Als Gast

Langmut als Lesertugend

Nicht weniger als das Konservieren der Zeit war das ambitionierte Ziel von Peter Kurzeck, der Roman «Als Gast» erschien als zweiter Band eines «Das alte Jahrhundert» betitelten und auf zwölf Bände projektierten Zyklus, von dem insgesamt aber nur sieben Romane erschienen sind, der letzte posthum in diesem Jahr. Der proustsche Dimensionen erreichende Romanzyklus stellt einen absoluten Schwerpunkt dar im umfangreichen Œuvre des mit vielen Preisen ausgezeichneten Schriftstellers. In dem ehrgeizigen, autobiografisch angelegten Romanprojekt berichtet der Autor in einer ganz eigenständigen, stilistisch ungewöhnlichen Erzählweise vom eigenen Leben und den Ereignissen in seiner hessischen Umgebung.

Der vorliegende Band behandelt dem Titel entsprechend die Zeit des Ich-Erzählers als Gast bei wohlmeinenden Bekannten, die dem finanziell abgebrannten Schriftsteller, der, von seiner Freundin verlassen, unter erbärmlichsten Bedingungen lebt, vorübergehend eine neue Bleibe angeboten haben. Die örtlich in Frankfurt am Main und zeitlich 1984 angesiedelte Geschichte, in Rückblicken dann auch auf die Jugend in einem hessischen Dorf im Jahre 1948 ausgedehnt, ist eine breit angelegte, detailversessene Erinnerung an die gelebte Zeit. Wobei es sich ganz offensichtlich überwiegend um eigenes Erleben von Peter Kurzeck selbst handelt, ergänzt um fiktionale Erlebnisse seiner Romanfigur, dem an seinem dritten Buch schreibenden Schriftsteller. Sehr oft, wenn er von ihm in der dritten Person schreibt, folgt relativierend hinter dem Komma ein ergänzendes, den Leser irritierendes «also ich». Als Chronist seiner Zeit hat Peter Kurzeck einen beinahe mikroskopisch präzisen Blick auf die Nachkriegszeit, von der er, häufig örtlich und zeitlich abschweifend, minutiös berichtet. Seine geradezu fanatisch penible, detailgenaue Erzählweise ist eine direkte Folge seines Kampfes gegen das Vergessen, auch gegen das Verschwinden von Gewohntem, Liebgewonnenem. Diese ständige Selbst-Vergewisserung ist ein geradezu manisches Inventarisieren der Gegenwart. Bei allem chronistischem Eifer wird im Roman aber auch deutlich Gesellschaftskritik geübt, ein Anschreiben gegen immanent scheinende Verhaltensmuster zudem. Hinter den deprimierenden Beobachtungen und Erkenntnissen aber bleibt in dem assoziationsreichen Text immer auch die Hoffung erkennbar, manchmal keimt sogar Humor auf.

«Müsste nicht der Mann von Sybilles Mutter jetzt draußen vorbei? Er heißt Peter wie ich. Kommt jeden Samstag aus Oberrad in die Stadt. Einkaufen. Lottozettel. Auf der Zeil die Schaufenster. Die Sonderangebote alle Samstage und Preise vergleichen. Neue Schuhe. Jeden zweiten Samstag zum Friseur. Eine neue Jacke. Vollwaschbar. Kochfest. Trockner geeignet. Indanthren. Soll man als nächstes einen Trockner zur Jacke dazu? Aber besser bringt man sie doch in die Reinigung. Werbewoche. Dann ist es billiger. Chemische Reinigung. Kleiderpflege. Sicher ist sicher. Haarspray. Mundwasser. Niveacreme. Sonderpreis. Zwölf Paar Socken. Ein paar Jahre lang jeden Samstag ein Hemd». In diesem Duktus ist der gesamte Roman verfasst, von der ersten bis zur letzten Seite.

Der praktisch handlungslose Roman wird in einem ununterbrochenen Bewusstseinsstrom erzählt, der immer wieder in sinnfreie Assoziationen mündet. Als akribisches Protokoll seiner Zeitgenossenschaft verzichtet der Autor völlig auf Spannung zugunsten seiner zuweilen auch pathetisch geäußerten Beobachtungen. Im Stil heutiger Minimal-Kommunikation via Internet findet der Autor seinen ureigenen, unverwechselbaren Ton. Im Stakkato eilt der Text in Einzelwörtern, Satzfetzen und prädikatlosen Wortreihungen voran, dem Prinzip der permanenten Wiederholung folgend. Auch wenn ich Siegfried Unseld ausdrücklich widerspreche, der ablehnend von «Kneipenliteratur» sprach, ist diese Prosa kaum goutierbar für das Lesepublikum, wie die Rezeption überdeutlich zeigt. Es ist schlicht ein Übermaß an Langmut, das dem Leser hier abverlangt wird.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Kintsugi

Nicht bewältigtes, narratives Chaos

Unter den drei Debüt-Romanen auf der Shortlist des diesjährigen Frankfurter Buchpreises ist auch «Kintsugi» von Miku Sophie Kühmel, eine kammerspielartige Geschichte vom Zerbrechen langjähriger Beziehungen. Auf Brüche spielt schon der Buchtitel an, ‹kintsugi›, klärt das Nachwort auf, ist «das kunsthandwerk, zerbrochenes porzellan mit gold zu reparieren», wie dort in Kleinschrift? erläutert wird. Ein ästhetisches Zen-Prinzip, bei dem die Einfachheit und die Wertschätzung der Fehlerhaftigkeit im Mittelpunkt stehen, was, auf den Roman übertragen, auf die Brüche in langjährigen menschlichen Beziehungen verweist, eine ganz ähnlich schon von Goethe in seinen «Wahlverwandtschaften» thematisierte Problematik.

Das schwule Pärchen mit Max, einem charismatischen Archäologen, und Reik, einem nicht minder charismatischen und erfolgreichen Maler, beide im mittleren Alter, feiert das zwanzigjährige Bestehen seiner Beziehung in der Einsamkeit ihres kleinen Landhauses an einem See in der Uckermark. Als Gäste für das Wochenende haben sie nur den Klavierspieler Tonio eingeladen, ihren ältesten Freund, und dessen achtzehnjährige Tochter, für die sie seit ihrer Geburt liebevoll eine vaterähnliche Rolle übernommen haben. Pega, zweifache Ziehtochter also, hatte quasi drei Väter, aber keine Mutter. Sie ist das Ergebnis eines One Night Stands des damals noch völlig unerfahrenen Tonio mit einer älteren Frau, die er dann überredet hat, nicht abzutreiben und ihm das Kind zu überlassen, er wolle es allein aufziehen. Seither hat er sie nie wieder getroffen, und auch Pega kennt ihre Mutter nicht. Mit seinem Jugendfreund Reik hatte der bisexuelle Tonio früher ebenfalls eine Beziehung, bis der dann in Max seinen Partner fürs Leben gefunden hat.

Dem Figurenensemble entsprechend ist der Roman in vier Abschnitte aufgeteilt, mit jeweils einem anderen, sprachlich stimmig angelegten Ich-Erzähler, aus dessen Perspektive über das Geschehen während dieses Wochenendes und, in Rückblenden, über die gemeinsame Lebenszeit berichtet wird. Zwischen diese Kapitel eingeschoben sind jeweils kurze, drehbuchartige Szenen im Landhaus, welche die Gespräche des Quartetts beim gemeinsamen Essen zum Inhalt haben. Die Erzählung legt den Schwerpunkt auf das psychologische Geflecht des patchworkartigen Figurenensembles, welches mit seinen Makeln und Rissen in den Beziehungen Fragen und Zweifel heutiger Liebesbeziehungen und Lebenskonzepte aufwirft. Es geht dabei neben der dominanten, psychologischen Nabelschau um Sexualität, Eifersucht, Bindungsfähigkeit, Elternschaft und Karriere. Leitmotivisch für die Brüche in den Beziehungen der vier Protagonisten steht dabei das von Max in einem Wutanfall zertrümmerte, wertvolle Teeservice, über das es im letzten Satz, nach der kunstvollen Reparatur, à la ‹kintsugi› heißt: «Und an den Stellen, wo die Risse waren, die Splitter, die Brüche, glänzt in verästelten Linien das Gold wie Adern aus Licht».

