Amanda herzlos

Einakter und Unrechtsstaat

Der letzte Roman von Jurek Becker mit dem Titel «Amanda herzlos», erschienen 1992, ist zeitlich kurz vor dem Fall des Eisernen Vorhangs angesiedelt. Wie immer beim Autor des berühmten Romans «Jakob der Lügner» ist auch hier seine ureigene literarische Methode deutlich zu erkennen, nämlich selbst außerordentlich ernste Sujets «komödienähnlich» zu bearbeiten, wie er selbst es formuliert hat. Ironie und Komik wären der von ihm präferierte Ton, das habe möglicherweise auch was mit Unterhaltsamkeit zu tun. Dieser Roman ist thematisch eindeutig mehr ein Liebesroman als ein DDR-Roman, die Probleme beim Zusammenleben beider Geschlechter werden aus verschiedenen Perspektiven umfassend und mit analytischem Blick beschrieben. Dass dabei ein ebenso totalitäres wie dümmliches, ungeliebtes politisches System den Hintergrund liefert, ist dem Dissidenten Jurek Becker als Motiv erkennbar ebenfalls wichtig. Eine Pointe seiner Geschichte besteht schließlich genau darin, dass die am Ende, nach schikanösem Papierkrieg vieler beteiligter Behörden, endlich genehmigte Ausreise der Protagonistin Amanda in die Bundesrepublik Deutschland kurz vor dem Mauerfall erfolgt, – man hätte nur zu warten brauchen, aber wer konnte das schon voraussehen?

In dem dreiteiligen Roman erzählen drei Männer jeweils aus der Ich-Perspektive über ihre Ehefrau beziehungsweise Lebenspartnerin Amanda, der das Wort «herzlos» anhängt, – zu Recht nach dem Urteil von zwei der Männer, die über sie berichten. Sie ist eine Schönheit, rätselhaft wie eine Sphinx, hat ihr Studium abgebrochen, hat schriftstellerische Ambitionen und ist gleichermaßen intelligent wie wortgewandt. Mit ihrem Ehemann, dem Ostberliner Sportreporter Ludwig Weniger, hat sie einen kleinen Sohn. Ludwig ist ein notorischer Fremdgänger, er hatte sogar mit ihrer einzigen Freundin eine leidenschaftliche Affäre. Das Paar hat sich auseinandergelebt, sie sind voller Misstrauen gegeneinander und wollen sich scheiden lassen, dieser erste Romanteil beschreibt die Phase vor der Scheidung aus Ludwigs Perspektive. Im Mittelteil erzählt der Schriftsteller Fritz Hetmann von seinem Zusammenleben mit Amanda, wobei Jurek Becker eine narrativ raffinierte Geschichte-in-der-Geschichte konstruiert. Fritz hat während der Jahre mit Amanda eine Novelle über sein zunehmend schwieriger werdendes Zusammenleben mit Amanda geschrieben. Die ist ihm aber durch Sabotage – von ihr angestiftet, wie er vermutet – von der Diskette gelöscht worden. Da er keine Kopie hat, erzählt er die Novelle nun aus dem Gedächtnis nach, wobei er immer wieder virtuos die erinnerte Novelle und seinen aktuellen Bericht miteinander vermischt. Als Amanda sich im dritten, tagebuchartig erzählten Teil schließlich Hals über Kopf in Stanislaus Doll verliebt, einen westdeutschen Rundfunk-Korrespondenten in Ostberlin, und Fritz daraufhin verlässt, steuert diese dritte Liebesgeschichte auf eine Ehe zu.

Dieser Eheschließung steht jedoch im Wege, dass sie politisch quasi eine Mischehe darstellt, Ost mit West, mit dem feindlichen Ausland also, was vom Staat natürlich genehmigt werden muss. Und dafür wäre auch noch Amandas Ausreise nach Westdeutschland zu beantragen, denn ihr Zukünftiger wurde von seinem Chef nach Hamburg zurückbeordert. In all diesen Liebes- und Paarturbulenzen beherrscht der DDR-Alltag in seiner politischen Verlogenheit natürlich immer wieder die Szene, – die Stasi ist allgegenwärtig.

All das wird mit einem ironischen Unterton in einer fast schon kargen Sprache erzählt, wobei der Humor von Jurek Becker sich durch seine Beiläufigkeit auszeichnet, er ist nie aufgesetzt. So spricht Amanda zum Beispiel vom «Einakter» und meint damit das in der Regel nicht zu zwei Liebesakten hintereinander fähige Glied ihrer Liebhaber. Herzlos ist Amanda, weil sie ihre Männer nicht nur physisch bespöttelt, sondern vor allem psychisch demaskiert, – und den Unrechtsstaat, den sie verachtet, gleich mit dazu!

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Nach dem Gedächtnis

Lesen, kann ich nur sagen!

Als «Metaroman» wird im Klappentext das Buch «Aus dem Gedächtnis» der streitbaren russischen Intellektuellen und Schriftstellerin Maria Stepanova bezeichnet, «eine essayistischer Erzählung», die sich den üblichen Genres nicht so eindeutig zuordnen lässt. Obwohl dieses Debüt einer in Deutschland unbekannten Autorin wie ein Komet am literarischen Himmel erschienen ist, schweigt sich das Feuilleton bisher weitgehend aus. Auf Wikipedia findet man unter diesem Namen eine blonde, 2,02 Meter große russische Basketballspielerin, die gleichnamige Schriftstellerin ist dort nur namentlich gelistet, es gibt keinen Beitrag über sie. Das alles wird nicht so bleiben, ist zu vermuten!

Die Autorin beschreibt ihre geradezu manisch betriebene Spurensuche nach ihren jüdisch-russischen Vorfahren, ein gewagtes Vorhaben angesichts einer ziemlich dürftigen Quellenlage. Denn nur einzelne Zweige des weitverzweigten Stammbaums ihrer großen Familie sind durch Texte verschiedenster Art, diverse Fotos und aufbewahrte Gegenstände einigermaßen gut erschließbar, andere existieren allenfalls als körper- und geschichtslose Namen, oft sogar nur in mündlicher Überlieferung. Die in fünf Generationen das gesamte zwanzigste Jahrhundert umfassende und teilweise auch noch bis ins neunzehnte Säkulum zurückreichende Geschichte bezieht die Ahnen mit ein, gibt ihnen quasi eine Stimme. Eine gewisse Schlüsselrolle kommt dabei der ebenso dominanten wie exzentrischen Urgroßmutter Sarra zu, einer bolschewistische Revolutionärin, die 1907 nach Paris gegangen ist, dort Medizin studiert und promoviert hat und, in die Heimat zurückgekehrt, sich vorausahnend als Ärztin in die relative Sicherheit einer Gesundheitsbehörde zurückgezogen hat. Diese intuitive Weitsicht scheint in den Genen der Großfamilie zu liegen, bis auf einen als Soldat gefallenen jungen Mann hat die gesamte Sippe die Wirren von Revolution, Weltkrieg, Antisemitismus und stalinistischen Säuberungen, zumindest körperlich, recht gut überstanden.

Es ist das Wechselspiel von Erinnern und Vergessen, das den Leser auf seinem in jeder Hinsicht bereichenden Streifzug durch die wechselvolle Geschichte Russlands begleitet, immer auf den Spuren dieser Familie, wobei er der Autorin bei ihren vergeblichen Bemühungen um Gewissheit quasi ständig über die Schulter blickt. Als Ich-Erzählerin nimmt Maria Stepanova sich selbst völlig aus, sie berichtet mit einer gewissen Schwermut über die Altvorderen, nicht über sich, – an einer Stelle erwähnt sie ihren Mann, ebenso prophetisch wie amüsant, als «mein zukünftiger Ex-Mann», das war’s auch schon. Man erfährt auch relativ wenig über ihre Eltern. Nur einmal, als der Vater ihre Frage, ob sie seine erhalten gebliebenen Briefe im Buch abdrucken dürfe, ziemlich überraschend brüsk zurückweist, ist sie gekränkt und irritiert zugleich. Diese mühevolle Erinnerungsarbeit mit den vielen darin eingeschlossenen, klugen Reflexionen ist von einer geradezu ausufernden Intertextualität begleitet, der sich vertiefend noch viele essayartige Randgeschichten hinzugesellen. So ist zum Beispiel ein längerer Abschnitt des Romans sehr einfühlsam dem Schicksal der jüdischen, in Auschwitz ermordeten Künstlerin Charlotte Salomon gewidmet, über die David Foenkinos einen miserablen Roman geschrieben hat. Und die eigenwilligen Glaskästen des schrägen US-amerikanischen Künstlers Joseph Cornell dienen ihr an anderer Stelle als willkommenes Vehikel zur Veranschaulichung des Erinnerns, die hinterlassenen Gegenstände haben ihren Sinn nur als ehemaliger Besitz Verstorbener, – solange sich überhaupt noch irgend jemand an sie erinnert.

