Sudelbücher

lichtenberg-1Gar nicht hohl

Er selbst nannte sie «Sudelbücher», jene uns überlieferten acht Wachstuchhefte, zwischen 1764 und 1799 entstanden und ein Jahrhundert später, 1901 erstmals vollständig herausgegeben, die von Georg Christoph Lichtenberg als «vermischte Einfälle, verdaute und unverdaute» charakterisiert wurden. Es waren Arbeitsmaterialien für ihn, Notizen, Anmerkungen, Entwürfe auch, die meist Fragment blieben, dem Zufall zu verdankende, spontan niedergeschriebene Einfälle philosophischer, politischer, historischer und psychologischer Art, deren innere Ordnung einzig in der Chronologie liegt. All dies war niemals zur Veröffentlichung bestimmt, worin ein besonderer Reiz liegt, denn unredigiert verraten sie natürlich weit mehr vom Wesen ihres Verfassers, sind wahrhaft authentisch, nicht auf ihre Anfechtbarkeit hin bereinigt oder entschärft. Nicht selten allerdings sind diese ziemlich unverblümt formulierten Einfälle entlarvend, zeigen gnadenlos die Widersprüche und Irrtümer auf, die selbst einem großen Denker wie Lichtenberg unterlaufen können, womit er sich de facto einer rigorosen Selbstkritik unterworfen hat.

Die Großen jener Zeit suchten den Kontakt mit dem berühmten Göttinger Physikprofessor, dessen universale Bildung neben vielen der Fachkollegen auch so unterschiedliche Geister wie Kant oder Goethe zum regen Gedankenaustausch reizte, den Weimarer allerdings mit seiner Farbenlehre, nicht der Literatur wegen. Beidem übrigens, Farblehre und Dichtkunst, wie auch der Philosophie Kants, stand Lichtenberg ablehnend gegenüber. So wie er sich überhaupt recht streitlustig zeigte, unbeirrt seinem Prinzip treu bleibend, alles immer wieder kritisch zu hinterfragen, Dogmen nicht zu akzeptieren.

Die Sudelbücher sind keine Sammlung von Aphorismen, auch wenn sie viele enthalten, und so wird auch ihr Verfasser im deutschsprachigen Raum meist an vorderster Stelle genannt in dieser literarischen Disziplin, zusammen mit Novalis und Nietzsche. Sie enthalten zudem Denksprüche, wie sie auch Goethe in seinen «Maximen und Reflexionen» gesammelt hat. Ihren Verfasser weisen die Sudelbücher damit als scharfen Beobachter, als Menschenkenner und witzigen Kommentator aus, der originelle Ideen und Erkenntnisse zu Papier bringt und dabei den berühmten französischen Kollegen La Rochefoucauld oder Montaigne in nichts nachsteht, – letzteren übrigens hält er für einen Schwätzer. Auch die Kirche bekommt ihr Fett ab, «Die Religion, eine Sonntagsaffäre», schreibt er, oder: «Manche Leute beten nicht eher, als bis es donnert». Seine Skepsis kommt auch in der listigen Frage zum Ausdruck, ob denn Gott katholisch sei. Oder, noch krasser: «Da sie sahen, dass sie ihm keinen katholischen Kopf aufsetzen konnten, schlugen sie ihm wenigstens seinen protestantischen ab». Und der Physiker ist erkennbar, wenn er anmerkt: «Dass in Kirchen gepredigt wird, macht deswegen die Blitzableiter auf ihnen nicht unnötig».

Auf den Leser wartet eine kurzweilige Lektüre, bestens portionierbar in kleinen Texthäppchen, ein Buch also, dass man immer wieder mal zur Hand nimmt, auch wenn man es schon komplett gelesen hat. Lichtenbergs Verhältnis zu Büchern scheint distanziert zu sein, wie einem Brief zu entnehmen ist: «Da ich schlechterdings kein Holz mehr kaufen mag, so habe ich mir vorgenommen, Bücher zu brennen … und da hoffe ich doch einmal einen warmen Fuß zu kriegen». Vom Buch als idealem Brennmaterial ist auch in den Sudelbüchern mehrfach zu lesen. «Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinguckt, so kann freilich kein Apostel heraus sehen». Und nicht nur für Buch-Rezensenten, auch für geplagte Deutschlehrer mag die berühmte Frage tröstend sein, mit der die wahre Ursache von Meinungsverschiedenheit bei literarischen Werken ultimativ geklärt ist: «Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?» In diesem Buch bestimmt nicht!