Die psychologische Dominanz in Miku Sophie Kühmels außerdem auch noch ziemlich redundanten Roman schmälert das Leseerlebnis erheblich, was insbesondere deshalb bedauerlich ist, weil sie ihre Figuren und deren seelische Deformationen durchaus stimmig zu beschreiben versteht. Die komplexe Konstellation der Beziehungen, – schwules Paar, kumpelhafte Vater/Tochter-Beziehung, Pegas Verführungsversuch an Max -, lassen diese spirituell aufgeladene Geschichte deutlich überkonstruiert erscheinen, weniger wäre hier mehr gewesen. Fraglich ist auch, ob man einer mutmaßlich überwiegend heterosexuellen Leserschaft die schwulen Geschlechtspraktiken derart drastisch vor Augen führen muss, wie es die junge Autorin hier tut, – aus welchen Gründen auch immer! Mit seiner ausufernden Komplexität landet dieser überambitionierte Roman, in dem alles auserzählt ist ohne jede Leerstelle, zudem adjektiv- und metaphernlastig mit einer blumigen Sprache und überladenen Symbolik, in einem nicht bewältigten, narrativen Chaos. Schade!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Verlag

Mein Jahr in der Niemandsbucht

Nichts für «Lesefutterknechte»

Im riesigen Œuvre von Peter Handke stellt «Mein Jahr in der Niemandsbucht» mit dem Untertitel «Ein Märchen aus den neuen Zeiten» das Opus magnum dar. Das 1994 erschienene Buch ist autobiografisch geprägt, es beschäftigt sich mit dem mühsamen Selbstfindungsprozess eines Schriftstellers. Handke ist mit dem diesjährigen Nobelpreis geehrt worden «für ein einflussreiches Werk, das mit sprachlichem Einfallsreichtum Randbereiche und die Spezifität menschlicher Erfahrungen ausgelotet hat». Als Enfant terrible der österreichischen Literatur ist er wegen seiner politischen – um ein auf Tolstoi gemünztes Wort von Thomas Mann zu benutzen – «Riesentölpelei», die Balkankriege betreffend, erneut heftig umstritten. Was die Spannung vor der Bekanntgabe der diesmal ja zwei Preisträger anbelangt, hat Dennis Scheck erklärt, er nehme an, «dass sich Reinhard Mey in der Nähe seines Telefons aufgehalten habe», damit süffisant auf die umstrittene Preisvergabe an Bob Dylan anspielend. Rein literarisch ist Peter Handke allerdings unumstritten, er ist geradezu eine Lichtgestalt der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur, von niemandem übertroffen. Der vorliegende, als Märchen deklarierte Band aus der Mitte seiner Schaffenszeit ist ein eindrucksvoller Beleg dafür.

Gregor Keuschnig, der fiktive Ich-Erzähler, ist auf der Suche nach seinem Platz in der Welt. «Einmal in meinem Leben habe ich bis jetzt die Verwandlung erfahren», lautet der erste Satz, der verzweifelnde Held befindet sich in einer Lebens- und Schaffenskrise. In der nahen Zukunft 1997 angesiedelt, handelt es sich dabei in erster Hinsicht um ein zu schreibendes Buch, das der nahe Paris in einem Vorort allein wohnende, von seiner Frau verlassene Chronist zu schreiben gedenkt, er hat sich ein Jahr Zeit für diese Klausur über sein verfehltes Leben genommen. Als seine «Niemandsbucht» bezeichnet er das in einem Wald jenseits der Seine-Höhenzüge gelegene Tal, in dem der Österreicher sich vor Jahren ein Haus gekauft hat. In einem breit angelegten Erinnerungsprozess beschreibt der meist im Freien, an verschiedenen Plätzen im Wald sitzende Schriftsteller minutiös seine Suche nach dem Wesen der Dinge und Begebenheiten, dabei einer Ästhetik folgend, die den Prozess der Wahrnehmung als solchen im Fokus hat. Die erhabensten Momente sind für ihn die Augenblicke, in denen er sich mit dem, was er unermüdlich erschaut hat, in stillem Einklang befindet.

Im mittleren Teil dieses Buches vom Scheitern werden märchenartig die Geschichten seiner sieben auf der ganzen Welt herumstreunenden Freunde dargestellt, zu denen er auch seinen Sohn zählt. Auf die Kritik seiner Frau an seinem sehr speziellen, anspruchsvollen Schreibstil reagierte er gereizt: «Und wenn ich dann weiterwetterte gegen die Bücher, die keinen Erzähler mehr hätten, sondern einen Conférencier, gegen alle die Lesefutterknechte mit einem so aufbereiteten Stoff, dass daran mehr zu lesen bliebe, meinte sie, neidisch sei ich auch». Die Problematik dieser in sich selbst kreisenden, narrativen Form wird überreich kompensiert durch eine fast unglaubliche sprachliche Präzision, eine üppige, oft verblüffende Wortgewalt. Diese im Kern spröde Beschreibungskunst widmet sich gleichermaßen detailliert und gekonnt der Natur und den Dingen wie auch den Menschen und der Gesellschaft in ihrem Wesen, – Politik, Ökonomie oder Psyche werden dabei rigoros ausgeblendet. Letzteres aber gilt nicht für ihn selbst, als Solipsist beschäftigt er sich unablässig mit sich selbst, mit jeder noch so kleinsten Regung seines depressiv veranlagten Gemüts.

Diese Utopie des Erzählens ohne Handlung ist für den Leser ein strenges Exerzitium, in dem der langatmige Umweg das Ziel ist. Also nichts für «Lesefutterknechte», bei denen allein der Plot zählt und nicht eine Sprachkunst, welche die stimmigen Bilder im Kopf sinnlich durch Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken zu ergänzen vermag, – fürwahr eine selten anzutreffende narrative Fähigkeit!

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Lavinia

Überstrapazierte Emotionslosigkeit

Den Romantitel «Lavinia» hat Dagmar Leupold, wie sie im Interview erklärte, dem Eneas-Roman des mittelalterlichen Schriftstellers Heinrich von Veldeke entlehnt. In dessen Geschichte wird die Figur der Lavinia, deren Minne in Form eines Monologs erzählt ist, einerseits als bezaubernd und rein, andererseits aber als selbstsicher und trotzig dargestellt. «Mein Roman ist sozusagen Echo auf diesen Minnemonolog», hat die Autorin erklärt.

«Wer ergründen will, muss herab» lautet beziehungsreich der erste Satz. Als Sturz durch die Zeit angelegt, enthält der Roman den «Fall» nicht nur im Wortstamm sämtlicher, rückwärts gezählter Kapitelüberschriften, beginnend mit «Überfallen» im 25. Stockwerk eines New Yorker Hochhauses und countdownartig endend bei «1. Wutanfall», sondern auch im Titelbild mit seinen senkrecht herab fallenden Buchstaben. Die solcherart Sprachspiele liebende Autorin benennt denn auch die Lebensstationen ihrer Heldin nicht mit Ortsnamen, sondern mit den Flüssen, an denen sie liegen. «Von der Lahn zum Neckar, vom Neckar zum Arno, vom Arno zum Hudson» heißt es da bei einem Resümee der Ich-Erzählerin. Das beherrschende Thema dieses Romans sind die Abgründe und Verluste im Leben von Lavinia, denen es sich zu widersetzen gilt, dargestellt als lawinenartiger – wenn mir dieses Wortspiel erlaubt ist – Rutsch durch die Zeit mit all den Spuren, die davon historisch zurückbleiben.

Gleich zu Beginn wird die Protagonistin zunächst aber erst mal von Besuchern um ihre preiswerte Sozialwohnung beneidet, mit traumhaftem «Blick über den Hudson im Westen und die Miss Liberty im Süden», sie sei ein Glückspilz, sagen alle. Dort im 25. Stock beginnt dann auch ihr Rückblick auf ein Leben, dessen berufliche Aspekte der Literatur-Wissenschaftlerin kaum Probleme bereitet haben, umso mehr aber die privaten. Dieser weit ausholende Prozess des Erinnerns schließt politische Ereignisse mit ein, die sich umso tiefer ins kollektive Gedächtnis einprägen, je stärker ihre Tragweite das Persönliche tangiert. Tiefwurzelnde Zeitgeschichte und allmählich formierte Lebensgeschichte verschmelzen hier quasi in einer Art körperlichem Prozess miteinander und bilden die Basis für den aufkeimenden und stetig anwachsenden Widerstandsgeist der Protagonistin. Als ein der Weiblichkeit gewidmeter Roman beschäftigt sich «Lavinia» mit den gefühlsmäßigen Zumutungen der ersten Liebe ebenso wie mit den folgenden, emotional bedeutungslos bleibenden, flüchtigen Liebschaften, aber natürlich auch mit der einen, der einzigen, großen Liebe. Die Pubertät der Heldin spielt sich in einem zeitbedingt prüden Umfeld ab, inmitten einer tendenziell frauenfeindlichen Gesellschaft, in der sie scheinbar unabwendbar Übergriffen der Männer ausgesetzt ist. Das setzt sich fort bis zum Schlusskapitel mit der Überschrift «Wutanfall», in dem es heißt: «Ihr Betatscher, ihr Zurauner, ihr Übergreifer. Ich suche euch heim». Die da bereits ältere Frau listet buchhalterartig in einem «Logbuch der Gewalt» all ihre Peiniger auf: den Pokneifer im Bus, den bösen ‹Onkel›, den übergriffigen Arzt, den ebenso übergriffigen Physiotherapeuten, die anzüglichen Kollegen, Chefs, Journalisten, den Busengrabscher und den geisteskranken Beinahe-Vergewaltiger in Syrakus. Als Belästigte ist sie in manche Fallen (sic!) immer wieder blindlings hinein getappt.