Als Leser wird man geradezu suggestiv mitgenommen und zu eigenem Nachdenken angeregt, geht es in diesem stilistisch unpathetischen, fraktionell erzählten Suchprozess letztendlich doch um nichts Geringeres als die eigene Bedeutungslosigkeit, die unerträgliche Gewissheit also, nur ein Sandkorn der Geschichte zu sein. Lesen, kann ich nur sagen!

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Vom Ende einer Geschichte

»Es herrscht große Unruhe«, setzt Julian Barnes als Schlusssatz unter seinen bewegenden zweiteiligen Roman um das Thema des geschönten Erinnerns und der damit verbundenen Selbsttäuschung. Er schließt damit den Kreis zu seinem Einstieg, einem Bericht über Freundschaften aus der Schulzeit: Ein notorisch nichtwissender Mitschüler antwortet auf die Frage des Geschichtslehrers zur Herrschaft Heinrichs des Achten genau mit dieser ebenso wahren wie relativierenden Floskel: »Es herrschte große Unruhe, Sir«. Continue reading


Genre: Novelle, Roman
Illustrated by btb Verlag

Die zweite Frau

Wo Realität die Fantasie übertrifft

Der dieser Tage neunzig Jahre alt gewordene Schriftsteller Günter Kunert hat ein vielseitiges Werk geschaffen. Die schier endlose Liste allein seiner über 150 Buchveröffentlichungen endet aktuell mit einem Roman, dessen Manuskript er vor kurzem zufällig wiederentdeckt habe und der nun erstmalig unter dem Titel «Die zweite Frau» erschienen ist. Mit fast 45 Jahren Verspätung, in seiner Lebensmitte also – aus heutiger Sicht. Denn an eine Veröffentlichung war damals nicht zu denken, der satirische Roman nimmt nämlich mit beißender Ironie die DDR auf die Schippe, den ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden, sichtbarer Beweis für die Überlegenheit des real existierenden Sozialismus. Keine Angst, es geht nicht um trockene Dialektik in diesem Band, den übrigens eine Zeichnung von Hand des Autors ziert, denn bereits sein Titel deutet stimmig eine andere Thematik an: Die zweite Frau hat Probleme mit der ersten.

Margarete Helene, Faustsches Gretchen und schöne Helena zugleich, die wenige Tage vor ihrem 40ten Geburtstag steht, findet beim Abriss eines Schuppens in ihrem Garten einen halb verrotteten Büstenhalter, – mit beeindruckender Körbchengröße. Barthold, ihr Mann, der im Liegestuhl döst und aus einem wüsten Traum mit Walter Ulbricht erwacht, kann die misstrauische Frage seiner Liebsten nach der vormaligen Trägerin des BHs nicht beantworten, der Schuppen stehe ja schon seit Jahrzehnten. Anders als seine tatkräftige Frau ist Barthold ein introvertierter Archäologe, elf Jahre älter als seine Frau, die beiden leben in einem bescheidenen Häuschen und sind glücklich miteinander, beide wissen sehr genau, was sie aneinander haben. Während Margarete Helene nun eifersüchtig weiter nach der Besitzerin des BHs forscht, eine vergilbte Postkarte von einer gewissen Elfi findet und eine erste Ehe vermutet, die er ihr verschwiegen habe, macht sich ihr Ehegespons auf die schwierige Suche nach einem passenden Geschenk für sie. Und landet schließlich angesichts deprimierend leerer Regale im Intershop, wo er mit illegal beschafftem Westgeld einen Goldring mit Rubin ersteht. In der langen Warteschlange dort kommt er mit einem Mann ins Gespräch, zitiert dabei Montaigne und erklärt auf Nachfrage, es handele sich um die Worte eines Franzosen. Derweil findet seine Holde im Erdreich unter dem Schuppen Knochen, die menschlich sein könnten, – sofort denkt sie an Elfi. Das Ganze gerät vollends zu Farce, als tags darauf ein tumber Stasi-Mitarbeiter auftaucht und gottlob nicht nach den vermeintlichen Knochen von Elfi fragt, sondern von Barthold Auskünfte über diesen Franzosen namens «Mohnteine» haben will, Kontakte ins feindliche Ausland seien ja schließlich meldepflichtig.

Der systemkritische Autor spricht Klartext, er rechnet in seinem derben Roman geradezu zynisch mit dem Staat ab, in dem er damals lebte. Seine scharfe Kritik ist jedoch nicht nur umwerfend witzig in eine wohldurchdachte, peinlich entlarvende Handlung verpackt, sie wird auch in zum Brüllen komischen Satzgebilden und Wortschöpfungen erzählt, die besonders in den Dialogen geradezu funkeln. Der Leser kommt aus dem Schmunzeln nicht mehr heraus, vor allem dann nicht, wenn ihm das Zeitkolorit einigermaßen vertraut ist. Nebenbei lässt Günter Kunert in seinem, damals todsicher als staatszersetzend angesehenen und in Ost und West gleichermaßen undruckbaren Roman seiner überquellenden Lust am Reflektieren freien Lauf, – wobei ihm Michel de Montaigne stets hilfreich zur Seite steht.

Diese Trouvaille, die man nun so schenkelklopfend liest, ist sicherlich keine große Literatur, aber eine herrliche Persiflage mit hohem Unterhaltungswert. Es ist außerdem, das sei besonders den DDR-Nostalgikern ins Stammbuch geschrieben, auch das beklemmende Zeugnis einer menschenverachtenden Diktatur. Also etwas, das der Autor sich damals wohl von der Seele schreiben musste, denn die Realität, sagt er altersweise, übertrifft die Fantasie bei weitem.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Wallstein Göttingen

Der Eissturm

Eiskalte Schlüsselparty

Im eher bescheidenen Œuvre des US-amerikanischen Schriftstellers Rick Moody ist «Der Eissturm», 1994 erschienen, sein bekanntestes Werk. Der Stoff wurde schon drei Jahre später verfilmt, produziert als Independent-Film und prominent besetzt. Wie es der Zufall will, hatte ich gestern gerade den Roman fertig gelesen, da entdeckte ich, dass der Film abends auf «Arte» läuft, – so konnte ich also Buch und Film direkt vergleichen. Mir fiel auf, dass der Spielfilm sehr dicht an die Vorlage angelehnt ist, und er hat mir auch deutlich besser gefallen als der Roman. Was mir als überzeugtem Buchleser, der seine Bilder allemal lieber selber im Kopf erzeugt, so noch nie vorgekommen ist.

Handlungszeit ist das Wochenende von Thanksgiving im Jahre 1973, Handlungsort ist die Kleinstadt New Canaan im Bundesstaat Connecticut, eine der reichsten Städte der USA. Das Wetter ist äußerst garstig, ein heftiger Eissturm verbreitet überall Chaos. Es ist die Zeit der Watergate-Affäre, die materiell privilegierten Romanfiguren verkörpern geradezu archetypisch den American Way of Life, sind aber gleichwohl im Innersten unzufrieden. Ihren Frust versuchen sie durch sexuelle Libertinage zu kompensieren, die sexuelle Revolution in Europa ist auch auf die prüden USA übergeschwappt. «Dann will ich Ihnen mal die Komödie über diese Familie servieren, die ich in meiner Jugend gekannt habe» lautet etwas holperig der erste Satz, und weiter: «Auch für mich gibt’s eine Rolle in der Geschichte – die gibt’s für ein Klatschmaul immer –, aber dazu später mehr». Und dann lässt sich das Klatschmaul in epischer Breite über den Sex aus, Joachim Kaiser hat es einst überaus treffend so formuliert: «Ich habe mich am Anfang beim Lesen so gefühlt, als wenn ich im Theater sitze und da sind lauter nackte Leute auf der Bühne.» Petting, Onanie, Sperma, Koitus, Defloration, Impotenz, Ehebruch sind die Themen, die scheinbar, – glaubt man dem Autor -, die frustrierten US-amerikanischen Wohlstandsbürger jener Zeit vorwiegend beschäftigen, gipfelnd in dem lustigen neuen Gesellschaftsspiel namens «Schlüsselparty», das Rick Moody mit diesem Roman als erster in die Populärkultur eingeführt hat.

