Labyrinth Tokio

Wer Japans Hauptstadt Tokio bereits im Titel seines Führers ein »Labyrinth« nennt, weiß, wovon er spricht. Tatsächlich gilt es immer noch als Abenteuer, sich individuell und ohne Sprachkenntnisse in der 13-Millionen-Metropole zu bewegen. Häufig fehlen Straßennamen, das Hausnummern-System gleicht höherer Mathematik und ist oft in der Reihenfolge der Bauanträge geordnet. Taxifahrer kennen sich nur grob aus, und zu allem Überfluss ist Englisch für viele Japaner ein Buch mit sieben Siegeln.

Dennoch wagt es Axel Schwab, seinen Leser in das Tokio zwischen Mythos und Moderne zu locken. Er liefert dazu keinen Reiseführer im klassischen Gewand. Der Autor schlägt vielmehr 29 Touren im Zentrum und weitere neun in der näheren Umgebung vor, die auch die Sehenswürdigkeiten umfassen.

Besonderer Pfiff des Buches sind zweisprachig gehaltene Kartenausschnitte von den jeweiligen Routen. Einige davon sind mit QR-Codes ausgestattet. Mit einem Smartphone lassen sich diese Pixelkästchen entschlüsseln und führen zu detaillierten Online-Straßenkarten.

Axel Schwab hat jahrelang in Tokio gelebt und als Ingenieur für einen Automobilhersteller gearbeitet. Er arbeitet ständig an der Weiterentwicklung seines sorgfältig erstellten Vademecums, das mit 90 Fotos, 42 Karten, 260 Internet-Links und 20 Online-Karten lockt. Darüber hinaus ist der Verfasser für interessierte Leser per E-Mail erreichbar.

Derart gut ausgerüstet verfügt der Leser mit dem Buch über einen Ariadnefaden, mit der er das Layrinth Tokio betreten und sicher wieder herausfinden kann.


Genre: Reisen
Illustrated by BoD Norderstedt

Düsseldorf

Düsseldorf war lange Residenzstadt verschiedener Landesherren; heute ist sie Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen. Neben der „längsten Theke der Welt“ in der berühmt-berüchtigten örtlichen Altstadt kann Düsseldorf auf ein reichhaltiges Sport- und Kulturangebot verweisen.

Wibke von Bonin geht auf die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen ein, Petra Kipphoff auf die Kunstakademie, Fritz Wiesenberger auf Schloß Benrath, Christian Pfannenschmidt auf den Modestandort, Ghislaine Wirth-Dienemann auf den Eishockey (DRG), Peter Haage auf den Aquazoo sowie Uwe Schuller und Hubert Winkels auf die japanische Kolonie am Rhein.

Was Tagesaktualität anbelangt so ist das Heft natürlich hoffnungslos überaltert. Ein Beispiel: Die Kunstsammlung NRW gibt es heute als K20 und K21. Das Heft aus dem Jahre 2009 dürfte da schon ein wenig neuer sein.

Aber egal. Als Beispiel taugt das Heft auch heute noch. Es entspricht demjenigen Niveau, das wir auch heute noch aus der Reisemagazin-Reihe gewohnt sind. Die Berichte sind gut und reichlich farblich illustriert. Aus manchen Berichten kann man auch heute inhaltlich noch einen Nutzen ziehen, beispielsweise aus dem Beitrag über Mutter Ey – er ist so zeitlos und interessant geschrieben, daß er einfach nur gefällt.

Was ist von der vielen, zum Teil großformatigen Werbung zu halten? Daß sie zur Finanzierung der Hefte beiträgt, ist sicherlich richtig. Ein wenig dezenter wäre aber schon schön.

Das Merian-Magazin ist eine seit Juli 1948 monatlich erscheinende Reisezeitschrift, die bis zum Jahre 2000 von Hoffmann und Campe verlegt wurde, seither im Jahreszeiten Verlag aus der Ganske-Verlagsgruppe. Die Hefte befassen sich jeweils mit einer geografischen Region: einem Land, einem Landesteil, einer Ländergruppe oder einer Stadt. Der Name der Zeitschrift erinnert an den Kupferstecher Matthäus Merian, der im 17. Jahrhundert illustrierte Städtebeschreibungen herausgab.

In Artikeln, Reportagen und Essays werden die Geografie, die Wirtschaft, die Politik, die Geschichte und Literatur, aber auch Museen, Kunst und Kultur und die Gastronomie einer Region dargestellt.

Viele Themenhefte werden, je nach Aktualisierungsbedarf, in mehrjährigem Abstand in Bild und Text überarbeitet und dann wieder aufgelegt. Dies ergibt nicht nur eine interessante Sicht auf die historische Entwicklung, sondern auch auf die veränderte Themensetzung, die fotografische Rezeption und Darstellung sowie die literarische Reflexion.

Für die Essays wurden oft bedeutende (Reise-) Schriftsteller gewonnen. Bei der Bebilderung wird oft auf etablierte Reise- und Kalenderfotografen zurückgegriffen; gelegentlich wurden die ganzseitigen Bildstrecken von einem einzigen Fotografen geliefert.


Genre: Reisen
Illustrated by Hoffmann und Campe

Japan in Berlin

Einen nützlichen Reiseführer für Japan-Fans in Berlin liefert Axel Schwab mit diesem 88-seitigen Vademecum. Von den zahlreichen Japan-Restaurants an der Spree wählte er 36 Restaurants aus, die er zusammen mit Empfehlungen für 35 Geschäfte und anderen nützlichen Adressen kombinierte.