Erzählt wird dieser auch als Beitrag zur «Me Too»-Debatte anzusehende Roman äußerst distanziert in knappen Sätzen, in denen nicht alles ausbuchstabiert wird. Mit einem Übermaß an Andeutungen und einem permanenten Rückgriff auf das Assoziationsvermögen des Lesers, das auf gar manche schiefen Bilder trifft, wird die Lektüre ebenso erschwert wie durch die häufig eingeschobenen Minnesang-Verse aus dem 12ten Jahrhundert. Als Figur bleibt Lavinia zudem seelisch indifferent, sie verschwindet geradezu unter ihrem intellektuellen Habitus. An dieser überstrapazierten Emotionslosigkeit aber scheitert letztendlich der ganze Roman.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Jung und Jung

Gespräche mit Freunden

Geschichte ohne Fazit

Mit ihrem Debütroman «Gespräche mit Freunden» ist die Schriftstellerin Sally Rooney auf Anhieb zum Shootingstar der irischen Literatur avanciert. Sie könne nicht nachvollziehen, warum dieser ganze Hype um sie gemacht wird, hat sie erklärt. Die kürzlich erschienene deutsche Erstausgabe wurde hingegen von Feuilleton und Leserschaft deutlich weniger euphorisch aufgenommen als im englischen Sprachraum. Wie der Titel schon andeutet, handelt es sich um eine weitgehend dialogisch angelegte Erzählung, es wird also viel geredet in diesem Erstling der 28jährigen Autorin, die eine typische Vertreterin der im neuen Jahrtausend sozialisierten Millenium-Generation ist.

Der Roman wird chronologisch aus der Perspektive der 21jährigen Frances erzählt, einer Dubliner Literaturstudentin, die mit ihrer Freundin Bobbi als Schülerin mal eine lesbische Beziehung hatte. Die beiden nach wie vor geradezu symbiotisch verbundenen Studentinnen treten gemeinsam bei Spoken-Word-Events auf, wobei Frances alle Texte schreibt, während Bobbi die bessere Interpretin ist. Bei einer solchen Veranstaltung lernen sie die 37jährige Journalistin Melissa kennen, welche die Beiden anschließend spontan zu einem Drink zu sich nach Hause einlädt. Dort lernen sie ihren Mann Nick kennen, einen fünf Jahre jüngeren, charismatischen Schauspieler, der mit seiner auffallenden Präsenz auf Frances unwiderstehlich wirkt, – während Bobbi sofort mit Melissa zu flirten beginnt. Die sich andeutende Menage à Quatre ist denn auch das narrative Gerüst des Romans, der zeitweilig unter Depressionen leidende Nick und die noch jungfräuliche Frances landen im Bett und haben tollen Sex. Ob mit Melissa und Bobbi Ähnliches passiert bleibt offen. Der zweite Teil des Romans beginnt mit einer Zäsur, als Bobbi schließlich von der heimlichen Affäre mit Nick erfährt, es kommt irgendwann sogar zum offenen Bruch zwischen den beiden besten Freundinnen, die sich immer mehr entfremdet haben.

Die Adoleszenz der von Selbstzweifeln geplagten, introvertierten Ich-Erzählerin Frances steht im Mittelpunkt dieses modernen Entwicklungsromans, sie ist sich ihrer Gefühle nicht sicher. Ihre Beziehung zu Nick ist für sie ein intellektuelles Machtspiel. Er führt eine offene Ehe, hat Melissa irgendwann über seine Liaison informiert, kann von Frances aber ebenso wenig lassen wie sie von ihm. Emotional kommt sie nicht klar mit einer Situation, die nirgends hinführt, für die sich nicht mal andeutungsweise eine Lösung abzeichnet. Als Intellektuelle führen die vier Protagonisten endlose Gespräche über Literatur, Politik, Klassenunterschiede, Beziehungen, Freundschaften, Gleichberechtigung, – und über Liebe und Sex natürlich. Die sich selbst als Marxistin stilisierende Sally Rooney ist eine begnadete Rhetorikerin, die als 22Jährige den Debattier-Wettbewerb der europäischen Universitäten gewonnen hat. Entsprechend strotzt ihr für eine erklärtermaßen intellektuelle Leserschaft geschriebener, zeitgenössischer Roman geradezu von kämpferisch geführten, scharfsinnigen Diskursen.

Es sind diese endlosen Diskurse, die narrativ im Vordergrund stehen, die Figuren selbst bleiben charakterlich vage, sie irritieren oft durch ihr Verhalten in diesem komplizierten Beziehungsgeflecht. Die Autorin beschreibt detailliert dieses Verhalten, überlässt es aber dem Leser, sich in das psychische Profil der Figuren hineinzudenken, was bei Frances mit ihrem fatalen Hang zu quälendem Reflektieren schwierig ist. Die als literarische Stimme des Millennials apostrophierte Sally Rooney hat einen leicht lesbaren Roman voller Klischees vom Typ Pageturner vorgelegt, bei dem man den Eindruck hat, dass sie beim Schreiben nicht genau wusste, wohin sie den Leser denn nun eigentlich führen will. Ihre Protagonistin Frances bezeichnet an einer Stelle einen ihrer Tage als zu peinlich, um erzählt zu werden, als eine «Geschichte ohne Fazit», – der ganze Roman ist genau das, er ringt seiner uralten Thematik keine neuen Aspekte ab!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Luchterhand

Brüder

Ein Symptom der Zeit

Mit ihrem zweiten Roman «Brüder» hat Jackie Thomae ein Epos geschrieben, das keines sein will, obwohl viele der Merkmale dafür vorhanden sind. Es ist die breit angelegte Geschichte zweier gleichaltriger, unehelich in der DDR geborener Halbbrüder mit einem gemeinsamen afrikanischen Vater, den sie nie gesehen haben. Sie wachsen getrennt auf, wissen nichts voneinander und könnten ungleicher gar nicht sein. Es ist auch die Geschichte zweier Epochen, der Zeit vor und nach der Wende in Deutschland, vor allem aber, wie die Autorin im Interview erklärt hat, eine Hommage an West-Berlin, an Leute, die keine Rassisten sind, und an Alleinerziehende. Die autobiografischen Bezüge sind also unverkennbar. «Wer das Buch liest, wird feststellen, dass meine ‹Brüder› viele Begegnungen haben, bei denen sie eben nicht diskriminiert werden. Das war mir wichtig» hat sie leicht genervt über die immergleichen Interview-Fragen hinzugefügt, und so lautet ihre Widmung denn auch «Für euch, schwarze Schafe», – und damit ist hier wirklich nicht die Hautfarbe gemeint!

Ein solches schwarzes Schaf nämlich ist in diesem zweiteilig aufgebauten Roman Mick, ein sympathischer Taugenichts, gutaussehender Womanizer und arbeitsscheuer Hedonist, für den Partyfeiern der Lebensinhalt ist, der mangels Berufsausbildung allerlei fragwürdige Geschäfte betreibt und schließlich mit zwei Freunden einen Club aufmacht. Auch als er Delia kennenlernt, eine angehende Juristin, die ihn selbstlos mit durchfüttert, ändert das nichts an seinem unsteten Leben mit seinen schrägen Kumpels. Eine leichtfertig eingefädelte Drogengeschichte nimmt beinahe ein schlimmes Ende, und Delia verlässt ihn schließlich, als sie herausbekommt, dass er sich heimlich hat sterilisieren lassen, obwohl sie sich doch so sehnlich ein Kind von ihm wünscht. Er landet ziemlich abgebrannt auf einer thailändischen Insel, beschließt dort eine radikale Wende in seinem Leben und begegnet uns am Ende als Yogalehrer wieder. Ganz anders im zweiten Romanteil Gabriel, sein von wohlhabenden Adoptiveltern großgezogener Halbbruder, ein humorloser Kontrollfreak, dessen Leben immer nach Plan verläuft. Er geht nach London, wird ein weltweit erfolgreicher Stararchitekt und führt mit Frau und lustlosem, schwierigem Sohn ein luxuriöses, straff durchorganisiertes Leben. Bis ein zu Unrecht rassistisch gedeuteter, Burnout bedingter Ausraster den Workaholic aus seinem rastlosen Leben herausreißt und er unfreiwillig eine längere Auszeit in Brasilien nehmen muss.

