Die Nibelunge

Von Generation zu Generation überlieferten unsere Vorväter mündlich die historischen Ereignisse um den legendären Drachentöter Siegfried und den Untergang der Burgunden. Vor rund 1000 Jahren wurde die Überlieferung unter dem Titel »Nibelungenlied« dann erstmals aufgeschrieben. Seitdem hat das ursprünglich in mittelhochdeutscher Sprache verfasste Werk eine beispiellose Karriere gemacht: Der Stoff wurde zum Mythos, er floss in zahlreiche Romane und Filme ein. Richard Wagner schuf daraus seine vierteilige Oper »Der Ring des Nibelungen«; Fritz Lang setzte die Geschichte in zwei abendfüllenden Stummfilmen um.

Das Nibelungenlied wurde zum Nationalepos, die ihm beigemessene Bedeutung zeigte sich auch in repräsentativen Prachtausgaben, die heute noch die Herzen bibliophiler Sammler höher schlagen lassen. 1898 erteilte die Reichsdruckerei dem Maler und Grafiker Joseph Sattler den Auftrag, eine besonders prächtige Ausgabe zu gestalten. Diese sollte zu einem Meilenstein in der Geschichte der Buchkunst werden und liegt nun mit ihrem großartigen Vollbildern als verkleinerter, auszugsweiser Reprint vor.

Waren die früheren neuhochdeutschen Übertragungen von Oswald Marbach oder Karl Simrock eng an das Original angelehnt, letztere sogar im gleichen Reimschema gehalten, ist die vorliegende Ausgabe in Auszügen übersetzt und vollständig nacherzählt worden. Joachim Heinzle eröffnet damit die Möglichkeit, die von Mord und Todschlag strotzende Geschichte der Rache Kriemhilds an Hagen, dem Mörder ihres geliebten Siegfried, nachzuvollziehen und gleichzeitig einen ausgezeichneten Eindruck von den zahlreichen Schmuckelementen, Titelleisten, Vignetten, Zierstücke und Initialen, die Sattler schuf, zu bekommen.

Beibehalten wurde vom Herausgeber das Gliederungssystem in 39 kapitelartigen »Aventüren« genannte Abschnitte. So lässt sich die Geschichte der wunderschönen Prinzessin Kriemhild, ihrer Liebe zu dem jugendlichen Recken Siegfried, dessen Ermordung und ihre fürchterliche Rache an Hagen ausgezeichnet nachvollziehen. Ganz wesentlich bestimmt wird der Band aber durch die ganzseitigen farbigen Bilder, die Sattler geschaffen hat. Hier werden weniger Bilderbuchgermanen in historisierenden Kostümen gezeigt als eine von dichter und klarer Bildsprache geprägte künstlerische Nacherzählung, die dem Jugendstil verpflichtet ist.

Ein bildgewaltiger Einstieg für jeden, der sich mit dem Nibelungenlied beschäftigen möchte.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Genre: Märchen, Sagen und Fabeln
Illustrated by reprint-Verlag Leipzig

Aus dem Land der Affen

Der Affenregierung fehlt es zwar an Geld für Schulen oder die Pflege ihrer Kranken, aber sie errichtet gerne sinnlose Bauten und denkt auch über Waffenkäufe nach. Wie gut, dass es trotzdem einige Untertanen gibt, die nicht alles klaglos hinnehmen und sich ihre eigenen Gedanken machen. Denn schließlich sind die Affen nicht alleine auf der Welt; es gibt auch noch andere Tiere, die ihre Rechte einfordern und mit denen man sich arrangieren muss, was nicht immer einfach ist.

Rolf Gutsche ist seit der Gründung 1991 Mitglied im Potsdamer „Literatur-Club für Menschen mit und ohne Behinderung“ und da ihm durch eine spastische Lähmung die alltäglichen Dinge des Lebens nicht leicht fallen hat er sich folgendes Motto zu Eigen gemacht:

Das Sprechen fällt mir schwer.
Aber ich habe viel zu sagen.
Also schreibe ich.

Und das tut er richtig gut. Im vorliegenden Band wählt er die Kunstform der Fabel, eine Gattung die heute eher selten zu finden ist und dazu dient, philosophische und auch politische Erkenntnisse zu kommunizieren, indem man menschliche Charaktereigenschaften auf Tiere überträgt. Rolf Gutsche verarbeitet neben eigenen Erfahrungen auch gesellschaftliche Themen und schwingt bei seinen kritischen Anmerkungen keine schwere Keule; es sind feine Nadelstiche in einfacher, aber verdammt präziser Sprache, mit denen er den Leser zum Nachdenken animiert. Natürlich hat auch er nicht für alle Probleme die passende Lösung parat, aber er stellt die richtigen Fragen und das ist mehr als man von manchen Zeitgenossen behaupten kann, die das hauptberuflich machen.

