Der große Schlaf

„Der große Schlaf“ habe ich mir ausgesucht, weil ich bislang noch nichts von Raymond Chandler gelesen hatte und es ein Klassiker der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts ist. Das Buch wurde 1939 vom Autor mit dem Originaltitel „The big Sleep“ veröffentlicht. 1950 wurde der Roman in Deutschland, Österreich und der Schweiz unter dem Namen „Der tiefe Schlaf“ herausgegeben.

Der Krimi spielt Ende der 30er Jahre in Los Angeles. General Sternwood bestellt den Privatdetektiv Philipp Marlowe zu sich nach Hause. Schon in diesem ersten Kapitel erfahren wir zusammen mit Marlowe, dass der General alt, sehr krank und äußerst wohlhabend ist. Die zwei Töchter Carmen und Vivienne machen durch ihren unseriösen Lebenswandel die Familie immer wieder angreifbar.

Marlowe bekommt den Auftrag, herauszufinden, wer hinter der Erpressung der jüngeren Tochter Carmen, steckt. Und damit beginnt ein komplexes Durcheinander von Motiven, Verdächtigen und Geheimnissen. Das ist nicht die erste Erpressung im Hause Sternwood. Marlowe erkennt schnell, dass keiner der Beteiligten, auch sein Auftraggeber nicht , mit offenen Karten spielt.

Die ältere Tochter Vivienne will von Marlowe Informationen über seinen Auftrag. Sie hofft, dass er nach ihrem verschollenen Mann Rusty suchen soll.

Als Marlowe dem Erpresser Geiger auf den Zahn fühlen möchte, ist dieser nicht in seiner Buchhandlung anzutreffen.

Marlowe findet eine Leiche, die aber kurz darauf wieder verschwindet. Und plötzlich entwickelt sich aus einer Erpressung, eine weitere Erpressung und es wird ein komplexer Kriminalfall mit Toten.

Mehr von der Handlung möchte ich nicht preisgeben, weil genau das beim Lesen Spaß macht: die Verwicklungen zu entwirren, oder von den Verwicklungen verwirrt, nach weiteren Hinweisen zu suchen.

Worum geht es?

Es geht um die amerikanische Gesellschaft dieser Zeit. Es geht um Prüderie. Es geht um eine Welt, die mehr Schein als Sein ist. Glücksspiel!! Es ist die Welt nach der Prohibition, die als „Noble Experiment“ von 1920 – 1933, letztlich nichts änderte. Es geht um ein Frauenbild, das den Leser in der heutigen Zeit mit einem Auge weinen und mit dem anderen Auge herzhaft lachen lässt.

Raymond Chandler hat diesen Roman, wie eine Schnitzeljagd mit einigen Sackgassen und Umleitungen, inszeniert. Nichts ist so, wie es zuerst scheint. Auch Carmen scheint auf irgendeine Art und Weise in den Fall verwickelt zu sein. Und wie sieht es mit Vivienne aus?

Die Kapitel sind nicht zu lang und die Spannung bleibt, auch durch das ständige Entschlüsseln eines Hinweises und zeitgleichen Findens einer neuen Spur, hoch!

Die Sprache ist einfach und gut zu lesen. Diese Kriminalgeschichte lebt nicht von der Handlung, sondern von der Atmosphäre des Crime Noirs.

Was macht diesen Roman zu einem Klassiker?

Dieser Kriminalroman wurde aus zuvor veröffentlichten Kurzgeschichten, „Killer in the Rain“ (erschienen 1935) und „The Curtain“ (veröffentlicht 1936), kombiniert und neu zusammengebaut.

Auch der Privatdetektiv Philipp Marlowe wurde übernommen. Dieser Ermittler ist fernab von den bis dahin erfolgreichen Detektiven, wie Sherlock Holmes. Miss Marple oder Hercule Poirot. Philipp Marlowe ermittelt in einem Los Angeles, das korrupt ist, in dem das Gesetz der Straße gilt und die Grenzen zwischen Gut und Böse nicht mehr eindeutig sind. Es ist auch die Welt des Glückspiels und des Scheins.

Der Detektiv ist desillusioniert. Er betracht das Geschehen zynisch aus einer unbeteiligten Position. Er lebt nach eigenen Gesetzen, die er konsequent einhält. Sein Verhalten gegenüber Frauen ist rücksichtslos, Er schlägt auch mal zu.

„Das blechern Glucksen kam immer noch aus ihr heraus. Ich ohrfeigte sie. Sie blinzelte und hörte auf zu glucksen. Ich ohrfeigte sie nochmal.“ S.49

Marlowe benutzt seine Schusswaffe. Er raucht und trinkt. Er ist weiblichen Reizen gegenüber immun, außer er will es zulassen.

Seine Wortwahl und Ausdrucksweise würde man heute mit dem Zusatz NO GO! Kennzeichen.

