauchen, um mit ihr den nicht immer einfachen Wegen ihrer Charaktere zu folgen. Charaktere, die Groult mit all ihren Fehlern liebte und über die sie nie richtete. Vor ihrem größten Erfolg „Salz auf unserer Haut“ schrieb sie mit Ausnahme des stark autobiographischen Romans „Leben will ich“ hauptsächlich Essays und mit ihren Anliegen befasste Publikationen.

Salz auf unserer Haut“ erzählt die Geschichte einer lebenslangen Liebe zwischen einem bretonischen Fischer und einer Pariser Intellektuellen. Beide sind verheiratet, ganz traditionell ihren Milieus entsprechend, aber beide leben ihre Affäre ein Leben lang. Groults Heldin George (benannt nach George Sand) nahm sich das Beste aus allen Welten, zu einer Zeit, als Selbstverwirklichung noch kein eigenständiges Gut war. Die Affäre wird zu keiner Zeit dramatisch, aber zu jeder Zeit bittersüß. „Salz auf unserer Haut“ ist eines der ersten Bücher, über die ich lange nachgedacht habe und eines der ganz wenigen, die ein Leben lang nachwirken, die man mehrmals liest und die man nie wieder vergisst. Und da kaum etwas öfter mißlingt, an dieser Stelle auch einmal ein ganz besonderes Kompliment: Benoite Groult konnte Erotik. Subtile, intelligente, aber auch leidenschaftliche erregende Erotik. Selten genug !

Nach diesem Coup de foudre folgten „Leben heißt frei sein“ und „Salz des Lebens“ – (wobei die sich wiederholende Verwendung der Wörter Salz und Leben so nur im Deutschen erfolgte. Aus welchen Gründen auch immer. Gut gemeinter, schlecht gemachter Marketing-Gag vermutlich) Beide Romane sind bei weitem nicht so bekannt wie „Salz auf unserer Haut“, aber jede Lektüre wert. Wem Benoite Groult bisher unbekannt war, dem seien ihre Werke sehr ans Herz gelegt, in erster Linie natürlich „Salz auf unserer Haut“. Nicht nur ich empfinde dieses Buch als eines der wichtigesten des letzten Jahrhunderts. Aber schließt Eure Bildungslücke nicht mit dem Film zum Buch. Der Film ist zwar nicht wirklich schlecht, wird der Romanvorlage aber nicht gerecht. Vor allem, weil er es an keiner Stelle schafft, die durchgehende konsequente bittersüße Atmosphäre des Buchs zu übertragen.

Mehr über mich, mehr von Belang

Zum Tod von Gabriel Garcia Marquez

„Wir müssen lernen, stark zu werden, ohne die Zärtlichkeit zu verlieren“. Diesen Aufruf von Che Guevara zitierte Gabriel Garcia Marquez – GABO, wie ihn seine Landsleute liebe- und respektvoll nannten – im Vorwort meiner Ausgabe von Hundert Jahre Einsamkeit.

Hundert Jahre Einsamkeit – Cien Anos de Soledad. Das wichtigste Buch meines Lebens. Das Buch, welches seit Jahrzehnten immer griffbereit neben meinem Bett liegt. Das Buch, welches ich unzählige Male gelesen habe, nicht immer chronologisch, manchmal auch nur in Auszügen. Immer, wenn ich einen Rat brauche, einen Fingerzeig, greife ich zu diesem Buch. Lasse mir von Ursula eine ihrer Geschichten erzählen, folge Amarantha in ihren Träumen, ziehe mit den diversen Aurelios, Aurelianos und dem Rest der Familie Buendia in ihre unzähligen Schlachten, verliere nie meine Würde, wenn auch sonst schon alles und auch wenn ich keine hundert Jahre alt werde, einsam werde ich nie sein. Denn auch wenn mich keiner sonst begleiten sollte, die Bücher, die Worte und ganz besonders die von Gabriel Garcia Marquez werden mich immer begleiten.

Er ist alt geworden, 87 Jahre alt. Seine letzten Jahre waren nicht gesegnet, möge er nun über den Regenbogen gegangen, sein eigenes Macondo wiederfinden. Für alles, was seine Bücher mir bedeutet haben, an dieser Stelle ein trauriges, aber nicht mutloses Danke dafür und für so vieles mehr.