Fazit: Ein äußerst intelligentes Büchlein, das nicht zuletzt durch seine solide Aufmachung überzeugt, klare Kaufempfehlung!


Genre: Märchen, Sagen und Fabeln
Illustrated by Engelsdorfer Leipzig

Fabeln

Iwan Krylow hat über 200 Fabeln geschrieben, die 1842 das erste Mal auf Deutsch erschienen.
Die Reclam-Ausgabe besteht aus 100 Fabeln, die mit einem Nachwort von Helmut Grasshoff versehen sind. Inspiriert wurde Krylow von Äsop und Jean de la Fontaine, erst später fand er zu seinem eigenen Stil. Das Besondere der Fabeln ist die Alltagssprache, in der Krylow schreibt, somit war er auch für das einfache Volk verständlich. Tiere symbolisieren Menschen mit ihren Fehlern und Schwächen und v. a. Gesellschaftsprobleme werden verarbeitet.
Stellvertretend für das umfangreiche Werk werden hier einige Fabeln analysiert.

„Der Frosch und der Stier“

Eine bezeichnende Fabel. Der Frosch sieht den Stier und ist neidisch auf dessen Umfang. Er will sich aufblasen, um auch so groß zu werden und fragt mehrmals seine Angehörigen, ob er denn nun dem Stier ähnlicher sei, was diese jedes Mal verneinen. Schließlich platzt er.

„Das kann man wohl des öfteren erleben-
was Wunder auch, wenn die Beschränkten sich vergessen
und sich den edlen Anschein geben,
als könnten sie sich mit den Größten messen.“

Die Aussage ist klar: Bleib das, was du bist und versuche nicht, etwas zu werden, was unmöglich scheint. Die Sprache ist derb, es wird von „Beschränkten“ und „verrecken“ gesprochen.

„Der Wolf und das Lamm“

Wieder geht es um Stärke und Schwäche d.h. um Positionen in der Gesellschaft. Der Eingangsvers ist prägend: „Der Starke gibt dem Schwachen stets die Schuld“. Ein Lamm steht am Ufer und will trinken, als ein Wolf des Weges kommt. Er beschimpft das Lamm, es habe sein Wasser verunreinigt und soll das mit seinem Leben büßen. Der Wolf bringt immer neue Argumente hervor, wegen der das Lamm sterben soll, wobei das Lamm stets eine Antwort parat hat. Schließlich meint der Wolf:

„Schweig, ich will nichts mehr hören.
Meinst du, ich hätte weiter nichts zu tun,
als herzuzählen deine Sünden?“

Es ist also völlig egal, was das Lamm tut, der Wolf reißt es am Ende. Die Geschichte bringt die Opferrolle des russischen Volks zu Tage; es scheint dem Untergang geweiht, gleich was es auch tun mag. Krylow bringt Gesellschaftsverhältnisse mit Tieren zum Ausdruck; das unschuldige gute Lamm und der böse starke Wolf stehen im Kontrast und sind auf ihre Rollen fixiert.

„Der Mann von drei Weibern“

Eine Fabel, die statt Tieren Menschen sprechen lässt. Die satirische Fabel ist bezeichnend für die Gesellschaftssituation. Ein Mann hatte drei Frauen, was dem Zaren zu Ohren kam. Der Zar wollte ein Machtwort sprechen, diese Unzucht dürfe man schließlich nicht ungestraft lassen. Die Richter sollen eine Entscheidung fällen, die alle anderen abschreckt, wobei der Leser zuerst an Todesstrafe denkt. Die Richter überlegen zwei Tage und es fällt ihnen kein Urteil ein. Schließlich verhängen sie: der Wüstling müsse mit allen drei Frauen zusammen leben, worauf er sich schließlich nach vier Tagen das Leben nimmt.

„Da packt ein Grauen alle Welt,
und seitdem ist’s im Reich nicht vorgekommen,
dass jemand mehr als eine Frau genommen.“

Mit den Frauen zusammen zu leben wird als schlimmer bezeichnet, als der Tod.

Krylows Fabeln vergleichen mit Witz und Scharfsinn die gesellschaftliche Situation Russlands mit Tieren. Durch das Aufzeigen menschlicher Schwächen sind sie auch heute noch aktuell und können zum großen Teil auch ohne geschichtliches Hintergrundwissen verstanden werden. Sie hinterlassen beim Lesen ein gewisses Schmunzeln, jedoch verfehlt die Moral hinter den Fabeln nicht ihre Wirkung. Durch ihre Einfachheit sind sie klar verständlich.


Genre: Märchen, Sagen und Fabeln
Illustrated by Reclam Stuttgart/Dietzenbach