Es geht um die Familie Hood, deren Leben nach diesem Wochenende nicht mehr das gleiche ist wie vorher. Während der 40jährige Ben mit der flotten Nachbarin Janey, deren Ehemann Jim häufig auf Geschäftsreise ist, ein intimes Verhältnis hat und seine gelangweilte Frau Elena ihren Frust durch Kleptomanie kompensiert, versucht sich ihr introvertierter Sohn Paul, das Alter Ego des Autors, erfolglos an eine Mitschülerin heranzumachen. Seine vorlaute Schwester Wendy animiert Sandy, den zehnjährigen Sohn von Janey, zu Doktorspielen, nachdem sie schon dessen älteren Bruder Mickey verführt hat. Erwähnt sei noch, dass Janey sich beim Schlüsselspiel statt Ben den jüngsten Party-Teilnehmer angelt und die gehemmte Elena ausgerechnet Jim, den Mann von Bens nachbarlichem Betthäschen Janey, beim Griff in die Schlüsselschale «gewinnt». Sie lässt sich auch gleich im Auto von ihm vernaschen, als Rache quasi, – völlig freudlos allerdings, Ejaculatio praecox heißt das Stichwort dazu. Und auch ihr Ben geht leer aus, er liegt volltrunken im Badezimmer der Party-Villa.

Was thematisch an Schnitzler erinnert in diesem amerikanischen «Reigen», das ist hier allerdings primitivste Verbalerotik ohne jedes Raffinement, so kalt wie der titelgebende Eissturm. Das Ganze endet für alle im Fiasko, es gibt einen Toten und ein Hollywood-typisches Ende mit Pauls lächelnder Familie, als sie ihn nach einer Horrornacht im vereisten Zug glücklich am Bahnhof abholt. Indem der Film viele im Roman seitenlang abgehandelte, langweilige Details, vor allem über Pauls nervige, idiotische Comic-Hefte, gottlob weglässt und sich auf den seelischen Kern seiner Figuren konzentriert, vermag er diese zynische Abrechnung mit der gelangweilten Generation jener Zeit deutlich glaubhafter abzubilden.

Fazit: miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Piper Verlag München

Roman ohne Held

Konzeptionell danebengelungen

Die Lektüre des Buches von Ulrike Kolb mit dem deskriptiven Titel «Roman ohne Held» verblüfft den Leser gleich zu Beginn. Denn da wird detailliert – aus der Perspektive eines Ertrinkenden – dessen Ertrinken geschildert, werden geradezu minutiös alle medizinischen Phasen des Sterbeprozesses aufgezählt bis zum endgültigen Exitus. Und ganz offensichtlich, so merkt der erstaunte Leser, soll es so weitergehen mit dem toten Ich-Erzähler, er berichtet wie in einem medizinischen Lehrbuch von den vergeblichen Versuchen zur Wiederbelebung ebenso wie von der nachfolgenden Obduktion seines Körpers in der Pathologie. Eine anatomische Lehrstunde geradezu, man fühlt sich wie ein junger Medizinstudent, – von denen der eine oder andere zartbesaitete genau da ja schon mal weiche Knie bekommt und dann doch lieber Jura studiert. Es ist diese irritierende narrative Sichtweise aus dem Jenseits, die sehr geschickt einen starken Sog zum Weiterlesen erzeugt.

Nach dem Tod wird denn auch gleich die schwere Geburt des namenlos bleibenden Ich-Erzählers geschildert, genau so medizinisch detailliert, nur dass hier ein psychologisches Element hinzukommt, die Mutter wünscht dem hässlichen Säugling, der zunächst kein Lebenszeichen von sich gibt, den Tod, die Hebamme solle ihn einfach ans offene Fenster legen, damit seine kaum vorhandenen Lebensgeister sich wegen der Kälte nicht entfalten. Aber dann kommt doch noch der befreiende erste Schrei des Neugeborenen, und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Denn was wir im Folgenden lesen ist die Geschichte eines von Geburt an unter seiner Zurückweisung leidenden Mannes, den die Welt geradezu anekelt, der in allem nur das Schlechte sieht. Immer wieder wird seine lebenslängliche, unheilvolle Getriebenheit auf dieses eine elementare Ereignis seiner frustrierenden Geburt zurückgeführt. Wobei sein fataler Urschmerz meist durch Gerüche ausgelöst wird, Schweiß, Eiter, Erbrochenes, Menstruationsblut, Kot und Urin bewirken zwanghaft Ekelgefühle bei ihm. Und sein eigener «Seelengestank» hindert ihn am Atmen, der «Pesthauch meines Selbst», sagt er.

Leider hat sich Ulrike Kolb mit ihrer kreativen Idee vom Erzählen aus dem Totenreich heraus gründlich verhoben, denn sie kann diese außergewöhnliche Perspektive nicht durchhalten und wechselt zunehmend in die Sicht der Tochter des Toten, die sich imaginativ die Lebenserinnerungen des Vaters aneignet: «Indem sie sich vorstellt, ich wäre derjenige, der schreibt», liest man da, «lässt sie Szenen des Lebens aufleuchten, die der Lebende vergessen hat, um sie in die Kellerverliese seiner Seele herabzupressen.» Und dieses Leben ist vom Chaos geprägt, familiär hinterlässt der – ja nun doch vorhandene – «Held» nur Trümmer, er ist geschieden, der Sohn und die Tochter haben sich von ihm abgewandt, seine Mätresse nimmt ihn finanziell aus nach Strich und Faden, er hat keine Freunde und vagabundiert einsam durch die Welt. Das ererbte Vermögen hat er durch obskure Geschäfte vervielfacht, dann aber auch wieder verloren oder so raffiniert versteckt, dass es sogar für ihn selbst am Ende großenteils nicht mehr auffindbar ist, zum Teil auf Nummernkonten schlummert, deren Nummern er vergessen hat. Zudem wird er auch noch von skrupellosen Vermögensberatern betrogen, es bleibt kaum etwas übrig vom einst so eifrig zusammengerafften Mammon, als schließlich der Sarg ins Grab gesenkt wird.

Schlüssig ist all das nicht, weder familiäres und finanzielles Chaos noch die traumatischen Kriegserlebnisse in Babyn Jar oder die sadomasochistischen Anwandlungen des fiesen Helden, für den Perversion, Gewalt und Sex untrennbar zusammengehören. Der erzählerische Schwerpunkt liegt schon fast penetrant auf der schieren Körperlichkeit, während die psychologischen Aspekte allzu klischeehaft und unmotiviert aneinander gereiht werden. Auch wenn manches dabei gut erzählt wird, so ist der Roman als Ganzes konzeptionell doch gründlich danebengelungen!

Fazit: miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Klett-Cotta Stuttgart

Gilles` Frau

Unwiederbringlich

Im Jahre 1937 erschien der Roman «Gilles´ Frau» als Debüt der belgischen Schriftstellerin Madeleine Bourdouxhe – und blieb weitgehend unbeachtet. Zwölf Jahre später ging Simone de Beauvoir dann in ihrem berühmten Buch «Das andere Geschlecht» ausführlich auf die Thematik in Bourdouxhes Roman ein, der die Diskrepanzen weiblicher und männlicher Sexualität in fiktionaler Form aufzeigt. Wiederentdeckt, und durch diverse Übersetzungen weithin bekannt, wurde er erst 1985, von der Kritik in Frankreich damals als makelloses Debüt gefeiert. Ein Klassiker also, der den heutigen Leser eventuell irritieren wird mit seiner feministischen Problematik, über die inzwischen zwar die Zeit hinweg gegangen ist, deren Grundbedingungen aber als genetische Prägung ja nach wie vor gelten dürften.