Mich freut, dass Schwab viele der Adressen, die ich selbst zu meinen Favoriten zähle, mit Bestnoten versieht. Dazu zählen das »Udagawa« mit feinsten Tempura-Spezialitäten (und einer leider schnell überforderten Bedienung, was Schwab indes gnädig verschweigt), das »Ishin« an der Steglitzer Schlossstraße mit einer sensationell günstigen Happy Hour und das »Daitokai« als wohl ältestes Japan-Lokal in Westberlin.

Toll ist auch, dass es in Berlin mittlerweile Zugang zum japanischen Tee und dem mit seiner Darreichung verbundenen Zen-buddhistischen Zeremoniell gibt. Auch hier weist Axel Schwab den Weg.

Neu entdeckt bei der Lektüre habe ich das »Sake Kontor«. in Berlin-Friedrichshain. Ich muss diese kurze Besprechung deshalb jetzt leider beenden, damit ich dort noch vor Ladenschluss eintreffe..


Genre: Reisen
Illustrated by BoD Norderstedt

Rügen Hiddensee Stralsund

Marco Polo ist eine Reiseführer-Buchreihe, die verschiedene Reiseziele im In- und Ausland vorstellt. Rügen ist eine deutsche Insel in der Ostsee. Hiddensee wird hier vorgestellt, Stralsund, Jasemund und Wittlow, Granitz und Mönchgut sowie Zentralrügen.

Wie bei Marco Polo so üblich, werden Reisemöglichkeiten, Ausflugsziele, Museen, Gastronomie, Hotellerie und vieles mehr vorgestellt. Zum Glück sind oft genug Telefonnummern angegeben, so daß sich der interessierte Leser über aktuelle Angebote und Gegebenheiten informieren kann. Das betrifft insbesondere Öffnungszeiten, Eintrittspreise u. ä. – die können sich ja oft genug kurzfristig ändern.

Gibt es inzwischen auch aktuellere Ausgaben? Diese Frage zielt in Richtung Internet. Die Internetauftritte der vorgestellten Reiseziele sind hier nämlich leider nicht angegeben. Ein wirklicher Mangel ist dies nicht; der interessierte Leser wird die vorgestellten Orte dort sicherlich leicht selbst finden.


Genre: Reisen
Illustrated by Main Geographischer Verlag Ostfildern

Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommern

Marco Polo ist der Name einer Buchreihe, die Reiseziele im In- und Ausland vorstellt. Rostock, Wismar, Stralsund, Rügen und Hiddensee sind die Orte, die in diesem Reiseführer vorgestellt werden. Was Inhalt und Seitengestaltung anbelangt, folgt das Büchlein dem Niveau anderer Marco Polo-Reiseführer. Ausflugsziele werden genauso vorgestellt wie Museen, Einkaufsmöglichkeiten, Hotellerei und Gastronomie – die erfahrenen Marco-Polo-Leser werden die Gemeinsamkeiten schnell bemerken.

Wie würde Marco Polo die Ostseeküste von Mecklenburg-Vorpommern heute vorstellen? Natürlich würden die Weltnetz-Adressen hinzukommen. Wie haben sich die Preise, das Preis-Leistungsverhältnis, das Angebot entwickelt? Der Vergleich zwischen älterer und aktueller Ausgabe wäre schon interessant.


Genre: Reisen
Illustrated by Main Geographischer Verlag Ostfildern

Sylt

Sylt ist eine deutsche Insel in der Nordsee. Marco Polo stellt sie in seiner Reiseführerbuchreise vor. Das Buch entspricht dem Niveau von Marco Polo – die Orte vor Ort werden anhand von Ausflugszielen, Einkaufsmöglichkeiten, Gastronomie und Hotellerie vorgestellt, um die wichtigsten Themen zu benennen.

Die einzige Frage, die übrigbleibt, lautet: Gibt es eine neuere Ausgabe mit aktuelleren Daten? Hilfreich wäre es schon für die Urlaubsplanung von heute.


Genre: Reisen
Illustrated by Main Geographischer Verlag Ostfildern

Norderney

Norderney ist eine Insel in der deutschen Nordsee. Der vorliegende und hier besprochene Reiseführer stellt alle Sehenswürdigkeiten der Insel vor und geht dabei auch auf die besten Restaurants, Unterkünfte sowie Sport- und Wohlfühlangebote ein. Wissenswertes zum Weltnaturerbe Wattenmeer sowie Ausflugsmöglichkeiten nach Baltrum und Juist kommen hinzu.

Soweit man es als Leser, der selbst noch nie auf Norderney war, beurteilen kann, ist in dem vorliegenden Reiseführer alles Wissenswertes enthalten, was man für einen Besuch und Urlaub dort wissen muß. Die Seiten sind gut gestaltet und reichlich bebildet. Der Textteil ist so umfangreich und informativ, wie es der Platz zuläßt.

Wer sich dazu entschließt, tatsächlich Urlaubt auf Norderney zu machen, sollte schon diesen Reiseführer im Gepäck haben.


