Wenn ein Reisender in einer Winternacht

calvino-1L’ironique amusé

Von seinen Freunden in den literarischen Zirkeln von Paris erhielt er den Spitznamen «Der amüsierte Ironiker», sein Entdecker und Mentor Cesare Pavese bezeichnete ihn als «Eichhörnchen der Feder». Beides kennzeichnet äußerst treffend den Stil des italienischen Autors, die in dem 1983 auf Deutsch erschienenen Meta-Roman «Wenn ein Reisender in einer Winternacht» ihre gelungenste Ausformung erhielt. Sprachlich flockig leicht und beweglich, thematisch kunstvoll durchwoben mit nicht zu übersehender Ironie, widersetzt sich dieser so noch nicht dagewesene, ebenso dichte wie komplexe Erzähltext jedem Versuch einer Zuordnung, er ist vielmehr ein kreatives Spiel mit so ziemlich allen modernen literarischen Gattungen auf einmal.

Kann man einem Leser mehr Ehre antun, als ihn zum Protagonisten eines Romans zu erheben? Es wird konsequent in der zweiten Person erzählt, und das hört sich so an: «Vielleicht hast du schon im Laden ein bisschen darin geblättert. Oder du konntest es nicht, weil das Buch noch eingeschweißt war. Nun stehst du im Bus, eingezwängt zwischen anderen Leuten, hängst mit der einen Hand an einem Haltegriff und versuchst mit der freien anderen, das Buch auszupacken, ein bisschen zappelig wie ein Affe, der eine Banane schälen und dabei weiter an einem Ast baumeln will. Pass auf, du stößt die Nachbarn an. Entschuldige dich wenigstens». Natürlich trägt dieses soeben frisch erworbene Buch den Titel «Wenn ein Reisender in einer Winternacht», es bringt dem Helden, seinem Leser also, allerdings wenig Freude. Denn nach 14 Seiten wiederholt sich der erste Textblock des spannenden Romans um eine konspirative Kofferübergabe fortlaufend bis zum Schluss, ein Bindefehler womöglich. Nach diesem Schema werden nicht weniger als zehn Romananfänge erzählt, die aus unterschiedlichen Gründen alle abbrechen. Sie werden jeweils eingeleitet von einem weiteren Teil der Geschichte, die der Leser erlebt auf den Spuren dieses mysteriösen Buches, von der Buchhandlung über Uni, Hörsaal, Café, Verlag bis zur Wohnung von Ludmilla, einer ebenso verunsicherten Leserin wie er. Ergänzt werden diese Einleitungen, welche listenreich die Rahmenhandlung bilden, durch das kuriose Tagebuch eines Schriftstellers. Überhaupt ist die turbulente Geschichte gespickt mit Details verschiedenster Aspekte zum Thema Buch, aus der Werkstatt von Autor und Übersetzer natürlich, aus der Druckerei, dem Verlag, dem Buchhandel und, last but not least, der Lesestube des Buchkäufers. Denn die Lust am Lesen und die Liebe zu Büchern ist das beherrschende Thema dieses Romans.

Calvino unternimmt stilistisch einen Parforceritt durch fast alle Spielarten der modernen Literatur, persifliert sie sehr gekonnt, man muss häufig schmunzeln, der Autor als Schelm und Nestbeschmutzer! In seinem labyrinthischen Plot ohne Ariadnefaden, der wie eine literarische Schnitzeljagd anmutet, finden sich neben einigen ins Nichts führenden Abzweigungen zehn wunderbar gelungene, an Stilübungen erinnernde Textfragmente. Dazu gehören, mit der Zensur in einer osteuropäischen Diktatur zum Beispiel, Anklänge an Kafka, es finden sich ferner Elemente des typischen Campusromans, des Liebes- und des utopischen Romans ebenso wie Sex and Crime des Thrillers, völlig gleichberechtigt übrigens neben solchen des Nouveau Roman, des magischen Realismus oder des Symbolismus.

Der Seitenhieb auf die Bibliophilen mit ihren ungelesenen Büchern, «die sie böse anschauen», wenn schon wieder neue angeschleppt werden, wird manchen Leser wenig freuen, dass Calvino den weitverbreiteten Wunsch nach stringenter Handlung ad absurdum führt, gewiss noch mehr. Wo sonst aber kann der Leser, also du, so viel über sich selbst und seine Leidenschaft erfahren? Das allein schon macht dieses als Jahrhundertroman apostrophierte Buch sehr lesenswert, und das glaubst du dem Rezensenten. Also liest du es einfach …

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Wendekreis des Krebses

miller-1Surrealistischer Klassiker

Der in New York als Sohn deutscher Eltern geborene Schriftsteller Henry Miller hat 1934 mit «Wendekreis des Krebses» einen Roman vorgelegt, der schnell Kultstatus erreicht hat, woran der nach seinem Erscheinen wegen der vulgär sexuellen Textpassagen verursachte Skandal nicht unerheblichen Anteil hatte, das Buch stand lange auf dem Index. Dabei wurde völlig unterschätzt, welchen literarischen Rang der stark autobiografisch beeinflusste Roman in Wahrheit einnimmt, ist er immerhin mehr als achtzig Jahre später noch lange nicht in Vergessenheit geraten, vermag auch heute noch viele Leser zu begeistern. Eindeutig also ein literarischer Klassiker, welcher, folgt man der Definition von Heinz Schlaffer, «gleichermaßen vergangen, erinnert und gegenwärtig» ist oder, wie es Vladimir Nabokov umschreibt, ein «zeitloses Kunstwerk, dem ein individueller Genius innewohnt».

Um es gleich vorweg zu nehmen, ein Klassiker sicherlich nicht der obszönen Stellen wegen, die heutzutage niemanden mehr «hinter dem Ofen hervorlocken können». Im Gegenteil, der Sex ist hier plump, vulgär, primitiv anatomisch, hat zudem einen derart beiläufigen Status, nichts Aufregendes, Ersehntes, Beglückendes, dass Voyeure eher abgeschreckt werden, – was da beschrieben wird hat keinerlei Reiz! Fast alle Frauenfiguren des Romans sind Prostituierte der untersten Kategorie, aus der Gosse, unattraktiv, oft abstoßend, der Umgang mit ihnen ist geschäftsmäßig, die Männer verachten sie abgrundtief. Eine unerträglich überhebliche, machohafte Perspektive des Autors, die selbst manche einschlägig geprägten südamerikanischen Kollegen noch weit in den Schatten stellt in ihrer rigiden Frauenfeindlichkeit.

In teils tagebuchartigen Fragmenten werden, ohne erkennbare Zusammenhänge und chronologisch plausible Abfolge, einzelne Episoden aus der Pariser Zeit des Autors erzählt, wobei Alltagsszenen durchmischt sind mit eigenen Reflexionen und philosophischen Betrachtungen. Der tägliche Kampf ums Dasein in einem prekären Milieu steht dabei im Vordergrund, vergebliche Jobsuche, das Schnorren um einen Drink, um Essen, Unterkunft, käuflichen Sex. Die drastischen Schilderungen sind oft grotesk überzeichnet und erzeugen mit häufig surrealistischen Einschüben erstaunliche Assoziationen, die so gar nicht den üblichen Leseerfahrungen entsprechen. Dieser originäre Stil unterstreicht die unverhohlene, aber auch verzweifelte Kritik des Autors an den gesellschaftlichen Zuständen, die zu ändern auch die Literatur aufgerufen sei, wie er mal angemerkt hat. Miller bezieht den Akt des Schreibens mit ein in seine Sinnsuche, benutzt seinen provokanten Erzählstil als Analogie für ein anzustrebendes, von allen äußeren Zwängen befreites Leben des Individuums. In diesem Sinne sind auch seine bewusst drastischen sexuellen Schilderungen zu verstehen, sie sind ein radikales Mittel zur Entlarvung des lebensfeindlichen Wertesystems der puritanischen Gesellschaft seiner Heimat.