Der Arbeiter Gilles, ein äußerst stattlicher, kräftiger Mann, und seine attraktive, ebenso fleißige wie brave Ehefrau Elisa leben mit ihren kleinen Zwillingstöchtern glücklich und zufrieden in einer belgischen Industriestadt, – Lüttich vermutlich, der Name wird nicht genannt. Ihre auch sexuell beglückende Zweisamkeit in einer rundum harmonischen Ehe wird abrupt gestört, als es Elisas jüngerer Schwester Victorine gelingt, Gilles zu verführen. Schlagartig wird er ihr regelrecht hörig und gesteht nach einiger Zeit schließlich seiner bereits etwas Derartiges ahnenden Frau diese rauschartige, leidenschaftliche Affäre. Elisas Lebensglück, ihr Daseinszweck gar besteht darin, «Gilles´ Frau» zu sein, nicht nur juristisch, sondern auch sexuell, etwas anderes kann sie sich mit ihrem schlichten Gemüt beim besten Willen nicht vorstellen. Sie hofft nun inständig darauf, dass er sich irgendwann aus seiner fatalen, rein triebgesteuerten Abhängigkeit wird lösen können, und lebt fortan unfreiwillig in einer Ménage-à-trois, – eine Demütigung, die sie geduldig hinnimmt. Nach außen hin ändert sich nichts, sie erwartet ihr drittes Kind, der untreue Gilles bleibt bei ihr wohnen und kümmert sich nach wie vor um Frau und Kinder, trifft sich aber sehr oft zum Sex mit der lasziven Victorine. Als die jedoch plötzlich verkündet, einen anderen Mann heiraten zu wollen, rastet der eifersüchtige Gilles in seiner primitiven Männlichkeit total aus und schlägt sie grün und blau. Allmählich gelingt es ihm dann zwar doch, sich aus seiner sexuellen Obsession zu lösen, aber seine Liebe zu Elisa lebt nicht wieder auf. Er ist ziemlich lethargisch geworden und hat jegliches Interesse an ihr verloren. Elisa ist fassungslos, ihr Glück ist endgültig zerstört!

Dieser Roman trägt alle Züge einer antiken Tragödie, geradezu paradigmatisch wird hier der gescheiterte Versuch einer einfachen Frau ohne ausgeprägte eigene Identität geschildert, den aus ihrer schon beinahe symbiotischen Ehe ausgebrochenen Mann zurück zu gewinnen, egal wie. Beide Protagonisten dieser fast ausschließlich auf sie fokussierten, kammerspielartig aufgebauten Geschichte scheitern. Gilles scheitert an der Amour fou mit seiner leichtlebigen Schwägerin, Elisa an der nun endgültig erloschenen Liebe ihres Mannes, – Fontane hat seinen thematisch vergleichbaren Roman sehr treffend «Unwiederbringlich« betitelt, – mit einem ebenso katharsisähnlichen Ende übrigens.

Es ist die schicksalhafte Vorbestimmung, die das Geschehen in diesem Roman schon bei der Schilderung der ehelichen Idylle von Anfang an drohend überlagert, zu schön um wahr zu sein, quasi. Wobei Madeleine Bourdouxhe mit ihrer zurückgenommenen, schlichten Sprache komplexe, emotionale Vorgänge extrem komprimiert zu veranschaulichen versteht. Wozu ist die zerstörerische Kraft einer bedingungslosen Liebe fähig? «Die Auslöschung der eigenen Person im Namen der Liebe – das ist mehr oder weniger die Geschichte aller Frauen» hat die Autorin einst in einem Kommentar zu ihrem Roman kurz und bündig festgestellt. Und wenn man dieses Buch gelesen hat, dann ist man fast geneigt, ihr das tatsächlich auch zu glauben.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Piper Verlag München

Lempi, das heisst Liebe

Eine Frau in drei Geschichten

Mit dem Zusatz «das heißt Liebe» im deutschen Titel des Romans «Lempi» von Minna Rytisalo werden viele Leser vermutlich auf eine falsche Fährte gelockt. Denn dieses Debüt der finnischen Autorin ist geradezu eine Dekonstruktion der Liebe, also alles andere als ein klassischer Liebesroman. Vor dem historischen Hintergrund des Lapplandkrieges wird dieses beliebte Sujet hier auf beklemmende Weise konterkariert, wird das allfällige Gefühlschaos als grausame Illusion entlarvt.

Die junge Sisko animiert ihre lebenslustige Zwillingsschwester zu einer makabren Wette: Lempi würde den ersten Mann heiraten, der Finnisch spricht und alleine den Laden betritt. Und Lempi schnappt sich denn auch prompt den großen blonden Mann, der morgens als Erster in den Krämerladen des Vaters kommt, ein einfacher Bauer, der sich Hals über Kopf in die übermütige Lempi verliebt, – bald schon wird das Aufgebot bestellt. Für sie eine Heirat «nach unten» zwar, aber das Paar verlebt einen kurzen, rauschhaften Sommer miteinander. Gleichzeitig jedoch trifft die verwöhnte junge Frau auf dem armseligen Hof auch auf eine ungewohnt raue Lebenswirklichkeit, die sich dann noch härter für sie erweist, als ihr Mann zum Kriegsdienst einberufen wird und sie als Schwangere die schwere Arbeit auf dem Hof nun mit der Magd Elli allein bewältigen muss. Dies ist das Handlungsgerüst, an dem sich die Geschichte von Minna Rytisalo aus drei Perspektiven empor rankt.

Zunächst aus der von Viljami, der als gebrochenen Mann aus dem Krieg zurückkehrt. Seine Frau sei mit einem deutschen Soldaten fortgefahren und habe ihr Neugeborenes und den Ziehsohn allein zurückgelassen, erklärt ihm die Magd. Im zweiten Teil wird aus ihrer Perspektive erzählt, wie sie Lempis Sohn und auch den Ziehsohn allein durchgebracht hat in den schweren Kriegszeiten. Sie ist voller Hass gegen Lempi, hat sie von Anfang an zutiefst verachtet, und als nun Viljami zurückkehrt, den sie immer schon für sich haben wollte, wirft sie sich ihm an den Hals und erobert den schwermütigen Mann mühelos. Der mit «Sisko» betitelte dritte Teil erzählt in der nun folgenden Hälfte des Romans die Geschichte von Lempis Zwillingsschwester. Diese dritte Ich-Erzählerin hat mit dem deutschen Soldaten Max angebandelt und ist mit ihm 1944 vor der Offensive der Roten Armee nach Norwegen geflüchtet, später in Hamburg gelandet, – und dort hat Max sie dann verlassen. In Rückblenden erzählt die desillusionierte alte Frau nun von ihrem tragischen Leben, das stark von ihrer verschwundenen Zwillingsschwester geprägt war, deren rätselhaftes Schicksal neben Siskos eigner Geschichte nun auch noch in einer dritten Version vor dem Leser ausgebreitet wird.