Beide umfänglich etwa gleichen Romanteile sind chronologisch erzählt. Der erste Teil von Mick umfasst die Jahre von 1985 bis 2000, gefolgt von einem «Intermezzo» genannten Zwischenteil über den Vater der beiden Protagonisten. Im zweiten Teil dann wechselt die Perspektive, in kurzen, getrennt erzählten Kapiteln von der Jahrtausendwende an, jeweils zwischen Gabriel und seiner Frau Fleur als Ich-Erzähler. Es folgt ein im Jahr 2017 angesiedelter Epilog, der, ohne in ein kitschiges Happy-End abzugleiten, eine Art friedlichen Showdown beschreibt.

Die Charaktere der beiden Frauen sind ebenso verschieden wie die der Männer, die auf der Suche nach ihrer Identität, nach ihrem Platz im Leben sind. Jackie Thomae enthält sich dabei aller moralischen Wertungen, vergleicht nicht die sich diametral gegenüberstehenden Wege der Halbbrüder. Sie zeigt uns, geradezu beiläufig erzählt und durchaus ironisch, ein auf bürgerlichem Niveau angesiedeltes soziales Gefüge, das spätestens nach der Wende unaufhaltsam in einen Konsumfetischismus einzumünden scheint. Ein glaubhaft beschriebenes Figurenensemble begegnet dem Leser in diesem vielschichtig angelegten Roman, der in einer lockeren, flockigen Sprache das Zeitkolorit stimmig einfängt und dabei gut unterhält. Mehr aber auch nicht, gedankliche Tiefe sucht man vergebens, Anlässe zu eigenem Weiterdenken finden sich ebenfalls keine, alles bleibt sehr oberflächlich und wirkt dadurch auch nicht nach. Ein Symptom der Zeit?

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hansa Berlin

Das flüssige Land

Schwarze Löcher als Metapher

Mit ihrem Roman-Debüt «Das flüssige Land» hatte Raphaela Edelbauer schon 2018 den Publikumspreis in Klagenfurt erhalten, nun kam sie damit sehr zu recht auf die Shortlist des diesjährigen Frankfurter Buchpreises. Als Jurymitglied hätte ich eher für sie als Preisträgerin gestimmt, aber das Migrations-Thema ist derzeit wohl gar zu übermächtig und verspricht wohl weit höhere Auflagen als ein surrealer Roman, auch wenn der literarisch besser gelungen erscheint und zudem deutlich unterhaltsamer ist.

Die 35jährige Wiener Physikerin Ruth steht kurz vor ihrer Habilitation, als sie die Nachricht erhält, ihre Eltern seien beide bei einem tragischen Autounfall ums Leben gekommen. Deren schriftlich hinterlassener Wunsch, im Ort ihrer Kindheit beerdigt zu werden, bereitet der Ich-Erzählerin nun aber große Probleme, denn Groß-Einland ist nirgendwo in Österreich verzeichnet, obwohl doch ihre Eltern ihr viel erzählt hatten von ihrem früheren Leben dort. Irritiert macht sie sich mit dem Auto auf den Weg in die Gegend, wo nach den Erzählungen der Ort eigentlich liegen müsste. Und tatsächlich sieht sie nach tagelanger vergeblicher Suche, bei der ihr niemand irgendeinen Hinweis geben konnte, weil keiner je von diesem Ort gehört hat, im Vorbeifahren an einer Nebenstrasse plötzlich ein verwittertes Schild «Groß-Einland». Auf einem Feldweg, der irgendwann nur noch über Stock und Stein mitten durch den Wald führt, gelangt sie mit ihrem dadurch total ramponierten, werkstattreifen Auto tatsächlich in den Ort, den niemand kennt. Es stellt sich bald heraus, dass Groß-Einland auf einem riesigen Hohlraum steht, den ein ehemaliges Bergwerk hinterlassen hat. Dieses gewaltige Loch im Untergrund bewirkt ständige Erdabsenkungen, die gefährliche Schäden an den Häusern anrichten, manche sind schon unbewohnbar. Merkwürdig ist allerdings, dass die Bewohner kaum Notiz davon nehmen, die ständig auftretenden und immer breiter werdenden Risse werden einfach zugespachtelt, niemand verliert ein Wort darüber.

In diesem Szenarium stößt Ruth bei den Vorbereitungen für die Beerdigung der Eltern auf Einwohner, die sie zwar freundlich aufnehmen, die aber allesamt seltsam verschlossen sind und ihren Fragen ausweichen. Je tiefer sie in die eigene Familiengeschichte einzudringen versucht, desto verwirrender wird sie. Ruth beschließt, neugierig geworden, länger als geplant zu bleiben und die geheimnisvollen Hintergründe aufzudecken. In einer an Kafka erinnernden, surrealen Geschichte eines merkwürdigen Ortes gerät die Protagonistin immer tiefer hinein in die rätselhaften Strukturen der Einwohnerschaft, die von einer geheimnisvollen, alles beherrschenden Gräfin regiert wird. Ruth nimmt schließlich sogar deren Auftrag an, eine Lösung für das «Loch» zu finden, obwohl sie als theoretische Physikerin dazu überhaupt nicht qualifiziert ist. Die Habilitation rückt völlig in den Hintergrund, so sehr nimmt sie ihre Recherche in Anspruch, sie vermutet nämlich einen Massenmord der Nazis hinter dem hartnäckigen Schweigen der Bewohner, den sie partout aufdecken will. Und aus den paar Tagen, die sie ursprünglich zu bleiben gedachte, werden schließlich drei Jahre, in denen sie dieser merkwürdigen, kollektiven Verdrängung nachspürt!

Listig führt die kreative Autorin im Stil der unzuverlässigen Erzählerin den zunächst arglosen Leser, sprachlich souverän, ständig auf falsche Spuren. Sie brennt dabei ein wahres Feuerwerk ab an skurrilen Einfällen, die sie zuweilen mit komplizierten physikalischen Anmerkungen garniert, was dem surrealen Plot einen realistischen Anstrich gibt. Die Figuren erscheinen allesamt sympathisch, Landschaft und Ort sind bilderbuchartig als idyllisch beschrieben, womit das Thema Heimat als eine weitere falsche Fährte gelegt ist. So steht in dieser parabelhaften Traumwelt den Schwarzen Löchern der Astrophysik das mysteriöse «Loch» in Groß-Einland gegenüber als Metapher für ein auf schwankendem Boden errichtetes soziales Gefüge.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Klett-Cotta Stuttgart

Nicht wie ihr

Der Proll als Millionär

Das soeben erschienene literarische Debüt des jungen österreichischen Schriftstellers Tonio Schachinger, der Roman «Nicht wie ihr», der im Milieu des Profifußballs spielt, wurde überraschend auf die Shortlist des diesjährigen Frankfurter Buchpreises gewählt. Im Interview hat der Autor zugegeben: «Die Nominierung hat mich schon gewundert». Der Klappentext nennt ihn «Ein Roman für Fußballfans und Fußballverweigerer gleichermaßen». Der Autor selbst, der sich als Hobbykicker, nicht als Fanatiker bezeichnet, hat klargestellt: «Es ist kein Schlüsselroman, aber natürlich habe ich vorher auch dazu recherchiert», Realität und Fiktion sind also eng miteinander verzahnt. Kenner der Szene werden diverse der aus juristischen Gründen leicht verfremdeten Figuren wiedererkennen, es kommen aber auch etliche reale Personen vor. Ob auch «Fußballverweigerer» Freude an dem Roman haben, hängt davon ab, inwieweit die fußballfreie Erzählebene der Geschichte sie anzusprechen vermag.

«Wer keinen Bugatti hat, kann sich gar nicht vorstellen, wie angenehm Ivo gerade sitzt», lautet der erste Satz. Protagonist des Romans ist Ivo Trifunović, ein 27jähriger, österreichischer Fußballstar mit bosnischen Wurzeln, der 100.000 Euro pro Woche verdient, eine attraktive Frau hat, die ihn sexuell sehr glücklich zu machen versteht, und zwei kleine Kinder, die er innig liebt. Er sieht gut aus, ist als cooler Typ bekannt, der auf dem Spielfeld wahre Wunder vollbringen, aber auch total versagen kann. Seine Form ist nicht konstant gut, seine Spielweise launenhaft und kaum vorhersehbar, für seine Gegner nicht, – und oft nicht mal für ihn selbst. Als er seine Jugendliebe nach langer Zeit wieder trifft und mit ihr Sex hat, kommt sein privilegiertes Luxusleben gehörig durcheinander, er merkt plötzlich, wie wenig Freiraum ihm sein durchgetaktetes Leben als Profifußballer und sein Bekanntheitsgrad in Österreich lässt. Dicht am Burnout, findet er durch ein Unglück am Ende wieder zu sich, gewinnt trotz der sportlichen Rückschläge und privaten Turbulenzen wieder neues Selbstvertrauen und endlich auch seine innere Ruhe.