Fazit: erfreulich

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Essais

montaigne-1Que sais-je?

Die skeptische Devise «Was weiß ich?» verdeutlicht den offenen Denkstil des französischen Schriftstellers und Philosophen Michel de Montaigne, der niemand anderen als sich selbst in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen stellt in seinen berühmten «Essais», die 1580 zum ersten Mal herausgegeben wurden. Als Vierzigjähriger hatte er sich von allen seinen Ämtern zurückgezogen, um völlig unbelastet von Alltagsdingen und in Muße in seiner Bibliothek im Turmzimmer des Schlosses Montaigne mit der Niederschrift seiner Gedanken zu beginnen. Er hat damit eine neue literarische Gattung begründet, wobei er als philosophischer Laie seine Essays thematisch ohne erkennbare Ordnung in drei Büchern einfach aneinandergereiht hat. Lohnt sich diese Lektüre für den heutigen Leser?

Montaigne selbst befürchtet für sein Buch, «dass ganz ungebildete und interesselose Menschen keinen rechten Geschmack daran finden würden, ebenso wenig aber auch hervorragend und ganz fein gebildete Geister». Nur wer zur Mitte gehöre, der könne Nutzen aus der Lektüre ziehen, und genau das möchte ich als Leser ihm gerne bestätigen. Durch seine moralphilosophischen Erkenntnisse hat der recht liberal denkende Montaigne die Aufklärung wesentlich mit beeinflusst und ist zum Begründer der Moralistik geworden. Wenn diese Gedanken nach so langer Zeit für den heutigen Menschen noch immer relevant sind und nur Weniges davon überholt ist, spricht das für die Größe dieses hochgeachteten Mannes.

Die «Essais» sind gespickt mit Zitaten verschiedenster Autoren wie Seneca, Horaz, Plutarch, Sokrates und Lukrez, die Montaigne bewusst im Original nicht kenntlich gemacht hat, weil er, wie er verschmitzt schreibt, damit seinen Kritikern jede Menge Fallen stellen wollte. Denn nun wisse keiner mehr so genau, wen er bei einer bestimmten Textstelle kritisiere, es könnten ja auch Worte der großen Denker des Altertums sein und nicht die des Herrn de Montaigne. In der von Arthur Franz in ein hervorragendes Deutsch übertragenen und mustergültig gestalteten und eingeleiteten Reclam-Ausgabe ist nur etwa ein Fünftel des Originals enthalten, insgesamt sechzig Essays, und diese Reduzierung auf das Wesentliche erweist sich für den Normalleser ohne wissenschaftliches Interesse als äußerst segensreich.

Das daraus resultierende Lesevergnügen speist sich auch durch den Humor und die immer wieder sehr kritischen Selbstbetrachtungen von Montaigne. «Ich kann den Beischlaf nur vor der Nachtruhe und nicht im Stehen ausüben» erklärt er unverblümt in einer umfangreichen Aufzählung aller Dinge, die er nicht tun kann. Den deutschen Kachelofen, den er in Augsburg zum ersten Mal sieht, vergleicht er erstaunt und bewundernd mit den offenen Feuerstellen, wie sie in Frankreich üblich waren. Ein sympathischer Alltagsphilosoph, könnte man sagen, der durch die unglaubliche Fülle seiner aus immer wieder neuen Blickwinkeln behandelten Themen jede Menge Baumaterial liefert, ohne jedoch ein eigenes Gedankengebäude daraus zu errichten.

Der Tod und das Sterben nehmen einen sehr breiten Raum ein in Montaignes Betrachtungen, weshalb man ihn zuweilen dem Skeptizismus zurechnet. Heilserwartungen hatte er allerdings keine, Körper und Geist sind für ihn untrennbar, das heißt der Geist stirbt mit dem Körper. Seine Gedanken aber, – und damit sein Geist? – sind mehr als vierhundert Jahre nach seinem Tode immer noch sehr lebendig.

Fazit: erfreulich

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