Konzert ohne Dichter

Konzert ohne DichterAusgehend von einem berühmten Gruppenbild des Jugendstil-Stars Heinrich Vogeler schildert »Konzert ohne Dichter« Szenen aus der legendären Künstler-Kolonie Worpswede. Der Präraffaelit Vogeler hatte in seinem 310 x 175 cm großen Gemälde »Das Konzert« seine Frau Martha porträtiert, die an einem Sommerabend der Jahrhundertwende auf der Eingangstreppe vor ihrem gemeinsamen Wohnsitz Barkenhoff steht. Zu den Füßen der Frau, die in die Ferne blickt, liegt ein russischer Windhund. Auf der rechten Seite sitzen drei Musiker, darunter der Maler selbst am Cello, halb verdeckt durch seinen Bruder Franz an der Violine. Sein Schwager spielt Flöte. Zur Linken sind prominente Künstler aus dem Künstlerdorf abgebildet. Die »Malweiber« Paula Modersohn, Agnes Wulff und Clara Rilke-Westhoff sind zu sehen. Im Hintergrund steht der bärtige Otto Modersohn. Nur ein Mitglied der damaligen Barkenhoff-»Familie« fehlt: Das ist der Dichter Rainer Maria Rilke, dessen Bildnis Vogeler, der fünf Jahre lang an dem Bild arbeitete, wieder löschte.

In seinem höchst feinfühligen Künstlerroman schildert Klaus Modick, wie es zu dem Zerwürfnis zwischen dem berühmten Maler und dem nicht minder bekannten Dichter kam. Der Autor beschreibt drei Tage im Leben Heinrich Vogelers und nimmt dies immer wieder zum Anlass, die Gedanken seines Protagonisten in die Vergangenheit wandern zu lassen. Das biographisch angelegte Werk klingt am Freitag, den 9. Juni 1905 in Oldenburg aus. An jenem Tag wurde »Das Konzert« auf der Nordwestdeutschen Kunstausstellung gezeigt und Vogeler mit der Goldmedaille für Kunst und Wissenschaft geehrt.

Angeregt durch Tizians Gemälde »Das ländliche Konzert« hatte der Kunstgewerbler, der Möbel, Gebrauchsgegenstände, Kleidung und Schmuck entwarf, ein monumentales Gruppenbild geschaffen, das auf den ersten Blick wie ein Idyll wirkt. Dem Blick des aufmerksamen Betrachters entgeht jedoch nicht die Konstellation, in der die Figuren stehen, und so hatte Vogeler auch allen Grund, seinen »Seelenverwandten« Rilke auszusparen. Der stets recht blasiert auftretende Dichter hatte trotz geringer körperlichen Größe oder Schönheit einen Schlag bei Frauen, die er mit seinen weltentrückten Versen in Bann schlug. Vogeler rückte ihn in seinem Bild anfangs aufgrund einer Ménage-à-trois, in die sich Rilke verwickelt, mal näher an Paula Modersohn-Becker heran, mal näher an seine spätere Ehefrau Clara Westhoff. Als er erfährt, dass der krankhaft narzisstische Rilke sein eigenes Kind zu Pflegeeltern gibt, um seine Ruhe zu haben, streicht er ihn vollends aus dem Bild.

Während sein Gemälde in der Öffentlichkeit als Meisterwerk gefeiert wird, will der 33-jährige Vogeler nur noch dem goldenen Käfig Worpswede entfliehen. Sein Bild ist insofern Resultat eines dreifachen Scheiterns: Seine Ehe mit Martha kriselt, sein künstlerisches Selbstverständnis wankt, und die vermeintliche Freundschaft zu Rilke zerbricht. Tatsächlich bricht Vogeler bald zu neuen Ufern auf. Er reist durch die Welt und erlebt mit eigenen Augen die sozialen Widersprüche. Erfahrungen im Ersten Weltkrieg machen ihn zum radikalen Pazifisten, der sich während der Novemberrevolution 1918/19 auf die Seite der aufständischen Arbeiter und Soldaten schlägt. Nach Reisen in die Sowjetunion wird der Barkenhoff zu einer sozialistischen Künstlerkommune und dann zu einem Kinderheim der »Roten Hilfe« umgestaltet. Die Nazis zerschlagen schließlich den Barkenhoff, Vogeler geht ins sowjetische Exil, wo er am 14. Juni 1942 stirbt.

Autor Klaus Modick verwebt höchst kunstsinnig historische Fakten mit Rilke-Zitaten, Vogeler-Äußerungen und narrativen Mutmaßungen. Er bedient sich dabei einer blumenreichen, bisweilen kitschig-ornamentalen Sprache, um seinem Gegenstand wie dem Zeitgeist jener Epoche nahe zu kommen. Dies führt zu einem ebenso lyrisch einfühlsamen wie spannenden Gesellschaftsroman, der in seiner Kunstfertigkeit einzigartig ist. Im Ergebnis ist »Konzert ohne Dichter« ein Leseerlebnis der ganz besonderen Art.


Genre: Romane
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Raketenmänner

Frank Goosen ist offensichtlich ein Fan von Ray Bradbury und dessen literarischem Meisterwerk »Der illustrierte Mann«. Bei Bradbury ist es die Idee vom illustrierten Mann, dessen Körper über und über mit lebenden Bildern tätowiert ist, die zu erzählen beginnen; bei Goosen bildet eine geheimnisvolle Schallplattenaufnahme die gedankliche Klammer.