„Wer war das?“ „Miss Carmen Sternwood, Sir.“ „Sie sollten sie abstillen. Kommt mir alt genug vor.“

Das Hörbuch

Mein Hörbuch „Der große Schlaf“, in der Fassung vom 11.09.2009 wird von Christian Brückner gesprochen und wurde von Gunar Ortlepp aus dem Amerikanischen übersetzt. Diese Übersetzung wirkt auf mich schärfer, bissiger und politisch weniger korrekt.

Christian Brückner ist ein phantastischer Sprecher. Er lässt Philipp Marlowe genauso so arrogant, zynisch und abgebrüht auftreten, wie man es sich vorstellt.

Von der neuen Übersetzung gibt es bislang kein Hörbuch.

Zur Übersetzung von Frank Heibert

Wenn es möglich ist, lese ich das Buch und lasse es mir gleichzeitig vorlesen. Ich habe immer das Gefühl, dass mir das Innere des Buches dadurch mehr preisgibt. Diesmal fand ich es besonders interessant, weil ich zwei unterschiedliche Übersetzungen hatte und ich manche Passagen dadurch mehrfach las oder hörte.

Die neue Übersetzung von Frank Heibert empfand ich, wie man so schön sagt, politisch korrekter. Mein Englisch ist nicht gut genug, um zu beurteilen, ob sie näher beim Original oder entfernter vom Original ist.

Filmische Adaptionen

Der Roman, der in Los Angeles spielt, wurde zwei Mal verfilmt; 1946 hatte Humphrey Bogart die Rolle Philipp Marlowes und 1978 mit Robert Mitchum.

Meine Antwort: Dieses Buch ist ein Klassiker, weil

Dieses Buch ist ein Klassiker, weil Philipp Marlowe der Prototyp eines „Hard-boiled“ Ermittlers ist. Lediglich Sam Spade aus dem „Malteser Falken“ von Dashiell Hammitt ist ihm ebenbürtig. Bemerkenswert ist noch, dass in den filmischen Adaptionen beider Filme die Rolle des Ermittlers von Humphrey Bogart gespielt wurde.

Mit dieser Interpretation des Kriminalgenres setzte er neue Maßstäbe. Das waren keine Fälle, die durch Nachdenken und geistreiche Puzzeleien gelöst wurden. Diese Fälle wurden mit Waffen, Fäusten geradezu martialisch gelöst.

Es ist Crime Noir, in dem Frauen mehr als Zierde dienen. Die Morde geschehen nicht in britischen Herrenhäuser oder Gütern, sondern in der Großstadt, zwischen Glücksspiel und Buchläden. Erst im Laufe der Geschichte enthüllt sich Gut und Böse mit allen Variationen – 50 Shades of Grey.

Ich stellte mir beim Lesen und vor allem beim Hören die Frage, ist das Buch heute noch aktuell?

Ja! ich glaube schon. Wenn wir von der Grundstruktur ausgehen, ist es immer noch aktuell. Die individuellen Inhalte, z. B. wofür man erpressbar ist, müssten ausgetauscht werden.

Spannung und Humor dieses Romanes sind zeitlos.

Die Entrüstung über dieses chauvinistische und machohafte Verhalten Philipp Marlowes ist bis heute sicherlich gewachsen. Dennoch sollte man den Krimi mit den Augen der Zeit, in welcher er spielt, sehen.

Ich habe mir „Der große Schlaf“ ausgesucht, weil ich bislang noch nichts von Raymond Chandler gelesen hatte und es auf meiner Unbedingt-Lesen-Liste steht. Allerdings sind Chandler und ich keine Freunde geworden, auch wenn er handwerklich sehr gut ist. Ich mag sein Frauenbild überhaupt nicht und das ging mir alles ein wenig zu durcheinander. Ich mag es doch strukturierter.

Aber, wie ich immer sage, das ist eine ganz persönliche Angelegenheit! Lest selbst und schreibt eure Meinung!

Wer mehr Informationen über Raymond Chandler möchte, dem empfehle ich folgenden Link von Zauberspiegel


Genre: Crime noir, Hard-boiled Krimi, Krimi, Kriminalroman
Illustrated by Diogenes

Granat für Greetsiel

Granat für Greetsiel

Auf einem Krabbenkutter aus Greetsiel wird ein Netz an Bord gehievt, das neben Granat und anderem Meeresgetier eine von Tang und Schlick überzogene Wasserleiche enthält. Ein schöner Schreck für die dreiköpfige Besatzung der „Sirius“. Pflichtgetreu wird die zuständige Wasserschutzpolizei verständigt, die kurz darauf in Begleitung von zwei Kripobeamten aus Emden, die sich wie Pat und Patachon gebärden, mit einem Schnellboot längsseits gehen. Für die beiden Kommissare ist der Fall klar: Hier ist eine Frau bei einer Fete auf einer Yacht über Bord gegangen und ertrunken. Weiterlesen


