Nachtleuchten

Bombastisch

Die in Buenos Aires geborene deutschsprachige Schriftstellerin María Cecilia Barbetta hat mit «Nachtleuchten» ihren zweiten Roman veröffentlicht, er wurde vom Feuilleton wohlwollend aufgenommen und auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2018 gewählt. Seit ihrem 24ten Lebensjahr in Berlin lebend hat die Autorin quasi einen argentinischen Roman geschrieben, Ort der Handlung ist das Stadtviertel Ballester in Buenos Aires, wo sie aufgewachsen ist. Ihre Heimat in der Zeit vor dem Putsch von 1976 bildet nämlich nicht nur das Thema für dieses breit angelegte Epos der kleinen Leute, sie hinterlässt mit vielen – leider meist unübersetzten – spanischen Zitaten auch sprachlich deutliche Spuren im Text.

Der kryptische Titel des Buches bezieht sich auf eine mit Leuchtfarbe angemalte Marienfigur aus Plastik, eine verkleinerte, fluoreszierende Replik der argentinischen Nationalheiligen, die eine sendungsbewusste Schülerin verschiedenen Haushalten als Leihgabe für jeweils eine Woche aufschwatzt, damit sie dort ihre wundersamen Kräfte entfalte. Diese potentielle Integrationsfigur der auseinander strebenden politischen Kräfte des Landes wirkt erzählerisch überzeugend als Leitmotiv. In drei Teile mit jeweils 33 Kapiteln gegliedert, – Jesus wurde 33 Jahre alt, Evita Perón ebenfalls (sic!) -, endet der Roman mit einem die Zeit negierenden Epilog unter dem Titel «Die vierte Dimension». Darin zerschellt diese Figur, wobei im Sturz die gesamte Erzählung in einem einzigen fünfseitigen Satz chorartig noch mal komplett rekapituliert wird.

In dem dreiteiligen Panorama der Gesellschaft Argentiniens mit ihren unterschiedlichen Milieus wird zunächst von den Kameradinnen einer streng katholischen Mädchenschule erzählt, die eine ebenso fromme wie strenge Erziehung genießen und eine religiös geprägte Revolution unter dem Motto «Transformation zum Guten» anstoßen wollen. In der Kfz-Werkstatt «Autopia», beim schwulen Friseur «Ewige Schönheit» oder in der Chemischen Reinigung «Clean Eastwood» erleben wir eine Schar von Laienphilosophen, die allesamt – vor dem politischen Hintergrund des aus dem Exil zurückgekehrten Präsidenten Perón und dem späteren Putsch gegen seine Witwe Isabel – über Gott und die Welt schwadronieren, was amüsant zu lesen ist als unterhaltende, aber kaum ernst zu nehmende Alltagsphilosophie. Es schließt sich zeitlich die Militärdiktatur an mit ihren Todesschwadronen, wobei der unheilschwangere politische Hintergrund hier allenfalls als Kulisse für das Leben der kleinen Leute dient, die Schrecken dieser Zeit werden, meist in Form eingeblendeter Zeitungsmeldungen, nur sehr dezent angedeutet, der Horror bleibt weitgehend ausgespart.

Mit ausufernder Fabulierlust erzählt die Autorin überaus blumig, auf verschlungenen Pfaden und in zahllosen Einzelszenen, aus dem Leben ihrer ebenfalls zahllosen, zumeist über Dialoge erschlossenen, durchweg sympathischen Figuren. Deren schiere Vielzahl aber bleibt nur mit Hilfe eines akribisch geführten Spickzettels wenigstens einigermaßen überschaubar. Geradezu artistisch jongliert Señora Barbetta besonders im spiritistisch geprägten dritten Teil ihrer Geschichte mit handlungsfernen Exkursen sowie diversen sprachlichen, typografischen und kabbalistischen Formen. Und so manche Verzweigung im Plot endet auch ganz unvermutet in einer Sackgasse. Die Vespa fahrende, schöne Nonne zum Beispiel, die anfangs wohl des Lesers Neugier erregen soll, endet sang- und klanglos in einer Blutlache, warum bleibt offen. Spielerisch benutzte Anagramme, lautmalerische Begriffe, aber auch eine Überfülle an nicht immer ernst zu nehmenden Reflektionen garnieren die Geschichte, anbiedernd ergänzt um eine Unzahl typisch deutscher Redensarten. Eher ärgerlich sind Pleonasmen und andere sprachliche Mätzchen in diesem bombastisch aufgemotzten, letztendlich aber langweiligen Roman, in dem die reichlich vorhandenen, intellektuellen Fähigkeiten seiner Autorin ziemlich eitel im Vordergrund stehen.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Opernball

Ein Möglichkeitsraum wird Realität

Geradezu prophetisch hat der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger in seinem 1995 erschienenen Roman «Opernball» beschrieben, was nun tagesaktuell von den Medien als bittere Realität verkündet wird, das beängstige Erstarken eines nationalistisch verblendeten, gewaltbereiten Mobs, dem der Staat auf der Straße fast hilflos gegenüber steht wie jetzt in Chemnitz. «Warum … haben wir nicht rechtzeitig die Zügel in die Hand genommen? Diesem Gesindel die Stirn geboten? Mit eisernen Schlägen vernichtet, was noch nicht hoffungslos zerrissen war? Warum haben wir nicht aufgeräumt? Entrümpelt? Das Unkraut ausgerissen, solange es noch klein war?» Der selbstkritische Wiener Polizeipräsident findet deutliche Worte in einer Rede bei der Vereidigung von Revierleitern nach der Opernball-Katastrophe. «Ein Recht ohne Macht sei zum Untergang verurteilt und stürze den ganzen Staat in den Abgrund», heißt es weiter in einer Art Vorwort zu diesem grandiosen Politthriller.

Brutal wird der Leser gleich auf den ersten paar Seiten mit einem bis dato für undenkbar gehaltenen Terroranschlag einer rechtsradikalen Verschwörergruppe konfrontiert, ein von einem Privatsender europaweit live übertragener Massenmord, dem tausende Menschen zum Opfer fallen, neben der alljährlich wie immer dort vollzählig versammelten, snobistischen High Society der Alpenrepublik auch die gesamte politische Prominenz Österreichs. Der in wenigen Minuten eintretende, qualvolle Tod der vielen Menschen beim Opernball wird durch Blausäure verursacht, die, über das Belüftungssystem im Gebäude verteilt, sehr schnell wirksam wird. Dieses grausige Szenario erinnert fatal, – aber bestimmt nicht zufällig -, an den Massenmord mit Zyklon B in den KZs der Nazis. Die von einem – als der «Geringste» bezeichneten – rechten Guru angeführte, neunköpfige Terrorgruppe leitet ihre Heilslehre und ihre «Ausländer raus»-Ideologie gleichermaßen aus der Bibel und «Mein Kampf» ab, der eschatologisch begründete Anschlag wird als Hamargedon herbeigesehnt, ein neues Tausendjähriges Reich würde entstehen.

Josef Haslinger hat seinen pseudo-dokumentarischen Plot multiperspektivisch konstruiert, erzählt wird aus den Blickwinkeln des TV-Regisseurs, der mit der Leitung der Live-Übertragung betraut ist, ferner eines Polizisten, der vor der Oper gegen die Demonstranten eingesetzt wird, schließlich von einem als «Ingenieur» bezeichnetem Mitglied der Terrorgruppe, in kürzeren Kapiteln aber auch aus der Perspektive einer Hausfrau und eines Brotfabrikaten. Geschickt werden dabei die Geschichten seiner Figuren vor und nach dem Anschlag verwoben, wobei er die Fäden der Handlungsstränge in seinem narrativen Netz gekonnt miteinander verknüpft. Die immer eindeutig zuzuordnenden Orts- und Zeitsprünge der einzelnen Kapitel werden zum Teil in Form protokollartiger Aufzeichnungen erzählt, die durchaus spannungsgeladen sind, obwohl das dramatische Ereignis dem Leser ja gleich am Anfang schon bekannt wird. Wie es dazu kam, das also ist hier das Spannende!

