Riven Rock

riven_rock-9783423127844Nahezu überschwappend dieser Irrsinn. Der arme Mr McCormick, ein Gejagter seiner inneren Richter, der Unfähigkeit Sexualität als etwas Normales sehen und fühlen zu können, eine übermächtige Mutter, eine ebenfalls psychisch kranke große Schwester. Dann die Jahrzehnte, in denen der Millionär weggesperrt leben muss. Wechselnde Psychiater, die „Redekuren“ verordnen, sprich Psychoanalyse, die damals völlig unbekannt war, dazwischen einer, der die Affen und ihre Sexualität im Park des Anwesens erforscht. Sehr schräg, amüsant und gut gemacht. Continue reading


Genre: Belletristik, Romane
Illustrated by dtv München

Der Maulwurf aus Moskau

Vladimir Ivanovich Serkov alias Martin Landau wollte eigentlich Kosmonaut werden. Dann entwickelte er Toiletten für die Schwerelosigkeit und weltraumtaugliches Klopapier samt in Raumanzügen eingebauter Toiletten an der TU Dresden. Um in den Westen zu kommen, verdingt er sich als Spion beim britischen Geheimdienst MI6.

Der Autor schildert das Leben des Computerspezialisten und beginnt dessen Odyssee durch die unterschiedlichen gesellschaftlichen Systeme in einer Verhörzelle von Stasi und KGB, wo man ihn gefügig macht. Mit dem Zusammenbruch des Sozialismus und der Maueröffnung entfällt seine Existenzgrundlage. Er geht nach Wien, wo er sich als Kellner verdingt, dann jedoch mittels gefälschter Papier einen Spitzenjob für ein bundesdeutsches Rüstungsunternehmen bekommt, für die er eine Software zur Steuerung militärischer Drohnen entwickelt.

Doch seine alten Auftraggeber spüren ihn auf und schieben ihm einen Quellcode unter. Mit dem frisch programmierten Trojaner wollen die Russen bei jedem Drohnenflug mit von der Partie sein. Martin wehrt sich, aber er hat eine Schwachstelle: seine frisch angetraute Frau. Geheimdienste mögen Menschen mit Schwachstellen, weil sie diese leichter manipulieren und erpressen können.

Die ehemaligen KGB-Mitarbeiter, die unverändert im Geheimen tätig sind, spielen Landau Software zu, die er auf die Entwicklungsrechner seines Auftraggebers überspielt. Allerdings wird ein Kollege aufmerksam, der schnell merkt, dass ein Einzelner nicht derart umfangreich programmieren kann. Er spricht Martin an, wenige Tage darauf stirbt er nach einem Treffen mit einem russischen Lockvogel an einer Überdosis Crystal Meth.

Landau begreift endgültig, dass er nur ein Spielball in den Händen seiner Auftraggeber ist und dass sein Leben keinen roten Heller mehr wert sein wird, wenn er den Job erst einmal pflichtgemäß erledigt hat. Im Gegenteil: Als Mitwisser wird er vermutlich Opfer eines geheimnisvollen Verkehrsunfalls oder erliegt aus heiterem Himmel einem plötzlichen Herzstillstand. Er hängt wie eine Marionette an der dünnen Strippe unbekannter Puppenspieler, die die Fäden durchschneiden können, wann immer es ihnen passt.

Er setzt alles auf eine Karte und plant den großen Befreiungsschlag, um sich und die Seinen für immer aus der Abhängigkeit der Schlapphüte zu befreien. Dabei bedient er sich alter Seilschaften, trifft aber auch auf einen Bundesgenossen, an den er nie zuvor gedacht hatte.

Autor Detlev Crusius, der unter dem Pseudonym Eddy Zack schreibt, legt einen hochkomplexen Agentenroman vor, der regelrecht nach Verfllmung schreit. Er schafft es, das perfide Spiel der Geheimdienste gegen- und miteinander zu schildern, und so wundert es zum Schluss nicht, dass es die Amis sind, die an Trojanern interessiert sind, mit denen sie ihre NATO-Bündnispartner kontrollieren. In Zeichen von Wikileaks und NSA ist dieser packende Kriminalroman eine hochpolitisch, absolut zeitgemäße Geschichte, die vermutlich nur noch von der Wirklichkeit überholt werden kann.

Der Leser gewinnt auch Verständnis, warum immer wieder fiktive Bedrohungen produziert werden, für deren Beseitigung man unbedingt neue Waffensysteme wie die hier behandelten Drohnen benötigt. Wie jede Kirche aus der Angst der Gläubigen vor dem Jenseits ihre Daseinsberechtigung ableitet, so leben auch die Geheimdienste nur von der Angst ihrer Regierungen, man könne ihnen auf die Schliche kommen.

Ein packendes Buch mit großem Potential.


Genre: Agentenroman, Romane, Spionageroman
Illustrated by Kindle Edition

Was wir nicht wussten

WaswirnichtwusstenDa traut eine Autorin sich aber was. Mit „Was wir nicht wussten“ legt die Amerikanerin TaraShea Nesbit ein ganz erstaunliches Debüt vor. Sie wagt sich an ein totgeschwiegenes Thema und nutzt dafür eine überaus seltene literarische Form.

Ihr Thema ist das Manhattan Project: Während des zweiten Weltkriegs schickten die Amerikaner Tausende Physiker und Techniker in die Wüste, nach Los Alamos. Ihr geheimer Auftrag: Der Bau der Atombombe. Mit den Wissenschaftlern kamen ihre Frauen und Kinder. Sie kamen von überall auf der Welt und ihre Gemeinsamkeit bestand in einem Geheimnis, welches sie selbst nicht kannten. Zwar brauchten sie nicht um an der Front stationierte Männer bangen, doch diese relative Sicherheit bezahlten sie mit einem improvisierten Leben hinter Stacheldraht. Die Geheimhaltung war absolut und durchdrang alle Aspekte ihres Lebens. Namen wurden geändert, Kontakte zu Familien und Freunden rigoros unterbrochen. Ihr Alltag definierte sich nur durch das , was sie nicht tun konnten. Briefe, die sie nicht schreiben durften, Freiheiten, die sie nicht mehr hatten, Dinge, über die sie nicht reden durften, Fragen, die nicht gestellt werden durften, nicht einmal Mutmaßungen waren gestattet.

Und doch oder gerade deshalb etablierte sich in der unwirtlichen Gegend, der im Nichts aus dem Boden gestampften Forschungsstadt eine Gemeinschaft. Man zog in identische olivgrüne Häuschen, kämpfte mit Wasserknappheit und um das Privileg einer Badewanne. Freundschaften entstanden, Kinder wurden geboren, der Alltag behauptete sich, man feierte Partys, lernte Klavierspielen und Reiten. Es waren vor allem die Frauen, die zusammenwuchsen, während ihre Männer an einer bis heute unvorstellbaren Zerstörungskraft arbeiteten. Erst als im Sommer 1945 Hiroshima und Nagasaki dieser Zerstörungskraft zum Opfer fielen, begriffen die Frauen, woran ihre Männer gearbeitet hatten. Und sie wussten, dass sie es aller Geheimhaltung, allem Bemühen um Normalität zum Trotz schon immer gewusst hatten.

An dieser Stelle endet die Erzählung. Was aus den Frauen, aus den Familien wurde, wie sie mit diesem Wissen weiterlebten, ist nur eine der vielen Fragen, die dieser erstaunliche Roman aufwirft. Man erfährt gerade so eben noch, dass bei aller Unfasslichkeit doch auch ein hoffnungsvoller Gedanke durch die Köpfe der Frauen ging, der fromme Wunsch, dass nun endlich alles vorbei sein könnte. Neben allem anderen Entsetzen entsetzt auch diese Erkenntnis: dass zu jeder schrecklichen, grausamen Tat eben auch die Menschen gehören, die diese umsetzen und am Randgeschehen ihre Familien.

TaraSheaNesbit erzählt von den drei Jahren in Los Alamos als einer unwirklichen Zeit . Was ihren Roman so berührend macht, ist die Tatsache, dass er auf historischen Ereignissen beruht. Sie erzählt von Geschehnissen, die bis heute von Mythen und Geheimhaltung umrankt und schwer zu begreifen sind. Wie sehr diese Zeit im Nebel des Mythos verschwunden ist, wieviel Recherchearbeit nötig war, um wahrhaftig zum Kern vorzustoßen, lässt die Danksagung am Ende des Romans erahnen. Wie sie diese Schicksale und die Ausnahmesituation schildert, ist dabei erstaunlich spröde und distanziert. Sie erzählt nur Bruchstücke, es gibt Dutzende Personen, deren Schicksal man nur streift. Doch Tara Shea Nesbit schafft es, in einem einzigen Satz eine ganze Geschichte zu erzählen. Ihr eigenwilliger Stil entfaltet einen sehr besonderen Sog, dem sich der Leser nur ganz schwer entziehen kann.

Ausgesprochen ungewöhnlich ist die Form des Erzählers. So wie es im gesamten Buch nicht DIE eine Hauptperson gibt, so gibt es auch nicht DIE eine Erzählerin. Erzählt wird durchgehend in der 1.Person Plural. Sehr ausgefallen, sicher auch nicht leicht zu erlesen. Und ganz sicher nicht jedermanns Fall. Lässt man sich aber darauf ein, ist es toll. Nicht nur, weil es anders ist. Wahrscheinlich ist es gerade die literarisch so ungewohnte Wir-Form, welche den Sog des Buches ausmacht. „Wir kamen als Jungvermählte oder im verflixten siebten Jahr“, heißt es, „manche von uns waren noch nicht US-Bürgerinnen; wir kamen aus Feindesland, aus Deutschland, aber wir waren nicht der Feind“. „Unsere Kinder logen wir an; wir packten, behaupteten wir, um den August bei den Großeltern zu verbringen oder wir sagten, wir wüssten nicht, wo es hinging, was ja auch stimmte oder wir sagten, es handle sich um ein Abenteuer“ oder oder oder. Oder ist das meistgebrauchte Wort in diesem Roman, das Wort, welches den Leser immer wieder an die Hand nimmt und ihn gleichzeitig bei der Stange hält, weil er erfahren will, wo der nächste Weg hinführt.

Man kommt keiner einzelnen Frau, keiner einzigen Familie wirklich näher, ist aber tief berührt von den Geschehnissen. Das „oder“ und die „Wir-Form“ arbeitet die Unterschiede zwischen all den Frauen genau heraus, zeigt aber so die Wichtigkeit und Bedeutsamkeit der Gemeinsamkeiten. Glasklar erkennt der Leser, dass es Situationen gibt, die man nur gemeinsam bestehen kann, auch wenn man dennoch alleine bleibt im tiefsten Inneren. An keiner Stelle wertet die Autorin die Geschehnisse oder die Gefühle der Frauen. Das überlässt sie dem Leser. Gerade dadurch aber wirkt das Buch lange nach.

