Dictator

Robert Harris lässt die Tage der untergehenden Republik lebendig werden, spannend wie ein Actionthriller, Cicero im Zentrum der Ereignisse. Und wir erleben, wie die politischen Institutionen eine nach der anderen zusammenstürzen.

Auch wenn Rom eine Adelsrepublik war, sie war eine Republik, in der die Gewalt geteilt war. Das sorgte dafür, dass niemand zuviel Macht bekam, dass Kompromisse geschlossen werden mussten.
Mit den Bürgerkriegen stürzte dieses System nach und nach zusammen. Und Cäsar war der große Totengräber, der die alleinige Macht an sich riss.

Wie ihm das gelang, das erleben wir im Buch. Und die Methoden ähneln denen unserer heutigen Populisten, egal ob rechts oder links. Den Plebs aufhetzen, die alten Institutionen lächerlich machen und zerstören, Menschen mit anderer Meinung verteufeln. Ihnen die Würde nehmen.

So ist ein bestürzend aktuelles Buch entstanden, spannend bis zur letzten Seite, das mich ratlos zurücklässt. Stehen wir heute in einer ähnlichen Entwicklung? Nur dass der Hass nicht auf dem Forum, sondern im Internet geschürt wird? Von Leuten, die keinerlei Hemmungen haben?

Das Buch ist Unterhaltung im besten Sinne, ich habe viel über den Untergang der römischen Republik gelernt und lange darüber nachgedacht. Eines der wenigen Bücher, die man so schnell nicht wieder vergisst.


Illustrated by ASKU-Presse Bad Nauheim, Heyne München

Marslanzen

Marslanzen ist ein politisches Buch. Es beschäftigt sich mit der deutschen Außenpolitik von 1991 bis in die Gegenwart gegenüber dem ehemaligen Jugoslawien. Dabei werden die Rolle des Staates und jene der Medien thematisiert und der Zustand der Demokratie in Deutschland betrachtet.

Für den Autor steht die deutsche Politik gegenüber Jugoslawien seit der Wiedervereinigung und der Wiedererlangung der vollen Souveränität in einer Kontinuität mit der Politik im Deutschen Kaiserreich und der Politik der Nationalsozialisten. In allen drei geschichtlichen Phasen folgte die Außenpolitik dem Grundsatz des „Teile und herrsche“. Seit 1991 habe die deutsche Politik darauf hingewirkt, den Zerfall des Vielvölkerstaates Jugoslawien zu forcieren und die Feindschaft unter den verschiedenen Völkern zu schüren, alle Unabhängigkeitsbewegungen – selbst die „nationalistische Mörderbande“ UCK im Kosovo – seien ermuntert und unterstützt worden. Dabei spart Dick nicht mit Polemik, wenn er z.B. den ehemaligen deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher als „Hitlers willigen Vollstrecker“ (S.140) oder den Kanzler Gerhard Schröder als „Kriegskanzler“ (S.101) bezeichnet.

Deutschland habe daran mitgewirkt, den Serben (Dick nennt sie „die Ersatzjuden Europas“, S.31) die alleinige Schuld für die Konflikte zwischen den Volksgruppen und der aufbrechenden Gewalt zuzuweisen und sich schließlich an einem Krieg gegen Serbien beteiligt, der gegen das Grundgesetz, den ZweiplusvierVertrag und internationales Recht verstoßen habe.

Europa, die Vision vieler fortschrittsgläubiger Demokraten seit 1945, ist für Dick nur noch „ein Koloss aus nationalen Egoismen, Phrasen und gefrorener Asche“ (S.139). In Vasallentreue stand Deutschland im Krieg gegen Serbien an der Seite der USA, einer „massenmörderischen Weltdiktatur“ (S.42), dessen Präsident „drei Dutzend regionale Tyrannen finanziert“ und sie kurzerhand „liquidiert“, wenn sie die Gefolgschaft aufkündigen. Was die USA heute sind, veranschaulicht Dick in einem Bild: „ Was Wunder, dass viele Leute überm Hafen von New York keine Freiheitsstatue mehr sehen…, sondern eine vermummte Terroristin, die uns allen mit einer monströsen Handgranate droht“ (S.42).
Nicht besser kommt die NATO in Dicks Beurteilung davon : Sie habe in Serbien „geschäftsmäßige Vernichtung“ betrieben (S.21), sei ein Bündnis „demokratisch drapierter Schurkenstaatler“ (S.38) und zeige in Angriffen auf Wehrlose „die Faschistenfratze des Natopacks“ (S.106).

