Das Singen der Sirenen

Literarisch ein Solitär

Mit dem Roman «Das Singen der Sirenen» gelang Michael Wildenhain eine überzeugende Synthese aus Inhalt und Stil, aus zeitaktueller Themenvielfalt und bravourös variierter Sprache. Wobei eines seiner Themen schon im Titel anklingt, ist doch der Protagonist wie Odysseus den Verlockungen der Sirenen ausgesetzt, – nur dass niemand den Romanhelden an den Mast bindet. Ein Liebesroman also? Mitnichten! Der Autor hat als ehemaliger Hausbesetzer und Linker soziale, politische, ethische und ökonomische Themen eingebunden in seinen Plot, der zeitlich im Jahre 2010 angesiedelt ist.

Dr. Jörg Krippen, Literaturwissenschaftler, Dramatiker und Frankenstein-Spezialist, wird als Gastdozent nach London eingeladen. Ein willkommener Job, denn eine Karriere als Wissenschaftler hat er längst verpasst, er lebt in prekären Verhältnissen mit Frau und fünfzehnjährigem Sohn Leon in einem Plattenbau in Berlin-Hellersdorf. Sabrina arbeitet als Lageristin, beide waren aktive Mitglieder einer militanten Antifa-Gruppe, haben sich aber aus Angst vor Vergeltung in ein unauffälliges Privatleben zurückgezogen, nachdem die beinharte, prollige Sabrina bei einem Überfall einen Neonazi angeschossen hatte. Auf dem Campus in London trifft Krippen auf Mae, eine an ihrer Promotion arbeitende, deutlich jüngere und überaus attraktive Stammzellen-Forscherin indischer Herkunft, die schon bald seine Geliebte wird. Und ihm dann überraschend seinen elfjährigen, unehelichen Sohn Raji präsentiert, Ergebnis eines Seitensprungs mit ihrer älteren Schwester. Ein Gentest bestätigt seine Vaterschaft, ergibt aber als unerwartetes Nebenergebnis, dass er nicht der Vater von Leon ist.

Der Erzählstoff kreist um polarisierende Themen, die akademische Rivalität zwischen Geistes- und Naturwissenschaften zum Beispiel, oder gebildete Geliebte und proletenhafte Ehefrau, sexuell beglückende Liebe und unerwünschte Fortpflanzung, er lebt aber auch vom kulturellen Kontrast zwischen westlichem und östlichem, hier indischem Lebensstil, – selbst Pegida wird thematisiert. Die beiden Söhne Raji und Leon könnten unterschiedlicher nicht sein, draufgängerischer Rugbyspieler und Schachgenie der eine, untalentierter Fußballer der andere. Natürlich spart Wildenhain als Linker auch nicht mit Kapitalismuskritik, personifiziert hier durch den Cousin von Mae, der viel Geld verdient, ohne dass wirklich klar wird, womit, während Jörg als Dramatiker auf Hartz 4 angewiesen wäre ohne seine Gastdozentur. Der antriebslose Protagonist, ein typischer Looser, übt eine unerklärliche Anziehungskraft auf Frauen aus, dem auch die «schöne Russin» erlegen ist, Regisseurin eines seiner erfolglosen Bühnenwerke. Als Liebhaber bringt er Frau und Geliebte im Bett gleichermaßen zum Stöhnen, der Sex wird jedoch niemals vulgär erzählt, sondern ausgesprochen dezent, eher beiläufig, erwähnt. Erzählerisches Meisterstück ist der Kuss im 49ten, dem vorletzten Kapitel: «Es ist ein Kuss, der, wie Alice Munro es ausdrückt, ein Ereignis für sich ist», der Abschiedskuss von Mae nämlich, nachdem er sich endgültig zur Rückkehr nach Deutschland entschieden hat. «Denk nach, Jörg Krippen, geh in dich, horche in dich hinein, weißt du, wogegen du dich entscheidest?» sagt die Erzählerstimme, als er Mae im Arm hält. Grandios, diese knapp zwei Seiten!

Wildenhain jongliert sprachlich virtuos mit verschiedenen Stilen, variiert sie stimmig und szenensynchron nach Erzählsträngen, wechselt perspektivisch von der Ich- zur Er-Erzählform oder auch zur Du-Form und deutet, kursiv gesetzt, am Ende als auktorialer Erzähler sehr berührend das weitere Schicksal seiner Figuren an. Seine bilderreiche Sprache ist komplex, changiert von stakkatoartigen Wortfetzen zu ambitionierten Satzgebilden, vom Gassenjargon bis zur fein ziselierten Hochsprache. Ich habe in der deutschen Gegenwartsliteratur schon lange nichts Vergleichbares mehr gelesen, literarisch ein Solitär also, – bereichernd, erfreuend und unterhaltend im besten Sinne!

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
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Die Uhrwerk-Orange

burgess-1Eine fragwürdige Konditionierung

Der Roman mit dem kryptischen Titel «Die Uhrwerk-Orange» von Anthony Burgess ist der große Wurf im umfangreichen Œuvre des englischen Autors, sehr zu dessen Bedauern. Er wolle nicht auf dieses eine Werk reduziert werden, erklärte der Schriftsteller. An dieser Dominanz hat allerdings auch Stanley Kubricks gleichnamige Verfilmung einen nicht unerheblichen Anteil. Ähnlich, nicht ganz so ausgeprägt, ist es übrigens auch Thomas Mann mit seinen «Buddenbrooks» ergangen, in beiden Fällen hat das entscheidende große Werk seinen Autoren allerdings einen ansehnlichen Wohlstand beschert, vom Ruhm ganz abgesehen. So what! Im Original 1962 erschienen, ist dieser Roman zeitlich in einer nahen Zukunft angesiedelt, in einer unguten allerdings, muss man hinzufügen. Sein Thema ist die Frage nach dem Guten und dem Bösen, eine rein moralisches Problem, nur den Menschen betreffend, die Natur kennt derartige Kategorien bekanntlich nicht. Kann man den im tiefsten Inneren einschlägig vorgeprägten Menschen ändern?