»Raketenmänner« heißt die auf Vinyl geprägte »schönste deutsche Platte aller Zeiten«, die ein Musiker namens Stefan Moses in grauer Vorzeit mit dem Pianisten Wolff aufgenommen hat. Die beiden treffen in der letzten der 16 Episoden wieder aufeinander, und wie in einer Coda klingt Wolffs Leben aus.

Dazwischen treten Figuren auf, die immer wieder in der einen oder anderen Weise einen der Songs vom »Raketenmänner«-Album berühren und letztlich diejenigen sind, die den eigentlichen Gegenstand der Songs bilden. Ein altgedienter Ehegatte will wenigstens einmal im Leben seine Frau betrügen und schlägt dazu in einer Hotelbar auf. Ein junger Mann investiert sein Erbe in einen Schallplattenladen, der chancenlos vor sich hin dümpelt, um einen Traum zu verwirklichen. Ein einsamer Mann erhofft Zuneigung von einer Jugendliebe, die ihn seinerzeit tief beeindruckte. Ein Reisender kauft von einem Mädchen einen gefälschten Fahrschein und sehnt sich nach dem jungen Mädchen, obwohl es ihn in größte Schwierigkeiten bringt.

Goosen erzählt unaufdringlich schnörkellos vom täglichen Leben und seinen Absurditäten. »Raketenmänner« ist ein Werk, das die volle Aufmerksamkeit des Lesers erfordert, der sich daran erfreuen vermag, die verschiedenen Fäden der einzelnen Episoden um die von einem anderen Leben träumenden Raketenmänner zu verknüpfen.


Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Sehnsucht ist ein Notfall

„Mit Tobias geschlafen. Mit Johannes geschlafen. Und mit Oma jetzt auf der Flucht nach Italien“ So sieht’s doch mal aus. Tjanun. Passiert. Eva hat sich verheddert in ihrem Leben, da kann sie sich ebenso gut mit der Oma auf den Weg nach Italien machen.

Diese Flucht hatte die Oma 10 Minuten vor der SMS so beschlossen. Schließlich ist Sehnsucht ein anerkannter Notfall und Spontanität Omas neues Markenzeichen. Hat sie doch mit 79 Jahren den Opa verlassen und wenn nicht jetzt, wann sonst ist die Zeit, endlich das Meer zu sehen? Für Oma trifft es sich ganz gut, dass auch der geliebten Enkelin, die gerade im „Chaos de luxe“ steckt, der Sinn nach Flucht steht. Eva ist als Physiotherapeutin zwar beruflich angekommen, aber ansonsten plagt sie sich mit den typischen Problemen der Thirtysomethings herum. Heirat und Kinder? Wenn ja, wann? Und noch viel wichtiger mit wem? Ihr Lebenspartner Johannes hält sie zwar noch, aber leider auch für selbstverständlich. Da lernt sie den geschiedenen Vater Tobias kennen und verbringt mit ihm eine Nacht, die ebenso zauberhaft ist wie die Nachrichten, die er ihr anschließend schreibt. Eva braucht Luft, Licht und Zeit zum Nachdenken. Die will sie sich allerdings erst nehmen, wenn sie angekommen ist. Am Meer, mit der Oma. Einer Oma, wie viele ‚anne Ruhr‘ sie haben. Die Oma, die sie nach dem frühen Tod der Eltern so liebevoll im alten Zechenhäuschen aufgezogen hat und die jetzt die Enkelin braucht. Nicht nur, um zu lernen, wie man diese kleinen smarten Alleswisser-Dinger bedient, um Eva damit bis zum Meer zu navigieren.

Es gibt ziemlich genau zwei Radio-Moderatorinnen, die ich schon an der Stimme erkenne. Die in der Grauzone westliches Westfalen/ östliches Ruhrgebiet geborene Sabine Heinrich ist eine davon. Beim WDR-Radio eins live ist Frau Heinrich mittlerweile eine Institution, auch Fernsehzuschauern dürfte sie bekannt sein. Sie gehört zum Team der Kultsendung „Zimmer frei“ und hat seit Ende 2013 ihre eigene Talkshow „Frau Heinrich kommt“. „Und jetzt schreibt se auch noch“ könnte man nun genervt aufstöhnen ob der Flut der selbstdarstellenden Möchte-Gern-Schriftsteller. Im Falle der Frau Heinrich war ich aber schon begeistert, bevor ich nur eine Zeile gelesen hatte. Denn wenn Frau Heinrich auch nur annähernd so charmant romanciert wie sie plaudert oder twittert, können es keine verlorenen Stunden werden, die man mit diesem Buch verbringt. Und ich hatte Recht.

Ihr Roman-Debüt „Sehnsucht ist ein Notfall“ erzählt zwei miteinander verwobene Geschichten mit ganz unterschiedlichen Enden. Eine Geschichte endet offen, die kann sich der Leser so ausmalen, wie er es gerne hätte. Letzere ist die Geschichte von Eva zwischen zwei Stühlen Männern. Noch am Meer erstellt Eva sich eine dieser beliebten und nichts bringenden Listen, auf der sie festhält, was für den einen oder den anderen Mann spricht. (Wobei sie auf Tobias Seite der Liste vergessen hat, dass Tobias derjenige ist, der versteht, dass Sehnsucht ein Notfall ist. Vielleicht fällt ihr das ja noch ein und sie entscheidet sich für Tobias. Das wäre mein persönliches Lieblingsende.)