In einem kurzen Prolog aus der Jetztzeit wird vorweg über die Ankunft von Sisko, die inzwischen eine alte Frau ist, auf dem Hof von Viljami berichtet, gefolgt von drei kurzen Briefen Ellis vom Herbst 1944, in denen sie dem an der Front kämpfenden Viljami von Lempis Verschwinden und seinem neugeborenen Sohn berichtet. Der raffiniert konstruierte, mit einem elegischen Grundton überlagerte Roman ist in einer schlichten, fast kargen Sprache geschrieben, oft in Du-Form, so als wäre das Gesagte an Lempi gerichtet, wobei die drei Teile sprachlich auch noch jeweils ihre eigene Tönung haben. Minna Rytisalo erzählt nicht nur sehr sprunghaft und unvollständig, auch ein Zusammendenken der drei Geschichten und allerlei Querverweise ergeben kein schlüssiges Bild über Lempis Verschwinden. Es gibt nur dezente Hinweise, einmal wird zum Beispiel ein Grab unter der Tanne angedeutet, am Ende kommt der Sohn mit einem Kieferknochen aus dem Garten, – so beiläufig, dass man es fast überliest. Zu den Lesefrüchten gehören neben der historisch lehrreichen Seite dieses Romans die illusionslosen Reflexionen über das schwierige Verhältnis der Geschlechter zueinander, besonders genossen habe ich zudem das narrative Können dieser neuentdeckten Autorin.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Und Marx stand still in Darwins Garten

Evolution und Revolution

Was Kehlmann mit seiner Doppelbiografie von Gauß und Humboldt recht war, kann Ilona Jerger mit Darwin und Marx nur billig sein, ihr Debütroman «Und Marx stand still in Darwins Garten» baut ebenfalls auf einer fiktiven Begegnung zweier berühmter Männer auf, die sich in Wahrheit nie begegnet sind. Wobei die Herren hier nicht nur zur gleichen Zeit gelebt haben, sondern auch noch dicht beieinander im Großraum London wohnten. Wie die Namen schon anzeigen, geht es hier thematisch also um Evolution und Revolution, stehen sich die Naturwissenschaft mit ihrer materialistischen Weltsicht und die Philosophie in Form einer ökonomisch determinierten, soziologischen Theorie von der nur revolutionär zu überwindenden Verelendung der Massen gegenüber. Während Darwins naturgesetzliche These heftig mit der Religion kollidiert, prallen bei Marx unversöhnlich politische Gegensätze aufeinander.

Was wäre gewesen, wenn diese beiden Wissenschaftler aufeinandergetroffen wären? Ilona Jerger beginnt mit einem Traum, in dem Charles Darwin als «Kaplan des Teufels» einen Überfall von klerikalen Eiferern erlebt, die sein Haus verwüsten und die Erstausgabe seines Werks «Über die Entstehung der Arten» verbrennen. Man schreibt das Jahr 1881, Darwin ist 72 Jahre alt und von Krankheit gezeichnet. Gleichwohl arbeitet er täglich an allerlei Studien, mit denen er der Natur experimentell ihre Geheimnisse zu entlocken sucht. Er lebt im Wohlstand, ist mit einer Erbin der Wedgwood-Dynastie verheiratet, seine Bücher werden auf der ganzen Welt gelesen. Nur in den Adelsstand wurde er nicht erhoben, erhielt dann aber immerhin ein Staatsbegräbnis mit Beisetzung in der Westminster Abbey. Anders Karl Marx, «der Jude aus Trier», wie das Kapitel betitelt ist, in dem er in den Blickpunkt rückt, er lebt zu dieser Zeit, bespitzelt von preußischen Spionen, als Exilant unter bedrückenden Verhältnissen in London und ist ständig auf die Unterstützung seines wohlhabenden Freundes und Mentors Friedrich Engels angewiesen. Als Autor ist er nicht sonderlich erfolgreich, von seinem Standardwerk «Das Kapital» ist bisher nur der erste Band erschienen, an den zwei Folgebänden arbeitet er seit Jahren, sie wurden schließlich posthum von Engels fertig gestellt.

Ilona Jerger baut als Bindeglied zwischen ihren Protagonisten einen erfolgreichen Arzt mit ein, der die beiden alten Männer behandelt und mit ihnen viel über ihre Forschungsarbeiten spricht. Seiner Absicht aber, sie irgendwann einmal zusammen zu bringen, kommt ein glühender Vertreter der Evolutionstheorie zuvor, ein Freidenker, der dringend um ein Treffen mit Darwin nachsucht und bittet, auch seinen Schwiegervater mitbringen zu dürfen. Unter dem Titel «Tischgebet mit Ungläubigen» kommt es am 8. Oktober 1881 zu dem fiktiven Dinner, bei dem sich der avisierte Schwiegervater als Karl Marx herausstellt. Darwins frömmelnde Frau Emma hat als Beistand für die zu erwartenden Dispute auch den Dorfpfarrer hinzugebeten.

Diese vom Leser mit Spannung erwartete Schlüsselszene enthält zwar die verschiedenen Argumentationen, arbeitet aber weder den atheistischen Kernsatz «Religion ist Opium für das Volk» von Marx noch das «Gott ist tot» des Evolutionsbiologen stimmig heraus. Hier hatte ich funkelnde Wortgefechte erwartet statt eines zerfasernden, eher lauen Wortgeplänkels. Dafür thematisiert die Autorin in epischer Breite die Gebrechen der beiden alten Männer, lesen wir seitenlang von Flatulenz und anderem physischen Ungemach statt vom blühenden Unsinn der Genesis. Interessantestes Kapitel in diesem historischen Roman war stattdessen für mich die Rückblende auf die fünfjährige Weltreise des jungen Darwin mit dem Vermessungsschiff »Beagle», und zweifellos sind auch andere biografischen Schilderungen bereichernd. Aber das, was den Leser neugierig macht schon vom Titel her, das hat mich narrativ denn doch ziemlich enttäuscht. Die gute Idee allein macht noch keinen guten Roman!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Ullstein Berlin

Konzert ohne Dichter

Vorsicht Bestseller

Von Feuilleton und Leserschaft gleichermaßen positiv aufgenommen wurde 2015 der Künstlerroman «Konzert ohne Dichter» von Klaus Modick, er war schnell zum Bestseller avanciert. Sein Thema ist die Entstehung eines Gemäldes im Dunstkreis der Künstlerkolonie in Worpswede Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts, wobei der «Dichter» im Buchtitel für Rainer Maria Rilke steht. Der gehörte als Poet ebenfalls zu diesem Künstlerkollektiv und fehlt geradezu demonstrativ auf dem berühmten Jugendstilgemälde «Sommerabend» von Heinrich Vogeler, – die ungleichen Freunde hatten sich entzweit. Und Rilke wurde kurzerhand übermalt, der freie Platz auf der Gartenbank zwischen Paula Becker und Clara Westhoff ist jedenfalls ein unübersehbares Indiz dafür.

Überhaupt kommt Rilke nicht gut weg in diesem Roman, in dem der «Barkenhoff», das prächtige Anwesen des erfolgreichen Malers, als Zentrum einer Gruppe von Künstlern fungiert, zu denen neben den beiden schon erwähnten jungen Malerinnen eben auch der Lyriker gehörte, der eine Monografie über die Worpsweder Künstler geschrieben hatte, er war quasi das Sprachrohr nach draußen. Den äußeren Rahmen der Geschichte bilden die drei Tage vom 7. Juni bis 9. Juni 1905, in den entsprechenden Kapiteln wird vom Leben in der Künstlerkolonie erzählt und von der Reise des Malers nach Oldenburg, wo ihm am 9. Juni auf der Kunstausstellung vom Großherzog eine Goldmedaille für sein monumentales Gemälde übergeben werden soll. In Rückblenden breitet der Autor, gestützt auf die Tagebücher und Briefe Rilkes sowie die Lebenserinnerungen Vogelers, die Geschichte der berühmten Künstlerkolonie vor uns aus.

Wobei die problematische Freundschaft mit Rilke den roten Faden bildet, an dem entlang sich diese Erzählung von den zwei ungleichen Künstlerseelen rankt. Vogeler ist überaus erfolgreich, lebt auf großem Fuße, wird sowohl als Maler wie auch als Kunsthandwerker, Designer, Grafiker und Architekt geradezu hymnisch verehrt, während der junge Rilke mit seiner Literatur kaum beachtet wird, er lebt in prekären Verhältnissen, zumeist auf Pump, sein Malerfreund muss ihm öfter mal finanziell unter die Arme greifen. Während Rilke wie besessen arbeitet, sich in Gesellschaft aufdringlich in den Vordergrund schiebt, Gelegenheiten also geradezu herbeizwingt, um seine Lyrik vorzutragen, ist Vogeler eher ein selbstkritischer Künstler, der seine Mittelmäßigkeit erkennt, – am Ende sogar in seinem prämierten Gemälde. Das möchte er deshalb auch unbedingt von dem Mäzen zurückkaufen, der es ihm seinerzeit, noch während der fünfjährigen Arbeit daran, unfertig auf der Staffelei abgekauft hatte. Er will es nun vernichten, so peinlich ist ihm seine eher plakative Kunst inzwischen! Während er an seiner unglücklichen Ehe leidet und sich als Handwerker in einem goldenen Käfig fühlt, hat der lebenslustige Frauenheld Rilke scheinbar eine Ménage-à-trois mit den Malerinnen Clara und Paula, die ihn beide umschwärmen, – später heiratet Clara den Poeten und Paula wird die Frau von Otto Modersohn.