Burgess erzählt in seinem dreiteilig aufgebauten Roman von einer Jugendbande, deren ungebremste kriminelle Energie sich in brutalen Raubüberfällen, Vergewaltigungen und blinder Zerstörungswut entlädt. Als Alex, sechzehnjähriger Anführer der vierköpfigen Gang, beim Überfall auf eine alte Frau, die er dabei tötet, von der Polizei gefasst wird, landet er für vierzehn Jahre im Gefängnis. Zwei Jahre später nimmt er dort als Versuchsperson an einem neuartigen Programm zur Resozialisierung teil. Man spritzt ihm ein Medikament, schließt ihn an diverse Sonden an und führt ihm vierzehn Tage lang täglich mehrere Stunden Film mit schlimmen Gewaltexzessen vor. Dabei ist er auf einem Stuhl fixiert und kann auch die Augen nicht schließen, wird also unerbittlich gezwungen, zuzusehen bei all den Gräueln. Sehr bald schon wird ihm schlecht, ohne dass er sich erbrechen kann, wenn er auch nur an Gewalt denkt, man entlässt ihn deshalb als nicht mehr gefährlich in die Freiheit. Dort wird er selbst Opfer von Gewalt, wird für politische Auseinandersetzungen instrumentiert, begeht einen Selbstmordversuch und liebäugelt am Ende gar, endgültig domestiziert, mit einer bürgerlichen Existenz, denkt an Frau und Kinder.

Als Ich-Erzähler benutzt Alex, der begeisterter Hörer von Klassik ist, besonders von Beethovens Sinfonien, einen Jugendslang, die von Burgess speziell für diesen Roman konstruierte Sprache Nadsat, die auf dem Russischen basiert. Mit diesem Jargon soll einerseits die futuristische Szenerie verdeutlicht, andererseits aber auch eine gewisse Distanz zum diabolischen Geschehen hergestellt werden. Und so sieht man sich denn mit Kunstwörtern wie Droog, Tollschock, Slowo, Velozet, Sabok, Petieze, Tschelljuffjek; Nosch; Britwa; Spatschka; Mesto, Dewotschka, Maltschick und vielen anderen konfrontiert, – mit unterschiedlichen Auswirkungen auf das Lesevergnügen allerdings, abhängig vom Naturell des verblüfften Lesers. Die Zukunftsperspektive, die uns Burgess 1962 ausmalte, ist aus heutiger Sicht nicht ganz abwegig, sinnlose Gewalt in Form des Terrorismus ist ja Thema Nummer Eins in den Medien. Und führt wie im Roman zu No-go-Areas in bestimmten städtischen Quartieren, verschämt soziale Brennpunkte genannt, in die sich selbst die Polizei nicht mehr hineintraut.

Die Stärke dieses Romans ist zweifellos seine philosophische Thematik, die Frage nämlich, ob laut dem Dogma von der Erbsünde der Mensch von Natur aus schlecht sei, das Gute also eine Konditionierung ist, oder aber, dem Mönch Pelagius folgend, ob der Mensch als Gottes Geschöpf selbstverständlich gut sein müsse, sonst wäre ja ein Teil der Schöpfung böse. Der intelligente Alex jedenfalls ist zu keiner Empathie fähig, ist seelisch allenfalls über seine Musik erreichbar, ihm fehlt jedes Unrechtsbewusstsein. Die Konditionierung, die er erfährt im Roman, ist fragwürdig, gleichwohl wird man diese Figur lange im Kopf behalten als Leser, und die aufgeworfenen Fragen ebenfalls.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Berittener Bogenschütze

kronauer-2Das Mirakel der Realität

Man hat vom Höhepunkt ihrer Erzählkunst gesprochen bei Brigitte Kronauers 1986 erschienenem Roman «Berittener Bogenschütze», der nicht nur vom Titel her Rätsel aufgibt. Die mit vielen Preisen geehrte Schriftstellerin hat nach langen Jahren im literarischen Untergrund ihren ganz eigenen Erzählstil entwickelt, den sie nach ihrem erfolgreichen Romandebüt wie ein Markenzeichen konsequent weiterverfolgt und im vorliegenden, sechs Jahre später erschienenen Band auf die Spitze getrieben hat. Mit Realistik im Sinne üblicher Lesererwartungen hat ihr spezieller literarischer Stil rein gar nichts gemein, soviel vorweg!

Der vierzigjährige Matthias Roth ist Literaturdozent an einer nicht genannten deutschen Uni, sein Forschungsschwerpunkt scheint Joseph Conrad zu sein. Er ist allein stehend und lebt als möblierter Herr in zwei einfachen Zimmern beim Ehepaar Bartels. Nachdem Karin ihn verlassen hat, ist er zu Beginn des Romans mit der Biologiestudentin Marianne liiert, die gelegentlich bei ihm übernachtet. Frau Bartels kocht für ihn und erzählt ihm Geschichten über die Mitbewohner, die ihn wirklich nicht interessieren, die er aber aus reiner Höflichkeit über sich ergehen lässt. Als er seinen früheren Freund Fritz und dessen Frau in einer anderen Stadt besucht, staunt er über das für ihn rätselhafte Eheleben der Beiden, spekuliert darüber, wie nahe sie sich menschlich denn tatsächlich sein können. Von den alten Freunden ist nur Hans in der Stadt geblieben, er ist mit Gisela verheiratet und hat einen Job im Kulturamt; Matthias ist öfter bei ihnen eingeladen, die Drei verstehen sich gut. Als Marianne ihn wortlos verlässt, unternimmt er in den Semesterferien eine längere Reise nach Italien, wohnt einige Zeit bei Irene, einer allein stehenden Bekannten in Genua, ohne aber intim mit ihr zu werden, wie er es eigentlich vorhatte. Am letzten Tag seines Badeurlaubs hat er auf einer Wanderung in einem einsamen, mediterranen Tal eine Art Erweckungserlebnis. Zurückgekehrt trifft er zufällig Anneliese wieder, mit der er mal eine Nacht verbracht hatte, und bandelt nun wieder mit ihr an. Der Roman endet mit einer ihn vollends irritierenden Begebenheit: Als er eines Abends seine Freunde besucht, ist Hans noch nicht von der Arbeit zurück. Beim Teetrinken in der Küche kommen er und Gisela sich plötzlich für einen winzigen Moment nahe, man hört aber schon den Schlüssel von Hans in der Haustür. Völlig verwirrt nach schlafloser Nacht trifft Matthias die Beiden am nächsten Abend wieder, und alles ist wie immer, als wäre nichts geschehen.