Balkankriege, KZs, Drogensucht, Polizeifrust, Migrationsdruck, politische Ränkespiele, sensationslüsternes Privatfernsehen, dunkle Geschäfte mit Osteuropa, schreiendes soziales Unrecht sind Themen dieses Romans, aber auch die glücklichen Zufälle, die einige wenige davor bewahrt haben, im Opernhaus zu sein, weil sie zu spät eintrafen wie die berühmte Operndiva, oder die aus letztendlich glücklichen Umständen den Ball früher verlassen mussten. Der Roman ist das beklemmende Sittenbild eines latent rechtsgesinnten Staates, die sechs Jahre vor 9/11 angesiedelte, brutale Geschichte hat sich als hellsichtige Beschreibung eines Zustands erwiesen, dessen inzwischen bewiesene Realität weit bedrückender ist als die fiktionale Geschichte selbst, die der Autor seinen Lesern da thrillergerecht auftischt. Es sei per se Aufgabe der Fiktion, einen Möglichkeitsraum auszuleuchten, hat Haslinger dazu angemerkt. Das ist ihm fürwahr gelungen!

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Nachricht an alle

Wer Visionen hat

Unter dem Titel «Nachricht an alle» ist von Michael Kumpfmüller im Jahre 2008 ein politischer Zeitroman erschienen, in jenem leider vernachlässigten Genre der Literatur also, in dem Koeppens «Das Treibhaus» von 1953 Maßstäbe gesetzt hat. An die nun weder der vorjährige Buchpreisgewinner Robert Menasse mit «Die Hauptstadt» heranreicht noch Kumpfmüller, dessen Eingangskapitel Großes erwarten lässt. Schon der Romantitel deutet eine dramatische Szenerie an, und gleich im einleitenden Kapitel sendet Anisha, die Tochter des Protagonisten, aus einem abstürzenden Flugzeug per SMS eine letzte Nachricht in die Welt hinaus. «Es hat eine Explosion gegeben. Es ist entsetzlich. Wir stürzen ab. Betet für mich. Ich liebe Euch».

Mit diesem Paukenschlag beginnt die Geschichte des Politikers Selden, Innenminister eines nicht genannten westeuropäischen Staates, der mitten in der Nacht diese Horror-Nachricht erhält, ein in unserer handynärrischen Moderne durchaus realer Albtraum. Der Staat ist in einer schweren Krise, die nicht nur durch erbitterte Streiks und soziale Unruhen, sondern auch durch vermehrte Terrorakte ausgelöst wurde. Dieses Szenario deckt eine bedrückende Ohnmacht der Politik auf, weist gar auf ihr bevorstehendes Ende hin in einer unregierbar gewordenen, bedingungslos ökonomiehörigen Gesellschaft. Der Roman ist eine Zustandsbeschreibung jener abgehobenen politischen Klasse, die nach dem prophetischen Engelmann/Wallraff-Buchtitel «Ihr da oben, Wir da unten» fernab der Bevölkerung in anderen Sphären schwebt.

Das Private, der Protagonist als Mensch, tritt in diesem Roman weitgehend in den Hintergrund. Außer seiner gescheiterten Ehe mit einer Malerin und der ebenfalls verheirateten Geliebten in den USA, die er nur stundenweise im Hotel zum Koitus trifft, ehe beide wieder ihren diversen Terminen hinterher jagen, erfährt man fast nichts. Auch ein Techtelmechtel mit der zwanzig Jahre jüngeren Journalistin Hannah, mit der er schließlich sogar einen Sohn namens Mattis hat, zeigt Selden nicht in einem menschlicheren Licht, er wirkt seltsam seelenlos. Das Politische nimmt einen breiten Raum ein, entwickelt sich aber meist nicht aus dem Geschehen heraus, sondern wird kontemplativ in endlosen Reflexionen des Autors selbst und in den Gedankenströmen seines Helden erzählt. Dazwischen werden Kapitel eingeblendet, in denen die anarchistischen Gegner des Establishments in ihrem ohnmächtigen Bemühen gezeigt werden, die Verhältnisse durch Randale und Terror zu ändern. Die Gewalt der jugendlichen Terroristen gipfelt in einer wachrüttelnden Selbstverbrennung eines der Mädchen und in einem dem Lafontaine-Attentat nachempfundenen Angriff auf den Minister. Albern aber wird es zum Schluss: Im letzten, in der Zukunft angesiedelten Kapitel hat der inzwischen achtzigjährige Selden, der in einem der Waldsiedlung Wandlitz, – ehedem privilegierter Wohnsitz der DDR-Bonzen -, ähnelnden, streng bewachten Prominentenghetto als Pensionär lebt, seinen Sohn Mattis und dessen junge Freundin zu Besuch. Pointe: die Freundin heißt Anisha, – so ein Zufall aber auch!

Zweifellos wird in den politischen Aspekten dieses modernen Gesellschaftsromans viel Wahres ausgesprochen, die ätzende Kritik an den sozialen Verhältnissen ist in allen Punkten nachvollziehbar und durchaus berechtigt. Kumpfmüller findet dafür überaus schlagkräftige Formulierungen in einer wortstarken, wohltuend stimmigen Sprache. Sein Anliegen sei, hat er im Interview erklärt, den Leser des Romans aus seiner Dulderrolle herauszulocken, er müsse seine Ressentiments ablegen, es gehe schließlich um uns alle. Fakten und Fiktion in Kombination, das mündet hier aber leider nicht in Erkenntnis, der Roman scheitert letztendlich an seiner Thematik, an der Komplexität des Politischen nämlich, wo alles mit allem zusammenhängt. Und wo man nicht agiert, sondern allenfalls reagiert. «Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen» lautet ja ernüchternd das berühmte, nassforsche Zitat von Helmut Schmidt.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid

Mit seinem eigenwilligen Roman »Ein Mann namens Ove« bewies Fredrik Backman, dass schwedische Autoren viel mehr können als spannende Krimis mit eigener Melodie zu verfassen. 2013 wurde er dafür zum erfolgreichsten Autor Schwedens gekürt. Sein Folgeroman »Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid« stieg auch in Deutschland sofort in die Bestsellerlisten auf, obwohl oder gerade weil Großkritiker vor dem Buch warnen, das ihnen zu schlicht ist. Continue reading


Genre: Romane
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Lug und Trug und Rat und Streben

Geistreiches Vermächtnis

«Ich liebe mein Buch, aber ich kann es nicht empfehlen», so sibyllinisch äußerte sich die kürzlich verstorbene Schriftstellerin Silvia Bovenschen über ihren jetzt posthum erschienenen Roman «Lug & Trug & Rat & Streben». Sie habe sich darin alles erlaubt, warnte die Autorin, er würde von Leuten handeln, die in dieser Zeit leben und merkwürdige Erfahrungen machen. Die feministische 68erin gehört zweifellos zu den wenigen Intellektuellen der deutschen Gegenwartsliteratur, sie negiert in ihren Romanen althergebrachte Erzählkonventionen, profiliert sich stattdessen als streitbare Kämpferin für eine Dichtkunst im wahrsten Sinne des Wortes.

In einer alten Villa, die Alma und ihr Schwager Bärentrost geerbt haben, lebt völlig zurückgezogen der Schwager mit einer Haushälterin im Souterrain, Almas geschiedene Nichte Agnes bewohnt – für eine nur symbolische Miete – das Erdgeschoss. Über ihr wohnt die Tante selbst, das Dachgeschoß wiederum ist unbewohnt, es steht voller alter Möbel und Gerümpel, Theaterrequisiten gleich. Alle drei sind ausgesprochene Exzentriker, die unbeirrt ihre wunderlichen Marotten pflegen und sich am liebsten aus dem Wege gehen. Alma führt allenfalls kurz angebundene Telefonate mit ihrem Schwager, wenn es wegen der Villa etwas zu besprechen gibt, ansonsten reden sie kaum ein Wort miteinander. Als Almas altkluger, zwölfjähriger Enkel Max zu Besuch kommt, erweist sich der Dachboden als Kinderparadies, in dem es phantastische Schätze zu entdecken gibt. Schließlich gesellt sich noch trickreich Mr. Odino, ein Ex-Verehrer von Alma, zu den Bewohnern der Villa und bezieht eine winzige Kammer im Dachgeschoß, obwohl Alma ihn zunächst brüsk abweist, als er nach Jahrzehnten so plötzlich auftaucht.

