Ausgewählte Texte

Seltsam. Der Titel dieses mit reifen Erdbeeren bedruckten Buches besteht aus lediglich zwei Zeilen mit insgesamt zwölf Punkten. Und ebenso ungewöhnlich wie der geheimnisvolle Titel ist auch der Inhalt dieser Sammlung.

Mit den zur Veröffentlichung ausgewählten Texten in Lyrik und Prosa wird die Wiederentdeckung mit einem nahezu vergessenen Autor ermöglicht, dem eine Renaissance zu wünschen wäre:

Underground-Autor Richard Brautigan.

 

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Genre: Kurzprosa, Lyrik, Underground
Illustrated by Hoffmann und Campe

Teba – Arche oder Wort

Rudolf Krieger entwickelte eine neue Lyriksprache. Das ist bemerkenswert. Dass er sich zur Kommunikation eines individuelles Zeichen-Systems – bzw. Symbolsystems bedient, verweist dabei keineswegs auf die Gepflogenheiten der Moderne, die eigene Originalität und Kreativität in den Mittelpunkt zu stellen. Sondern vielmehr auf die Notwendigkeit, auf den Bedeutungs- und Sinnverlust in Folge der Zerstörung der klassischen verbindlichen Symbolsprachen (welche ja schon Josef Beuys beklagte), neue verbindliche Symbole und eine gültige Metaphernsprache zu finden. Die Schwierigkeit liegt natürlich in der Forderung nach Allgemeingültigkeit solch individuell kreierter Sprachen: In der Lyrik jedenfalls ist das Verständnis ohnehin nicht mit der kühlen Rationalität zu finden. Worte, Metaphern, Sprachbilder berühren den Leser – sagen einem etwas – oder eben nicht. Eine Absolut-Setzung der Symbole/Zeichen ist in der Dichtkunst nicht notwendig – wäre letztlich ja gar ein Rückschritt vor die Moderne, die vor Verabsolutierungen der einzelnen -ismen und Überbietungsorgien nur so strotzt. Verbindlichkeit ist eindeutig gegeben, weil Krieger auf eine leibhaftige Sprache setzt (statt auf das Zerreißen der Syntax und die Sinnzertrümmerung der modernen/postmodernen Sprachzerstörer). Inspiriert von Natur, Bewegung, Philosophie und Mystik (hebräischer Provenienz, tibetanisches Totenbuch und I-Ging) ist er imstande, Räume des Ewigen und Plätze der Offenbarungen miteinander zu verbinden. Dieser Offenbarungsplatz ist für ihn das Wort. Die Straßen von den Plätzen weg in das Leben hinein sind seine Sätze, in denen er eine transrationale – eine den reinen Intellekt und erst recht die Naturwissenschaften übersteigende – Wirklichkeit kündet.
Krieger ist tief vom Symbolwillen durchdrungen. Wasser ist Leben. In dem manch papierener Fisch schwimmt. Genaues erfahren wir ja in Kriegers Symbolerklärungen. Plattrationales Verstehen zu suchen, erschwert das Eintauchen in seine Sprache – man würde nur auf den Wellen hin- und hergeworfen werden. Am besten läse man wohl nicht mit den profanen Augen, sondern mit dem weit geöffneten dritten. Dann offenbart sich die Sinnschönheit Kriegers Sprache. Erkennt man, dass seine Elegien weniger Klage, als leises Rufen sind, auf dass er die Antwort des Windes, der Sterne, des Erdbodens, eines Tisches nicht überhört. Wenn wir selbst stille werden, um in diesem Rufen das allgemein Wesenhafte zu erlauschen, dann mögen wir ebenfalls in der Lage sein, die Antworten des Ewigen, sowie der Steine und der Lampen in uns zu vernehmen. Wir sollten sachte lesen, nicht mit den gewohnten eingeschalteten Verstandesscheinwerfern, die nur in Autobahnsackgassen zügig führen. Dann glimmt ein Schein auf, der uns Pfade ins Innere der Zeit weist. Zurück zu unserem edelsten Wesen. Zur Seele.
Oder: Das Schwarz des unendlichen, lebendigen, glitzernden Nichts – von Rudolf Krieger massiv und feurig komprimiert – funkelt als Diamanten auf.


Genre: Lyrik
Illustrated by edition sonne und mond

Mit einem Becher Süßholzlikör

„Irgendwo ein Haus aus Lehm/den ich aus Träumen hob“ …

Die Schönheit der Bildsprache Jonathan Perrys steht quer zur gewohnten Gegenwartslyrik, die vor Hässlichkeit, Nonsens, Negativschmalz und Verfallshysterie nur so dahin trieft.

Auch Perrys Gedichte kreisen um Vergänglichkeit, den Wandel, aber finden leichten Halt in ihm. Im Wechsel der Jahreszeiten (Perry ist leidenschaftlicher Rezipient japanischer Poesie), im zyklischen Denken, besser: Fühlen. Wie zartes, erstes Grün sprießen zwischen dem Humus des Laubs und des Verfalls seine Worte aus dem Mutterboden. Aus der Erde. Deren ausgewiesener Sohn er ist. Wie er Freund der Flüsse ist (seinen nächsten nennt er respektvoll „Steineschlichter“), und Liebhaber der Wiesen. So zart lesen sich seine Gedichte: als streifte einen der Flügelschlag eines Schmetterlings. Doch zugleich ahnt man den Berg, die Almwiese, von welcher dieser aufstob.

Er ist „verschwistert mit den Wasserwesen, Algen“ (wie er in einem „Pappelblatt“ schrieb), schöpft aus der Natur sein feines Repertoire, ohne Angst als unintellektuell zu gelten, weil er nicht im fühllosen Trott der Zeit mithechelt. Mond und Sonne scheinen auf den leisen, verschlungenen Pfaden, auf denen seine Sprache mäandert. Einer Sprache, welche der modernen Angekränkeltheit und Dekadenz wohltuend entbehrt.

der Bachstelze gleich/über den Fluss/schwingt sich mein Blick/ans Ufer/wie sie/ beginnt/vor Freude zu wippen –/wie ich!“

Jonathan Perry: „Mit einem Becher Süßholzlikör“; edition sonne und mond, 2019; Paperback, 88 Seiten; ISBN: 978-3-950344-8-8


Genre: Lyrik
Illustrated by edition sonne und mond

Sympathie für Faune

Ulli B. Laimers Gedichte berühren eine magische Welt. Nicht, dass wahre Lyrik dies nicht generell vermag, der herrschende Zeitgeist lässt solch kleine Wunder allerdings eher zufällig zu – meist übersieht die modernistische Zensur eher die geistige Welt, an der „magische“ Gedichte nippen, als sie zu vermissen.
Laimer kümmert das Spiritualitätstabu der modernen Literatur nicht: Sie formuliert, was sie denkt. Sie fasst in Worte, was sie spürt. Sie bekennt sich ausdrücklich zum „Diskurs mit einer beseelten Welt“.

Alles was existiert, lebt. Alles in der Welt ist beseelt. Diese Weisheit teilt sie mit den indianischen Ureinwohnern (und allen archaischen Nationen: von der Steppe Zentralasiens, bis in die Tundra, nach Lappland und Kanada; von den Plains zu den Indios Lateinamerikas, bis nach Australien und in die Voodookultur) ebenso wie mit den Ahnen des indoeuropäischen Kulturkreises. Sie schätzt speziell die keltische vormoderne Literatur, und hegt unzweifelhaft keine ästhetizistische, sondern eine aus dem Herzen aller Zeiten, aus Mutter Erdes Schoß geborene Sympathie für Faune.

Sie schreibt von der kreisrunden Zeit, besitzt einen zyklischen Zeitbegriff, wie ihn Rudolf Kaiser in „Gott schläft im Stein“, erläuterte. Die Zeit ist rund, alles kehrt wieder, kreisend um eine leere Mitte: Das Symbol der Nabe, die den Urgrund repräsentiert. Wir finden es in den Upanischaden ebenso wie im Tao Te King des Religionsstifters Lao Tse. Auch in Laimers Gedicht „Rad“ wird der Rhythmus der Rundheit beschworen.