Aber zunächst einmal vertagt Eva diese Entscheidung, denn das Ende der anderen Geschichte, der Geschichte von der Oma, verdrängt alles andere. Diese Geschichte endet nach zu Herzen gehenden Szenen am Meer traurig mit einer Prise Trost. Und egal, wie Eva sich für ihre Zukunft entscheidet, eines wird sie immer mitnehmen: die Gewißheit, der Oma etwas immens Wichtiges ermöglicht zu haben. Eine Erinnerung wird sie ihr Leben lang tragen: „An einem sonnigen Tag im Januar gingen wir ins Meer und schrien vor Glück“

Sehnsucht ist ein Notfall“ stellt die Fragen, die uns alle bewegen, egal, wie alt wir sind. Was ist Liebe, was will ich von ihr, was will ich von meinem Leben, von meinem Partner? Sabine Heinrich erzählt offen, ehrlich, ungeschminkt, wie man sie eben kennt. Manchmal melancholisch, aber oft genug blitzt auch die flapsige Art der Moderatorin durch. Sätze wie „Jetzt ist die Welt dunkelgrau und die Sterne bauen Überstunden ab“ klingen allerdings vielleicht auch nur deswegen nicht kitschig, weil man ein Bild von der Autorin hat und ihre Stimme im Ohr.

Fazit: Ein Romandebüt, dass ein Glücksfall statt Notfall ist. Traurig und tröstlich zugleich. Gerne mehr davon, Frau Heinrich.


Genre: Romane
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Raketenmänner

Sehr gespannt war ich auf dieses neue Werk und ich wurde nicht enttäuscht. Zum Inhalt muss ich mich nicht auslassen, die hier veröffentlichte vortreffliche Rezension von Britta Langhoff lässt keine Wünsche offen.

Bei Goosen schätze ich es, wie mich seine Protagonisten anrühren, obwohl sie auf den ersten Blick nichts Heldenhaftes oder Bewundernswertes an sich haben; im Gegentum: Man findet mehr Verlierer als Gewinner, aber es sind eben beautiful losers, die -liebenswert lakonisch charakterisiert und gewürzt mit melancholischem Humor (oder umgekehrt)- die allseits bekannten Alltagssituationen mehr oder weniger souverän meistern (müssen).

Auch wenn ich als gebürtiger und wohnhafter Bayer eigentlich ganz anders sozialisiert wurde, fühle ich mich den Raketenmännern auf geheimnisvolle Weise verbunden, und nicht nur wegen der Musik, die immer wieder Leben rettet (mit Grateful Dead konnte ich auch nie was anfangen, dafür finde ich Stevie Nicks toll!). Vielleicht ist das Blut der gemeinsamen Generation eben doch dicker als das Wasser der Regionalität… 😉

Manche werfen Frank Goosen vor, dass dieser Episodenroman nicht mehr exklusiv im Ruhrpott spielt; ich finde ich das engstirnig, denn er muss ja kein Heimatdichter sein und kann das Eine tun, ohne das Andere zu lassen. Mit der ihm eigenen unaufdringlichen Bescheidenheit wird er sicherlich seine Wurzeln weder vergessen, noch verlassen.

Ich liebe einfach die Geschichten, die der Autor in all seinen Werken langsam aber sorgfältig entwickelt und denke dabei dabei stets an eine Liedzeile von Altmeister F.J. Degenhardt:

„Da ist nichts großartig, das soll es auch nicht sein
weil wo was groß ist, ist es drumherum meist klein.“

Zum Schluss eine handwerkliche Anmerkung zu den Raketenmännern: Ein Personenverzeichnis fände ich hilfreich, da ich mir mit den gekonnt verknüpften Verflechtungen der Akteure bisweilen schwer tat, auch weil ich das Buch leider nicht in einem Rutsch durchlesen konnte.


Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Raketenmänner

Raketenmänner

Bei Elton Johns Song „Rocket Man“ heisst es : „I’m not the man they think I’m at home“. Frank Goosen selbst sagte in einem Interview*, diese Zeile sei ihm die Inspiration für seinen Buchtitel gewesen. So erzählt er in seinem neuen Buch Geschichten von Männern, die die Rakete starten wollten, aber mit diversen Fehlzündungen hadern. Er erzählt von geschiedenen Vätern, von Chefs, die in Konferenzen von einem Haus am Meer träumen, von alten Schulfreunden, die in grauer Vergangenheit leidenschaftlich gemeinsam in einer Band schrammelten, von Männern, für die das Leben eine einzige Spätpubertät ist.

Es sind kleine Geschichten, die doch von den großen Lebensthemen handeln: Wehmut, Ernüchterung, die Macht von Vergangenheit und Erinnerung, Träume, Pläne und was am Ende davon übrig bleibt. So erzählen Goosens Raketenmänner vom Leben und vom Tod sowie dem Frieden, den man damit machen kann – oder eben nicht. Geschichten, jede für sich stehend, aber doch zusammengehörig. Manche Männer treffen wir in einem anderen Umfeld, einer anderen Geschichte wieder. Manch loser Faden fügt sich wieder zusammen, so dass das Buch am Ende keine Sammlung von Kurzgeschichten ist, sondern ein in sich gut abgerundeter Episodenroman.

Im Buch ist „Raketenmänner“ der Titel einer vergessenen, unbekannten Schallplatte (für die jüngeren Leser unter uns: Das sind diese runden, schwarzen Dinger aus Vinyl). Die Raketenmänner tauchen aus dem Dunkel eines alten Plattenladens auf und stehen für das einzig Perfekte, das ein Musiker mit dem bezeichnenden Namen Moses je hervorgebracht hat. Wie ein roter Faden zieht sich diese Platte durch die Geschichten und spielt im Leben mehrerer Männer eine wichtige Rolle.