Wo liegt denn nun der Lesegenuss bei diesem Künstlerroman? Ist es die Idylle von Worpswede mitten im Teufelsmoor, die Klaus Modick da ebenso betulich wie ornamental schildert? Oder die Malerei, über die er kundig zu schreiben versteht? Von jedem ein bisschen, würde ich sagen, aber mir war das ein bisschen zu wenig. Die im Klappentext reißerisch angekündigte Amour fou Rilkes ist ebenso wie die Liaison mit der gleichfalls erwähnten, skandalumwitterten Lou Andreas-Salomé nur ein Reklametrick, der Roman schweigt sich dazu nämlich schamvoll aus. Eingeschworene Rilkejünger seien zudem gewarnt, ihr Lyrik-Idol wird als narzisstisches Monster beschrieben, als Unsympath also. Auch wenn die sauertöpfische Kritik von Bernd Stenzig in seinem Büchlein «Rilke und Vogeler» einfach nur lächerlich ist, den Hype um diesen eher langweiligen Künstlerroman kann ich in keiner Weise nachvollziehen!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Die Überwindung der Schwerkraft

Vertreibung aus dem Paradies

Über nicht weniger als über das Dasein an sich schreibt Heinz Helle in seinem dritten Roman, unter dem ironischen Titel «Die Überwindung der Schwerkraft» zudem. Es sind die ewigen Fragen der Menschheit, die hier literarisch aufbereitet werden in einer Geschichte zweier Brüder, wobei die Philosophie im Fokus steht, gekonnt verknüpft mit einer eher beiläufigen Handlung. Die fungiert hier quasi als Plattform, als Stichwortgeber für das Feuerwerk an Gedanken, das der Autor, der mit einer philosophischen Dissertation über Bewusstsein promoviert hat, da wagemutig abbrennt, unser Dasein in vielen Facetten kritisch hinterfragend. Ganz nebenbei demaskiert er auch die Seele seines tragischen Helden in dieser tiefschürfenden gedanklichen Exkursion.

«Bald bin ich so alt, wie mein Bruder war, als er starb» lautet der erste Satz des namenlos bleibenden Ich-Erzählers, er ist zehn Jahre jünger gewesen als sei Halbbruder. Weil der gemeinsame Vater einst die Mutter des älteren Sohnes wegen seiner eigenen Mutter verlassen hatte, quälen ihn Schuldgefühle seinem depressiven Halbbruder gegenüber, er verdanke seine Existenz dem Unglück des Älteren, glaubt er. Es war viel Alkohol im Spiel vor sieben Jahren, bei der bierseligen Odyssee der beiden ungleichen Halbbrüder durch das winterliche München. Eine nächtliche Sauftour von Kneipe zu Kneipe als ebenso widerwilliger wie vergeblicher Versuch des jüngeren, die Selbstzerstörung des haltlos gewordenen älteren Bruders aufzuhalten. In den dichten Rauchschwaden ihrer scheinbar archetypisch dazugehörenden Zigaretten versuchen sie, geistig den Durchblick zu behalten, trotz der Unschärfe der menschlichen Existenz alles möglichst kristallklar zu sehen. Bei den ausufernd langen Monologen des Älteren, die gut die Hälfte des Erzählstoffes ausmachen, geht es um die ewigen Menschheitsthemen. Gleichzeitig offenbart sein sich stetig verschlimmerndes Delirium während dieses ephemeren Alkoholexzesses auch überdeutlich sein menschliches Elend. Der Ziellosigkeit seines Studiums mit abgebrochener Promotion folgte eine unstete Berufstätigkeit als Konsequenz aus seinen permanenten Skrupeln und schließlich ein trostloses Ende in prekären Verhältnissen, auch privat. Er sieht sich als werdender Vater, wobei die werdende Mutter eine Prostituierte ist und seine Vaterschaft mehr als zweifelhaft erscheint, beides aber stört ihn überhaupt nicht in seiner inzwischen manifesten Lethargie. Nach ihrer Zechtour sehen sich die Brüder nie mehr wieder, sie telefonieren zwar noch einmal kurz, ehe der jüngere dann, sieben Monate später, die Nachricht vom Tode des älteren erhält, eine heimtückische Krankheit hat ihn dahingerafft.

Das Mirakel um die Gnadenlosigkeit der Existenz wird im Roman durch das stete Forschen des älteren Bruders befeuert, Nachrichten von Unglücken ziehen ihn geradezu magisch an. Immer wieder kommt er in seinen referierenden Monologen auf den Fall Marc Dutroux in Belgien zurück, über den er alles gelesen hat, oder auf die unsäglichen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. In endlosen philosophischen Eruptionen ist da von kulturellen, politischen, soziologischen oder historischen Phänomenen die Rede. Er habe manchmal das Gefühl gehabt, formuliert der Bruder, als wäre «die Gesamtheit der menschlichen Kultur nur eine Reihe konzentrisch angelegter Schutzwälle um ein schreckliches Geheimnis, dessen Entdeckung einst den Beginn der Menschheit markierte, die Abspaltung des Menschen vom Affen und damit von der Natur, die Vertreibung aus dem Paradies, wenn man so will …»

Erzählt wird all dies retrospektiv in einem einzigen, monolithischen Textblock, in souverän formulierten, ellenlangen Schachtelsätzen zudem, denen man gleichwohl stets mühelos folgen kann. Der anregend kontemplative Erzählstoff wird präzise und wunderbar stimmig größtenteils in indirekter Rede wiedergeben, man kann sich dem imaginativen Zauber dieser Geschichte kaum entziehen als Leser.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Mephisto

Nur ein ganz gewöhnlicher Schauspieler

Vergeblich hat Klaus Mann, einer der wichtigsten Schriftsteller der Exilliteratur während der Nazidiktatur, immer wieder beteuert, sein 1936 in Holland erschienener «Mephisto» sei kein Schlüsselroman. Außer dem Protagonisten, in dem selbst Laien Gustav Gründgens erkennen, finden sich darin nicht weniger als fünfzehn weitere, nur unzureichend kaschierte Figuren aus dessen Umfeld, die eindeutig zu identifizieren sind. Dazu gehören unter anderem auch Manns berühmter Vater und seine Schwester Erika, die einige Zeit mit Gründgens verheiratet war und für deren Schulfreund er sogar selber Pate stand als Figur. Das Buch löste nach dem Krieg einen Literaturskandal aus, sein Vertrieb wurde 1966 gerichtlich verboten, eine Entscheidung, die fünf Jahre später vom Bundesverfassungsgericht in seiner sogenannten «Mephisto-Entscheidung» bestätigt wurde. De jure war es damit endgültig mit einem Veröffentlichungsverbot belegt. Das wurde de facto dann zehn Jahre später mit einer auf Betreiben von Erika erfolgenden, äußerst erfolgreichen Neuveröffentlichung ignoriert, – nunmehr aber rechtlich unangefochten bleibend als postmortale Ehrverletzung. Der 43jährig in Cannes durch Suizid aus dem Leben geschiedene, unbehauste und bindungsängstliche Klaus Mann war zeitlebens nicht nur durch seinen übermächtigen Vater seelisch vorbelastet, sondern auch durch seine Homosexualität und seine Drogensucht.