Brigitte Kronauer versucht in ihrem Roman, den Dingen des Alltags auf den Grund zu gehen, Erkenntnisse zu gewinnen über die Geheimnisse dessen, was wir Wirklichkeit nennen. Ihr sensibler Protagonist ist ein ewiger Grübler, ein Skeptiker, der ständig sinnierend das Innere der sichtbaren Welt ebenso zu erforschen sucht wie das verbindende Beziehungsgeflecht ihrer Teile. Als sehr spezieller Entwicklungsroman, in dem nichts von Bedeutung passiert, enthält er fast ausschließlich tiefsinnige Reflexionen und äußerst detailverliebte Schilderungen. In einer kreativen, wortmächtigen Sprache lassen sie auf der Suche nach Erkenntnis, nach dem Mirakel hinter der Realität, vieles aufscheinen, das sich dem weniger genauen Betrachter völlig entzieht.

Der komplexe Roman erscheint mir ziemlich artifiziell, er ist wahrlich nicht einfach zu lesen mit seinen zuweilen komplizierten Satzgebilden, die partout alles, was ist, zu benennen suchen. Damit erfordert er einiges an Geduld, nötigt zudem den Leser auch zur Mitwirkung bei der Überfülle an Details, die da auf ihn einströmen und sich zu Bildern formen, permanent neue Assoziationen generierend. So sehr die exzessive, fast schon manische Beschreibungslust der Autorin auch zu bewundern ist, das Gros der Leser dürfte den Roman kaum wirklich goutieren, zu abseitig ist diese spezifische Erzählweise, von der schwierigen Thematik ganz zu schweigen.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Das Nest

daprix-sweeney-1Kreatives Schreiben

Entsteht beim Erscheinen eines neuen Buches ein Hype wie der beim Roman «Das Nest» von Cynthia D’Aprix Sweeny, sollte der Leser gewarnt sein: Vorsicht, Bestseller! Die US-amerikanische Autorin war freiberufliche Werbetexterin und hat nach der Kinderphase ein spätes Studium in Creative Writing absolviert. Ihren Debütroman, den sie bereits während dieser Studienzeit begonnen hat, wäre ihr vom zweitgrößten Verlag der Welt, HarperCollins in New York, geradezu aus den Händen gerissen worden, sie hätte einen Dollarvorschuss in Millionenhöhe bekommen, wird kolportiert. Ein Blitzstart also, der wahr gewordene American Dream, – hält denn das Buch, was der Hype verspricht?

Der inzwischen verstorbene Patriarch der New Yorker Familie Plumb hat vor vierundzwanzig Jahren für seine vier Kinder einiges Geld in einem Fonds angelegt. Ein üppiges finanzielles Polster, wie er damals sagte, an das sie frühestens zum vierzigsten Geburtstag von Melody, seiner jüngsten Tochter, herankämen, damit sie es nicht vorher schon verprassen können. Fortan nannten die Geschwister dieses Erbe unter sich immer nur «Das Nest». Dem Roman ist ein Prolog vorangestellt, der einen schlimmen Autounfall von Leo schildert, dem Playboy unter den vier Geschwistern, bei dem seine junge Beifahrerin einen Fuß verliert. Als nun die Auszahlung des Geldes ansteht, erfahren die Geschwister, dass der wohlhabende Leo auf einen Schlag all sein eigenes Geld verloren hat durch den Unfall und durch seine ruinöse Scheidung, seine Mutter musste sogar den Fonds auflösen, damit er die immensen Schadenersatzansprüche erfüllen konnte, – «Das Nest» ist also leer.

Was folgt ist die abwechselnd in mehreren Handlungssträngen erzählte Geschichte der vier Geschwister, die alle in Geldnöten sind. Die deutlich über ihre Verhältnisse lebende Melody kann die immens hohen College-Gebühren für ihre zwei Töchter nicht aufbringen, die erfolglose Schriftstellerin Beatrice möchte endlich ein größeres Appartement haben, und der schwule Antiquitätenhändler Jack hat hinter dem Rücken seines «Ehemannes» ? das gemeinsame Sommerhaus verpfändet. Der finanziell total abgebrannte Leo stellt seinen Geschwistern bei einem eilig anberaumten Familientreffen in Aussicht, er würde sich schon etwas einfallen lassen, damit ihr Erbteil doch noch ausgezahlt werden kann. Die Gier nach dem Gelde führt die Geschwister notgedrungen wieder enger zusammen, ohne dass dadurch familiäre Wärme entstehen würde, zu sehr träumt jeder von ihnen egoistisch davon, wie sich sein Leben auf Pump schlagartig ändern würde, könnte Leo frisches Geld auftreiben. Der Roman folgt unbeirrt der eingängigen Devise: «Geld macht nicht glücklich, aber es hilft ungemein».

Die Geschichte ist prall gefüllt mit jederzeit leicht nachvollziehbaren, geradlinig und ohne Schnörkel erzählten Geschehnissen, wobei der sprachliche Stil doch ziemlich bieder wirkt, ohne Esprit und kaum je witzig. All die glaubhaft beschriebenen Figuren agieren aber so munter, dass es dem Leser dieser verzwickten Geschwisterstory nicht langweilig wird. Und auch die Dialoge sind stimmig, der plausible Plot konzentriert sich weitgehend auf die schwierigen Charaktere der vier durchaus sympathisch erscheinenden Protagonisten, von deren Irrungen und Wirrungen im Wechsel so flott berichtet wird, oft in Form innerer Monologe. «Kreatives Schreiben will Anleitung zum Schreiben sein, ohne notwendigerweise anspruchsvolle Texte zu produzieren», heißt es bei Wikipedia, und genau diese Definition trifft hier auch voll zu. Dem mit offensichtlichem Kalkül auf Erfolg getrimmten Roman, an dessen Verfilmung schon eifrig gearbeitet wird, fehlt jedenfalls völlig ein wirklich authentischer Duktus, von inhärentem literarischem Genius ganz zu schweigen. Derart konstruierte Bücher, – so mein Albtraum, nachdem autonomes Autofahren ja schon Realität geworden ist -, werden künftig wohl Computer schreiben, mit intelligenten Algorithmen für das Creative Writing.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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Die Drachen der Tinkerfarm