Neben dem ausführlich und detailliert beschriebenen Spitzensport mit dem immergleichen Auf und Ab und all den knallharten Rangeleien hinter den Kulissen wird in der zweiten Erzählebene vom Seelenleben des Fußballhelden berichtet. Der auktoriale Erzähler bleibt immer dicht an seinem Protagonisten dran, schildert dessen Gedanken und Empfindungen in Form des Bewusstseinstroms und in ausgedehnten inneren Monologen. Dem Bildungsniveau des Helden, der lediglich die Hauptschule besucht hat, stimmig angepasst ist die rotzig-freche Proleten-Sprache des Romans. Neben dem Wiener Schmäh und dem derben Insider-Jargon der Kickerwelt ist dies auch der Neusprech der Digital Natives, deren Smartphones im Dauereinsatz sind. Ivo ist arrogant und charmant gleichermaßen, naiv und gutmütig, er kann sehr nett, aber auch sehr eigensinnig und böse sein. Als Mann ist er ein Macho durch und durch, ein Egozentriker zudem, er hat häufig Zukunftsängste, hadert zuweilen sogar mit seinem Migrationshintergrund, sein Hauptproblem aber ist die innere Leere, gegen die er lange vergeblich anzukämpfen versucht.

Obwohl nicht wirklich etwas Erzählenswertes passiert in diesem Roman, stellt er, aus der Proleten-Perspektive seines neureichen Helden erzählt, eine amüsante Gesellschaftskritik dar, in die auch der ungehemmte Turbokapitalismus einbezogen ist, der im Fußball-Business herrscht. Die vielen Klischees in diesem Roman stören erheblich, das Ganze findet in einem Goldenen Käfig statt, und richtig schief geht da eigentlich nie etwas, – außer auf dem Spielfeld mit den zweiundzwanzig Multimillionären, wenn der Ball partout nicht ins Netz will. Zwei Fragen also zum Schluss: Lehrt uns der Fußball etwas über das Leben? – Ganz im Gegenteil! Wird dieser Roman in zwei Tagen den Frankfurter Buchpreis erhalten? – Das kann ich mir auch beim allerbesten Willen nicht vorstellen!

Fazit: miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Kremayr & Scheriau

Die Wasserfälle von Slunj

Der Poet als gottgleicher Schöpfer

Sein bekanntestes Werk ist «Die Strudelhofstiege», sein Opus magnum «Die Dämonen», sein bester Roman jedoch sei, wie manche meinen, «Die Wasserfälle von Slunj». Auf jeden Fall aber gehört Heimito von Doderer zu den bedeutendsten Schriftstellern des Zwanzigsten Jahrhunderts. Er befindet sich mit seinem Bestreben nach einer möglichst allumfassenden Erzählweise vom narrativen Ansatz her durchaus auf Augenhöhe mit «Großschriftstellern» wie Thomas Mann oder Marcel Proust. Und ähnlich wie bei Fontane, dem Chronisten des Preußentums, kann man in Doderers Romanen wunderbar in vergangene Zeiten zurückreisen, hier in die bereits dem Untergang geweihte k. u. k. Doppelmonarchie. Das vorliegende, breit angelegte Epos ist als erster Roman einer geplanten Tetralogie 1963 erschienen, der zweite Roman erschien posthum und unvollendet. Anders als sein berühmter österreichischer Kollege Robert Musil aber ist der wegen seiner diversen Exzesse eher unsympathische, moralisch und politisch umstrittene Autor den deutschen Lesern weitgehend unbekannt geblieben. Schade eigentlich!

Der Roman beginnt mit der Hochzeitsreise von Robert Clayton, die ihn 1877 zu den imposanten Wasserfällen von Slunj führt. Er ist der Sohn eines britischen Industriellen, der in Wien ein Zweigwerk eröffnet. Aus dieser Ehe nun geht der Sohn Donald hervor, der nach dem Studium als Ingenieur in die österreichische Dependance eintritt. Für das Kaufmännische wird der eher unscheinbare Buchhalter Chwostik eingestellt, der in bescheidensten Verhältnissen lebt und zwei Untermieterinnen hat. Fini und Feverl betreiben in zwei kleinen Zimmern seiner Wohnung ihr Gewerbe als Prostituierte. Er selbst erweist sich als wahrer Glücksfall für die Firma und steigt zum Prokuristen auf. Die beiden Vorstadt-Huren retten beim Baden ein Kind und gehen aufs Land zurück, als ihnen die dankbare Mutter eine gutbezahlte Stellung auf einem ungarischen Gutshof verschafft. Der missratene Stiefsohn von Chwostiks Hausmeisterin landet glücklich als Postmeister in Kroatien, in der Schule bilden vier Schüler aus dem gehobenen Bürgertum den «Club Metternich» zur intensiven Vorbereitung auf die Matura, eine toughe Ingenieurin Mitte dreißig wirbelt die Männer gehörig auf und verändert nachhaltig das Leben von Clayton Senior und Clayton Junior, ihre verheiratete Freundin schließlich vernascht – in einer Reifeprüfung der besonderen Art – frohgemut einen der Jungs vom Club Metternich.

Mit seiner üppigen, anschaulich geschilderten Figurenschar aus Prekariat und Bürgertum zeichnet Heimito von Doderer ein drei Generationen umfassendes Kaleidoskop der Habsburger Monarchie. Dabei treffen die verschiedenen, ineinander verschlungenen Handlungsfäden immer wieder bei den Claytons zusammen, die titelgebenden Wasserfälle bilden eine narrative Klammer um das Ganze. Stilistisch elegant, in einer aus heutiger Sicht altösterreichisch wirkenden, der historischen Erzählzeit geschuldeten Diktion, breitet der Autor humorvoll plaudernd seine klug durchdachten Geschichten in prächtigen, farbenfrohen Bildern vor dem Leser aus.

Bei aller Ironie ist dem Plot jedoch eine beachtliche psychische Tiefe zueigen, die in vielen treffenden Metaphern zum Ausdruck kommt. Clayton Junior scheitert als erfolgreicher Ingenieur im Privatleben jämmerlich, er ist emotional geradezu verkrüppelt, sein verwitweter Vater sticht ihn mühelos aus bei der schönen Ingenieurin, in die Donald verliebt ist, wie er viel zu spät erst erkennt, – «man möchte ihm in den Hintern treten», schreibt der Autor dazu. Als Leser schaut man ihm zuweilen über die Schulter, so wenn er Figuren aus seinem Roman «herausschmeißt» wie Fini und Feverl. Leutselig erklärt er: «… und damit kommt der Augenblick, […] wo der Romanschreiber nicht an die Eigengesetzlichkeit seiner Figuren gebunden bleibt, sondern zuletzt noch mit diesen machen darf was er will», – der willkürlich agierende Poet also als gottgleicher Schöpfer seiner ganz eigenen Welt.

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Winterbienen

Danksagung als raffinierte Ergänzung

In «Winterbienen», dem neuen Roman des als Eifeldichter apostrophierten Schriftstellers Norbert Scheuer, ist erneut jenes nützliche Insekt titelgebend, das vor zwei Jahren schon mal für Aufsehen gesorgt hat. Der in die Shortlist des diesjährigen Frankfurter Buchpreises gewählte Roman hat also womöglich Chancen, an den Riesenerfolg des Erstlings «Die Geschichte der Bienen» von Maja Lunde anzuknüpfen, dem 2017 in Deutschland meistverkauften Roman. Gemeinsam ist beiden Romanen, dass in den ineinander verschachtelten Handlungsebenen jeweils Bienen die Thematik bestimmen, an ihnen spiegelt sich das eigentliche Geschehen.

Der vorliegende Roman ist das Tagebuch eines frühpensionierten Gymnasial-Lehrers aus der kleinen Eifelgemeinde Kall, dessen Aufzeichnungen am 3. Januar 1944 mit dem Absturz eines amerikanischen Kampfbombers beginnen. Egidius Arimond ist wegen seiner Epilepsie vom Kriegsdienst befreit und widmet sich als passionierter Imker intensiv der Erforschung dieser Insekten. Er lebt bescheiden von seiner Bienenzucht, zusätzlich benötigt er viel Geld für Medikamente, die er bei seinen epileptischen Anfällen dringend braucht. Der Nazistaat kommt nach dem Verdikt vom «lebensunwerten Leben» nämlich nicht mehr dafür auf, er wurde nach den absurden Vorstellungen der «Rassenhygiene» sogar zwangssterilisiert und fürchtet, irgendwann auch noch der Euthanasie zum Opfer zu fallen. In ganz konkreter Lebensgefahr befindet er sich aber, weil er mit Hilfe seiner Bienenstöcke Flüchtlinge gegen Bezahlung über die Grenze nach Belgien schleust. Nicht ganz uneigennützig also, denn die Preise für die rezeptpflichtigen Medikamente, für die er ja kein Rezept bekommt, werden vom erpresserischen Apotheker des Ortes ständig angehoben, irgendwann gibt es sie dann kriegsbedingt gar nicht mehr.