Sprachmächtig und gedankenreich führt Miller seine Leser in eine Welt ein, die als extrem abstoßende Subkultur die schlechtesten aller menschlichen Lebensumstände jener Zeit darstellt, ohne ihr je, als Gegenpol sozusagen, behaglichere gegenüber zu stellen. Damit verstärkt er bewusst deren ohnehin niederschmetternde Wirkung, verstört aber zugleich sicherlich auch manchen Leser, den das trostlose Milieu irgendwann mental doch allzu sehr niederdrückt. Überraschende Begegnungen mit Settembrini oder Molly Bloom, überhaupt eine üppige Intertextualität, wirkten da erfreulich aufhellend: «Verloren war ich wie einst, als ich im Schatten junger Mädchenblüte im Speisesaal jener riesigen Welt von Balbec saß und mir zum ersten Mal der tiefere Sinn jener inneren Stille aufging, die sich durch die Verbannung von Sicht- und Greifbarem äußert». Ein philosophischer Streifzug also durch die nihilistische Gedankenwelt eines unkonventionellen Autors, dessen zeitloser Roman ein Klassiker ist, den man gelesen haben sollte.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Leviathan

green-julien-1Ein Evergreen

Der 1929 erstmals erschienene Roman trägt als markanten Titel den Namen jenes mythologischen Meeresungeheuers, das in der Bibel bekanntlich gottfeindliche Mächte personifiziert. Leviathan ist, wen wundert’s also, deshalb nicht nur der Name auffallend vieler Kriegsschiffe, sondern findet sich auch häufig als Titel in der Literatur. Autoren wie Joseph Roth, Arno Schmidt und Thomas Hobbes mit seinem berühmten staatsphilosophischen Werk müssen da genannt werden, aber auch aus jüngerer Zeit das gleichnamige Theaterstück von Dea Loher. In Julien Greens Roman steht der Titel für Gottferne, mit einem unbenannten Provinznest in Frankreich als düsterem Handlungsort, in dessen unheilschwangerer Atmosphäre niemand eine glückliche Fügung erwarten kann, niemand eine Chance zu haben scheint.

Und so sind denn auch Greens Protagonisten allesamt schicksalhafte Figuren, deren Seelenleben bis in die äußersten Winkel durchleuchtet wird, wobei Unglaubliches zutage kommt. Wir lernen in Madame Londe eine herrschsüchtige Wirtin kennen, deren Obsession darin besteht, möglichst viel über ihre ausschließlich männlichen Gäste in Erfahrung zu bringen, einzig und allein, um eine gewisse Macht über sie zu erhalten. Als willige Spionin benutzt sie ihr blutjunges, ebenso hübsches wie naives Hausmädchen Angèle, die sie den Männern sexuell zur Verfügung stellt, ohne jeden Skrupel zwar, aber nicht des Geldes wegen, sondern um an Informationen über deren Privatleben zu gelangen. Seelisch nicht weniger verkorkst ist der linkische, schüchterne Hauslehrer Guerét, der überraschende Bösewicht des genial konstruierten Plots, und in der total verbitterten, kaltherzigen Mutter seines Privatschülers schlummert ebenfalls völlig unvorhersehbar ein glühendes Verlangen, das sie geradezu zwanghaft zur Komplizin eines gesuchten Mörders macht.

In weiten Teilen aus der Innensicht seiner Figuren erzählt, mit vielen inneren Monologen angereichert, entwickelt sich eine spannende Geschichte um Liebe der besonderen Art, nicht glückstrunken wie bei Romeo und Julia, sondern schwermütig und nichts Gutes verheißend, unabwendbar auf ein böses Ende hinführend. Die Schicksale der meisterhaft herausgearbeiteten Charaktere sind tragisch ineinander verwoben, sie haben von vornherein keine Chance, verirren sich in ihren seelischen Abgründen, zerstören sich selbst in oft sinnlosen Aktionen. Der Leser erlebt ambivalente Figuren in ausweglos erscheinenden Situationen, ein beklemmendes Drama menschlicher Schwächen und Seelenzustände, das aber nicht in eine Katharsis mündet, dessen Ausgang Julien Green bewusst offen lässt.

Kein leicht zu lesendes Buch mithin, natürlich auch kein froh stimmendes, aber ein Werk, das unter die Haut geht und den Leser unwillkürlich dazu zwingt, moralisch Stellung zu nehmen, von seiner erhabenen Warte herabzusteigen und sich selbst an dem zu messen, was ihm da an menschlichen Untiefen vorgeführt wird. Der französische Autor amerikanischer Abstammung wurde für seinen dritten Roman vom Feuilleton allenthalben überschwänglich gelobt, auch wenn, wie ich meine, der Lesespaß ein wenig zu kurz kommt bei dieser düsteren, schon fast depressiv machenden Thematik. Wen das nicht stört, der kommt voll auf seine Kosten, dieser immer wieder lesenswerte Roman ist genial erdacht und meisterhaft geschrieben, somit als gute Lektüre also absolut zeitlos. Völlig zu Recht könnte man deshalb sagen, wenn mir dies kleine Wortspiel mit dem Namen des Autors erlaubt ist: Ein Evergreen!

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Madame Bovary

flaubert-2Die Lust am Ehebruch

Emma, Anna und Effi heißen die drei großen Frauengestalten, die in den berühmten Romanen von Gustave Flaubert, Lew Tolstoi und Theodor Fontane als Ehebrecherinnen im Mittelpunkt stehen. «Madame Bovary», 1857 erstmals in Buchform erschienen, markiert dabei den Übergang vom romantischen Roman zum realistischen, eine literarische Zeitenwende. Wegen unmoralischer Verherrlichung des Ehebruchs wurde Flaubert denn auch prompt der Prozess gemacht, obwohl der beanstandete Vorabdruck in einer Zeitschrift bereits entsprechend zensiert war. Nach seinem Freispruch hat der Autor dem nun ungekürzt veröffentlichten Roman die Plädoyers von Staatsanwalt und Verteidiger sowie das Gerichtsurteil im Wortlaut beigefügt.

Die schöne Emma, aus einfachen, bäuerlichen Verhältnissen stammend, heiratet den farblosen Landarzt Charles Bovary, an dessen Seite sie sich ein besseres, aufregenderes Leben erhofft. Vergebens allerdings, der dröge, kleinbürgerliche Alltag ihrer Ehe bedrückt sie zunehmend, löst Depressionen bei ihr aus. In Léon, einem in der Nachbarschaft wohnenden Kanzleiangestellten, findet sich ein junger, wie sie selbst an Literatur und Musik interessierter Mann, der sie unbeholfen umschwärmt, ohne dass er sich traut, sich ihr zu nähern. Als er beruflich bedingt fortzieht, verfällt sie in einen hemmungslosen Kaufrausch, mit dem sie ihre unerfüllte Sehnsucht nach Liebe zu kompensieren sucht. Bis sie schließlich in Rodolphe, dem reichen Don Juan der Provinz mit eigenem Schloss, einen Liebhaber findet, mit dem sie sich in eine wilde Liaison stürzt. Als sie ihn zu Flucht überreden will, um der bedrückenden Enge ihres Lebens zu entfliehen, verlässt er sie kurzerhand. Im Theater von Rouen trifft sie einige Zeit danach Léon wieder, die Beiden beginnen eine heiße Affäre, die ihren Anfang in einer wahrlich meisterhaft erzählten Fiakerszene nimmt. Während die später im Hotelzimmer ausgelebte, anfangs hemmungslose Leidenschaft für Emma allmählich an Reiz verliert, nehmen zuhause die von ihr ausgelösten finanziellen Probleme immer bedrohlichere Ausmaße an. Als sie in äußerster Not Léon zu einer Straftat anstiften will, um der drohenden Pfändung zu entgehen, wendet Léon sich entsetzt von ihr ab. Verzweifelt nimmt Emma daraufhin Arsen und stirbt jämmerlich.

Die Vorliebe von Flaubert für seine «unmoralische» Thematik ist in seiner eigenen Biografie angelegt, er wusste aus leidvoller Erfahrung, wovon er schreibt. «Diese Moral brandmarkt die realistische Kunst, nicht weil sie Leidenschaften malt, […] sondern weil sie ohne Zügel malt, ohne Maß. Kunst ohne Regeln ist nicht mehr Kunst; das wäre wie eine Frau, die alle Kleider ablegt.» Auch wenn wir heute nur müde lächeln über diese Sätze aus dem staatsanwaltlichen Plädoyer, feiert Flaubert doch ziemlich unverhohlen den besonderen Reiz des Verbotenen in seinem Roman. Denn Emmas Leidenschaft speist sich zu einem nicht geringen Teil eben auch aus dem Tabubruch, den sie ganz bewusst begeht, eine insoweit hemmungslose Lebensgier, die sich partout keiner Moral beugt.

