Nullnummer

eco-2Die Lügenpresse als Waffe

Der vor elf Tagen verstorbene italienische Schriftsteller und emeritierte Professor für Semiotik Umberto Eco hat mit seinem 2015 erschienenen Roman «Nullnummer» ein bemerkenswertes Alterswerk abgeliefert. Als Romancier hatte der damals 48jährige Eco ziemlich spät, erst im Jahre 1980, seinen äußerst erfolgreichen Debütroman «Der Name der Rose» veröffentlicht, seither erschienen ungefähr im Fünfjahresrhythmus sechs weitere Romane von ihm, die aber alle an den Erfolg seines Erstlings nicht anknüpfen konnten. Kennzeichen seines Schreibstils ist die für Eco typische Intertextualität, ein enges Beziehungsgeflecht zwischen allen literarischen Texten, welches für ihn, wie er sagte, das Spezielle seiner Geschichten ausmacht. In diesem letzten Roman nun geht es vornehmlich um journalistische Texte, wobei er als engagierter linker Autor hier einen furiosen Rundumschlag gegen das verfilzte Establishment seiner Heimat Italien führt, der niemanden verschont und den man nun, nach seinem Tode, auch als eine Art persönlicher Generalabrechnung deuten darf. Umberto Eco wurde als blitzgescheiter, hochangesehener Intellektueller mit Ehrungen und Auszeichnungen geradezu überschüttet, der Nobelpreis für Literatur blieb ihm jedoch versagt.

Wie schon in «Das Foucaultsche Pendel» und «Der Friedhof in Prag» widmet sich der Autor in dem 1992, zeitlich ganz bewusst, wie er sagte, vor der Verbreitung des Internets angesiedelten Roman «Nullnummer» dem Thema Verschwörungstheorien. Ich-Erzähler ist ein alternder Philologe namens Colonna, der für die neu zu gründende Zeitung «Domani» (morgen) schreiben soll, die als Enthüllungsmagazin gedacht ist und von einem als Commendatore bezeichneten Medienmogul finanziert wird, der unschwer als «Il Cavaliere» zu erkennen ist, wie Silvio Berlusconi von rechtsgerichteten Italienern respektvoll genannt wird. Ziel des Commendatore ist es aber, die vor dem Erscheinen der neuen Zeitung als Testexemplar produzierte Nullnummer als Druckmittel zu benutzen, um in den innersten Machtzirkel der italienischen Elite aufgenommen zu werden, die Zeitung selbst wird also nie erscheinen. Auch Colonna spielt ein Doppelspiel, er soll im Hintergrund bleibend ein Enthüllungsbuch über eben diese Art von skrupelloser Skandalpresse schreiben. In der neugegründeten Redaktion trifft er auf ein illustres Häufchen von Mitarbeitern, vom Klatschreporter über den Geheimdienstler, Kreuzworträtselschreiber, Korrekturleser und die Herz/Schmerz-Journalistin Maia, mit der er prompt ein Techtelmechtel beginnt, bis hin zum Aufschneider Braggadocio, mit dem er sich schon bald anfreundet.

Diese paranoide Figur steht denn auch im Zentrum von Ecos Geschichte, von ihm lässt sich Colonna in ausufernden Verschwörungstheorien erzählen, dass Mussolini nicht getötet wurde, die in Mailand aufgehängte Leiche sein Doppelgänger gewesen wäre, der Duce wahrscheinlich nach Argentinien geflüchtet sei und später im Vatikan darauf gewartet habe, dass ein faschistischer Putsch ihn wieder an die Macht bringt. In haarsträubenden, ineinander verwobenen Spekulationen nach dem Motto «Alles hängt mit allem zusammen» werden da prominente Personen der jüngeren italienischen Geschichte in allerlei Komplotte verwickelt. Betroffen sind ehemalige Ministerpräsidenten ebenso wie prominente Faschisten, Militärs, Kardinäle und Päpste, Geheimdienstler, Bankiers und Organisationen wie die Roten Brigaden, CIA und S.O.E. oder die paramilitärische Organisation der Nato namens Gladio, deren italienischer Ableger sich das Motto «Silendo Libertatem Servo» gegeben hatte.

Diese ironische Darstellung einer instrumentalisierten «Lügenpresse» wird vom deutschen Feuilleton natürlich nicht gerade bejubelt. Als amüsante Mediensatire aber transportiert der Roman unterschwellig viele Fakten in einem resignierenden Abgesang auf Bella Italia, dessen Ursache am Ende einleuchtend erklärt wird: «Seit die Korruption erlaubt ist, sitzt die Mafia im Parlament». Alles klar?

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser

Die Unglückseligen

dorn-1Wider die finale Demütigung

Die unter dem Künstlernamen Thea Dorn auch im Fernsehen häufig präsente Schriftstellerin hat sich mit ihrem neuesten Roman «Die Unglückseligen» an ein uraltes Menschheitsthema gewagt, die Endlichkeit des Lebens. Dabei greift sie in ihrer kreativ konstruierten Geschichte auf den Faustmythos zurück, lässt trickreich die Jetztzeit auf die deutsche Romantik treffen mit all den Verwicklungen, die daraus erwachsen. Wie im Kupferstich von Dürer agieren hier Ritter, Tod und Teufel im Kampf um die «finale Demütigung», wie die Autorin ihre Thematik in einem Interview genannt hat. Sich an einen solchen Stoff gewagt zu haben ist allein schon lobenswert, als Agnostikerin enthält sie sich dabei wohlweislich einer abschließenden Wertung der Frage, ist der Tod ein verdammenswertes Übel oder unabdingbare Voraussetzung für das Leben als solches.

Die deutsche Humangenetikerin Dr. Johanna Mawet, anlässlich eines Forschungsaufenthaltes in den USA mit genetischen Untersuchungen nach den Ursachen des Alterungsprozesses beschäftigt, begegnet im Supermarkt einem äußerst seltsamen Mann. Der gibt sich als der 1776 in Schlesien geborene und zu einiger Berühmtheit gelangte Physiker Johann Ritter aus, wäre mithin also 240 Jahre alt. Die ebenso skeptische wie neugierige Johanna beginnt sich näher mit dem merkwürdigen Mann zu befassen, sie lässt seine DNA analysieren in der Hoffnung, dort auf das Geheimnis seiner besonderen körperlichen Konstitution zu kommen. Genetisch überraschenderweise als Dreißigjähriger eingestuft, scheint er andererseits nicht nur tatsächlich älter als der mit 122 Jahren bis dato älteste Mensch zu sein, sein Körper hat auch die unerklärliche Fähigkeit, verlorene Gliedmaßen zu regenerieren. Ein Arm, den er im Kriege verloren habe, sei ihm binnen einiger Monate nachgewachsen. Um die skeptische Wissenschaftlerin zu überzeugen, schneidet er sich kurz entschlossen einen Finger ab, und tatsächlich wächst der Finger wieder nach.

Johann Wilhelm Ritter, bekannt mit Goethe und befreundet mit Novalis, hatte in seinen jungen Jahren als berühmter Forscher barbarische Selbstversuche mit Strom durchgeführt, ehe er 1810 in Armut starb. Tatsächlich aber, erklärt er Johanna, sei er nicht gestorben, ein Anderer wurde für ihn im Armengrab verscharrt, er selbst sei seitdem als ewig Rastloser durch die Welt gezogen. Johanna kehrt mit ihm nach Deutschland zurück, sie hat die fixe Idee, seine damaligen Versuche am eigenen Leibe zu wiederholen und ihre eigene DNA vor und nach den galvanischen Einwirkungen analysieren zu lassen, um nach Unterschieden zu suchen. Mehr sei hier nicht verraten, um den Spannungsbogen zu erhalten. Der fortschrittsgläubigen Johanna steht mit Ritter also ein aus der Zeit Gefallener gegenüber, der mehrfach vergeblich versucht hat, sich das Leben zu nehmen, für den das Leben gerade der Sterblichkeit wegen aber erst seinen Sinn erhält, wertvoll wird.