Silvia Bovenschen beschreibt ihre schrulligen Figuren nicht, sie entwickeln sich vielmehr aus ihrem Tun heraus und aus dem, was sie miteinander reden. Agnes, eine attraktive Frau Anfang vierzig, wird von ihrem Liebhaber zur Heirat gedrängt, fürchtet sich jedoch davor, mit Frederic «in seinem gnadenlos durchgestylten Penthouse» zu wohnen. Alma, Bärentrost und Mr. Odino, Geisteswissenschaftler alle drei, sind hoch gebildete, gleichwohl skurrile Alte, deren köstliche Dispute untereinander wie auch die dozierenden Gespräche mit dem wissbegierigen Max eine Fülle von witzigen Reflexionen enthalten, ergänzt um eine gehörige Portion beißender Gesellschaftskritik. Zudem notiert Bärentrost als Misanthrop mancherlei Kritisches in sein Notizbuch: «Der digitale Fanatismus. Weitaus schlimmer als der Eifer spätmittelalterlicher Dogmatiker. Weltweite Geistesdeformationen. Die Zurichtung der Körper und der Hirne. Eine eindimensional dressierte Menschheit. Allgemeine Denkverpflichtungen. Mentale Selbstauslieferung an die Interessen der Netzgiganten. Am nervigsten sind die Humordeformationen. Ja, es gibt ihn, den neoliberalen Humor. Dauerironisierung ohne kritische Distanz». Im furiosen Mittelteil des Romans reisen Max, Alma und Mr. Odino nach Mispelheim, ein in vielem an Hieronymus Bosch erinnernder, kurioser Höllentrip, und auch Freund Hein schleicht am Ende um die alte Villa.

Dieser Roman wirft mit sentimentalem Unterton Fragen der Menschheit auf und erweist sich dabei als ein Füllhorn kurioser, geistreicher Einfälle, er gibt aber auch witzige und kluge Antworten. Das Ganze wird geradezu spielerisch erzählt in einer turbulenten Geschichte mit märchenhaften Zügen, wobei drei allegorische Figuren, – an den Chor des altgriechischen Dramas erinnernd -, als Stimmen aus dem Off fungieren. All das fordert in seiner Rätselhaftigkeit den Leser zum Mitdenken heraus und entlarvt ganz nebenbei eulenspiegelartig unsere wohlstandsverwahrloste Spaßgesellschaft als zutiefst dekadent und verlogen. Mit ihren zügellosen Phantasien hat uns die Autorin in diesem Roman ihr literarisches Vermächtnis hinterlassen, als parodistisches Verwirrspiel ein ebenso ästhetisches wie intellektuelles Leseabenteuer, das man sehr wohl empfehlen kann.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Herztier

mueller-2Nichts stimmt, aber alles ist wahr

Der zweite Roman der als Banater Schwäbin in Rumänien geborenen Herta Müller unter dem kryptischen Titel «Herztier» ist 1994 erschienen, sieben Jahre nach der Ausreise der späteren Nobelpreisträgerin nach Deutschland. Sein Thema ist die Angst, und wovon sie berichtet ist laut eigener Definition «autofiktonal». Die mit Preisen überhäufte Schriftstellerin war in ihrer Heimat nämlich selbst Pressionen der allgegenwärtigen Securitate ausgesetzt, dem perfiden Geheimdienst des Diktators Ceausescu. Sie wolle mit ihren Texten ausdrücken, wie Diktaturen Menschen ihrer Würde beraubten, hat sie in einem Interview gesagt. Bei der Preisvergabe hatte das Nobelkomitee 2009 explizit auf die «Intensität der von ihr verfassten Literatur» hingewiesen. Auch wenn in den drei Romanen, die ich von ihr gelesen habe, mit der Thematik auch die Tonart wechselt, ist ihr sehr eigenständiger Erzählstil doch gleich geblieben. Ob er uns alle anspricht, ist zumindest fraglich. Das titelgebende «Herztier» nämlich, als Begriff dem rumänischen Neologismus «inimal» als Verschmelzung von inimă (Herz) und animal (Tier) entsprechend, prägt schließlich jeden Menschen auf ganz eigene Weise, auch den lesenden.

Eine namenlos bleibende Ich-Erzählerin berichtet zunächst von Lola, einer jungen Frau vom Lande, die in der Großstadt studiert und mit ihr und vier weiteren Mädchen zusammen ein als «Viereck» bezeichnetes Zimmer bewohnt. Lolas als Flucht in eine andere Welt gedachten, wahllosen sexuellen Kontakte mit irgendwelchen Männern enden so deprimierend, dass sie sich erhängt – und posthum aus Partei und Uni ausgeschlossen wird. Mit Edgar, Kurt und Georg bildet sich sodann ein vierblättriges Kleeblatt von Regimekritikern um die Protagonistin, sie schreiben heimlich Gedichte und treffen sich konspirativ in einem verlassenen Sommerhaus, in dem sie auch verbotene Bücher lesen. Immer wieder verschwinden Menschen auf unerklärliche Weise, und auch die Vier geraten ins Visier der Securitate. Ihre Briefe werden geöffnet, ihre Zimmer durchsucht, und wiederholt werden sie von Hauptmann Pjele verhört. Weil sie nach dem Studium schließlich nacheinander irgendwann aus ihren Arbeitsstellen entlassen werden, verlässt Georg als Erster sein Heimatland und reist nach Deutschland, begeht dort aber schon bald darauf Selbstmord, noch bevor die Erzählerin und Edgar ebenfalls deprimiert ausreisen. Als Teresa, ihre beste Freundin, sie im Westen besucht, wird schnell klar, dass sie nun ebenfalls für die Securitate arbeitet. Kurt, der als Letzter in Rumänien geblieben ist, erhängt sich am Ende, nachdem er dem Westen eine Liste von Fluchtopfern zugespielt hat.

«Bücher über schlimme Zeiten werden oft als Zeugnisse gelesen. Auch in meinen Büchern geht es notgedrungen um schlimme Zeiten, um das amputierte Leben in der Diktatur» hat Herta Müller in einem Essay geschrieben. Sie erzählt ihre Geschichte in einer hoch poetischen, äußerst assoziationsreichen, aber gleichzeitig auch sehr robust wirkenden Sprache, bei der sie insbesondere auf den Rhythmus achte, ihre Sätze also zur Kontrolle selbst laut lese. Und zu ihrem Sprachstil merkt sie an: «Ich mag keine abstrakten Begriffe in meinen Texten. Das Wort Diktatur zum Beispiel würde ich nie schreiben».

Es sind die Leerstellen in ihrer fragmentierten Prosa, der oft fehlende logische und semantische Zusammenhang, das unstrukturierte Geflecht der heraufbeschworenen, sich allzu oft widersprechenden oder sinnlos scheinenden Assoziationen, ihre eigensinnigen Sprachbilder also, die das Lesen dieses Romans ziemlich schwierig machen. «Nichts stimmt, aber alles ist wahr» hat Herta Müller zu ihrer poetologischen Arbeitsweise angemerkt. Was ich so interpretiere, dass man sich als ihr Leser aus dem Wahren selbst das Stimmige konstruieren soll, sich also die eigene Wirklichkeit erschaffen muss mit ganz individuellen Bedeutungen. Das mag für manchen Leser erfreulich sein, war es für mich allerdings ganz und gar nicht!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr

friedrich-1Diagnose Meisenmanie

Mit seinem Debütroman «Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr» von 2014 gelang dem Schriftsteller Franz Friedrich der Sprung auf die Longlist des Deutschen Buchpreises, zu seiner großen Überraschung, wie er in einem Interview gesagt hat. Neben Literatur habe er parallel auch Experimentalfilm studiert, aus der Vermischung beider Gattungen sei eine fruchtbare Öffnung der Möglichkeiten entstanden, die den Blick schärfe für das Bild und damit dann auch zu mehr Genauigkeit verpflichte in der Sprache. Der kryptische Buchtitel verspricht einerseits eine spannende, zumindest aber interessante Thematik des Romans, er deutet andererseits aber bereits auch dezent auf Metaphysisches hin, auf eine andere Wirklichkeit jenseits des Horizonts unserer Gegenwart.