Dem charismatischen Schauspieler Hendrik Höfgen gelingt nach einer umjubelten Faust-Inszenierung im Hamburger Künstlertheater, bei der er den Mephisto spielt, der Sprung nach Berlin, und auch dort kann er in seiner Paraderolle brillieren. Als er bei Dreharbeiten in Madrid von der Machtergreifung der Nazis überrascht wird, denen er als junger Kommunist ablehnend gegenübersteht, zögert er wochenlang, nach Deutschland zurückzukehren. Erst als ihm die Folgenlosigkeit seiner kultur-bolschewistischen Jugendsünden möglich scheint, traut er sich wieder nach Berlin zurück. Der Chef der «Werbe-Abteilung» bei den Nazis, der allmächtige Propagandaminister, ist zwar sein erbitterter Feind, Höfgen aber ist als Protegé des zweiten Mannes im Staate, des preußischen Ministerpräsidenten, der im Roman «Der Dicke» genannt wird, nunmehr unangreifbar und legt eine steile Karriere hin, steigt zum Intendanten auf. Auch als seine langjährige SM-Liaison mit der «Schwarzen Venus» aufzufliegen droht, von der er sich als Sklave demütigen lässt, hält der Dicke schützend seine Hand über ihn und sorgt dafür, dass die dunkelhäutige Juliette ihm nicht mehr gefährlich werden kann. Sein kometenhafter Aufstieg in dem verhassten System, mit dem er sich der Karriere wegen arrangiert hat, bedrückt ihn trotz aller Erfolge zusehends. Er fühlt sich minderwertig als ehrloser Nazi-Kollaborateur und ist überfordert von dem moralischen Druck, der auf ihm lastet. Nach einer traumatischen Begegnung, bei der ihm sein zweifelhaftes Verhalten bewusst wird, klagt er am Schluss tränenüberströmt: «Was wollen die Menschen von mir? Warum verfolgen mich alle? Weshalb sind sie so hart? Ich bin doch nur ein ganz gewöhnlicher Schauspieler!»

Diese Charakterstudie eines Karrieristen ist in einer konventionellen, uninspirierten Sprache geschrieben, die von einem Pathos gefärbt ist, welches heute stilistisch als ziemlich altbacken rüberkommt. Gut beschrieben sind die vielen Figuren in einem Theaterbetrieb, den Klaus Mann nur zu gut kannte und dessen Interna dem Leser im wahrsten Sinne des Wortes einen Blick hinter die Kulissen bieten. Inwieweit der Roman neben der politischen Abrechnung mit dem Mördersystem auch eine persönliche Abrechnung des Autors mit seinem Ex-Schwager war, das ist heute kaum noch relevant, der Tipp zu dieser Parabel der Korrumpierbarkeit kam jedenfalls nachweislich von Hermann Kesten. Diskussionsstoff jedoch bietet dieser Roman reichlich, was ja durchaus auch für ihn spricht.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Was dann nachher so schön fliegt

Fliegen meine Worte?

Als Debüt der besonderen Art thematisiert der Roman «Was dann nachher so schön fliegt» von Hilmar Klute die Dichtung in Form der Coming-of-Age-Geschichte eines angehenden Lyrikers. Der für die anonyme Kolumne «Streiflicht» bei der Süddeutschen Zeitung verantwortliche Redakteur benutzt die Poesie kontrapunktisch, stellt ihr den trostlosen Alltag eines Zivildienst leistenden jungen Mannes gegenüber. Lässt also die als Wortgebilde geradezu «fliegenden», poetischen Ergüsse seines Helden auf den rüden Umgangston in einer Altenpflege-Einrichtung prallen, konfrontiert zukunftheischende Jugend knallhart mit dem finalen Siechtum des Alters.

Im Herbst 1986 tritt der Ich-Erzähler Volker Winterberg seinen Zivi-Dienst in einem Seniorenheim im Ruhrgebiet an, – widerwillig, denn er fühlt sich zum Poeten berufen. Vorher hatte er noch einen spontanen, abenteuerlichen Kurztrip nach Paris unternommen und auf dem altehrwürdigen Cimetière du Père Lachaise die Gräber berühmter Dichter besucht, hatte unter dem Titel «Langstieliges Nachtleben» sein bislang bestes Gedicht geschrieben und in verrauchten Bistros vom späteren Ruhm geträumt. In den 22 Kapiteln des Romans wird abwechselnd von seinem beklemmenden Tagesablauf im Seniorenheim erzählt, ferner in vielen trickreich eingeschobenen Rückblenden häppchenweise von der Reise nach Paris, und vom literarischen Wettbewerb in Berlin natürlich, zu dem er wegen seines Paris-Gedichts eingeladen wurde. Während der drei Tage dort taucht er in eine ganz andere Welt ein, Hilmar Klute stellt der Enge des trostlosen Ruhrpotts jener Zeit die Boheme einer weltläufigen, quirligen Metropole gegenüber. Als trinkfester Kneipengänger frönt sein Protagonist auch dort seiner Passion und «zieht um die Häuser», immer rauchend, in sein Notizbuch kritzelnd und mit den schrägen Vögeln fabulierend, die er am Tresen trifft und bei den literarischen Workshops. Darunter ist auch Katja, eine Anglistik-Studentin, die in Liebe zu ihm entbrennt und im Bett mit ihm landet, obwohl sie schon länger mit einem Mann zusammenlebt, – nach seiner Heimkehr erhält er lange Briefe von ihr.

In diese Erzählstränge eingewoben sind immer wieder lange Traumsequenzen, in denen der ambitionierte Jungpoet sich im Kreise der Gruppe 47 wähnt. Umgeben von den berühmtesten Autoren und Kritikern jener Zeit also, die ihm gute Ratschläge geben und ihn ermuntern, sich nicht abbringen zu lassen von seinen poetischen Ambitionen. Nicht ohne Ironie plaudert Hilmar Klute da mit Anekdoten angereichert wohlgemut aus dem Nähkästchen deutscher Literatur, karikiert nicht nur die elitäre, arrogante Literaturclique um Hans Werner Richter, sondern auch die knorrigen Typen, aus denen sie sich zusammensetzte während ihres zwanzigjährigen Bestehens. Wer sich als Leser über die Buchdeckel seiner Lektüre hinaus auch für das Milieu interessiert, auf dessen Nährboden sein Lesestoff entstanden ist und aus dem sein Schöpfer stammt, der wird seine helle Freude haben an diesen ebenso bereichernden wie amüsanten Passagen. Und auch an den häufigen Reflexionen und Disputen zu dem alles beherrschenden Thema dieses Romans, der bangen Frage des Poeten: Fliegen meine Worte?

Dieser Bildungsroman einer hoffnungsvollen, irrlichternden Dichterseele ist in einem geschliffenen, eleganten Stil geschrieben, mit Wortwitz und Bonmots ebenso angereichert wie mit gelungenen Neologismen. Sein mit Verve vorangetriebener Plot ist klug konstruiert, der Spannungsbogen wird bis zum überzeugenden Schluss wohldosiert aufrecht erhalten. Sowohl der Held als auch alle anderen Figuren sind stimmig beschrieben, viele wirken überaus sympathisch, und manche der einstigen Lyrikstars werden geradezu hymnisch gefeiert. Was eingefleischte Romanleser denn doch irritieren dürfte, – aber der Held hat sich nun mal der Poesie verschrieben, schon der aus einem Gedicht von Peter Rühmkorf entlehnte Titel des Romans zeugt ja davon!

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Galiani

Der Zeitdieb

Unwiederbringliche, gestohlene Zeit

Im europäischen Vergleich ist Island eine Hochburg der Buchleser, ein fruchtbarer Boden also für die in ihrer Heimat populäre, vielgelesene Schriftstellerin Steinunn Sigurðardóttir. Mit ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Roman «Der Zeitdieb» hatte die Autorin auch bei uns großen Erfolg, ihre in verschiedene Sprachen übersetzte Geschichte einer obsessiven Liebe wurde in Frankreich mit prominenten Stars verfilmt. Anders aber als in den üblichen Romanen dieses Genres wird das Thema hier im engen Kontext mit den großen Sinnfragen des Menschseins behandelt, wird Liebe als sinnstiftendes Element unseres Daseins geistvoll hinterfragt.