Thea Dorn benutzt für jeden ihrer drei Protagonisten ein spezielles Idiom, Johanna ein heutiges Deutsch, Ritter ein der Epoche seiner Geburt entsprechendes, altmodisch gedrechseltes, den Teufel wiederum lässt sie in einem für Lyrikunkundige komplizierten Versmaß sprechen, dem sie im Interview geradezu musikalische Eigenschaften attestierte. Häufig wendet sie sich auch selbst an den Leser, erklärt Zusammenhänge, all dies in wechselnder Typografie. Die ihrem unübersehbar ironischen Roman zugrunde liegende Thematik ist Ursache und Quell aller Religionen, ist das Menschheitsthema überhaupt. Man kann dies als wichtigen Anstoß nehmen, Tod oder Unsterblichkeit philosophisch selbst mal weiter zu durchdenken, denn schon in der Variante Lebensverlängerung, wie wir am Beispiel des 240 Jahre alten Ritter sehen, werden nicht unerhebliche Zweifel geweckt. Man könnte nun bemängeln, dass hier selbstverliebt zu Vieles auf einmal hineingepackt wurde, bereichernd ist der ebenso ambitionierte wie amüsante Roman gleichwohl, es lohnt allemal, ihn mit Bedacht zu lesen.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Albrecht Knaus Verlag

Frohburg

vesper-1Sachsenspiegel

Als Roman sein Erstling, in seinem Œuvre das Opus magnum, Guntram Vespers «Frohburg» markiert mit der diesjährigen Verleihung des Leipziger Buchpreises in der Kategorie Belletristik einen Höhepunkt im umfangreichen und vielseitigen Werk des frohburggebürtigen Autors. Es ist eine Art soziologischer Sachsenspiegel, eine vielschichtige Geschichtslandschaft, die Vesper in seinem mit tausend Seiten durchaus dickleibigen Buch vor uns ausbreitet, eine Hommage an seine sächsische Heimat, die sorgsam gelesen auch Anhaltspunkte liefert für das, was dieses Bundesland heute so bedenklich politisch abdriften lässt. Der Bogen spannt sich vom deutsch-französischen Krieg 1870/71 – und noch weiter zurück – über den ersten Weltkrieg, Weimarer Republik, Nazi- und DDR-Regime, Wiedervereinigung bis ins Heute. Am 30. März 2015, lässt uns der Autor wissen, zog er sich «wegen der stockenden Arbeit an einem umfangreicheren Vorhaben» ins sächsische Erzgebirge zurück, für Schriftsteller ein wahrlich «großes Projekt, … bei mir war es der ausufernde Frohburgroman.» Der dann, ein Jahr später, erfolgreich publiziert wurde.

«Für etwaige Zweifler also sei es Roman» hat Vesper, Fontane zitierend, seinem Werk vorangestellt, der Satz steht auch am Ende seiner vielen handschriftlichen Arbeitsblätter, mit deren Hilfe er während der sechsjährigen Schreibarbeit die Übersicht behalten wollte. Denn anders, als man nach einigen dutzend Seiten glaubt, handelt es sich nicht um eine Autobiografie, auch wenn Vesper einiges aus seinem Leben erzählt. Aber eben nur einiges, vieles bleibt ausgespart, seine Vita ist kaum abzuleiten aus der gewaltigen Textmasse, die sich ungegliedert als gleichförmiger, endloser Wörterstrom dem Leser präsentiert. Unwillkürlich reißt einen dieser Strom mit, trägt einen fort in das große Ganze der Geschichte, die hier in Form kleinster historischer Geschehnisse, in den Gemütern der vielen Figuren, in ihren Schicksalen gespiegelt wird. Geschichte mithin nicht als generalisierende wissenschaftliche Disziplin, sondern als Summe erlebter oder überlieferter Wirklichkeit, lebensecht also, hautnah mitempfunden und niedergeschrieben. Man erkennt die Empathie des Autors, auch wenn er sich stilistisch nüchtern, fast abgeklärt gibt als Ich-Erzähler.

Der dann allerdings auf langen Strecken das Erzählen seinen Figuren überlässt, ziemlich eigenwillig ohne Anführungszeichen in direkter Rede geschrieben, oft als seitenlange Monologe, bei denen man zuweilen Zweifel bekommt, wer da eigentlich erzählt. Ausufernd zumeist, selbst unwichtigste Details erwähnend, die jedoch keinesfalls Arabesken sind, sondern jeweils weitere Einblicke vermitteln, die das Bild komplettieren. Dabei werden jedoch bandwurmartige Schachtelsätze benutzt, die den Leser fordern, die auch nicht immer gelingen, oft aber zu viele Abschweifungen enthalten und so, geradezu mäandernd, den Lesefluss stören. Abenteuerlich sind auch die Zeitsprünge der multiperspektivisch erzählten Geschichten, bei denen mal eben hundert Jahre hin oder her keine Seltenheit sind, zuweilen sogar im gleichen Satz.

Über all dem liegt ein melancholischer Grundton, der selbst die Schulzeit des Autors, seine Jugendstreiche mit einbezieht und die Figuren emotional merkwürdig unterkühlt zeichnet, – Humor fehlt ganz. Die manische Sammelwut des Autors, der sich übrigens als Karl-May-Fan outet, nimmt breiten Raum ein in den persönlicheren Passagen seiner Erzählung, kein Buch ist vor dem bibliophilen Guntram Vesper sicher, – Zimelien womöglich als höchstes Glück -, und so ist wohl auch die Detailfülle zu erklären, mit der diese unglaublich verdichtete Textmasse aufwartet, fünf Seiten davon würden manch anderem Autor genug Stoff liefern für einen veritablen Roman. Bewundernswert ist die Art und Weise, mit der hier autobiografische und historische Ereignisse verknüpft werden zu einem dichten erzählerischen Geflecht, in dem für den hellwachen, aufnahmebereiten Leser nie Langeweile aufkommt.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Schöffling & Co Frankfurt am Main

Das Pfingstwunder

lewitscharoff-2Herrgottzack

Dantes Hauptwerk «La divina commedia» liefert im Wesentlichen den Stoff für den neuen Roman «Das Pfingstwunder» von Sibylle Lewitscharoff. Die Büchner-Preisträgerin lässt deutlich Ihre Vorliebe für anspruchsvolle Sujets erkennen, die sie im Stil des magischen Realismus in Prosa umsetzt, geschrieben in einer mit kreativen Wortbildungen überreich ausgeschmückten, angenehm zu lesenden Sprache. Urheber der gewaltigen Bilderflut, die sie damit beim Leser erzeugt, ist zum großen Teil Dante Alighieri, dessen «Göttliche Komödie» in über fünfzig deutschen Übersetzungen erschienen ist und hinter der Bibel weltweit den Platz zwei der meistverbreiteten literarischen Werke einnimmt. Ein Jahrtausendwerk, das hier derart umfangreich zitiert und kommentiert, erklärt und gedeutet wird, dass man fast schon von einem episch ergänzten populär-wissenschaftlichen Buch sprechen könnte. Und genau darin liegt, wie ich meine, auch dessen eigentlicher Wert, denn Hand aufs Herz: Welcher heutige Romanleser hat Dante denn wirklich gelesen?

Äußerer Rahmen der Handlung ist ein internationaler Kongress von Danteforschern, der in einem prächtigen Saal des Malteserordens auf dem Aventin in Rom stattfindet. Dort haben sich vierunddreißig Wissenschaftler aus der ganzen Welt zu ihrem jährlichen Treffen versammelt, um sich an den drei Tagen vor Pfingstsonntag 2013 in Vorträgen und Diskussionen über die «Commedia» auszutauschen. Ich-Erzähler in diesem Roman ist der deutsche Tagungsteilnehmer Gottlieb Elsheimer, zweiundsechzig Jahre alt, Professor für Romanistik in Frankfurt, der es nach eigenem Bekunden «als Dante-Gelehrter zu einigem Ansehen gebracht hat, allerdings in einer sehr überschaubaren Gemeinde». Seine «ziemlich abgebrüht» scheinende Selbstsicherheit jedoch hat arg gelitten seit diesem Kongress: «Was vor wenigen Tagen in Rom geschah, hat jedoch alles über den Haufen geworfen».