Eine irgendwie geartete Handlung, um das gleich vorweg zu sagen, findet man nicht in diesem Roman. Der Autor beschreibt einzelne Szenen, die sich weder zeitlich noch thematisch zusammenfügen und allesamt merkwürdig melancholisch, geradezu destruktiv erscheinen, die regelrecht apokalyptisch wirken. Dafür stehen symbolisch jene Lapplandmeisen auf der kleinen finnischen Insel Uusimaa, deren zwei Jahrzehnte zurückliegendes, plötzliches Verstummen seinerzeit zu wilden Spekulationen geführt hatte, eine regelrechte Meisenmanie ausgelöst hat: Es seien zivilisatorische Ursachen, Funkstrahlung durch Mobiltelefone, eine Giftgaswolke, atomare Verseuchung, militärische Versuche, oder aber apokalyptische Vorboten, genetische Ursachen vielleicht auch, eine nur lokal aufgetretene Mutation, deren positive Aspekte rätselhaft bleiben. Sie seien wohl depressiv, hätten ganz einfach keine Lust mehr zu singen, meinen Einige naiv, wodurch also auch ein märchenhaftes Element in die Erzählung mit einfließt.

In drei zeitlich getrennten Erzählsträngen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wird von einem Flugzeugabsturz berichtet, von einer einsamen Dokumentar-Filmerin auf Uusimaa, von einer gescheiterten amerikanischen Doktorandin in Berlin, die dort im heißesten Februar seit Menschengedenken ziellos durch die Stadt streift und auf einen merkwürdigen Chor ohne Sprache trifft, der von einer verheißenen Insel träumt. Ein belgischer Filmemacher schließlich reist 2017, zur Entstehungszeit des Romans also in der Zukunft, nach Uusimaa, weil dort die Meisen plötzlich wieder zu singen begonnen haben. Die Verflechtung dieser Erzählebenen bleibt zeitlich ebenso vage wie die thematische, die beschriebenen Szenen sind fragmentarisch und stehen ohne erkennbaren Zusammenhang nebeneinander, der Autor lässt ganz bewusst alles in der Schwebe. Was dann auch für das Finale gilt, in der jener auf Uusimaa entstandene Film beschrieben wird, wo am Schluss die im Roman leitmotivisch benutzte Lapplandmeise auf der Schulter der Dokumentarfilmerin landet, herangezoomt schließlich zu sehen «in einer Großaufnahme, die die Leinwand ausfüllte. Die Meise sang». Mit diesen drei Worten endet der Roman dann ziemlich sibyllinisch.

Das Besondere an diesem Roman ist seine sprachmächtige Erzählweise, eine souveräne, nuancenreiche Diktion, glasklar und detailverliebt, ohne je ausschweifend zu werden. Der Autor schildert die Natur ebenso präzise, knapp und stimmig wie seine Figuren in ihrer jeweiligen Umgebung oder in den seltenen Gesprächen miteinander. Meistens allerdings ist das Personal mit sich und seinen Gedanken ziemlich allein, das Figurenensemble ist jedenfalls ein äußerst introvertierter, wenig kommunikativer Menschenschlag. Dieser kontrapunktisch angelegte Roman einer romantischen Sinnsuche zwischen dröger Gegenwart und drohender Apokalypse bringt den Mut auf zum Verzicht auf Handlung, wobei märchenhafte, mystische Elemente dazu beitragen, Auswege zwischen Utopie und Dystopie aufzuzeigen, – ergebnislos allerdings, wie nicht anders zu erwarten. Auch wenn mancher schimpfen wird «Der hat ja ne Meise», ich empfehle diesen unkonventionellen Gegenwartsroman allen experimentierfreudigen Lesern.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Mein vergötterter Sohn Sisí

delibes-1Ein Unsympath

Miguel Delibes war in seiner Heimat Spanien als Schriftsteller sehr erfolgreich, er hat ein beeindruckendes Œuvre von etwa 70 Büchern vorzuweisen. Zu dem auch der vorliegende, 1953 veröffentlichte Roman «Mein vergötterter Sohn Sisí» aus dem Frühwerk gehört, 1976 verfilmt und erst 2003 auch auf Deutsch erschienen. Neben den vielen Ehrungen im spanischen Sprachraum war er auch mehrfach Kandidat für den Nobelpreis. Seine frühen Romane sind stark durch den Spanischen Bürgerkrieg geprägt und werden zur sozialrealistischen Literatur eines Landes gezählt, dessen tiefe gesellschaftliche Gegensätze darin thematisiert werden.

Der deskriptive Titel deutet schon darauf hin, es handelt sich hier um einen Familienroman. Der ist zeitlich in drei Abschnitte gegliedert, wobei im ersten Buch ein Zeitraum von 1917 bis 1920 behandelt wird. Im Mittelpunkt steht dabei der wohlhabende Cecilio Rubes, der in einer spanischen Provinzstadt einen alteingesessenen Sanitärhandel betreibt. Verheiratet ist der fette, selbstgerechte, antriebslose Mann mit einer ungebildeten, frigiden Frau, die den sexuell aktiven Enddreißiger geradezu in die Arme anderer Frauen treibt. Er hält sich prompt mit Paulina eine viel jüngere, attraktive Geliebte, für die er eine Wohnung eingerichtet hat, sein Liebesnest, ohne das er nicht leben könnte. Als sich trotz unterkühlter Ehe spät, und von ihm eigentlich ungewollt, Nachwuchs einstellt, ist der auf Reputation bedachte Macho plötzlich ganz aus dem Häuschen, sein langweiliges Leben bekommt damit überraschend einen Sinn. Man erkennt schon bald, wie er den Sohn verhätscheln wird, und Cecilio Rubes macht dann auch so ziemlich alles falsch in der Erziehung, was man falsch machen kann, der vergötterte Junge wird zum Abbild seiner selbst. Im zweiten Buch dann (1925-1929) erleben wir, wie aus dem Kind ein verwöhnter, nichtsnutziger, bösartiger Tyrann wird, dessen Mutter schier verzweifelt, weil der despotische Vater jedwede Erziehung vereitelt nach dem Motto: Mein Sohn soll es gut haben, Erziehung ist was für die Armen. Schließlich aber holt im dritten Buch (1935-1938) der Bürgerkrieg den verzogenen Sisí aus seinem Lotterleben heraus, er muss an die Front, und auch der Vater erwacht am Ende aus seiner Realitätsferne, er erkennt, viel zu spät allerdings, dass er total versagt hat.

Frauen sind das beherrschende Thema in dieser ausufernden Geschichte, immer wieder werden, nicht nur im Herrenclub, ihre Hüften und Fesseln bewundert. Zeittypisch und wohl auch dem prüden Katholizismus verpflichtet ist die Sexualität hier zwar allgegenwärtig, sie unterliegt aber sprachlich einer fast schon grotesk anmutenden Verklausulierung, der Roman ist jedenfalls jugendfrei ab null Jahre. Die geschilderte, abstoßend patriarchalische Gesellschaft ist für uns Heutige einerseits schwer erträglich, man spürt aber andererseits permanent den ironischen Unterton des Autors, der durch Übertreibungen und durch grotesk überzeichnete Figuren die Distanz zum Erzählten sehr deutlich herstellt.

Weite Teile des Plots entwickeln sich aus Dialogen heraus, zu denen sich oft die innere Rede gesellt, manchmal im schnellen Wechsel mit der direkten Rede, womit das unredlich Gesagte immer wieder virtuos konterkariert wird mit dem tatsächlich Gedachten, was ich so, in dieser Konsequenz, noch nie gelesen habe. Berührend auch eine Stelle, als die Mutter von Cecilio stirbt. «Für ihn hatte seine Mutter soeben den Raum verlassen, ohne dass sich die Türen oder Fenster geöffnet hätten». Angesichts der Leiche fragt er sich: «Nun, das ist sie nicht. Was hat diese Gestalt mit meiner Mutter gemeinsam?» Dieser in der Franco-Ära geschriebene, opulente Roman lässt sich sehr viel Zeit, seine Geschichte vor uns auszubreiten. Die ersten hundert Seiten sind zäh zu lesen, bis Seite 200 etwa legt die Geschichte erzählerisch langsam zu, sie steigert sich danach allmählich zum so nicht absehbaren Ende hin. Man braucht also einiges an Geduld!