Fünf Jahre hat Flaubert an seinem Erstling gearbeitet, in seinem schier grenzenlosen Streben nach erzählerischer Perfektion ist ihm dabei ein Meisterwerk gelungen. Als personaler Erzähler enthält er sich aller Kommentare, beschreibt einprägsam und stimmig seine verschiedenen Figuren, erzählt mit viel Liebe zu Detail die wohldurchdachten Szenen seines Plots und überlässt seinen Lesern sämtliche Wertungen. Seine Sprache ist in Satzbau, Rhythmus und Wortwahl genial durchkomponiert, sie sucht als begeisternde Erzählkunst ihresgleichen bis in unsere Tage hinein. Dass Emma in ihrer Getriebenheit sozusagen mit dem Tode bestraft werden musste vom Autor, ist zweifellos auf die Entstehungszeit dieses großen Romans zurückzuführen, heutzutage könnte eine Selbstverwirklichung dieser Art, ein verzweifelter Ausbruch aus der als grausam empfundenen Mittelmäßigkeit, weniger moralinsauer durchaus auch anders enden, – damals undenkbar.

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser

Kassandra

wolf-1Mythischer Determinismus

Einem verpassten Flug nach Athen verdanken wir die Erzählung «Kassandra» von Christa Wolf, sie habe sich nämlich die Wartezeit lesend mit der «Orestie» des Aischylos verkürzt. Und sei dabei besonders von der Figur der Kassandra, Lieblingstochter des trojanischen Königs Priamos, beeindruckt gewesen. Von Apoll umworben und mit der Gabe einer Seherin beschenkt, wurde sie, als sie Apolls Liebe abwies, mit dem Fluch belegt, dass niemand je ihre Weissagungen glauben sollte. Eine Tragik, der sich Christa Wolf durch die DDR-Zensur damals wohl ganz ähnlich ausgesetzt sah, auf unbequeme Wahrheiten reagierten die Herrschenden auch mehr als zweieinhalbtausend Jahre später mit kleinlicher Zensur und nicht selten auch mit Repressalien. Die 1983 veröffentliche Erzählung wurde inhaltlich, zur Zeit des Nato-Doppelbeschlusses, in Ost und West gleichermaßen geschätzt als versteckte Mahnung an die Politik, wurde aber, des Mythos wegen ebenso wie der modernen sprachlichen Umsetzung des Stoffes, auch geschätzt von einem eher unpolitischen Bildungsbürgertum in beiden deutschen Staaten. Und so gehört diese Erzählung noch heute zu den meistgelesenen Büchern dieser hochgeehrten, trotz ihrer Courage aber nicht unumstrittenen Schriftstellerin.

Eine Nebenfigur aus Homers «Ilias» also dient der Autorin als Ich-Erzählerin, wir erleben das Ende des trojanischen Krieges aus der ebenso reizvollen wie ungewohnten Perspektive dieser als Kriegsbeute des Agamemnon verschleppten Königstochter. Auf dem Karren vor den Toren von Mykenae sitzend, den unmittelbar bevorstehenden Tod durch Klytaimnestra, Agamemnons rasend eifersüchtiger Frau, erhobenen Hauptes erwartend, zieht ihr Leben im Zeitraffer noch einmal an ihr vorbei. In Rückblenden erscheint sie als Prophetin der bevorstehenden Niederlage Trojas, als unbeirrbare Mahnerin im Rat von Troja, vom Vater in den Kerker gesperrt deswegen. Als Frau letztendlich ist sie hoffnungslos unterlegen in einem Patriarchat, in der nur der Held etwas gilt, die Frau hingegen wie ein Objekt angesehen und behandelt wird, da ist auch die Königstochter nicht von ausgenommen.

Ohne sich durch 15.693 Hexameter quälen zu müssen werden wir Leser hier geradezu kurzweilig durch die wesentlichen Geschehnisse eines Epos geführt, das zu den bedeutendsten Werken der Weltliteratur gehört. Hand aufs Herz, welcher Normalleser kennt schon alle diese Figuren, alle Hintergründe der ausufernden griechischen Mythologie, die Heldengestalten und die Verwandtschaftsverhältnisse der Götterwelt mitsamt den unzähligen Halbgöttern? Insoweit ist die Erzählung auch eine den Horizont erweiternde Lehrstunde der griechischen Antike, die ja das Fundament unserer europäischen Kultur bildet und deren Spuren sich tagtäglich finden, nicht nur in Begriffen wie dem Kassandraruf.

Kassandra ringt, wenn auch vergeblich, um Autonomie, versucht ihren eigenen Weg zu gehen, eine feministische Außenseiterin in der männerdominierten Gesellschaft Trojas. «Ich versuche, einen Raum zu erzeugen, in dem das Irrationale, wenn es Macht hat, wie in Kassandra […], durch, ja: humane Werte ein Gegengewicht bekommt», sagte Christa Wolf in einem Interview. Die Sprache, die sie findet für ihre Geschichte, ist wohltuend knapp, geradezu komprimiert, leicht und angenehm lesbar, zuweilen verblüffend direkt in einem heutigen, modernen Stil. Der nicht selten sogar leicht ironisch wirkt und damit durchaus auch zu amüsieren vermag. Ein Kontrast zur hochgestochenen, lyrischen Dichtung des homerischen Originals jedenfalls, der angenehm überrascht von der ersten Seite an. Die politischen Seitenhiebe auf die Stasi zum Beispiel, der ein gleichermaßen rigides Spitzelsystem in Troja entspricht, die Utopie einer zwangfreien sozialistischen Gesellschaft, die im Buch etwa dem entspricht, was Kassandra bei den Armen vor den Mauern Trojas findet, Christa Wolfs Themen sind geschickt verwoben in einer deterministischen Antikriegsgeschichte, die man gelesen haben sollte.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Luchterhand

Justine

durrell-1Genius Loci

Der britische Schriftsteller Lawrence Durrell fand mit dem Alexandria-Quartett erstmals weltweite Beachtung, vier unanhängig von einander zu lesende Romane, deren erster den Titel «Justine» trägt, sicher nicht zufällig auf das Hauptwerk des Marquis de Sade hinweisend. Nur dass hier eine Nymphomanin die Protagonistin ist, alles andere als ein Ausbund von Tugendhaftigkeit also. In dem 1957 erschienenen Roman spielt außerdem die ägyptische Hafenstadt Alexandria die Hauptrolle, der kosmopolitisch geprägte Autor hat in dieser levantinischen Metropole einige Jahre seines Lebens verbracht. Seine Erzählkunst wurde mit Proust und Joyce verglichen; niemand Geringerer als Walter Jens, aber auch das begeisterte englischsprachige Feuilleton, forderte den Nobelpreis für ihn. Das macht natürlich neugierig!

Der Ich-Erzähler lebt in Alexandria, ein erfolgloser Schriftsteller, der unter anderem als Sprachlehrer ein bescheidenes Einkommen erzielt. Als Ausländer verkehrt er mit vielen Intellektuellen, ist aber auch mit reichen Arabern gleichermaßen befreundet wie mit käuflichen Damen, ein kurioses Figuren-Ensemble mithin, dessen dreizehn wichtigste Mitglieder in einem ausführlichen Anhang unter Charakterbilder benannt sind, zusammen mit weiteren Marginalien. Er wird der Geliebte von Justine, der faszinierenden Frau eines steinreichen Bankiers, bei der Untreue die Normalität ist, nicht nur ihrem Ehemann, sondern auch dem Liebhaber gegenüber. Im Verlaufe der ausufernd erzählten Geschichte, thematisch üppig mäandernd wie das Nildelta, erfahren wir ziemlich beiläufig, dass Justine ein Kind hatte, das entführt wurde und nie wieder aufgefunden wurde, in einer kurzen Passage sucht sie es verzweifelt in einem Kinderbordell. Der entscheidende seelische Schock aber, auch das eher nebenbei erzählt, war für sie eine Vergewaltigung als blutjunges Mädchen, und paradoxerweise versucht sie dieses traumatische Erlebnis durch eine extensiv ausgelebte Promiskuität zu kompensieren, die alles andere als lebenslustig erscheint. Justine wird vielmehr als nachdenkliche, grüblerische Frau geschildert, deren Schlussfolgerungen man nicht trauen konnte, «weil sie ständig wechselten, niemals feststanden. Sie streute Erkenntnisse und Betrachtungen um sich her wie Blütenblätter».