Als nämlich gegen Ende der Tagung mit vielen exzellenten Vorträgen, die auch Elsheimer als bereichernd empfand, die Glocken des Vatikans Pfingsten einläuten, geraten die Teilnehmer in eine unerklärliche Euphorie, sprechen plötzlich in vielen Muttersprachen wild durcheinander und verstehen einander trotzdem. In der Apostelgeschichte des Neuen Testaments wird berichtet, dass mit der Ausgießung des Heiligen Geistes durch Jesus die versammelten Jünger auf einmal in fremden Sprachen reden konnten, ein Wunder war geschehen, wichtige Voraussetzung für ihre christliche Mission. Auf dem Aventin war ebenfalls eine Art Pfingstwunder geschehen, nur dass hier die Teilnehmer, berauscht von Dantes Visionen, schließlich auch noch ekstatisch auf die Fensterbretter steigen, hinaushüpfen und den Gesetzen der Schwerkraft trotzend auf Nimmerwiedersehen ins Jenseits entschweben. Als einziger nicht diesem orgiastischen Rausch Erlegener bleibt Elsheimer zurück, er grübelt fortan, was ausgerechnet ihn denn ausgeschlossen habe.

Die Autorin ist als studierte Religionswissenschaftlerin bei diesem Stoff fürwahr in ihrem Element, ergeht sich in vielen klugen Reflexionen über die aus heutiger Sicht naive Darstellung Dantes, seine rigorosen, spätmittelalterlichen Vorstellungen. Die vielen historischen Figuren, denen Dante unter Führung Vergils im Jenseits begegnet, werden in Elsheimers Erzählung ergänzt um neuzeitliche Sünder von Stauffenberg bis Snowden, die Dantes rigider Klassifizierung der Sünder keinesfalls unterworfen werden dürften. Ob der Leser dieses Buch nun als Einführung in das berühmteste Werk Dantes auffasst oder es als ironisch erzählte Gelehrtensatire liest, sprachlich kommt er wie schon erwähnt voll auf seine Kosten. Das tröstet dann auch über einige Längen hinweg, die den Lesegenuss früher oder später zu schmälern beginnen, weil die danteverliebte Autorin sich unentwegt gar zu ausführlich in den Strukturen mittelalterlicher Jenseitsvorstellungen verliert. Im Roman ruft sich Elsheimer aus gleichartigen Abschweifungen meist auf gut schwäbisch zurück: «Herrgottzack!»

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Frankfurt am Main

Die Witwen

leupold-3Kein Highlight

Bis auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2016 hat es Dagmar Leupolds neuer Roman «Die Witwen» geschafft, weiter allerdings nicht. Mit der Ergänzung «Ein Abenteuerroman» und seinem frechen Cover mit engelsgleichen Frauengestalten lädt dieses Buch geradezu zum Lesen ein, verspricht doch beides eine vergnügliche Lektüre. Nach «Edmond» von 1992 und «Unter der Hand» von 2013, ihrem letzten Roman, war ich doch sehr gespannt, ob der neue ähnlich forsch und charmant erzählt ist, eventuell gar eine Steigerung darstellt gegenüber den zwei anderen Romanen. Ich wurde, um es gleich vorweg zu sagen, ziemlich enttäuscht.

Ein glückverheißendes Kleeblatt sind jene vier Schulfreundinnen aus Berlin, die auch nach dem Abitur eng befreundet bleiben. Penelope heiratet und folgt ihrem Mann Otto an die Mosel, wo die Schwiegereltern ein Weingut mit angeschlossenem Gasthaus betreiben. Sie haben einen Sohn, ihr Glück scheint perfekt, bis eines Tages Otto von einer Dienstreise nach Fernost nicht zurückkommt, er bleibt spurlos verschollen. Penny, wie die Freundinnen sie nennen, stellt keine Nachforschungen an, selbst nach vielen Jahren kann sie sich nicht dazu durchringen, ihn für tot erklären zu lassen. Sie ist de facto Witwe, de jure nicht, aber sie will dies einfach nicht wahrhaben, ignoriert hartnäckig die offensichtliche Realität. Nach und nach folgen ihr die drei anderen Freundinnen aus der quirligen Großstadt in den beschaulichen Winzerort Steinbronn. Sie wollen ihr Leben entschleunigen, zu sich selbst finden in der idyllischen Umgebung. Auch sie sind ohne Mann, waren nie verheiratet, haben sich beruflich als Gärtnerin, Joga-Lehrerin und Logopädin selbstständig gemacht und sich behaglich, aber illusionslos in ihrem Singledasein eingerichtet. Die vier unzertrennlichen Freundinnen verharren antriebslos in einer Art Wartestand, ohne recht zu wissen, worauf genau sie denn warten.

Eines Tages jedoch wachen sie auf aus ihrer Lethargie und beschließen spontan, mit dem Auto eine Reise ins Blaue zu machen. Da keine von ihnen den Führerschein hat, suchen sie einen Chauffeur, der den Mietwagen fahren soll, und entscheiden sich unter den Bewerbern einstimmig für Bendix, ein vor sich hin lebender Privatier aus dem Ort, geistreich aber wortkarg, ebenfalls alleinlebend, ebenfalls mit sich selbst nicht im Reinen. Es geht die Mosel aufwärts zum Col de Bussang, zur Moselquelle. Bei einer Panne in einsamer Lage der Vogesen beginnt eine der Frauen plötzlich von sich zu erzählen, und nacheinander legen alle vier eine schonungslose Lebensbeichte ab, reden sich wie im Rausch ihren Frust von der Seele. Die intime Beichte der Frauen offenbart ihre Verletzlichkeit, enthüllt Verdrängtes, zeigt die harte Realität ihrer so unterschiedlichen Lebensgeschichten auf, ihre zerplatzten Träume, ihre Illusionen über Männer, die sich stets als Enttäuschung erweisen.

Und auch ihr Chauffeur Bendix wird nachdenklich, hinterfragt grübelnd sein Einsiedlerdasein: «Er wollte von der Welt nicht mehr wissen als ein Säugling. Er wollte vergessen, was Angst war. Ja, das war die Schrebergartenfantasie, der Entwurf eines Gärtleins aus Wohlbehagen mit Rabatten, deren Geradlinigkeit wildgezackte Unruhen vertrieben. Und bucklicht Männlein auch. Und Lumpensammler. Auch Engel hatten dort nichts verlorenen.» Man wird mit lebensklugen Reflexionen konfrontiert, von Dagmar Leupold in einer amüsant saloppen Weise gekonnt erzählt, oft verblüffend direkt formuliert, ihrem sehr persönlichen Stil folgend. All das ist durchaus erfreulich zu lesen. Nicht gelungen jedoch sind die Figuren, alle Protagonisten bleiben merkwürdig blutarm, man kommt ihnen nicht näher, Sympathie gar entwickelt sich nicht zu ihnen. Und was den Plot anbelangt, so konnte er mich ebenfalls nicht überzeugen, zu weit herbeigeholt und konstruiert wirkt dieses Abenteuer, über das da so munter berichtet wird. Schade eigentlich, die Geschichte hätte von der Idee her das Potential zu einem lesenswerteren Roman gehabt.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Jung und Jung

Hausfrau

essbaum-1Ehebruch ist der Kracher

Viel Autobiografisches hat die US-amerikanische Schriftstellerin Jill Alexander Essbaum in ihrem Debütroman von 2015 verarbeitet, nicht nur den Handlungsort Dietlikon in der Nähe von Zürich, wo sie mit ihrem Mann selbst zwei Jahre gelebt hat, sondern auch die eigenen Erfahrungen als unglücklicher Expat in der Schweiz. Angesprochen auf Gemeinsamkeiten mit ihrer neurotischen Protagonistin Anna erklärte sie im Interview: «Ich war ebenso ständig traurig und depressiv». Anders als ihre Romanfigur aber habe sie erkannt: «Nicht die Schweiz hat mich unglücklich gemacht, sondern ich mich selbst». Vom amerikanischen Feuilleton zum Erotik-Bestseller hochgejubelt, ist die Rezeption hierzulande deutlich distanzierter, zu Recht?