Goosens Stil in diesen Geschichten ist wie die Musik auf der Platte: „schlicht, ohne Show und Schnörkel. Da trifft einer, ohne zu zielen.“ Mit feinem Sprachwitz und trockenem Humor lässt Goosen zeitweilig auch Melancholie und Nostalgie zu. Rechtzeitig findet er aber immer wieder zurück zu ironischer Distanz, so dass Sentimentalität gar nicht erst aufkommt. „Raketenmänner“ ist ein wesentlich reflektierteres Buch als die beiden letzten des vor allem im Ruhrgebiet äußerst beliebten Autors.

Nach dem kommerziell völlig zu Unrecht nicht so erfolgreichem Roman „So viel Zeit“ konnte man bei Goosen ja die Befürchtung hegen, er würde sich mit Büchern wie „Radio Heimat“ oder „Sommerfest“ auf eine Art ruhrischen Heimatroman beschränken. Die „Raketenmänner“ nun zerstreuen diese Befürchtung, sie sind sozusagen die Quintessenz des lachenden Pokorny mit So viel Zeit. Die beliebten Gassenhauer legt Goosen nun klugerweise seinen Protagonisten in den Mund, der Erzähler selbst gönnt sich schöne einfühlsame Bilder wie die „vom Himmel über den abgeschlossenen Geschichten“ oder „vom Irgendwann, dem Land, in dem die schönsten Dinge passieren„. Sätze, für die man manche Geschichten schon vom ersten Absatz an mag, auch wenn man noch gar nicht weiß, worum es geht. Sätze, die so für sich alleine stehen bleiben könnten, eine ganze Geschichte, ein ganzes Leben, in einem Satz erzählt. (Er sollte twittern.)

Natürlich sind es wie immer Geschichten mit hohem Wiedererkennungswert. Eins der größten Talente des Autors ist seine exzellente Beobachtungsgabe. Der Tonfall eines jeden Charakters ist wunderbar getroffen, man hat sie sofort vor Augen: den schnöseligen Unternehmensberater, den träumerischen Schallplattenverkäufer, die Frau, die Mann nur noch als Frau Dingenskirchen in Erinnerng hat. Und so manche Szene – man fragt sich, wie kann der wissen, was bei uns zuhause abgeht? War er dabei? Dann fällt einem ein, ach ja, der Goosen, er hat auch zwei Söhne, wie tröstlich zu wissen, dass wir alle die gleichen Probleme haben. Woanders iss eben auch scheisse.

Wie so oft bei Frank Goosen werden viele Geschichten von Musik begleitet. Die lautlosen Geschichten, die keinen Soundtrack haben sind auch die hoffnungslosen. In den anderen Geschichten ist es die Musik, die Leben retten, begleiten und beenden kann. Wie in der letzten Geschichte, die ein würdiger Schlusspunkt geworden ist. Eine Geschichte wie ein Traum von einem Rockkonzert, einem Konzert von „einfachen Leuten“ für „Raketenmänner“ oder umgekehrt. So sind die Raketenmänner ihre eigene Hymne geworden: Auf die Freundschaft, für die Verwirklichung von Träumen und eine verständnisvolle Liebeserklärung an die Männer mit all ihren Bemühungen und all ihrem Scheitern. Kurze Geschichten, geschrieben von einem Mann über Männer, bei weitem aber kein Buch nur für Männer. Schließlich wollen auch wir Frauen gerne wissen, wie Männer ticken. Vor allem die, die so gerne Raketenmänner wären

Erstveröffentlichung von Teilen dieser Rezension am 13.02.2014 in den Revierpassagen.de


Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Sommerfest

Sommerfest/ GoosenDa steht er nun. Der Wahl-Münchner Stefan auf dem Sommerfest seines alten Bochumer Fußballclubs, die Tulpe mit frisch gezapftem „Pilsken“ in der Hand, ein Lokalderby im Blickfeld, im Kreise alter Freunde und Wegbereiter. Stefan, gebürtiger Bochumer und leidlich begabter Schauspieler, hat sich vor 10 Jahren gegen Halden und für die Alpen entschieden. Dummerweise wurde sein Theater-Engagement nicht verlängert, man hat wohl gemerkt, dass seine Kunst mehr leidlich denn begabt ist. Seine Beziehung zu Schauspielkollegin Anka hat auch schon bessere Zeiten gesehen und der einzig greifbare Strohhalm ist ein Casting-Termin für eine neue Vorabendserie. Just in dieser Phase seines Lebens verabschiedet sich Onkel Hermann von der Welt. Onkel Hermann hat in Bochum die Stellung im alten Bergarbeiter-Reihenhäuschen von Stefans viel zu früh verstorbenen Eltern gehalten. Stefan bleibt nichts anderes übrig, er muss tief in den Westen, wenigstens für ein Wochenende, um den Verkauf seines Elternhauses in die Wege zu leiten. „Vor manchen Dingen kann man sich nicht drücken, das hat er gelernt, das hat ihm sein Vater klargemacht, da muss man einfach durch. Schnell rein, schnell raus, keine Gefangenen. Das war der Plan.“ Nur einige wenige Leute, die es verdienen, will er treffen. Allen voran natürlich die geliebte Omma Luise, den alten Kumpel Frank und dessen noch immer verwirrend schöne Frau Karin, auch ein Besuch inne Bude vonne Tante Änne sollte drin sein. Zu allem Überfluss ist es das Wochenende der Sommerfeste. Nicht nur bei seiner alten Spielvereinigung wird gefeiert, es ist auch noch das Wochenende des größten Sommerfestes, dass der Pott je zelebriert hat. 60 km Tische und Aktionen auf der A 40, dem berüchtigten Ruhrschleichweg. Es ist das Wochenende vor der LoveParade, als das Ruhrgebiet noch trunken von seiner Kulturhauptstadtwichtigkeit war. Da Stefan jetzt schon mal da ist, muss er natürlich auch auf der Autobahn mitfeiern. Nicht, dass die alten Freunde denken, er hielte sich für was Besseres. Denn im Pott kann man „sich nämlich einiges zuschulden kommen lassen, aber sich für was Besseres halten, das ging nun gar nicht.“ Und so wird dieses Heimatwochenende für Stefan zur Tour de Ruhr, zum Wiedersehen mit alten Freunden und Feinden und nicht zuletzt mit seiner unvergessenen Sandkastenliebe Charlie, der Tochter des „masurischen Hammers“, Kirmes-Preisboxer und lokale Berühmtheit. Charlie, die sich verändert hat und doch wieder nicht. Charlie, die immer schon wusste, was gut für ihn ist und die ihm auch heute noch seinen Weg zeigen könnte, wenn Stefan sie nur mal lassen würde.