Ich fand das Buch ohne Wenn und Aber großartig und habe es relativ gierig gelesen. Dennoch ist der Stil der Autorin ausgesprochen gewöhnungsbedürftig und ganz sicher nicht jedermanns Fall. Meine Empfehlung: Leseprobe runterladen und wenn man mit dem Stil klar kommt, unbedingt weiterlesen. Dann gehört dieser Debütroman zu den Büchern, die man nie mehr vergisst. Man muss sich aber darauf einlassen.

TaraShea Nesbit ist Dozentin für Creative Writing an der University of Denver und der University of Washington. Texte von ihr erschienen bisher lediglich in zahlreichen Literaturzeitschriften. Die Geschichte der Frauen von Los Alamos ist ihr erster Roman.Die Handlung beruht auf historischen Ereignissen.


Genre: Historischer Roman, Romane
Illustrated by dumont Köln

Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt

Magical Mystery Die Magical Mystery Tour! In der Rockmusiker-Szene so etwas wie eine globalgalaktische Sehnsuchtsbestimmung. Bei den Beatles 1967 ging es mehr oder weniger schief, der Funke sprang nicht so recht über. Besser läuft es damit hingegen bei einer bekannten PunkrockCombo aus dem Dorf an der Düssel, die mit ihren Magical-Mystery-Wohnzimmer-Konzerten dem beschworenen Ideal von love and peace noch am nächsten kommen. Der Musiker und Schriftsteller Sven Regener nun verlegt dieses Sehnsuchtsding kurzerhand in die Elektromusik/ Raverszene, denn „Raver machen dies, Rocker machen das, das ist doch alles nur vorgeschobener Scheiss!“ Und zur Freude seiner Fans hat Regener Karl Schmidt an’s Steuer des Tourbus gesetzt.

Karl Schmidt? Wer war das noch gleich? Karl Schmidt mit dt, genannt Charlie. Richtig. Der Charlie! Der nicht zu Ruhm und Ehre gekommene Installationskünstler, bester Freund von Herrn Lehmann, DEM Regener-Helden. Charlie, der eifrige Konsument diversester bewusstseinsverändernder Drogen, der großherzige Charlie, der es fertig brachte, just am Tag der Maueröffnung mit einer Psychose in der Klapse zu landen, dieser Charlie sitzt nun am Steuer eines Sprinters auf Magical Mystery Tour oder wie die eigentlich geschäftstüchtigen Raver sagen: „Dieses Ding mit der Liebe„. Denn „das ist das, was die Sachen sexy macht, dass man zugleich jung ist und doof und trotzdem schlauer als alles anderen

Doch bevor die Tour losgeht, erfährt der geneigte Leser zunächst, was dem guten Charlie nach seiner Einlieferung in die Klapse geschah. Wir treffen Charlie wieder in einer wolkigen Parallelwelt namens „Clean Cut“, einer drogentherapeutischen Einrichtung in Hamburg. wo er sich in alter Gutmütigkeit und bewusster Unauffälligkeit übt. Sogar in das ganz normale Berufsleben hat er sich integriert und gibt als Hilfshausmeister und Streichelzoowärter eines Kinderkurheimes alles. Bis er eines Tages zum einen erfährt, dass er einen neuen Haupt-Hausmeister vor die Nase gesetzt bekommt und zum anderen in einer Altonaer Eisdiele eine Begegnung mit seiner Vergangenheit hat. Er trifft Raimund. einen der alten Raver-Kumpels, der es doch erstaunlicherweise in der Zwischenzeit als Mitinhaber des Labels „BummBumm“ zu etwas gebracht hat, vor allem zu Geld.

Dieser Raimund plant gemeinsam mit seinem Partner Ferdi just jene Magical-Mystery-Tour, die den Gummistiefel Techno und den Rave der 90er mit der Love-and-Peace Sehnsucht vereinen soll. Charlie, der sich nur noch einen kleinen Schritt entfernt von einem selbstbestimmten Leben fühlt, kommt ihm gerade recht. Denn sie brauchen noch einen Steuermann, der nicht nur den Bus, sondern auch die Geschicke der Tour lenken soll. Dave, der es eigentlich machen sollte, hat für den Geschmack der idealistisch Beseelten zu sehr das Gemüt eines Erbsenzählers. Man braucht einen, der nüchtern bleiben muss und im Gegensatz zu den Mitreisenden halbwegs klar denken kann, zugleich aber auch an die von „BummBumm“ ausgerufenen Ideale glaubt. Kurz, Charlie soll es machen. Und Charlie macht. Wenn man ihn schon nicht zum „richtigen“ Hausmeister befördert.

Denn dadurch, dass man ihn bei der längst fälligen Beförderung in der kleinen Spießerwelt übergeht, mit der er sich gerade so mühsam versucht zu arrangieren, bekommt der nach Zugehörigkeit und Anerkennung suchende Charlie einmal mehr die Bestätigung, dass er in dieser Welt wohl auf immer der „Psycho-Dödel“ bleiben wird. Genau in diesem Moment tritt die Magical-Mystery-Nummer in sein Leben. Das muss doch ein Zeichen sein. (Dass er auch diesen Job nur angeboten bekommt, weil einigen die Nase des eigentlich vorgesehen Dave nicht passt, blendet er dabei geschickt aus) Er sieht es als Chance, in die von ihm nie vergessene und immer geliebte Welt durchgeknallter Künstler zurückzukehren.

Eine Welt, in der man sich Hosti Bros nennt, Saxophon-Stücke als Lied mit der Flöte hypet und in der manchmal auch nur ein Arschwackeln reicht, um zu reüssieren. Eine Welt, die alles nicht ganz so ernst nimmt, aber mittlerweile auch zu Charlies großem Erstaunen eine Welt geworden ist, die Riesendinger a la Mayday Dortmund (im Buch Springtime in Essen) mit Erfolg auf die Beine zu stellen vermag. Wenn auch noch nicht mit dem mega Erfolg, den ElektroMusic, Djs und Rave heutzutage haben. Regeners Buch spielt eher in der Zeit, als German dance noch so etwas wie der ganz heisse Scheiss war und Ideale noch salonfähig. Wenn man auch mitunter den Eindruck hat, dass Charlie der letzte echte Idealist in der Bummbummtruppe ist.

Glücklicherweise hilft diesem seine pragmatische Art, mit der er den Aushilfs-Hausmeister im Kinderkurheim gegeben hat, nun auch prima das Magical-Mystery-Getingel einigermaßen zu wuppen. Und wer weiß, vielleicht findet er ja einen Weg, nach der Tour ein neues Leben in einer alten Welt gut auf die Reihe zu kriegen. Denn seine Künstlervergangenheit ist ihm lange noch nicht egal, wie sich zeigt, als er in einem Antiquariat zum ersten Mal den Katalog für seine eigene, dareinst in den 80ern geplante und dann geplatzte Ausstellung findet.

Charlie ist ein großartiger Held, ein sympathischer noch dazu. Letzten Endes sogar einer, mit dem man schneller warm wird, als mit Herrn Lehmann. Von dem im übrigen im Buch auch immer mal wieder mehr oder weniger wehmütig die Rede ist. „Frankie, die alte Socke… wir hätten ihn nicht dauernd Herrn Lehmann nennen dürfen“ Soviel sei gespoilert: Ja, der Leser wird erfahren, was aus Herrn Lehmann geworden ist. Aber – nein, es wird kein Wiedersehen mit Herrn Lehmann geben. So billig macht es ein Sven Regener glücklicherweise nicht. Hat auch eine gewisse Logik: Die Geschichte von Herrn Lehmann war weitestgehend auserzählt, er war ja auch nicht wirklich ein Typ, um den man sich hätte Sorgen machen müssen. Das war einer, der immer wieder auf seine Füße fallen würde. Es waren ganz andere Typen, die in den vorangegangenen Büchern hinten rüber gefallen sind und deren Geschichte noch zu Ende erzählt werden kann. Wie die von Charlie eben.

Seinem Helden zur Seite gestellt hat Regener mit den Ravern Figuren, die von Apfelwein und anderen Drogen beseelt ununterbrochen die Dinge des Lebens bequasseln und den Begriff Laberflash aufs beste illustrieren, gelegentlich aber auch mal was Erhellendes sagen. So atemlos wie die Raverszene in der äußeren Wahrnehmung daherkommt, so atemlos liest sich das Buch streckenweise auch. Gequirltes Gesabbel de luxe. Manchmal witzig, manchmal nervtötend, aber immer authentisch, Grammatikfehler in wörtlicher Rede absichtlich inbegriffen. Milieugenauigkeit war schließlich schon immer eine der großen Stärken Sven Regeners. Das kann er wie kein Zweiter. Hier eine Szene, dort ein Dialog und schon hat man die jeweilige Welt in ihrer ganzen Surrealität vor Augen. Egal, ob es die zwischen Nostalgie, Geschäftstüchtigkeit und Idealismus sich nicht entscheiden könnende großmäulige Techno Szene ist oder die zwischen Bevormundung und Weltverbesserer-Gehabe schwankende Clean-Cut-Welt.

Regeners Figuren haben alle eine Macke, aber man muss sie mögen. Er hat ganz einfach ein Herz für die Bekloppten dieser Welt. Doch so entlarvend manche Szenen sind, so wenig schaut Regener und mit ihm der Leser auf sie runter. Eine ganz große Stärke entwickelt das Buch in den Momenten, wo es Karl Schmidt über seine paronaiden Schübe, „das Dunkel, das ihn bedroht“ und wie er damit umgeht, erzählen lässt. Im Buch ist es die DJane Rosa, in die Charlie sich so ein bißchen verliebt, die stellvertretend für den Leser wissen will, wie es so ist, wenn man verrückt wird. Das erzählt einem ja sonst keiner. Aber Charlie erzählt es jetzt. Ganz nüchtern, nicht wehleidig, nicht pathetisch und genau darum so berührend erzählt er es Rosa und mit ihr dem Leser in bester Hausmeister-Manier, wie es ist mit „der Schraube, die einmal überdreht wurde und nie wieder richtig fest sitzt

Was bleibt nach der Lektüre? Ein Einblick in die goldene Aufbruchzeit der Raver, Freude, Hoffnung und trotz gelegentlicher Längen und Überdruss ob des allzu breitgetretenen Gelabers die wiederholte Erkenntnis, dass es wenige gibt, die wie Regener mit der deutschen Sprache umgehen können. Texte von ihm machen einfach immer wieder Freude, egal ob es Liedtexte oder Prosa sind. Weit und breit ist wohl keiner zu finden, der Wörter derart kunstvoll zu gebrauchen weiß und damit entzückt, egal ob es der gesungene „Schwachstromsignalübertragungsweg“ oder die „Verlaufskontrollpreußen“ in der „Bummbummigkeit“ der Magical Mystery Tour sind. Und alte abgenudelte Sponti-Sprüche à la „Profile sind nur was für Reifen“ in Literatur umzuwandeln, das muss man auch erstmal fertig bringen. Darüberhinaus möchte man ihm schon ziemlich gerne den Titel „Meister der ersten und letzten Sätze in einem Roman“verleihen. Auch wenn diese hier absichtlich nicht zitiert werden, da man sie sich ruhig selbst erlesen sollte, sie sind extremst gelungen – Chapeau.