Der Tagbuchschreiber hat einige Liebschaften mit Frauen aus der Gemeinde, deren Männer im Krieg sind, und er begibt sich schließlich sogar in Lebensgefahr, als er sich ausgerechnet in die Ehefrau des Kreisleiters der NSDAP verkuckt. Ein Goldfasan also, wie der Volksmund diese Parteibonzen wegen ihrer Uniformen nannte, und dessen Frau wiederum beginnt tatsächlich ein Verhältnis mit ihm. Unter der Überschrift «Fragment» werden abwechselnd acht Notizen von Ambrosius Arimond, einem frühen Vorfahren des Tagebuchschreibers aus dem Jahre 1489, in diese Erzählung eingeschoben. Sie stammen aus einer nachgelassenen Klosterbibliothek, die Egidius im Archiv des Ortes entdeckt und mühsam übersetzt hat. Der Benediktiner-Mönch berichtet darin von einer desaströsen Alpenüberquerung, die er in jungen Jahren miterlebt hat. Später war er ebenfalls als Bienenforscher aktiv und hat eine widerstandsfähigere südliche Bienenart in der Eifel angesiedelt.

Bemerkenswert ist, wie souverän der Autor in Tagebuchform seine Geschichte vom Ende des Zweiten Weltkriegs aus der Perspektive einer abgeschiedenen Ortschaft schildert. Dabei verknüpft er geschickt das wohlgeordnete Leben seiner Bienenvölker mit dem chaotischen Kriegsgeschehen, er beobachtet ebenso kenntnisreich die Flüge seiner Bienen wie das Getümmel der Bomber und Jäger am Himmel. Es gibt keinen wirklichen Helden in diesem Roman, die eher ambivalente Hauptfigur wirkt gerade durch das nicht Heldenhafte aber sehr glaubwürdig. Erzählt wird ganz unreflektiert, eher beiläufig, nüchtern und unaufgeregt. Der Krieg ist vorbei, als Egidius beim Einfangen eines Bienenschwarms plötzlich merkt, dass er mitten in einem Mienenfeld steht, lapidar lautet der letzte Satz: «Erstarrt blieb er stehen». In einer längeren Danksagung versteckt berichtet der Autor, wie ihm die vor Jahrzehnten in einem Bienenstock aufgefundenen Tagebücher und Dokumente eines gewissen Egidius Arimond übergeben wurden, aus denen sein Roman im Wesentlichen bestehe. Eine raffinierte Herausgeber-Fiktion also, durch die man dann auch noch erfährt, was nach dem letzten Satz des Romans passiert ist. So spannend kann eine Danksagung sein!

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by C.H. Beck München

Traum von China

Satirische Dystopie

Der neue Roman des chinesischen Schriftstellers und Dissidenten Ma Jian trägt seinen Titel «Traum von China» nach einer Losung von Xi Jinping, dem Präsidenten des asiatischen Riesenreichs, die sogar offiziell Eingang in die Verfassung gefunden hat. Sie zielt darauf ab, den «Schlafenden Löwen» China zur Weltmacht aufsteigen zu lassen und letztendlich auch die kommunistische Weltherrschaft zu erringen. Der seit zwanzig Jahren in London lebende und als berühmtester Exilautor seines Landes geltende Ma Jian wird als literarisches Pendant zu Ai Weiwei bezeichnet, dem weltbekannten Konzeptkünstler. Der hatte ihm bei einer Begegnung freundlich angeboten, das Cover für sein neues Buch zu gestaltet, – welche Ehre für Autor und Buch! Mit der Widmung «Für George Orwell, der alles vorausgesagt hat» wird deutlich darauf hingewiesen, dass es sich hier um eine Dystopie handelt, – also eher Albtraum als Traum! Aber keine Sorge, auf den Leser wartet keine niederschmetternde Schreckensvision, es handelt sich um eine köstliche Satire bei diesem Roman, es gibt bei allem Horror also auch viel zu schmunzeln.

«In dem Moment, da Ma Daode, der Direktor des neugeschaffenen Traum-von-China-Amts, aus seinem Schlummer erwacht, stellt er fest, dass sein jugendliches Ich, von dem er eben noch geträumt hat, nicht verschwunden ist, sondern direkt vor ihm steht». In diesem ersten Satz steckt bereits die Problematik dieses Mannes, denn er hat für nichts weniger als dafür zu sorgen, dass ein kollektives Gedächtnis das individuelle jedes einzelnen Chinesen ersetzt. Eine schwierige Aufgabe, wie er an seinen eigenen Gedanken merkt. Denn die holen ihn aus seiner privilegierten Gegenwart als hoher Beamter mit repräsentativem Büro, zu dem auch ein Schlafzimmer mit Privatbad gehört, immer wieder ungewollt in die Vergangenheit zurück. Sie erinnern ihn an die Gräuel der von Mao Tse-tung ausgelösten Kulturrevolution. Er gehörte damals zu den Roten Brigaden, die Schrecken und Terror verbreitet haben, mit unzähligen Toten. Schon damals ging es darum, einen neuen Menschen zu schaffen, nun soll, mehr als vier Jahrzehnte später, durch die Traum-von-China-Bewegung die Vergangenheit komplett verdrängt werden, um das neue China zu schaffen. Dazu sind von seinem Amt viele verschiedene Maßnahmen geplant, erläutert Ma Daode in einer Sitzung der beteiligten Behörden, «… außerdem werden wir mit der Arbeit an einem Neuroimplantat beginnen, dem sogenannten Traum-von-China-Chip, der die privaten Träume der Menschen durch den kollektiven Traum von China ersetzen wird».

Der Plot des Romans schildert vordergründig die bevorstehende Räumung eines armseligen Dorfes, das als Bauland benötigt wird für eine Industrieansiedlung. Die Bewohner kämpfen mit allen Mitteln dagegen an, auch der Leiter des Traum-von-China-Amts vermag sie nicht von einer besseren Zukunft zu überzeugen. Viel Raum im Roman nimmt außerdem das ausufernde Liebesleben des Protagonisten ein, er hat unzählige Geliebte, die er demnächst auf zehn zu begrenzen gedenkt, eventuell sogar nur auf fünf, – der besseren Übersicht wegen. Das Narrativ wird durch häufige Rückblenden beherrscht, welche, als Bewusstseinsstrom erzählt, die Gedankenwelt von Ma Daode abbilden, mit den Schwerpunkten Politik und Weiber. Sprachlich dürfte die zweifache Übersetzung Chinesisch-Englisch-Deutsch dem Roman allerdings geschadet haben, brillant geschrieben ist er jedenfalls nicht.

Mit dem Mittel des schwarzen Humors prangert der Autor sarkastisch den Überwachungsstaat in seiner Heimat an, der seine Ziele mit methodischer Desinformation und brutaler Unterdrückung Andersdenkender zu erreichen sucht. «Ein Volk, das sich seiner Geschichte nicht erinnert, ist dazu verurteilt, sie erneut durchleben zu müssen», hat George Santayana dazu geschrieben. Daran wird auch das kommunistische China letztendlich scheitern, dieser zwischen viel Realität und sparsam eingesetzter Dytopie angesiedelte Roman gibt einen Vorgeschmack darauf.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Gestern war Heute

Vom Dilemma femininer Selbstverwirklichung

Der autobiografische Roman «Gestern war heute» mit dem Untertitel «Hundert Jahre Gegenwart» ist das bekannteste und erfolgreichste Buch der Schriftstellerin Ingeborg Drewitz. Ihr soziales Engagement steht auch hier wieder im Fokus, über drei Generationen hinweg gespiegelt am Schicksal einer Frau, deren Suche nach ihrer Identität an der Verlassenheit und Kontaktarmut der Mitmenschen scheitert, auch und vor allem in der engsten Familie. Die Autorin war Mitglied in den verschiedensten literarischen Verbänden, Jurymitglied in Klagenfurt, sie hat sich aber auch politisch zum Beispiel als Jurorin des 3. Russell-Tribunals in Frankfurt oder bei ‹amnesty international› engagiert.