Die Drachen der TinkerfarmMutter Jenkins möchte Singleferien machen. Doch wohin mit ihren halbwüchsigen Kindern Tyler und Lucinda? Die Nachbarin muffelt und müffelt, ein Sommercamp ist unbezahlbar. Rettung naht in Gestalt des alten Onkels Gideon Tinker, der die Kinder brieflich zur Sommerfrische auf seine Tinkerfarm lädt. Niemand hat bisher von diesem Onkel gewusst, aber das macht ja nichts. Zumindest der Mutter nicht. Da können Tyler und Lucinda noch so oft betonen, dass Heuwagen-fahrten nicht die Erfüllung ihrer Träume sind, ehe sie sich versehen, sitzen sie im Zug und harren der Kühe, die sie dort bestimmt melken und dem Mist, den sie kratzen müssen. Und Internet oder eine Playstation gibt es dort bestimmt auch nicht. Dafür sind sie angehalten, im Zug eine eigenartige Anleitung des Onkels zur Pflege von Kühen zu studieren. Dass sie dabei Asbestanzüge tragen sollen, macht sie nun doch neugierig.

Kaum angekommen auf der Tinkerfarm, merken sie schnell, dass es alles andere als die angekündigte „Ordinary Farm“ ist. Internet gibt es zwar, allerdings auch noch einiges andere. Drachen zum Beispiel. Einhörner, fliegende Affen. Landarbeiter, die längst vergangenen Zeiten entsprungen zu sein scheinen. Noch während die Geschwister versuchen, hinter die Geheimnisse des Zauberreichs zu kommen, in das es sie so unvermutet verschlagen hat, wird die Farm schon bedroht. Von skrupellosen Geschäftemachern, die auch noch eine Rechnung mit Gideon offen haben. Am Ende haben sie die gefährlichsten, abenteuerlichsten Sommerferien aller Zeiten verlebt, Freunde gefunden und reisen schließlich ab, mit dem festen Versprechen, wieder zu kommen. Denn noch nicht alle Geheimnisse sind gelöst und nicht alle Schwierigkeiten beseitigt. Zudem nehmen sie die Gewißheit mit, einen magischen Ort gefunden zu haben, zu dem sie gehören. Wenn sie auch der gut erholten Mama zuhause vorsichtshalber lieber nur von den Heuwagen-fahrten erzählen.

Die Drachen der Tinkerfarm ist das erste Buch einer neuen Reihe, welche Tad Williams, bekannt als Schöpfer intensiver und dichter Welten wie Otherland, zusammen mit seiner Frau Deborah Beale schreibt. Ihr Zielpublikum ist vor allem das jüngere. Nicht anbiedernd, doch der jugendlichen Welt kundig holen die Autoren ihre Leser da ab, wo sie gerade sind, um sie schließlich in eine Welt voller Rätsel zu entführen. Aber auch Erwachsenen mit Lust an Phantasiereisen wird es gefallen, ihren Urlaub vom Alltag von Hogwarts auf die Tinkerfarm zu verlegen.  Das Buch ist dabei kein plumper Actionroman, auch wenn Lucinda sogar auf einem Drachen fliegt und auch sonst allerlei Aufregendes passiert. Der Spannungsbogen speist sich aus der Vielzahl der Geheimnisse. Ist eines gelüftet, zieht es sofort eine Reihe neuer Fragen nach sich. Sehr geschickt lösen die Autoren gerade so viele Rätsel auf, dass man das Buch nicht mit dem Gefühl zur Seite legt, künstlich mit häppchenweise gefütterten Lösungen bei der Stange gehalten zu werden. Doch es bleibt genug Ungelöstes stehen, um Band zwei entgegen zu fiebern.

Die Grundstory an sich ist nichts Neues, vieles meint man schon von anderswo zu kennen. Aber die geschaffene Welt ist trotz der jugendgerechten, immer mit einem leichten Augenzwinkern versehenen Sprache von ungewöhnlicher Dichte und Konsequenz. Die Fantasy ist zwar zeitgemäß verpackt, für das Grundgerüst haben sich die Autoren aber auch bei anderen Genres bedient. Dem viktorianischen Schauerroman entlehne man einen exzentrischen Hausherrn, der sich gerne verrückt gebärdet, eine unheimliche Haushälterin, vor der alle Angst haben, so dass man nicht immer ganz genau weiß, auf wen sich die im Titel genannten Drachen nun genau beziehen. Dazu nehme man Anspielungen auf Märchen wie Alice im Wunderland und den Zauberer von Oz. Dennoch ist es kein wilder Stilmix, sondern eine ganz eigene Art des Erzählens und Verdichtens, so einfallsreich, dass man die ein oder andere logische Lücke gerne überliest. Dazu sind alle Charaktere wohltuend fein gezeichnet, weit entfernt davon, mit der Schablone umrissen worden zu sein, wie es im Fantasy Genre ja gerne vorkommt.

Fazit: Ein guter Einstieg in die Welt des Tad Williams (und seiner Frau und Lektorin), der auch nicht so Fantasy-affine Leser überlegen lässt, ob sie sich demnächst mal an einem größeren Epos des vielgelobten Autors versuchen sollen. Aber erst warten wir auf die Taschenbuchausgabe von Teil zwei in den nächsten Wochen.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Genre: Fantasy
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Shadowmarch 4. Das Herz

Im vierten und letzten Band der Tetralogie »Shadowmarch« bringt Tad Williams sein Desaster-Epos vom Aufstieg, Fall und Untergang mächtiger Reiche zu voller Blüte. Die Geschichte gipfelt in einem gewaltigen Krieg, den keiner gewinnen kann und der selbst ärgste Feinde zu Verbündeten macht. Quar und Funderlinge schließen sich zusammen gegen den wahnsinnigen Autarchen Sulepis, Gottkönig des Großreiches Xis, der in der Mitsommernacht mit dem Blut von König Olin dunkle Götter erwecken will, die voller Zorn auf alles Lebende sind.