Zu allen Zeiten und in der gesamten Welt war sich die Menschheit ganzheitlicher Weisheiten bewusst. Seit 2oo, 25o Jahren vielleicht glaubt eine intellektualistische Elite an den linearen Verlauf der Dinge. Und rennt wie verrückt in ihrem selbstgebauten Hamsterrad im Kreis. Die Literatur zappelt mit, an vorderster Front, weil sie sich mitsamt den Wissenschaften ab der Aufklärung anmaßte, die richtige Welt – die der Ratio und des sachlichen Verstands – zu beschreiben. Und weil sie heute den Anschluss an die Ressourcenvergabe nicht verlieren will.

Einen wohltuenden Pfad aus dem Käfig, der Kälte und der zynischen Finsternis weisen uns Ulli B. Laimers Gedichte. Oft sind sie ganz einfach schön. Wie: „Ich möchte wieder ein Baum sein“. Oder: „In mir, nächtens“, das zudem auf eindrucksvolle Weise die im aufgeklärten Äon verdrängten, nicht-benannten Wesen der Nacht besingt. In einer berauschend dunklen Tiefe, die an die „Nacht“ Novalis gemahnt.

Im Gedicht „Flut“ vereinigen sich Schönheit und ewige Weisheit auf mythische Weise:

Wenn/das Licht/schwächer wird/kehrt das Meer/in mir/zurück//Knie über/ Knöchel/stirngetaucht/Brandung mein Atem/lebendig/bis/zum/Horizont

In den Raum jenseits des Reichs der kahlen Vernunft entführt uns Laimers Lyrik. Selbst wenn manches schattig, fraglich und fragil erscheint, weiden ihre Verse uns auf Oasen sprießend saftigen Lebens, voll all der Schattierungen von Grün. Einhörner, Drachen, Waldgeister, Wölfe, Mond und Sonne, eine mütterliche Erde bevölkern ihre Gedichtlandschaften – von dort winken sie uns, auf dass wir über die zitternde Hängebrücke eilen, in der Anderswelt zumindest mit unserer Seele zu leben, Seite an Seite mit der glückvollen Phantasie.

Bestellbar im Buchhandel über ISBN 978-3-9503442-5-7


Genre: Lyrik
Illustrated by edition sonne und mond

Meine Sehnsucht wandert mit dem Sand

Die Gedichte Lieselotte Stieglers sind tatsächlich in dem Sinn Ge“dichte“, dass sie zu allermeist sehr knapp angelegt wurden. Auf überflüssiges ist verzichtet, dennoch nicht die Lyrik geschmäht, weil Stieglers Metaphern schön sind, das Spiel mit den Worten gekonnt und ihre Dichtkunst ausgereift ist. Wir sehen vor uns einzelne kleine Meisterwerke, wie Blüten auf einer Wiese: violette, gelbe, ziegelrote, doch ihre kurzen Gedichte hängen irgendwie auch alle zusammen. In „Andalusien“ etwa wachsen Dornen und Jasmin auf Ziegeldächern, das nächste Gedicht heißt: Dornen. Zuvor bereits besingt sie Lorca, erklingen die Jondos in Granada. Also bilden die einzelnen Blüten im exquisitesten Sinn eine Blumenwiese, an deren Ende zum Stadtrand hin sie jedoch vertrocknet und dürr daliegt – die politischen Gedichte gegen Schluss des Bandes.

Keinesfalls möchte ich von der Sammlung der Blüten in diesem Band sprechen. Denn Stiegler schreibt: „Pflücke nicht die Blume, die aus den Wolken wächst.“ Und warnt davor, uns die Worte untertan zu machen, um die damit umrissene Welt durch unsere Ratio zu fesseln. Sie selbst streift diese Fesseln immer wieder ab, schält sich aus den zu engen Wörtern heraus, speziell die der bannenden Liebesbeziehungen. Dann solche, die einen zu engen kneifenden Heimatbegriff beschreiben.

Poetisches, persönliches und politisches fließen im Gedichtband fast übergangslos ineinander: eine weitere Stärke des Büchleins. Flucht ist keine leichte Entscheidung. Eine tödliche Heimat für eine gemeine zu tauschen kein Honiglecken. Stieglers Empathie ist klug: sie fragt, wie sehr wir als Individualisten denn selbst wünschen „integriert“ zu sein.

Auf gewisse Weise haben wir ein einziges langes Gedicht vorliegen, dessen Pfad zwischen Sandelholz und Mandelbaum bis auf die Schutthalden der Gegenwart führt. Doch sie trauert nicht, beklagt nicht jammernd modernistisch die Existenz sondern hält Jubel und Kritik in ausgeglichener Schwebe, sodass wir von gekonnter ganzheitlicher Literatur sprechen können. Zumal die Gedichte verwurzelt bleiben, an der Erde haftend, wenn auch zum Himmel, in die Ewigkeit weisend. Abgehoben aber kommen sie beileibe nicht daher. Eher in einer wohltuenden Harmonie: vielleicht nicht wie ausgerissene Blumen, aber getrocknete Samen und Früchte und Blütenblätter, die nach Lavendel, Sandelholz und Orangenblüten duften.

Als Nachtrag möchte ich kurz auf das außergewöhnliche Cover von Sonja Henisch eingehen, das eine Seherin zeigt. Ein Bild, das die Attribute weiblicher Rundheit und Weisheit trägt, aber nicht barsch sexuell zu deuten ist. Die Figur ist unrealistisch gemalt, der Arm speziell kein menschlicher: eben weil es „die Seherin“ ist, die weist… die Scham ist nicht aus modemodernen Gründen rasiert, sondern verweist auf das Ungeschlechtliche wenngleich nicht Asexuelle – übersexuell wäre wohl das richtige Wort: Arm sowie die breiten Schultern spiegeln den männlichen Anteil wider, Becken, Rundungen, das lange Haar den weiblichen, die Gesichtslosigkeit entwürdigt nicht das Weib, sondern steht für das Überindividuelle. Die Chakra-Farben stellen die Figur ins richtige Licht. Die Nacktheit der Figur generell ist das Indiz unserer Nacktheit/Bloßheit vor dem Göttlichen/der Göttlichen Mutter. Sie hat nichts mit dem neoliberalen Entblößungsgeschäft des Kaufwertreizes gemein. Der Betrachter möge seine Augen schulen, bzw. öffnen, um nicht allein seine Vorurteile zu erblicken, sondern sich zu erweitern. Wie gesagt, ein spezielles Bild, das in die Zukunft weist, und die Gedichte Lieselotte Stieglers herrlich interpretiert.

Lieselotte Stiegler: „Meine Sehnsucht wandert mit dem Sand“, edition sonne und mond, 2o17, brosch, 7o S, ISBN: 978-3-9503442-3-3; 9.- € erhältlich unter bestellungen@sonneundmond.at


Genre: Gedichte, Lyrik
Illustrated by edition sonne und mond

Irgendwas ist immer

Tucholsky: Humor mit fünf Sinnen

Tucho2„Besser ein Anzug nach Maß als eine Gesinnung von der Stange“, schreibt der Mann, der Zeit seines Lebens wohl nie in einen Anzug gepasst hätte: Kurt Tucholsky. Den einen war er zu links, den anderen zu konservativ und doch hat „Tucho“ – ein Pseudonym mit dem er gerne seine Briefe unterschrieb – sie alle zum Lachen gebracht. Der „kleine Berliner, der mit seiner Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten wollte“ (Erich Kästner) war nicht nur ein begnadeter Feuilletonist, sondern auch Schriftsteller und Kabarettist. Niemals analysierte er die Welt als Parteigänger einer bestimmten politischen Richtung, sondern immer als Mensch und zwar als Mensch mit „allen fünf Sinnen“, wie auch der Herausgeber, Günter Stolzenberger, im Nachwort betont. Seine Lyrik ist zutiefst humanistisch, denn seine Themen greifen aus dem Alltagsleben und egal ob er über politische Schandtaten oder defekte Wasserhähne schreibe, immer habe er es mit dem Augenmaß der einfachen Menschen getan, die ihn auch verstanden und sogar seine Chanson und Lieder sangen.