Genre: Reisen
Illustrated by Michael Müller Verlag Erlangen

Die Erbseninseln

Erbseninseln, Doris Brockmann Da sind wir. Plötzlich und unerwartet mitten im Herbst. Grau ist es, trübe. Ewig scheint es her, dass wir das Licht des Nordens sahen. Da liegt doch nichts näher, als eine Passage oder zehn zu buchen, die uns zurück entführen in den nordischen Sommer. Genauer gesagt zu den Erbseninseln, gelegen mittenmang in der dänischen Ostsee. 9 Erbsen blieben einst bei einem göttlichen Mahl über und wurden vom gut gesättigten Schöpfer ins Meer geschüttet. Glücklicherweise sind sie nicht untergegangen und sind bis heute nicht nur ein beliebtes Ausflugsziel für glückliche Dänemark-Urlauber, sondern auch phantasieanregende Kost für Autoren und ihre Leser.

Die Autorin Doris Brockmann nimmt uns mit auf diese Reise. Raus aus dem grauen Alltag, glücklicherweise auch raus aus dem grauen Reiseführer-Einheitsbrei. Qua Ferndiagnose, gewickelt mit einer guten Portion Seemannsgarn, aber mit gesundem Respekt vor den Fakten gestaltet sie zehn Passagen. Mal als Münchhausiade, mal als Reportage, auch vor Kriminalgeschichten und exclusiver Hofberichterstattung (Höhö, Frau Königin) schreckt sie nicht zurück.

Das dänische Archipel Ertholmene liegt weit im Osten, näher an Stettin als an Kopenhagen. Die Inseln verfügen nicht nur über ein mediterranes Klima, welches Feigen, Weintrauben und sehr entspannte Insulaner hervorbringt, sondern auch über Geschichte, Kultur, Flora und Fauna satt, das spektakuläre Dreiseiten-Fußballspiel nicht zu vergessen. Die beiden größten Inseln Christiansø und Frederiksø sind durch eine äußerst fragile Brücke verbunden, die maximal 10 Leute gleichzeitig betreten dürfen. Stabiler sind da schon die Strecken, die Doris Brockmann ihren Passagieren bietet. Charmant, mit einem kleinen, feinen Lächeln im Augenwinkel, dabei der feinen Ironie nicht abgeneigt, meistert Doris Brockmann die Passagen über die Erbseninseln.

Sorgfältig recherchiert, sich nicht in den Fallstricken gelegentlichen Seemannsgarns verheddernd, verleiht sie dem Inselalltag einen poetischen Zauber und nimmt uns mit auf den Weg von den Festungsmauern bis zum Ende der Welt, welches auf den Ertholmene zum Glück nur ein kleiner begehbarer Aussichtspunkt ist. Wenn man nicht wüsste, dass es die Erbseninseln tatsächlich gibt, könnte man sich in einem modernen Märchen wähnen.

Dieses Buch ist eine kleine Kostbarkeit, nicht nur wegen der zauberhaften Texte, sondern auch wegen seiner kunstvollen Gestaltung. Kostbar gewandet und banderoliert, wunderbar illustriert durch Wolfgang Gosch präsentiert die kleine Wiener Edition Krill die Passagen, denen jeweils eine Einleitung in Form eines erklärenden Dialogs zwischen einem (fiktiven) Redakteur und einer (weniger fiktiven) Kolumnistin vorangestellt ist. Und nach den Anstrengungen absolvierter Passagen mag sich der ein oder andere geneigte Leser sicher gerne mit einer kräftigen Portion Ærtesuppe, rezeptiert im Buch, stärken.

Fazit: Sehr geehrte Frau Brockmann, Sie haben mir auf’s Feinste über erste trübe Herbsttage hinweg geholfen. Ich verleihe Ihnen hiermit den Titel einer Prinzessin auf der Erbse(ninsel) und widerspreche vehement all jenen, die je gewagt haben sollten, Sie als Erbsenzählerin zu bezeichnen.

Die studierte Germanistin Doris Brockmann lebt in Dorsten, eine kleinen Stadt an der Grenze zwischen Ruhrgebiet und Westfalen, der nicht nur für ihre Sterneköche, sondern auch für ihre phantasiebegabten Schriftstellerinnen weltweit Aufmerksamkeit zuteil wurde. Doris Brockmann schreibt vorzugsweise in Form angewandter Schriftstellerei im Dienste der Alltagsbeobachtung, wovon man sich auf Ihrer Homepage walk-the-lines auf’s Trefflichste überzeugen kann. Ihr Debüt „Das Schreiben dieses Romans war insofern ein Glücksfall“ ist als Kindle-E-Book verfügbar, wurde von der Literaturkritik gewürdigt und hat leider (noch) nicht die Aufmerksamkeit, die auch dieses Werk zweifelsohne verdient.

Diskussion dieser Rezension gerne im Blog der Literaturzeitschrift


Genre: Reisen
Illustrated by Edition Krill Wien

Istanbul, mit scharfe Soße?

Rezensenten haben mitunter ein entbehrungsreiches Leben. Zur sachgerechten Beurteilung des vorliegenden Buches von Alexandra Klobouk bin ich eigens in die Türkei gereist und hoffe nun, dass der Spesenetat des Verlags Onkel & Onkel dies verträgt. Schließlich ist es für alle Beteiligten von Vorteil, ein Buch, das dem Leser die Türkei und ihre Menschen näher bringen will, vor Ort zu lesen und anzuwenden.