Gabriele M. heißt die Protagonistin, über deren Leben – angefangen von der Geburt im Inflationsjahr 1923 bis hin zum Jahre 1978 – hier berichtet wird, wobei Rückblenden in die Familiengeschichte bis zum Deutsch-Französischen Krieg zurückreichen. Auch die Bismarckschen Sozialistengesetze und die dadurch ausgelösten Verfolgungen spielen eine Rolle, vor allem aber wird leitmotivisch immer wieder auf den Petersburger Blutsonntag zurückgeblendet als ein politisches Menetekel, das in ihre eigene Geschichte hineinwirkt. Ein Familienepos mithin, in dessen Mittelpunkt die physischen und psychischen Probleme weiblicher Emanzipation stehen unter dem äußeren Einfluss politischer Ereignisse. Dazu gehören natürlich der Erste Weltkrieg, die politisch instabile Weimarer Republik, der Albtraum der Nazidiktatur, die Teilung Deutschlands, der gescheiterte Aufstand in der DDR, schließlich Mauerbau und die Zeit der aufmüpfigen 68er-Bewegung in der Bundesrepublik. Die Väter in dieser Geschichte sind allesamt politisch schwache, ambivalente Figuren, die sich opportunistisch am liebsten aus allem raushalten, während die Frauen sich beherzter engagieren.

Die Suche der Heldin Gabriele nach Selbstverwirklichung, nach dem ‹Ich›, bleibt durch kriegsbedingte Arbeitsverpflichtung, Abbruch des Studiums wegen Schwangerschaft, Eheproblemen bis hin zur drohenden Scheidung, nachgeholtem Studienabschluss und beruflichen Querelen aber derart unerfüllt und starr gesellschaftlich vorgezeichnet, dass sie sich vom Alltagsstress völlig erschöpft und entmutigt mit Suizidgedanken trägt. Sie ist als freiberufliche Reporterin beim Hessischen Rundfunk sehr erfolgreich, fühlt sich aber eingeengt, fragt sich, wo sie selbst bei alledem bleibt, was denn nun ihr ‹Ich› ausmacht. Als ihre opponierende älteste Tochter geradezu brutal ausbricht aus allen tradierten gesellschaftlichen Konventionen, sich im linken politischen Spektrum betätigt, erkennt Gabriele widerwillig schließlich an, dass ihr lebenslang der Mut zu ebenso konsequenter Selbstverwirklichung gefehlt hat, dass ihre ledige Tochter ihr da um einen entscheidenden Schritt voraus ist. Demnach scheint es historisch also tatsächlich einen gewissen gesellschaftlichen Fortschritt zu geben. Die jüngere Tochter aber heiratet am Ende, ein Enkelkind wird geboren, wieder mal zeichnet sich da also ein unabänderlich scheinender familiärer Alltagstrott ab, – ein wahrlich pessimistischer Ausblick zum Thema Emanzipation und Selbstverwirklichung.

Dieses grandiose Zeitdokument ist gekennzeichnet durch seine vielen verschiedenen, glaubhaft geschilderten Figuren, durch stimmige Dialoge und einen dem jeweiligen Zeitgeschehen gekonnt und einfühlsam angepassten Plot. Sprachlich überzeugt der aus unterschiedlichen Perspektiven erzählte Roman mit einer wohltuend unartifiziellen, präzise beschreibenden, zielgerichtet komprimierten Diktion, oft in Form des inneren Monologs. Das atmosphärisch dichte Bild, das er so erzeugt, bewirkt einen Lesesog, dem man gespannt folgt bis zur letzten Seite. Zu Recht also ist dies ein zeitloser Klassiker, der sich, angenehm lesbar und auf intellektuell hohem Niveau, mit dem aus femininer Sicht noch lange nicht geklärten sozialen Dilemma individueller Selbstverwirklichung auseinandersetzt.

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by btb München

Bolwieser

Tragischer Pantoffelheld

Zu den Hauptwerken des in vielen literarischen Genres aktiven Schriftstellers Oskar Maria Graf gehört der Roman «Bolwieser» von 1931, ein Publikumserfolg, den Rainer Werner Fassbinder als Stoff für einen zweiteiligen Fernsehfilm benutzt hat, der dann als Spielfilm adaptiert auch in die Kinos kam. Er ist der erste der beiden «Spießerromane» des bayrischen Dichters, der sich selbst, mit seiner ländlichen Herkunft kokettierend, als «Provinzschriftsteller» bezeichnet hat. Auf der Flucht vor den Nazis ging er 1938 ins Exil nach New York, wo er 29 Jahre später als US-amerikanischer Staatsbürger starb. Seine damals entstandenen Werke gelten denn auch als Exilliteratur, wobei sein umfangreiches Œuvre vor allem durch eine außergewöhnliche thematische Vielseitigkeit geprägt ist, die scharfsinnig analysierte politische und philosophische Themenfelder mit einschließt. Als literarisches Vorbild nannte er Lew Tolstoi, dessen rustikale Bodenständigkeit er ebenso bewunderte wie seine engagierte Gesellschaftskritik. Albert Einstein hat ihn in einem Brief so charakterisiert: «Da ist einer in unserer Zeit, der Manieriertheiten und Dunkelheiten ganz vermeidet und in natürlicher Schlichtheit und Anmut zum Denken anregt».

Über die Idee zu diesem Roman hat der Autor notiert: «Warum, so fragte ich mich, wird eigentlich ein Pantoffelheld immer nur lächerlich und humoristisch gesehen? Kann er nicht auch eine tragische Figur sein? Das war alles, wofür ich lange Zeit den geeigneten Stoff suchte». Als Graf sich bei einer Fahrradtour mit Freunden von einem alten Fährmann über den Inn setzen ließ, sagte sein Begleiter: «Sie, der alte Mann wär‘ eigentlich was für einen Roman. Er war ein ehemaliger Bahnhofsdirektor in Wasserburg, seine Alte, in die er sehr vernarrt war, hat ihn betrogen und ihn nachher, als sie ins Gerede gekommen ist, dazu gebracht, dass er ihre Unschuld vor Gericht beeidigt. Wie er wegen Meineid ins Zuchthaus gekommen ist, hat sie den anderen geheiratet». Oskar Maria Graf hatte, was er suchte, vier Monate später war sein Roman fertig!

Als Inbegriff des Spießers will der dröge Xaver Bolwieser «seinen Frieden, weiter nichts». Der selbstzufriedene Kleinbürger ist seit mehr als drei Jahren mit der attraktiven, wohlhabenden Hanni verheiratet, die beiden haben ein sehr erfülltes Sexualleben, – er ist regelrecht wild nach ihr. Ihm genügt, verfressen wie er ist, zum Leben ein reich gedeckter Tisch in seiner warmen Stube, seine 35jährige Frau aber sinniert über ihre Zukunft, sie träumt von einem glamourösen, turbulenten Leben. Sie will einfach nicht akzeptieren, dass ihr Leben weiterhin so völlig ereignislos dahinplätschert mit ihrem langweiligen, dicken Xaverl. Es kommt, wie es kommen muss, sie beginnt ein Verhältnis mit einem charismatischen Jugendfreund und stürzt damit ihren arglosen Mann ins Unglück. Am Ende aber hat die lebensgierige Hanni in dem feschen Friseur längst schon wieder einen neuen Liebhaber gefunden, cosi fan tutte!

Äußerst skeptisch betrachtet Oskar Maria Graf in seinem Roman die Stabilität sexueller Liebe im Verlaufe der Zeit und unter Berücksichtigung der parallel dazu abnehmenden gegenseitigen Attraktivität, – fürwahr ein uraltes Thema! Und auch soziale Gegensätze kommentiert er mit feiner Ironie: «Der echte Unternehmer trachtet nach der Ausdehnung seines Betriebes und nach Macht. Der Arbeiter kämpft mit seinesgleichen um erträglichere Lebensbedingungen. Der Kleinbürger hingegen will das ‹eine› nicht und hat das ‹andere›. Er strebt nach intimem Luxus. Er will die erborgte Prächtigkeit, wie man sie mitunter in veralteten Gesellschaftsfilmen zu sehen bekommt». Diese chronologisch angelegte Geschichte wird dialogreich in einer wohltuend klaren Sprache erzählt, sie ist thematisch sehr gut durchdacht und absolut logisch aufgebaut. Alfred Döblin nannte den Roman «Ein Kabinettstück deutscher Erzählkunst», dem will ich mich gerne anschließen.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Lebt wohl, ihr Genossen und Geliebten

Ein literarisches Requiem

Die rumänische Schriftstellerin Carmen-Francesca Banciu, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nach Berlin übersiedelte, hat mit dem Roman «Lebt wohl, ihr Genossen und Geliebten» und dem Untertitel «Tod eines Patrioten» den letzten Band einer Trilogie vorgelegt, in der sie mit dem Kommunismus in ihrem Heimatland abrechnet. Er ist auf Deutsch geschrieben, die Autorin gehört mithin wie viele andere zur Generation der «Chamisso-Enkel», Schriftsteller also, die aus ihrer Muttersprache ins Deutsche wechselten. Sie nimmt darin das Thema der beiden Vorgänger-Romane wieder auf, die Nöte eines «Kaderkindes» im Kommunismus, eines Kindes von hochrangigen Apparatschicks also, dessen Verhalten für die Eltern verheerende Folgen haben konnte, sollte es sich offen systemkritisch äußern. Der vorliegende autobiografische Roman ist eine Art literarisches Requiem, geschrieben in der heutzutage nicht gerade häufig anzutreffenden Form eines Poems.