Alda Ívarsen stammt aus einer bourgeoisen Familie in Reykjavík, ihren Job als Lehrerin betrachtet sie eher als schönes Hobby denn als Berufung oder gar als Broterwerb, die ebenso attraktive wie sinnliche junge Frau ist finanziell unabhängig. «Ich bin zu früh da, denn meine Uhr geht nach» heißt es unter dem Titel «Feierlicher Schulbeginn» flapsig gleich im ersten Satz. Vor der Kirche trifft die Ich-Erzählerin dann auf den neuen Kollegen Anton, der künftig Geschichte unterrichten wird, ein gut aussehender Mann, etwas jünger als sie. Ihr Kollegium überrascht sie anschließend im Lehrerzimmer mit einer Geburtstagstorte, sie ist 37 Jahre alt geworden an diesem 18ten Oktober. Seit einiger Zeit hat die lebenslustige Alda ein Verhältnis mit Steindór, dem Lateinlehrer, der verheiratet ist und drei kleine Kinder hat. Er will unbedingt noch mit zu ihr an diesem Abend, denn sie hat angekündigt, sich von ihm zu trennen, um seine Familie nicht zu zerstören, – was er aber nicht wahr haben will. Am nächsten Morgen findet man ihn tot am Strand, und sie macht sich Vorwürfe, seine Kinder nun doch vaterlos gemacht zu haben. Einige Wochen später, «am kürzesten Tag des Jahres», beginnt zwischen ihr und Anton, dem neuen Geschichtslehrer, eine leidenschaftliche Affäre, die große Liebe, – die dann genau hundert Tage dauert. Am ersten April nämlich geschieht ihr das, was Steindór geschehen ist, sie wird verlassen, und zwar ebenfalls endgültig. War das Rache, waltet da eine überirdische Gerechtigkeit? «Der Abschiedskuss ist seiner Natur nach langgezogen und hat einen salzigen Beigeschmack. Da möchte ich doch lieber den ersten Kuss in Erinnerung behalten», sinniert die Atheistin unbeirrt.

Was diesem ersten Drittel des Romans folgt ist ein in Form innerer Monologe und fiktiver Briefe artikuliertes, endloses Lamento der aus der Bahn geworfenen, fassungslosen Alda. Deren weiteres Leben ist nun von immer neuen, fantasierten Szenarien dessen bestimmt, was gewesen wäre, hätte er sich anders entschieden. Und sie findet in ihren rastlosen Gedankenschleifen – durchaus selbstbewusst – ständig neue Argumente dafür, warum er sich anders hätte entscheiden können, – ja müssen! Sie bleibt allein, von wenigen kurzen Affären abgesehen, Anton war absolut der einzige Mann, für den sie ihre Freiheit je geopfert hätte. Er wird später Kultusminister, sie liest zuweilen in der Zeitung von ihm, sieht ihn aber nie wieder. Die immer noch schöne, selbstbewusste Frau unternimmt häufig ausgedehnte Reisen, ohne dabei allerdings ihre Liebessehnsucht je überwinden zu können.

Aus ironischer Selbstdistanz, schon fast lakonisch, aber immer amüsant erzählt, strömt Aldas Leidensgeschichte in vielerlei Facetten wie ein Redeschwall auf den Leser ein. Wobei besonders nach dem Bruch der Beziehung stilistisch zunächst die lyrischen Elemente dominieren, ehe dann im letzten Drittel allmählich diese wunderbar leichtfüßige, poetische Prosa wiederkehrt. In wie hingehaucht wirkenden, lebensklugen Reflexionen stehen da neben der Liebe das Alter und das Sterben im Fokus. Die inzwischen recht betagte Alma hat hellsichtig vorgesorgt für einen selbstbestimmten Tod und hortet im Nachttisch reichlich Schlaftabletten und Malzbier – zum Runterspülen. Sie wird letztendlich an der unwiederbringlichen, gestohlenen Zeit sterben!

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Verlorener Morgen

Rumänisches Epos

Der im Original 1983 erschienene Roman von Gabriela Adameșteanu ist unter dem Titel «Verlorener Morgen» nun auch ins Deutsche übersetzt worden, sehr spät allerdings. Wird doch dieses wichtigste Werk der in ihrer Heimat äußerst prominenten rumänischen Schriftstellerin vom Feuilleton als Meisterwerk des vergangenen Jahrhunderts gefeiert. Wobei erstaunlich ist, dass in der Ära Ceaușescu ein durchaus düsterer, sozialkritischer Roman wie dieser überhaupt publiziert werden konnte. Er wurde verschiedentlich als rumänische Version von «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» apostrophiert, einerseits wohl, weil die 76jährige Autorin einst ihre Examensarbeit über Proust geschrieben hatte, andererseits aber gibt es auch thematisch und im ausschweifenden Erzählgestus Ähnlichkeiten.

In vier Teilen erzählt sie von der wechselvollen Geschichte ihres Heimatlandes, wobei die den ersten und letzten Teil des Buches füllende Rahmenhandlung nur einen einzigen Tag im Bukarest des Jahres 1980 beschreibt. Deren Protagonistin ist eine griesgrämige Alte, die in einem atemlosen Wortschwall mürrisch fluchend über ihr Schicksal klagt. Schon mit elf Jahren musste sie für eine ganze Horde von kleinen Geschwistern sorgen. Während der Ehe hatte sie dann ganz allein einen armseligen kleinen Vorstadtladen betrieben, der sie nur recht und schlecht ernährt hat, ihr nichtsnutziger Mann hatte sich nie darum gekümmert. All das wird zumeist als innerer Monolog während des einen Tages erzählt, an dem sie durch Bukarest streift und vergebens bei ihrer Schwägerin und bei der Tochter einer ihr von früher her verpflichteten Arbeitgeberin um Geld bettelt. Diesem vom Elend der Jugendjahre, jahrzehntelanger harter Arbeit und bitterer Altersarmut erzählendem, plebejischem Außenroman steht in zwei Kapiteln ein Innenroman gegenüber, der in die Jahre 1914 beziehungsweise 1916 zurückspringt. Im Milieu bürgerlicher Salons wird da, mit französischen Phrasen und Redewendungen durchsetzt, in der Villa eines Professors über die aktuelle Politik Rumäniens schwadroniert sowie über ein künftiges Rumänien. Des Professors Tagebücher, in denen im dritten Teil des Romans die Frage nach den künftigen Kriegsverbündeten diskutiert wird, sind ohne geschichtliches Vorwissen allerdings kaum zu verstehen.

Dieser aus typisch weiblicher Sicht geschriebene Roman des persönlichen und gesellschaftlichen Scheiterns gleitet trotz seiner unerquicklichen Grundstimmung niemals ins Sentimentale ab. Er beschreibt vielmehr sachlich, aber äußerst assoziationsreich das Schicksal seiner vielen Figuren, thematisiert mit scharfem Blick Vergänglichkeit und Altern. Historisch steht einerseits die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg im Blickpunkt, dessen Folgen den Romanfiguren ebenso wenig bekannt sind wie der 1980 noch nicht absehbare Sturz des Diktators Ceaușescu und der Zusammenbruch des kommunistischen Regimes. Beides sind faszinierende Perspektiven der noch völlig ahnungslosen Rumänen vor zwei weitreichenden politischen Zäsuren.

Erzählt ist dieses gesellschaftliche Panorama einerseits im wüsten Jargon der Unterschicht, in der Gossensprache einer verbitterten alten Frau, durchsetzt mit vielen Flüchen, andererseits im gehobenen Parlando des Bildungsbürgertums mit seinen vielen französischen Einsprengseln, die allerdings nur frankophile Leser goutieren dürften. Der historisch brisante Mittelteil des Zwanzigsten Jahrhunderts mit den beiden Weltkriegen ist hier völlig ausgespart, offensichtlich ein Tribut an die Zensur. Gabriela Adameșteanu deutet letztendlich das Elend der kommunistischen Neuzeit in Rumänien als Folge des großbürgerlichen Untergangs. Bei aller Virtuosität des Romankonstrukts und der Vielfalt an verwendeten Erzählperspektiven stört dann irgendwann doch die weit ausholende Erzählweise, anders als bei Proust ist die Textflut hier nämlich nüchtern und sachlich, also nicht poetisch und schöngeistig. Als langatmiges Epos allenfalls für rumänisch orientierte Leser zu empfehlen!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Die andere Bibliothek