Der Bruch mit dem außenpolitischen Grundsatz, sich nicht in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten einzumischen, und der Verstoß gegen Artikel 26 des Grundgesetzes, der die Führung eines Angriffskrieges verbietet, konnte von der sozialdemokratisch-grünen Regierung unter Schröder und Fischer nur vollzogen werden mit Unterstützung der Medien, meint Dick. Journalisten („Sudler vom Dienst“ S.52) halfen mit, die Menschen in einem Informationsmüll zu verblöden (S.30), deklarierten die Serben (mit „krimineller Energie“ S.31) zu Schuldigen und machten sich zum Handlanger des „Finanzkapitals“ (S.30) , ja der Autor geht so weit von einer „Mafia von Kapitalverbrechern, Politikern und Journalisten“ (S.32) zu sprechen.

Die Allianz von Finanzkapital, Staat und Medien bleibt laut Dick nicht ohne Wirkung. Folge ist eine „technokratisch organisierte Kollektivverblödung“ (S.40), eine „infame DesInformationsgesellschaft“ (S.73), die das deutsche Volk auf ein Niveau drückt, wie es im Faschismus vorherrschte: „ Ein paar Wochen Propaganda, und prompt steht sie wieder stramm zum Führer, die Einheitsfront: Das deutsche Volk erwartet… In Tateinheit von Militarismus und Moral“ (S.23). In einer solchermaßen militarisierten Gesellschaft werden Kriegsgegner als “Störenfriede“ und „Saboteure“ angesehen. Als zusätzliches Mittel, um das Volk auf die Seite des Krieges zu ziehen, diente der sozialdemokratisch-grünen Regierung dumpfer Nationalismus :“Grässliches ist über uns verhängt, wo Opposition und Regierung sich darin überbieten, den Millionen, die man derweil in die Armut reformiert, vaterländische Schnuller zwischen die Zähne zu pfulpen, orale Protestverhüterli: Ich liebe Deutschland!“ (S.108).

Im Dezember 2007 wurde Uwe Dick von Bayern Wissenschaftsminister Thomas Goppel (CSU) für sein Gesamtwerk mit dem Jean-Paul-Preis ausgezeichnet. Vor allem Dicks Sprachartistik, seine Spiele mit Worten und Assoziationen, sein satirischer Duktus fanden bei der Auswahljury Anklang. Seit seinem 26. Lebensjahr ist der Autor (geb. 1942) als freier Schriftsteller tätig, „Sauwaldprosa“ gilt als sein Hauptwerk. Manche halten Dicks Auftritte in Turnhallen, auf Kabarettbühnen und in Wirtshäusern für einzigartig, er sei, so heißt es, eben nicht nur Autor, sondern Performancekünstler, ein Sprachmusiker, der sich den Sinn für die Schönheiten der Sprache bewahrt habe. Vom deutschen Feuilleton werden seine Texte nicht rezensiert, Literatursendungen im Fernsehen ignorieren den Autor.

Ich muss zugeben: Mit fortschreitender Lektüre von „Marslanzen“ wuchs nicht etwa meine Begeisterung, sondern mein Missmut. Dicks Spiel mit Worten, die immer wieder eingeflochtenen Zitate im bayrischen Dialekt – das geht mit der Zeit auf die Nerven, weil das Spiel zum Selbstzweck wird und immer wieder die gleichen inhaltlichen Aussagen in anderer sprachlicher Form gemacht werden. „Unergründlich, die Wege der Worte. Unerfindlich den Snobs, die sich selbst und die Einsicht blockieren: Wortspiel ist Gedankenspiel…Was sollen diese Spielereien?! Sie sollen nicht, sie können…mit der Sprache das Bewusstsein ändern“ (S.119). Diesem selbst formulierten Anspruch kann Dick nicht gerecht werden. Es ist unterhaltsam und lustig, den Ausdruck „Hierarchie“ als „Hier schnarch i!“ präsentiert zu bekommen, „Deppokratie“ (Demokratie) oder „Untenhaltungsfaschismus“ (Unterhaltungsfaschismus) zu lesen oder im Untertitel des Buches „Vasallen recht sein muss“ sehr bald „Was allen recht sein muss“ zu entdecken. Aber Bewusstsein verändern können solche Spielchen sicher nicht und leider werden sie auch wenig dazu beitragen, dem erstrebenswerten Ziel näher zu kommen, eine Lebenspraxis zu erstreiten, „die gegen jede (sinnlose) Unterordnung rebelliert“ (S.112).


Genre: Humor und Satire
Illustrated by ASKU-Presse Bad Nauheim