Sven Regener lebt in Berlin. Bekannt und beliebt wurde er einem eingeschworenen Fankreis als Frontmann der Band Element of Crime. Mit seiner Trilogie über Herrn Lehmann machte er sich auch als Schriftsteller einen Namen und brachte das Kunststück fertig, seitdem mit diversen Projekten gleichermaßen als Lieblings des Feuilletons und der Indie-Szene die deutsche Kulturszene aufzumischen. Dass einem während der Lektüre der Magical Mystery ständig EoC Liedtexte in den Sinn kommen, gehört wohl ebenso zu den Nebenwirkungen und Begleiterscheinungen des Regener-Universums wie die Tatsache, dass man während des Lesens immer Detlef Buck als Karl Schmidt vor Augen hat.

Nachsatz zur Rezension am 03.12.2015:

Der Kollege Kretzler hat dieses Buch in der Kindle-E-Book-Version gelesen. Neben der Begeisterung für das Werk hat er aber eine kritische Anmerkung, die durchaus in eine Buchbesprechung gehört. Ich zitiere deshalb auch an dieser Stelle aus untenstehendem Kommentar des geschätzten Kollegen:

Was mir bei der Kindle-Version negativ auffiel waren wiederholt unmotivierte Zahlen in eckigen Klammern mitten im Text, da wurde geschlampt.“


Genre: Romane
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Wilder Fluss

515It+rl-dL._SX330_BO1,204,203,200_Der South Nahanni River in den kanadischen Northwest Territories ist bekannt für seine Geschichten um mysteriöse Todesfälle, kopflose Leichen und Entführungen, aber er kann auch der Schlüssel zum Überleben der Menschheit sein oder ihrer Zerstörung. Del dachte, dass ihr Vater schon lange tot war. Doch jemand aus ihrer Vergangenheit behauptet etwas anderes. Jetzt ist sie mit einer Gruppe ihr nahezu fremder Menschen auf einer lebensgefährlichen Mission. Vor sieben Jahren verschwanden Del Hawthornes Vater und drei seiner Freunde in der Nähe des Nahanni River und wurden für tot erklärt. Del ist schockiert, als ihr einer der vermissten Männer an der Universität begegnet; gealtert zwar und kaum wiederzuerkennen, aber äußerst lebendig. Was der Mann ihr sagt, scheint undenkbar: Auch ihr Vater ist noch am Leben! Mit einer Gruppe von Freiwilligen fährt Del zum Nahanni River, um ihren Vater zu retten. Was sie vorfindet, ist ein geheimnisvoller Fluss, der sie in eine technologisch fortgeschrittene Welt voller Nanobots und schmerzhafter Seren führt. Del deckt eine Verschwörung unvorstellbaren Grauens auf, die uns alle zu vernichten droht. Wird die Menschheit für die Suche nach dem ewigen Leben geopfert werden? Ab welchem Punkt werden wir zu… Gott?

Delila ist Mitte 30 und hat den (angeblichen) Tod Ihres geliebten Vaters, eines angesehenen Genetikers, nie überwunden. Jetzt taucht einer seiner Kollegen plötzlich auf und behauptet, dass Ihr Vater noch am Leben sei. Er liegt im Sterben, kämpft gegen eine unbekannte Variante von Progeria, die den Körper im Zeitraffer altern lässt, kann Del aber noch sein Notizbuch mit rätselhaften Codes übergeben, bevor er das Bewusstsein verliert! Für Del steht nun fest dass Sie Ihren Vater finden und nach Hause bringen muss. Gemeinsam mit Ihrem Exfreund stellt sie ein Expeditionsteam zusammen, um am Nahanni River mitten in der kanadischen Einöde nach Ihrem Vater zu suchen, denn dorthin brach er vor 7 Jahren zu Forschungszwecken auf.

Das Buch beginnt als spannender Abenteuerroman, mit dem Überleben in der Wildnis, Spurensuche in den Wäldern, Kanufahrten auf dem reißenden Fluss und hat mir bis dahin äußerst gut gefallen, was auch an den verschiedenen Persönlichkeiten liegt, die miteinander auf die Suche gehen und dort aufeinanderprallen.

Nach der Hälfte kippt die Geschichte aber (leider) und driftet mir zu sehr in ScienceFiction ab und das hat mir gar nicht gefallen. Damit hätte ich ja noch leben können, denn jetzt wollte ich auch wissen, wie die Geschichte endet. Ich hatte mich mit ScienceFiction abgefunden, aber auch die Handlungen und die Gespräche der Figuren ändern sich stark. Die Geschichte wird sehr unglaubwürdig, ich habe an manchen Stellen mit dem Kopf geschüttelt, weil sich kein normaler Mensch so verhalten würde. Vieles ist meiner Meinung nach einfach unlogisch und unglaubwürdig (und ich rede nur vom Verhalten der Figuren, nicht von ScienceFiction Aspekten)! Die Geschichte wird nach und nach leider immer blöder, obwohl sie mir zu Anfang so gut gefallen hat und das Ende fand ich auch sehr enttäuschend…! Na ja, zumindest war es kein „Friede-Freude-Bratkartoffel-Ende“ das ich schon befürchtet hatte.

Eine Geschichte aus deren Grundidee (illegale Stammzellenforschung, der Besessenheit von ewiger Jugend und Macht) man wirklich viel hätte machen können, aber irgendwie hat das nicht so ganz geklappt! Die ScienceFiction Elemente waren auch einfach zu viel des Guten und hätten nicht sein müssen. Oft ist weniger halt einfach mehr.

Cheryl Kaye Tardif ist eine preisgekrönte, kanadische Bestsellerautorin. Ihr bekanntestes Werk ist der übernatürliche Thriller „Des Nebels Kinder“, der sich über 60.000 Mal verkaufte. Sie wird mit Michael Crichton, James Patterson und J.D. Robb verglichen.

 


Genre: Romane, Thriller
Illustrated by Luzifer Verlag

Grosse Liebe

Kermani grosse Liebe Was löst Liebe aus bei einem Menschen und wie verändert er sich dadurch? Dieser Frage geht Navid Kermani in seinem Roman „Grosse Liebe“ in Gedanken nach. Die Liebe – so das Fazit des Romans – ist, muss es sein, was Menschen über alle Kulturen, Religionen und Jahrhunderte hinweg verbindet.

Navid Kermani erinnert sich an seine Schulhofliebe in den 80er Jahren. Fünfzehn Jahre war er alt und es waren nur wenige Tage, in denen er alle Phasen der Liebe durchlebte. Von der alle Sinne verwirrenden Schwärmerei für die Allerschönste aus der Raucherecke im gymnasialen Pausenhof über den ersten Kuss, die erste Aufopferungsbereitschaft bis schließlich hin zum radikalen Bruch, der schroffen Zurückweisung durch die Geliebte. Kermani erzählt von dieser Liebe vor dem Hintergrund der friedensbewegten 80er Jahre und verknüpft seine Erinnerungen mit Erzählungen islamischer Liebesmystiker aus dem 12. und 13. Jahrhundert.

Der zwischen Unschuld und Verzweiflung schwankenden Liebe des 15jährigen stellt er die Erzählung Ibn Arabis über die sagenhaft schöne Leila und den ihr verfallenen Madschnun gegenüber. Die Erkenntnis hier wie dort: Würdevoll und töricht zugleich ist die Liebe, sie adelt den Menschen und gibt ihn gleichzeitig der Lächerlichkeit preis. Nicht ohne Erleichterung kommt der erwachsene Erzähler dennoch zu der Erkenntnis, dass bei aller Narrheit des 15jährigen die hemmungslose Demut des Madschnun seiner Lebenswirklichkeit nicht entspricht und entsprach. „Ich glaube allerdings, der Junge hätte Ibn Arabi den Vogel gezeigt“.

„Grosse Liebe“ ist ein Roman, der von Erinnerungen eines ungestümen Jugendlichen lebt, doch das Buch ist weder als klassischer Liebesroman noch als Coming-of-Age-Geschichte angelegt. Auch die schwärmerische Huldigung an die Schönste ist nur mehr ein Mosaikstein zur Lösung des Rätsels der Liebe. Die Erzählungen der arabisch-persischen Liebesmystik sind das ureigene Metier des habilitierten Orientalisten Kermani. Es sind diese alten, aber zeitlosen Geschichten, mit denen er zeigt, dass sich Liebe nie ändert und mit denen er einen ganz eigenen, sehr behutsamen beschriebenen Beitrag zum Verständnis untereinander über alle Kulturen hinweg leistet.

Doch es ist nicht nur das Wesen der Liebe, das er mit der Erzählung dieser (von ihm als rein und wahrhaftig empfundenen) ersten Liebe erinnern will. Gleichzeitig reflektiert er auch die Angst vor dem Verlust, es ist ein Versuch, diese Angst in ihre Schranken zu verweisen. Er will nicht nur seinem eigenen 15jährigen Ich nachspüren, es ist auch sein Weg, seinen nunmehr 15jährigen Sohn zu verstehen.

Der Sohn entgleitet ihm jäh und unvermutet, er verschmäht den häuslichen Geburtstags-Frühstückstisch mit dem liebevoll gebackenen Schokoladenkuchen zugunsten eines Treffens mit Freunden in einer neumodischen Kaffeehaus-Kette. Kermani erinnert sich an den Kummer, den sein durch die Liebe verursachtes irrationales Handeln seinen Eltern bereitet hat. Nicht nur, dass er ohne Meldung über Nacht wegblieb, einmal musste der Vater ihn sogar aus einer Arrestzelle holen. Da ist die Kaffeehaus-Kette ja noch das kleinere Übel.

Kermani erzählt diese Geschichte auf allen Ebenen in einer sehr melodiösen, wohlgesetzten, gleichwohl leicht zu lesenden Sprache, die den Leser angenehm durch die Geschichte gleiten lässt. Wenn überhaupt etwas den Lesefluss unterbricht, dann seine gelegentlichen, bemüht wirkenden Abstecher in die Meta-Ebene. Einhundert Schreibtage habe er sich gegeben, einhundert kurze Abschnitte sollten es werden und sind es geworden. Doch nicht immer passt es so, wie es der um stete Perfektion bemühte Erzähler wünscht. Da wird der Plan mal nach vorne, mal nach hinten geschoben, solange bis die Schönste aus der Raucherecke auch genau in der Mitte der Erzählung ihre Schenkel öffnet. Die Geschichte wirkt dadurch gewollt harsch unterbrochen, warum der Erzähler das allerdings möchte, bleibt im Verborgenen. Vielleicht will er seine gelegentlich ins Schwärmerische abgleitenden Beschreibungen dadurch relativieren, doch das hätte es nicht gebraucht.