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Verführungen

streeruwitz-2Für die Fragen- und Denkbereiten

Schon mit ihrem 1996 erschienenen Debütroman «Verführungen» hat die österreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz eine ganz eigenständige Poetik etabliert, an der man ihre Texte unschwer erkennen kann. Prägend für sie war nach eigenem Bekunden Faulkners Roman «Schall und Wahn», ein Schlüsselerlebnis literarischer Dekonstruktion. Die davon inspirierte, eigenwillige Syntax der nicht nur politisch, sondern auch ästhetisch streitbaren Autorin kann als ihr ureigenes literarisches Markenzeichen gelten. Als Zielgruppe ihrer stets infrage stellenden Literatur wolle sie die etwa zehn Prozent «Fragen- und Denkbereiten» erreichen, mit ihnen möchte sie «ins Gespräch kommen». Was nach Gutenbergs Erfindung ja nichts anderes bedeutet, als von ihnen gelesen zu werden. Also los!

Im vorliegenden Roman bezieht sich das literarische Infragestellen auf den trostlosen Alltag der Protagonistin Helene, einer dreißigjährigen Mutter von zwei kleinen, schulpflichtigen Töchtern, die von ihrem Ehemann verlassen wurde. Als Alleinerziehende kämpft sie einen einsamen Kampf mit widrigen Lebensumständen, zu denen die prekäre Teilzeitbeschäftigung in einer kleinen PR-Agentur ebenso gehört wie die ständigen Geldnöte, ihr bösartiger Exmann zahlt nämlich keinen Unterhalt, auch für die Kinder nicht. Die gleich nebenan wohnende Schwiegermutter hilft ihr, so gut sie kann, versorgt ihre beiden Enkeltöchter. Ihre beste Freundin Püppi, ebenfalls allein erziehend, lebt im Chaos und verfällt immer mehr dem Alkohol, sie ist eher Belastung als Hilfe. Helene ist oft so verzweifelt, dass sie an Suizid denkt, ihr desaströser Seelenzustand zeitigt sogar körperliche Beschwerden. Sie ist oft zum Umfallen müde, möchte einfach nur daliegen, nichts mehr sehen und hören. Als der Musiker Henryk in ihr Leben tritt, entsteht aus dem anfangs prickelnden, leidenschaftlichen Verhältnis bald eine weitere Enttäuschung. Er erweist sich nämlich als undurchschaubar, unzuverlässig, verschwindet oft für längere Zeit ohne jede Nachricht, der Mann ist ein weiterer Alptraum in ihrem ohnehin schon beschwerlichen, freudlosen Alltag. Immer wieder entflieht Helene für kurze Zeit in die Natur, fährt mit dem Auto ins Grüne, sucht im Alleinsein fernab vom geschäftigen Wien neue Kraft zu schöpfen für den Lebenskampf, in den sie sich vehement immer wieder von neuem stürzt, stürzen muss.

«Das reale Frauenleben hat in der Kunst keinen Platz, und diese humorigen Bücher für den Strand schwindeln sich ununterbrochen über diese Tatsache hinweg. Der Alltag der Frauen ist in Deutschland nicht genug literaturfähig. Ich will mit meinen Texten dieses Tabu brechen.» Streeruwitz tut dies in einer stakkatoartigen, adjektivarmen, spröden Sprache, die ihre engagiert feministische Thematik wirkungsvoll unterstreicht mit kurzen, meist kommalosen Hauptsätzen, oft sogar nur rudimentären Satztorsos. Sie erzählt ihre zeitlich etwa sieben Monate bis zur Deutschen Wiedervereinigung 1989 umfassende Geschichte strikt chronologisch, in episodenhaft aneinander gereihte, für sich genommen banale Einzelszenen gegliedert. Dabei benutzt sie als Stilmittel häufig den inneren Monolog und bleibt als auktoriale Erzählerin nicht erkennbar im Hintergrund.

Das Leitthema dieses Romans ist die verzweifelte Ohnmacht einer Frau und Mutter in einer männlich dominierten Gesellschaft, hier von der Autorin aus einer sehr zugespitzt feministischen Perspektive erzählt. Die Männer machen dabei allesamt keine gute Figur, sind jedenfalls wenig hilfreich, eher ursächlich für Helenes ermüdenden, zermürbenden Lebenskampf, für den eine strukturierende Moral oder Werteordnung nicht zu existieren scheint. Ein Roman zum Weiterdenken also, gekonnt und ambitioniert geschrieben zudem. Er endet ziemlich abrupt – und unerwartet versöhnlich – im Warteraum des Arbeitsamtes: «Zuerst würde sie den Computerkurs machen. Und dann war Weihnachten. Und dann. Im nächsten Jahr würde alles besser werden. Helene wurde aufgerufen».

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Das bessere Leben

peltzer-1Modern Times

Mit seinem fünften Roman «Das bessere Leben» hat es Ulrich Peltzer unter die Finalisten des Deutschen Buchpreises 2015 geschafft, eine aktuelle Prosa also, die von der Jury als «Ein Werk von enormer Wucht und Relevanz» angesehen wird. Charakteristisch für diesen Autor ist einerseits das Ausblenden einer realistischen, glaubwürdigen Außenwelt, sein Augenmerk liegt dominant, fast ausschließlich sogar auf der Innenwelt seiner Protagonisten, die immer wieder, und das ist ebenfalls spezifisch Peltzer, reine Großstadtmenschen sind. Landschaften würden wenig auslösen bei ihm, hat er dazu angemerkt, er sei am liebsten in Metropolen, und so sind denn auch viele seiner Figuren Weltbürger, den ökonomischen Global Players entsprechend, als deren Akteure sie fungieren.

Zwei solcher Managertypen sind Protagonisten des vorliegenden Romans, zum einen der Sales-Manager Ulrich Brockmann, der für einen in Turin ansässigen Hersteller von Anlagen zur Oberflächenveredlung tätig ist, und der Versicherungshändler Sylvester Lee Fleming, der Risikomanagement betreibt. Peltzer beschreibt deren berufliches Leben als ewige Hetze von Termin zu Termin, zwischen VIP-Lounges an den Flughäfen dieser Welt und den Rezeptionen und Lobbys der noblen Hotels, die sich weltweit so gleichen, dass man beim Aufwachen im Hotelzimmer schon mal kurz überlegen muss, wo man hier denn eigentlich ist. Beide bewältigen ihren stressigen Job, immer am Rande des Zusammenbruchs, nur mit dem extensiven Einsatz von Medikamenten, leiden unter Schlaflosigkeit ebenso wie unter Dauerkopfschmerzen. Der Sinn des Ganzen, so erfahren wir, ist «das bessere Leben» im Sinne materiellen Wohlergehens, Kapitalismus in reinster Ausprägung also, ein biblischer Tanz ums Goldene Kalb. Mit diesem sehr speziellen Gegenwartsbild wird eine ökonomische Wirklichkeit beschrieben, in der mit höchstem Risiko nur noch dem schnellen Geld hinterher gejagt wird von Deal zu Deal, bei dem die Akteure allerdings ständig der Gefahr des bodenlosen Absturzes ausgesetzt sind. Die Casino-Mentalität der Finanzwelt ist also auch in der sogenannten Realwirtschaft angekommen. Die Produkte scheinen nebensächlich geworden zu sein, man identifiziert sich nicht mehr mit ihnen, nur der kurzfristig erzielbare Profit zählt noch.

Dass Zwischenmenschliches dabei entschieden zu kurz kommt, versteht sich von selbst. Der Autor erzählt seine Geschichte zu weiten Teilen in Form des Bewusstseinsstroms aus der Perspektive verschiedener Protagonisten. Das führt dann dazu, dass seine entsprechend verknappte Prosa gespickt ist mit Schlagwörtern, unvollständigen Sätzen, der Globalisierung geschuldeten Anglizismen sowie banalen Phrasen aus der Alltagssprache, häufig natürlich auch in Englisch. Zusätzlich bremsen viele eingestreute, in Klammern gesetzte Ergänzungen, Fragen, Bekräftigungen ebenso wie häufige Auslassungen den Lesefluss. Angereichert ist das Ganze mit Reminiszenzen an einstige linke Ideale und mit alltagsphilosophischen Anmerkungen, deren gedankliche Tiefe konsequent auf Stammtischniveau begrenzt bleibt.