Der Autor zieht alle Register, um die von ihm geschaffenen Völker über und unter der Erde, aus Licht- und aus Schattenreichen in ein voluminöses Schlachtengemälde einzupflegen, das in der Fantasyliteratur seinesgleichen sucht und in Grausamkeit, Verblendung, Hass und Rachsucht streckenweise selbst die Schlachten in Tolkiens „Herr der Ringe“ an die Wand spielt. Einzelschicksale werden unwichtig, wenn ganze Völker im Spiel der Mächtigen aufgerieben und vernichtet werden. Und dennoch webt Tad Williams geschickt den Schicksalsfaden der königlichen Zwillinge Briony und Barrick in den Handlungsstrang, die voneinander getrennt zurück zur Südmarksfeste streben, wo der Endkampf tobt, um dort um ihr Leben wie um ihr Erbe zu kämpfen. Geister der Vergangenheit treffen auf Machtbessene der Gegenwart, schlafende Schatten erwachen, magische Kräfte werden freigesetzt und wie in einem Puzzle entsteht aus vielen tausend Stücken ein Gesamtbild, in dem jede Figur ihren Platz findet und ihre Geschichte vollendet.

Tad Williams nennt sein vierteiliges Opus einen »Riesentanker von Story«. Es ist beeindruckend, wie detailliert und differenziert er jedes Stockwerk, jedes Deck, jeden Raum und jeden Passagier dieses Monstrums ausleuchtet, beschreibt und miteinander verbindet. Sein Fantasy-Epos liest sich zugleich ungemein spannend und man mag trotz der vielen Mitwirkenden, Ebenen und Handlungsstränge auch den vierten Band erst aus der Hand legen, wenn die allerletzte Seite umgeschlagen ist und vieles schließlich ganz anders endet als erwartet …


Genre: Fantasy
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Shadowmarch 3. Die Dämmerung

Prinzession Briony, die sich unter einer Gauklertruppe versteckt hielt, ist in die Hände syanesischer Soldaten gefallen. Als »Gast« wird sie am Hofe von König Enander festgehalten und entgeht nur knapp mehreren Mordanschlägen.

Derweil irrt ihr Zwillingbruder Barrick in Begleitung des Raben Skurn durch den Wald der gefährlichen Seidenspinner im Schattenland. Unter Lebensgefahr und auf geheimnisvollen Wegen gelangt er in der Land der träumenden Götter, die Gott Krummling in den Schlaf fallen ließ. Auf Krummlings historischen Straßen schafft Barrick es bis in die Residenz des blinden Qar-Königs Ynnir, um ihm den Spiegel zu bringen, der ihm von Gyir Sturmlicht anvertraut wurde.

Ynnir, der im Sterben liegt, überträgt Barrick die Kraft der Feuerblume, eine Flamme der Unsterblichkeit, wie sie die Götter tragen. Diese Kraft wird von ihren Trägern an ihre jeweiligen Kinder weitergegeben, lediglich die Südmarksburg belagernde Quar-Fürstin Yasammez hat sie durch die Jahrhunderte nie hingegeben. Yasammez will sich an den Menschen rächen, weil diese ihre Schwester, die Quar-Königin Saqri ermordet haben sollen. Lediglich durch ein von Ynnir durchgesetztes Abkommen, der Pakt des Spiegelglases, wird sie noch zurück gehalten. Ynnir vermag durch die Weitergabe de Feuerblume und seinen eigenen Tod auch, Königin Saqri aus dem Reich der Toten zurückzuholen und wieder zu erwecken.

Im dritten Teil von »Shadowmarch« wird das engmaschige Geflecht der vielen Figuren noch komplexer. Dachlinge, Funderlinge, Zwielichter, Traumlose, Stoltewichte und Menschen treten auf. Weinende Schatten, Gestalten aus Spinnweben, samtene Ratten, Männer mit glutroten Augen, riesige Wasserwesen, Hammerfüße, Tiefenettins und andere Urwesen aus den Tiefen der Erde kommen hervor. Der Autor zieht alle Register der Phantasie und schafft es dennoch, alle Fäden seines Epos gespannt zu halten.

In einem Gespräch, das ich mit Tad Williams bei der Vorstellung des vierten und letzten Bandes von »Shadowmarch« führen konnte, bezeichnete er sich selbst als »Kontrollfreak«. Damit erklärt er seine Fähigkeit, den Überblick über das gewaltige Getümmel zu behalten. Er will alles selbst gestalten vom Kostüm über das Licht bis hin zur Dramaturgie und kommt ohne Exposés, Stammbäume oder Hilfsmaterialien aus.

Tad Williams schreibt in kräftigen Schwüngen und überarbeitet seine Romane nicht wesentlich. Er behauptet sogar, die Manuskriptteile später nicht einmal mehr zu lesen. So verwundert es wenig, dass dieses anfangs auf drei Bände konzipierte Opus noch einen vierten Teil benötigt, um die Protagonisten zur letzten Schlacht wieder zusammen zu führen. Und es liegt in der Struktur der Erzählung, dass dieses Gefecht im Herzen der Südmarksburg geführt werden muss.

Hier geht es zur Rezension von Shadowmarch 4: Das Herz


Genre: Fantasy
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Der Frauenplan