Vortragende dieser Totenklage ist die Tochter eines hochverdienten Funktionärs der kommunistischen Partei, deren verwitweter 87jähriger Vater einen Unfall erleidet und schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert wird. Die in Berlin lebende Tochter wird benachrichtigt, hat aber selbst gerade nach einem Unfall ein Bein in Gips, sie kann nicht sofort nach Rumänien reisen. Dort kümmern sich zwei Geliebte des Vaters um ihn, seine ehemalige, ihm treu ergebene Sekretärin und die wesentlich jüngere Krankenschwester, die vor dreißig Jahren seine Frau liebevoll gepflegt hat, bevor sie sehr früh verstarb. Der Vater ist auch nach der Revolution unbeirrt ein glühender Kommunist geblieben, gleich mit den ersten Worten dieses reimlosen Langgedichts wird seine unbedingte Kadertreue verdeutlicht: «Für Vater waren drei Dinge wichtig/In der festgefügten Reihenfolge/Das Vaterland/Die Partei/Die Ehre der Familie». Das Private hatte sich also der Ideologie völlig unterzuordnen, worunter die heranwachsende Tochter sehr gelitten hat. Ihre aufmüpfige, systemkritische Einstellung hatte denn auch verheerende Folgen, der Vater verlor seine privilegierte Stellung, sie ging ins Ausland, die beiden haben viele Jahre lang kein Wort mehr miteinander gesprochen. Aber auch der Bruder und der Onkel hatten jeden Kontakt zu dem unbeirrbaren kommunistischen Betonkopf und Despoten abgebrochen.

Aus dieser konfliktreichen familiären Konstellation, verursacht durch den tyrannischen Vater mit seinem blinden ideologischen Kadavergehorsam, ergibt sich ein kompliziertes psychologisches Geflecht von gegenseitigen Schuldzuweisungen, erlittenen Verletzungen, Demütigungen und unbewältigten Konflikten. Dabei spielt natürlich auch die Eifersucht zwischen der Ehefrau, den beiden aktuellen Geliebten und all den verflossenen eine wichtige Rolle. Aber auch mit der Tochter gibt es aufgestaute Wut und offenen Neid der anderen Frauen, also reichlich Stoff für psychologische Tiefenbohrungen.

Im Nachwort wird das Buch als «ein auf einen inneren Monolog entblößter Roman» bezeichnet. Sprachlich umgesetzt wird der hier kurz skizzierte Erzählstoff als Prosagedicht, in dem die Ich-Erzählerin geradezu obsessiv ihre ureigensten Gefühle ausdrückt, und zwar mit einer verblüffend suggestiven Wirkung. Durch nicht über die Zeile hinaus reichende, extrem kurze Sätze ohne Interpunktion, durch Wiederholungen und Reihungen wird variantenreich ein ureigener, stakkatoartiger Sprachrhythmus erzeugt, eine sprachliche Verdichtung also, die sich, wie die Autorin im Interview erklärt hat, zur Dichtung hin orientiert. Die vielen Wiederholungen einzelner Wörter und Phrasen in diesem episch sehr breit ausgewalzten Vater/Tochter-Konflikt setzen allerdings einige Geduld beim Leser voraus. Gleichwohl wird ihm das federleicht schwebend Erzählte sehr eindringlich nahe gebracht, er wird tief mit hinein gezogen in das seelische Befinden der Tochter, die ihre Totenklage zu einer verzweifelten Anklage gegen den herzlosen, egozentrischen Vater macht.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by PalmArtPress Berlin

Die allertraurigste Geschichte

Subversive Erzählweise

Der englische Schriftsteller Ford Madox Ford hat mit seinem 1915 erstmals erschienenen Roman «The Good Soldier» unbestritten ein kanonisches Werk von weltliterarischem Rang geschaffen, auf Deutsch erschien es unter dem Titel «Die allertraurigste Geschichte» erst im Jahre 1962. Ein verkanntes Meisterwerk, dem nie ein besonderer Erfolg beschieden war, das allerdings über mehr als hundert Jahre auch nie in Vergessenheit geriet. Es wurde immer wieder neu übersetzt, was ein anhaltendes Leserinteresse anzeigt und diesen Roman als zeitlosen Klassiker ausweist. Ein perfekter Roman, wie seine schreibenden Kollegen unisono meinen, ohne dass der Autor deshalb ein elitärer «writer’s writer» ist, der die Erwartungen der Leserschaft schnöde ignoriert.

Das amerikanische Ehepaar John und Florence Dowell lernt 1905 bei der Kur in Bad Nauheim das englische Ehepaar Edward und Leonora Ashburnham kennen, sie werden beste Freunde. Der arglose Ich-Erzähler Dowell berichtet aus der Erinnerung heraus naiv, geradezu blauäugig, über die neun scheinbar glücklichen Jahre miteinander, die beiden Paare aus den besten Kreisen besuchen sich gegenseitig und unternehmen zusammen Reisen, – bis es zur Katastrophe kommt. Nach dem Suizid seiner Frau entdeckt er, dass sie ihn viele Jahre lang mit Edward betrogen hatte, was dessen Frau Leonora wusste und geduldet hat. Der von ihm grenzenlos bewunderte Edward, ein gutaussehender Mann, untadeliger Soldat, vorbildlicher Gutsbesitzer und selbstloser Menschenfreund, ist eben auch ein erfolgreicher Schürzenjäger. Und Florence, seine Geliebte, hatte schon vor der Ehe einen Liebhaber unter den Bediensteten, sie hat ihren arglosen Mann von Anfang an schamlos betrogen, – und ihre Ehe wurde auch nie vollzogen! Für die streng katholische Leonora ist eine Scheidung unvorstellbar, sie vertuscht des Skandals wegen die Liaison der beiden Ehebrecher, wie sie immer schon alle Eskapaden ihres treulosen Mannes verheimlicht hat. Nur scheibchenweise erfährt der Leser, dass Florence aus Eifersucht Selbstmord begangen hat und nicht, wie ihr Mann glaubt, an Herzversagen starb, und dass Edward sich am Ende die Kehle durchschneidet, weil er sich nach einem jungen Mädchen verzehrt, seinem Mündel, das seinen Ehrbegriffen nach aber unerreichbar bleibt für ihn.

Was hier als banaler Plot skizziert wurde, ist im Roman ein diffiziles Spiel mit raffinierten Vor- und Rückblenden, häufigen Perspektivwechseln und ständigen Halbwahrheiten eines überaus naiven Erzählers, der seinen Vornamen im Buch nur einmal erwähnt und selbst kaum in Erscheinung tritt. Ein Gehörnter, der mit seiner ans Dümmliche grenzenden Unbedarftheit die Untreue seiner Frau einfach nicht erkennt, andererseits aber fast schon homoerotisch Edward bewundert. Das für diesen Roman markante Stilmittel ist der unzuverlässige Erzähler, der hier extensiv eingesetzt wird und den Leser oft auch direkt anspricht, ihm rhetorische Fragen stellt. Somit bindet er ihn mit ein in die Entstehung seiner Erzählung, offenbart ihm auch seine angeblichen Wissenslücken und Irrtümer, man ist als Leser beim Erinnerungs- und Schreibprozess quasi dabei.

«Ich weiß, ich habe die Geschichte in einer sehr weitschweifenden Weise erzählt», bekennt der eher unbeteiligt erscheinende Ich-Erzähler im vierten und letzten Teil seiner grotesken Geschichte der Täuschungen, Lügen, Selbstentlarvungen, Desillusionierungen, viktorianischen Standesdünkel und verlogenen Etikette. Es ist die hier zum Prinzip erhobene Unbestimmtheit, der fehlende rote Faden, der diese Story so verstörend macht für den arglosen Leser, in der nie etwas ist, wie es scheint, in der «ich weiß nicht» eine der häufigsten Phrasen ist. Schamhaft angedeuteter Sex, Religion und Geld sind die dominanten Themen dieser an Widersprüchen reichen Geschichte, die in einem trügerischen Plauderton erzählt wird. Nicht der Plot ist hier dominant, sondern die ironische, geradezu subversive Erzählweise eines kreativen Könners.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Diogenes