Die 37jährige Amerikanerin Anna ist mit Bruno verheiratet, einem Banker bei der Credit Suisse. Sie hat drei Kinder und lebt als Hausfrau seit zehn Jahren komfortabel in der beneidenswerten Postkarten-Idylle des Züricher Umlandes, in Dietlikon, wo ihr Mann geboren ist, – alles scheint bestens zu sein. Aber sie ist innerlich zerrissen, fühlt sich einsam in einem Land, dessen Bewohner mental so völlig anders sind als ihre Landsleute. Sie bekommt keinen Kontakt zu den Schweizern, bleibt Außenseiter, nicht zuletzt der deutschen Sprache wegen, die sie nur rudimentär beherrscht. In einer depressiven Abwärtsspirale gefangen, aus der sie weder die Sitzungen mit ihrer Psychotherapeutin noch ein Deutschkurs zur besseren gesellschaftlichen Integration zu befreien vermögen, verfällt sie in eine ungehemmte Sexsucht. «Sie begehrte, begehrt zu werden», heißt es dazu, Sex wirkt wie ein Ventil für ihre innere Einsamkeit. Bedenkenlos fremdgehend, hat sie immer wieder einen neuen Liebhaber, ohne dass jemand etwas bemerkt. «Ob man einen Liebhaber hat oder zwanzig, ist auch egal» denkt sie, «Sie sind wie Chips. Man kann nicht nach dem ersten aufhören». Ihre von alldem nichts ahnende Freundin animiert sie einmal beim Plaudern auf einer Party, sich doch ruhig auch mal einen Liebhaber zu gönnen. Und weiter heißt es dann: «Ja, dachte Anna, Ehebruch ist der Kracher». – Man ahnt als Leser, das kann nicht lange gut gehen!

Der Roman ist flott geschrieben und leicht lesbar, er vermittelt manch Wissenswertes über unser Nachbarland und seine Bevölkerung, das Lokalkolorit ist bewundernswert stimmig eingefangen. Auch die Sprache wird im Deutschkurs thematisiert, die Meditationen über Wortbedeutungen dort wirken aber eher albern, und auch die Methoden der Psychotherapie erscheinen mir nicht gerade stimmig. Letzterem war sich wohl auch die Autorin bewusst, sie weist im Nachwort explizit darauf hin, dass es sich um reine Fiktion handelt dabei. Die parallelen Handlungsstränge und diverse Rückblenden treiben, in kleinste Textfragmente zerlegt, den Plot abwechselnd voran, er zieht den Leser allmählich immer tiefer in seinen Bann. Für literarische Voyeure, um auch das nicht unerwähnt zu lassen, bietet die Autorin reichlich Verbalerotik, geradezu klinisch orgasmusorientiert allerdings, ohne jede Sinnlichkeit, ohne lustvolle Raffinesse, – die typische Prüderie Amerikas ist unverkennbar.

Wer sich – wie ich – ohne jede Vorinformation an diese Lektüre macht, merkt womöglich am Ende erst, dass die Heldin ihren Namen nicht zufällig trägt. Auf die russische Anna wird schon auf Seite zwei dezent hingewiesen, wenn es um die verblüffende Pünktlichkeit Schweizer Bahnen geht, der letzten Satz des Romans lautet dann ebenso beziehungsreich: «Für den restlichen Nachmittag und bis tief in die Nacht verspäteten sich alle Züge». Mehr sei hier nicht verraten, – die Klassikleser wissen ja ohnehin Bescheid. Der spürbar dem Creative Writing verpflichtete Roman wirkt lehrbuchartig konstruiert, seine Protagonistin ist als Figur überzeichnet, sie nervt irgendwann regelrecht. Stark aber ist das Ende herausgearbeitet, man ist betroffen von der Zwanghaftigkeit des Abwärtsstrudels und der erschreckenden Einsamkeit der unglücksseligen Anna.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Eichborn Verlag

Unterleuten

zeh-2Lucy Finkbeiner lässt grüßen

Man darf ihn als Opus magnum von Juli Zeh bezeichnen, den neuen Roman mit dem wunderbar deskriptiven, originellen Titel «Unterleuten». Eine Gesellschaftsroman also, wobei es sich hier um Leute einer fiktiven dörflichen Gemeinschaft in Brandenburg handelt. Man schreibe, hat sich die Autorin mal geäußert, immer nur über das, was nicht klappt, und zwar, soweit es ihr Schreiben betreffe, ohne Intention. Und so ist es denn auch, ihr ambitionierter Dorfroman ist ein klug angelegtes Epos vom Scheitern, ganz ohne Botschaft. Und er ist wahrlich keine Hymne auf das Landleben, obwohl das ja nahegelegen hätte bei einer Autorin, die persönlich auch «Landflucht» begangen hat. Es sind Phänomene der Zeit, mit denen sich die politisch engagierte und streitbare Autorin vornehmlich auseinandersetzt, hier speziell das komplizierte Spannungsgeflecht im Mikrokosmos eines überschaubaren Soziotops aus Einheimischen und Zugezogenen in der Nähe Berlins.

Die zeitlich im Sommer 2010 angesiedelte Geschichte weist ein vielköpfiges Ensemble von Figuren auf, deren jeweiliges Agieren kapitelweise wechselnd erzählt wird. Als Protagonist ist dabei der ehemalige Großgrundbesitzer Gombrowski dominant, der nach den Enteignungen durch die DDR Vorsitzender der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft von Unterleuten wurde und nach der Wende dann Chef der neugegründeten Ökologica GmbH, die aus dieser LPG hervorging. Er ist nicht nur der größte Arbeitgeber im Dorf, er hält auch alle Fäden in der Hand in einem nur von wenigen Eingeweihten durchschaubaren, virtuosen Wechselspiel von gegenseitigen Abhängigkeiten der Dorfbewohner. Man regelt in diesen Kreisen alle Angelegenheiten unter sich, die Obrigkeit wird nicht gebraucht beim Austarieren von Forderungen und Gegenforderungen, die oft auch mit brutaler Gewalt geregelt werden.

In diesem literarischen Panoptikum fehlt weder der unbelehrbare Altkommunist noch die geldgierige Heuschrecke, die toughe Pferdeflüsterin aus der Villa Kunterbunt, ein zum Vogelschützer mutierter Soziologe, der gewalttätige Autoschrauber als Gombrowskis Mann fürs Grobe, die demente Oma mit zwanzig Katzen, der wirklichkeitsferne Nerd, der marionettenhaft im Dienste Gombrowskis handelnde Bürgermeister, um nur die Wichtigsten zu nennen. Bei dieser sich großenteils schon während der DDR-Zeit gebildeten Gemengelage wirkt der projektierte und politisch stark forcierte Bau einer Windkraftanlage wie die Lunte am Pulverfass, es kommt zu diversen Konflikten aller Beteiligten, und beteiligt ist in dem kleinen Dorf letztendlich jeder. Und alle scheitern am Ende auch, wie wir in einem Epilog der eigentlichen Autorin von «Unterleuten», der Journalistin Lucy Finkbeiner erfahren, in dem sie kurz die Vorgeschichte ihres uns vorliegenden Romans und das weitere Schicksal ihrer Figuren über das Romanende hinaus skizziert. Eine ähnliche Camouflage benutzt Juli Zeh auch, indem sie die «Pferdefrau» in ihren Handlungsstrategien gläubig dem real existierenden Ratgeberbuch «Dein Erfolg» von Manfred Gortz folgen lässt, ein in Wahrheit aber von ihr selbst unter Pseudonym geschriebenes Werk, das «sofort als Satire erkennbar» sei, wie sie angemerkt hat.

Gegensatzpaare wie Natur/Technik, Ossis/Wessis, Reiche/Habenichtse, Landvolk/Großstädter, Utopisten/Ewiggestrige kennzeichnen das Geschehen, und immer wieder gibt es trotzdem Zweckallianzen, – aus jeweils knallhartem Kalkül, Empathie ist nirgendwo im Spiel bei alldem. Der extrem handlungsorientierte Roman wird sprachlich betont sachlich und distanziert erzählt. An verblüffend vielen stimmigen Details erkennt man Juli Zehs äußerst penible Recherchearbeit, in ihrem Plot konzentriert sie sich ansonsten weitgehend auf die psychologischen Aspekte ihrer diversen Figuren. Ihr journalistisch nüchterner Text – Lucy Finkbeiner lässt grüßen – zeichnet gekonnt ein zeitkritisches Stimmungsbild der Gegenwart, zum wirklich großen Roman aber fehlt ihm das entscheidende Quantum Emotionalität.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Luchterhand

Cox oder Der Lauf der Zeit

ransmayr-2Zweckfreier Ästhetizismus

Vergleicht man Christoph Ransmayrs ersten mit seinem neuesten, fünften Roman, der den Titel «Cox oder der Lauf der Zeit» trägt, dann kommt auch gleich die Zeit ins Spiel, denn es sind mehr als drei Jahrzehnte, die zwischen ihrer Veröffentlichung liegen. Man findet trotz dieser beachtlichen Zeitspanne Bestandteile einer für diesen Autor typischen Erzählweise: beide Romane schildern ein Geschehen an fernen, uns fremd erscheinenden, fast schon mystischen Handlungsorten, sie sind zeitlich weitab der Jetztzeit angesiedelt und verbinden beide historisch Verbürgtes mit fantasievoll Erdachtem. Und ihre Protagonisten eint ein Hang zur Weltentrücktheit, sie befinden sich in einer Sinnkrise, sind auf der Flucht vor einer Realität, deren Unbill sie in der Ferne zu entkommen hoffen.