Da sind wir nun. Der neue Goosen ist raus. Seit Wochen schon kloppen sich die Menschen im Ruhrgebiet um die letzten, vereinzelten Restkarten für seine Lesereise, in den lokalen Medien ist er omnipräsent, bei West-Art erleichtert der Autor höchstselbst die Recherche, indem er bestätigt, dass Sommerfest das erste Goosen Buch ist, in dem die Stadt Bochum explizit als Ort des Geschehens genannt wird. Und? Hält der Titel, was er verspricht? Von mir ein klares Ja. Der Titel ist das Programm. Sommerfest ist auch ein Fest für den Leser. Ein Fest, bei dem das Leben und die Freundschaft gefeiert werden, ein Fest, auf dem aber auch ernste und melancholische Gedanken ihren Platz haben. Heimat und der Platz, den man im Leben inne hat oder gerne hätte, die wiederkehrenden Themen des Frank Goosen. Ging es in seinen ersten Romanen noch ums Erwachsenwerden, sind es wie in „So viel Zeit“ nun auch in „Sommerfest“ die Weichenstellungen und Korrekturen, die der FortySomething noch vornehmen kann.“Einmal falsch abgebogen und dafür ewig und drei Tage auf die Fresse gekriegt“ – das muss ja nicht unbedingt so bleiben. Was unbedingt so bleiben sollte und was zu bewahren Goosen ein erklärtes Anliegen ist, sind „die bedrohte, schützenswerte Sprache“ und die Geschichten des Ruhrgebiets. „Man müsste all die schönen Geschichten mal aufschreiben, die Storys, die auf der Strasse liegen und die man nur aufheben muss“. So wünscht es sich Omma Luise im Buch. Genau das ist es, was Frank Goosen tut. Er schreibt nicht nur die Chronik der schönen Geschichten, er bewahrt uns Ruhrgebietlern auch all die schönen Wörter wie Killefit oder Klümpchen, „Wörter, die schon in Köln keiner mehr versteht.“ Nebenbei haucht er den alten Sprüchen, die nicht nur er seiner Omma verdankt, neues Leben ein. Und sei es auf den Souvenirs zum A 40 Event, worüber er seine Hauptfigur Stefan selbstironisch den Kopf schütteln lässt, denn sowas sei ja eigentlich „der Gipfel der Albernheit“.

Fazit: Auch in Sommerfest bleibt Goosen sich selber treu, ohne auf der Stelle zu treten. Sein Stil ist unverwechselbar, er wird mit jedem Buch allerdings klarer, behält seine Ironie und verliert an Lakonie, was seiner Intention durchaus zugute kommt. Einen Extrapunkt dafür, wie geschickt Goosen seine Figur Stefan nutzt, um die im Ruhrgebiet beliebte Sitte, das Gestern zu verkommerzialisieren oder zu „vergotten“, durchaus differenziert zu beleuchten. Sommerfest ist aber beileibe kein Buch, welches sich nur für hartgesottene Ruhrgebietler empfiehlt. Goosens Blick auf die Welt ist zwar vom Pott geprägt, aber seine Sicht der Dinge ist über lokale Grenzen und nebenbei bemerkt auch über Altersgrenzen hinaus lesenswert.

Der Autor: Frank Goosen, Jahrgang 1966, lebt in seiner Heimatstadt Bochum, aus der es ihn nicht einmal fürs Studium fortzog. Beliebt und bekannt wurde er im Ruhrgebiet mit dem Kneipen Literaturkabarett „Tresenlesen“, seit 1995 ist Goosen Gründungsmitglied und Vorstand des PrinzRegent Theaters in Bochum. 2001 erschien mit „Liegen lernen“ sein erstes Buch, welches ihn verdient über die Grenzen des Ruhrgebiets hinaus bekannt machte. Es folgten weitere Romane, Kurzgeschichten und natürlich Kolumnen in den einschlägigen Fußball-Magazinen, Herzenssache für den fußballverrückten stellvertetenden Aufsichtsrat des VFL Bochum. Mit Lesungen seiner Bücher, aber auch mit eigenen kabarettistischen Programmen tourt Frank Goosen regelmäßig. Wem es gelingt, eine Karte zu ergattern, seien seine Vorstellungen ans Herz gelegt. Der gelernte Tresenleser hat nichts verlernt, treffsichere Spitzen sowie seine Begabung für spontane Repliken machen solche Abende zuverlässig zum Erlebnis.