Durrells Roman umkreist, konzentrischen Ringen gleich, in vier Teilen sein Kernthema, die Bindungskräfte zwischen den Menschen, die mit dem abgenutzten Begriff Liebe nur unzureichend benannt sind und den Tod als obligatorisches Element beinhalten. In einem endlosen Wechselspiel zwischen seinen rätselhaften Figuren und der geheimnisvollen Stadt, diesem Schmelztiegel am Grenzpunkt gleich dreier Kontinente, beschreibt er mysteriöse, albtraumartige, irrwitzige Geschehnisse, zwischen dem Jetzt und der Vergangenheit oszillierend. Wenn Walter Jens euphorisch Proust heranzog als Vergleich, ist damit schon viel gesagt über den sprachlichen Stil von Lawrence Durrell. Nur wenige Schriftsteller sind mir bisher begegnet, die ihre Protagonisten so präzise und eindringlich, ihr innerstes Wesen so stimmig und glaubwürdig beschrieben, ja geradezu fassbar gemacht haben. Und das Fluidum einer quirligen Stadt wie Alexandria mit ihren Türmen und Minaretten, mit ihrer Ehrfurcht heischenden Geschichte, wirkt zusätzlich ein auf die individuelle Persönlichkeit, «denn der Mensch ist nur eine Erweiterung des Genius Loci», wie Durrell schreibt.

Auch wenn die orientalisch üppige Erzählung ganz am Ende etwas Fahrt aufnimmt, fast spannend wird, ist «Justine» ein extrem handlungsarmer Roman, dessen Stärke die meisterhafte Erzählweise ist, bunt und vielfältig wie ein Bazar, sowohl lebensecht wie mysteriös, aufregend und besänftigend gleichzeitig. Eine kontemplative Lektüre, untrennbar mit Alexandria verbunden; für Genießer geeignet, die sich wohlig mitreißen lassen wollen in eine polyphone Welt, die zu traumartigen Reflexionen anregt. Chapeau, kann ich da nur sagen!

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Das Ungeheuer

mora-1On the Road mit Urne und Laptop

Dieser buchpreisgekrönte Roman wirkt polarisierend wie kaum ein zweiter, und das nicht nur wegen seines ungewöhnlichen Layouts. Welches so neu allerdings nicht ist, schon Arno Schmidt benutzte ja 1960 diese auch drucktechnisch realisierte, zweisträngige Erzählweise, in seinem Roman «KAFF auch Mare Crisium» nämlich. Zehn Jahre später, in «Zettels Traum» dann, wurde es bei ihm sogar dreisträngig. Während bei Schmidt diese Erzählstränge vielfach ineinander verwoben sind, fehlt bei «Das Ungeheuer» eine vergleichbare Intertextualität, es sind deshalb eigentlich zwei Bücher, die man da liest, eines oben auf der Seite und eines unten, beide durch einen Strich getrennt. Oben handelt es sich um eine im Stil eines Roadmovies erzählte, moderne Odyssee des lethargischen Romanhelden Darius Kopp, den Mora-Fans als IT-Spezialisten schon aus dem vorhergehenden Band «Der einzige Mann auf dem Kontinent» kennen, in der unteren Hälfte liest man fragmentarische Tagebucheinträge und wirre Notizen seiner manisch depressiven Ehefrau. Flora hat sich das Leben genommen, seitdem lebt Darius apathisch dahin, denn er hat zeitgleich auch noch seinen Job verloren. Auf ihrem Laptop findet er autobiografische Skizzen, in ihrer ungarischen Muttersprache verfasst. Er lässt sie übersetzen und begibt sich spontan auf eine Reise in ihre Heimat, um dort die Urne mit ihrer Asche zu bestatten, ein letzter Liebesdienst an seiner Frau, von der er wenig wusste, wie er nun erkennt. Entfremdung also ist das Generalthema dieses Romans.

Nach der für mich seinerzeit unerquicklichen Lektüre von Moras Roman-Erstling «Alle Tage» hätte ich dieses Buch wohl links liegen lassen, wäre da nicht der Buchpreis gewesen, der einen denn doch neugierig macht. Und so fand ich nun auch hier wieder das schon erwartete Panoptikum ziemlich seltsamer Figuren, von denen einem keine wirklich sympathisch wird, alle erscheinen seltsam distanziert und rätselhaft, mir jedenfalls. Die Situationen auf der chaotisch verlaufenden Osteuropa-Reise sind teilweise grotesk, es entfaltet sich ein sehr gekonnt erzählter, kunterbunter Bilderbogen an Eindrücken und Geschehnissen auf dieser schier endlosen Autofahrt, die man zu Recht als Fahrt ins Blaue bezeichnen könnte, deren Etappen jedenfalls weitgehend der Zufall bestimmt.

Immer wieder schwenkt die detailreiche Erzählung zwischen Realität und Imagination hin und her, wechselt die Perspektive vom Er- zum Ich-Erzähler, nicht selten sogar im gleichen Satz. Auch Flora taucht da plötzlich auf und redet mit Darius, ganz souverän wendet die Autorin in ihrem neuen Roman viele moderne Stilmittel an, der innere Dialog zum Beispiel, aber sehr häufig auch Bewusstseinsstrom und inneren Monolog, an den «Ulysses» von James Joyce erinnernd. Wagemutig gebraucht die Autorin durchgestrichene Wörter, Sätze ohne jedwede Interpunktion, ungarische Textstellen, Buchstabensalat á la J. S. Foer, psychiatrische Diagnosen, Medikamenten-Beipackzettel, ja sogar ein Kochrezept für ihren Romantext, und all das ist wohltuend unkonventionell, wie ich finde.

Thematischer Nährboden dieses Romans ist mithin der Kontrast zwischen dem technisierten, gnadenlos auf Effizienz getrimmten Leben des IT-Menschen Darius und Floras Lebensuntüchtigkeit, ihre sich zur Pein auswachsende Angst, das titelgebende «Ungeheuer» in ihr also, das sie in den Suizid getrieben hat. Mir wäre, um einen Begriff der IT-Branche zu benutzen, zwar eine sequenzielle Druckfolge lieber gewesen als die parallele, die Teresia Mora gewählt hat, aber ihrer Erzählweise kann der Leser mit Hilfe der Kapitelnummern auch so mühelos folgen, gleich zwei Lesebändchen helfen ihm dabei und deuten ja darauf hin, wie es gedacht ist. So mancher Leser dürfte sich freuen über eine nicht alltägliche Lektüre, die ihm womöglich sogar eine spürbare Erweiterung seines Lesehorizonts beschert.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Luchterhand

Alle Seelen

marias-1Ein Panoptikum mit viel Hintersinn

Wo er recht hat, hat er recht, unser Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki, und deshalb verzichtet auch kein Verlag auf jenen verkaufsträchtigen Satz, den auch mein Buchexemplar zitiert: «Begeistert bin ich von diesem Marías, ich glaube, das ist einer der größten im Augenblick lebenden Schriftsteller der Welt». Vor etlichen Jahren habe ich «Mein Herz so weiß» von Javier Marías gelesen, der als sein bester Roman gilt und mich seinerzeit begeistert hat. Deshalb war ich nun sehr gespannt, ob sein drei Jahre vorher erstmals erschienener Roman unter dem rätselhaften Titel «Alle Seelen», der auch mit dem Untertitel «Die Irren von Oxford» herausgebracht wurde, ebenso lesenswert ist. Was ich an dieser Stelle schon mal bejahen kann.

Das einzige, was mich stört an diesem Buch, um es vorweg zu sagen, ist die Art, wie die verschiedenen Verlage es anpreisen, sei es im Untertitel, der suggeriert, es gehe um schrullige britische Figuren in diesem Roman, im Coverfoto mit einer aufreizenden weiblichen Pose, die in der Erzählung kaum Entsprechung findet, oder im Klappentext, der die Liebesaffäre ins Zentrum rückt und mit einem Zitat aufwartet, in dem von «offener sexueller Bewunderung» die Rede ist. All das kommt auch vor, aber es ist beileibe nicht das, was diesen Roman ausmacht, worauf ja schon der Buchtitel «Alle Seelen» deutlich hinweist. Der Autor ist ein Könner im Beschreiben von Menschen, denen er in seinem Roman tief in die Seele schaut, ihr Innerstes offenlegt, ihr Wesen erfasst, sich also nicht nur mit ihrem Äußerlichen, Sichtbaren begnügt. Und er ist ein Meister im Erfinden unterschiedlichster Figuren, die für uns sehr lebendig werden in seinen Schilderungen, allesamt markante Individuen, die in großer Zahl auftreten in seinem literarischen Panoptikum. Es sind wahrlich skurrilen Typen darunter, von denen uns einige gleich zu Beginn bei einem «high table» genannten Essensritual an der Universität von Oxford vorgeführt werden, vom Autor allerdings satirisch ziemlich überzeichnet. Marías hat sich da wohl einiges von der Seele schreiben müssen aus seinen Erfahrungen im Umgang mit Spinnern, Genies und Exzentrikern verschiedenster Couleur während seiner Zeit als Dozent an dieser berühmten Uni.

Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt: Der Ich-Erzähler geht für zwei Jahre als Gastdozent für spanische Literatur nach Oxford (sic!) und bandelt schon bald mit seiner verheirateten Kollegin Clare an, von der er sich, das ist vorhersehbar, am Ende wird trennen müssen. Für ihn als Spanier ist und bleibt Oxford fremd und unwirtlich, sein Aufenthalt ist also nur ein berufliches Zwischenspiel, und seine Geliebte andererseits wird Mann, Kind und Oxford niemals verlassen. Eine Liaison auf Zeit also, auch wenn er das am Ende nicht wahrhaben will und versucht, ihr beim letzten Rendezvous eine gemeinsame Zukunft schmackhaft zu machen. Sie erzählt ihm daraufhin ein beklemmendes Erlebnis aus ihrer Kindheit, das sensiblen Lesern unter die Haut gehen dürfte. War in «Mein Herz so weiß» gleich zu Beginn der Selbstmord einer gerade erst von der Hochzeitsreise zurückgekehrten jungen Frau ein ziemlicher Schock, dessen Hintergründe dann in Rückblenden erzählt werden, so ist in Clares Erzählung ganz am Ende der ebenso überraschende Selbstmord ihrer Mutter der Schock. Von Marías sehr raffiniert konstruiert auch hier, denn Clare ist als kleines Kind völlig ahnungslos, als sie ihre Mutter vom Garten aus auf einer hohen Eisenbahnbrücke entdeckt und dann mit ansehen muss, wie sie sich hinunterstürzt in den Fluss. Auch dabei ging es um Ehebruch.

Die Stärken dieses Romans sind sein klug konstruierter Plot, seine wunderbar detailgenau beschriebenen Figuren, das universitäre Ambiente mit der Literatur im Mittelpunkt. Hinzu kommen viele kluge Gedanken philosophischer Art, so zum Beispiel auch Reflexionen über den Tod, die ein genialer emeritierter Professor äußert, – etwas vergleichbar Weises zu diesem permanent verdrängten Thema habe ich noch nie gelesen.

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Himmel und Hölle

stefansson-1Ein verlorenes Paradies?

Bestimmt liegt es am Klima der Insel, an der rauen Umgebung, an den harten Lebensbedingungen im Island vor etwa hundert Jahren, dass Menschen zu solchen urigen Typen geformt werden, wie Jón Kalman Stefánsson sie uns in seinem Roman vorstellt, sehr eigen jedenfalls, unverwechselbar, wahre Unikate der menschlichen Spezies. Für mich liegt die Stärke dieses Romans in der meisterhaften Figurenzeichnung, mit der es dem Autor gelingt, uns seine vielen Charaktere glaubhaft nahe zu bringen, uns vor allem ihr Innerstes, ihre Gedankenwelt, ja geradezu ihre Seele zu präsentieren. Protagonist der Geschichte ist ein namenlos bleibender junger Mann, «der Junge», wie er im Roman genannt wird, Jüngster in einer Gruppe von sechs Fischern, die aus ihrem Fjord im offenen Holzboot auf Dorschfang ins Polarmeer hinausrudern.

Die Substantive des Buchtitels finden sich in umgekehrter Reihenfolge im Roman wieder, der Leser erlebt also zunächst die «Hölle» im ersten Teil der Geschichte. Es ist eine äußerst realistisch geschilderte Fahrt zum Fischen, beginnend beim Aufstehen der kleinen Mannschaft mitten in der Nacht, spannend und detailreich beschrieben, ein für heutige Menschen unvorstellbar hartes Gewerbe, mit geradezu archaischen anmutenden einfachen Mitteln betrieben, das kaum so viel einbringt, um davon sein karges Leben bestreiten zu können. Der enge Freund «des Jungen» kommt dabei ums Leben, weil er vor dem Ablegen des Bootes unbedingt noch einen Blick in John Miltons Hauptwerk «Das verlorene Paradies» werfen muss, dessen Verse ihn geradezu verzaubern. Und so vergisst er in seiner literarischen Begeisterung, seinen wetterfesten Anorak mitzunehmen, was ihn das Leben kosten wird, ein heranziehender Sturm mit Schnee und eisigen Winden wird ihm zu Verhängnis. Literatur kann also zuweilen auch tödlich sein, zumindest indirekt! Dieses Motiv wiederholt sich sogar, an anderer Stelle wird eine Frau beim Lesen eines Buches vom Tode überrascht. Nebenbei bemerkt ist für Bücherwürmer ja eigentlich kaum eine idealere Art denkbar, diese Welt zu verlassen, wenn’s denn unbedingt sein muss.

«Der Junge» macht sich umgehend auf, das verhängnisvolle, nur ausgeliehene Buch seinem Eigentümer, einem erblindeten Kapitän, zurück zu bringen, danach will er nicht mehr weiterleben. Er denkt nur noch an Selbstmord nach dem Verlust des Freundes. Bei seinem nächtlichen Gewaltmarsch zum Nachbarort entgeht er nur knapp dem Kältetod, ist zeitweise im Delirium, welches der Autor als kurzen philosophischen Einschub dem zweiten Teil der Geschichte voranstellt. Der dann eher als «Himmel» bezeichnet werden könnte nach den kargen Maßstäben für das menschliche Wohlergehen, die der Leser im ersten Teil kennen gelernt hat. Auch hier im Dorf begegnet man wieder vielen Originalen, amüsant beschriebenen Figuren aus dem prallen Leben jedenfalls, einer skurriler als der andere. «Der Junge» aber gewinnt seinen Lebensmut zurück in dieser neuen Umgebung, denn als Fischer wird er nie mehr arbeiten, soviel steht fest für ihn. Und auch sein erfrorener Freund entschwindet am Ende aus seinen Fieberträumen, er wird ihm nicht ins Totenreich folgen.

Stefánsson erzählt seine nur wenige Tage dauernde Geschichte in einer eminent metaphernreichen, oft auch lyrischen Sprache, die den Leser regelrecht mitschwimmen lässt in einem Strom wohlgesetzter Worte, häufig als innerer Monolog und in wechselnden Tempora erzählt. In vielen kleinen, kunstvoll ineinander verwoben Episoden werden uns quicklebendige Figuren vorgestellt, und die grandiose Landschaft Islands ist anschaulich und gekonnt überall mit einbezogen in den Plot. Der Roman ist ein intensives Leseerlebnis für Leser mit Sinn für solch ein fremdartig anmutendes, karges Milieu, – ein verlorenes Paradies?

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Piper Verlag München

Tschick

herrndorf-2Urlaub vom Alltag

«Tschick» heißt der Roman, der 2010 den schriftstellerischen Durchbruch für Wolfgang Herrndorf brachte, mit Millionenauflage und lang anhaltender Platzierung auf den Bestsellerlisten. Die nach einem der beiden Protagonisten benannte Coming-of-Age-Story ist mit Jugendroman nur unzureichend klassifiziert. Was die Zielgruppe anbelangt, dürften die meisten der begeisterten Leser die Adoleszenzphase längst hinter sich haben, die Thematik dieses Romans geht andererseits aber auch weit über das für Jugendliche als Lesestoff so anziehend Abenteuerliche hinaus, sie bietet wenig Sensation und Action, wie sie reizüberflutete Kids heute nun einfach mal erwarten.