Unwillkürlich fühlte ich mich bei der Lektüre an den Chaplin-Film «Modern Times» erinnert. Der damals thematisierten Zeitenwende der industriellen Revolution entspricht die hier geschilderte ökonomische Wende von Nutzen stiftender, realer Produktion hin zu rein virtuellen, anonymen Geschäften, denen anscheinend nichts Greifbares mehr gegenübersteht. Ein vom Ziel her ambitionierter Roman also, dessen Umsetzung allerdings nicht überzeugen kann. Indem der Autor die aufgeworfenen Themen ohne eigene Reflexion ausschließlich der intellektuellen Ebene seines Figurenensembles überlässt, fehlt seinem Text ein wichtiges Korrektiv, macht ihn gedanklich damit trivial. Er ist auch nicht gerade leicht zu lesen mit seinem üppig mäandernden Plot, der in einer kitschigen Familienfeier endet, die so gar nicht zum vorher Erzählten passen will. Schade eigentlich, die Intention hinter alldem ist ja lobenswert!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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Rot ist mein Name

pamuk-1Gipfel literarischer Ambivalenz

Der Nobelpreisträger Orhan Pamuk nutzt seine Reputation als hochgeachteter Schriftsteller gern zu politischer Einflussnahme. Er ist als Mahner unbequem in seiner vom Selbstverständnis her zwischen Orient und Okzident zerrissenen, türkischen Heimat, in der man ihn als besonnenen Vermittler denn auch heftig anfeindet. Von diesen spezifisch nationalen Identitätsproblemen handelt auch sein Roman «Rot ist mein Name», der die Konflikte historisch am Buchmalerstreit Ende des 16ten Jahrhunderts spiegelt. Die zunächst nur auf prachtvoller Kalligrafie und üppiger Ornamentik beruhende orientalische Buchkunst wurde damals zunehmend ergänzt durch eine figurale Malerei, die im Widerspruch stand zum streng orthodoxen Islam. Einige Maler jener kunstvollen Miniaturen in den wertvollen Büchersammlungen der osmanischen Herrscher sind Protagonisten des vorliegenden Romans.

Die zeitlich neun Tage im schneereichen Winter des Jahres 1591 umfassende, in 59 Kapiteln multiperspektivisch erzählte Geschichte beginnt furios: «Ein Toter bin ich nun, eine Leiche auf dem Grund eines Brunnens.» Fein Efendi, ein Ornamentierer und Vergolder aus einer Malertruppe in Istanbul, die im Auftrag des Padischahs an einem geheimen Buch arbeitet, wurde erschlagen und in einen Brunnen geworfen, er spricht nun aus dem Zwischenreich, jener Zeit zwischen Tod und Jüngstem Gericht, direkt zum Leser und fordert ihn auf, seinen Mörder zu finden. Im nächsten Kapitel «Mein Name ist Kara» berichtet der Meister-Illustrator von seiner Ankunft in Istanbul nach zwölfjährigem Aufenthalt in fernen Ländern. Sein Oheim, der ihm damals die Hand seiner Tochter Şeküre verweigert hatte, braucht ihn zur Fertigstellung des geheimen Buches. Außer dem Oheim, Kara und Şeküre kommt ein Hund zu Wort, ein Baum, der Altmeister Osman, die Straßenhändlerin Esther, der Mörder, die drei Maler aus der Werkstatt des Oheims Schmetterling, Storch und Olive, eine Münze, der Tod, die Farbe Rot natürlich, die dem Roman seinen Titel gab, Satan, eine Frau und zwei Gottesnarren. Die Liebe zwischen Kara und Şeküre bildet den einen, die Suche nach dem Mörder, der später auch den Oheim umbringt, den zweiten Handlungsstrang in dem chronologisch erzählten Plot. Im letzten Kapitel, ganz am Ende, überrascht uns Şeküre: «Weil es unmöglich sein wird, diese Geschichte zu malen, habe ich sie meinem Sohn Orhan erzählt, damit er sie vielleicht aufschreibt.» Sic!

Neben der kurz skizzierten eigentlichen Handlung nehmen endlos scheinende Gespräche der Buchmaler den weitaus breitesten Raum ein, historische Einschübe und ausufernd detaillierte Erörterungen der orientalischen Maltechniken, bis zum letzten Pinselstrich sozusagen. Die aus Venedig stammende Neuerung perspektivischer Malerei und die «fränkischen» Art der realistischen, nicht idealisierten Darstellung, zu der zum Beispiel auch das Hinzufügen von Schatten gehört, die das vorher flächige Bild erstmals plastisch wirken lässt, erregt die Gemüter ebenso wie ganz neuartige Bildmotive. Diese im Islam als Revolution, ja als Ketzerei empfundene neue Malweise ist denn auch der Anlass für die beiden Morde.

Wem, fragte ich mich am Ende bestürzt, könnte man diesen Roman zur Lektüre empfehlen? Nur hartgesottenen Lesern, die auch noch unendliche Geduld mitbringen! Geduld mit einer verschnörkelten, überbordend arabesken Erzählweise, mit in epischer Breite abgehandelten, kulturhistorischen Details, mit einer auch für Orientalisten wohl kaum verifizierbaren, inflationären Schar von Herrschern, Kriegern, Malern, deren eigentlich völlig irrelevante Namen die Verwirrung des Lesers vollends auf die Spitze treiben. Zudem stehen dem beim Lesen zuweilen wohltuenden Humor schockartig brutalste Grausamkeiten gegenüber, viel abstoßender noch wirkt die omnipräsente, häufig thematisierte Päderastie. Ich habe selten einen so ambivalenten Roman gelesen – und mich auch noch nie so schwer getan, ihn für mich stimmig zu bewerten!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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Stille Zeile Sechs

maron-1Ganz ohne DDR-Mief

Die Biografie der deutschen Schriftstellerin Monika Maron erklärt so manches in ihrem Œuvre, 37 Jahre DDR haben darin deutliche Spuren hinterlassen und zeigen sie als kämpferische Literatin, die sich auch heute noch politisch einmischt, so wenn sie sich zum Beispiel in der WELT unter dem Titel « Pegida ist keine Krankheit, Pegida ist das Symptom» mit der Fremdenfeindlichkeit im «Tal der Ahnungslosen» auseinandersetzt. Nun war auch die DDR keine Krankheit, aber ein Unrechtssystem, welches sie in dem 1991 erschienenen Roman «Stille Zeile Sechs» literarisch so gekonnt, geradezu zwingend vorführt, dass jeder Einwand sich selbst dekuvriert.

Die Ich-Erzählerin Rosalind Polkowski, eine ledige Historikerin Anfang vierzig, kündigt nach mehr als fünfzehn Jahren Knall auf Fall ihre Stelle in der Barabasschen Forschungsstätte, an der sie fachlich «für die Entwicklung der proletarischen Bewegung in Sachsen und Thüringen» zuständig ist. Sie komme sich nutzlos vor, wolle nicht mehr «für Geld denken», ihr «einziges Leben» nicht mehr «wie Küchenabfall zur Mülltonne tragen». Stattdessen wollte sie lieber Klavierspielen lernen, endlich die als unübersetzbar geltenden Rezitative aus «Don Giovanni» ins Deutsche übertragen, sich ernsthaft mit dem Werk von Ernst Toller auseinandersetzen, dessen Gesamtausgabe sie ungelesen im Bücherschrank stehen hat. Die guten Vorsätze bleiben unerfüllt, über den «Flohwalzer» kommt sie am Klavier nicht hinaus, ihre anderen Projekte bleiben schon im Ansatz stecken. Denn sie hat sich von dem ehemaligen DDR-Bonzen Beerenbaum engagieren lassen, der ihr seine Memoiren diktieren will, eine reine Schreibarbeit, bei der sie nicht denken muss. Eine Weile hält sie das auch durch, irgendwann aber kommt es doch zum Disput, kann sie sich nicht mehr zurückhalten, stellt dem Apparatschik von einst hochnotpeinliche Fragen. So inquisitorisch letztendlich, dass der «Professor» mit Volksschulabschluss, qualifiziert einzig und allein durch seine Parteikarriere, sich konfrontiert sieht mit dem bösen Ränkespiel um eine Dissertation, die einst als Paket auf dem Postweg nach Westberlin abgefangen wurde. Was dann auf sein Betreiben hin damals zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe führte, die die akademische Karriere eines hoffnungsvollen jungen Wissenschaftlers für immer zerstört hat. Der Bonze überlebt diese ihn entlarvende, heftige Auseinandersetzung nicht, Rosa geht widerwillig zu seiner Beerdigung, sein Sohn überreicht ihr am Friedhofsausgang, – auf Wunsch des verstorbenen Vaters, wie er sagt -, ein Paket. «Ich werde es auf keinen Fall öffnen» lautet der letzte Satz des Romans.

Das Paket enthält, darf man vermuten als Leser, jene verhängnisvolle Dissertation, die den «Grafen», eine liebenswert skurrile Figur aus Rosas Stammkneipe, einst hinter Gitter gebracht hat. Dort verkehrt auch Bruno, ihr Exfreund, den der Graf nur mit Brünoh anredet, beide stehen in der Hierarchie der kunterbunten, schrägen «Kneipenpersönlichkeiten» als Lateiner ganz oben. Die Autorin erzählt ihre Geschichte, die Spannung damit steigernd, nicht strikt chronologisch, sondern oft in Rückblick und Vorschau, beginnend mit der Beerdigung. Und sie tut das so gekonnt, dass man als Leser die Zusammenhänge mühelos erkennt, sogar wenn sie überraschend die Perspektive wechselt, über Rosalind plötzlich in der dritten Person berichtet.

Trotz der ernsten Thematik des Romans, bei dem die Aufarbeitung der Vergangenheit auch vor der eigenen Person nicht halt macht, der also Raum gibt für vielerlei philosophische Betrachtungen, muss man doch häufig schmunzeln beim Lesen, die Kneipenszenen sind allemal köstlich amüsant. Man darf sich aber auch über viele gelungene Wendungen freuen: «Mein Gedanke war weniger blutrünstig als der Satz, in den er schlüpfte» ist ein schönes Beispiel dafür. Und dass Monika Maron ganz ohne den typischen DDR-Mief auskommt bei ihrer in den achtziger Jahren angesiedelten Geschichte, das empfand ich als Wessi besonders angenehm.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Nachkommen

streeruwitz-1Kein Geschichterl

Diesen Roman. Den hat sie geschrieben. 2014 erschienen. Marlene Streeruwitz. Aus Österreich. Die kennt man doch. «Nachkommen» ist der neue Titel. Den hat sie sich gewählt. Für ihr Buch. Wie die Verlagsheinis das immer nennen. 432 Seiten bedrucktes Papier. Dieses Buch.

Nur Umsatzbringer für die. Im besten Fall auch Gewinnbringer. Verkaufte Auflage ist wichtig. Roman sagen die nicht. Nur Buch. Ist denen egal. Hauptsache Geld kommt rein. Reichlich Geld. Brauchen die immer. Inhalt zählt bei denen nicht. Botschaft. Anliegen. Sprache. Kunst. Alles unwichtig für die. Das muss einen ja wütend machen. Auf den Literaturbetrieb. Die Schickeria der Verlage. Die mit ihren schwarzen SUVs durch Frankfurt brausen. Denkt Nelia Fehn. Zwanzig Jahre alt. Protagonistin im Roman der Streeruwitz. Jungstar der Frankfurter Buchmesse. Absolut jüngste Finalistin bisher. Unter den letzten Sechs. Ist eingeladen zur Preisverleihung. Ihr Verleger übernimmt die Kosten. «Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland». Das hat sie geschrieben. Den Preis bekommt aber doch eine andere Autorin. Macht nichts. Sie sei ja noch so jung. Sagen alle. Wenigstens ist sie schon mal dabei gewesen. Kann ja noch kommen. Später. Obwohl. Das Preisgeld hätte sie gut brauchen können. Sie ist ja ziemlich abgebrannt. Wie man so sagt. Hat auch noch keinen Vorschuss bekommen. Muss sie mal klären. Wenn die Mami das wüsste. Die hat ja auch geschrieben. Autorin war sie. Ist aber tot. Schon lange. Und der Opa ist heute Morgen beerdigt worden. Der hat sie großgezogen. Die Mami fehlt ihr so. Den Vater hat sie nie gesehen. Den hat die Mami damals verstoßen. Jetzt ruft der sie plötzlich an. Wohnt ja hier. Kennt ja wenigstens ihren Namen. Will sie treffen. Dringend. «Ich wollte kein Kind». Sagt er. Wie kann er so was sagen. Ihr ins Gesicht. Was soll das denn bringen. Mit ihnen. Vater und Tochter. Das wird nichts mehr. Alles umsonst. War doch schlimm genug heute auf der Messe. Der Trubel. Kein Durchkommen. Interviews. Warum haben sie den Roman geschrieben. Dumme Frage. Immer ruhig bleiben. Fernsehaufnahme bei 3Sat. Sie ist doch keine Anarchistin. Jetzt ist aber genug. Kamera aus. Raus ins Freie. Mal durchatmen. Schon wieder jemand. Der sie kennt von den Fotos überall. Sie anspricht. Bloß weg hier. Was zu essen wäre nicht schlecht. Vegetarisch. Schon ist sie am Ausgang. Hat nichts gefunden. Wann geht der nächste Flug. Sie recherchiert auf ihrem Smartphone. Da gibt es ja Bordverpflegung. Ihr Rucksackrollköfferchen klappert auf dem Pflaster. Frankfurt. Nur weg hier.

Literarisch eine Rebellin ist diese Frau Streeruwitz. Gegen den Strich gebürstet ihre komplexe Prosa. Man könnte sie feministisch nennen. Streng. Sarkastisch. Im Stil des Dekonstruktivismus. Immer kritisch hinterfragend. Aufgeteilt in kleine Satzfragmente. Analytisch. Immer im Stakkato. Mit radikal vereinfachter Interpunktion. Zunächst etwas störend für den Leser. Fast nur Punkte. Gewöhnt man sich aber schnell dran. Nelia als Protagonistin ist mir unsympathisch geblieben. Zu zickig. Ich konnte keinen Zugang finden. Zu ihr. Man erfährt auch nicht wirklich viel über sie. Keine markante Persönlichkeit jedenfalls. Als Nachkomme strickt jede Verantwortung ablehnend. Für alle Generationen vor ihr. Immer aufmüpfig und nachdenklich.

Ist die Literatur im Niedergang begriffen. Wie der Klappentext behauptet. Fragt man sich. Vom schnöden Gewinnstreben zu Boden gerungen. Ein korrumpiertes Literatur-Establishment als Totengräber einer Kunstrichtung. Hat die renitente Protagonistin recht mit ihrem Widerstand. Mit ihrem Wutausbruch. Mit ihrer Erregung. Wie Thomas Bernhard das genannt hat. Es muss Romane geben, ist sie sich sicher. «Romane und nicht Geschichterln. In die Erfindung gebündelte Wahrheit und nicht diese dünne Soße des Echten. Ins Zweidimensionale gepresster Kitsch». Wen mein Stakkato-Text nicht schreckt, der sollte diesen Roman lesen, er ist herzerfrischend anders, kein Geschichterl eben.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Mein Klassiker

anthologie-1Berichte aus dem literarischen Olymp

Diese Anthologie unter dem Titel «Mein Klassiker» hat jüngst meine Leseneugier geweckt, verspricht doch der Untertitel «Autoren erzählen vom Lesen» einen den eigenen literarischen Horizont womöglich erweiternden Blick nicht nur auf die Rezeption berühmter Bücher, sondern eben auch auf etliche der Autoren, die über ihre diesbezüglichen Lese-Erfahrungen berichten. Es sind sechsunddreißig an der Zahl, die sich da äußern, und wie sie das tun ist genau so vielschichtig, wie es zu erwarten war bei Schriftstellern, die nun mal schreibende Solitäre sind, mit zum Teil ausgeprägtem Hang zu skurriler Andersartigkeit.