Navid Kermani gilt in der deutschen Kulturszene als bedeutender Intellektueller, nicht zuletzt auch durch die Gründung der Kölner Akademie der Künste der Welt. Er ist vielfach preisgekrönt, nicht immer unumstritten und hat sich sowohl als Wissenschaftler wie auch als Autor einen Namen gemacht. Er selbst sagt, seine Aufgabe als Autor sei die (Selbst-)Kritik und Versöhnung der europäischen und der islamischen Kultur. Im deutschen Bundestag hielt er eine vielbeachtete Laudatio zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes. Getreu seiner selbstgestellten Aufgabe konfrontierte er die Abgeordneten und mit ihnen das ganze Land mit Lob und Kritik gleichermaßen. Die Wichtigkeit solch besonnener Worte kann jederzeit kaum hoch genug geschätzt werden.

„Grosse Liebe“ ist kein politisch motivierter Roman, aber die Handlung ist eingebettet in die Zeit der Friedensbewegung, der Demos im Bonner Hofgarten, der Hausbesetzerkommunen. Bis ins kleinste Detail, vom Räucherstäbchenduft über selbstgetöpferte Teetassen bis hin zu den unvergessenen Latzhosen jener Tage lässt Kermani die Atmosphäre wieder auferstehen und rahmt seine Erinnerungen darin ein. Es sind Erinnerungen, die ein Teil seiner Generation kennt und die heute phantastisch naiv anmuten. Leider. Wie auch Kermani bedauernd anmerkt. Denn so unpolitisch sein Roman auf den ersten Blick daherkommt, ist er denn doch nicht.

Es ist eine der ganz großen Stärken des Erzählers, dass immer wieder ein Nebensatz, eine beiläufig gezogene Schlußfolgerung kommt, von der man erst Tage später merkt, dass man dauernd darüber nachdenkt. So zum Beispiel, wenn er aufrichtig bedauert, dass von der Zeit der 80er nichts im kollektiven Gedächtnis der heutigen Bundesrepublik blieb, so dramatisch und umstürzlerisch sie den Beteiligten auch damals vorgekommen sein mag. Er schätze diese Zeit, „weil sie eines nicht war, nämlich cool und ironisch„. Es sei „das bisher letzte Mal in der westlichen Welt gewesen, dass das Gutmeinen, Altruismus, Sanftmut als Tugend galt“ – genau wie in den traditionellen arabischen Geschichten.

Diejenigen aus Kermanis Generation, die seine Erinnerungen an etliche im Buch beschriebene Ereignisse teilen, werden – wenn sie ehrlich zu sich selber sind – zu der Schlußfolgerung kommen: Er hat recht. So idealistisch, so begeisterungsfähig, so vom Glauben an den Frieden beseelt war keine Generation mehr danach und auch diese Generation hat sich längst in den Zynismus geflüchtet. Was daraus resultierte und noch resultieren mag – diese Frage sollte man sich in der Tat stellen, diesen Gedanken in der Tat zu Ende denken.

Und so ist dieses Buch über die Liebe vielleicht auch grundsätzlich zu verstehen. Als Buch nicht nur über die Liebe zwischen zwei Menschen, sondern auch zu den Menschen.

(Erstveröffentlichung dieser Rezension in den Revierpassagen.de 2014)


Genre: Erinnerungen, Romane
Illustrated by Hanser Verlag München

Die Frau auf der Treppe

SchlinkFrauaufTreppe Drei völlig unterschiedliche Männer, vordergründig geeint durch eine unerfüllte Liebe: der narzisstische Künstler, der schwerreiche Unternehmer, der Anwalt, der nur solange vermitteln will, wie er Recht behält. Eine Frau, die sich allen drei Männern gleichermaßen entzogen hat.

Die Frau, Irene, stand einst Modell für ein Frühwerk des heute bedeutenden Künstlers Karl Schwind. Seit Jahrzehnten hat niemand mehr „die Frau auf der Treppe“ gesehen, der Verbleib des Gemäldes ist unklar, von Geheimnissen umwittert. Irenes erster Mann, der Unternehmer Gundlach hat es 1968 bei dem damals noch unbekannten Schwind in Auftrag gegeben, „um den Lauf der Zeit anzuhalten“. Zwischen Künstler und Modell entbrennt eine stürmische Liebschaft, woraufhin Gundlach das Werk systematisch beschädigt. Der Künstler erkennt, dass er nur weitermalen kann, wenn er selbst entscheiden kann, was mit seinen Bildern geschieht.

Es folgt ein erbitterter Streit um die Eigentumsrechte an dem Bild, um das Recht des Künstlers an seinem Werk. In dieser Phase betritt ein junger, aufstrebender Anwalt, Schlinks-Ich-Erzähler die Szene. Von ihm verlangen die Rivalen einen Vertrag, der den Tausch Frau gegen Bild vorsieht, ohne dass die Frau davon weiß. Denn für den einen ist sie doch nur die Muse, für den anderen die Vorzeigegattin, für beide eine Verschiebemasse. Der junge Anwalt verbündet sich mit Irene. Der Vertrag wird nur zum Schein geschlossen, er hilft Irene bei einem gewagten Vorhaben. Irene flieht, mit ihr das Bild. Der Anwalt, der zum ersten Male in seinem Leben die Liebe erahnte, bleibt zurück. Soweit die im Roman in Rückblenden erzählte Vorgeschichte.

In der Gegenwart begleiten wir den Anwalt auf einer Geschäftsreise nach Australien. In seiner Freizeit besucht er eine Kunstausstellung und findet sich plötzlich völlig unvermutet vor der „Frau auf der Treppe“ wieder. In diesem Moment sieht er ganz klar, dass seine Geschichte mit Irene noch nicht auserzählt ist. Er lässt seine Kontakte spielen, recherchiert und findet sie nach einer für seine Verhältnisse abenteuerlichen Reise schließlich wieder. Sie lebt – oder besser gesagt – stirbt auf einer einsamen Insel. Er ändert seine Pläne und bleibt bei ihr.

Ganz so einfach gestaltet es sich auch diesmal nicht, das Wiederauftauchen des Bildes hat sowohl den Maler als auch den Unternehmer auf den Plan gerufen. Auch sie finden Irenes Aufenthaltsort heraus und sich auf der Insel ein. Man reflektiert, streitet, spreizt sich und resigniert schließlich. Der Verbleib des Bildes wird geklärt, Irene hat ihren letzten großen Auftritt. Zum Schluß bleibt nur der Anwalt zurück und begleitet Irenes Sterben. Sie ziehen Bilanz, erträumen sich aber auch einen ganz anderen Lebens-Verlauf. Schlussendlich ist es ausgerechnet der Tod seiner ersten unerfüllten Liebe, der dem Anwalt zu einem neuen Leben verhelfen wird.

Hintergründig eint die drei Männer weniger ihre unerfüllte Liebe als ihr egozentrisches Wesen und ihr unbedingter Wille, ein Lebenswerk vorweisen zu können, dem sie alles opfern. Vor allem ihr eigenes Glück. Irene hingegen will – den nahenden Tod vor Augen – einmal noch die längst vergessen geglaubte Bewunderung „ihrer“ Männer spüren. Schade, dass ihre Figur derart reduziert wird, denn eigentlich hat gerade sie mit einer nicht näher beschriebenen RAF-Vergangenheit den spannendsten Lebenslauf.

Es ist ein ganzes Füllhorn voller Themen, welches Schlink über den Leser ausgießt. Feminismus, Kapitalismuskritik, Terrorismus, die Bedeutung der Kunst, Liebe und Tod, das Alter, Spießertum, Drogensucht – man kann dem Autor nicht vorwerfen, er hätte etwas ausgelassen. Leider wird vieles nur angerissen, weniges vertieft. Den Leser beschleicht das Gefühl, dass man es hier mit einem typischen Problem der Alt-68er-Generation zu tun hat: Sucht der Autor zwanghaft etwas, was geblieben ist und bleiben wird? Gerade diese Generation bedauert ja sehr, dass vieles von dem wegbricht, was sie einst erfolgreich machte und bewegte. Dazu passt auch die resignierte Erkenntnis des Anwalts, dass es doch meist die kleinen Niederlagen im Leben sind, die nachwirken. „Die kleinen Splitter sind schwerer zu entfernen als die großen… “

Seit dem „Vorleser“ scheint Schlink es keinem mehr recht machen zu können. Vielleicht sind die Erwartungen auch deshalb so hochgeschraubt, weil „der Vorleser“ es in den Lektüreschlüssel der gymnasialen Oberstufe geschafft hat, in dem z.B. Bertolt Brecht selten zu finden ist. Diesbezüglich kann man Schlink natürlich überbewertet finden, allerdings kann der Autor selbst wohl am allerwenigsten dafür. Mit der Frau auf der Treppe erzählt Bernhard Schlink einfach eine Geschichte, zwar etwas überfrachtet, aber nicht langweilend. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ein leiser Hauch von Melancholie ist spürbar, eine leise Trauer über verpasste Chancen nachvollziehbar. Manchmal ist die Atmosphäre erstaunlich dicht, dann wiederum wird es doch arg schwülstig: „An der Kathedrale der Gerechtigkeit arbeiten viele Steinmetze!“ Ein Sympathieträger fehlt völlig.

Müßig sind Spekulationen, ob Schlink sich bei der Figur des Malers Schwind an Gerhard Richter orientiert hat. Schlink selbst verweist in einem Nachsatz darauf, dass ihn Richters Werk „Ema. Akt auf einer Treppe“ inspiriert habe, der Künstler Schwind jedoch frei erfunden sei.

Erstveröffentlichung dieser Rezension in den Revierpassagen.de


Genre: Romane
Illustrated by Diogenes Zürich

Tessa

Larlsson TessaIn Nicola Karlssons Debütroman „Tessa“ erleidet der Leser die Schussfahrt der Protagonistin durch die Berliner Tankstellen ihrer Sucht.