Der Plot ist kunstvoll aufgebaut und beginnt mit dem Ende einer Ausreißertour, die Maik und Tschick, zwei 14jährige Klassenkameraden aus ganz unterschiedlichem Milieu, während der großen Ferien spontan in einem gestohlenen Lada unternehmen. Ich-Erzähler Maik ist wohlstandsverwahrlost, oft sich selbst überlassen, die Mutter Alkoholikerin, der Vater Unternehmer hart am Rande des Bankrotts, er betrügt die Mutter ungeniert mit seiner jungen Assistentin. Tschick, aus einer russlanddeutschen Familie stammend, in prekären Verhältnissen in einem Plattenbau am Rande Berlins lebend, hat die Idee zur «Reise», er ist auch derjenige, der als geübter Autoknacker den Lada «besorgt». Beide werden als Außenseiter von den anderen Schülern ignoriert, sind nicht zu Tatjanas Geburtstagsparty eingeladen wie all die anderen, empfinden das als Demütigung und wollen nur noch weg. In die Walachei, zu seinem Opa, schlägt Tschick vor. In einer Rückschau wird von dieser odysseeartigen Reise während der großen Ferien berichtet, die etwa eine Woche dauert. Und die natürlich allerlei Überraschungen birgt, die Jungs immer wieder in haarsträubende Situationen bringt, wo sie nicht weiterwissen. Erstaunlicherweise finden sich aber auch fast immer Menschen, die helfen, die ganz OK sind. «Seit ich klein war, hat mein Vater mir beigebracht, das die Welt schlecht ist. […] Und vielleicht stimmte das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war».

Heraus aus dem Einflussbereich der Erwachsenen, die weite Reise ins Unbekannte, der Beengtheit des eigenen kleinen Welt entfliehen, das waren die Motive, die der Autor bei einer Rückbesinnung auf seine eigene Jugend fand als Auslöser für derartige Abenteuerlust, wie er in einem Interview erklärte. In einer wunderbar stimmigen Sprache hat er den Jargon der Jugend getroffen, ohne ins Vulgäre, Unverständliche abzugleiten. Er hat behutsam, fast unmerklich, sein tieferes Wissen in die naive Gedankenwelt von Maik einfließen lassen, andererseits dessen noch unverdaute Eindrücke und Erlebnisse ironisch in die Erzählung eingebaut – und erzeugt damit oft große Heiterkeit beim Leser. Denn meist sind es die Erwachsenen, die da eulenspiegelhaft vorgeführt werden und sich lächerlich machen. Ein guter Teil des Lesespaßes liegt darin, die Welt einmal aus dieser unverdorbenen Perspektive zu betrachten, auch lassen sich erstaunliche Erkenntnisse daraus gewinnen.

Mit Freundschaft, Liebe, Treue, Eifersucht, Hilfsbereitschaft, Ausgrenzung, Einsamkeit, Krankheit und Tod berührt der Roman viele Themenbereiche unseres Lebens, macht nachdenklich, auch wenn das turbulente Geschehen dominiert. Kein Wunder übrigens, dass eine Verfilmung schon in Arbeit ist, der Stoff schreit geradezu danach. Vieles im Roman entwickelt sich aus stimmigen Dialogen, wobei die lebensnahen Figuren allesamt sympathisch wirken. Diese positive Grundstimmung und der rasante Plot macht es dem Leser schwer, das Buch aus der Hand zu legen, ich jedenfalls habe es in einem Rutsch durchgelesen. Leichte Kost sicherlich, aber nicht niveaulos, Urlaub vom Alltag, um den Kopf mal frei zu bekommen von dem vielen Negativen, das medial pausenlos auf uns einwirkt.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Regeln des Tanzes

stangl-1Der Froschkönig-Impuls

«Sollte man alles, was gesagt wird, unter die Knute der Verständlichkeit zwingen»? fragt Niklas Luhmann, der große Sozialwissenschaftler. Aber sicher doch, würde ich antworten, denn Sprache dient nun mal der Verständigung, es ist ihr eigentlicher Zweck, wo sie unverständlich bleibt, ist sie zwecklos. Was mir noch nie passiert ist als Leser, hier war der Impuls fast übermächtig: Ich hätte das Buch nämlich öfter mal am liebsten gegen die Wand geworfen, so hat mich der Roman «Regeln des Tanzes» von Thomas Stangl frustriert beim Lesen, – um schließlich genervt zwar, aber doch brav durchzuhalten bis zum Schluss. Manchmal kommt da noch was, hofft man ja immer, hier aber leider vergebens.

Im Wien des Jahres 2000 haben «bösartige Gnome» die Macht im Lande übernommen, eine rechtslastige Koalition, die nebenbei auch einen Geburtsfehler der Europäischen Gemeinschaft aufgedeckt hat, denn einen Ausschluss oder ein Instrumentarium von wirksamen Sanktionen gegen einen politisch abgedrifteten Mitgliedsstaat sieht der Vertrag nicht vor. Zwei Studentinnen, die der Uni schon für eine Weile den Rücken gekehrt haben, Mona und ihre fast bis zum Schluss namenlos bleibende Schwester, bewohnen gemeinsam eine von der Mutter finanzierte Wohnung, aus der Mona plötzlich ohne Nachricht spurlos verschwindet. Sie hat sich den Demonstranten gegen die verhasste Regierung angeschlossen, irrt allein ziellos durch Wien, taucht mal hier mal dort in der Menge auf – einmal sieht die Schwester Mona sogar ganz kurz aus der Ferne – ehe sie wieder verschwindet. Es gelingt ihr schließlich, einem jungen Polizisten den Revolver zu stehlen, und sie bringt sich damit um. Andrea, ihre Schwester wendet sich später dem Butō zu, einem modernen japanischen Ausdruckstanz, sie tritt in Hinterzimmer-Theatern auf, bewegt sich in einem künstlerischen Untergrund von absoluten Außenseitern.

In einer zweiten Zeitebene der Jetztzeit begegnet uns der dritte Protagonist, Dr. Walter Steiner, ein alternder Kunsthistoriker im Ruhestand, gelegentlich noch als Gutachter tätig, der in gleicher Weise wie die beiden Schwestern ziellos dahin treibt, wie diese ratlos am Rande seiner eigenen Existenz zu stehen scheint, fast wortlos neben seiner Frau Pre her lebend, die ihn schließlich denn auch kommentarlos verlässt, um ihm später lapidar eine kurze Nachricht auf den Anrufbeantworter zu sprechen. Bei seinen ziellosen Streifzügen durch Wien findet er zufällig in einer Mauerspalte zwei Filmrollen mit Fotografien. Er lasst sie entwickeln und trifft mit Hilfe der Bilder nach langer Suche auf Andrea. Höhepunkt dieses wundersamen Plots ist dann ein gemeinsamer Auftritt der Beiden, bei dem ihm die Butōtänzerin die Kleider vom Leibe schneidet und ihm dann eine trockene Ganzkörperrasur angedeihen lässt, sein Geschlechtsteil eingeschlossen natürlich. Als das Licht angeht, erkennt er im peinlich hüstelnden Publikum unter den 23 Zuschauern Pre, seine Exfrau, eine mich unwillkürlich an Heinrich Manns «Professor Unrat» erinnernde Szene.

Was will mir der Autor sagen mit alldem, fragt sich der ratlose Leser, so er von meinem Schlage ist. Über weite Strecken in Form des Bewusstseinsstroms und ausschweifenden inneren Monologen erzählt, erzeugt Stangl, in einer allerdings klaren, unmanierierten Sprache, völlig verquere Zerrbilder einer Welt, die total kaputt zu sein scheint, in der nichts mehr stimmt und alles sinnlos geworden ist, in der sich seine beziehungsarmen Protagonisten folgerichtig auch nicht mehr zurechtfinden können. Alle drei, nicht nur die Selbstmörderin, erscheinen mir wie Psychopathen, die sich hilflos in einem vom Autor inszenierten Chaos bewegen, das leider völlig unglaubwürdig, weil regelrecht konstruiert ist. Ich war jedenfalls froh, diesem literarischen Alptraum nach knapp dreihundert Buchseiten glücklich entronnen zu sein, habe mir aber geschworen: Künftig werde ich den Wurf an die Wand praktizieren bei derart verkorksten Romanen.