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Genre: Romane
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Ruß

9783462043297_grStereotypen wiederholen sich doch. Willkommen im beliebtesten Handlungsort Deutschlands für überzeichnete Tristesse: Duisburg. Willkommen in abgewrackter Ruhrpott-und Malocher Folklore. Willkommen in Ruß, dem neuen Roman von Feridun Zaimoglu. Willkommen in einem arg dürftigen Handlungsgerüst. Schnell erzählt: Dem Arzt Renz wurde seine Frau ermordet. Resigniert und desillusioniert wird er zum Säufer, mühsam aufrecht gehalten von seiner Arbeit als Budenmann am Ruhrorter Neumarkt. „Nach und nach isst er die Asche seiner getöten Frau direkt aus der Urne“ , findet seltsamen Trost in dilettantischer Ikonenmalerei. Die trügerische Ruhe wird gestört durch höchst unklare, undurchsichtige Gesellen, die ihm aus ebenso unklaren Motiven zur Rache verhelfen wollen. Der Tag der Haftentlassung des Täters naht und Renz lässt sich auf eine Jagd durch Deutschland nach Polen, schließlich Österreich ein – um zu einem so vorsehbaren wie unbefriedigendem Showdown zu gelangen.

Besessen von Sprache, mit unbändiger Lust am Spiel mit derselben malt Zaimoglu das Bild eines verlorenen, düsteren, labyrinthischen Ruhrgebiets, bevölkert von Pappkameraden mit vernarbten Lebensgeschichten. Spürbar ist der Autor vom Willen getragen, mit einer von Überflüssigem befreiten Poesie des Unschönen Literaturgeschichte zu schreiben. Den realen ruhrischen Umgangston löst er solange aus seinen Ursprüngen heraus, bis eine künstlich anmutende Umgangssprache entstanden ist. Ich für meinen Teil ( in Duisburg pottriotisiert ) – ich mag mein Ruhrisch, aber so wie die blassen Zecher am Kiosk spreche ich ganz sicher nicht. Ich habe mich nicht willkommen gefühlt im Ruß Zaimoglus. Mir hat das Buch nicht gefallen. Und zwar nicht nur, weil das Buch ganz sicher nicht gefallen will. Es will verstören und aufrütteln – aber das ist ein schmaler Grat. Ein Grat, der im Buch zu oft verlassen wird. Ein Grat, auf dem die Charaktere mühsam kippeln. Genauso mühsam, wie das Buch zu lesen ist. Gerade zum Ende hin erzeugt das Buch nichts als Überdruß.

Gleichwohl – wir wollen fair bleiben. Finsternis, Verzweiflung und Alkoholismus nehmen keineswegs ab, wenn die Handlung sich an andere Orte verlagert. Im Gegenteil – immer neue Lügengeschichten treiben das Verwirrspiel noch wüster voran. Der Leser weiß nicht nur, wem er glauben, trauen, schauen soll – er weiß auch nicht, liest er nur eine Road-Novel, einen Thriller oder doch vielleicht einen Heimatroman der anderen Art. Auch die Kritikpunkte an der oft zu bemühten Sprache Zaimoglus – sie relativieren sich, wenn man sie mit der Sprache anderer, in diesem Jahr preisgekrönter Romane vergleicht. (Ich sage nur : „Nämlich, dass…“) Seien wir dankbar, wenn wir einen Autor haben, der mit Sprache ringt, sie respektiert, ja, sie letztendlich in den Mittelpunkt seiner Bemühungen stellt. Und – für einen ganz großen Pluspunkt hat es sich gelohnt, das Buch gelesen zu haben: Zaimoglus Beschreibung der im Metropolenwahn der Kulturhauptstadt entstandenen Pseudo-Hochglanz- Locations wie dem Duisburger Innenhafen trifft es wie keine von mir bisher gelesene und legt den Finger genau in das wunde Herz derer, die nicht wollen, dass aus ihrem Ruhrgebiet eine öknomischen Zwängen untergeordnete kalte Ruhrstadt werden soll.

Vielleicht hätte mir das Buch besser gefallen, wenn der Vorab-Trommelwirbel des Verlags mir nicht die „große, deutsche Saga aus dem Ruhrgebiet “ versprochen hätte und meine Erwartungshaltung nicht die einer Ruhrgebietlerin gewesen wäre, welche in einem Roman über das Ruhrgebiet wirklich gerne etwas anderes als Klischees lesen würde. Sicher – es ist das Recht eines jeden Autors, seinen Handlungsort so trist und grau zu malen, wie es ihm beliebt. Sicher – Zaimoglu ist in guter Gesellschaft. Viele seiner Figuren und Orte erinnern an synthetische Versatzstücke aus Filmen, Büchern, Hörspielen über das Revier. (Duisburg-Ruhrort- so der Titel des allerersten Schimanskis. Seitdem hat wohl jeder in Deutschland eine verbriefte Vorstellung des Ortsteils. Die Schifferbörse, der schöne alte Ortskern, die sorgfältige restaurierte Promenade und das Haniel Haus gehören nicht dazu.) Dennoch- ich kann es nicht mehr hören. Dieses triste, trostlose Bild unserer Region und wenn die Süddeutsche noch so selbstgerecht urteilt: „Ein lebenskluger Roman über Deutschlands verwildernden Westen“. Ich sehe sie förmlich vor mir: die deutsche Intelligenzija in ihren Lese-Fauteuils, wie sie aus sicherer Distanz selbstgefällig urteilen, welch ein Kenner mit „Ruß“ doch am Werke war . Wie bestätigt man nun doch in der von den armen Ruhrgebiets-Eingeborenen so vehement abgestrittenen Darstellung des Ruhrgebiets als Tristesse pur ist. Dass Zaimoglu selbst freundlich erklärte, die „Ruhries in ihrer Discount-Diaspora durchaus zu lieben“, macht mein Gefühl nach diesem Buch nicht weniger schal. Ich kann es nicht mehr hören. Gerade weil ich seit jeher oft und gerne sage: „Solln Se doch so reden, dann bleiben Se uns wengstens erspart, solche Fuzzis. Ohne die warn hier immer schon besser dran“ werde ich hier nichts weiter zur Ruhrgebietsverteidigung hinzufügen. Wartet in Ruhe ab. Eine meiner nächsten Rezis. Ich hab da noch watt Feinet inne Hinterhand.