Der weltberühmte englische Uhrmacher Cox folgt Mitte des 18ten Jahrhunderts einem Ruf an den Hof des chinesischen Kaisers Qiánlóng, um vor Ort ganz besondere Uhren für den damals mächtigsten Mann der Welt zu bauen. Den Gottkaiser verlangt es nach Uhren, die in der Lage sind, die unterschiedlich schnell erscheinenden Zeitläufte der Kindheit, der Liebe und des Sterbens adäquat anzuzeigen. Nachdem drei entsprechende Kreationen des Meisters die hochgespannten Erwartungen des «Herrn der Zehntausend Jahre» erfüllen, erhalten Cox und seine Mitarbeiter schließlich von ihm den Auftrag, eine Uhr zur Messung der Ewigkeit zu bauen, ein Perpetuum mobile mithin. Ein vermessenes Unterfangen, für das Cox eine perfekte Lösung findet, die letztendlich dann auch dem Kaiser seine Endlichkeit vor Augen führt, auch er ist nicht zeitlos. Denn selbst die ihm ehrfurchtsvoll – in der maßlosen Verehrung seines Hofstaates – zugedachten zehntausend Jahre sind nur ein Wimpernschlag in der Ewigkeit der Zeit.

In einer dem höfischen Zeremoniell angepassten, blumenreichen Sprache erzählt Ransmayr eine fantastische Geschichte, zu der ihn ein Museumsbesuch in Peking inspiriert habe. Bewundernswert ist die Detailfülle, mit der er den Leser penibel in die Uhrmacherkunst einführt, mit der er die von ihm selbst erdachten, wundersam anmutenden, feinmechanischen Kreationen minutiös beschreibt, um die sich scheinbar alles dreht. Tatsächlich aber geht es hier um Sinnsuche, um die Endlichkeit des Seins, letztlich um den Tod also, Ursache und Fundament sämtlicher Religionen. Sehr farbenprächtig ist auch die Schilderung des höfischen Lebens in der Verbotenen Stadt, zu dessen sagenhafter Glorie die eingestreuten Szenen auf dem Blutgerüst einen brutalen Kontrast bilden, der den Leser aus himmlischen Sphären in die Wirklichkeit – und Endlichkeit – zurückholt. Denn die Zeitmesser stehen als Metapher für die zeitliche Begrenztheit alles Irdischen, die der Mensch so gern verdrängt, wenn es um ihn selbst geht. Proust hat in seiner «Recherche» bekanntlich resümiert, man müsse einen Roman schreiben, um die verlorene Zeit zu finden, Ransmayrs Versuch deutet in die gleiche Richtung.

Geradezu verstörend war für mich die pathetische, effekthascherische Sprache, die hier zuweilen hart an Kitsch grenzende Satzgebilde hervorbringt, deren Aussagewert gegen Null tendiert. «Es war Selbstmord, eine Uhr für die Ewigkeit zu bauen, eine Uhr, die ihre Stunden aus dem Inneren der Zeit in die Zeitlosigkeit schlug». Man staunt als Leser darüber mindestens ebenso wie über die fantastischen Uhrwerke selbst, aber auch über das ausufernd beschriebene Hofzeremoniell, von dem immer wieder langatmig und völlig humorfrei berichtet wird. Beim Lesen stellt sich da trotz aller Wortgewalt allmählich gepflegte Langeweile ein, weicht das anfängliche Staunen dem Eindruck, hier werde poetisch hübsch verpackt philosophisch Belangloses behandelt, ein zweckfreier Ästhetizismus, bei dem Zeit und Vergänglichkeit zur Nebensache geraten. Bei allen Meriten des Autors, Etiketten wie «Weltliteratur» oder «Der größte Gegenwartsautor in deutscher Sprache» auf dem Buchdeckel sind nichts als platte Werbesprüche.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Meine geniale Freundin

ferrante-1Geniales Marketing

Der Hype um die unter Pseudonym schreibende italienische Schriftstellerin Elena Ferrante hat nun auch Deutschland erreicht, als erster Band in ihrem vierteiligen Romanzyklus erschien jüngst der Titel «Meine geniale Freundin». Die wilden Spekulationen der Medien über die Identität der Autorin sind für die Auflage mindestens ebenso förderlich wie die Verbindung der einzelnen Bände dieser Tetralogie durch Cliffhanger. Die in den USA besonders durch Kritikerpapst James Wood hochgepushte Rezeption ist in Deutschland zwar weniger euphorisch, Bestsellerstatus aber hat der Roman mühelos auch hier erreicht. Ein literarisches Meisterwerk, wie der Buchumschlag dem Leser verheißt, ein Literaturwunder gar?

Dieses neapolitanische Epos zweier Freundinnen wird von einer der beiden, Elena (sic!) genannt Lenù, aus einem Abstand von etwa sechzig Jahren erzählt. In einem kurzen Prolog erfahren wir, dass ihre Freundin aus Kindertagen, Lila, spurlos verschwunden ist, der Sohn sucht nach ihr. Spontan setzt sie sich an den Computer und beginnt ihre Geschichte aufzuschreiben «mit allen Einzelheiten, mit allem, was mir in Erinnerung geblieben ist». In zwei Kapiteln erzählt die Ich-Erzählerin aus dem Leben der Mädchen in einem der ärmsten Vierteln Neapels, sie beide eint der Wunsch, diesem prekären Milieu zu entfliehen. Was ihnen auch gelingt, bei jeder auf unterschiedliche Art allerdings. Sie entkommen nämlich ganz klassisch, durch Bildung und Heirat, dem Albtraum eines ihnen vorgezeichneten, archaischen Frauenlebens in den Slums von Neapel. Ein Entwicklungsroman mithin, beginnend bei der frühesten Kindheit und endend mit der alle Klischees bedienenden, pompösen und turbulenten Hochzeit der sechzehnjährigen Lila. Von Herkunft gleich, unterscheiden sich die beiden Busenfreundinnen grundlegend in ihrem Wesen. Während Lenù von einer Karriere als Autorin träumt, fleißig und brav in der Schule durch Leistungen glänzt, entsprechend gefördert wird und sogar aufs Gymnasium kommt, ist Lila hochintelligent, ein Wunderkind, Lenù geistig weit überlegen, aber so unangepasst und sprunghaft, dass sie scheitern muss, als unbezahlte Arbeitskraft in der Schumacherwerkstatt ihres Vaters landet und zuletzt, ganz konventionell und gegen ihre Art, den reichen Sohn des Lebensmittelhändlers heiratet.

Konventionell wird auch diese Geschichte erzählt, geradezu brav einsträngig, chronologisch, in einer klaren, leicht lesbaren Sprache, und zwar aus einer strikt feministischen Perspektive, – die Frauen dominieren in diesem breit angelegten Sittengemälde, alle Männer sind nur Randpersonen. Das Figurenensemble des Romans ist ziemlich üppig ausgefallen, was trotz vorangestellter Personenliste die volle Aufmerksamkeit des Lesers fordert. All diese vielen Charaktere sind stimmig beschrieben, die beiden in ständiger Konkurrenz zueinander stehenden Protagonistinnen werden psychisch geradezu durchleuchtet bei ihrem pubertären Selbstfindungsprozess, sympathisch allerdings werden sie dem Leser leider nicht.