Animation zum Denken

Das Leben und Leiden der einfachen Menschen sei stets im Fokus seines Engagements gestanden und durch stilistische Meisterschaft habe er es mittels seines federleichten Humors auch erträglicher gemacht, wer in seinem Werke wühle, so Stolzenberger, der gehe in den Wald in einem guten Pilzjahr: „Man hat nicht nur die Freude des Findens sondern kehrt auch noch mit vollem Korb zurück.“ Und so hat sich zu dem einen Büchlein, das sich seinen Lebensweisheiten widmet, auch gleich ein zweites gesellt, das mehr seine Lieder, Chansons und Schmonzetten beinhaltet. Zwischen 1907 und 1932 hat Kurt Tucholsky unter den unterschiedlichsten Pseudonymen insgesamt 2500 Artikel, Feuilletons und Reiseberichte, 800 Gedichte, Stellungnahmen zum Zeitgeschehen, zwei Liebesromane und ein Reisebuch veröffentlicht. Da ihm Bücher „zu langsam“ waren bevorzugte er es zeit seines Lebens Woche für Woche eine ganze Reihe Zeitungen und Zeitzschriften mit seinen Texten zu bombardieren, darunter Die Weltbühne, Vorwärts, das Berliner Tageblatt und viele andere mehr. Theobald Tiger – so eines seiner Pseudonyme – habe die Massenkultur mit ihren eigenen Mitteln bekämpft, denn er nutzte die Form der Unterhaltung, „um es klammheimlich oder offen zum Denken zu animieren“, so der Herausgeber.

Tucho1

Tucholskys gestossne Seufzer

Peter Panter – auch das ein Pseudonym – blieb auch als Dichter Journalist, denn zu genau und treffend sind seine Beschreibungen und Analysen des alltäglichen Lebens in der Weimarer Republik. Der als Schüler ausgerechnet in Deutsch sitzen gebliebene legte sein Abitur ab, um wenig später ein juristisches Studium in Bestzeit abzuschließen. Seine ersten Texte werden ausgerechnet von einer Zeitschrift namens „Ulk“ veröffentlicht, aber auch Pan, März und Simplicissimus drucken seine Glossen und Gedichte. Als Ignaz Wrobel oder Kaspar Hauser schreibt er Satire und wird nach Ableisten seines Militärdienstes auch bald politisiert, denn schließlich erlebte er auch den Ersten Weltkrieg und kannte die Verheerungen die der Krieg in einem Land und seiner Bevölkerung hinterlässt. Sein kurzes Tete a Tete mit der USPD und deren Zeitung Freiheit mögen ihm manche Demokraten übel nehmen, aber Tucholsky blieb doch stets Kabarettist. 1924 wird er sogar Korrespondent in Paris und pendelt zwischen den beiden Hauptstädten in denen er jeweils eine Geliebte und eine Ehefrau hat. „Golf“, schreibt Tucholsky an einer Stelle, „ist ein verdorbener Spaziergang“, aber man könne einen Hintern schminken, wie man wolle, es werde nie ein ordentliches Gesicht daraus. „Mensch, wenn du so lang wärst wie de dumm bist, könntste aus der Dachrinne saufen“. Diese und weitere Lebensweisheiten können sie in den beiden Sammlungen von Günter Stolzenberger „Dürfen darf man alles“ und „Irgendwas ist immer“, erschienen als Hardcover-Taschenbuch bei dtv nachlesen. Und zu guter letzt noch ein „gestossner Seufzer“ aus dem Tucholsky-Gedicht „Ein gestossner Seufzer“, das sich wunderbar als Motto für einen langen Ausgehabend eignet: „Trink aus der Nachbarin Champagnerglas!/Bleib schuldig Miete, Liebe, Arzt und Glas!/Bezahl den Apfel – friß die Ananas!/Wer also handelt bringts zu was.“

Günter Stolzenberger (Hrsg.)
Kurt Tucholsky
Dürfen darf man alles. Lebensweisheiten
EUR 9,90 € [DE], EUR 10,20 € [A]
dtv Literatur
Herausgegeben von Günter Stolzenberger
176 Seiten, ISBN 978-3-423-14011-9

Günter Stolzenberger (Hrsg.)
Kurt Tucholsky
Irgendwas ist immer. Lebensweisheiten
EUR 12,00 € [DE], EUR 12,40 € [A]
dtv Literatur
Originalausgabe, 208 Seiten, ISBN 978-3-423-28119-5
7. April 2017

 


Genre: Aphorismen, Lyrik
Illustrated by dtv München

Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke

kaestner-1Risiken und Nebenwirkungen unbekannt

Beim Stichwort Erich Kästner dürften vielen Lesern als erstes die Kinderbücher dieses vielseitigen Schriftstellers einfallen, er war aber auch als Drehbuchautor, Publizist, Rezensent und Verfasser humorvoller Gedichte erfolgreich und benutzte dabei nicht selten auch verschiedene Pseudonyme. Als kritischer Geist, mit sozialdemokratisch engagiertem Vater, war er politisch ein scharfer Beobachter, lehnte die restaurativen Tendenzen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ab, wandte sich als Antimilitarist insbesondere gegen die deutsche Wiederbewaffnung und den Vietnamkrieg. Neben Hörfunk und Kabarett machten ihn seine kritischen Reden, Aufsätze, Reportagen, Glossen, Kabarett-Nummern, Lieder und Hörspiele, aber auch seine Gedichte schon früh sehr bekannt. Seine berühmteste Gedichtsammlung unter dem Titel «Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke» musste er im Jahre 1936, nach der Machtübernahme durch die ihn ablehnenden Nazis, zunächst in der Schweiz erscheinen lassen.

Kästner wird als ein typischer Vertreter der «Verlorenen Generation» in der Weimarer Republik der «Neuen Sachlichkeit» zugerechnet, jener in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen aufkommenden Tendenz zu einer resignativ sachlichen, ernüchterten, illusionslosen Literatur. Seine Gedichte zählen nach einem von Bertolt Brecht geprägten Begriff zur «Gebrauchslyrik», er ist wie dieser und neben Kurt Tucholsky einer ihrer wichtigsten Vertreter. Kennzeichnend für deren Stil ist die Zweckbestimmtheit des Textes, der Leser soll durch die Lektüre auf Probleme, Widersprüche, Missstände direkt hingewiesen werden und sofort seinen Nutzen daraus ziehen. Dabei steht also stets die leichte Verständlichkeit im Vordergrund, alle Gedichte sind dementsprechend sprachlich einfach formuliert und ohne komplizierte Versformen aufgebaut, sie sollen ihre Wirkung sofort, unmittelbar entfalten.

In der vorliegenden Anthologie, die im Gegensatz zu vorhergehenden Gedichtbänden von Kästner völlig unpolitisch ist, hat der Autor im Vorwort angemerkt: «Es war seit jeher mein Bestreben, seelisch verwendbare Strophen zu schreiben». Er definiert folglich seine Sammlung als »Ein Nachschlagewerk, das der Behandlung des durchschnittlichen Innenlebens gewidmet ist». Und erläutert: «Die Formulierung, die Verallgemeinerung, die Antithese, die Parodie und die übrigen Variationen der Maßstäbe und der Empfindungsgrade, alles das sind bewährte Heilmethoden». Er stellt den Gedichten eine Gebrauchsanweisung voraus, in der er für 36 verschiedene mentale Wehwehchen die jeweils hilfreichen der insgesamt 119 Gedichte als lindernde Medizin verschreibt. In dieser literarischen Apotheke findet man also für jede seelische Beschwerde die darauf abgestimmte Therapie, schon Marcel Reich-Ranicki hatte im Warschauer Getto darin Trost gefunden, berichtet er in seiner lesenswerten Autobiografie.

Lyrik, sei hier gestanden, lasse ich als Leser strikt außen vor bei meinen Streifzügen durch die belletristische Literatur, – Gereimtes à la Kästner allerdings bildet da die Ausnahme. Kein Prosawerk kann so kurz und bündig, so ironisch auf den Punkt gebracht, Zeitkritik üben, menschliche Marotten entlarven, skurrile Situationen aufzeigen, den Alltag demaskieren. Buchstäblich jedes von Kästners Gedichten gäbe Stoff her für einen veritablen Roman, nichts Alltägliches ist seinem wachen Geiste fremd. Seine Reime sind allerdings nicht immer überzeugend gelungen, es ist kein eleganter Stil, den er da schreibt, verglichen mit anderen Lyrikern seiner Zeit. Gleichwohl, mal lustig, albern sogar, mal traurig, immer bissig, bitterböse zuweilen, zeigt uns Kästner als Moralist unsere Welt augenzwinkernd aus kritischer Distanz. Und das mit einem selten anzutreffenden Wortwitz, der das Lesen dieses humorvollen Ratgebers zum puren Vergnügen werden lässt. Zu Risiken und Nebenwirkungen befragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker, – oder ihren Buchhändler!