Zu beanstanden, dass der >>Frauenplan<< eigentlich kein Plan sei, da er weder konkrete Absichten formuliere (weshalb mit seiner Hilfe logischerweise auch keine viva activa in Angriff genommen werden könne) noch etwas mit Frauen zu tun habe (oder nur insofern, als der Kieseritzky-notorische Ich-Erzähler als durchweg Nichtabgeneigter mit viel Weib an seiner Seite durch sein bizarres Leben stolpert) – es hieße, Athen mit einem Bannfluch für Eulen zu belegen. Und wichtiger ist ja auch, dass der Autor einen Plan hat. Aber hat er? Man könnte auf die Idee kommen, dass nicht. Dass die durch die 300 Seiten des Buches gewissermaßen zwangsläufig sich ergebende Biographie des Protagonisten lediglich simuliert werde. Derweil im Grunde nur verschiedene Unternehmungen zerhackt und übers Buch gestreut würden, die weder einen Plot noch eine halbwegs konsistente Biographie einer halbwegs konsistenten Persönlichkeit mit sich brächten - oder wenigstens die konsistente Ausarbeitung eines konturschwachen Protagonisten, was aber schon deswegen nicht geschehe, weil dieser Typus >>lebensängstlicher Unterlassungskünstler<< praktisch durch jedes seiner Bücher schliddere. Man brauche nur die Probe aufs Exempel zu machen und eines der in der Regel kurzen Kapitel des Frauenplans mit einem ebenfalls beliebigen Kapitel aus >>Anatomie für Künstler<< zu vertauschen, und man stelle fest, dass keines der betreffenden Bücher seiner Substanz beraubt werde. Dieser Versuch würde allerdings davon profitieren, dass sowieso alle Protagonisten mit einem >>K<< beginnen. (Was zeigt, dass man noch längst kein Kafka sein muss, um nominale Selbstverstümmelung zu betreiben. Allerdings liegt kaum ein Vergleich ferner als der mit Kafka; ist das Taumeln bei Kieseritzky doch ungleich kapriziöser, eleganter, burlesker und vor allem Theorielastiger; Katastrophen werden analysiert, georganigrammt und wie auf Nadeln aufgespießt. Während man die Prosa Kafkas in einem Bereich zwischen Realität und Alptraum ansiedeln könnte, liegt sie bei Kieseritzky irgendwo zwischen System und Schmetterling.) Man habe es folglich, könnte man zu Ende wettern, mehr mit einer lockeren Ansammlung kleiner Szenen, verrutschter Dialoge und Aphorismen zu tun als mit einem epischen Werk. Mit einem Sammelsurium von Desasterforschern, Verhinderungstheoretikern und Lebensvermeidungsstrategen, das man gefahrlos wie einen Regenwurm zerteilen könne. Statt einen Roman zu lesen, stolpere man also allenfalls von Sprachjuwel zu Sprachjuwel. Harter Tobak. Und >>allenfalls<< geht nun wirklich zu weit. Oder nicht? Der Autor dieser Zeilen scheiterte beim Versuch, einen >>echten Kieseritzky<< an den Mann zu bringen, als er beim Wettbewerb >>Der schönste erste Satz<< mittels >>Die Onanie ist ein trauriges Laster<< eine Reise nach New York zu gewinnen hoffte. Er legte ein paar Germanistengerechte Klugscheißersentenzen über Versmaß und Metrik dazu, fabulierte über den kurz vor der Rente stehenden Begriff >>Laster<<, der in diesen unversponnenen, unexquisiten, ungrazilen und unpreziösen – maW: Kieseritzkyfernen – Zeiten, in denen erlaubt ist, was beliebt, eben so wenig überleben zu können scheint wie das an Rückenmarksschwund zwingend gekoppelte privatmoralische Vergehen an sich und war guter Dinge. Gewonnen hat natürlich ein vermutlich weitaus staatstragenderes Entree von Günther Grass. Schauen wir noch auf ein anderes Juwel von exemplarischer Undeutlichkeit. Wir befinden uns in einem Dialog zwischen Hauptfigur und dem Buchhändler und Goetheenthusiasten Lambert, der im Wesentlichen dadurch >>charakterisiert<< wird, dass er dem besonderen Augenblick nachjagt (ohne ihn zu erwischen, natürlich): >>Ob dieser Plan (gemeint ist der Frauenplan) nur theoretisch sei oder auch schon Praxis.
Erst Theorie, sagte ich, dann Praxis und während der Praxis Überprüfung der Theorie und notfalls Revision, je nachdem.<< Man muss solche Sätze lieben, sonst fällt es schwer, sie zu mögen, und man verwechselt sie mit blödem, gedrechselten Gewäsch. Es ist ein bisschen wie bei >>Der Witz<< von Gerhard Polt. Die Umstände werden geschildert (Party, Erdnüsse, >>solche Chips<<), die Vortragsart wird beleuchtet, >>dieses Gesicht, diese Mimik – einfach phänomenal … und der Herr konnte diesen Witz wirklich phantastisch erzählen<<, usw. – nur vom Witz selbst kein Wort. Auf derartige Enttäuschungsarrangements muss man bei Kieseritzky solange gefasst sein, wie man mit den handelsüblichen Erwartungen an seine Texte herangeht. Wenn die eindrucksvolle, Elogenreiche Vita >>des weltweit führenden Stressvermeiders<< und analytischen Philosophen entfaltet und mit sämtlichen Details seines (natürlich maßvollen) Alltags geschmückt und wenn sein (selbstredend moderater) Scotchverkehr genau quantifiziert wird, dann will man auch Genaueres wissen. Man erfährt aber nichts, weil der vorgeblich konfuse und zu dumme Ich-Erzähler Unwichtigeres zu tun hat. Also lauwarme Luft? In einem erzählerischen Vakuum ohne Plot, ohne Persönlichkeitsentwicklung? Und ohne Verwicklungen? Denn natürlich ist dieser Katastrophengetränkte Kosmos völlig Tragödienfrei. Man sieht sich, man schätzt sich, man betritt die Konversationszone und verlässt sie wieder, um unverändert seiner Wege zu gehen, man beschenkt sich gelegentlich mit Gottesbeweisen, die >>eher possierlich als reputierlich<< sind und gerät auch mal in ein Bewerbungsgespräch, dessen Zustandekommen allein schon erstaunt, da doch zuvor um einen >>stresslosen<< Job ersucht wurde, >>unter der Voraussetzung einer geringes Kontaktes mit Menschen<<. Es bedarf einiger Präparierung, damit man solche Kröten nicht nur gerne schluckt, sondern auch immer weiter lecken möchte (was ein Fall für den Dilemmaforscher, den es hier natürlich auch gibt, wäre), und hinnimmt, dass der Arbeitgeber im weiteren Verlauf des Gespräches darüber doziert, dass das Leben >>eine hochkomplexe Angelegenheit, gerade im Hinblick auf sog. zwischenmenschlichen Bereich<< sei. Und indem der Leser also sämtliche dem profanen Alltag geschuldeten Reflexe abgelegt hat, befindet er sich mitten im Kieseritzkyschen Universum, dem vielleicht hermetischsten überhaupt. Und mehr kann man von Literatur nicht verlangen, als dass sie sich ein schickes Paralleluniversum zusammenfaselt - hier ein Panoptikum bildungsüberfressener Zauderer, die sich gegenseitig in ihren jeweiligen Schieflagen, Eigenbrötlereien und ihrer >>Diskretion<< dem Leben gegenüber bestärken mit ihren Spiegelfechtereien. Als hätten Lacan und der späte Wittgenstein eine Familie >>intensiver Nichtse<< (so wird der Ich-Erzähler am Buchende genannt) gegründet, die lieber mit sich selbst spielt, statt >>nach draußen<< zu gehen. Was man ihr nicht verdenken möchte.