Zweifellos ist dieser Roman gekonnt aufgebaut, man hat aber das Problem, dass er Fragment bleibt. Als Cliffhanger dient hier das Entsetzen Lilas, als ihr verhasster Ex uneingeladen auf ihrer Hochzeit auftaucht und dabei auch noch die Schuhe trägt, die sie mit ihrem Bruder mühsam von Hand gefertigt hat, ein unglaublicher Affront, der bei Lilas Naturell nicht ungesühnt bleiben wird, – aber bis zum Band vier fehlen noch etwa 1300 Seiten, man muss Geduld haben. Das wortreiche Geplapper der Autorin über Belangloses, Unwichtiges, verschärft durch viele Wiederholungen, löst schnell Langweile aus, man erkennt nicht recht, wozu man all diese Banalitäten denn lesen muss. Besonders nervig fand ich die irgendwann unerträglich werdende Lobhudelei der Ich-Erzählerin über ihre schulischen Leistungen, man fragt sich, ob da nicht etwa eine echte Elena durchschimmert hinter der Romanfigur. Genial, so mein Fazit, ist nur das Marketing der Verlage, nicht dieser Roman.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Frankfurt am Main

Nora Webster

toibin-1Die Vierte im Bunde

Im Werk des irischen Schriftstellers Colm Tóibín stehen Muttergestalten häufig im Mittelpunkt, so auch in seinem neuen Roman «Nora Webster», bei dem schon der Titel selbstbewusst das literarische Genre verdeutlicht. Es geht um die Selbstfindung einer Frau Mitte vierzig nach dem viel zu frühen Tode des Mannes. In etlichen Details dieser Geschichte sind autobiografische Hintergründe erkennbar, so zum Beispiel beim Schauplatz der Handlung, die Kleinstadt Enniscorthy der irischen Grafschaft Wexford, Tóibíns Heimat. Und auch sein eigener Vater war ein politisch engagierter Lehrer, nach dessen frühem Tod er zu stottern anfing – wie der älteste Sohn im Roman. Die Titelheldin durchlebt gemeinsam mit ihren vier Kindern den schockartig einsetzenden, mühsamen Prozess einer radikalen Umstellung ihrer Lebensführung, die Verantwortung für das bisher vorbildlich geordnete und wohlbehütete Leben liegt nun unerwartet plötzlich bei ihr allein, sie muss ein neues Fundament dafür schaffen.

Diese Geschichte einer Emanzipation wird in kleinsten Schritten vor dem zeitlichen Hintergrund des Nordirlandkonfliktes Ende der 1960er Jahre erzählt, beginnend beim qualvollen Sterben des Mannes bis hin zur Räumung seines Kleiderschranks drei Jahre später, die eine bis dato ängstlich vermiedene, symbolträchtige Loslösung aus der rückwärtsgewandten Trauerphase darstellt, Voraussetzung für ein zukunftsorientiertes, nunmehr völlig selbst bestimmtes Leben. Detailliert beleuchtet der Autor ein weit verzweigtes, engmaschiges Beziehungsgeflecht im inneren Zirkel einer großen Familie wie auch im Zusammenleben mit den Nachbarn und Bewohnern dieser Kleinstadt, in der jeder jeden kennt und man ständig unter Beobachtung steht. Tóibíns eindringliches Porträt einer selbstbewussten, mutigen, manchmal auch störrischen Hausfrau glänzt mit einer äußerst subtilen Schilderung der Banalitäten ihres Alltags. Er seziert geradezu sein Kleinstadtmilieu, um dann liebevoll das zutiefst Menschliche darin aufscheinen zu lassen, ganz fernab spektakulärer Posen und großartiger Geschehnisse.

Besonders hervorzuheben ist die fein ziselierte Darstellung der Figuren, allen voran der Protagonistin Nora Webster, deren innerste Gedankenwelt Tóibín als auktorialer Erzähler stimmig vor dem Leser offenlegt, was die Epiphanie ihres verstorbenen Mannes als traumhaftes Erlebnis durchaus mit einschließt. Auch die vielen anderen Charaktere sind glaubwürdige und sympathische Figuren, deren Psyche sich oft in realitätsnahen Dialogen erschließt. Überhaupt ist Realitätsnähe eine der vielen Stärken dieses Romans, was mir gleich zu Beginn bei der ungeschönten Schilderung des bescheidenen Strandhäuschens der Familie Webster angenehm aufgefallen ist. Nicht der Plot also steht im Mittelpunkt des irischen Autors, es ist das sich mosaikartig entwickelnde Panorama eines überschaubaren Mikrokosmos, überaus ruhig und unspektakulär erzählt, sprachlich gekonnt und völlig unprätentiös, eine ebenso großartige wie seltene Beschreibungskunst.

Insoweit ist das positive, sogar euphorische Echo im deutschen Feuilleton berechtigt, zweifellos ist «Nora Webster» auf dem Weg, einer der Frauennamen in der Literatur zu werden, die man sich merken wird. Nicht nachvollziehbar allerdings ist der Vergleich mit den berühmten Figuren von Tolstoi, Flaubert und Fontane. Anna, Emma und Effi nämlich sind alle drei Ehebrecherinnen, die tragisch enden, – nicht so Nora, sie ist insoweit nicht die Vierte im Bunde! Sexualität, Ehebruch gar kommen schlicht nicht vor bei Tóibín, und seine Heldin geht zuletzt als überlegene Siegerin aus dem Trauerprozess hervor, sie hat sich emanzipiert, ohne kitschiges Happy End übrigens. In einem symbolträchtigen Akt der Selbstfindung nämlich verbrennt sie, gemütlich vor dem Kamin sitzend, am Ende des Romans die wieder aufgefundenen Briefe ihres Mannes aus der Anfangszeit ihrer Beziehung, – ohne sie jedoch nochmals zu lesen. Eine starke Figur, die man nicht mehr vergisst.

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser

Männer mit Erfahrung

Freeman_GehMitMIr_P06_DEF.inddSchwarze Komödie

«Männer mit Erfahrung» ist der erste Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Castle Freeman, der auf Deutsch erschienen ist. Vermutlich ist die Verfilmung dieses im Original 2008 unter dem Titel «Go with me» erschienenen Romans der Anlass dafür gewesen. Anthony Hopkins spielt darin den Lester, Ray Liotta ist in der Rolle des Bösewichts Blackway zu sehen. Ich kenne zwar nur den Trailer des Spielfilms, prompt aber wird dort eine Szene gezeigt, die der ganzen Geschichte die Spannung nimmt, es empfiehlt sich auch hier mal wieder, lieber das Buch zu lesen. Nicht nur der markige Titel der deutschen Ausgabe, auch das stimmige Titelbild lädt ja geradezu zum Lesen ein.

Der kurze Roman wird quasi in Echtzeit erzählt, die Geschichte ereignet sich an einem einzigen Tage in dem kleinen Ort Dead River im US-Bundesstaat Vermont, sie ist zeitlich im Heute angesiedelt. Wegen Lillian hat ein gewisser Blackway seinen Job als Hilfssheriff verloren, sie hat ihn angezeigt, weil er ihrem Freund Kevin Drogen abgenommen und dann selbst verkauft hat. Nun sinnt er auf Rache. Der Bösewicht wird von allen gefürchtet in dem kleinen Kaff, jeder kennt ihn, niemand möchte ihm in die Quere kommen, keiner weiß, wo er gerade ist. Kevin ist vor ihm geflüchtet, Lillian jedoch trotzt der Bedrohung. Sie ist Kevin in seinen Heimatort gefolgt und will nun auch hier bleiben, egal was passiert, – die junge Frau lässt sich nicht einschüchtern. Bis eines Tages ihre Katze mit durchgeschnittener Kehle vor der Haustür liegt. Der Sheriff kann Lillian nicht helfen, er hat keine rechtliche Handhabe gegen Blackway, aber er gibt ihr den Tipp, sich an die Männer in der ehemaligen Stuhlfabrik zu wenden und die um Hilfe zu bitten. Ein guter Tipp, wie sich herausstellt, denn zwei der dort immer herumlungernden Typen erklären sich spontan bereit, ihr zu helfen, den üblen Burschen in seinem Schlupfwinkel in den Wäldern zu stellen.