Fazit: lesenswert

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Lyrik
Illustrated by dtv München

Safa – Ufer oder Sprache

Regen, Gärten, Nacht, Leere, Vergessen, Schönheit: Begriffe um die die Gedichte Rudolf Kriegers kreisen. Bereits aus der Themenwahl lässt sich folgern, dass Krieger keine zeitgemäße Lyrik verfasst. Daher ist auch nachzuvollziehen, warum diverse Literaturbeiräte, die sich aus Universitätsprofessoren und anderen Beamten des Zeitgeists zusammensetzen, vermeinen den Druck seiner Lyrik nicht fördern zu sollen. Was sie wie üblich übersehen ist, dass Krieger seiner Zeit voraus ist – aber nicht im modernistischen ewig auf Neuerungen schneidig gerichteten Sinn, sondern im ganzheitlichen – in einem in Zyklen schwingenden – Geist, der kurzsichtige Betrachter glauben lässt, sie würden mit Althergebrachtem gelangweilt. Sie begreifen (noch) nicht, dass solch Lyrik exakt die Gegenwart erfasst einer Sehnsucht nach dem Bleibenden, nach den Wurzeln, dem Licht und der Nacht, in der jenseits des gleißenden Scheinwerferlichts der Neuzeit Ewiggültiges sich birgt, heranreift, in zeitgültigen Formen offenbart.
Kriegers Gedichte mäandern bzw. kreisen um die oben erwähnten Begriffe; unberechenbar aber konstant kehren seine Worte zurück zum Ausgangsort; erweisen dadurch dem zyklischen, dem weiblichen Sein der Welt Respekt; das Einbergende, das Runde, das Wiederkehrende und Ewige wird gefeiert. Der Versuch des promovierten Holzbildhauers (der herrliche Arbeiten mit Eis und Feuer schuf) funktioniert: er haucht den Begriffen Leben ein. Der Bildhauer vermag keinen Baum zu bauen; selbst der Begabteste schafft dies nicht. Aber als Dichter gelingt es Krieger seine Worte wie Blätter an den Stamm der Begriffe zu pfropfen; so erschreibt er Wirklichkeit, Dasein, Schönheit. Veredelt als Schriftsteller sein bildhauerisches Werk.
Das zyklische Kreisen der Wörter um die Ausgangsbegriffe bedeutet solchen Linearitäts-Fetischisten natürlich wenig, die Alleen hinaus in das Nichts anlegen, parallel zu den Boulevards des Zeitgeists, der in Sinnlosigkeit, Nihilismus, Destruktion sich verflüchtigt. Die Abläufe der Natur, das Weiche, die Rundheit, der Mond, die Nacht erschrecken die Fortschrittsgläubigen zutiefst. Ihr Fortschritt führt ja fort von allem was lebt, gedeiht, reift, pulst und quillt. Diese „männliche“ Angst vorm Leben, vor dem Nicht-Herstellbaren, Nicht-wissenschaftlich-und-technisch-Herbeiführbarem, Nicht-Kontrollierbarem spiegelt sich kalt in einer seit dem Beginnen der Moderne (mit James Joyce, Gottfried Benn, Friedrich Nietzsche) mathematisierten und entmoralisierten Literatur. Die Vorstellung der Unendlichkeit als Funktion der Linearität schafft Destruktion, Narzissmus, Ich-Vergottung: Die Wörter der Modernismus-Apologeten toben eisig ins Vakuum der Nichtwiederholbarkeit, des Vergehens ohne Wiederkehr, des kalten, leeren Todes hinaus. Kriegers Sätze jedoch kehren um, zurück, ja – kommen uns entgegen. Und bringen den Regen mit, Gärten, Vögel, auch Angst und Irritation; verweigern sich aber nie dem Leben, verdorren nicht in den Dornenbüschen der Verdrängungsliteraten, aufgespießt wie funkelnde Käfer. Sie spreizen die Flügel, manche flattern los, andere bleiben auf den Blüten sitzen – wandeln sich und sind doch die gleichen. Entfaltung, Leben, Wachstum in der Bestimmung, dem eingeschriebenen Leben ist ihr Sinn und Ziel. Das I Ging inspiriert Krieger, mystische Schriften christlicher und jüdischer Meister. Seine Gedichte beweisen im schönsten Sinn des Wortes ebensolche numinose Qualität. Sie Umkreisen das lebendig Sichtbare, um das Unsichtbare, das dahinter wirkt und west, erkenntlich zu machen. Wie Weihrauch vor dem Tempel beglaubigen sie die Wirkung des Luftzuges, des Windes, der als göttlicher Atem seine Arbeit beeinflusst bzw. beeinwindet
Und Schönheit manifestiert: „ich würde meine Zehen ausbreiten / über diese Landschaft / als nicht enden wollende Spitzen der Zehen / auf denen ich gerade fliege / ich würde die Gespräche mit den Blumen vertiefen / und in ihre Augen tauchen / bis die Schönheit, die Verbundenheit aus mir quillt / ich würde die Bäume fragen / ob sie meine Lehrer sein wollen / und ob sie mir das Schweigen beibringen können / damit kein Mensch aus mir spricht…“, heißt es im Gedicht „wenn ich noch einmal leben könnte“.
Solch mystische, wurzeltief lebendige Literatur tut unserer entleerten, entseelten Zeit bitter not.
Manfred Stangl
Rudolf Krieger: „Safa – Ufer oder Sprache“, edition sonne und mond, Wien, 2o17, 12o Seiten, Hardcover, ISBN: 978-3-95o3442-2-6


Genre: Lyrik
Illustrated by edition sonne und mond

Das Lächeln der Sterne

Was haben wir der Welt angetan, fragt die Autorin in einem ihrer Gedichte, „die reine Vernunft sie hat alles beschmutzt“, „der Diener hat sich selbst an die Spitze gestellt“, „es ist unglaublich – aber kehrten wir um die Erde würde uns noch immer alles vergeben“.
Wie gut Spiritualität, Politik und Poesie zusammenpassen – ja zusammengehören –zeigt dieser Gedichtband eindrücklich. Allen Unkenrufen moderner Ideologen zum Trotz. Denn Fischers Lyrik ist hoch politisch, im schönsten Sinn der Bedeutung: sie kritisiert Umweltzerstörung und die inhumane Vorgangsweise gegenüber Flüchtlingen ebenso, wie sie vor der Gefahr der Entfremdung von unseren Wurzeln warnt. In ihrem berührenden Gedicht an das Meer („Stern aller Sterne“), das wie die Flut an den Strand gischt, unser Gewissen wachrüttelt, unsere Versteinertheit aushöhlt, beweist sie anschaulich, wie gut sich Poesie und ganzheitliches Weltbild vertragen. Poesie und Sinnlichkeit finden desgleichen ein Emulgat in diesem Band, und wie schön Romantik in einem nachmodernen Sinn sein kann, zeigt das Gedicht: „Lösch das Licht aus“, das da weitertönt: „lass die Mondin sprechen/zart und stark//Lösch das Licht aus//Berühre meine Stirn/Ist sie fiebrig/lass mich nicht gehen//Zu viele Stolpersteine/Stolpersteine/welcher Weg?//Lösch das Licht aus/lass die Mondin sprechen/Wen schenkt die Nacht?//Lösch das Licht aus/lass die Mondin wählen/sternenbedacht.
Dass Spiritualität und Politik nicht zusammenpassen würden, reden uns die ein, die das heilige Ego an die Spitze stellen, meint Fischer – dem ist meinerseits nichts hinzuzufügen. Außer, dass die Form, in der sie uns dies mitteilt, eine höchst kunstvolle, metrisch und sprachlich sehr genaue ist – worin sich das Talent der Dichterin (die nicht von ungefähr den Künstlernamen Lyreley trägt) erweist.
Manfred Stangl

Dagmar Fischer: „Das Lächeln der Sterne“, edition art science, Wien, 2o16, ISBN: 978-3-9o2864-62-8


Genre: Lyrik
Illustrated by edition art science

Sprichst Du mit mir

sprichst-du-mit-mirsprichst du mit mir mit einem nicht gemachten nicht sichtbaren fragezeichen am ende dieses satzfragmentes oder nur lapidare feststellung mit einem nicht ausgesprochenen anschlußwort anschlußsatz als ergänzung beginnend mit einem dann oder als eine andere fragestellung mit dem wörtchen wann davor wann endlich sprichst du mit mir und worüber ist gleich angefügt nämlich über die heimat über die liebe über den tod über erlebtes über bekommenes über verlorenes über brüchiges über sich wandelndes über endgültiges versuche zur selbstsuche und selbstfindung bisweilen eine begegnung mit sich selber oder worte aus diesen begegnungen herausgeboren und zu einem gedicht geformt in einem „denken“ jenseits sprachlicher begrifflichkeiten bilderwelt gedankenwelt empfindungswelt eingeschrieben in erinnerung in das gedächtnis als bausteine der poesie gedichte als persönliche notate empfindungen erkenntnisse gefühle gefühlsstrukturen befindlichkeiten momentane vorübergehende jetztgefühle einbettung in eine gefühlswelt in die des eigenen ichs diese aber immer wieder infragegestellt durch das eigene ich oder durch etwas außerhalb von ihm aber auf dieses ich wirkend einwirkend spuren hinterlassend wo doch alles zugeich eine einzige spurensuche ist das leben die liebe nur der tod ist das letztlich endgültige, das einzig gültige überhaupt vielleicht mag sein oder auch nicht wer weiß es schon das gedicht als aufbewahrungsort von heimat und liebe doch am abgrund der tod das alles spüren und dann spuren legen und hinterlassen feststellungen machen von einem vorübergehenden hier- und jetztsein in sich wandelnden gefühlen und in vermeintlichen erkenntnissen denn gesichert ist nichts eben weil alles so ist wie es ist vermeintlich oder auch nicht und immer wieder nichtwissen unsicherheit schweigen antwortlosigkeit auch fremdsein und heimatlosigkeit im eigenen leben manchmal steigt sehnsucht auf sehnsucht nach unbekanntem nicht mehr erwartetem wird zur melancholie zur sanften trauer um das verlorene auch um das nie erlebte um das nie erreichte eine sehnsucht wie eine solche nach einem anderen ich nach einem anderen du nach einem anderen leben nach einer anderen welt denn so steht es an einem gedichtende geschrieben „dort ist das land das ich in diesem leben nie erreicht“

ein schmales gedichtbändchen sparsam konzentriert schön nur auf jeder zweiten seite ein gedicht die vorhergehende oder nachfolgende seite unbedruckt unbeschrieben unbenutzt und doch da in ihrer funktion der trennung der texte voneinander als ein zeichen des leeren raumes für jedes einzelne gedicht das freiraum braucht für die dichterin für die poesie 34 gedichte 19 skizzenhafte bleichstiftzeichnungen detailreich symbolhaft liebevoll 3 seiten anhang mit information und ikonographie poesie und zeichengebung zeichensprache

ausgelesen das buch eingetaucht in worte und bilder ins schweigen in den leerraum mitten in und zwischen einer begegnung in die spurensuche auch in die nach dem eigenen ich in aufzeichnungen die von einem damals und dort berichten von einem hiersein und jetzt von einem das ist und einem das nicht ist oder nicht mehr oder weil das überhaupt unerreichbar weil einem nicht gegeben ist sondern verweigert wird ohne grundangabe die frage nach der schicksalhaftigkeit des lebens nein das nicht so sehr weil man um die antwortlosigkeit weiß aber man nimmt das schicksalhafte doch zur kenntnis auch weil es manchmal schmerzt so im ganzen und weil man diesen schmerz bisweilen oder als lebensbegleitendes grundgefühl spürt „das herz schmerzt an der kette“

ich lege das schmale buch zum wievielten mal nun schon zu ende gelesen aus den händen es ist abend draußen ist es schon dunkel spätherbstzeit auch in mir mein blick hinauf zum weiß der zimmerdecke der durch die vorgegebene fläche begrenzte blick auch mein leben fast zu ende man weiß es man spürt es wo sind die großen einst mächtigen gefühle ich höre nicht mehr den wind rauschen in mir kein sturm aber auch keine völlige ruhe in mir irgend etwas unbenennbares aber mir bekanntes ist in mir vielleicht auch angst abgeschiedenheit was ist mit diesen gedichten und mir denke ich was und wie sprechen diese gedichte zu mir frage ich mich und finde keine klare eindeutige antwort weil es sie nicht gibt vieles bleibt chiffre wegen mir oder wegen dem gedicht das ist stets so in der poesie in ihrer bedeutung voll ausschöpfen kannst du sie nie denke ich aber ich weiß wie ich diese gedichte gespürt habe denn plötzlich sage ich zu mir „so wie ein hellgraues seidentuch das lautlos niederschwebt auf mich sind diese gedichte“ so sanft sind sie so lautlos und schön das schweigen hat darin seinen raum

Susanne Ayoub: „Sprichst Du mit mir“. Gedichte über die Heimat, über die Liebe, über den Tod.Mit Zeichnungen vonRima Al-Juburi. Löcker Verlag, Wien, 2016. 12,5 x 20,5 cm Broschur, 93 Seiten | € 19,80, ISBN 978-3-85409-800-3

Peter Paul Wiplinger – Wien, Dezember 2016

 

 

 


Genre: Lyrik
Illustrated by Löcker Wien

Črna dvorišta / Schwarze Höfe

Stimme aus dem Inferno

Stimme aus dem Inferno. Aufschrei des gequälten Menschen. Klage um die Zerstörung und den Verlust der Menschlichkeit. Traum von einer anderen Welt: jener jenseits des Stacheldrahtes. Spuren der Hoffnung. Zeugnis und Mahnung. Ort des Geschehens, On des Grauens: Keraterm. KZ der serbisch-jugoslawischen Volksarmee im Bosnien-Krieg; nahe bei Prijedor, der Heimat des Autors. Zeit: 1992.

Man weiß, was geschah: Krieg, Vertreibung, Terror; Systematische Vergewaltigung, Folter, Mord; Massaker (Srebrenica), ,,Ethnische Säuberungen“; Genozid. Im Angesicht der Weltöffentlichkeit, begleitet von sensationslüsterner Medienberichterstattung. Konferenzen. Politische Naivität und Unfähigkeit bis zur Schamlosigkeit, bis zur Lächerlichkeit. Währenddessen wird weitervertrieben, weitergemordet, weitergesäubert. Man schafft Realitäten.

Der Schrei der Gefolterten aber verhallt im Niemandsland. Einer, ein Dichter, Muhidin Šarić, schreibt eine Chronik dieses Grauens, eine seiner eigenen Qual, seines Erniedrigtseins; seiner Namenlosigkeit: Man ist Opfer; sonst nichts. Kein Mensch mehr. Was bleibt, ist Verzweiflung, untröstbare Trauer. Und nach dem Überleben: die Heimatlosigkeit; eine für immer.

Davon sprechen diese Gedichte: Von den schwarzen Höfen, von den Hinterhöfen, in denen menschliches Leben zerstört wurde, zerstört wird. Und von der Sehnsucht nach dem, was einmal war und was es nicht mehr gibt; nie mehr geben wird. Literatur, Poesie als Aufschrei, als Zeugnis, als Mahnung; auch als Überlebenstherapie Übersetzung aus dem Bosnischen durch Emina Šarić und Klaus Detlef Olof.. Und als Träumen von einer Welt jenseits des Irrsinns vom Menschen.

Muhidin Šarić lebt als Stipendiat der Institution ,,Städte der Zuflucht“ seit 1992 in Graz.

Muhidin Šarić: Črna dvorišta / Schwarze Höfe. Gedichte, bosnisch-deutsch, Drava Verlag: Edition Niemandsland, Klagenfurt/Celovec, 1999;80 Seiten, öS l97,- DM 27,-.


Genre: Lyrik

Trockengebiet

Trockengebiet – oder – Von der Dürre der Welt

,,Auch wenn dies Land / gänzlich verwüstet sein wird, /
die Liebe…wird es noch ein wenig begrünen.“

Die ist ein Ausspruch der Hoffnung, ein Ausspruch tröstlicher Gewißheit. Oder aber auch ein Sich-Klammern an einen letzten uns doch gegebenen, uns aber verborgenen, verborgen bleibenden Sinn, einen Sinnzusammenhang des Lebens.

Davon sprechen, darum ringen Franz. Richters Gedichte aus der Gedichtsammlung „Trockengebiet“. Es sind stille Gedichte. Solche mit dem Rhythmus des Wellenschlages des Meeres. Man muß in sie hineinhören, um ihren Atem zu empfinden: den Atem der Zeit. Es sind Gedichte, die ein Land beschreiben, das zwischen Erinnern und Vergessen liegt. Ein dürres Land. Die Welt als eine ,,Schöpfung“, die „von uns verjuxt und zerstört“ worden ist. Und in ihr die Suche nach dem eigenen Ich, nach dem Du, nach der verbindenden Gemeinsamkeit als Bezugspunkt zu sich selbst, zum Anderen und zur Welt. Die Suche nach der eigenen Identität, nach dem Ich-Ereignis als Wahrheitsereignis, nach dem Wahrheitsereignis wiederum als Ich-Ereignis. Die Liebe als konkrete Möglichkeit dazu. Und dies alles als Lebensweg. Jede Berührung bedeutet ein Hinterlassen von Spuren, von der Abnützung; bedeutet Wunden, Verlust; aber auch ein Wachsen der Hoffnung. Ohne Hoffnung wäre die Gewißheit unerträglich. Die Fülle des Lebens in der Dürre der Zeit nehmen als Möglichkeit der Beteiligung, als Aufruf zum Aufleben. Denn: „Wem etwas zu viel ist, der hat zu wenig geliebt.“ Denn: „Ohne unser Zutun verliert uns die Zeit.“ Frage und Antwort: ,,Wo ist meine Zeit hingeraten? / Mein Herzschlag hat sie mir vertrieben“ – „Was also habe ich noch zu erhoffen?“ – „Ich trage meine Jahre. / Meine Jahre tragen mich..“

Ist dies das Gleichnis des Lebens, seine Erfüllung?“ Was erwarte ich noch / im Wissen, wie nah die zeitlose Stunde schon ist?“ Gedichte des Abschieds? Oder solche des Aufbruchs? Der Verzicht auf die Suche nach Kausal-Zusammenhängen deutet sich an, die Suche nach Sinn-Zusammenhängen wird sichtbar, spürbar. Die Vergangenheit wird zur Hilfe gerufen zum Weg in die Zukunft. Reflexion als Mittel zur Standortbestimmung. Angesichts der Erfahrung, daß so vieles zerbricht, zerbrochen wird, zurück zum Ansatz der Frage: Gibt es adäquat zum Gesetz des Werdens und Wachsens auch ein solches der Zerstörung, des Zerstörtwerdens? Die Antwort wird gesucht, auch eine auf die Frage: „Was nehmen wir mit, / wenn sich der Anker lichtet?“ aus diesem Leben, aus dieser Welt, aus dieser ,,Gemeinschaft Von Leben und Tod“ ? Und was hinterlassen wir als Vermächtnis? Und ist das Leben nur das, was uns zustieß? Dann, so Richtert, „Nimm an, was dir zustieß./ So wird an Dir Geschehnis zur Tat, / zur Gabe deine Ergehung!“

„Ich lebe auf, / wo mein Ich ablebt…“ Markiert diese Aussage Resignation, Ergehung, oder ist dieser Ausspruch eines scheinbaren Paradoxon nicht Zeugnis eines Wissens, daß gerade im Abschied die größte lntensität einer Gegenwart sich an uns vollzieht? Das Du als Weggefährte, um ,,gemeinsam zu verglühen.“ Ist diese Abschiedssituation, diese permanente als Lebensereignis in der Dürre des Daseins, in diesem Trockengebiet Leben, wirklich eine geeignete Position, womöglich nur die einzige, von der aus wir die Frage zurück und ins Nichts stellen können als eine Frage nach uns und der Welt. Oder ist es so, daß wir antwortlos bleiben, „niemals wissend, / ob unser Dasein sein wird, / denn unzuverlässig ist unser / Vertrag mit dem Gewesenen“?

Das Leben, jeder Versuch, sich seiner zu bemächtigen, mit seinen Auswüchsen der Zivilisation, mit seinen Wunden am eigenen Ich, am anderen Du, ist es ein einziger Verrat am Paradies, bedeutet es den Verlust der Heimkehr? Liegt gerade im Ereignis, im Ereignis des Lebens die Verwehrung der Antwort? Und die der Erkenntnis der Wahrheit?! Ist sie erst möglich, wenn überhaupt, erst ,,am Ende der Zeit“? Es scheint so. Denn „alles wird ungenau, / wenn es sein Unendliches einbüßt.“

Franz Richter ,,Trockengebiet“, Gedichte, , 1980, Band 14 der Reihe ,,Lyrik aus Österreich“, hrsgg. von Alois Verlag G. Grasl, Baden bei Wien Vogel und Alfred Gesswein.

Peter Paul Wiplinger
Wien, 27.7.1980


Genre: Lyrik
Illustrated by Verlag G. Grasl Baden bei Wien

Versteckenspiel

VERSTECKENSPIEL
Gedichte von Hedwig Katscher

„Ein Traumfragment
das Leben.
Der Tod
ein Bruchstück Wahrheit“

(Aus dem Gedicht ,,Der Befund“)

„Meer und Himmel
sind mir Heimat.

In mir sind sie zuhause.
So bin ich ihre.“

(Aus dem Gedicht ,,Die Landschaft“)

„Versteckenspiel“ heißt der Titel einer Gedichtsammlung von 57 Gedichten der österreichischen Dichterin Hedwig Katscher, die als Band 23 der Reihe ,,Lyrik aus Österreich“ im Verlag G. Grasl, Baden bei Wien, 1982 von den Exponenten des Literaturkreises Podium, Alois Vogel und Alfred Gesswein, herausgegeben worden ist.

Versteckenspiel – was hat dieses Wort, das gleichzeitig die Bezeichnung für ein Spiel aus unserer Kindheit ist, das wir alle gespielt haben – mit Spannung, Angst und Freude – als Titel eines Gedichtbandes zu bedeuten, was signalisiert es, wofür ist es als Chiffre gesetzt? Mit welcher Interpretation erfasse ich seinen Sinn, was ist damit gemeint? Etwas klingt da an, drängt sich als leicht verfügbare, weil gängige Assoziation auf: Rollenspiel, Rollenverhalten, Rollenzwang. Dies ist mit Sicherheit nicht gemeint, mit diesem Ansatz gehe ich fehl bei meiner Spurensuche, beim Versuch einer Interpretation dieses Wortes. Also hin zum Text und aus dem Text heraus zum einzelnen Wort (Zusammenhang) und von diesem zum Gemeinten und von da zum Sinn.

Einer Dichtung nachzuspüren, ihr auf die Spur zu kommen, bedeutet, den Weg des Denkens, den Weg des dichterischen Wortes einzuschlagen, den Weg zurückverfolgen, den Weg des Wortes zu seinem Ursprung. „Wohin?“ Dieses eine Fragewort steht als Motto auf einer leeren Seite allein dem Gedichtband voran. Also gleich am Anfang auch Fragestellung nach einem Weg, nach einer Zielrichtung, mit einer Zielgerichtetheit, nach einer (schicksalhaften) Bestimmung. In dieser einen Frage scheint sich die geeinte Bedeutung aller anderen möglichen Fragen als Einheit zu artikulieren. Sie eint in sich auch ein Gehvarianten eines Weges – des menschlichen Lebensweges – vom sich im Dunkel Vorwärtstasten bis hin zum zielgerichteten und zielbewußten Gehen.