Fazit: miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by btb Verlag

Die Akazie

simon-1Vom innersten Menschsein

«Romane, die das Schaffen eines Dichters und Malers mit tiefem Zeitbewusstsein in der Schilderung menschlicher Grundbedingungen vereinen» nannte, begründete (wie sie das laut Satzung zu tun, bekannt zu geben verpflichtet ist) die Schwedische Akademie ihre (für die Fachwelt 1985 ziemlich überraschende) Vergabe (Verleihung) des Nobelpreises für Literatur an den französischen Romancier Claude Simon (dessen Werk sich vornehmlich mit den Themen Geschichte und Krieg befasst (Letzteres aus eigenen Erfahrungen, die der Familie (speziell des Vaters) eingeschlossen): seine Themen würden in der Familiengeschichte wurzeln, hat er dazu angemerkt), jenem dem Nouveau Roman (so die Literaturwissenschaft) zuzurechnenden Autor, der hier nun, in dem Roman «Die Akazie», einem Titel, dessen Bedeutung (die mit der erzählten Geschichte nichts, rein gar nichts verbindet, die allenfalls (oder bestimmt) als Katharsis verstanden werden kann, darf) sich erst auf der letzten Seite erschließt, Simon also, der hier eine Art Totenklage, besser ein Lamento über den Krieg anstimmt, zieht dafür alle Register seiner Erzählkunst, wofür typisch eben jene mehrfach verschachtelten (mit zusätzlichen mehrfachen Klammern: an komplizierte mathematische Formeln erinnernd), immer wieder unterbrochenen Endlossätze sind, die der Rezensent hiermit frech (und unzureichend: zugegeben!) nachzuahmen versucht, um den potentiellen Leser nicht etwa abzuschrecken, zu warnen, sondern ihn lediglich (am Beispiel verdeutlicht) vorzubereiten (denn dafür liest man ja Buchbesprechungen, Kritiken) auf das, was auf ihn zukommt: solche sprachlichen Eigenarten nämlich, die durch das stilistische Können (des Autors), die feine Beobachtungsgabe (wie sie Malern nun mal eigen ist), das (sein) Gespür für die Dramatik von extremen Situationen wie dem Krieg, doch mehr als ausgeglichen werden (sofern man in solchen Kategorien überhaupt argumentieren kann: es geht ja um Kunst!), wodurch das Lesen immerhin bereichernd wird (auch mehr?), ein gewisses Durchhaltevermögen vorausgesetzt.

Zwei namenlose Figuren stehen im Mittelpunkt, Vater und Sohn, und dem entsprechen auch zwei Erzählzeiten, die ersten Monate der beiden großen Kriege des 20ten Jahrhunderts. Während der Vater als Kavallerist gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 fällt, überlebt der Sohn 1940, ebenfalls in der Kavallerie, die verheerende Niederlage der französischen Armee, kommt in Gefangenschaft, kann aber fliehen und sich nach Hause, in den unbesetzten Teil Frankreichs durchschlagen. In zwölf jeweils mit Jahreszahlen überschriebenen Kapiteln wird wechselweise die Lebensgeschichte beider Männer erzählt, wobei ihre Erlebnisse im Krieg durch viele ausgedehnte Rückblenden ergänzt werden, die tief in die eigene und in die Familiengeschichte zurückreichen.

Simon versucht nicht weniger als das Grauen des Krieges, die Ohnmacht des Menschen als Objekt historischer Ereignisse, das Unsagbare mittels Worten zum Existierenden werden zu lassen, wobei der Plot nebensächlich wird, zurücktritt hinter die im Blickpunkt stehende Intention. In unglaublicher Gedankenfülle werden Gefühle, Absichten, Empfindungen, Befürchtungen, Ängste sprachlich detailreich beschrieben, werden Geschehnisse, Situationen, Handlungsorte, Landschaften bildhaft dargestellt, immer wieder durch Zeitsprünge unterbrochen und ohne in eine stringente Handlung eingebunden zu sein. Die Orientierung wird ein wenig erleichtert mit gelegentlich eingestreuten Rückgriffen auf bereits Erzähltes.

Ein schwer zu lesender Text ohne Zweifel, vom Duktus her das Unfassbare unterstreichend, über das da äußerst facettenreich berichtet wird. Wer die Konzentration aufbringt, sich einzulesen in diesen tiefgründigen Antikriegsroman, der wird das Menschsein aus einer Perspektive erleben, die kaum jemand literarisch so intensiv aufgearbeitet hat wie Claude Simon, der uns hier auch beklemmende menschliche Urinstinkte vorführt.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Süddeutsche Zeitung München

Amerika

kafka-1Homo homini lupus

Manchmal erweist es sich als äußerst segensreich, wenn Nachlaßverwalter einen Wunsch des Verstorbenen ignorieren. Im vorliegenden Fall war es Max Brod, der mit einer posthumen Veröffentlichung vieler Werke seines Freundes Franz Kafka gegen dessen erklärten Willen gehandelt hat. Neben vielem Anderen wurden so auch die in der Reihenfolge ihres Entstehens aufgezählten drei Romane «Amerika», «Der Prozeß» und «Das Schloß» veröffentlicht. Ein Jammer, wenn dies nicht geschehen wäre! Ersterer wird heute auch unter dem Titel «Der Verschollene» verlegt, was zu dem Erzählten, wie ich es interpretiere, in der tatsächlich vorliegenden fragmentarischen Form keinesfalls besser passt als der von Brod gewählte Titel «Amerika».

Verschollen nämlich ist hier niemand, der tragische 17-jährige Held des Romans, Karl Roßmann, wird von seinen Eltern in die USA geschickt, weil er sich von einem doppelt so alten Dienstmädchen hat verführen lassen, die dann prompt auch schwanger wurde. Er wird also regelrecht abgeschoben von seinen Eltern, um als Auswanderer, wie schon so viele andere vor ihm, in der Neuen Welt sein Glück zu machen. Aber was er dann erlebt im «Land der unbegrenzten Möglichkeiten», das ist alles andere als Glück, er findet sich auf einer permanenten Abwärtsspirale wieder, seine Situation wird immer unerfreulicher und beklemmender, obwohl er sich als bescheidener, fleißiger und aufgeweckter junger Mann alle Mühe gibt, obwohl er sich für keinen Job zu schade ist.

Kafkas literarische Ausdrucksform, dieser typisch lakonische, rätselhafte und bedrohlich wirkende, aber glasklare Schreibstil erzeugt eine albtraumartige Stimmung beim Leser, der unwillkürlich mit dem Protagonisten mitfühlt, ungewollt tief hineingezogen wird in die Verstrickungen der Geschichte und ihrer traumatischen Wendungen. Der Held erscheint uns wie jemand, der ins Moor gefallen ist und nun durch jede seiner Bewegungen, mit denen er sich retten will, immer tiefer hinein sinkt. Dieses typische dem Unrecht und der Schikane ausgeliefert sein des gutwilligen Individuums, das sich ähnlich auch in den beiden anderen Romanen der Trilogie findet und hier wie dort zu gleichermaßen bedrohlichen wie grotesken Situationen führt, hat das sogar dudenwürdige Adjektiv kafkaesk entstehen lassen, dem Autor somit ein weiteres Denkmal setzend über sein Werk hinaus.

«Homo homini lupus», so hat der englische Philosoph Thomas Hobbes kurz und knapp in seiner berühmten Staatstheorie mit dem Titel «Leviathan» seine Prämisse formuliert, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. «Amerika» nun, – ich bleibe bewusst bei diesem Romantitel, weil er perfekt passt zu dieser Geschichte -, ist der schlagende Beweis für die Richtigkeit der These, sei es in der Fiktion dieses Romans oder in der heutigen Wirklichkeit eines Staates, dessen Rüpelhaftigkeit nicht nur durch den aktuellen Skandal um den US-Geheimdienst NSA demonstriert wird. Eine Nation, in der es mehr Schusswaffen gibt als Einwohner, genau deren raue Mentalität hat Kafka in seinem Roman gekonnt benutzt, um sein Thema zu verdeutlichen, er hätte sich keinen besseren Handlungsort aussuchen können. Bestens passend dazu ist die Schilderung der gigantischen Handelsfirma des reichen Onkels wie auch das nicht minder riesenhafte Hotel «Occidental», und die Krone dieser Monstrositäten ist im letzten Kapitel das «Naturtheater von Oklahoma», für das in einer ebenso kitschigen wie absurden Anwerbeveranstaltung massenhaft Leute gesucht werden. Mit hunderten Posaune blasenden Engeln und Teufeln am Eingang eine deutliche Metapher für das Jenseits, denn trotz aller Gespräche und Prüfungen steht eines vorab schon fest: Genommen wird jeder! Ein toller Roman für Leser, die Absurdes nicht irritiert, die den Faden der Handlung gerne selbst weiterspinnen und sich durch das Fragmentarische mit Wonne zu eigenen Gedankengängen inspirieren lassen möchten.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Anaconda

Die Verwirrungen des Zöglings Törless

musil-1Ein literarisches Labsal

24 Jahre vor seinem Opus magnum erschien 1906 Robert Musils Erstling «Die Verwirrungen des Zöglings Törleß», ein Bildungsroman der besonderen Art, denn anders als zum Beispiel in «Unterm Rad» von Hermann Hesse ist der Protagonist hier Täter und interessierter Beobachter, nicht Opfer. Schauplatz der Handlung ist ein österreichisches Konvikt zu Zeiten der Donau-Monarchie, von manchen Lesern als Kadettenanstalt gedeutet, was aber beides nicht so recht passt, denn weder sind Kirche und Religion hier Thema noch Militärisches, beides bildet auch nicht den Hintergrund der Erzählung. Was erstaunlich ist, denn Musils Erfolgsroman ist eine äußerst tief reichende, komplexe Beschreibung des Seelenlebens eines jungen Mannes in der Pubertät mit ihren entscheidenden geistig-seelische Umbrüchen, was ja durchaus eine religiöse Thematik darstellt. Auch Schulisches, das typische Leben von Pennälern im abgegrenzten Mikrokosmos eines Internats, ist hier nicht im Fokus, es geht um die Suche nach Identität, die bevorstehende Lösung vom Elternhaus, eine neue soziale Orientierung für den verwirrten Törleß.