Anzuwenden gibt es mittels dieses Buches einiges. Es handelt sich um einen Reise-, Kultur- und Menschenführer der besonderen Art. Mit wenigen Federstrichen, es handelt sich nämlich eher um einen Comic als um ein Lesebuch, schafft es die Autorin, mit gängigen Vorurteilen aufzuräumen. So sind Türken eben nicht nur laut schreiende Gemüsehändler, pubertierende Halbwüchsige mit Goldkettchen und verhüllte Frauen. Es sind in erster Linie ungemein liebenswerte Zeitgenossen mit großem Herzen und ausgeprägter Gastfreundschaft.

Um die Türkei besser kennen zu lernen, schrieb sich die Autorin für ein Semester in einer Istanbuler Universität ein und blieb sieben Monate in der Stadt, von der keiner so genau weiß, ob sie 18 oder 20 Millionen Einwohner hat. In ihrem Buch teilt sie ihre Erfahrungen: Sie erläutert die fast rituelle Bedeutung des Tee- und Kaffeetrinkens. Sie schildert die Bedeutung des Essens und die Fähigkeit der Bevölkerung, sich stundenlang darüber zu unterhalten. Sie führt mit einem winzig kleinen Türkischkurs in die Sprache ein und zeigt, dass Kommunikation zwischen Menschen wichtig ist, um ein Ziel zu erreichen.

Klobouk gibt schließlich Beispiele für die Schönheit und Bildhaftigkeit der türkischen Sprache. »Hosgeldin« (Willkommen!) heißt wörtlich »Du bist zur rechten Zeit gekommen« und »Geçmis olsun« (Gute Besserung!) bedeutet »Möge es Vergangenheit sein«.

Im Ergebnis handet es sich um ein zauberhaftes Buch, das nicht nur in künstlerischer Hinsicht interessant, sondern auch inhaltlich viel bietet. Es ist ein sympathischer Reisebegleiter oder auch ein Geschenk für jeden, der sich für Land und Leute interessiert und – wie der Untertitel andeutet – »auch keine Ahnung hat«.


Genre: Reisen
Illustrated by Onkel und Onkel

The Wings of Kilimanjaro

Alex Tannen heftet kurze Berichte von Eindrücken seiner Reisen durch Ostafrika wie an einer Perlenschnur aneinander und lässt den Leser teilhaben an abenteuerlichen Fahrten. Denn trotz guter Vorbereitung per Internet und sonstiger Kommunikationsmittel lässt sich beispielsweise Tansania, das frühere Deutsch-Ostafrika, nicht so bereisen, wie der Weltenbummler es erwartet.

Eines der Hauptziele, dem sich Tannen verschrieben hat, ist eine Fahrt mit der »Liemba« über den Tanganjikasee. Der Dampfer lieft vor hundert Jahren als »Graf Goetzen« vom Stapel und dampft seitdem tapfer von der Regionalhauptstadt Kigoma die Ostseite des Sees hinunter bis nach Sambia, ohne auf den Fahrplan zu achten. Nach diversen Anläufen schafft der Autor es auch tatsächlich, den Dampfer zu entern. Seine Fahrt verläuft sorgenfrei, der Motor fällt nicht aus, der Kahn gerät nicht in schwere See und selbst seine Kabine wird nicht aufgebrochen. Er schlägt vor, einen Nationalfeiertag auszurufen, sollte einmal ein Boot pünktlich ankommen, zumal einige Sansibar-Fähren leider erst gar nicht ankamen (zwei von ihnen sind 2011 und 2012 untergegangen).

Noch gefährlicher als uralte Schiffe sind Busfahrten. Der Autor fährt seit 15 Jahren durch Ostafrika und wundert sich immer wieder, dass man ihm noch nie ein Ticket für einen Bus verkaufte, den es gar nicht gibt und er zudem noch nie am Ziel feststellen musste, dass sein Rucksack schon ein paar Stunden vorher ausgestiegen war. Dafür erlebt er Fahrer, die kompromisslos durch eine Kraterlandschaft heizt und dabei Bodenwellen, Treibsand, Rillen und Löcher zu Lasten der Knochen seiner Fahrgäste ignoriert.

Doch es gibt auch Fluggerät zum Reisen. Der Titel des Buches »Wings of Kilimanjaro« ist dem Firmenslogan von »Air Tanzania« entlehnt, der auf dem Heck der teilweise abenteuerlichen Maschinen prangt. Diese starten und landen beispielsweise in der Metropole Dar, wo nicht nur planmäßig der Strom, sondern unplanmäßig auch das Notstromaggregat für die Befeuerung der Landebahn ausfällt.

Züge fahren nach dem Zufallsprinzip, Toilettenspülungen funktionieren selten, Türen von Taxis sind oft nur durch absurde Verrenkungen zu öffnen. Der Leser fragt sich, warum der Autor sich all das antut, statt daheim auf der Couch zu liegen und Romane zu verfassen.

Aber immerhin funktionieren Mobilfunk, privater Flugverkehr und die Versorgung mit Kilimanjaro-Bier. Außerdem hängt zum Trost in jeder Hotelrezeption im ganzen Land das gerahmte Porträt des Staatspräsidenten Kikwete. Zumindest das ist gut organisiert.