Fragen werden gestellt, aus Situationen heraus, auch – ja vor allem – aus der eigenen Ich-Situation. Symptome werden hinterfragt, Zusammenhange werden abgefragt. Fragen, die nicht Ausdruck der eigenen Unsicherheit sind, sondern Orientierungshilfen sind, so wie ein Kompaß in einer unbekannten Landschaft. Anzeichen, Symptome, Zusammenhänge werden auf diese Weise sichtbar (gemacht). Schicksalsereignisse, Leidenswege und Leidenszustände werden aufgezeigt, Diagnosen werden gestellt. Und dann kommt (ähnlich wie bei der Diagnose: „Es ist Krebs!“) am Ende der Befund. Er ist nicht gleich das Todesurteil, sondern eine dem Leben entsprungene Erkenntnis, die einem nur nach langem Lebens- und Leidensprozeß, noch mitten im Leben, aber nahe am Tod, zuteil wird: die Erkenntnis als das gefundene Ziel eines Weges, den man gegangen ist.

Hier beginnt die tröstliche Gewißheit, der innere Friede. Man ist angelangt, am Ziel seiner Bestimmung. Alles, was zerrissen war, wird wieder ein Ganzes, man selbst wird wieder eingegliedert aus dem Chaos heraus in eine große, von uns unabhängig vorhandene, wirksame Ordnung der sich gegenseitig bedingenden Kräfte einer Einheit von Leben und Tod. Ein Zugehörigkeitsgefühl zum Ganzen der Schöpfung wird spürbar und einem bewußt. Die Splitter der Zeit werden zusammengefügt zu einer zeitlosen Gestalt, zu einer immer wiederkehrenden und einer immer wieder sich erweisenden Einheit alles Seienden. Die Ausweglosigkeit aus den Fragen wird zu einem tiefen inneren Frieden.

Die Frage nach dem Woher steht für Hedwig Katscher nicht am Anfang, sie wird von ihr erst am Ende des Weges in einer Art Rückschau gestellt; aus einer gewissen Verwunderung heraus darüber, daß diese Frage plötzlich am Ende auftaucht: die Frage nach der Herkunft. Diese Frage – eben nicht am Beginn stehend – hat den Weg nicht bestimmt, es erfolgte keine Einengung der Freiheit durch sie. Aber sie stellt sich nun – eben am Ende des Weges – in den Weg. Diese Frage will gestellt sein, auch wenn sie vielleicht nicht beantwortet werden kann, auch wenn keine weitere Frage auf diese Frage gegeben werden kann, vielleicht auch nicht gegeben werden muß, weil die Antwort auf das Woher unwichtiger ist als die Antwort auf die Frage nach dem Wohin.

,,Wie kam ich in dies Land?
Die Landschaft lächelt
im Traum von Kinderglück,
zärtlich singen die Vögel –
wie kam ich in dies Land
zum zweiten Mal,
wo Steine mir berichten
und die Menschen schweigen.“

(Aus dem Gedicht ,,Dies Land“)

Herkunft als etwas Vorbestimmtes, das sich unserer Verfügbarkeit entzieht, von der wir ein ganzes Leben lang ge(kenn)zeichnet sind, auch im Sinne einer Determination unseres Ichs, als Hemmnis und Verhaftetsein; und doch auch als Geborgenheit in ihr. Der Weg aufgrund der Fragestellung WOHIN?, diese Suche, ist ein Weg unter dem Zeichen der Freiheit, auch ein Weg unter der Bestimmung des Ausgesetztseins in Schutzlosigkeit; ein Weg, der als Irrweg in die Katastrophe, der aber auch ans Ziel fuhren kann. Auf jeden Fall ist er ein Weg der Freiheit, einer, auf dem wir nur auf uns selbst angewiesen sind. Ein Weg, den Menschen auch gemeinsam gehen können, ein Weg, der verbindet, der Gemeinsamkeit zeugt.

Lebensgefährte – Lebensweg. Wieder etwas Umspannendes, das mehr ist als bloß eine Station, als eine Zeiterscheinung. Wieder etwas Ganzes, etwas Gründliches, etwas Wesentliches, etwas Bestimmendes, etwas Wirkliches, etwas Wahres. Mit der Liebe als etwas Grundlegendem, als letztem (Beweg)grund des Seins. Und das ist mehr als ein soziologisches Phänomen. Die Liebe als Ausgangsbasis für eine mögliche gültige Antwort auf alle die Fragen nach dem Woher und Wohin, die Liebe als Wahrheitsereignis der Einheit von Leben und Tod, die Liebe, die, wie es im „Hohen Lied“ heißt, ,,stärker als der Tod“ ist.

Von dieser Liebe sprechen die Gedichte Hedwig Katschers. Von der personal erfahrenen, vom Verlust des Lebensgefährten; nicht vom Verlust der Liebe durch dessen Tod, im Gegenteil, aber doch vom Schmerz, der durch den Verlust seiner Gegenwart, seiner greifbaren Gestalt, ins Leben einschneidet. Dieser Schmerz ist die wahre Lebenswirklichkeit, die einen selbst im verborgensten Versteck aufspürt, der man sich durch kein Versteckenspiel entziehen kann. An ihm wird das volle Maß an erlebbarer Wirklichkeit als Grunderfahrung menschlichen Lebens überhaupt erfahren. Und die ,,Totenklage“ ist nicht nur ein Wehklagen als Ausdruck des Schmerzes über den Verlust des geliebten Menschen und der Ausdruck der Trauer über das Allein-Zurückbleiben, sondern sie wird auch zum Ausspruch der Erkenntnis von der Brüchigkeit der Zeit, von ihrer begrenzten Gültigkeit. Hier wird personale Leiderfahrung zur Erfahrung einer universalen Wahrheit des Seins.

„Gestern
vom Schlaf gepackt
und plötzlich wieder wach,
sprach ich zum Lehnstuhl hin:
,,Weißt Du, es ist schon spät!“
Da sah ich, daß er leer war.
Das war der tiefste Schrecken.
Das war die Wirklichkeit.
Dich gibt es nicht mehr.“

(Aus dem Gedicht ,,Totenklage“)

Eine solche Erkenntnis von Lebenswirklichkeit und Lebenswahrheit ist nicht das Ergebnis eines Erfahrungsprozesses und eines vollzogenen analytischen Denkprozesses in einem vollzogenen Bewußtseinsprozeß, sondern hier wird jemand schicksalhaft von der Wahrheit getroffen. Der ,,tiefe Schrecken“ ist wie eine Stigmatisierung. Aber auch er ist nichts Endgültiges, auch er ist nur ein Durchgangsstadium auf dem Weg zur Läuterung durch das Leid, auf dem Weg, den man gehen muß, bis man selber ,,reif wird“. Selbst der Tod, personal erfahren am Verlust der leiblichen Gestaltsgegenwart des geliebten Menschen, des Du, ist kein Ereignis absoluter Endgültigkeit, sondern bildet wiederum einen weiteren Ansatzpunkt im geistig-seelischen Wandlungsprozeß des von diesem Ereignis betroffenen Menschen, der nach dem Abbruch dieser Lebensgemeinschaft zurückbleibt. Die leibliche Gegenwartseinheit ist zerbrochen, nicht aber das Einssein in der Liebe.

,,Noch immer
nähr ich mich
von deinem Dasein …“

(Aus dem Gedicht ,,Noch immer“)

,,Ich muß Dich weitersuchen,
mit Dir sprechen.
Denk an die vielen Fragen,
die wir uns,
die wir einander stellten,
an Namenloses, Unbekanntes auch.
War ich ein Halm,
hast Du mir Halt gegeben.
Sah ich Dich schwanken,
hielt ich Dich umfangen.“

Die Erinnerung an den verstorbenen geliebten Menschen bahnt sich über das Wort, über das Gespräch, den Weg in die Gegenwart. Der Verstorbene ist nicht mehr leiblich anwesend, aber er ist gegenwärtig, ja er scheint immer mehr an bestimmender Gegenwart im Leben des ihn Betrauernden zu gewinnen. Aus der im früheren Zusammensein oft erlebten Sehnsucht nach der Gegenwart des anderen geliebten Du wird die immer stärker werdende Sehnsucht nach einer dauernden und endgültigen Vereinigung mit ihm, nach einer zeitlosen, ewigen Verbundenheit, die auf immer dem Zugriff der Zeit entzogen ist.