Fast im Stil einer schicksalhaft auf die Katharsis zulaufenden antiken Tragödie erzählt Freeman seine im Milieu von Hinterwäldlern angesiedelte Geschichte, die mit ihrem geradezu zwangsläufigen Ablauf des Geschehens, vor allem aber im Showdown an den Western «High Noon» erinnert. Im Kampf Gut gegen Böse könnten Freemans wortkarge Helden kaum unterschiedlicher sein. Als Bösewicht ein Stalker, vor dem alle Angst haben, der kräftemäßig und in seiner Brutalität allen weit überlegen ist, als Gegenpart Lillian mit ihren zwei Helfern, «Männer mit Erfahrung» eben, dem alten, humpelnden Lester und Nat the Great, ein großer Bursche mit wenig Hirn. Lester sei einer, wurde Lillian versichert, der immer einen Trick auf Lager habe, und Nat beteuert gebetsmühlenartig: «Ich hab keine Angst vor Blackway». In zwei Erzählsträngen wird abwechselnd über die Suche nach dem Bösewicht in den Wäldern Vermonts berichtet, dem Chor der antiken Tragödie ähnlich schwadronieren derweil in der Stuhlfabrik die dort versammelten kauzigen Männer, kaputte Typen allesamt, über das Geschehen und dessen Vorgeschichte.

Freeman erzählt seine rasante Geschichte mit schnellen Szenenwechseln äußerst pointiert, aber mit kargen sprachlichen Mitteln, wobei sich Vieles aus den schrägen Dialogen seiner einfältigen Figuren entwickelt, womit er seine Story hinterlistig naiv und zielgerichtet voranbringt. Und wie er das tut ist derart amüsant, dass man als Leser aus dem Schmunzeln nicht mehr heraus kommt. «Sein Atem roch wie eine Flasche, in der eine Maus gestorben ist» wäre ein Beispiel dafür, oder: «Das Fort war nicht die Art von Bar, wo ein frommer Mormone oder Moslem ein Glas Wasser bekommen hätte». Das längliche Paket, welches Lester ständig mit sich rumschleppt, wickelt er am Ende schließlich aus: «Onkel Walts alte Flinte. Es war eigentlich ein antikes Stück, Doppelläufe mit einem Kaliber wie Wasserrohre […] Eine Nummer größer war schon Artillerie, wie Walt immer gesagt hat». Eine kurzweilige, schwarze Komödie also, keine große Literatur, aber beste Unterhaltung.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Nagel & Kimche Zürich

Hier bin ich

foer-2Zulassung plus Couch

Wenn eine Karriere als Romancier so fulminant begonnen hat wie die von Jonathan Safran Foer, ist man natürlich neugierig auf Neues aus dessen Feder. Nach elf Jahren ist nun «Hier bin ich» erschienen, sein dritter Roman, zugleich auch sein Opus magnum. Waren die ersten beiden Romane aus einer kindlichen Perspektive erzählt, so ist es hier die eines jüdischen Mannes aus der US-Hauptstadt Washington, der eine Trennung von seiner Frau durchlebt. Die sich ankündigende Scheidung ist eingebettet in ein aufgeklärt liberales, jüdisches Lebensumfeld der Familie, das zwischen Amerika und Israel oszillierend allgegenwärtig ist und die innere Geschichte einer Entfremdung sogar weitgehend überlagert, den Trennungsroman zu einem jüdischen Sittenbild ausweitet. An seine einstigen literarischen Erfolge als junger postmoderner Schriftsteller, soviel sei hier schon gesagt, kann der US-Amerikaner, der vor zwei Jahren selbst geschieden wurde, damit allerdings nicht anknüpfen.

Julia Bloch, Architektin von Beruf, findet zufällig ein zweites Handy ihres Mannes. Nachdem ihr ältester Sohn das Passwort geknackt hat, entdeckt sie darauf dessen abstoßend vulgäre SMS-Korrespondenz mit einer Kollegin. Jakob Bloch, der Scripts für eine Fernsehshow schreibt, initiiert durch diesen drögen Verbalsex mit einer Frau, die er niemals angerührt hat, ungewollt einen Prozess der Entfremdung, welcher für das Ehepaar und die drei heranwachsenden Söhne in einem Auseinanderbrechen ihrer bis dato intakten, unkonventionellen Familie endet. Diese soziale Krise spiegelt sich in einer politischen Katastrophe für den Staat Israel, das Land wird durch ein verheerendes Erdbeben schwer getroffen, was seine feindlichen Nachbarn dazu ermuntert, die Gunst der Stunde zu nutzen und den solcherart angeschlagenen Erzfeind nun auch noch mit Krieg zu überziehen. Als der israelische Premierminister alle waffenfähigen Juden in der Diaspora zur Rückkehr nach Israel auffordert, entschließt sich Jakob spontan, dem Aufruf zu folgen. Er, der noch nie ein Held war, versagt aber auch hier, verharrt letztendlich kleinlaut doch lieber in seiner gutbürgerlichen amerikanischen Existenz. Ihm wird am Ende sogar das Einschläfern seines alten, inkontinenten Hundes zu einer Entscheidung, die ihn fast überfordert.

Ein jüdisches Buch, hat Philip Roth einmal geäußert, erkenne man nicht an dem, wovon die Rede ist, sondern daran, dass es immer weiter redet, ohne Ende. Insoweit ist dieser sprachverliebte Roman jüdisch durch und durch, zudem erschließt sich sein Inhalt größtenteils in seinen geradezu slapstickartigen Dialogen, Geschwätz mit oft pingpongartig wechselnden Kurzsätzen, bei denen die Antwort auf eine Frage oft in der erstaunten Wiederholung der Frage selbst besteht. Besonders die temporeichen Gespräche mit den frühreifen Söhnen sind amüsant, verlieren sich nicht selten aber abschweifend auch völlig ins Leere. Bei alldem erfährt der Leser en passant so einiges vom American Way of Life in der heutigen Zeit, da wird völlig tabulos Gott und die Welt hinterfragt. An einer Stelle antwortet Jakob entnervt, aber schlagfertig auf Vorhaltungen seiner Frau, seinen psychischen Zustand betreffend: «Du solltest dir wirklich eine Zulassung und eine Couch besorgen».

Der Roman einer Midlife-Crisis weist schon durch den Titel auf die verzweifelte Sinnsuche des Helden hin. Und das Judentum wiederum, wie es die aufgeklärte Familie Bloch lebt, sei nicht religiös motiviert, erfahren wir Leser, sondern sei lediglich Brauchtum, man fühle sich einfach als Jude. Gleichwohl lauschen die sonst so vorlauten Blochs andächtig der grandiosen Trauerrede des Rabbis bei der Beerdigung des Urgroßvaters, für mich übrigens die stärkste und zudem geistreichste Passage im ganzen Roman. Flott geschrieben, ironisch Distanz haltend, ist dieser dickleibige Roman zweier Krisen durchaus lesenswert, auch wenn er teilweise allzu geschwätzig erscheint und philosophisch zuweilen schlicht Nonsens verbreitet.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Kompass

enard-1West-östlicher Divan

Als «Anti-Houellebecq» hat der französische Schriftsteller Mathias Énard seinen mit dem Prix Goncourt prämierten Roman «Kompass» bezeichnet. Damit auf Houellebecqs Roman «Unterwerfung» anspielend, stellt er dessen Islamtrauma seine eigene, geradezu ehrfürchtige Perspektive auf Orient und Islam gegenüber. «In diesem Preis steckt eine Botschaft des Friedens» war Énards begeisterter Kommentar zur Preisverleihung. Und tatsächlich ist sein 2015 erschienener Roman geeignet, unser von Horrornachrichten geprägtes Bild vom Orient neu zu justieren, auch ohne dass wir dazu des titelgebenden Scherzartikels bedürfen, jenen Kompass nämlich, der dem Protagonisten von seiner Angebeteten geschenkt wurde und der durch seine trickreiche Konstruktion immer nach Osten weist.