Genre: Reisen
Illustrated by Kindle Edition

Locande d´Italia

Übernachten als zahlender Gast

Statistisch betrachtet entflieht so ungefähr jeder dritte deutsche Urlauber nach Italien. So weit, so schön. Wer aber in „das Land, in dem die Zitronen blühen“, nach „bella Italia“ reist und zwar nicht ins eigene Ferienhaus, sondern ganz profan gezwungen ist, nach einer Bleibe zu suchen, dem stellen sich viele Fragen. Die nicht unproblematischsten lauten beispielsweise: „Was in Gottes Namen bedeuten in Rom denn eigentlich drei Sterne für ein Hotel?“ „Was für ein Frühstück bekomme ich da wohl – und wie sieht die Ecke des Zimmers aus, die nicht auf dem Foto im Internet zu sehen ist?“ Alles berechtigte Fragen, die sich – nicht nur – in Italien stellen und für deren Beantwortung man entweder Stammgast des fraglichen Hotels werden oder Freunde haben muss, die schon Stammgast sind.
Wie also findet man eine gute, angenehme, ja sogar gastfreundliche Unterkunft in seinem Urlaubsort – und das, ohne die gesamte Urlaubskasse für deren Bezahlung auf den Kopf zu hauen?

Wer in Italien auf der Suche nach einem guten Essen ist, für das er nicht bereit ist in die Sterne-Gastronomie zu pilgern, sondern frische, möglichst regionale Küche zu einem angemessenen Preis erwartet, der kann sich auf den jährlich erscheinenden Führer „Osterie d´Italia“ von Slow Food verlassen.
Und mehr als einmal hörten die Herausgeber von „Osterie d´Italia“ die Frage, warum sie denn nicht auch Übernachtungsmöglichkeiten in der Nähe der jeweiligen Osterie empfehlen würden.
Gerade weil die Auswahl von „Osterie d´Italia“ so herausragend gut ist, taten sich die Autoren von Slow Food ungemein schwer, sich an einen Übernachtungsführer heranzuwagen. Nun aber gibt es ihn! Genauer betrachtet, gibt es ihn schon seit drei Jahren, aber jetzt endlich auch in deutscher Übersetzung.

„Locande d´Italia“ heißt das Buch und im Untertitel: „Übernachten in den schönsten Hotels. Pensionen und Bauernhöfen“. In diesem Buch werden insgesamt 970 Übernachtungsmöglichkeiten aus allen Regionen Italiens beschrieben und empfohlen. Wie aber unterscheidet sich eine solche Übernachtungsmöglichkeit von anderen, nicht empfehlenswerten Nachtlagern?
Slow Food beschreibt die Auswahlkriterien im Vorwort folgendermaßen:
„Unabhängig von der juristischen Form, von der Typologie und sogar vom Komfortniveau kennzeichnen unsere Locande eine ausgeglichene Mischung aus Gastkultur, einer aus der Einfachheit und Freundlichkeit entspringenden Gemütlichkeit, der Ablehnung von Statussymbolen und offen zur Schau getragenem Luxus, sowie vernünftigen Preisen. Es sind Plätze, die aus verschiedensten Gründen und durch passende Adaptierungen an das historische Modell der Gastätten erinnern, erweitert um die Möglichkeit von Übernachtungen, Ruhepausen und kurzen Aufenthalten: ruhige gemütliche Orte, wo man sich nach einem Arbeitstag entspannen kann, ein Stückchen Ferien genießen oder während einer Reise einen Zwischenstopp einlegen kann. Solche Plätze sind für uns Locande, auch wenn sie sich selbst nicht als solche bezeichnen; umgekehrt nehmen wir keine Betriebe in unser Buch auf, die diesem hehren Konzept nicht gerecht werden oder den Namen nur als Lockmittel verwenden.(…)“

Gegliedert ist „Locande d´Italia“ nach den italienischen Regionen und innerhalb der Regionen alphabetisch nach den Orten, in denen Locande empfohlen werden. Die Beschreibungen selbst sagen etwas über die Art des Übernachtungsbetriebes, die Ferienwohnung, das Hotel oder den Bauernhofes aus. Die Besitzer, bzw. Betreiber werden ebenso in die Beschreibung mit einbezogen, wie die Frage, ob der Gast ein italienisches (also für deutsche Gäste: Gar keins!) ein so genanntes „kontinentales“, oder gar ein reichhaltiges Frühstück erwarten darf. Wie sind die Zimmer eingerichtet und werden Kreditkarten akzeptiert? Gibt es einen hauseigenen Parkplatz und wie weit ist das nächste empfehlenswerte Restaurant entfernt?

Bisher hat der Autor dieser Rezension zwei dieser Empfehlungen selbst in Augenschein genommen und dort übernachtet. Das Ergebnis: Alles stimmte. Wenn die Autoren genauso sorgfältig vorgegangen sind, wie bei der Erstellung des „Osterie d´Italia“ – und davon kann ausgegangen werden – dann ist dieser für das deutsche Publikum neue Übernachtungsführer eine wirkliche Hilfe bei der Frage, wo man in Italien denn wohl gerne gesehen ist, als zahlender Gast. Mit Betonung auf Gast.


Genre: Reisen
Illustrated by Hallwag München

Osterie d´Italia 2008/2009

Kleine Helden

In Italien alljährlich, in der deutschen Übersetzung alle zwei Jahre, seit nunmehr achtzehn Jahren, erscheint der mittlerweile auf 904 Seiten angewachsene Führer zu den besten Gasthäusern mit authentischer regionaler Küche in Italien.
Mehrere hundert ehrenamtliche Mitarbeiter von Slow Food schwärmen regelmäßig aus, um die Osterie, Trattorie und kleinen Restaurants in ihrer Region mal auf Herz und Nieren (was für die römische Innereienküche sogar wörtlich zu nehmen ist), mal auf Fisch und andernorts auf Gemüse und Pasta zu testen. Eine Tätigkeit, die ihnen wohl kaum allzu schwer fallen wird, wie wir uns zu behaupten erdreisten. Wer allerdings dahinter ein gigantisches Lobkartell zwischen umtriebigen Genießern und geschäftstüchtigen Gastronomen vermutet, der liegt was „Osterie d´Italia“ betrifft komplett daneben. Das Buch ist in all den Jahren, ohne Ausnahme, ein absolut zuverlässiger Begleiter und Ratgeber bei Reisen durch die italienischen Regionen geblieben.
Mittlerweile werden mehr als 1700 Gasthäuser in ganz Italien und im Tessin beschrieben. Davon sind 155 Lokale neu in den Führer aufgenommen worden. Der Führer ist sortiert nach Regionen und darin alphabetisch nach den Orten, in denen Lokale beschrieben werden. Eine kleine Schnecke neben dem Namen des Lokals zeichnet diese Osterie als besonders beachtenswert aus. Diese Auszeichnung haben in der diesjährigen Ausgabe 210 Gasthäuser erhalten.

Im Vorwort zur jährlichen Ausgabe finden sich immer auch Worte zur Entwicklung der italienischen Gasthäuser. Nach nunmehr 18 Jahren wohltuender „Propaganda“ für diese kleinen Helden der regionalen Küche, ist zwar die auch in Italien grassierende Internationalisierung und Nivellierung der Restaurantküchen nicht gestoppt. In einer nicht gerade kleinen Nische (also eigentlich falsch, so darüber zu sprechen) haben sich die Osterien und Trattorie auch dank dieses formidablen Führers und Werbeträgers kulinarisch entwickeln und ökonomisch halten können.
Ein Grund zur Freude, die sich im diesjährigen Vorwort mal nicht durch einen prosaischen und bilanzierenden Text äußert, sondern durch eine kleine Geschichte, aufgeschrieben von Giovanni Ruffa und John Irving. Wir möchten daraus kurz zitieren und allen Freundinnen und Freunden der italienischen Küchen dieses Werk empfehlen:

„November. Über dem Belbotal hängt der Nebel. Die Bauern sammeln die ersten Karden ein, An einem Tisch der Osteria sitzend, trinken wir in kleinen Schlucken das letzte Glas Gattinara. Pietro hat ihn aus seinem Keller ohne Boden gefischt. Es ist ein aller Jahrgang, wie man früher den Wein gemacht hat, ohne das technische Teufelszeug, das ihn traurig stimmte. Vielleicht hat er deshalb dieses Tannin, das ein wenig den Mund zusammenzieht. Aber in diesem Moment, nach dem Carne cruda, den viereckigen Ravioli, den Kichererbsen mit Rippchen, dem Kaninchen aus dem Ofen und dem Murianengokäse ist er genau das, was wir brauchen (…) In der Zwischenzeit wird es draußen ein wenig dunkel. Schließlich sitzen wir seit fünf Stunden hier. Das ist das Slow Leben.
Pietro! Bring die Spielkarten. Wenn Bruna uns nicht holen kommt, bleiben wir die Nacht über hier. (…)“


Genre: Reisen
Illustrated by Hallwag München

Ich bin dann mal weg

Das Wandern und das Pilgern haben bekanntlich eine lange Tradition in Deutschland. Goethe wanderte, Heine ebenfalls, die Älteren erinnern sich noch an die Wandervogelbewegung oder an die knickerbockerbehosten Herren, die mit Mundharmonika und entsprechendem Liedgut durch die Gegend streiften.

Viel älter ist das Pilgern. Das Wort Pilger stammt aus dem Lateinischen und bedeutet Fremdling. Kirchenlateinisch bezieht sich der Ausdruck Pelegrinus auf eine Person, die aus religiösen Gründen in die Fremde geht.

Zum Thema Pilgern und Wandern hat der Humorist, Schauspieler und Entertainer Hape (Hans Peter) Kerkeling ein Buch veröffentlicht.
Nach überstandener Krankheit beschließt Hape Kerkeling eine Pilgerreise, den Jakobsweg, zu gehen. Die Reise auf dem Camino Francés, eine der alten Europäischen Kulturstraßen, führt ihn vom südfranzösischen Saint-Jean-Pied-de-Port über achthundert Kilometer nach Santiago de Compostela. Das Ziel ist am Ende der Reise das Grab des Apostels Jakobus. Neben Jerusalem und Rom ist Santiago de Compostela das dritte Hauptziel christlicher Pilger. In seinem Reisetagebuch beschreibt Hape Kerkeling den äußerst beschwerlichen Weg, die ermüdenden Tagesetappen, die nicht immer einladenden Pilgerherbergen, Hitze, Kälte, Regen und die Einsamkeit des Pilgers. Er berichtet von den Situationen der körperlichen Schwäche, als er nahe daran ist, diesen Weg abzubrechen. In den schwierigen Situationen erlebt er spirituelle Erfahrungen, Zuneigung von Einheimischen und Freundschaft mit anderen Pilgern. Bei all diesen Strapazen findet er aber auch noch Zeit und Muße, von der Schönheit der Landschaft, Städte und Dörfer zu schwärmen.