,,Und meine Asche
wird bei Deiner liegen.
Ohne Trennung
wird unser Beischlaf sein.“

(Aus dem Gedicht „Schneeflecken“)

Bis dahin aber gilt es auszuharren, die Fremdheit und die Heimatlosigkeit im weiteren eigenen Leben zu ertragen.

Aus dieser Erfahrungs- und Lebenswirklichkeit heraus entstehen Hedwig Katschers Gedichte: aus Schmerz und Trauer, aus dem Gefühl und Bewußtsein der Heimatlosigkeit, der eigenen und der des Menschen überhaupt. Vor allem aber entstehen sie aus einer Gewißheit heraus, daß die Liebe stärker ist als der Tod; daß sie alles überwindet. Und daß wir auf diesem Weg, der von der Frage nach dem WOHIN vorgezeichnet ist, unser Leben erleben, erleiden, erfahren, erdulden, am Ende doch die ,,1ebendige Wahrheit“ finden und erfahren.

„Versteckenspiel – Gedichte von Hedwig Katscher“, Band 23 der Reihe „Lyrik aus Österreich“, herausgegeben von Alois Vogel und Alfred Gesswein. Verlag G. Grasl, Baden bei Wien, 1982.

Peter Paul Wiplinger
Wien/Haslach, 25.-26. Dezember 1982


Genre: Lyrik
Illustrated by Unbekannter Verlag

Gnadenfrist in einem fremden Land

GNADENFRIST von Alfred Gong

Als Vorwort zum Gedichtband „Gnadenfrist“ von Alfred Gong steht der Ausspruch eines lndianerhäuptlings: „Was ist schon ein Leben? / Ein winziger Schatten nur, der übers Gras huscht / und sich in den Sonnenuntergang verläuft.“

Von dieser poetischen Sentenz gelangt Alfred Gong in und mit seinen Gedichten zu einer konkreten, persönlichkeitsbezogenen Aussage schmerzlicher Gewißheit: ,,Ausgesetzt in einer fremden Zeit / … läuft die Gnadenfrist ab …,,, denn „der abruf ist unterwegs.“

Das gilt für jeden; aber in einem besonderen Maße und in einer bestimmteren Weise für einen aus dem auserwählten (!) Volk, einen Juden. Für einen, dessen Schicksal schon lange vor seiner Geburt bestimmt, dessen Weg längst vorgezeichnet ist. Was folgt, ist nur mehr der Ablauf. Bestimmend ist die Verheißung, das Schicksal, der Tod. Dazwischen die ,Gnadenfrist: ,,Ohne Uhr, ohne Ausweis / wies man uns ein ins Heim Vogelfrei. / Sie strichen uns aus im Register. / Wir trugen uns auf: Keine Worte! / Sie haben gelobt, nicht zu stören. / Man weiß: uns darf nur wecken / der Tod.“

Dies als Metapher für Leben, für Schicksal; für alle, und im besonderen doch für die Juden. Dies ist die Welt der Verheißung und ihrer Erfüllung. Der Einzelne sowie alle unentrinnbar ausgeliefert. Kein Exil, keine Gnadenfrist täuscht darüber hinweg. Aus dem Wunschbild einer gewollten Wirklichkeit, aus der Einbildung eines sich selbst beruhigenden Sicherheitsgefühls, unauffindbar, un(an)greifbar zu sein – ,,Ich habe mich abgesetzt / ohne Spur, ohne Marke …“ – treten hinter diesem Spiegelbild der eigenen Illusion von Gerettsein immer wieder als Befürchtung und schließlich als mahnende Gewi3heit die Erkenntnis und das Bewußtsein des Verlorenseins, der Unausweichlichkeit, Opfer zu sein und zu werden, hervor, einzig noch von Sehnsucht beseelt, die Zeitspanne zwischen Bestimmung und ihrer Erfüllung, die Gnadenfrist, zu nützen. – ,,Was bleibt uns übrig, als / einmal noch das das Salz und die Süße / des nächsten Leibes zu kosten, / bevor man uns stellt?“ Dies ist die Welt der Erkenntnis: Leben ist Geopfertwerden. Und dies schon wie schicksalhaft im voraus bestimmt.

Auch so schon beim Vater: ,,Gefreiter der k. und k. Infanterie, / mit zwei Schußwunden ausgezeichnet am lsonzo, / kehrte heim in seine an Rumänien verlorene Heimat… Arbeitete sechzehn Stunden im Tag… Als ‚Ausbeuter’ von den Sowjets im Viehwaggon / verladen, vier Wochen durch den Orlogsommer 41 /… verlor seine Brille im Eis / und starb am Nervenfieber, wimmernd im tauben Schnee / von Novosibirsk …“

Der Sohn: „,In die Welt ausgestoßen als Schrei“ (1920), in seinen Geburtsort Czernowitz, in einen Schmelztiegel verschiedenster Völker, Religionen, Sprachen und Kulturen; in die Stadt eines Gregor von Rezzori, aber auch in eine, in der man ,,Paul Celan mit Trakl unterm bei den Tulpen begegnen“ konnte. Dort ging er zur Schule und, bevor er noch lesen konnte, lehrte man ihn, „daß es süß sei fürs Vaterland zu sterben … später mehr nutzloses Zeug: / die Zehn Gebote zum Beispiel … / Dazu sechs Sprachen, darunter drei tote, / auch die Kunst des Sophismus, Dialektik, den Talmud – „ doch wußt er „später kein Sprüchlein / um die Mörder versöhnlich zu stimmen…“ Dann Flucht vor den Mördern, dann Wien, dann weiter in die USA; seit langem in New York, integriert in der Fremde.

Und noch immer auf der Suche nach Heimat. Sie wird zum Bild seiner Kindheit, zur Gewißheit seiner Verankerung im Dort und im Damals: „Die Steine gedenken meiner …“ , Erinnerung an eine Heimat, in der man auf die Frage „was Sterne sind“, den Kindern zur Antwort gab: „Sind die Seelen von Opa und Oma / und allen Lieben, die auf dem jüdischen / Friedhof von Czernowitz ruhn.“ Und wo ,,Rabbi Ezra blinzelte im Fenster / und wußte: Heut seid ihr Kinder – / morgen werdet ihr Juden sein.“

Und das Jetzt, und die Zukunft und das, was bleibt an Erwartung? – „Angepflockt, anbequemt, ansässig / … unbeteiligt, unbekümmert, ungerührt Sinnlos, ohne Berufung, ohne Aussicht auf ein Auferstehn.“ Die Resignation, die bereits auf ein unerträgliches Maß reduzierte Anteilnahme am Leben, die in der Frage an sich selbst zum Ausdruck kommt: „…. was hast du noch zu gewärtigen? / Wie schlägt man dann seine Zeit / bis zur Abberufung tot? … „ schlägt noch einmal ein Sichaufbäumen als Ausdruck und zum Zeichen der Selbstachtung um: ,,Zerschlag die Uhren, die Spiegel, den Trug“, um freilich darauf kraftlos in Wehmut zu versinken, gepeinigt von einer Sehnsucht weil mit dem Wissen um ihre Unerfüllbarkeit: ,,Einmal sagen dürfen: September – / und meinen alle September / von einst und dereinst …“

Jetzt ist der Punkt im Leben erreicht, wo ,,hinter schneeblinder Luke / legendenweiß / deine Kindheit …“, erscheint. Dann ist es Zeit, die die Hoffnung zu suchen, die Liebe. Und dazu zu mahnen: ,,Liebt, liebt endlos, ohn Erbarmen .. .“! Denn dann, wenn ein Mensch, ein Vertriebener, Getriebener sagt: ,,Alt bin ich und vergessen / und ohne Feinde geblieben …“, beginnt der ,,Schatten des Schneefalls!“ Und mit ihm vielleicht die Erlösung.

Alfred Gong: „Gnadenfrist in einem fremden Land“, Band 15 der Reihe „Lyrik aus Österreich“, herausgegeben von Alois Vogel und Alfred Gesswein. Verlag G. Grasl, Baden bei Wien, 1980.

Peter Paul Wiplinger
Wien 1980


Genre: Lyrik
Illustrated by Verlag G. Grasl Baden bei Wien