Genre: Krimi, Kriminalroman, Regionalkrimi
Illustrated by Edition M

Das Medikament


Jan Flemming ist ein junger Anwalt, bei dem eine unheilbare  Krankheit diagnostiziert wird: Er ist Narkoleptiker. Meist aus heiterem Himmel überfällt ihn eine bleierne Müdigkeit, der er sich nicht widersetzen kann. Er bricht zusammen, schläft ein und verfällt minutenlang in eine katatonische Starre, aus der er sich nicht lösen kann. Weiterlesen


Genre: Kriminalroman, Psychothriller
Illustrated by Selbstverlag

Bluthatz

BluthatzIn den Kellern des Klosters Eberbach wird eine bestialisch zugerichtete Leiche gefunden. Den Fall lösen sollen die Staatsanwältin Inga Jäger, genannt die Jägerin und Kriminalhauptkommissar Kai Gebert, genannt Rübezahl.

Schnell ist mit Hilfe der Rechtsmedizin ermittelt, um wen es sich bei dem Opfer handelt. Es war ein hochrangiger Bürger von Eltville, für den der Bürgermeister in die Bresche springt und meint, die Ermittlungen behindern zu müssen. Nicht genug, dass es genügend Tatverdächtige, die es auszusieben gilt gibt, zu denen auch die Exfrau und die aktuelle Frau des Opfers zählen, muss nun auch auf die politische Ebene im Rheingau Rücksicht genommen werden.

Viele haben berechtigte Motive, jetzt gilt es aber den einen zu ermitteln, was sich zu Anfang als äußerst schwieriges Unterfangen für die Jägerin und Rübezahl zeigt.

Dies ist der zweite Krimi aus dem Rheingau mit Inga Jäger und Kai Gebert, den Ivo Pala unter dem Pseudonym Richard Hagen für seine Leserschaft ersonnen hat. Gleich auf den ersten Seiten ist es möglich, ganz tief ins Geschehen einzutauchen und von der Spannung mitgerissen zu werden.

So erging es mir. Ich mochte dieses Buch, zu dem Ivo Pala perfekt in den polizeilichen Mordermittlungen und den staatsanwaltlichen Tätigkeiten ermittelte, nicht zur Seite legen, bevor ich es nicht fertig gelesen hatte. Was jedoch bei der hohen Seitenanzahl nicht so einfach möglich war, womit Ivo Pala mich darin bestätigt, dass ein Buch unter 400 Seiten kein Buch, sondern ein Heft ist.

Das Spannungsniveau wird von Anfang an recht hoch angesetzt und flacht bis zum Ende hin nicht ab. Im Gegenteil, der Autor führt es stetig leicht ansteigend nach oben, bis es seinen Höhepunkt in einem überraschenden Showdown findet.

Die rasante Schreibweise treibt den Leser von Kapitel zu Kapitel und lässt ihm kaum die Zeit, Luft zu holen. Das ist aber genau das, was einen guten Kriminalroman ausmacht, von denen es leider viel zu wenige auf dem Markt gibt.

Leider zäumte ich mit „Bluthatz“ das Pferd von hinten auf, weil ich nicht beachtete, dass es einen vorhergehenden Fall der beiden Ermittler gibt. Natürlich werde ich es nachholen, auch dieses Buch zu lesen.

Richard Hagen treibt den Leser durch einen Teil des Rheingaus, das er sehr detailverliebt erklärt, sodass man den Eindruck hat, selbst schon dort gewesen zu sein.

Seinen Protagonisten drückt Hagen ganz individuelle und doch sehr menschliche Stempel auf. Da wäre die Jägerin Inga Jäger, alleinerziehende Mutter mit alltäglichen Problemen und ihres Zeichens erfolgreiche Staatsanwältin, die in vorbildlicher Art und Weise in die Ermittlungen involviert wird und Kriminalhauptkommissar Rübezahl Kai Gebert, der alleinstehende, in die Tochter der Staatsanwältin vernarrte Polizist, der seine Liebe zu der Staatsanwältin auch nicht verheimlichen kann.

Dieses allzu Menschliche macht mir diese beiden besonders sympathisch, obwohl die aufkeimende Beziehung der beiden nicht im Mittelpunkt steht, was auch gut so ist.

An der Darstellung der restlichen Mitwirkenden lässt der Autor erkennen, wie sympathisch sie ihm auch im wirklichen Leben wären. Man merkt, mit wie viel Empathie der Autor an seine Werke heran geht und das wirkt sich auf die Protagonisten ebenso wie auf die Handlung aus.

Das Cover wurde perfekt ausgewählt, zeigt es doch ein Tor in eine geheimnisvolle Welt, wie hier wohl in die Keller des Klosters Eberbach. Dass dieses Bild dunkel gehalten wurde, macht es besonders spannend, zu diesem Roman zu greifen.

 

„Bluthatz“ von Richard Hagen hat alles was ein guter Kriminalroman haben muss, daher kann ich meine vollste Empfehlung dafür aussprechen.


Genre: Kriminalroman, Regionalkrimi
Illustrated by Blanvalet