Denn was dieser Jüngling erlebt ist zutiefst verstörend für ihn. Der Mitschüler Basini wird beim Stehlen erwischt von zwei anderen, die ihn daraufhin erpressen, er würde nämlich bei Bekanntwerden seiner Tat unnachsichtig aus der Anstalt gewiesen. Sie quälen und demütigen den Wehrlosen, und Törleß ist ein neugieriger Zuschauer, der das Geschehen ganz unemotional als Studie über Macht und Unterwerfung begreift, dann aber erlebt, wie der devote Mitschüler sich auch ihm sexuell anbietet und er zu seinem Erstaunen darauf eingeht. Später distanziert er sich angewidert von den beiden Peinigern, die soweit gehen, ihr Opfer von der ganzen Klasse verhöhnen und verprügeln zu lassen. Von Törleß gewarnt stellt sich Basini der Schulleitung, bevor er noch schlimmeren Quälereien ausgesetzt wird. Gleichzeitig verlässt Törleß im Zustande völliger Desorientierung unerlaubt das Konvikt, versucht nach seiner Rückkehr vergebens, einer Kommission der Schule seine innere Haltung zu erklären, und kehrt schließlich in den Schoß der Familie zurück.

Viele Abiturienten haben sich an diesem komplexen Roman schon abarbeiten müssen. Es gibt diverse Ansätze für seine Interpretation, zum Beispiel, dass hier offensichtlich Autobiografisches verarbeitet wurde vom Autor, auch die Dissertation von Musil wohl Pate stand, Törleß eine Vorfigur des Ulrich sei aus «Der Mann ohne Eigenschaften», geschichtlich folgende Ereignisse visionär vorgezeichnet wurden. Wahrlich verstörend ist die strikte Täterperspektive dieses Romans, für Törless ist Basini ein reines Forschungsobjekt zum Thema Macht und deren Anwendung, eine Haltung, die es dem nicht sadistischen Leser unmöglich machen dürfte, sich mit solch mitleidloser Romanfigur zu identifizieren. In dieser psychologischen Studie über die Faszination der Macht und die seelischen Untiefen des eigenen Seins ist deutliche Gesellschaftskritik enthalten, die zweifellos nicht nur für die k.u.k. Monarchie vergangener Zeiten gültig war, sondern auch heute noch vollinhaltlich berechtigt ist.

Anspruchsvolle Romane, und dies ist zweifellos einer, sind oft schwer lesbar, erfordern volle Konzentration. Dank der schnörkellosen, klaren Sprache Musils ist dieser Roman trotzdem flüssig zu lesen, wozu insbesondere auch eine lineare Erzählweise ohne aberwitzige Zeitsprünge und permanente Perspektivwechsel beiträgt. Insoweit war die Lektüre für mich persönlich eine wahre Labsal nach diversen hochaktuellen Romanen mit ihren modischen sprachlichen Mätzchen, die wohl oft nur davon ablenken sollen, dass ihre Autoren uns wenig oder gar nichts zu sagen haben. Musil hingegen hat uns sehr viel zu sagen, auch nach über hundert Jahren noch.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Pnin

nabokov-1Im falschen Zug

Wer bisher von Vladimir Nabokov nur die allseits bekannte Geschichte jener minderjährigen Femme fatale gelesen hat, dem sei auch die Lektüre von «Pnin» empfohlen, seinem etwa zur gleichen Zeit entstandenen Roman über einen schrulligen Professor. Wie so oft in der Literatur sind die Parallelen zwischen Autor und Held unübersehbar, beide sind russischer Herkunft, leben als Exilanten in den USA und üben den selben Beruf aus. Timofey Pnin lehrt Russisch an einem College, er ist als Romanfigur eher der Antiheld, ein Inbegriff dessen, was man als liebenswerten Kauz bezeichnen würde, aus einer anderen, längst vergangenen Welt stammend. Der «Don Quichotte» von Cervantes diente erklärtermaßen als Vorlage für diesen Roman, aber anders als der «Ritter von der traurigen Gestalt» wird Pnin nicht lächerlich gemacht und höhnisch dem Spott preisgegeben, so niederträchtig, hat Nabokov angemerkt, wollte er mit seinem Protagonisten nicht umgehen. Pnin erscheint am Ende eher als der Überlegene, ein in sich selbst ruhender, feinsinniger und blitzgescheiter Mensch, unbeirrbar optimistisch und gutmütig.

Der gelegentlich vorgebrachte Einwand, die in sieben Kapiteln erzählten, zusammenhanglos scheinenden Szenen aus dem Leben dieses Sonderlings könne man eigentlich nicht als klassischen Roman bezeichnen, ist wahrlich unbegründet. Das wird spätestens dann klar, wenn man den 60-seitigen Anhang der kommentierten Ausgabe mit seinen zahlreichen Hinweise zur Entstehung des Romans und die detaillierten Anmerkungen zu einzelnen Buchseiten gelesen hat. Anders als in Fachbüchern gibt es hier ja keine Fußnoten zum Text, man tut also gut daran, so man das fein verästelte Handlungsgeflecht komplett durchschauen und sämtliche assoziativen Feinheiten verstehen will, von Anfang an parallel auch jeweils diese vielen Hinweise und Erläuterungen mitzulesen.

Gleich zu Beginn erleben wir Professor Pnin in der Eisenbahn, auf dem Weg zu einem Vortrag. In seiner wundervoll treffsicheren Sprache lässt Nabokov diesen «älteren Reisenden» in seinem Zugabteil mit wenigen Sätzen geradezu greifbar vor uns entstehen. Um dann lapidar einen neuen Absatz mit den Worten zu beginnen: «Hier muss nun ein Geheimnis verraten werden. Professor Pnin befand sich im falschen Zug. Er wusste es nicht, und ahnungslos war auch der Schaffner …». Wir erleben Pnin als ein im hoffnungslosen Kampf mit seinem schlechten Englisch radebrechenden Dozenten für Russisch, als seine neue Bleibe «pninisierenden», kauzigen Untermieter, als trotteligen Exmann von Lisa, als liebevollen Vater, als belächeltes Mitglied in der Gemeinschaft der Exilrussen, als stolzen Hausbesitzer und freundlichen Gastgeber. Am Ende schließt sich der Kreis dieser sieben Episoden, denn wir erfahren im letzten Satz des Romans, dass Pnin nicht nur im falschen Zug saß, sondern sich, nach einer Odyssee glücklich doch noch am Reiseziel angekommen, für seinen Vortrag erhebt «und entdeckt, dass er das falsche Manuskript bei sich hat».

Tragik und Komik liegen nahe beieinander in dieser äußerst kunstvoll erzählten Geschichte mit ihren verschiedenartigen Motiven, einer reichhaltigen Symbolik und den subtilen Beziehungen ihrer Figuren, immer des Lesers Aufmerksamkeit beanspruchend durch viele Andeutungen und dezente Hinweise. Der von einem Missgeschick ins nächste stolpernde Pnin bringt den Leser oft zum Lachen, beobachtet wird er dabei von einem selbst in die Handlung eingreifenden Ich-Erzähler namens N. – hinter dem sich eindeutig aber nicht Nabokov selbst verbirgt, der sich vielmehr eher als Unheilsbringer erweist im Verlauf der Handlung. Humor mit Tiefgang erwartet den Leser dieses «Jahrhundertromans», wie ihn Marcel Reich-Ranicki überschwänglich bezeichnet hat, eine erfreuliche Lektüre mithin.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt