Der Magier

maugham-3Hokuspokus

Mit dem Titel «Der Magier» des 1908 erschienenen Romans von William Somerset Maugham wird auf das Sujet schon ziemlich deutlich hingewiesen, spätestens der Untertitel «Ein parapsychologischer Roman» sollte dem potentiellen Leser aber klarmachen, hier geht es um Irrationales, Übersinnliches, was bekanntlich nicht jedermanns Sache ist. Mit Logik nämlich kommt man da nicht weit. Ich war also vorgewarnt, wollte einen derartigen Roman aber unbedingt auch mal lesen. Der im Zwanzigsten Jahrhundert zu den erfolgreichsten englischsprachigen Autoren zählende Maugham hatte einen ausgeprägten Instinkt für erzählenswerte Geschichten verschiedenster Thematik, und er hatte die Begabung, sie in publikumswirksamer Weise literarisch umzusetzen, wovon der vorliegende Roman zeugt, bei dem für den Magier der geistige Führer des okkulten Satanismus Aleister Crowley Vorbild war.

Die junge Engländerin Margaret, deren außergewöhnliche Schönheit der Autor immer wieder geradezu hymnisch beschreibt, verbringt vor der Hochzeit zwei Jahre in Paris bei ihrer Freundin Susie, um zeichnen zu lernen. Sie ist verlobt mit dem erfolgreichen Chirurgen Arthur Burton, der auch ihr Vormund ist. Als er sie dort besucht, lernen sie Oliver Haddo kennen, ein schriller Außenseiter, dem man magische Fähigkeiten nachsagt. Äußerlich abstoßend, unförmig dick, gekleidet wie ein Paradiesvogel, steinreich, weitgereist, dabei ungehobelt wirkend in seiner prahlerischen Art, die immer auch Bosheit durchschimmern lässt, fasziniert er anderseits seine Gesprächspartner auf magische Weise mit seinen abenteuerlichen Erzählungen, bei denen immer unklar bleibt, ob sie wahr sind oder frech erfunden. Besonders bei okkulten Themen, mit denen sich auch Arthurs älterer Freund Dr. Porhoët beschäftigt, erweisen sich seine Kenntnisse der historischen Quellen als schier unerschöpflich, er zieht seine Zuhörer in Bann mit den vielen Geschichten, die er darüber zu erzählen weiß. Margaret findet ihn widerlich und abstoßend, Artur als Vernunftmensch belächelt ihn nur. Gleichwohl, – nur Maugham gelingen solche aberwitzigen Wenden, verlässt Margaret ihn wenig später ohne ein Wort und heiratet Knall auf Fall, für alle unfassbar, nicht nur für die Leser, den abstoßend hässlichen und fetten Haddo, er hatte wohl durch geheimen Zauberkräfte Macht über sie bekommen. «Ein Teufel muss in ihren Körper gefahren sein» mutmaßt der völlig aus der Bahn geworfene Arthur.

Mit dieser überraschenden Wende zu Beginn des zehnten von insgesamt sechzehn Kapiteln nimmt der parapsychologische Roman ein wenig Schwung auf, die erste Hälfte setzt bei spiritistisch unterbelichteten Lesern wie mir unendliche Geduld voraus mit ihren immer wieder neuen, obskuren Geschichten. Offensichtlich hat der Autor gründlich recherchiert für sein Buch, als Laie wird man aber durch eine wahre Flut von Hokuspokus regelrecht zugeschüttet, ohne irgendeinen Gewinn davon zu haben. Nun gut, das ist sicher Geschmackssache! Im letzten Teil, in dem die arme Margaret dann ihr Leben lassen muss und Arthur alles dransetzt, Haddo das Handwerk zu legen, kommt Spannung auf, man erlebt sogar einen telekinetischen Mord. Wo sonst gibt es so was schon mal zu lesen – außer im Märchen? Der Showdown dann erinnert mit brennendem Herrenhaus im Hintergrund an Hollywood.

Auktorial erzählt in einer arabeskenreichen Sprache, die gleichwohl zielgerichtet ist, also linear und einsträngig, ohne Rückblenden, wird die Handlung weitgehend durch stimmige Dialoge erschlossen. Maughams Figuren sind einprägsam geschildert in einem für ihn typischen, zwischen England und Frankreich oszillierenden Milieu, zu dem der Five-o’clock-tea nun mal zwingend dazugehört. In der zweiten Hälfte des Plots wird man wie gesagt angenehmer unterhalten, bis dahin muss man sich eben irgendwie durchkämpfen, wenn man zu den rational veranlagten Lesern gehört, bei denen jede Fiktion auch ihre Grenzen hat. Aber genau zu denen gehöre ich halt!

Fazit: miserabel

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Genre: Roman
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Die schöne Frau Seidenman

szczypiorski-1Noch ist Polen nicht verloren

In der ehemaligen Dienstvilla des Kommandanten von Sachsenhausen befindet sich heute das «Haus Szczypiorski», eine Jugendbegegnungsstätte, die der polnisch/deutschen Aussöhnung dient. Damit wurde ein politisch engagierter, polnischer Schriftsteller geehrt, der als Jude am Warschauer Aufstand teilgenommen hatte und in diesem KZ interniert war. Sein Roman «Die schöne Frau Seidenman» ist sein bekanntestes Werk, es wurde 1984 in einem Exilverlag in Paris veröffentlicht, stieß allerdings in seiner Heimat auf Empörung. Denn was hier erzählt wird aus Warschau im Frühling des Kriegsjahres 1943, ist nicht nur für Deutsche unsäglich beschämend, es ist auch für Polen wenig schmeichelhaft.

Irma Seidenmann, 36jährige Witwe eines früh an Krebs verstorbenen Röntgenologen, kinderlos, schön, blond, blauäugig, ist Jüdin, hat sich aber durch ihr Aussehen und gefälschte Papiere bisher vor der Deportation schützen können. Bis der Denunziant Bronek, selbst Jude und Polizeispitzel, sie erkennt und als Jüdin meldet. Trotz perfekter Papiere übersteht sie nur mit viel Glück eine penible Untersuchung, und welches Räderwerk an Helfern daran beteiligt war, sie aus den Fängen der Nazis zu befreien, oft selbstlos und mit viel Courage, das bildet im Wesentlichen den Handlungsfaden für diesen Roman. In 21 Kapiteln, die sich schwerpunktmäßig mit allen diesen Figuren beschäftigen, schildert der Autor deren teils groteske Lebensumstände, bedingt durch die deutsche Besetzung dieses gedemütigten Landes. Da ist der Richter Romnicki, der Schneider Kujawski, die Freunde Pawelek und Henryk, die Nonne Schwester Weronika, der Rechtsanwalt Fichtelbaum, Irmas Nachbar, der Altphilologe Dr. Korda, der Eisenbahner Filipek, der Berufsbandit Wiktor, der schöne Lolo, Judenjäger und Erpresser, der Mathematiker Professor Winiar, der deutsch-polnische Johann Müller, wichtigster Helfer mit höchstem Risiko, schließlich der SS-Mann Stuckler, dem die schöne Frau Seidenman so glücklich entronnen ist. Wie ein Reigen sind die Geschichten dieser Figuren ineinander verwoben, und jede der Geschichten beleuchtet eine der vielen Facetten dieser furchtbaren Zeit.

In einer trotz der todernsten Thematik ironischen, gelegentlich sogar amüsierenden Sprache schildert Szczypiorski die politischen Verhältnisse in Warschau am Beispiel seiner liebevoll und stimmig beschriebenen Protagonisten, deren unterschiedliche Schicksale, die ganze Bandbreite der einfachen Bevölkerung umfassend, ebenso berührend sind wie spannend zu lesen. Die Menschen stehen bei ihm im Mittelpunkt, mit allen ihren Ängsten, Schwächen, Charakterfehlern, mit ihrer angesichts des täglichen Grauens verzweifelten Ratlosigkeit, bei der ihnen die Religion, ob jüdisch oder katholisch, auch nicht hilft, Gott schaut geflissentlich weg. Der auktoriale Erzähler springt zeitlich nicht nur zurück, er greift auch vor auf die Zukunft, erzählt vorab vom Tod oder dem späteren Schicksal seiner Figuren. Mit diesem relativ seltenen Stilmittel wird kunstvoll die Spannung erhöht, obwohl ja die erzählerische Gegenwart nicht abgeschlossen ist, die Figuren also noch weiter agieren. Viele Details der damaligen Lebenswirklichkeit schildert der Autor so wirklichkeitsnah und anschaulich, wie man sie in keinem Geschichtsbuch findet, insoweit ist seine Erzählung gleichermaßen als wichtiges Dokument der Zeitgeschichte anzusehen.

Während die Deutschen unter der «Die Tyrannei der Perfektion» stehen, auch was das Töten anbelangt, erfüllen die Kommunisten mit ihren «ideologischen Streitigkeiten, die in Todesurteilen endeten», den Autor mit Abscheu. Sein Patriotismus ist sehr skeptisch, seine Sicht der Nachkriegszeit nicht minder. «Noch ist Polen nicht verloren» ist Hymne und Devise für ein von der Geschichte gebeuteltes Volk, das sich nicht unterkriegen lässt. Der Roman beleuchtet klug und feinfühlig dessen innerste Bindekräfte, eine alles überwindende, tief empfundene Menschlichkeit. Unbedingt lesen, kann ich nur sagen!

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
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Du bist ich

aiken-1Im Prinzip Kitsch

Manchen Autoren ist es in die Wiege gelegt, schriftstellerisch tätig zu werden, bei Joan Aiken waren gleich beide Elternteile bekannte Schriftsteller, wen wundert es da, wenn sie schon als Kind anfing zu schreiben. Zu ihrem literarisch breit gefächerten Prosawerk mit mehr als sechzig veröffentlichten Büchern gehört neben vielen Erzählbänden auch der Roman «Deception» von 1987, in Deutschland unter dem Titel «Du bist Ich» mit dem Untertitel «Die Geschichte einer Täuschung» erschienen. Zu Joan Aikens Vorbildern gehörten die Brontë-Schwestern und insbesondere Jane Austen, allein fünf Fortsetzungsromane und einen abschließenden Ergänzungsband hat sie in deren Stil geschrieben. Und so fühlt man sich als Leser schon nach wenigen Seiten dieser zeitlich im frühen 19. Jahrhundert angesiedelten Geschichte, als lese man einen der typischen Romane aus jener literarischen Epoche, hier allerdings aus einer modernen Perspektive geschrieben, mit einem deutlich erkennbaren Distanziertheit also.

«Allen schreibenden Frauen in Vergangenheit und Gegenwart» sei dieser Roman zugeeignet, ist dem Roman als Widmung vorangestellt, und so hat denn auch prompt die junge Protagonistin Alvey schriftstellerische Ambitionen, sie schreibt an einem Roman. Die Mitschülerin Louise aus dem Mädchenpensionat, die ihr zum verwechseln ähnlich sieht, konfrontiert sie zum Schulabschluss mit einem ungewöhnlichen Vorschlag: Sie möge mit ihr die Identität wechseln, an ihrer Stelle auf das Landgut der Eltern zurückkehren, die Eltern hätten sie vier Jahre lang nicht gesehen und würden die Täuschung nicht bemerken. Ihren Lebenstraum, als Missionarin nach Übersee zu gehen, würden die Eltern unerbittlich ablehnen, deswegen habe sie diesen Plan entwickelt. Alvay, ohne familiäre Bindungen und mittellos einer ungewissen Zukunft entgegensehend, stimmt nach einigem Zögern zu.

Auf dem Landgut im äußersten Norden Englands findet sich Avey nun plötzlich in eine große Familie eingebunden, deren verzwickte, unheilvolle Situation durch die aberwitzigen Figuren selbst bedingt ist. Zum typischen Personal gehören der depressive Gutsbesitzer, dessen gefühlskalte Frau, die nur ihren Garten liebt, und viele Kinder, alle zusammen – jeder auf seine Art – schwierige Charaktere, verstockt, verschroben, einfältig. Das Familienleben dieser äußerst skurrilen Romanfiguren bildet im Wesentlichen den Stoff für eine turbulente Handlung, die kein Klischee auslässt, man kennt dergleichen als Leser zu Genüge. Alveys schriftstellerische Tätigkeit bildet darin einen fiktiven Rahmen, Joan Aiken bindet ihn als Nebenstrang immer wieder mit ein in den Plot. «Wie ist es anderen Menschen möglich» lässt sie an einer Stelle ihre Heldin zum Beispiel grübeln, «die Monotonie des täglichen Lebens auszuhalten, wenn sie keinen Roman im Kopf haben?» Und da auch dies, wie so vieles in diesem Roman, vorhersehbar ist, verrate ich hier kein Geheimnis: Natürlich wird Alveys Buch am Ende ein Riesenerfolg.

Ist dieser Roman also Kitsch, ein süßlicher Frauenroman mit vorhersehbaren Konstellationen, seinen bekannten Vorbildern entsprechend? Im Prinzip ja, könnte man mit Radio Eriwan sagen, aber seine Entstehungszeit ist eine andere und damit auch der Grundton, in dem er geschrieben ist. Die Rolle der Frau wird kritisch hinterfragt in der Figur der Alvey, sie ist nicht mehr automatisch für Heim und Herd bestimmt, kann sich selbst verwirklichen als erfolgreiche Autorin. Und ob sie je heiraten wird, ist ebenfalls nicht vorbestimmt für sie, daran verschwendet sie kaum einen Gedanken. Selbst das glückselige Landleben scheint nicht die einzig erstrebenswerte Lebensform zu sein, Alvey erlebt Newcastle als quirlige Stadt voller Leben und Wohlstand, geschichtsträchtig zudem bis in die Römerzeit zurückreichend. Dialogreich und stilistisch uninspiriert erzählt, bietet dieser Roman allenfalls für Genreleser ansprechende Unterhaltung, literarische Raffinesse findet sich hier ebenso wenig wie Kontemplatives.

Fazit: miserabel

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Genre: Roman
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Der talentierte Mr. Ripley

highsmith-1Wenn das Böse obsiegt

«Ich schreibe keine Kriminalromane» hat Patricia Highsmith kurz vor ihrem Tode gesagt, und so ist denn auch der 1955 erschienene Roman «Der talentierte Mr. Ripley» eher eine psychologische Studie. Der in nur sechs Monaten «wie von selbst» geschriebene Roman wurde 1960 erstmals verfilmt und 1961 unter dem Titel «Nur die Sonne war Zeuge» auch auf Deutsch herausgebracht, sein Erfolg führte später in größeren Abständen zu vier weiteren Romanen um den Helden Tom Ripley. Der letzte erschien 1991, in diesem Jahr stand Highsmith dann auch auf der Vorschlagsliste für den Nobelpreis. Die zweite Hälfte ihres Lebens in verschiedenen Ländern Europas lebend, war die amerikanische Autorin mit ihren insgesamt 22 Romanen und einer großen Anzahl anderer Werke in den USA weniger erfolgreich als in ihrer Wahlheimat. Ein wesentlicher Einfluss auf ihr Werk ist einem populärwissenschaftlichen Buch über Psychiatrie zuzuschreiben, das sie unter den Büchern der Eltern fand: « Es waren Fallgeschichten – Kleptomanen, Pyromanen, Serienmörder – praktisch alles, was mental falsch laufen konnte. […] Ich merkte, dass diese Leute äußerlich völlig normal aussahen und realisierte, dass ich von solchen Menschen umgeben sein könnte.» Das erklärt, warum im Mittelpunkt ihrer Romane nicht die Frage nach dem Täter steht, sondern nach seinem Motiv, nach versteckten Beweggründen für seine Tat und den äußeren Begleitumständen.

Tom Ripley, ein in prekären Verhältnissen lebender 25jähriger Mann, befreit sich durch zwei Morde und viel Talent aus seinem drögen Dasein. Er steht als Täter von vornherein fest, der Roman ist komplett aus seiner Perspektive erzählt, das Warum also steht im Vordergrund. Die Autorin befasst sich vornehmlich mit der Frage, was in ihm vorgeht, welche kriminelle Energie da offensichtlich ungebremst wirksam wird, allen Moralgesetzen, dem Freudschen Über-Ich, zum Trotz. Was macht einen bisher allenfalls kleinkriminellen Durchschnittsmenschen zum zweifachen Mörder, und wie gelingt es ihm innerlich, damit umzugehen?

Die Handlung ist in wenigen Worten erzählt: Tom reist im Auftrag des reichen Vaters seines ehemaligen Schulfreundes Richard Greenleave nach Italien. Der einzige Sohn des Werftbesitzers, mit monatlichen Schecks aus eigenem Vermögen bestens versorgt, dilettiert dort als Maler und führt ein bohemeartiges Leben. Tom soll ihn zu Rückkehr in die USA bewegen. Als das zu scheitern droht, bringt Tom kurz entschlossen Richard um, lässt die Leiche verschwinden, nimmt chamäleonartig dessen Identität an und beschließt, ab sofort ein schönes Leben zu führen, sich in anderen Kreisen zu bewegen. Als ein Freund ihm auf die Schliche zu kommen droht, wird auch der umgebracht. Was folgt ist ein trickreiches Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei, mit Richards Freundin Marge, dem Vater und Freunden von Richard.

Highsmith hat einen aberwitzigen, aber jederzeit nachvollziehbaren Plot konstruiert, der zu erheblichen Teilen als Bewusstseinsstrom erzählt wird, ein Stilmittel, mit dem sie Toms psychologisch interessante Beweggründe, samt Rechtfertigung jenseits aller Moral, meisterhaft herausarbeitet. Äußerst kunstvoll ist hier ein kriminalistisches Labyrinth angelegt, in dem der ebenso talentierte wie reuelose Held sich scheinbar mühelos bewegt, den Verfolgern immer einen entscheidenden Schritt voraus. Die Geschichte ist in einfacher, flüssig lesbarer Sprache geschrieben und entwickelt einen Sog, der den Leser mitreißt bis zum unkonventionellen Ende. En passant wird das Lesen auch zu einer Reise durch Italien, das Lokalkolorit ist jedenfalls treffend eingefangen, wahrlich geeignet mithin, Sehnsucht nach Bella Italia zu erzeugen. Der Mut der Autorin, sich auf die Seite des Bösen zu stellen, zumindest dessen Perspektive einzunehmen, ist lobenswert, weil unüblich. Und verblüffend ist, wie die Autorin es sogar fertig bringt, den braven Leser auf die Seite des amoralischen Protagonisten zu ziehen. Steckt ein wenig von ihm in uns allen?

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Der bunte Schleier

maugham-1In der ersten Reihe zweitklassiger Autoren?

Dieser 1925 erschienene Roman des britischen Schriftstellers folgte zehn Jahre nach seinem oft als sein bestes Werk bezeichneten Buch «Der Menschen Hörigkeit». Mit vielen Millionen verkauften Büchern war der auch als Theaterautor bekannte William Somerset Maugham einer der erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit, seinem ja auch nicht gerade erfolglosen Zeitgenossen Thomas Mann einiges voraus damit. Dass er sich selbst als zweitklassig sah, «in the very first row of second class writers», wie er das ziemlich sarkastisch, very british eben, selbst ausdrückte, steht nicht im Widerspruch zum Erfolg, denn hohe Auflagen sind und waren noch nie ein echtes Qualitätsmerkmal der Literatur. Dieser Selbsteinschätzung des Autors kann ich für «Der bunte Schleier» nur zustimmen, der Roman gehört wirklich nicht in die Kategorie literarisch hochstehender Werke. Was mich doch einigermaßen überrascht hat, denn die Lektüre des dem Alterswerk zuzurechnenden Romans «Auf Messers Schneide» habe ich als recht erfreulich in Erinnerung. Das als Titel für meine Rezension herangezogene generalisierende Zitat des Autors über seinen literarischen Rang habe ich deshalb vorsorglich mal mit einem Fragezeichen versehen.

Doch nun zu «Der bunte Schleier», eine Erzählung, die, wen wundert’s bei einem so weitgereisten Autor, nicht nur im Mutterland, sondern auch im kolonialen Außenbereich des britischen Empire spielt, in China. Erzählt wird die Geschichte einer schönen jungen Frau, die abweisend und hochmütig beinahe den richtigen Zeitpunkt zum Heiraten verpasst und dann in Panik kurz entschlossen dem Nächstbesten ihr Jawort gibt. Dabei gerät Kitty ausgerechnet an einen sterbenslangweiligen, merkwürdig gehemmten Bakteriologen, der sie vergöttert, für den sie aber rein gar nichts empfindet. Und es kommt, wie es kommen muss, sie hat eine leidenschaftliche Affäre, die nicht unentdeckt bleibt. Ihr Mann zwingt sie zur Entscheidung, der Liebhaber jedoch erweist sich als Feigling, und so folgt sie todunglücklich ihrem Mann, der in der chinesischen Provinz bei der Bekämpfung einer Cholera-Epidemie helfen will. In dieser fremden Welt reift die oberflächliche Frau, und ihre Wandelung bringt sie erstmals auch ihrem Mann näher. Ein klassischer Entwicklungsroman mithin, in dem Maugham als studierter Arzt seine medizinischen Kenntnisse ebenso einbringt wie seine Erfahrungen als viel gereister Geheimagent des britischen MI6 im Ersten Weltkrieg.

Es geht um die Liebe, den Sinn des Lebens und den Tod, um emotionale Konflikte und essentielle Lebenskrisen in diesem Roman, der, wie viele andere dieses Autors auch, schon mehrfach verfilmt wurde. Man kann ihn als interessante Charakterstudie sehen, in der die Heldin zusehends reift und als Mensch an innerer Stärke gewinnt, Profil bekommt. Sprachlich gehört der Roman zu den sehr flüssig zu lesenden Büchern, ohne deshalb seicht zu sein, leider wird er allerdings auch nicht gerade amüsant und leichtfüßig erzählt. Die Dialoge sind stimmig und oft überraschend prägnant, was ich als eine sehr erfreuliche Facette dieses Romans empfunden habe, und auch der Plot ist immer nachvollziehbar, mit seinen unerwarteten Wendungen zuweilen sogar spannend.

Die klug konstruierte Geschichte erweist sich im Rückblick aber nicht gerade als anregend, wird sie doch so umfassend und in allen ihren Aspekten abgehandelt, dass der Fantasie des Lesers kaum noch Spielraum bleibt zum Sinnieren und Weiterdenken. Und so wirkt die Lektüre auch nicht nach, wenn man das Buch ausgelesen hat, man kann sofort ein neues beginnen. Was ja eigentlich schade ist! Denn wie beim Wein den sogenannten Abgang, die Gaumenfreude am Nachgeschmack also, wenn die Flüssigkeit bereits die Kehle passiert hat, so schätze ich bei der Lektüre die Gedanken, die sich einem unwillkürlich aufdrängen und das Hirn noch lange beschäftigen, wenn man ein Buch längst weggelegt hat.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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Auf Messers Schneide

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Mit ironischem Unterton

Seinen geheimnisvollen Titel verdankt dieser dem Spätwerk des berühmten Autors zuzurechnende Roman den Upanishaden, frühen philosophisch-theologischen Texten des indischen Brahmanismus also, wo es heißt: «Schwer ist es, auf des Messers Schneide zu wandeln». Das deutet in der Tat schon auf das äußerst anspruchsvolle Thema dieses Buches hin, die Sinnsuche des Menschen nämlich oder, wie William Somerset Maugham seinen Helden Larry sagen lässt, als er gefragt wird, was er suche: «Die Antworten auf meine Fragen». Gibt es Gott, gibt es das Böse, ist mit meinem Tod alles zu Ende oder habe ich eine unsterbliche Seele? Isabel, seine Verlobte, hält ihm lapidar entgegen: «Wenn man sie beantworten könnte, dann wären sie bestimmt schon beantwortet».

Maugham ist ein begnadeter Erzähler, der sehr erfindungsreich Geschichten konstruieren kann, die den Leser zu fesseln vermögen. So auch hier, man folgt der Handlung fasziniert bis zur letzten Seite, auf der, einem Nachwort ähnlich, Fazit gezogen wird vom Autor, welcher hier übrigens leibhaftig als Ich-Erzähler fungiert, oft als geduldiger Gesprächspartner seiner verschiedenen Protagonisten auftretend. Es handelt sich dabei um recht illustre, geradezu prototypische Figuren, wobei Larry den Vogel abschießt, um es mal etwas flapsig auszudrücken, denn er widersetzt sich allen gesellschaftlichen Erwartungen an einen jungen Mann und begibt sich unbeirrbar auf einen alternativen Weg, der schnöde Mammon reizt ihn nicht im Geringsten. Grotesker Gegenentwurf dazu ist Elliott, reicher Onkel seiner Verlobten und exaltierter Snob, eine Inkarnation geradezu jenes Menschenschlages, man kann ihn sich typischer kaum vorstellen. Elliots Tod aber deckt dann schließlich auf, wie armselig im Grunde sein pompös zelebriertes Leben in der High Society war, wie schnell er dort vergessen ist. Maugham führt uns viele sehr liebevoll, fast greifbar geschilderte Figuren vor, deren Lebenswege sich immer wieder kreuzen, die kunstvoll ineinander verwoben sind. Alle suchen ihren Weg, straucheln zuweilen, erleiden Rückschläge, finden manchmal ihr Glück – oder das, was sie dafür halten, sie bewegen sich also auf Messers Schneide.

Der Autor erwähnt im Vorwort sein Problem, sich in die amerikanische Mentalität hinein zu versetzen, fast alle Protagonisten stammen aus den USA. Aber wie hätte er glaubwürdiger die Geldgier, den nimmersatten Materialismus seiner Figuren, dem Börsenmakler, der Dollarprinzessin, dem eitlen Snob, verdeutlichen können? Nach geistreich und schwungvoll erzählter Geschichte, öfter angereichert durch eine nicht unbeträchtliche Prise britischen Humors, macht Maugham seine Leser am Anfang des vorletzten Kapitels darauf aufmerksam, man könne dieses Kapitel sehr wohl überschlagen, ohne den Faden der Geschichte zu verlieren, ein Scherz natürlich. Denn hier nun erfährt der Leser in einem Gespräch, was dem Helden auf seinem Weg zur Erkenntnis, an Hesses «Siddhartha» erinnernd, widerfahren ist, welche Weisheiten er in Indien erlangt hat. Dort nämlich kam ihm nach langen Jahren der Meditation die Erleuchtung und hat ihm die Richtung gewiesen für sein weiteres Leben. Larrys Erzählung und Maughams skeptische Anmerkungen und entlarvende Fragen bei diesem finalen Gespräch sind tiefgehende philosophische Betrachtungen, die ohne Pathos und wissenschaftlich verbrämte Arroganz vorgebracht werden, angenehm zu lesen deshalb, für nachdenkliche Leute interessant obendrein, durchaus geeignet nämlich, die eigenen Gewissheiten listig zu hinterfragen, dabei sogar zum Nachjustieren derselben anzuregen.

Die Lektüre bewirkte bei mir zuweilen eine gewisse Ermüdung, sind doch (gefühlt) mehr als fünfzig Besuche in Restaurants, Cafés, Einladungen zum Tee oder Dinner minutiös geschildert in diesem Roman, ständig wird da irgendwo gegessen und getrunken. Abgesehen von solchen Längen ist die Geschichte beschwingt erzählt mit einem ironischen Unterton, der dem Ganzen eine gewisse Würze gibt.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Der Zahir

coelho-1Die unerträgliche Seichtigkeit des Scheins

Paulo-Coelho-Erstleser tun gut daran, sich vorab mit der Vita des erfolgreichen brasilianischen Autors vertraut zu machen, um zu wissen, worauf sie sich da einlassen. Erhellend wirken beispielsweise seine zweijährige Weltreise als Hippie, seine nicht weniger als drei Aufenthalte in einer psychiatrischen Anstalt inklusive Elektrokrampf-Therapie, sein auffallendes Interesse für die Hare-Krischna-Bewegung und ähnliches mehr. Gekrönt wird das alles von seiner Vision bei einem Besuch im Konzentrationslager Dachau, bei der ihm ein Mann erschienen sei, der ihm wenig später leibhaftig in Amsterdam begegnete und ihn zur Rückkehr zum katholischen Glauben überredet hat. Wofür er sich dann symbolträchtig auf den Pilgerweg nach Santiago de Compostela machte.

Kein Wunder, dass Coelhos häufig unübersehbar autobiografisch geprägte Bücher angefüllt sind von Symbolen, Metaphern, mystischen Zeichen und viel Hokuspokus, wobei «Der Zahir» vermutlich einen Höhepunkt des Esoterischen darstellt im Werk des Autors, soweit ich das beurteilen kann. In einfacher, schnörkelloser Sprache geschrieben, erleben wir in diesem Roman eine rastlose Suche des Ich-Erzählers, ein erfolgreicher Romanautor natürlich, nach wahrer Liebe, den Sinn des Lebens, richtiger Lebensweise und glückhafter Selbstverwirklichung. Auslöser dafür ist seine Frau Esther, tätig als Kriegsberichterstatterin, die ihn ohne jede Erklärung überraschend verlassen hat und fortan als «Zahir», als beherrschende Kraft, alle seine Gedanken und sein Tun steuert. Fernsteuert, müsste man richtiger sagen, denn sie hat sich in die öden Steppen Kasachstans zurückgezogen. Man ahnt zwar bald, wie das alles ausgeht, aber bis dahin muss sich der geduldige Leser durch viele Seiten mit belanglosem Geschwafel, unrealistischen Dialogen und unerträglichen Plattheiten quälen, auf denen das absurde Weltbild des Autors langatmig ausgebreitet wird.

Für seine Tagebuchskizze «In Stahlgewittern», in der Ernst Jünger Kampf, Blut und Grauen als Erlebnis feiert, wurde er zu Recht heftig kritisiert. Paulo Coelho zeigt uns mehr als acht Jahrzehnte später in seinem Roman, das solche den Krieg verherrlichenden Ideen noch lange nicht tot sind, nur im Krieg nämlich sei der Mensch Gott wirklich nahe! Und so gibt es in diesem Roman immer wieder das blutgetränkte Stückchen Stoff, herausgeschnitten aus dem Hemd eines im Kampf tödlich getroffenen Soldaten, mit dem Esther auf dessen Wunsch hin alle sich als würdig erweisenden Personen symbolträchtig versorgt, als mystisches Erkennungszeichen gewissermaßen. Es gibt noch mehr derartig unsäglicher Thesen und Fettnäpfchen, in die Coelho unverdrossen tappt, so wenn er seinen Protagonisten, unverkennbar ja sein Alter Ego im Roman, großspurig über sein Einkommen berichten lässt bei einem Tischgespräch, nur um ihn dann sagen lassen zu können, dass ihn diese fünf Millionen Dollar jährlich auch nicht glücklich machen. Er ist ein egozentrischer Macho durch und durch, erobert spielerisch und ohne jeden Widerstand die schönsten Frauen, wann immer er will, er geniest seine Rolle als Star der Literaturszene, den jeder kennt, dessen Bücher natürlich auch jeder gelesen hat, ein Applaus heischendes Motiv, das sich übrigens häufig wiederholt im Roman. Er spielt den Moralisten und verhält sich wie ein hemmungsloser Egoist, was nicht selten ja die bigotte Verhaltensweise von stark religiös orientierten Menschen ist. Man hat also einiges zu ertragen, wenn man diesen Roman liest!

«So viele Millionen Leser können nicht irren», suggerieren uns die Verlage, wenn sie ihre Bestseller anpreisen, und Coelho gehört selbstverständlich zu den Top Ten der Auflage-Millionäre. «Seid umschlungen, Millionen», kann ich da nur sagen, die ihr gutgläubig solchen Schwachsinn kauft – und die vielen wirklich guten Bücher allesamt ganz einfach links liegen lasst!

Fazit: miserabel

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Genre: Roman
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Der Koch

suter-1Geistige Schonkost, kein Feinschmeckermenu

Ich habe das Buch „Der Koch“ von Martin Suter erstaunt zur Seite gelegt und mich gefragt, warum ich bis zum Ende durchgehalten habe. Hoffnung hatte mir nach wenigen Seiten die süffisante Schilderung der Kundschaft eines Nobelrestaurants gemacht, gutsituierte ältere Herren verschiedenster Profession, alle in Begleitung ihrer „großen, dünnen, blonden zweiten Frauen“. Nach „Die dunkle Seite des Mondes“ hatte ich keine hohen Erwartungen an diesen Autor, aber auf das Thema Kulinarik war ich denn doch neugierig. Und man will ja auch jedem Autor seine Chance geben, vielleicht wird es am Ende doch noch interessant, unterhaltend oder gar spannend, also lese ich fast immer alles brav bis zum Ende. Leider kam nichts dergleichen, es blieb fade bis zur letzen Seite.

Gleich bei der ersten minutiösen Beschreibung eines der kulinarischen Meisterwerke des tamilischen Kochs und Protagonisten fragt man sich nach dem Sinn solcher Rezepte, die ja wohl weit jenseits des Erfahrungshorizontes fast aller Leser dieses Bestsellerautors liegen dürften. Und wer gar auf die Idee käme, Derartiges nachzukochen, scheitert unweigerlich an der Beschaffung der exotischen Zutaten, von den noch exotischeren Gerätschaften zu Herstellung solcher Kreationen ganz zu schweigen, wer hat denn schon einen ‚Rotationsverdampfer’ in seiner Küche? Den einen oder anderen Leser mag der Einblick in die Molekularküche vielleicht interessieren, für mich war es jedenfalls sterbenslangweilig.

Bei Suter beliebte Versatzstücke wie Politiker, Nobelrestaurants, Fünf-Sterne-Hotels, reiche Geschäftsleute und die begleitenden dienstbaren Geister des horizontalen Gewerbes, die üblichen Verdächtigen also, finden sich natürlich auch in diesem Buch, hinzu kommt hier die Problematik der Tamilen in der Schweiz, Waffenschiebereien, der Bürgerkrieg in Sri Lanka, sogar die Finanzkrise ist eingebaut. Mit diesen literarischen Zutaten und einfach strukturierten, kurzen Sätzen schreibt Suter offensichtlich für eine ganz spezifische Leserzielgruppe, für Leute, die schmökern wollen. Der Plot lässt kein Klischee aus und plätschert spannungslos seinem vorhersehbaren Ende entgegen, immer nach dem Motto ‚bloß keine Überraschungen’. Die Figuren bleiben allesamt seltsam farblos, man gewinnt keinen Zugang zu ihnen. Geistige Schonkost also, kein Feinschmeckermenü.

Schade eigentlich, denn als Nachttisch-Lektüre wäre das Buch durchaus geeignet, geht es doch um die vorgeblich aphrodisische Wirkung von raffiniert zubereiteten Speisen. Und so gelingt es dem Protagonisten zu Beginn des Buches denn auch auf Anhieb, mit einem solchen Menu seine attraktive Kollegin ins Bett zu kriegen. Wobei die sich am nächsten Tag auch noch als Lesbierin outet, was solch spezifisches „Love Food“ geradezu mystisch erhöht. Wer nach dieser Einführung ins Thema im Weiteren aber prickelnde Lektüre erwartet, wird bitter enttäuscht. Dieses Buch ist so unerotisch wie „Pippi Langstrumpf“, steriler geht es kaum. Als beim Happy End die Liebste ihren Koch beim Frühstück fragt, ob er denn so ein „Love Menu“ auch mal für sie kochen würde, lautet die lakonische Antwort: „Nie“. Das sagt wohl alles, über den Protagonisten wie über den Autor.

Fazit: miserabel

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Genre: Roman
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Die Frau auf der Treppe

schlink-1Reine Inhaltsliteratur

Bernhard Schlinks neuer Roman «Die Frau auf der Treppe» hat schnell Bestsellerstatus erreicht, ob er allerdings an seinen großen Erfolg «Der Vorleser» anknüpfen kann, bleibt abzuwarten. Denn dessen origineller Geschichte, die sich einst so trefflich zur Verfilmung eignete, steht hier nichts Vergleichbares gegenüber, nur der Titel des Romans wirkt geheimnisvoll und macht neugierig. Aber reicht das aus, einen Roman lesenswert zu machen, nicht nur reiner Zeitvertreib zu sein? Mitnichten, wird erkennen, wer den kurzen Roman gelesen hat, zum Lesegenuss gehört eben mehr als nur ein verheißungsvolles Sujet. Sprachliche Eleganz zum Beispiel, ein raffiniert aufgebauter Plot, eigene Reflexionen anregende Gedanken oder Geschehnisse, den Horizont erweiternd, den Leser inspirierend und bereichernd, literarische Imagination mithin. Von all dem kann hier nicht die Rede sein!

Vordergründig geht es um ein Gemälde, das sich im Titel dieses Romans widerspiegelt, wobei Gerhard Richters «Ema – Akt auf einer Treppe» dem Autor erklärtermaßen als Inspiration gedient hat. Irene, die nackte Frau auf diesem Bild, wird von drei Männern umworben, ihrem verlassenen Ehemann, der das Bild gekauft hat, dem derzeitigen Liebhaber, der es gemalt hat, und einem Rechtsanwalt, der den Maler vertritt beim erbitterten Streit um die Wahrnehmung seiner Rechte an dem Gemälde. Der verliebte Anwalt hilft Irene beim Diebstahl des Gemäldes, sie verschwindet damit spurlos, seine Hoffnungen auf ein gemeinsames Leben mit ihr bleiben unerfüllt. Vierzig Jahre später entdeckt er das Bild in einer Galerie in Australien und findet auch Irene wieder, die illegal in der Einsamkeit eines Naturschutzgebietes versteckt lebt und an einem Pankreaskarzinom im Endstadium leidet. Auch der Eigentümer des Bildes und der Maler tauchen schon bald dort auf, in einer Art Showdown wird nochmals ergebnislos um das Bild gestritten. Irene hat es der Galerie geschenkt, sie endet durch Selbstmord, nachdem sie mit dem Anwalt einem Buschbrand entkommen ist.

Schlinks drei männliche Hauptfiguren sind grotesk überzeichnete, egoistische Erfolgsmenschen. Der Ich-Erzähler, als Spießer im Luxus lebend, mit juristischer Bilderbuchkarriere und wenig bilderbuchartigem Familienleben, erfährt in der vor Klischees geradezu strotzenden Geschichte zuletzt eine an naive Bibelgeschichten erinnernde Läuterung. Der Maler ist zur höchstbezahlten Nummer Eins der Kunstwelt aufgestiegen, der Eigentümer des Gemäldes schwimmt als erfolgreicher Unternehmer ebenfalls im Geld. In einer Diskussion mit dem Maler über die politischen Bedrohungen der Zeit lässt ihn der Autor sagen: «Sie machen sich Sorgen wegen der Armen? Solange der Fernseher läuft und Bier auf dem Tisch steht, sind sie keine Bedrohung, und dafür langt es allemal». Es wimmelt von derartigen Plattitüden, die der Autor aber erkennbar ernst zu meinen scheint, eine Denkweise, die in diesem Kitschroman häufig vorkommt, ohne dass sich Anzeichen einer satirischen Überzeichnung dieser schablonenhaft gestalteten Figuren finden. Die übrigens allesamt ziemlich blass bleiben und weit davon entfernt sind, Empathie beim Leser zu wecken.

Sprachlich uninspiriert, mit einfachster Syntax und massentauglich begrenztem Wortschatz, wurde hier ein banaler Plot konstruiert, der sich allenfalls als Strandlektüre eignet. Die Leser werden darin vieles wiederfinden, was sie am Stammtisch schon ganz ähnlich gehört haben, der Autor übt sich als Möchtegern-Philosoph. Der sonst so geschwätzige Plot lässt vieles offen, Irenes kriminelle Taten zum Beispiel, deretwegen sie steckbrieflich gesucht wird, und über ihre Tochter erfahren wir ebenfalls nichts. Reiner Inhaltsliteratur, wie sie Schlinks Werke darstellen, verzeiht man derartige Konstruktionsfehler nicht. Und literarisch kompensieren lassen sich solche Mängel in einem Schundroman auch nicht, womit denn?

Fazit: miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Diogenes Zürich

Der Geliebte der Mutter

widmer-2Requiem für eine besessene Frau

Im umfangreichen und vielseitigen Œuvre des Schweizer Schriftstellers Urs Widmer ist die fiktionale Biografie «Der Geliebte der Mutter» erster Teil einer Trilogie, zu der auch «Das Buch des Vaters» und «Ein Leben als Zwerg» gehören, die allesamt zu seinen größten Erfolgen gerechnet werden. Es ist der Roman einer an Hörigkeit grenzenden, tragischen Leidenschaft der Mutter des Ich-Erzählers für einen berühmten Orchesterchef, der von manchen auch als Schlüsselroman für die reale Person des Dirigenten Paul Sacher gedeutet wird.

Als Klammer für den kurzen Roman dient der Tod des Dirigenten. «Heute ist der Geliebte meiner Mutter gestorben» lautet der erste Satz. Es folgt die Geschichte zweier Protagonisten, der kometenhafte Aufstieg des mittellosen, begabten jungen Edwin zum weltweit gefeierten Pultstar für moderne Musik, und parallel dazu und schicksalhaft damit verbunden der Niedergang der schönen und reichen Fabrikantentochter Clara, die verarmt in der Psychiatrie endet. Selbstlos hat sie die Karriere des von ihr grenzenlos geliebten Mannes gefördert, ihm bei der Gründung seines schnell prosperierenden jungen Orchesters geholfen. Eine unentgeltliche Tätigkeit als Mädchen für Alles, die von ihm aber niemals gebührend gewürdigt wird, er beachtet sie kaum, erwidert ihre Liebe nicht. Auf einer Konzertreise wird sie schließlich seine Geliebte, auch dies für ihn eher nebensächlich, ein unbedeutendes Techtelmechtel, mehr nicht. Als sie schwanger wird, verlangt er ganz selbstverständlich die Abtreibung. Beim Börsencrash 1929 verliert sie ihr ganzes Vermögen und muss fortan in ärmsten Verhältnissen leben, Edwin aber heiratet die reiche Erbin eines florierenden Unternehmens und wird der reichste Mann der Schweiz. Auch Clara heiratet irgendwann einen namenlos bleibenden und auch nicht weiter in Erscheinung tretenden Mann, wobei offen bleibt, ob er der Vater des Ich-Erzählers ist.

Wir haben es hier mit einer Art literarischem Requiem für eine liebeskranke Mutter zu tun, deren Besessenheit tragisch enden muss, deren stilles Aufbegehren in einem hilflosen «Ich kann nicht mehr» endet. Widmer schildert in einer angenehm dichten, leichtfüßigen Sprache den Lebensweg seiner beiden Figuren, verfolgt Claras italienische Herkunft bis zurück zu deren Urahnen. In einer urkomischen Szene wird ein Besuch des Duce auf dem Weingut der Familie geschildert. Hinreißend auch spiegelt der Autor in einem kurzen erzählerischen Wechselspiel das bescheidene Leben Claras in ihrem fast autarken Haushalt vor der Kulisse des Zweiten Weltkriegs: «So lebte sie. Hitler griff Russland an, und die Mutter setzte Zwiebeln. Hitler belagerte Moskau. Die Mutter riss Rüben aus. Rommels Panzer jagten die Panzer Montgomerys durch die Sahara. Die Mutter stand im Rauch eines Feuers, das alten Ästen den Garaus machte». In einem amüsanten Einschub wird von Claras Wiedersehen mit Edwins Freund erzählt, der auf einer Reise durch die Südsee vom Krieg überrascht wurde und in Bali gestrandet ist, wo er kurz entschlossen eine Inselschönheit heiratete. Clara trifft die Beiden nach dem Krieg ganz profan am Wäschestand in einem Kaufhaus.

«Die Geschichte ist erzählt» heißt es am Ende. Der nun plötzlich leibhaftig auftretende Ich-Erzähler trifft im Museum den greisen Dirigenten. Auf seine Frage: «Warum haben Sie Clara gezwungen, ihr Kind abzutreiben» entgegnet Edwin: «Ich zwinge keine Frauen zu nichts. Nie. Ich habe vier Kinder». Er leugnet jede Verantwortung: «Wenn Ihre Geschichte stimmen würde», rief er kichernd, «da wären Sie ja mein Sohn», und verschwand. In einer TV-Sondersendung zum Ableben Edwins schließlich sah der Sohn Archivmaterial aus dessen Leben, und bei einem Schwenk ins Publikum, in der Mitte des Balkons, «einen Schatten, der meine Mutter sein mochte». Diese berührende Geschichte ist nüchtern und zielgerichtet, ohne jedes Pathos erzählt, sie wirkt gerade dadurch besonders lange nach. Ganz ohne Zweifel ein rundum gelungener Roman!

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Die Ballade vom traurigen Café

mccullers-1Die Parabel von den drei Krüppeln

Mit der 1951 erstmals in Buchform herausgegebenen Novelle «Die Ballade vom traurigen Café» hat die aus den Südstaaten stammende US-amerikanische Schriftstellerin Carson McCullers ein Werk geschrieben, das in der literarischen Fachwelt als ihr bedeutendstes angesehen wird. Vom Format her unwillkürlich an ein Gesangsbuch erinnernd, macht das schmale Büchlein schon rein äußerlich deutlich, dass es sich dabei um eine hoch verdichtete Prosa handeln muss. Und tatsächlich bestätigt sich dem Leser dieser erste Eindruck schon nach wenigen Seiten. Geradezu idealtypisch für die literarische Gattung wird hier eine in sich geschlossene Geschichte in straffer Form und in einem einsträngigen Plot erzählt, die Story treibt überdies deutlich erkennbar auf einen finalen Kulminationspunkt zu.

«Die Stadt selbst ist trostlos; da ist nicht viel außer der Baumwollspinnerei, den zweiräumigen Hütten für die Arbeiter, ein paar Pfirsichbäumen, einer Kirche mit zwei bunten Glasfenstern und einer schäbigen Hauptstraße von knapp hundert Metern Länge» lautet der erste Satz. An Faulkner erinnernd wird hier eine typische Kleinstadt in den Südstaaten beschrieben. Im Mittelpunkt steht Miss Amelia, eine maskuline Frau, die nicht nur von der stattlichen Körpergröße her alle überragt. Sie betreibt einen Kaufladen, ist überaus tüchtig, scheinbar auch ziemlich reich, aber geizig. Ihre Ehe mit dem kriminellen Tunichtgut Marvin dauert nur zehn Tage, dann wirft sie ihn aus dem Haus. Eines Tages taucht plötzlich ein zerlumpter Buckliger auf, der sich als ihr Cousin ausgibt. Das sonst so resolute, unnahbare Mannweib entwickelt ganz allmählich ein liebevolles Verhältnis zu ihm, und ihm zuliebe wandelt sie auch ihren Laden in ein Café um, das schnell zur einzigen Attraktion der armseligen Kleinstadt wird. Als aber Marvin nach langer Haftstrafe aus dem Gefängnis entlassen wird, bahnt sich eine Katastrophe an.

McCullers autobiografisch geprägter Existentialismus findet in dieser schwermütigen Novelle seinen Ausdruck einerseits in den einseitigen, unerfüllten Liebesbeziehungen der drei Protagonisten, andererseits aber auch in der erfolglosen Identitätssuche und der unheilvollen Isolation ihrer Figuren, eine Folge von deren wahrhaft beklemmenden Sprachlosigkeit. Die Hauptfiguren sind alle drei abnorm, Miss Amelia ist gefühlsmäßig verkrüppelt, der bucklige Cousin körperlich und Marvin charakterlich. Diverse Nebenfiguren bevölkern als skurrile Gestalten das Café, sie treten zumeist aber als schweigende Zaungäste auf. Die Autorin beschreibt ihre Figuren wenig empathisch, fast distanziert, und sie erzählt in einer Sprache, der jede feminine Note abgeht, die klar und sachlich, aber in keiner Weise elegant ist. Ein Duktus übrigens, die mich unwillkürlich an Märchen erinnert hat mit ihrer leicht nachvollziehbaren, sequenziellen Erzählweise, die in dieser Novelle zuweilen sogar poetisch ist, aber sprachlich uninspiriert bleibt, konsequent zielgerichtet eben und sehr sparsam gestaltet.

Zweifellos gehört Carson McCullers zu den großen Südstaaten-Schriftstellern. Heinrich Böll hat, wie uns der Klappentext verrät, über sie geäußert: «Bleibt die McCullers nicht eine große Autorin, auch wenn ihre Bücher kaum gekauft werden? Ich könnte mir vorstellen, dass jeder soeben geborene Leser, wenn er erst einmal fünfzehn Jahre geworden ist, sich eines ihrer Bücher aus dem Ramschkasten fischt und bei der Lektüre vom Fieber ergriffen wird». Nun bin ich zwar ein großer Böll-Verehrer, muss ihm hier aber die Gefolgschaft verweigern. Fieber hat mich wahrlich nicht ergriffen bei dieser Lektüre, dafür war mir der Text zu holzschnittartig, der Plot zu simpel konstruiert, das Ganze zu sehr als Parabel angelegt. Vielleicht ist diese Novelle ein Klassiker, aber einer, den man ehrfürchtig zur Hand nimmt und dann ernüchtert wieder weg legt.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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Das Herz ist ein einsamer Jäger

mccullers-2Mit literarischem Widerhall

Im überschaubar kleinen Werk der früh verstorbenen US-amerikanischen Schriftstellerin Carson McCullers markiert gleich ihr 1940 erschienener Debütroman «Das Herz ist ein einsamer Jäger» den Durchbruch zum Erfolg. Sie gehört zu den typischen Südstaaten-Autoren, deren Schauplätze von flirrender Hitze und armseligen Hütten geprägt sind, dem jeweiligen Sujet damit ein charakteristisches, stets präsentes Bewusstsein von Ort und Zeit unterlegend. Eine unverkennbar autobiografische Prägung findet sich ebenfalls in diesem frühen Roman, mit Themen wie einseitige Liebe, seelische Einsamkeit, Krankheit, körperliche Behinderung, und auch die Musik wird hier als sinnstiftend gezeigt, wie die Autorin selbst will eine ihrer Figuren Pianistin werden, scheitert aber an den äußeren Umständen. Schwermut allenthalben, kein heiterer Lesestoff also, aber eine zu Herzen gehende Darstellung der Absurdität menschlichen Daseins und der Bemühungen des Einzelnen, der beklemmenden Realität entgegenzuwirken.

Mit einem raffinierten Kunstgriff stellt die Autorin den taubstummen Mr. Singer ins Zentrum ihres Figurenensembles, die solcherart personifizierte Sprachlosigkeit manifestiert überdeutlich das Thema der mangelhaften menschlichen Kommunikation in ihrer Geschichte. Singer wohnt geradezu symbiotisch mit einem taubstummen Griechen zusammen, der aber verhaltensauffällig wird und dessen Vetter ihn dann aus Angst vor finanziellen Schäden, für die er aufkommen müsste, ins Irrenhaus bringt. Um den nun einsamen Singer scharen sich mit der Zeit Menschen, die ihn, der alles von den Lippen ablesen kann, als geduldigen und klugen Zuhörer schätzen, er bekommt den Status eines Weisen, um den sich diverse Mythen ranken.

Zu seinen Freunden zählt der Wirt Brannon, in dessen Café New York er täglich seine Mahlzeiten einnimmt und der nach dem Tode seiner Frau in eine seelische Leere fällt, in der sich sein Leben in schablonenhaften Abläufen nur noch in seinem Lokal abspielt. Ganz im Innersten ist bei ihm anfangs noch eine vage Sehnsucht, die Mick gilt, einem jungen Mädchen in der Pubertät, deren Einbindung in familiäre Pflichten ihrer grenzenlosen Liebe zu Musik gegenübersteht und letztendlich alle diesbezüglichen Träume scheitern lässt. Mit dem Marxisten Blount verkehrt ein versoffener Idealist in dem Café, der ebenso vergeblich gegen die schreiende Ungerechtigkeit im rigiden kapitalistischen System der USA anpredigt wie der farbige Arzt Copeland gegen die skandalöse Rassendiskriminierung. Sie alle finden sich mit ihren Problemen einzig von Singer verstanden, worin angesichts dessen Behinderung als Taubstummer ein Paradoxon zu bestehen scheint, aber nur wer geduldig zuhört, kaum mal antwortet, auch nie widerspricht, ist ein wohlgelittener, angenehmer Gesprächspartner. Als Singer Suizid begeht, nachdem er vom Tode seines griechischen Freundes erfährt, endet der Roman im dritten, epilogartigen Teil unter dem Datum 23. September 1939 wunderbar stimmig mit einem Ausblick auf das weitere Schicksal der vier übriggebliebenen Protagonisten.

Mit seiner existentialistischen Ausrichtung stellt dieser Roman eine mehr als harsche Kritik an der US-amerikanischen Gesellschaft in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts dar, geradezu ein Fanal gesellschaftlicher Ungerechtigkeit. Leider aber nicht auch gegen den Waffenwahn, wie mir auffiel, denn ungerührt wird ein Vorfall geschildert, bei dem ein kleiner Junge mit einer scharfen Waffe spielend ein Nachbarmädchen beinahe totschießt, es fehlten nur Millimeter, – im Roman ein Dummejungenstreich wie bei uns das Einschießen einer Fensterscheibe mit dem Fußball, «business as usual» sozusagen! Abgesehen davon ist dieser elegische Roman ein Fest für einfühlsame Leser, die am Ende tief betroffen vom Einblick in die innere Welt der Figuren das Buch zuklappen. Mit reichlich Stoff zum Nachdenken versehen allerdings, und genau dieser Widerhall macht ja Literatur so einmalig unter den Künsten!

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Memento Mori

spark-1Ein Denkanstoß

Der deskriptive Titel «Memento Mori» weist lateinkundige Leser sogleich unverkennbar auf die ziemlich spezielle Thematik von Muriel Sparks 1960 erschienen Roman hin: «Denke daran, dass du sterben musst». Die in Schottland geborene Schriftstellerin löste mit diesem frühen Werk einst eine Kontroverse innerhalb des Feuilletons aus. Kann man, darf man, wurde da gefragt, Alter, Sterben und Tod, diese Zumutung für eine vernunftbegabte Menschheit, so locker und ironisch als Groteske darstellen? Man darf! Und seither wurde Muriel Spark als wichtige Autorin von Rang angesehen, nicht nur im englischsprachigen Raum. 1993 wurde ihr der Titel «Dame» des Order of the British Empire verliehen, die Liste aller ihrer Preise und Ehrungen ist imposant.

«Alter schützt vor Torheit nicht» könnte man dem Roman als Motto voranstellen, und vor Bosheit erst recht nicht, muss man hinzufügen. Drei alte Sünder sind die Protagonisten, Godfrey, seine Frau Charmian und seine Schwester Lettie, alle jenseits der siebzig, um sie herum ein illustres Völkchen der gleichen Altersklasse, die sich an Kuriosität gegenseitig zu übertreffen scheinen. Äußerer Rahmen für die Handlung sind mysteriöse Telefonanrufe, bei denen ein anonymer Anrufer immer wieder «Denken Sie daran, dass sie sterben müssen» sagt und dann auflegt. Die Frage, wer dahintersteckt, wird übermächtig, als neben Lettie, die als erste damit belästigt wurde, immer mehr der Senioren solche Anrufe erhalten, aber weder die Polizei noch ein zusätzlich engagierter Privatdetektiv können den Fall klären. Kunstvoll ineinander verwoben erzählt die Autorin von Testamentsänderungen, Erbschleicherei, Erpressungen, Heimtücke, Rachegelüsten, Bosheiten, Schrulligkeiten und Lebenslügen der Greise, die auch im hohen Alter alles andere als altersweise sind, die im Gegenteil hartnäckig ihre egoistischen Pläne verfolgen, gierig ihren finanziellen Vorteil suchen, ihre schuldbeladene Vergangenheit vertuschen wollen.

Einen breiten Raum nimmt dabei auch die körperliche Hinfälligkeit der Hochbetagten ein, ihr täglicher Kampf gegen ihre diversen Gebrechen, ihre Vergesslichkeit. Die Bühne dafür ist bis ins Altersheim und die geriatrische Klinik erweitert, wo Bettlägerige und Senile von Ärzten und Schwestern betreut werden, die nicht zu beneiden sind angesichts der Kampfeslust der Patienten. Mit schwarzem Humor schildert die Autorin ironisch die Aussetzer und mentalen Fehlleistungen ihres skurrilen Personals, eine zuweilen maliziöse Satire, die nicht selten ins Makabre abgleitet. Todesfälle und Beerdigungen sind dabei nicht ausgenommen, und so etwas wie Trauer kommt einfach nicht vor in dieser rabenschwarzen Geschichte. Wobei der englische Humor mich hier etwas enttäuscht hat, viel mehr als dass der wohlhabende Godfrey aus Geiz seine Streichhölzer aufspaltet habe ich nicht gefunden, stattdessen tea time bis zum Abwinken, very british eben. Die Story ist in der gesellschaftlichen Mittelschicht der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg angesiedelt, man lebt recht auskömmlich ohne wirkliche Geldsorgen.

Der dialogreiche Text ist in einem leicht lesbaren Stil verfasst, bei der Fülle von Figuren ist allerdings erhöhte Aufmerksamkeit erforderlich, Lesern mit ausgesprochen schlechtem Namensgedächtnis sei ein Spickzettel angeraten. Nicht jeder wird mit der unverblümt sarkastischen Perspektive der Autorin einverstanden sein, Gott, Jenseits und Anderes aus der religiösen Wundertüte fehlt hier völlig, der Tod ist etwas so Normales, dass man kein Aufhebens davon macht, unbeeindruckt wieder zur Tagesordnung übergeht. Und so gibt es auch für die kriminalistische Frage eine einfache Antwort: «Ich bin davon überzeugt, dass der Urheber der anonymen Anrufe der Tod selbst ist, wenn man das sagen darf. Ich weiß nicht, was Sie dagegen unternehmen könnten, Dame Lettie. Wenn Sie sich nicht an den Tod erinnern, erinnert der Tod Sie an sich». Kann man das alles als Denkanstoß im Umgang mit dem Tod auffassen? Aber sicher doch!

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Das Bildnis des Dorian Gray

wilde-1Von Bonmot zu Bonmot

Nur 46 Jahre alt wurde Oscar Wilde, in seiner kurzen Schaffenszeit hat der irische Schriftsteller neben vielem Anderen einen einzigen Roman geschrieben, der ihn aber weltberühmt gemacht hat, «Das Bildnis des Dorian Gray», nach einer kritisch aufgenommenen Erstversion in einem Magazin 1891 in überarbeiteter Form als Roman mit Vorwort erschienen. Tragisch bleibt dabei, dass nicht zuletzt dieses Vorwort in einem Prozess wegen Homosexualität zu seiner Verurteilung beitrug. Als er das Zuchthaus nach zwei Jahren verließ, war er gesundheitlich schwer gezeichnet, er starb drei Jahre später in Paris, wohin er sich wegen seiner gesellschaftlichen Ächtung geflüchtet hatte. Sein Roman wird heute in den Kanon von Klassikern der Weltliteratur eingeordnet, man muss ihn einfach gelesen haben, nicht nur weil er erstklassig ist, auch der spektakulären Thematik wegen.

Dorian Gray, Titelfigur des Romans, wird als außergewöhnlich gut aussehender junger Mann von einem ihn grenzenlos bewundernden Maler portraitiert; selbstverliebt wünscht er sich angesichts des Gemäldes, immer so schön zu bleiben wie auf dem Bild. Als der unermesslich reiche Lebemann eine blutjunge Schauspielerin kennenlernt, verlobt er sich spontan mit ihr, ebenso angetan von ihrer makellosen Schönheit wie von ihrer begeisternden Bühnenkunst. Die Liebe des Mädchens zu ihm, die nun erstmals echt ist, nicht gespielt, wirkt sich verheerend aus, ihr Bühnenauftritt wird zum Desaster, so dilettantisch spielt sie plötzlich. Als Dorian enttäuscht die Verlobung löst, bringt sie sich um. Entsetzt merkt er nun, dass sich die Züge auf dem Gesicht seines Bildnisses verhärtet haben, er versteckt das Bild deshalb, niemand darf es mehr sehen. Sir Henry, sein mephistophelischer Freund, gibt ihm ein Buch zu lesen, das den Hedonismus verherrlicht und Moral negiert, Dorian ist wie besessen davon. Der zweiteilig aufgebaute Roman erzählt nun im elften von insgesamt zwanzig Kapiteln im Zeitraffer, wie er sich im Verlauf fast zweier Jahrzehnte allerlei dekadenten Vergnügungen hingegeben hat, das Sammeln kostbarster Gegenstände, eine ausufernde Lust am Genuss, er treibt sich in Opiumhöhlen herum und in Bordellen, ein äußerst lasterhaftes Leben also, welches der Autor nur dezent andeutet, nicht näher ausführt. Dorians Aussehen verändert sich nicht in diesen Jahren, nur sein Abbild auf dem Portrait altert und zeigt unerbittlich alle Spuren seines Lebenswandels. Als der Maler des Bildes ihm ernsthaft ins Gewissen redet, ersticht er ihn im Affekt und sorgt dafür, dass die Leiche spurlos verschwindet. Am Ende des Romans entsagt er der Liebe zu einem Mädchen vom Lande, die er nur ins Verderben stürzen würde, zum ersten Mal tut er also wieder Gutes nach langer Zeit, Sir Henry verspottet ihn deswegen. Dorian will sich ändern, will die schlechte Seele töten, die sein Bildnis ja verkörpert, er sticht mit dem Messer auf die Leinwand ein. Ein Schrei ertönt, sein Diener findet ihn erstochen vor dem unversehrten Gemälde, auf dem er jung und schön aussieht wie ehedem.

Narzissmus, Hedonismus, Ästhetizismus, Dekadenz, Moral, aber natürlich auch Motive aus dem Faust sind Thema in diesem Roman des Fin de Siècle, der konventionell erzählt von seinen köstlichen Dialogen lebt, in denen es von Aperçus nur so wimmelt, wie man sie aus den Bühnenstücken des Autors kennt, – nachdenklich machend, oft aber muss man auch schmunzeln. Das Lesen gerät zu einem Parforceritt von Bonmot zu Bonmot durch eine zynische Gedankenwelt, die der Existenz der Seele gewidmet ist als selbstständiger Instanz.

Es gibt viele Adaptionen des Stoffes, er wurde mehrfach bis in die jüngste Zeit hinein verfilmt. Das Altern nicht akzeptieren zu können als psychisches Krankheitsbild wird heute als Dorian-Gray-Syndrom bezeichnet. Letztendlich steckt nichts Anderes als die Angst vor dem Sterben hinter dieser Phobie, die als Jugendwahn ja fröhliche Urständ feiert. Insoweit ist dieser großartige Roman also zeitlos aktuell.

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
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Elefant

Pressebild_ElefantDiogenes-Verlag_72dpiMartin Suter erzählt eine bezaubernde Geschichte um einen kleinen rosa Elefanten, der im Dunkeln phosphoreszierend schimmert. Dieses klitzekleine Wesen, das mit Holzscheiten statt Baumstämmen jongliert und das Herz jedes Kindes hochschlagen lassen würde, ist keine Schöpfung der Spielwarenindustrie. Es handelt sich um das Produkt geldgieriger Genmanipulateure, die an der Produktion von »glowing animals« (glühenden Tieren) arbeiten und dabei jeden Tier- und Artenschutz ausser Acht lassen. Weiterlesen


Genre: Roman
Illustrated by Diogenes Zürich