Tessa ist jung, begehrenswert und schön, sie könnte  theoretisch glücklich sein. Früher hat sie mal als Model gearbeitet, doch da sie inzwischen keinen Erfolg mehr in der Branche hat und sich mit McJobs finanziell über Wasser halten muss, hat sie anscheinend beschlossen, ihren Körper dafür zu bestrafen, indem sie ihn konsequent ruiniert. Dass sie seit längerem psychiatrischer Behandlung ist, die mit der regelmäßigen Einnahme von Lithium, Antidepressiva und Barbituraten verbunden ist, hält sie jedenfalls nicht davon ab, sich selbst zusätzlich mit Wodka, Wein und Koks zu medikamentieren. Bereits im ersten Kapitel führt ihre manische Beziehungssucht zu heftigem Beziehungsstress mit ihrem Freund Nick. Als sie abends ohne Nick mit ihrer Freundin Charlotte in einer Bar ist, flirtet sie derart heftig mit dem Barmann, dass der später gegen ihren Willen über die wehrlose weil total betrunkene Tessa herfällt. Irgendwie kommt sie wieder nach Hause, ihre Blessuren erklärt sie Nick mit einem Fahrradunfall. Ein paart Tage später legt sie Nick nach Charlottes Geburtstagsfeier die nächste Eifersuchtsszene hin und als er sie auf ihren Konsum anspricht rechtfertigt sie sich:

„Aber ich fühle mich unsicher, und deswegen betrinke ich mich, und dann passieren mir solche Sachen.“
Nick entgegnet kühl: „Halt mich daraus. Ich habe keine Lust auf diese Art von Beziehung. Das ist doch krank.“
Aber ich bin krank.“ – „Dann tu was dagegen, aber hör auf, alle anderen damit zu terrorisieren.“

Das ist das Grundthema des Romans: Tessa ist Opfer ihrer Erkrankung, die in Richtung Bipolar oder Borderline geht. In ihren manischen Schüben macht sie die Drama-Queen und ist andererseits nicht zu wirklicher Nähe fähig, die sie sich zwar einerseits sehnlichst wünscht, vor der sie jedoch gleichzeitig flieht. In ihren depressiven Phasen versinkt sie in Einsamkeit, Selbstmitleid und Weltschmerz. Sie hat zwar eine Krankheitseinsicht, verweigert sich aber ärztlicher Hilfe, zu ihrer Ärztin geht sie nur, wenn sie mal wieder dringend ein neues Rezept für die Pillenbude braucht. Der nächste Club ist ja nicht weit und dort gibt es immer einen Mann, der Stoff hat oder einen Wodka ausgibt, wenn sie ihn dafür mal rüber lässt. Nachdem sie sich von Nick getrennt hat ist sie frei und lernt Jochen kennen, der ist zwar verheiratet, aber egal, ein anderes Mal macht sie ihren Bekannten Jens klar, obwohl sie weiß, dass ihre Freundin Charlotte ernsthaft an ihm interessiert ist  und zwischendurch wacht sie auch mal morgens nackt neben ihrem Dealer Uwe und ihr unbekannten Männern oder Frauen auf. Bis sie in einer Bar auf zwei üble Freaks trifft und nicht rechtzeitig den Absprung kriegt …

Der Roman ist eine Zumutung. Mehrere Mal gelobt Tessa Besserung und ein drogenfreies Leben, ebenso oft wird sie routiniert rückfällig. Ihr Trugschluss, dass sie ihren Konsum im Griff hat, wird spätestens deutlich, als sie nachts beim Spätkauf die zweite Flasche Wein holt und zuhause öffnen will:

„Der Korkenzieher liegt nicht griffbereit, und sie kann ihn auch sonst nirgends sehen. Sie öffnet die Küchenschubladen. Nein. Sie geht zwei Schritte zur Spüle. Sieht hinein. Kann ihn zwischen dem dreckigen Geschirr nicht entdecken. Nein. Sie geht wieder zur Flasche, entfernt das Plastik vom Flaschenhals und starrt auf den Korken. Sie nimmt die Flasche in die Hand und setzt sich erst einmal auf den Küchenstuhl. Nachdenken. Ruhig bleiben. Wo hat sie die andere Flasche aufgemacht? Leere in ihrem Kopf. Wie steht wieder auf und schiebt das dreckige Geschirr zur anderen Seite. Irgendwo muss dieser scheiß Korkenzieher ja sein. Vielleicht kann sie den Flaschenhals sauber abschlagen. Nein. Sie wandert in ihrer Wohnung umher. Sie sucht unter dem Kleiderhaufen. Geht von Zimmer zu Zimmer. Sieht sich immer wieder die Flasche an. Vielleicht kann sie den Korken mit einem Besteckgriff reindrücken. Nein. Der Wein schmeckt dann scheiße. Scheiße, scheiße, scheiße. Wenn sie nur einen Schluck trinken könnte. Im Wohnzimmer bricht sie zusammen, knickt in die Knie, hält die Flasche fest umklammert. Sie beugt sich nach vorne und schlägt ihren Kopf auf den Boden. Warum nur kann sie sich nicht erinnern, wo sie den scheiß Öffner gelassen hat? Sie muss sich zusammenreißen, ruhig bleiben. Sie zwingt sich aufzustehen. Geht wieder in die Küche, stellt sich an die Spüle. Sie versucht sich zu erinnern, aber je mehr sie sich anstrengt, umso weniger Gedanken hat sie in ihrem Kopf. Sie imitiert das Öffnen der Flasche und versucht dabei, ihre Panik und aufsteigende Tränen zu unterdrücken. Sie dreht sich zum Mülleimer, öffnet ihn und entdeckt den Korkenzieher im stinkenden Müll. Den alten Korken muss sie erst einmal abdrehen.“

Nicola Karlsson liefert hier nicht weniger als die detaillierte Momentaufnahme eines Suchtmenschen in der Situation chronischer Entzügigkeit, den Stoff vor Augen jedoch  unerreichbar entfernt und entsprechend kurz vor der Panikattacke. Wäre „Tessa“ das Psychogramm einer Generation, dann wäre diese durch das Hauptmerkmal der Betäubung und Ziellosigkeit gekennzeichnet. Ist es aber nicht, es ist eine Fallstudie im wahrsten Sinne des Wortes, dass Tessa im Laufe ihrer Drogenkarriere immer weiter wie die Stufen einer Treppe hinunterfällt, das Ende nicht erkennbar, nur zu ahnen, dass es ganz weit unten ist. Dafür stehen auch die hervorragend eingefügten Szenen, in denen Tessa in den Straßen Pennern und Pfandflaschensammlern begegnet, Menschen, vor denen sie sich ekelt und von deren Situation sie nur eine Schicht Makeup und die drohende Mietkündigung entfernt ist.

„Tessa“ spielt zwar in Berlin, doch es ist auch kein Berlin-Roman, dafür sind die Verweise auf die Stadt zu dürftig, auch wenn die Stadt bereits in zahllosen Romanen als die  Partymetropole der Republik besungen wurde. Eine Koksparty und der Spätkauf  machen noch keinen Bären. Wenn Karlsson mit „Tessa“ eine Aussage über Berlin macht, dann höchstens diese, dass das Märchen vom chilligen und kommunikativen  Leben dort ein Märchen ist. Berlin ist hart, asozial und verdammt einsam, von Hilfsbereitschaft keine Spur. In diesem Sinne funktioniert auch eine der wenigen Szenen, in der wir die Stadt wiedererkennen, als Tessa nachts über den Alex zu ihrem Dealer Uwe läuft. Das Bild vom Platz mit Punks und Pennern beschwört noch die nächtliche Großstadtdschungelromantik. Als Tessa in Nebenstraßen jemanden hinter sich Laufen zu hören glaubt, kippt die Stimmung ins Bedrohliche, man fühlt sich an den Film Noir mit seinen düsteren  Licht-Schatten-Effekten erinnert. Leider bleibt es eine der wenigen Szenen, in denen die Stadt Berlin durchschimmert; bei den zahllosen Wegen, die Tessa auf ihrer Odyssee zwischen Koksparty, dem nächsten Weinkühlschrank, Bett und Pillenbude zurücklegen muss, wäre da wesentlich mehr drin gewesen. So bleibt Tessa in erster Linie die Geschichte der Drogenkarriere einer jungen Frau. Das ist nicht neu, denn dass der Abstieg in die Sucht nicht an ein Mindestalter jenseits der 30 gekoppelt ist, haben bereits in den 80ern des vergangenen Jahrhunderts im Westsektor der damals noch geteilten Stadt die wesentlich jüngeren „Kinder vom Bahnhof Zoo“ eindrucksvoll auf nonfiktionaler (!) Ebene verdeutlicht.

Nicola Karlsson hat mit „Tessa“ ein sperriges Romandebüt vorgelegt, dass dem Leser fast kein Detail der Selbstentwürdigung eines Menschen im Teufelskreis der Sucht erspart. Die literarische Umsetzung des inneren Gedankenrasens der Protagonistin Tessa ist bemerkenswert, ihr Portrait als einer zutiefst zerrissenen Persönlichkeit interessant. Der Teufelskreislauf der Sucht ist ein in seiner Banalität bekannter Allgemeinplatz, insbesondere die Art und Weise, wie Nicola Karlsson dieses Schicksal gnadenlos seziert, hat einen ganz eigenen, düsteren Klang, der in der Masse der literarischen Debüts hervorsticht.


Genre: Romane
Illustrated by List München

One second after

517dd1kaZsL._SX310_BO1,204,203,200_Was wäre, wenn jemand vorhätte, die USA anzugreifen? Wäre es da nicht strategisch klug, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten zunächst den Schutz durch die überlegene Technologie zu rauben? Was wäre, wenn es eine Waffe gäbe, die alles Elektronische ausschalten könnte? Diese Waffe könnte bereits in den Händen der Feinde sein … John Matherson, Geschichtsprofessor und Ex-Colonel, lebt mit seiner Familie in einer friedlichen Kleinstadt in den Bergen North Carolinas. Doch die Idylle findet ein jähes Ende, als ein elektromagnetischer Puls (EMP) die kompletten Vereinigten Staaten lahmlegt.

Alle elektronischen Geräte Autos, Computer, Radios, Flugzeuge funktionieren von einer Sekunde auf die andere nicht mehr. Die Gesellschaft bricht erschreckend schnell zusammen, und John muss sich eine entscheidende Frage stellen: Wie weit würdest du gehen, um deine Familie und deine Heimat zu schützen? Dieser Roman ist eine Warnung. Eine Warnung vor einer Gefahr, die schon morgen Realität sein könnte: Einem Angriff mit einer EMP-Waffe. Der elektromagnetische Impuls kann in einer Sekunde jede Form von Elektronik außer Gefecht setzen – und die Zivilisation, wie wir sie kennen, komplett ausradieren…

John ist Mitte 40 und lebt mit seinen beiden Töchtern (16 und 12 Jahre) in dem beschaulichen Örtchen Black Mountain am Fuß der Berge North Carolinas. Als Johns Frau Mary vor einigen Jahren an Krebs erkrankte, quittierte er den Dienst bei den Marines und zog mit seiner Familie in Marys Heimatort Black Mountain, wo sie gegen den Krebs kämpfte und er eine Stelle als Geschichtsprofessor am dortigen Collage annahm. Mary verlor den Kampf gegen den Krebs und John ist mittlerweile seit 4 Jahren alleinerziehender Vater und in Black Mountain ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft geworden.

Dann wird eines Tages, kurz vor dem Frühlingsbeginn eine Atombombe außerhalb der Erdatmosphäre gezündet und alles bricht zusammen! John erkennt als Ex Marine ziemlich schnell, dass es sich um einen EMP-Angriff handelt und auch als erster sehr schnell, was für katastrophale Ausmaße dieser totale Technikausfall nach sich ziehen wird! Die Pumpen für die Wasserversorgung funktionieren nicht mehr, es gibt keine Lebensmittel- und Arzneilieferungen, denn bis auf ein paar alte Autos aus den siebziger Jahren gibt es keine Transportmöglichkeiten. Die komplette US Regierung und die Infrastruktur sind zusammengebrochen. Doch darüber kann man eigentlich nur Vermutungen anstellen, denn natürlich gibt es auch keine Kommunikationsmöglichkeiten.

Innerhalb von ein paar Tagen gibt es Plünderungen der Lebensmittelgeschäfte und Apotheken, nach bereits 2 Wochen gibt es nichts mehr zu essen und man muss anfangen auf die Jagd zu gehen. In den Krankenhäusern und Pflegeheimen sterben die Patienten, die auf Beatmungsgeräte und lebenswichtige Medikamente angewiesen sind wie die Fliegen. Regelrechte Seuchen brechen aus, denn man kann der Leichen kaum Herr werden und es gibt kein Pflegepersonal mehr, dass sich um die Patienten und pflegebedürftigen alten Menschen kümmert. Kleinste Schnittverletzungen werden zu tödlichen Bedrohungen, denn für infizierte Wunden gibt es keine Antibiotika mehr und auf den Feldern ist die Ernte noch lange nicht reif.

Mitten in diesem Chaos fühlt sich John als Ex Marine verpflichtet, sich um sein Örtchen zu kümmern und die Zivilisation soweit es geht aufrecht zu erhalten. Aber John hat auch seine Familie und ein riesiges Problem, denn seine 12-jährige Tochter Jennifer ist Diabetikerin Typ 1 und hat nur noch einen begrenzen Vorrat an Insulin. Die Lage wird immer schlimmer, denn aus den größeren Städten kommen immer mehr Flüchtlinge und plündernde Banden an den Rand der Berge, da sie der Ansicht sind, dass es auf dem Land etwas zu essen geben muss. Nun muss sich Black Mountain auch noch mit einer Flüchtlingswelle befassen, denn die Flüchtlinge sind hungrig, schleppen Krankheiten herein und sind genauso verzweifelt wie die Bewohner des Örtchens selbst. Es gibt Einbrüche, Raubüberfälle, Vergewaltigungen und die Lage wird immer schlimmer….

Ich habe schon viele Endzeitgeschichten gelesen, aber dieses Buch hat mich förmlich umgehauen. Es war so unfassbar großartig, kaum in Worte zu fassen! Eines der besten Endzeitbücher, die ich je gelesen habe. Man muss aber auch dazu sagen, dass ich ein riesiger Fan von Endzeitgeschichten bin und dieses Buch nicht unbedingt etwas für Leute ist, die nur mal in eine Endzeitgeschichte reinschnuppern wollen. Da mich dieses Thema aber wirklich extrem interessiert, fand ich das Buch super spannend und fesselnd, könnte mir aber vorstellen, dass es anderen Lesern vielleicht zu langatmig ist! Es ist mit 500 Seiten ein ziemlicher Klopper und wirklich sehr detailliert beschrieben. Der Autor hat sich wirklich extrem mit diesem Thema befasst und sich um jedes Details Gedanken gemacht – ganz großes Kino!

Die ganze Geschichte spielt sich in Black Mountain ab und befasst sich ausschließlich mit den Problemen dieses einen Städtchens, was mir persönlich mehr als gut gefallen hat, weil man so einen ganz speziellen Bezug zur Geschichte bekommt und wirklich das Gefühl hat, ein Teil dieser Gemeinde zu sein. Die persönlichen Schicksale werden auch sehr stark herausgearbeitet, so dass die Geschichte sehr emotional ist und ich an mehreren Stellen ordentlich Tränen vergossen habe. Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass dies für den einen oder anderen Leser einfach too much und zu detailliert sein könnte.

Fazit: Für hardcore Endzeitfans ein absolutes Muss, für Endzeitneulinge aber vielleicht eine Nummer zu viel.

William R. Forstchen (1950 in New Jersey geboren) ist ein US-amerikanischer Historiker, Experte für Militär- und Wissenschaftsgeschichte und den Amerikanischen Bürgerkrieg. Weitere Interessen sind Luftfahrt und Archäologie (er nahm an mehreren Expeditionen in die Mongolei, nach Rumänien und Russland teil). Er veröffentlichte bereits mehr als 40 Bücher.


Genre: Dystopie, Endzeitgeschichten, Romane
Illustrated by Festa

Totenhaus

Bestatterin Blum ist zurück, und wieder ist nichts so, wie es scheint.Totenhaus, Bernhard Aichner

Bestatterin Blum führt zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes und einiger tragischer Erlebnisse endlich wieder ein entspanntes Leben. Sie hat sich mit ihren beiden Kindern, Schwiegervater Karl und Freund Reza die verlorene Normalität zurückerobert und genießt diese. Jedenfalls solange, bis sie auf einen Zeitungsartikel stößt.
Sie entdeckt, dass eine tote Frau genauso aussieht wie sie, dass bei weitem nicht alles so ist, wie es scheint und dass ihr Leben noch lange nicht in geordneten Bahnen verläuft. Im Gegenteil, die Lage spitzt sich bedrohlich zu, als von ihr bestattete Leichen exhumiert werden sollen: Ein düsteres Geheimnis läuft in Gefahr entdeckt zu werden, so dass Blum fürs erste nur die Möglichkeit der Flucht bleibt. Dabei gerät sie an Menschen, die sie verwirren, verstören und bedrohen oder aber auch hilfreich an ihrer Seite stehen, manchmal alles in einer Person. Es werden Menschen sterben und auch auf andere Weise ist der Tod ein ständiger Begleiter der ganzen Geschichte. Wirkliche Schockmomente gibt es zwar nicht viele, dafür haben es die wenigen aber in sich.

Dies ist der zweite Band über die Bestatterin Brünhild Blum, jedem potentiellen Leser sei angeraten, Band eins, „Totenfrau“, zuerst zu lesen. Einige Dinge werden sonst unverständlich bleiben, beide Geschichten bauen aufeinander auf und nicht alles wird noch einmal erklärt.
Wie schon im ersten Teil besticht der Autor durch einen ungewöhnlichen Schreibstil, kurze, knappe Sätze wechseln sich ab mit längeren Gedankengängen und spiegeln so das Gefühlsleben Blums deutlich wider. Auch die spezielle Art der Dialogschreibung wurde hier wieder verwendet, keine Anführungszeichen sondern Spiegelstriche und keinerlei Beschreibungen zu Taten oder Emotionen während der Gesprächssituation. Aichner vertraut voll darauf, dass sich alles Wichtige aus den Worten der Protagonisten erlesen lässt und dies völlig zu Recht.
Wieder sind die handelnden Figuren zwiespältig zu sehen, mal handeln sie so, dass sie absolut in mein Wertesystem passen, dann wiederum passieren durch sie Dinge, die mich als Leser schockieren. Bei keiner Figur könnte ich sagen, dass sie mir sympathisch ist, genauso wenig wie ich behaupten könnte, ich würde sie nicht mögen. Dies unterscheidet den ersten vom zweiten Teil, bei der Totenfrau war Blum ein bisschen meine Heldin, eine Art moderner Robin Hood. In vorliegendem Buch dagegen hat sie mich nicht uneingeschränkt auf ihre Seite ziehen können.
Der Geschichte tut dies keinen Abbruch, im Gegenteil, gerade dies brachte mich noch näher an das Buch, die reale Welt ist schließlich auch nicht ausschließlich schwarz und weiß.

Die Handlung ist spannend und freiwillig wird dieses Buch wohl niemand aus der Hand legen. Ständig gibt es neue Umwege, Kurven und sogar neue Ziele, selbst am Ende des Buches scheint nur ein Teilziel erreicht zu sein, was schlüssig ist, da das Ganze als Trilogie angelegt ist, es wird also interessant bleiben.
Wenn ich „Totenhaus“ gelesen hätte, ohne „Totenfrau“ zu kennen, wäre ich in Begeisterungsstürme ausgebrochen, wenn ich Punkte vergeben würde, hätte es auch immer noch die volle Punktzahl.
Der erste Band ist jedoch so unschlagbar gut und vor allem so anders geschrieben, dass das vorliegende nicht ganz mithalten kann. Ich könnte dies nicht mal sinnvoll begründen, vielleicht ist es auch einfach nur ein Gewöhnungseffekt.
In Schulnoten würde ich es so ausdrücken: Der erste Teil war eine Eins mit Sternchen, der zweite Teil eine glatte Eins, was natürlich immer noch eine sehr gute Leseempfehlung ist.


Genre: Romane, Thriller
Illustrated by btb München

Totenfrau

Gut und Böse werden kurzerhand durcheinander gewürfelt.

Ich muss zugeben, der erste Eindruck nach dem Lesen des 9783442749263_CoverKlappentextes reizte mich nicht mehr, als jeder andere ungelesene Thriller auch. Nachdem mir das Buch in den sozialen Netzwerken jedoch mehrfach über den Weg lief und sehr empfohlen wurde, konnte ich nicht widerstehen. Glücklicherweise, denn hätte ich es nicht gelesen, wäre mir einer der besten Thriller entgangen.

Protagonistin Brünhild Blum ist Bestatterin, nicht ganz freiwillig, hat sie doch einen Weg gefunden, sich ihr Leben einzurichten. Vielleicht nicht den Weg, den andere genommen hätten, aber immerhin einen nachvollziehbaren. Zum Startpunkt der Geschichte scheint ihr Leben in glücklichen Bahnen zu verlaufen, ihr Mann ist Polizist, sie haben zwei Kinder und Blum versorgt, zusammen mit dem Angestellten und Freund Reza, ihre Leichen. Bis ihr Mann stirbt. Ohne Vorwarnung und ohne sie darauf vorzubereiten, was danach passiert. Wer ist die geheimnisvolle Frau, die ihr Mann so oft getroffen hat und deren gemeinsame Gespräche auf seinem Handy gespeichert sind? Sie hört abscheuliche Geschichten und begibt sich daran, die Wahrheit herauszufinden.

Als Leserin war ich schon zu diesem frühen Zeitpunkt emotional mitten in der Geschichte. Ebenfalls ohne Vorwarnung und Vorbereitung.

Wie so oft bei Thriller-Rezensionen würde ich so gerne mehr erzählen, gerade weil ich dieses Buch für ziemlich spektakulär halte. Da ich aber anderen Lesern die Freude auf das Buch nicht zerstören will, belasse ich es dabei.
Ich mag es sehr, wenn nicht ganz klar ist, wer oder was denn nun eigentlich gut oder böse ist. Wenn mit moralischen und ethischen Vorstellungen gespielt wird und ich als Leser immer wieder darüber nachdenken muss, ob das alles nun irgendwie richtig ist, oder nicht. Nur ganz wenige Autoren haben dies so erreicht wie Bernhard Aichner, mir fallen nur zwei weitere Bücher ein, die hier mithalten können: „Still“ von Thomas Raab und „Das Parfum“ von Patrick Süßkind, damit ist Aichner quasi von Null auf Hundert in meinen persönlichen Thrillerautoren-Himmel aufgestiegen.

Sein Schreibstil ist anders als gewohnt, gefällt mir aber sehr. Viele kurze, abgehakte Sätze spiegeln das Gefühlsleben Blums wider, man ist mittendrin im Geschehen, zeitweise so dicht, dass man tatsächlich ins Grübeln kommt, ob es nicht doch besser wäre, in dieser Nacht das Licht brennen zu lassen.
Sehr schön sind die Dialoge in dem Buch, nicht in klassischen Anführungszeichen, sondern mit Spiegelstrichen voneinander getrennt und ohne „Regieanweisungen“. Auch dies führt dazu, dass man unmittelbar dabei ist, scheinbar wirklich den Gesprächen zuhört.
Blum als Protagonistin wird so authentisch, so echt beschrieben, dass ich jeden ihrer Beweggründe verstehen konnte. Was durchaus verwirrend ist, wenn sie anders handelt, als ich es tun würde. Vielleicht.
Nebenbei habe ich einige Dinge über den Bestatterberuf gelernt, die ich eigentlich gar nicht so genau wissen wollte, dem Buch aber natürlich weit nach vorne helfen. Alles was der Autor beschreibt, scheint bestens recherchiert zu sein, sonst hätte er kaum so genau und detailreich erzählen können. Nicht unbedingt etwas für zart besaitete Gemüter, aber wenn vorne „Thriller“ draufsteht, sollte auch ein Thriller drin sein.
Jedem Fan des Genres sei dieses Werk unbedingt ans Herz gelegt.


Genre: Romane, Thriller
Illustrated by btb München

Die gleissende Welt

SiriHustvedt „Die gleißende Welt“ – im 17. Jahrhundert gab es diesen Buchtitel schon einmal. Margaret Cavendish, eine der ersten Frauen, die unter eigenem Namen publizierten, betitelte so einen utopischen Roman. Im 21. Jahrhundert dient die Cavendish der New Yorker Künstlerin Harriet Burden als Vorbild. Harriet Burden ist die Hauptfigur in Siri Hustvedts neuem Roman und ihr Nachname ist Programm. Denn es sind schon mannigfache Bürden, welche die arme Frau trägt. Zwar verfügt sie über ein Millionenvermögen, aber ach. Ach.

Geld alleine macht ja nicht glücklich. Noch dazu ist es „nur“ das von ihrem verstorbenen Mann, einem einst gefeierten New Yorker Galeristen, ererbte Vermögen und keines, welches Harriet sich selbst erarbeitet hätte. Ein großes Unglück für die Ärmste, ist sie doch in Wahrheit eine hochtalentierte Installationskünstlerin und hätte mit eigenen Millionen überhäuft werden müssen – nur erkennt es leider keiner. Schlimmer noch, ihre Kunst wird verhöhnt und wenn sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, dann immer nur als Frau an der Seite von. Tief gekränkt zieht Harriet sich aus dem öffentlichen Leben zurück und beginnt ein zweites Leben als Mäzenin. Zudem bleibt sie ihrer Kunst treu, doch zu sehen bekommen nur wenige Auserwählte ihre Werke. Harriet ist überzeugt davon, dass eine Frau in der Kunstszene eh keine gerechte Chance bekommt. Schließlich verfällt sie auf ein gewagtes Experiment. Sie zeigt ihre Kunst doch noch öffentlich. Aber nicht als sie selbst, sondern sie bedient sich im Laufe der Jahre dreier „Maskenmänner“, die als Strohmann ihre Werke in Ausstellungen zeigen – und natürlich dafür gefeiert werden. Doch die große „Enthüllung“, welche Harriet Burden für sich gleichermaßen als Rache und Katharsis geplant hat, findet nicht statt. Der letzte ihrer „Maskenmänner“ durchkreuzt ihre Pläne und dreht den faustischen Handel gegen Harriet.

Wie ihre Protagonistin ist auch Siri Hustvedt auf ein gewagtes Experiment verfallen, um ihren geplanten Parforce Ritt durch die Gemengelage aus Vorurteilen, Begierde, Ruhm, Geld und Selbstverwirklichung dem Leser als auch wirklich von allen Seiten durchleuchtetes Paket zu präsentieren. Amerikas Ausnahme-Autorin schlüpft dafür in die Rolle der Herausgeberin und präsentiert die Geschichte der Harriet Burden als fingierte Spurensuche. Zu Wort kommen alle (fingierten) Weggefährten Harriets, Freunde wie Feinde, Gönner wie Kritiker und die mittlerweile unvollendet gestorbene Harriet selbst, deren (ebenfalls fingierte) Tagebücher der „Herausgeberin“ Hustvedt anvertraut wurden. Ein geschickter Kniff – und anhand der unbestrittenen Wortmächtigkeit und literarischen Begabung der Hustvedt hätte es ein ganz großes Buch werden können.

Ein Buch, welches – wie der Verlag nicht müde wird, zu erwähnen – alle großen Themen Siri Hustvedts vereint. Literatur, Kunst, Psychologie und Naturwissenschaften. Nur das allergrößte Thema der Hustvedt hat der Klappentexter vergessen zu erwähnen: Nämlich sie selbst. Nichts interessiert Siri Hustvedt bzw. ihre Stellvertreterin Harriet Burden so sehr wie die eigene Befindlichkeit, vornehmlich in der gespiegelten Wahrnehmung anderer. Und so wurde aus der Vereinigung eines großes Talents mit einem großen Thema leider nur eins: Das hohe Lied der sich selbst bemitleidenden Larmoyanz und Siri Hustvedt avanciert von der von einer ganzen Generation bewunderten Schriftstellerin zur Hohepriesterin regressiver Luxusprobleme.

Denn um nichts anderes geht es in diesem Buch: First world problems in platin. Es tut geradezu weh, dieses Buch zu lesen. Siri Hustvedt kann schreiben, ihr Talent ist unbestritten und nahezu unerreicht. Es hätte ein kluges, ein berührendes Buch werden können – aber irgendwann hilft auch der wundervollste Stil nicht mehr. Dann ist gejammerte Selbstgerechtigkeit nur noch ein nervtötendes Ärgernis. Man möchte in das Buch hineingehen, Harriet und Siri gleichermaßen schütteln und sie von ihrem selbstgerechten Ego-Trip runterholen. Nach den Erfolgen der Vergangenheit tut Siri Hustvedt viel, um ihren eigenen Nimbus zu festigen. Zuviel, denn mit der „gleißenden Welt“ hat dieser Nimbus bereits begonnen zu bröckeln. Sie wollte zuviel. Zu viele Themen, die sie ausgräbt und nur anreißt. Zuviele Genres, durch die sie mäandert. Und dann noch die unzählbar vielen Fußnoten, in denen sie sich gelegentlich nicht entblödet, als Quelle auf ihr eigenes Werk zu verweisen und die ansonsten nur dazu dienen, ihre Bildung auszubreiten. Darin ihrer Protagonistin nicht unähnlich verheddert sie sich schlußendlich nur noch in ihren Manierismen, scheitert an diesen und ihrem eigenen Anspruch.

Viel hatte man von diesem Buch erwartet – versprach es doch, dass Siri Hustvedt mit der „gleißenden Welt“ in die New Yorker Kunstwelt zurückkehrt, Immerhin die Welt ihres größten Erfolges „Was ich liebte“. Doch nicht ein einziges Mal löst sie die Emotionen aus, die dieses Buch hinterließ. Aus der ans Innerste ihrer Leser rührenden Erzählerin ist eine selbstgerechte Autorin geworden, die sich aller Erfolge und Lobeshymnen zum Trotz nicht genug gewürdigt fühlt. Möglicherweise liegt es daran, dass Siri Hustvedt sich immer noch an ihrem Mann, dem gefeierten Schriftsteller Paul Auster abarbeitet. Zwar finden sich genug Stimmen, die der Meinung sind, sie habe Auster mittlerweile in den Schattten gestellt, aber ihr Drang, sich selbst zu beweisen, scheint immer größer zu werden. Denn – ganz egal, wie oft es abgestritten wird – auch „die gleißende Welt“ ist mit Sicherheit zu einem Teil autobiographisch. Die Parallelen sind einfach nicht zu übersehen, gerade wenn man auch ihre anderen Werke kennt.

Oder – es liegt daran, dass Siri Hustvedt in Wahrheit gar nicht so begabt ist, wie es ihre Wortmächtigkeit suggeriert. Denn – auch in „Was ich liebte“ hat sie letzten Endes nur nacherzählt. Auch dieser Roman fußte auf eigenem Erleben, schlimmer noch auf Leben, die sie nur als Beobachterin miterlebte. Welchen Preis die als Vorlage dienenden Personen – ihr Stiefsohn und die erste Frau von Paul Auster – dafür gezahlt haben, das will man lieber gar nicht wissen. Dann schon lieber ihre eigene Befindlichkeit – aber auch von der will man eben nicht endlos lesen. So gesehen ist es kein Wunder, dass Hustvedt mit der epischen Darbietung ihrer eigenen Klugheit den Mangel an Phantasiebegabung kaschiert.

Um den Bogen zurück zu schlagen: Da ist ja noch der entlehnte Titel. Margaret Cavendish wird heute als Universalgenie gefeiert und es bedarf schon einer gewissen Chuzpe, sich einfach einen Buchtitel von einem Universalgenie zu entlehnen. Passt aber dazu, dass Hustvedt sich auch ihre Themen bisher immer nur geliehen hat. Bitter, dass sie das eigentlich gar nicht nötig hat. Und schon gar nicht hat sie es nötig, sich hinter vorgeblichen oder tatsächlichen Vorurteilen wie die von Harriet Burden immer wieder angeprangerte Bevorzugung männlicher Künstler zu verstecken.

So heißt es in der „gleißenden Welt“ : „Alle intellektuellen und künstlerischen Unterfangen, sogar Witze, ironische Bemerkungen und Parodien schneiden in der Meinung der Menge besser ab, wenn die Menge weiß, dass sie hinter dem großen Werk oder dem großen Schwindel einen Schwanz und ein paar Eier ausmachen kann.“ Hier sei die zugegeben platte Anmerkung, dass man auch als Frau durchaus Eier zeigen kann, erlaubt. Und wer, wenn nicht eine Autorin mit dem Renommee einer Siri Hustvedt wäre dazu besser in der Lage. Eine große Chance – vertan.


Genre: Romane
Illustrated by Rowohlt

Still – Chronik eines Mörders

Ein leises, märchenhaftes Buch über ein zu lautes Leben

stillGleich vorweg: dieses Buch einem bestimmten Genre zuzuordnen fällt mir schwer. Ein bisschen Thriller, ein bisschen Krimi, ganz viel Familiengeschichte aber hauptsächlich ein Drama, so sehe ich diese anrührende Geschichte.
Wer einen Roman ohne Tod und Unheil erwartet ist hier falsch, wer einen blutrünstigen Thriller möchte, ebenfalls.
Blut fließt trotzdem, reichlich sogar, aber der Reihe nach.

Der Protagonist Karl wird in einem kleinen, verschlafenen Nest geboren und hält von Anfang an seine Eltern in Atem. Nicht, weil sich hier schon seine Bösartigkeit zeigen würde, sondern weil er schreit. Laut. Immer. Ohne Pause, so dass ein ganzes Dorf in Mitleidenschaft gezogen wird.
Als alle Beteiligten schon fast mit ihren Nerven am Ende sind, findet sein Vater den Grund für das Gebrüll heraus: Der kleine Karl hat ein hypersensibles Gehör, besser als jeder andere Mensch hört er selbst die leisesten Töne, entferntesten Gespräche und Lebensgeräusche. Eine für Andere normale Lautstärke bereitet ihm körperliche und seelische Schmerzen, weswegen ihm seine Eltern schließlich ein isoliertes Zimmer im Keller einrichten. Hier lebt er vor sich hin, findet schnell Freude an Büchern und zeigt eine hohe Intelligenz. Einen Zugang zu seiner Mutter findet er jedoch nicht, ebenso wenig, wie sie zu ihm. Sie ist mit einer derartig hohen, quakigen Stimme gesegnet, dass er sie schon im Mutterleib nicht ertragen konnte.
Die Jahre gehen ins Land, Karl im Keller, das restliche Leben oberhalb. Was niemand bedenkt: Karl kann selbst geflüsterte Gespräche hören, immer mehr erkennt er, wie anders er ist, wie er abgelehnt wird. Er beginnt zu fühlen, was Unrecht ist, als seine Mutter ein Verhältnis mit dem Dorfarzt beginnt. Nach einem tragischen Ereignis erkennt er schließlich, dass das einzig Schöne, Stille der Tod ist. Nur hierin erkennt er Liebe, versteht nicht, warum die Menschen am Leben festhalten, wenn der Tod doch so viel besser ist. Er beschließt, den Menschen zu helfen, in der Annahme, wirklich Gutes zu tun und ab hier beginnt die blutige Spur, die auf dem Klappentext des Buches vermerkt ist.
Karls Leben nimmt viele Wendungen, nur wenig Schönes passiert ihm, mit einer Ausnahme: Er begegnet einem ganz besonderen Menschen, der ihn bis zu seinem Lebensende nicht mehr loslassen wird. Das Ende ist konsequent und emotional, nicht wirklich unerwartet, aber richtig.

Wie so oft, wird einen kurze Inhaltsangabe dem eigentlichen Text nicht gerecht, das Buch ist so unglaublich großartig geschrieben, so märchenhaft und zeitlos, dass mir nur ein passender Vergleich eingefallen ist: „Das Parfum“ von Patrick Süßkind. Dieser Roman gehört für mich zu den ganz Großen und Thomas Raabs „Still“ kann hier meiner Meinung nach problemlos mithalten.
Im Anfangssatz hatte ich geschrieben, dass dies ein leises Buch sei. Das meine ich absolut positiv. Der Autor hat es verstanden, das Leben Karls aufzuzeigen und mich daran teilhaben zu lassen, ohne „laute“ Worte zu verlieren. Es sterben so viele Menschen, und trotzdem wirkt der Tod immer leise und friedlich, wie von Karl beabsichtigt. Immer wieder überzog mich ein leises Gruseln, insbesondere im Mittelteil, weil Karl wahrscheinlich als größter Massenmörder in die Geschichte eingehen könnte, wäre er nicht fiktiv. Trotzdem artet das ganze niemals in ein in ein Splatter-Gemetzel-Buch aus.
Alle Figuren sind sehr anschaulich beschrieben, keine klischeehaft oder langweilig. Die Hauptfiguren sind etwas Besonderes. Keine ist eindeutig gut oder böse, die ganze Geschichte an keiner Stelle einfach schwarz-weiß. Offensichtlich ist hier natürlich Karl, der nach den Maßstäben unserer Gesellschaft Böses tut, aber in der Annahme, den Menschen zu helfen.
Auch einige der anderen Figuren sind durchaus ambivalent zu sehen und diese Geschichte wird mir noch sehr lange im Kopf bleiben.

Der Sprachstil ist unheimlich bildreich, metaphorisch und einfühlsam, nicht nur inhaltlich ist dieses Buch lesenwert, sondern auch, weil Thomas Raab sich hier als wunderbarer Sprachkünstler präsentiert.

Für mich ist dies eines der bemerkenswertesten Bücher dieses Jahres, ich werde es sicher noch ein zweites Mal lesen.


Genre: Romane, Thriller
Illustrated by Droemer Knaur München

Der törichte Engel

“Wie ein schleimiges Ungeheuer schleppte sich Weihnachten durch Pine Cove, zog eine Spur von Lametta, Girlanden und Schlittenglöckchen durch den Ort, triefte vor Eierpunsch, stank nach Tannenbaum und festlichem Verhängnis, wie Herpes unter einem Mistelzweig.“

Ein Buch, das so beginnt kann nicht gänzlich unbrauchbar sein und dieses ist im Gegenteil höchst vergnüglich, auch wenn man es stilgerecht eigentlich in der Adventszeit lesen müsste. Wir befinden uns in dem kalifornischen Kaff Pine Cove, nicht zum ersten Mal Schauplatz eines Romans von Christopher Moore, wo die Vorbereitungen für das Fest der Liebe auf Hochtouren laufen. Durch ein Missgeschick kommt der dabei der als Weihnachtsmann verkleidete Rabauke Dale Pearson nach einem Gerangel mit seiner Ex-Frau zu Tode un ein kleiner Junge droht ob des zufällig beobachteten Ablebens des heiligen Mannes traumatisiert zu werden. Wie praktisch, dass der törichte Erzengel Raziel (bekannt aus „Die Bibel nach Biff“) gerade in der Nähe und auf der Suche nach dem alljährlich fälligen Wunder ist: Flugs macht er das Geschehene rückgängig; allerdings werden durch einen Flüchtigkeitsfehler auch gleich noch alle anderen Bewohner des Friedhofs wiederbelebt. Und wie man es aus zahlreichen einschlägigen Filmen kennt, ist mit den lebenden Toten nicht gut Kirschen essen…

Christopher Moore hat mit „Der törichte Engel“ wiederum einen Roman geschrieben, der richtig Spaß macht und den dankbaren Leser verzaubert. Mit viel Liebe zum Detail brennt er ein Feuerwerk des Humors ab und lässt seine skurillen Protagonisten mächtig aufdrehen: Sheriff Crowe, der meistens bekifft ist und seine Frau Molly, die etwas aus dem Ruder läuft, seit sie eigenmächtig ihre Medikamente abgesetzt hat, nehmen an der Seite der übrigen Dorfbewohner den Kampf auf gegen blutrünstige Zombies, die zunächst Gehirne verspeisen und anschließend zu IKEA gehen wollen. In kleinen aber feinen Nebenrollen dürfen wir auch ein Wiedersehen mit dem Piloten Tucker Case und seinem sprechenden Flughund Roberto aus „Himmelsgöttin“ feiern und dabei bleibt kein Auge trocken.

Ich staune über die unerschöpfliche Fantasie des Autors und bewundere seinen herrlich trockenen Schreibstil, der im Genre der intelligenten Unterhaltung nicht leicht zu finden ist. Zu Recht wird Moore von den Kritikern immer wieder in die Nähe von Terry Pratchett und Douglas Adams gerückt und er braucht diesen Vergleich beileibe nicht zu scheuen. Ich wünschte, es gäbe mehr Bücher dieser Qualität, dann wären auch die Prüfungen, die die Deutsche Bahn täglich ihren (an Kummer gewohnten) Kunden auferlegt leichter zu ertragen.


Genre: Romane
Illustrated by Goldmann München

Himmelsgöttin

412vWWEUq0L._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-v3-big,TopRight,0,-55_SX324_SY324_PIkin4,BottomRight,1,22_AA346_SH20_OU03_Der junge Tuck ist Pilot, als solcher aber nicht sehr verantwortungsbewusst, und so geschieht es, dass er eines Tages den Jet eines Kosmetikkonzerns, für den er tätig ist, in sämtliche Bestandteile zerlegt. Es drohen der Verlust seiner Fluglizenz sowie strafrechtliche Konsequenzen und so ist Tuck mehr als froh, als er ein obskures aber prächtig dotiertes Angebot erhält: Transportflüge für einen Arzt/Missionar auf einer winzigen mikronesischen Insel. Allerdings gestaltet sich schon die Anreise dorthin mehr als abenteuerlich, denn das Boot ist in der Obhut eines wenig erfahrenen Navigators (ein Transvestit mit einem sprechenden Flughund!) und kentert. Die beiden Schiffbrüchigen retten sich mit letzter Kraft ans Ufer, wo sie sogleich von einem greisen Kannibalen in Empfang genommen werden.

Nach Klärung einiger Missverständnisse lernt Tuck dann seinen neuen Arbeitgeber und dessen Frau kennen, die eine Klinik auf der Insel der Haifischmenschen betreiben. Von Missionierung ist jedoch nicht viel zu sehen, die Eingeborenen hängen vielmehr einem „Cargo-Kult“ an und verehren ein altes Kriegsflugzeug mit einem aufgemalten Pin-up-Girl. Und es gibt noch mehr Merkwürdigkeiten: Geld scheint für den guten Doktor keine Rolle zu spielen, das Krankenhaus ist bestens ausgerüstet und wird streng bewacht, der Strand ist vermint und Tuck ist es untersagt, das Gelände zu verlassen. Klar, dass der draufgängerische Abenteurer jetzt erst recht neugierig wird und Erkundigungen anstellt…

Nach meiner ersten, eher zwiespältig verlaufenen Begegnung mit Christopher Moore in „Die Bibel nach Biff“ beschloss ich, dem Autor eine zweite Chance zu geben und siehe da, es hat sich mehr als gelohnt! „Himmelsgöttin“ sprüht nur so vor Witz und Erzählfreude und der Leser verfolgt das bunte Treiben der liebevoll ausgestalteten Protagonisten mit großem Vergnügen. Trotzdem ist der Roman mehr als nur eine Komödie, denn auch medizinisch brisante Themen stehen auf der Tagesordnung und werden ebenso souverän abgehandelt wie Religionswahn oder der Evergreen zwischenmenschliche Beziehungen. Moore bleibt dabei stets voller Humor, aber nicht ironisch distanziert, sondern er fühlt und leidet mit seinen herrlich skurrilen Figuren und das wirkt ansteckend. So entsteht ein wunderbarer Lesespaß, den ich allen Freunden intelligenter Unterhaltung guten Gewissens empfehlen kann.


Genre: Romane
Illustrated by Goldmann München