Feridun Zaimoglu kam 1965 mit seinen Eltern nach Deutschland und lebt in Kiel. Nach angefangenem Studium der Medizin und der Kunst arbeitet er als freier Schriftsteller. Seit seinem viel beachteten Erstlng „Kanak Sprak“ wendet er sich in seinen literarischen Werken gegen einen romatischen Multikulturalismus.

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Genre: Romane
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Die Erzählungen

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Joseph Roth (1894-1939) gilt manchen als ein Wunderrabbi im Kleid des Gentlemans, der mit dem Alphabet heilen konnte, anderen als schiffbrüchiger österreichisch-ungarischer Monarchist, der seinen Kummer über den Niedergang der Habsburger in Hektolitern Alkohol ersäufte. Selbst charakterisierte sich der galizische Jude, österreichische Dichter und katholische Trinker Roth als »böse, besoffen, aber gescheit« und traf damit wohl ins Schwarze.

Roth, dessen Texte zum Feinsten zählen, was die deutsche Literaturgeschichte zu bieten hat, wurde durch seine Romane »Hiob«, »Radetzkymarsch« und »Kapuzinergruft« berühmt. In der Vor-Hitler-Zeit war er einer der bestbezahlten Zeitungsschreiber Deutschlands, im Exil galt er als einer der kompromisslosesten Gegner des Nazi-Terrors. Doch die politische Entwicklung gab ihm den Rest und machte aus einem fröhlichen Zecher einen zerrütteten Alkoholiker. Schluck für Schluck beging er Selbstmord und verbrannte wie ein bengalisches Feuerwerk. Ein jetzt vorliegender Band mit seinen gesammelten Erzählungen lädt ein, sich mit Joseph Roth zu beschäftigen.

Als »eine der schönsten Legenden, die im 20. Jahrhundert gedichtet wurde« (Marcel Reich-Ranicki) hinterließ Roth »Die Legende vom heiligen Trinker«, die kurz vor seinem Tod entstand. In dieser Erzählung wird der dem Alkohol verfallene Clochard Andreas von einem Unbekannten mit 200 Francs beschenkt. Die soll er, falls es ihm eines Tages möglich sei, in einer bestimmten Kapelle zugunsten der Heiligen Therese von Lisieux hinterlegen. Andreas geht von seinem unerwarteten Reichtum gut essen, wäscht sich, lässt sich rasieren und besucht ein Café. Dort spricht ihn ein Herr an, der seine schäbige Kleidung bemerkt und bietet ihm einen Job als Möbelpacker an. Als Lohn werden 200 Francs vereinbart.

Andreas führt die vereinbarte Arbeit gewissenhaft aus und erwirbt, weil er sich bereits einer neuen Klasse zugehörig fühlt, eine lederne Brieftasche. Am nächsten Sonntag geht er zu der Kapelle, um einen Teil seiner Schuld zu zahlen, versackt jedoch in einer Eckkneipe. Dort trifft er auf Karoline, eine verflossene Liebe. In einem Nebel von Hochprozentigem erinnert er sich, wie er vor vielen Jahren aus dem polnischen Schlesien nach Paris kam, da man in Frankreich Kohlenarbeiter suchte. Er hatte bei Landsleuten logiert. Dabei verliebte er sich in die damals verheiratete Karoline, und als ihr Mann sie eines Tages zu Tode schlagen will, schlägt er den Mann tot. Dafür saß er zwei Jahre im Gefängnis, dann folgte sein Absturz in den Alkohol, der ihn bis unter die Brücken von Paris führte. Als ihm in der Nacht die Heilige Therese im Traum erscheint und an seine Schuld erinnert, verlässt er Karoline.

In der Reihe der Wunder, die Andreas widerfährt, entdeckt er plötzlich einen Tausend-Francs-Schein in der frisch erworbenen Brieftasche. Er wechselt sie in einem Tabac und sieht dort das Foto eines ihm bekannten Landsmanns, der inzwischen zum Fußballstar avancierte. Er spürt diesen alten Kumpel auf, wird herzlich von ihm in die Arme geschlossen, mit frischer Kleidung beschenkt und zum Essen geladen.

Am Sonntag geht Andreas wieder Richtung Kirche, um der Heiligen Therese ihr Geld zu erstatten. Doch dort trifft er auf einen weiteren Freund aus der Vergangenheit, Woitech, dem er sein gesamtes Geld schenkt, um ihm aus einer angeblichen Not zu helfen. Und wieder fließt Alkohol in Strömen.