Held des Romans ist der Musikwissenschaftler Franz Ritter aus Wien, den eine noch nicht endgültig bestätigte Diagnose seines Arztes in eine tiefe Krise stürzt. Quasi in Echtzeit erleben wir als Leser eine schlaflose Nacht des Ich-Erzählers, der sinnierend zurückblickt auf sein womöglich bald endendes Leben. Dabei rekapituliert er seine Forschungen über den Einfluss des Orients auf europäische Komponisten und die dabei gewonnenen Erkenntnisse. Seine obsessiv betriebenen Studien erfahren eine kulturelle Erweiterung in Richtung Literatur, Malerei und Architektur, als er die französische Orientalistin Sarah aus Paris kennen lernt. Immer wieder trifft er sie auf seinen Forschungsreisen, begleitet die geradezu besessene, brillante Forscherin auf Exkursionen an abgelegene historische Stätten, begegnet ihr auf Konferenzen und Kolloquien rund um den Erdball. Obwohl er die schöne Französin begehrt, bleiben seine zaghaften Annäherungsversuche erfolglos, ihre überaus innige Beziehung ist rein freundschaftlich geprägt, sie basiert auf dem gemeinsamen Faible für alles Orientalische. Erst gegen Ende des Romans kommt es in Teheran endlich doch zu einer Liebesnacht, bei diesem einen Mal bleibt es dann allerdings auch. Immer wieder bedauert Ritter bei seiner nächtlichen Grübelei seine Zaghaftigkeit ihr gegenüber, er hat es vermasselt, war nicht beherzt genug. Sarah wendet sich mit ihren Studien dem Buddhismus zu und verschwindet schließlich in ein Lamakloster, er hat sie seit Jahren nicht mehr gesehen, erkehrt nur noch schriftlich mit ihr.

Diese nur im Hintergrund des Erzählten zuweilen durchscheinende Liebesgeschichte sowie die Ungewissheit über Ritters Krankheit verleihen dem ansonsten fast handlungslosen Roman eine gewisse Spannung. Im Wesentlichen lebt der Roman von einer unglaublichen Fülle von Berichten, Erkenntnissen, Fakten, Anekdoten, Reiseerlebnissen, Inspirationen und Reflexionen über die Beeinflussung westlicher Kultur durch den Orient, wobei die Studierstube des Wissenschaftlers in Wien durchaus symbolträchtig als Tor zum Orient fungiert. Énards Material ist so umfangreich und tiefgründig, dass er viele Leser damit eindeutig überfordern dürfte. Sein Studienobjekt ist zudem derart speziell, dass man seinen fragmentarisch aneinander gereihten Erzählungen unmöglich in all die vielen Verästelungen folgen könnte. Trotz unvermeidlicher Verständnislücken also ist die Lektüre gleichwohl sehr bereichernd, nicht nur weil man, neben kaum bekannten Künstlern und Geistesgrößen des Orients, auch vielen berühmten Europäern aus Kultur und Politik begegnet und dabei unvermutet Querverbindungen entdecken kann, sondern auch, weil man en passant seinen Horizont beträchtlich erweitert, viele neue Einsichten gewinnt.

Dem Autor geht es mit seinem Roman nicht um das aktuelle Trauma im Verhältnis zum Islam, sondern um die verschiedenartigen Kräfte, die vom Okzident aus den Orient beeinflusst haben, sowie vice versa um die Rolle als Inspirationsquelle, die der Orient für den Westen gespielt hat und noch immer spielt. Insoweit ist Wien als kulturelles west-östliches Tor in beide Richtungen offen, der Roman endet denn auch beziehungsreich mit dem Wort «Hoffnung».

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Hansa Berlin

Kraft

luescher-1Skeptische Gelehrtensatire

Nach seinem Anfangserfolg mit der Novelle «Frühling der Barbaren» hat der Schweizer Schriftsteller Jonas Lüscher heuer, vier Jahre später, seinen ersten Roman unter dem Titel «Kraft» veröffentlicht. Aus seiner dreijährigen Arbeit an einer Dissertation sei «leider nichts geworden, dafür ist nun der vorliegende Roman entstanden, in den einiges eingeflossen ist, über das ich im Rahmen meiner wissenschaftlichen Tätigkeit nachgedacht habe», heißt es in der Danksagung am Ende des Buches. Bei dieser Vorgeschichte ist es nahe liegend, dass der so entstandene Debütroman als wissenschaftsskeptische Gelehrtensatire angelegt ist, in der Fortschrittsglaube und Kapitalismus ebenso karikiert werden wie überholte Strukturen in Universität und Gesellschaft.

Protagonist des Romans ist Prof. Richard Kraft, Nachfolger von Walter Jens auf dem Lehrstuhl für Rhetorik in Tübingen. Der brillante Wissenschaftler steht vor den Trümmern seiner zweiten Ehe mit Heike, zudem plagen ihn Geldsorgen, denn die großzügige Versorgungsregelung für seine Exfrau Ruth und die beiden Kinder frisst fast sein gesamtes Einkommen als Hochschullehrer auf. Als er von einem Freund an der Stanford Universität zur Teilnahme an einem wissenschaftlichen Wettbewerb im Silicon Valley aufgefordert wird, bei dem ein Preisgeld von einer Million Dollar ausgesetzt ist, sieht er darin die Lösung aller seiner Probleme, auch Heike rät ihm, unbedingt teilzunehmen. Dem Problem der Theodizee von Leibnitz folgend, sollen die Konkurrenten in einem höchstens 18minütigen Vortrag vor einer Jury eine schlüssige Antwort auf die Preisfrage geben: «Warum alles, was ist, gut ist, und wie wir es trotzdem verbessern können».

Während einer dreiwöchigen Vorbereitungsphase, im Lesesaal des Hoover Tower auf dem Campus von Stanford sitzend, sucht Kraft vergeblich nach einer zündenden Idee; ihm fehlt jedwede Inspiration, der von ihm zu begründende Zukunftsoptimismus überfordert ihn als Skeptiker. Immer wieder verliert er sich in Grübeleien über sein Leben, denkt an seine frühen Studententage und seine politischen Jugendsünden als neoliberaler Wirrkopf. Er rekapituliert seine wissenschaftliche Karriere, sinniert über sein permanentes Scheitern bei Frauen, bedauert die fehlende familiäre Bindung. Der Autor wartet mit einem Feuerwerk von Ideen auf, verarbeitet gekonnt die jüngere Zeitgeschichte in klug ausgewählten Episoden, deren interessanteste für mich das konstruktive Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt war. Er spart jedenfalls nicht mit beißender Gesellschaftskritik, die auch den ausufernden Digitalismus unserer Tage einschließt. Der Theodizee stellt er beispielsweise für die Finanzmärkte den von Joseph Vogl geprägten Begriff der Oikodizee gegenüber, die Entzauberung und damit allfällige Bändigung der Finanzmärkte. In einer furiosen Traumsequenz malt er schließlich sehr realistisch das Inferno eines schweren Erdbebens in San Franzisko aus, ein düsteres Szenario, in dem er trickreich das Schicksal seines gescheiterten Helden spiegelt.

Jonas Lüscher ist ein sehr genauer Beobachter, er schreibt hier äußerst leichtfüßig, aber aus kritischer Distanz, im Modus Modestiae, dem Autorenplural, uns Leser damit einbeziehend in seine Betrachtungen. Bei denen dann sein Held, satirischer Inbegriff des intellektuellen Schwaflers, so gar nicht gut wegkommt. Die Fülle an Gedanken, die da vor uns ausgebreitet werden, ist beeindruckend, viele kluge Reflexionen und philosophische Exkurse sind trotz des mokanten Erzähltons, in dem sie vorgetragen werden, zweifellos ernst gemeint und durchaus bereichernd. Mit einem bildungssatten Schreibstil in langen Schachtelsätzen unterstreicht Lüscher süffisant seinen ironischen Duktus. Auch wenn er dabei so manches Klischee bedient, wird er zu Recht als hochaktuelle Stimme gelobt, die ihresgleichen nicht hat in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Auf den Leser wartet ein anregendes, amüsantes und zweifellos auch intellektuelles Lesevergnügen.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by C.H. Beck München

Elefant

Pressebild_ElefantDiogenes-Verlag_72dpiMartin Suter erzählt eine bezaubernde Geschichte um einen kleinen rosa Elefanten, der im Dunkeln phosphoreszierend schimmert. Dieses klitzekleine Wesen, das mit Holzscheiten statt Baumstämmen jongliert und das Herz jedes Kindes hochschlagen lassen würde, ist keine Schöpfung der Spielwarenindustrie. Es handelt sich um das Produkt geldgieriger Genmanipulateure, die an der Produktion von »glowing animals« (glühenden Tieren) arbeiten und dabei jeden Tier- und Artenschutz ausser Acht lassen. Continue reading


Genre: Roman
Illustrated by Diogenes Zürich