»Ich bin dann mal weg« ist eine Empfehlung an Alle, die den Jakobsweg real oder nur im Kopf begehen wollen.


Genre: Reisen
Illustrated by Piper Malik Kabel München

Die verrücktesten Hotels

Eine Fleißarbeit legt Kurt Jaworski mit diesem Band vor, der vom Verlag mit der Aufnahme in seine neu angelegte »Edition BoD« geadelt wird. Auf rund 230 Seiten werden in kurzen Artikeln Quartiere auf Inseln und Bergen, in Palästen und Klöstern, bei Eskimos und Dschungelbewohnern beschrieben.

Die Buchidee ist nett, obwohl es derzeit mehr als 600 deutschsprachige Hotelführer gibt, die sich gegenseitig das Wasser abgraben wollen. »Absolut unvergleichlich« sei sein Führer, erklärt Autor Jaworski, der nach eigenem Bekunden fast 50 Jahre als Tourismus-Manager die Welt bereiste. Den Beweis bleibt er leider schuldig. Nur bei sechs von ihm persönlich favorisierten Häusern vermittelt er den Eindruck, auch tatsächlich vor Ort gewesen zu sein.

Die Zusammenstellung wirkt ein wenig steril. Es scheint, als habe der Autor einen großen Teil seiner Recherche vom Lehnstuhl aus per Internet abgewickelt. Dabei listet er dann häufig Adressen von Reiseveranstaltern auf statt direkt zu den Unterkünften zu führen, die mit Google durchaus zu finden sind.


Genre: Reisen
Illustrated by BoD Norderstedt

Unerwartetes Licht

Bevor Menschen eine Reise unternehmen, lesen sie einen Reisefuehrer. Reisen sie jedoch nach Afghanistan, sollten sie Jason Elliots Buch »Unerwartetes Licht« verschlingen. Besser kann Afghanistan aus der Ferne nicht betrachtet werden.

Mitte der 90iger machte sich Jason Elliot auf zum Hindukush. Hier wollte er lediglich ein Buch schreiben und seine Eindrücke den Menschen zu Hause kundtun. Mehr nicht. Gesagt getan. Mit einer Handvoll Geld in der Tasche, leidiglich guter Ausrüstung, war er sich vor der Reise seiner Schwierigkeiten im vom Bürgerkrieg gebeutelten Land bewusst. Er schreibt in seinem Buch: »Ich hatte noch keinen Führer, und unterwegs gab es keine Hotels oder Herbergen zum Uebernachten. Niemand wuerde Englisch sprechen, es wuerde kalt sein, und die Pässe lagen sehr hoch. Dazu kamen noch der Krieg sowie vollkommene Gesetzlosigkeit — alles in allem also die perfekten Bedingungen für eine wagemutige Expedition.«

Elliot nimmt den Leser mit auf diese wagemutige Expedition. Durch das pulsierende Kabul, die eisigen Höhen des Hindukush bis hin die Ängste im Angesicht des Todes. Vielleicht ein wenig naiv hat er sich auf die Reise gemacht, vielleicht ein wenig manchmal zu überzeichnet — doch stets mitreissend, abenteuerlich und um Details bemüht. So schreibt Elliot ueber das Land inmitten von Asien. Er lässt Muhammad Iqbal zu Wort kommen, der über sein Land sagt: »Asien ist ein lebender Körper, und Afghanistan ist sein Herz. Versagt das Herz, so stirbt auch der Körper. Doch solange das Herz frei ist, bleibt auch der Koerper frei. Wenn nicht, wird er zu einem Blatt im Wind.«

Genau deshalb konnte das Land immer wieder mit einfachen Mitteln gegen seine Eroberer ankaempfen. Timur, Alexander, Dschingis Khan, England, die Sowjetunion und und und. Sie alle versuchten, Afghanistan zu beherrschen. Zahlreiche Zeugnisse vergangener Jahrhunderte zeigen die gescheiterten Versuche. Und eben jenes Land durchreist der Autor, meist dabei auf sich gestellt. Seine Reise beginnt in Kabul, der Hauptstadt von Afghanistan. So schreibt er über Kabul: »Kabul ist ein von Bergen gesäumtes Geschichtsbuch, dessen Buchstaben sich tief in die Gesichter der Menschen eingegraben haben. Bei einem Spaziergang durch die Strassen der Stadt kann man aus den Mienen der Männer und Frauen die Spuren der Jahrtausende ablesen und wird so daran erinnert, dass man einen beispiellosen Schmelztiegel verschiedener Völker betreten hat.« Dieser Schmelztiegel ist Zeugnis der vielen Eroberer, die ihre Frauen und Maenner zum Teil hier lassen mussten oder die freiwillig am Hindukush hängen geblieben sind.