Nun kreuzt erneut jener Herr seinen Weg, der ihm die ersten 200 Francs geschenkt hat, und der Mann schenkt ihm erneut Geld. Das verzehrt Andreas in einer Bar. Am Sonntag geht er wieder voll guter Vorsätze zu der Kapelle. Ein Polizist spricht ihn unterwegs an und überreicht ihm eine fremde Brieftasche, die er angeblich verloren habe. Darin liegen 200 Francs. Ein Kumpel verleitet ihn jedoch erneut zum Saufen, bevor Andreas die Kirche betreten kann. An der Theke kippt er plötzlich um und wird in die gegenüber liegende Sakristei geschleppt, wo er mit einer Bewegung, als wollte er in die linke innere Rocktasche greifen und seine Schulden zahlen, einen letzten Seufzer tut und stirbt.

Mit dieser wunderschönen Novelle setzt sich Roth mit seiner eigenen Trunksucht auseinander und macht dabei immer wieder die Ehrenhaftigkeit deutlich, die ihn sein gesamtes Leben auszeichnete. Nach der »Legende vom heiligen Trinker« schrieb der Autor nur noch ein letzte Erzählung, »Der Leviathan«. Darin geht es wieder um einen im Grunde ehrenhaften Mann, den Korallenhändler Nissen Piczenik. Dieser Mann glaubte, dass die Korallen, mit denen er sein Leben lang handelte, lebendige Wesen seien, die Jehova dem Leviathan anvertraut habe, der sich auf dem Urgrund aller Wasser ringele, und die Verwaltung über alle Tiere und Gewächse des Ozeans, insbesondere über die Korallen, ausübe. Piczenik wird jedoch durch einen Konkurrenten, der künstliche Korallen aus Zelluloid zu einem Spottpreis verkauft, aus der Bahn geworfen und letztlich zum Trinker, bevor er auf dem Boden des Meeres mit seinen geliebten Korallen eins wird.

Traurige Figuren und unglückliche Schicksale sind es, die Roth in seinen Erzählungen beschreibt. »Jede Seite, jede Zeile, ist wie die Strophe eines Gedichts, gehämmert mit dem genauesten Bewusstsein für Rhythmus und Melodik«, schrieb sein Freund und Gönner Stefan Zweig über den Autor, der mit nur 44 Jahren verschied und uns ein fulminantes Werk hinterließ.

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Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Mulatten in gelben Sesseln

Die schier unglaubliche Entstehungsgeschichte des kleinen Harald könnte ebenso gut von Helge Schneider stammen. Ob das nun gut oder schlecht ist, mögen die beiden untereinander ausmachen. Jedenfalls kam HS als Sturzgeburt zur Welt, und das geschah so schnell, dass selbst die Mutter nicht rechtzeitig zur Stelle war. Entsprechend sprudelt es in munterer Folge aus dem inzwischen betagten Knaben hervor: von der Zwölftonmusik Schönbergs, mit der er als Kind angeblich in den Schlaf gesungen wurde über Begegnungen mit Schriftstellern, Filmstars, Regisseuren und anderen Stars der Siebziger Jahre, die in bunter Folge über- und durcheinander purzeln, hin zu Vaterschaftsprozessen in Kirgisien. Schmidts vollkommen absurde „Tagebücher“ sind, seien wir heute einmal großzügig, ein Potpourri des gebildeten Blödsinns, ein Feuerwerk des angewandten Alphabetismus.

Der zweite Teil des Buches (in Wahrheit sind es vier Fünftel) besteht aus neueren Kolumnen, die wöchentlich im „Focus“ unter dem Konterfei des Talkmasters erscheinen. Die sind erste Sahne und lassen sich wie leckere kleine Teilchen stückweise verzehren.


Genre: Humor und Satire
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Schrecklich amüsant — aber in Zukunft ohne mich

Im Auftrag einer Edelgazette unternimmt der Autor eine Luxuskreuzfahrt in die Karibik. Mit messerscharfem Beobachtungsvermögen seziert er das Geschehen an Bord des schwimmenden Palastes. Entstanden ist eine literarische Reportage, die sich vor allem den grotesken Auswüchsen des Verwöhntourismus widmet.

Foster Wallace erkennt in dem professionell freundlichem Amüsierservice in engelhaftem Weiß, der sich ihm unter einer lapislazuliblauen Himmelskuppel bietet, eine der Hauptursachen dafür, dass er froh ist, wieder von Bord gehen zu dürfen ohne vorher zu verzweifeln. Für jeden, der plant, erstmals eine organisierte Schiffsreise zu buchen, ist die Lektüre des Essays eine genussreiche Trockenübung.


Genre: Humor und Satire
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Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod

Deutsche Sprache — schwere Sprache. Im Dschungel der so genannten Rechtschreibreform, die zu allem Überfluss ihre eigene Reform erlebt bevor sie in Kraft tritt, versucht Bastian Sick mit seinen Zwiebelfisch-Kolumnen in der Online-Ausgabe des Hamburger Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL in einigen der geläufigsten Zweifelsfälle Wegweiser zu sein. Nun verleitet er uns dazu, einigen seiner Kolumnen in Buchform Vertrauen zu schenken. Durch den pfiffigen Buchtitel „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ begegnet Sick bereits im Vorfeld Befürchtungen, ein Oberlehrer im Ruhestand habe ein weiteres entbehrliches Werk zum Umgang mit unserer Muttersprache auf die Menschheit losgelassen. Tatsächlich wird der Leser auf mitunter sogar amüsante Weise mit Zweifelsfällen der deutschen Sprache konfrontiert. Dabei gelingt es Sick, aktuelle Fälle aus dem Kauderwelsch der Politiker und dem Bombastjargon mancher Journalisten vorzuführen, mit denen der Leser überprüfen kann, ob und inwieweit er selbst schon in stilistische Fallen getreten ist.


Genre: Sprache
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