Die erste Überraschung war für mich, dass mir viele der 36 Autoren dieser Anthologie nicht mal namensmäßig bekannt waren, gelesen hatte ich nur sechs von ihnen. Mir wurde aber schnell klar, dass einige wohl mehr der Lyrik, der Dramatik oder dem Sachbuch zuzurechnen sind und schon allein deshalb aus dem Radar fallen für einen der Epik zugeneigten Prosaleser wie mich. Und wer könnte bei etwa 15.000 Belletristik-Neuerscheinungen jedes Jahr in Deutschland denn wirklich behaupten, alle Autoren zu kennen, geschweige denn gelesen zu haben. Bei meinen schamhaften und unverzüglich vorgenommenen Recherchen im Internet stieß ich prompt auch gleich auf die Formulierung «vielleicht der am meisten unterschätzte deutschsprachige Autor der Gegenwart». Genau solche Lobhudelei aber, ich nenne den Autor bewusst nicht, gilt, abhängig von der ja immer persönlichen Perspektive, vermutlich gleichermaßen für alle der hier beteiligten Schriftsteller, es hilft also in der Sache nicht weiter. Ein unlösbares Dilemma mithin für Leser, die sich halbwegs auszukennen hoffen, aber eben auch nicht annähernd alles gelesen haben können.

Eine weitere Überraschung war die Auswahl der Klassiker. Nach Vladimir Nabokovs Definition sind Klassiker in der Literatur «zeitlose Kunstwerke», denen ein «individueller Genius» innewohnt. «Klassisch ist ein literarisches Werk, wenn es gleichermaßen vergangen, erinnert und gegenwärtig ist», hat Heinz Schlaffer formuliert. In bunter Folge wird in der vorliegenden Anthologie über Autoren berichtet wie auch über einzelne Werke. Ob Karl May, dem neben Anderen der erste Aufsatz gilt, in den «heiligen Hallen kanonischer Texte» beheimatet ist, muss bezweifelt werden, der Begriff Klassiker ist hier also nicht unbedingt qualitativ gemeint. Eine deutlich erkennbare Tendenz bei der Auswahl der zu besprechenden Klassiker, also der «vermeintlichen Fundamente», wie es im Vorwort skeptisch heißt, ist in vielen Fällen die Vorprägung durch Deutschstunde und Proseminar. Und so ist es auch kein Wunder, wenn die Aufsätze bis zu Ovid zurückreichen und zum «Meier Helmbrecht» ins 13te Jahrhundert. Weiter geht es über Cervantes, Petrarca, Jean Paul, Novalis, Hölderlin, Büchner, Stifter, Heine, Mörike, Goethe und Schiller bis hin zu Proust (mit 13 Seiten längster Beitrag, sic!), Thomas Mann, Tolstoi, Hamsun, Brecht, Döblin, Zweig, Robert Walser, Walter Benjamin und Gertrude Stein. Zweifellos alles literarische Olympier. Und Märchen wie «Schneeweißchen und Rosenrot» oder die «Hasenschule» bekommen ebenso ihre Bühne wie der Abenteuerroman «Ein Sturmwind auf Jamaika» von Richard Hughes oder Kriegsromane wie Hašeks «Schwejk» und Remarques «Im Westen nichts Neues». Abschließend beleuchten noch die zwei Essays «Der Leser» und «Bücher» das literarische Terrain.

Es hat sich also niemand getraut, Werke von Böll, Grass oder Lenz als Klassiker auszuwählen und zu besprechen, obwohl das mit dem heutigen zeitlichen Anstand ja durchaus angebracht wäre, ganz im Sinne von «vergangen, erinnert und gegenwärtig». Wie auch immer, diese Anthologie weist uns auf eigene Lese-Erfahrungen zurück, sie gibt zudem Anregungen für die Lektüre des einen oder anderen Klassikers sowie der beteiligten Autoren selbst, die hier kenntnisreich und zum Teil sehr unterhaltend, nicht selten sogar überraschend, aus dem literarischen Olymp berichten.

Fazit: lesenswert

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Genre: Anthologie
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Maria Stuart

zweig-1In meinem Ende ist mein Anbeginn

Der in Wien geborene Schriftsteller Stefan Zweig wird mit seinen Prosawerken auch heute noch sehr geschätzt, wobei neben seiner wohl bekanntesten Erzählung «Schachnovelle» insbesondere seine romanartigen Biografien typisch sind für ihn, das vorliegende, 1935 erschienene Buch «Maria Stuart» ist ein gutes Beispiel dafür. Die alte Erkenntnis, die besten Geschichten schreibe das Leben selbst, wird hier recht eindrucksvoll bestätigt, denn ein wahrhaft dramatisches historisches Geschehen bildet das erzählerische Gerüst für eine spannende Geschichte, die unzählige Male schon als Vorlage gedient hat in Theater, Film, Dichtung und Musik.

Bei einem Besuch im Britischen Museum in London betrachtete der Autor im Oktober 1933 die dort ausgestellten Autografen. «Darunter war der handschriftliche Bericht über die Hinrichtung Maria Stuarts. Unwillkürlich fragte ich mich, wie war das eigentlich mit Maria Stuart?» schreibt er in seinen Erinnerungen. Und spontan begann Zweig mit intensiven Vorarbeiten zur literarischen Umsetzung dieses Stoffs, ein Jahr später war sein Buch fertig. Ihn reizte insbesondere die psychologische Problematik, die den Hintergrund bildet für die schicksalhaften Geschehnisse um die schottische Königin. Bei seinen Recherchen fiel ihm insbesondere die merkwürdige Polarisierung in der einschlägigen Literatur auf, die sie entweder als bedauernswertes Opfer oder als böswillige Anstifterin zum Gattenmord hochstilisiert hat.

So ganz neutral ist auch Stefan Zweig nicht, er schildert in der ersten Hälfte der in 24 Kapitel plus Einleitung und Nachspiel erzählten Geschichte Maria Stuart als schottische Lichtgestalt, schön, klug, mutig, ehrgeizig, vielfach begabt. Sie kommt nach ihrer Rückkehr vom prunkvollen, schöngeistigen französischen Hof in ein ihr fremd gewordenes, raues Schottland. Politisch gibt es überall in Europa keinerlei Moral: «Um König zu werden, ermordete, vergiftete man seinen Vater, seinen Bruder, man warf Tausende unschuldiger Menschen in den Krieg, man räumte fort, man beseitigte, ohne nach Recht zu fragen […] Wenn es eine Krone galt, heirateten vierzehnjährige Knaben fünfzigjährige Matronen und unreife Mädchen großväterliche Greise.» Ein auch nur minimaler Ehrenkodex des Adels existiert nicht, und so wird auch die tragische Heldin in Komplotte verstrickt, als leidenschaftliche Liebe die Sinne der jungen Frau vernebelt und alle moralischen Bedenken übertönt. Das Ganze endet tragisch, wie man weiß, mehr möchte ich hier nicht ausplaudern. Denn wie der Autor war auch ich als Leser fasziniert von dieser Tragödie, deren nähere Umstände mir jedoch nicht vertraut waren. Warum kam es soweit, wie es gekommen ist? War Maria Opfer oder Täterin? Man kennt meist nur das blutige Ende, nicht die Wirrungen und Ränkespiele, die dorthin geführt haben.

In einem melancholischen Duktus geschrieben, resignativ geradezu, ist dies eine personalisierte Darstellung historischen Geschehens, die in ihrer Tragik an antike Vorbilder erinnert und bei Shakespeare im Hamlet ganz ähnlich thematisiert wurde. Das Glück, nach dem der Mensch sucht, scheitert, oft zum Greifen nahe, an den widrigen äußeren Umständen, die Protagonisten werden Opfer ihrer charakterlichen Schwächen, stehen sich selbst im Wege. Eitelkeit, Hochmut, falscher Stolz, Zaghaftigkeit, Ehrlosigkeit bringen sie ins Straucheln und führen sie ins Verderben. Wie Stefan Zweig das alles feinfühlig schildert, ist nicht nur bereichernd, sondern auch unterhaltend. Der gedrechselte, pathetische Schreibstil aber stört den Lesegenuss ebenso wie die machohafte Perspektive des Autors, und seine Parteilichkeit für Maria im Kampf gegen Elisabeth färbt suggestiv sogar auf den Leser ab, wie ich an mir selbst gemerkt habe. «En ma fine est mon commencement» hatte Maria Stuart als prophetisches Motto in einen Brokatstoff gestickt, und tatsächlich: Ihr Ende war ihr Anbeginn, es begründete katharsisartig den anhaltenden Mythos dieser historischen Figur.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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