Genre: Romane
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Shadowmarch 2

Mit dem Vormarsch einer Riesenstreitmacht der elbischen Qar unter Führung von Fürstin Yassamez gegen Südmark scheint die Welt aus den Fugen zu geraten. Im Reiche König Olin Eddons, der selbst gefangen in Hierosol sitzt und gegen ein hohes Lösegeld ausgetauscht werden soll, findet ein heimlicher Umsturz statt, der die Tolly-Brüder an die Macht bringt.

Begünstigt wird der Regierungswechsel durch das Verschwinden von Prinz Barrick, der mit dem ihm treu ergebenen Gardehauptmann Vansen hinter der Schattengrenze verschollen ist. Seine Zwillingsschwester, Prinzessin Briony Eddon von Südmark, entkommt den Thronräubern mit Hilfe des einstigen Waffenmeisters von Südmark, Shaso dan Heza und rettet ihr Leben.

Barrick Eddon und Ferras Vansen geraten in den Schattenlanden in die Hände des blutrünstigen Halbgottes Kituyik, der den versunkenen Tempel des Erdgottes Kernios wieder öffnen will, um sich die Macht der schlafenden Götter einzuverleiben. Sie schließen Freundschaft mit Gyir Sturmlicht, einem Schattenländer. Dieser vertraut Barrick einen wertvollen Wahrsagespiegel an. Barrick soll den Spiegel dem Qar-König Ynnir übergeben.

Währenddessen schickt der Autarch Sulepis, Gottkönig von Xis, dem mächtigsten Reich auf dem südlichen Kontinent Xand, eine Armada gegen Hierosol, um sich das gesamte Land Eion im Norden einzuverleiben. König Olin fällt dabei in seine Hände. Gleichzeitig greift der größenwahnsinnige Autarch Südmark an, deren Burg bereits von den Qar belagert wird.

Die Elbenarmee aus dem Schattenland wartete bislang mit einem Angriff auf die Burg, um den geheimnisvollen »Pakt des Spiegelglases« zu erfüllen. Mit diesem Pakt sollen die Götter besänftigt werden, die in das Reich des Schlafes verbannt wurden und sich danach sehnen, wieder in das Reich des Wachens zu kommen. Der Schlaf der Götter ist flach und fragil, ihre Gedanken drängen sich in die Gedanken und Träume der Völker und machen sich noch in vielerlei anderen Dingen bemerkbar. Der Gegenstand, nach dem die Qar streben, um schlimmstes Unheil zu verhindern, befindet sich ausgerechnet in der Burg, aus der sie vor Jahrhunderten vertrieben wurden, und die einst sogar Sitz der Götter selbst war: Südmark.

Gewaltige Armeen sammeln sich zu Füßen der Südmarksburg und erschüttern die Südmarksfeste und ihre Bewohner: die Menschen, die zwergenartigen Funderlinge, die versteckt lebenden winzigen Dachlinge und die auf dem Wasser wohnenden Skimmer. Wie geht das Ringen um die Macht aus?

Tad Williams gelingt das Wunder, die Perspektive des Betrachters zu verschieben. Gutes kann danach, historisch betrachtet, durchaus böse sein, und im vermeintlich Bösen liegt wiederum positive Kraft, lernt der Leser. Der Autor versteht es sogar, mit dem zweiten Band von »Shadowmarch« den Spannungsbogen noch weiter zu spannen und die Schilderung der Persönlichkeiten der verschiedenen Spielfiguren zu vertiefen. Trotz der schier unendlichen Zahl der auftretenden Personen, der zahlreichen Familien, Völker und Wesen hält er scheinbar mühelos die Fäden in der Hand und verknüpft sie mit großem Geschick.

Ähnlich wie bereits in seinem Epos »Otherland« stellt Williams jedem Kapitel einen scheinbar zusammenhanglosen Text voran, der zu einer weiteren und zwar tieferen Ebene zusammenwächst, die der aufmerksame Leser nach und nach entschlüsselt. Williams literarisches Gesamtkunstwerk ist zwischen Historienroman, Fantasyepos und mythologischem Drama angesiedelt und derart atemberaubend kunstvoll gesponnen, dass jedem, der sich darauf einlässt, allein schon in handwerklicher Hinsicht der Atem geraubt wird.

Hier geht es zur Rezension von Shadowmarch 3: Die Dämmerung


Genre: Fantasy
Illustrated by Klett-Cotta Stuttgart

Der Ritter

In einem Brief an seinen Bruder berichtet ein Junge, den es in die Welt von Mythgarthr verschlug, über seinen Werdegang zum Ritter. Sir Able of The High Heart nennt sich der junge Held, der langsam erwachsen wird und viele Abenteuer in unterschiedlichen Sphären wie Alfarin und Muspel erlebt. Sein Ziel ist, das magische Schwert Eterne zu finden, um damit ein richtiger Ritter zu werden. Mit einem riesenhaften Wolfshund und einer magischen Katze sowie weiteren geheimnisvollen Gefährten besteht er Abenteuer, die ihn schließlich in das Reich der Frostriesen führen. Dort führt er gegen den Drachen Grengarm einen Kampf auf Leben und Tod …