Genau diese verschiedenen Typen von Menschen, die nach Afghanistan kommen oder die hier in ihren Clans leben, beschreibt er in all ihren Facetten: »Sein Gesicht war von einer so tiefen Schwermut überschattet, dass ich in ihm einen ehemaligen Regierungssoldaten vermutete. Die Männer, die unter den Sowjets gezwungen waren, gegen ihr eigenes Volk zu kämpfen, hüteten in ihren Augen stets ein unbeschreibliches Leid. Es war derselbe Gesichtsausdruck, den Vietnamveteranen auch als ‘tausendjährigen Blick’ bezeichnen. Er war unverkennbar.«

Schon nach kurzer Zeit in Afghanistan, nach Kämpfen mit Muhaheddin, der Kälte der Berge, dem kargen Essen könnte nichts anschaulicher sein als der Text eines Faxes aus seiner Heimat England. Die Zeilen sind ihm so nah, doch auch so schrecklich fern: »Ich hielt mich seit zehn Tagen in Kabul auf. Im Hauptquartier des Roten Kreuzes erwartete mich ein Fax von zu Hause. Meine Schwester hatte neue Vorhänge gefunden, passend zu ihrem Teppich. Das Wetter in England sei jämmerlich, es schneie. Und wie sehe es bei mir aus? Es war wie eine Nachricht von einem anderen Planeten.«

Waehrend andere Menschen sich in ferne Laender aufmachen, um als Touristen die Staaten zu entdecken, kam der Autor in dieses Land, um dessen Seele zu ergründen. Der Leser ist dabei der Assistant des Forschers. In guten wie in schlechten Zeiten: »Ich hörte, wie sich in mir ein Schrei löste, fuer den toten Mann und auch für alle Menschen, die jemals im Krieg ihr Leben gelassen haben.« Doch auch die Landschaft machte ihn schauen. Eindrucksvoll stellt der Verfasser dies heraus. Besonders wenn er über die Berge zieht, wird es dem Leser schwindelig: »Je höher der Pfad sich zog, desto bedrohlicher wurden diese Begegnungen. Es war, als würde man auf einem Pferd in der fünften, zehnten oder manchmal gar der zwanzigsten Etage über einen Balkon ohne Geländer reiten und dabei versuchen, sich den Platz noch mit jemanden zu teilen.« Oder aber er bewegt sich mit einem klapprigen Fahrzeug: »Während des Anstiegs heulte der Motor immer verzweifelter. Er gab zweierlei Geräusche von sich: eine Art Jammern, das tief aus seinem Herzen drang und flehentlich um einen höheren Gang bat; darüber legte sich das dumpfe Dröhnen der beanspruchten Zylinder. Es war, als würden wir auf einem mechanischen Drachen reiten, der an einem Lasso hing und dessen animalische Energie sich auf jede einzelne Naht und Niete uebertrug.« Natürlich musste es ja auch wieder hinab. Ständig in Todesangst: »Ich wusste nicht, was schlimmer war: nicht mehr nach vorn sehen zu können und somit alle Hoffnungen aufzugeben oder auf diesen Hauch einer Chance zu verzichten und mich blind dem Schicksal zu uebergeben. Stets sties man vor schroffer Kulisse auf unerwartet aufleuchtende Schönheit, ähnlich wie ein Lichtstrahl, der in eine Höhle fällt. Es war wie ein süsser Moment, der aus vielen mittelmässigen Erlebnissen hervorstach und Empfindungen auslöste, die vergleichbar waren mit dem Blick auf ein fruchtbares und liebevoll bepflanztes Tal nach einem stundenlangen Marsch durch kahle Berge.”

Und in all diesen Gegensätzen lebten die Menschen Afghanistans: die Paschtunen, die Hazara, die Tadschiken, die Usbeken. Das Aufeinandertreffen ist bei Elliot stets ein bewegender Moment. Denn es prallten stets die westliche als auf die afghanische Welt. Seine Eindrücke schildert er so: »Es war nicht allein das Leid der Bevölkerung, das derartige Gefuehle in mir hervorrief, sondern vor allem die ruhige Gelassenheit, mit der die Menschen ihr Schicksal ertrugen. Sie flüchteten sich nicht einmal im Zynismus, obwohl dies angesichts ihres schweren Schicksals nur verständlich gewesen wäre. Statt dessen lächelten sie immer noch.«

Stets macht er sich seine Gedanken über die eigene Welt. Stellt sie bisweilen in Frage und kommt dann zum Kern des Ganzen, indem er in wenigen Zeilen die Frage nach dem Sinn des Lebens herausstellt: »Doch was braucht ein Mensch im Grunde? Etwas zu essen jeden Tag, Wärme und ein Obdach, ein Bett, in das er sich legen kann, und irgendeine Art von Betätigung, die ihm ein Gefühl von Erfüllung gibt. Das ist alles — zumindest soweit es das Materielle betrifft. Und das wissen wir auch. Aber unser Wirtschaftssystem hat uns einer derartigen Gehirwäsche unterzogen, dass wir in einem Grab enden werden unter einer Pyramide von Ratenzahlungen, Hypotheken, absurden technischen Spielereien und Spielzeugen, die unsere Aufmerksamkeit von dieser idiotischen Farce ablenken. Die Jahre brausen vorbei, und die Träume der Jugend verblassen, während sie in den Schrankfächern der Geduld verstauben. Und ehe wir uns versehen, ist der Sarg versiegelt. Aber worin liegt dann die Antwort? Ganz einfach — in der Tatsache, dass wir wählen können zwischen dem Bankrott der Brieftasche und dem Bankrott des Lebens.»

Dem Konsumenten bleibt jetzt die Wahl, das Buch zu lesen oder eines der besten Werke der Reiseliteratur zu verpassen. Es ist ein Muss fuer alle, die es nach Afghanistan zieht.


Genre: Reisen
Illustrated by Piper Malik Kabel München