In seltsam subtilem Stil erzählt der in seinem Sprachraum hoch gelobte Autor die Geschichte seines jungen Helden. Der Leser zieht an Sir Ables Seite durch die Ereignisse, um immer wieder festzustellen, dass viel geschieht, ohne dass es explizit beschrieben wird. Mit der lapidaren Art, mit der Schlachten und Kämpfe als selbstverständlich angesehen, aber eben nicht geschildert werden, soll der Leser angeregt werden, sein Phantasie zu benutzen. Das unterscheidet den Autor klar von den gängigen Fantasy-Schreibern, denen das Blut literweise aus der Feder tropft. Die ersten zweihundert Seiten des Bandes wirken leider wenig zusammenhängend, erst allmählich kristallisieren sich Handlungsstränge heraus, denen es zu folgen lohnt. Natürlich gibt es jede Menge Ungeheuer, Zauberschwerter, Drachen, Riesen, Questen, es geht auch um Liebe, Ehre und Edelmut — all die vertrauten Elemente des Genres werden berücksichtigt und eingewoben

Der Briefroman ist leserfreundlich in viele kleine Kapitel geteilt. Ausgesprochen billig wirkt allerdings, dass lediglich vier Vignetten geschaffen wurden, die sich endlos wiederholen … wobei diese Unsitte zu allem Überfluss auch noch im zweiten Band der Geschichte fortgesetzt wird …


Genre: Fantasy
Illustrated by Klett-Cotta Stuttgart

Der Zauberer

Im Kampf gegen den Drachen Grengarm ist Sir Able of The High Heart gefallen und wird in den Götterhimmel Skai aufgenommen, wo er lange Zeit verbringt. Doch er sehnt sich nach seiner geliebten Prinzessin Disiri, deren Ritter er ist. Auf seine Bitten entlässt ihn der Walvater noch einmal nach Mythgarthr. Ihm wird allerdings das Gelübde abgenommen, von den zauberischen Fähigkeiten, die er inzwischen erlangt hat, keinen Gebrauch zu machen.

Sir Able trifft auf eine Welt, die in Auflösung begriffen ist. Die Frostriesen greifen an, und ein Drache aus Muspel will das Land unter seine Kontrolle bringen. Der inzwischen zum Mann gereifte Junge tritt wieder als einfacher Kämpfer den Gefahren entgegen, allerdings hat er jetzt eine Erfahrung und einen Hintergrund, der ihm zum Vorteil gereicht. Außerdem hat er Freunde und Getreue, deren Schicksalsfäden bereits im ersten Band gesponnen und nun wieder aufgenommen werden.

Der zweite und letzte Band der Geschichte aus Mythgarthr ist ebenfalls als Brief des Helden an seinen Bruder Ben verfasst. Er knüpft nahtlos an die Geschehnisse des ersten Buches an und rundet die Geschichte zu einem Fantasy-Werk der besonderen Art.


Genre: Fantasy
Illustrated by Klett-Cotta Stuttgart

Shadowmarch 1

Garstige Lindwürmer überqueren die Grenze, grimmige Vögel mit Eisenschnäbeln schlagen Schafe, und graue Reiter legen im Auftrag des blinden Qar-Königs Ynnir ein geheimnisvolles Findelkind in der Südmark ab, über die König Olin Eddon dynastisch herrscht. Das ausgesetzte Kind wird von Chert und Opalia aufgenommen, einem Ehepaar vom Zwergenvolk der Funderlinge, das im Feld unter der Burg lebt. Sie nennen das geheimnisvolle Findelkind Flint.

Jenseits der für Menschen unpassierbaren Grenze lebt das alte Volk der Qar, das Jahrhunderte zuvor von ihren alten Wohnsitzen vertrieben wurde und sich seitdem hinter Nebelwänden verschanzt. Doch genau diese Schattengrenze beginnt sich plötzlich auszudehnen, und es scheint, als ob die alten Völker die Grenze überschreiten und ihr vor Jahrhunderten verlorenes Reich zurück verlangen.

Auf der Südmarksburg, dem Sitz der Herren der Mark, überschlagen sich derweil die Ereignisse: König Olin wird von Feinden gefangen gehalten. Prinzessin Briony, seine einzige Tochter, soll als Teil des Lösegeldes an die Entführer gehen. Ihr als Olins Vertreter regierender älterer Bruder Kendrick will sich auf den Handel einlassen. Jedoch wird der Prinzregent heimtückisch ermordet. Briony sowie ihr kränklicher Zwillingsbruder Barrick besteigen den Thron und übernehmen die Regierungsgeschäfte. Ihr treu ergebener Waffenmeister und Mentor Shaso wird der Bluttat verdächtigt und in Ketten gelegt.

In einem Strudel höfischer Intrigen und blutiger Kämpfe um die Krone erkennen die nun regierenden Eddon-Zwillinge spät, dass die von der Qar-Adligen Yassamez geführten Angreifer aus dem Nebelreich bereits vor den Toren der Stadt lagern. Diese steigen aus den dunkelsten Träumen der Königstreuen hervor und stiften heillose Verwirrung unter den Südländern.

Barrick macht sich an der Seite treuer Gefährten auf, gegen den Feind zu ziehen. Doch damit kommt der Mahlstrom der Ereignisse erst richtig in Fahrt … Seine Zwillingsschwester Briony wird darauf von Hendon Tolly attackiert, der an die Macht drängt. Mit knapper Not entkommt sie seiner Mordlust und kann aus Südmarksburg fliehen.

Tad Williams beginnt seine Tetralogie über die Schattenmark, indem er die zahlreichen Figuren, Völker und Kreaturen schrittweise und nachvollziehbar in die Handlung einführt. Das erleichtert es dem Leser, in das vielschichtige Geschehen einzutauchen und stärkt den weiten Spannungsbogen. Williams ist ein kunstvoller Erzähler mit enormem handwerklichen Geschick und hohem sprachlichen Niveau.

»Shadowmarch« ist keine dieser hundertundeins Fantasy-Geschichten, die in Tolkiens Gefolge das Genre aufgeschwemmt haben, obwohl seine Figuren und Völker durchaus an den »Herrn der Ringe« erinnern. Williams gehört zu den großen Erzählern. In Idee, Ausführung, Sorgfalt und Logik eilt er mit diesem Werk anderen Autoren um Längen voraus!

Hier geht es zur Rezension von Shadowmarch 2: Das Spiel


Genre: Fantasy
Illustrated by Klett-Cotta Stuttgart