Ein Spiel und ein Zeitvertreib

Ein Märchen für Erwachsene

Er selbst hat den 1967 erschienenen Roman «Ein Spiel und ein Zeitvertreib» als das erste gute Buch bezeichnet, das er geschrieben habe, und die Anerkennung in Literaturkreisen gab dem amerikanischen Schriftsteller James Salter recht. Als «Writer’s Writer» wird er seither nicht nur von seinen schreibenden Kollegen verehrt, sondern auch von literarischen Kennern, er hat sich damit jedenfalls in den Kanon der US-amerikanischen Literatur eingeschrieben, ohne je Bestseller-Status zu erreichen. In seiner Zeit als Kampfpilot hat Salter, mit dem Tod als ständigem Begleiter, im Koreakrieg mehr als 100 Einsätze geflogen, was sein späteres Werk erkennbar mitgeprägt hat. Und so hat er denn auch diesem Roman als Motto ein entsprechendes Koran-Zitat vorangestellt, dem der Titel entnommen ist: «Bedenke aber, dass das Leben in dieser Welt nichts ist als ein Spiel und ein Zeitvertreib». Der Autor hat seinen Roman als eine «Hymne auf die Kleinstädte und Dörfer, auf die Pariser Architektur, die französischen Nebenstraßen und, selbstverständlich, auf die heftigste aller irdischen Begierden» bezeichnet. Mit Letzterem spielt er auf den explizit erotischen Inhalt des Romans an, der im prüden Amerika natürlich auf empörte Ablehnung gestoßen ist.

Gute Freunde haben einen jungen amerikanischen Fotografen 1962 in ihr Haus in dem kleinen französischen Städtchen Autun eingeladen. Zusammen mit dem 24jährigen Dean, seinem hochbegabten, charismatischen Freund aus wohlhabendem Elternhaus, den er grenzenlos bewundert und der wie er in den Tag hinein lebt, unternimmt er eine Entdeckungsreise durch Frankreich, bei der das Delage-Kabriolett von Dean, ein äußerst seltener, edler Oldtimer, überall, wo sie auftauchen, für Aufsehen sorgt. In Dijon lernen die beiden Amerikaner in einem Nachtclub die attraktive 18jährige Anne-Marie kennen, eine einfache Verkäuferin, die schnell dem Charme von Dean erliegt und seine Geliebte wird. Als namenlos bleibender Ich-Erzähler, der bei Frauen eher ungeschickt ist und somit immer wieder scheitert, projiziert er nun voyeuristisch aufgeheizt seine eigenen Leidenschaften und seine Eifersucht in Deans Affäre hinein, ergeht sich in wüsten erotischen Phantasien.

Ein Schriftsteller habe, wie der Ich-Erzähler uns wissen lässt, neben der Realität nicht nur die Fiktion als literarische Bühne, sondern auch die Träume als deren höchste Form, die, dem Geist völlig entzogen, eine dritte narrative Ebene darstelle. Sie erst ermögliche es ihm, quasi durch die Wände zu sehen und zu beschreiben, was er nicht wissen und sich auch nicht ausdenken könne. Und so schildert er fotografisch exakt die wilden Liebesspiele des ungleichen Paares in allen Details, berichtet dutzende Male vom Koitus der Beiden, von variantenreichen Sexualpraktiken, so als wenn er dabei gewesen wäre. Und zwar in ständigem Wechsel mit Autofahrten, Hotelübernachtungen, Restaurantbesuchen, Schaufensterbummeln und Schilderungen der Städte und Landschaften Frankreichs, was durch die ständige Wiederholung des Immergleichen irgendwann natürlich langweilig wird.

James Salter verarbeitet in diesem Roman seine Eindrücke während seiner Militärzeit in Frankreich, wobei ich nach den ersten paar Seiten dieser ebenso scharfsichtigen wie liebevollen Beschreibung des Landes ungläubig auf das Cover geschaut habe: «Das kann doch kein Amerikaner geschrieben haben», dachte ich unwillkürlich, «jemand aus einem ganz anderen Kulturkreis!» Er schildert das Land und seine Bewohner sehr anschaulich in kurzen, metaphernreichen Sätzen, angenehm lesbar in einer glasklaren Sprache. «Nichts, was hier steht, ist wahr» heißt es an einer Stelle, und so ist diese Geschichte von einer fast schon devoten Heldenbewunderung und quälendem Sexualneid als «Spiel» ein Märchen für Erwachsene, nicht jugendfrei natürlich, als «Zeitvertreib» aber ohne Zweifel einer von der literarisch erfreulicheren Sorte.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Piper München, Zürich

Der Cembalospieler

morsbach-1Weniger wäre mehr gewesen

Man kann der Schriftstellerin Petra Morsbach nicht vorwerfen, dass sie sich auf ein Lieblingssujet konzentriert in ihren Romanen, ihr Interesse richtet sich auf unterschiedlichste Stoffe. Mit «Der Cembalospieler» hat sie sich der Alten Musik zugewandt, wobei sie zu gedanklichen Höhenflügen abhebt, die dem in der Musiktheorie und –geschichte weniger bewanderten Normalleser deutlich seine Grenzen aufzeigt, ihn häufig kaum noch folgen lässt bei feinsinnigen Analysen hochkomplexer Kompositionen, – für fachlich kompetentere Leser andererseits sicherlich ein willkommener Streifzug durch ein elitäres Spezialgebiet klassischer Musik.

Felix Bauer, der Ich-Erzähler, entdeckt mit fünf Jahren seine Liebe zum Klavier, spielt schon nach wenigen Tagen erstaunlich gut, ein typisches Wunderkind. Er stammt aus prekären Verhältnissen, der Vater ist Trinker und verlässt die Familie, die Mutter zermürbt die beiden Söhne mit permanenten Anschuldigungen, sie ist der personifizierte Vorwurf, eine im Dauerfrust lebende Frau, die sich durch die Söhne ein Ventil zum Frustabbau verschafft. Das Dauerfeuer an Vorhaltungen treibt Felix von frühester Jugend an, – neben seinem sowieso grenzenlos scheinenden Enthusiasmus -, ebenfalls in die Gefilde der Musik. Er durchläuft die übliche Wunderkindkarriere mit Höchstleistungen auf allen Gebieten, findet durch glücklichen Zufall zum Cembalo, seiner großen Liebe, die sein ganzes Leben dominieren wird bis zum Ende der Karriere. Bald gibt er die ersten Konzerte, wird zum gefeierten Star an seinem Instrument, arbeitet am Konservatorium in Salzburg, erfreut sich der Gunst vieler Mäzene, die ihn nach Kräften fördern. Schnell wird er in prominente Künstlerkreise aufgenommen, kann sich sein sündteures Traum-Cembalo bauen lassen.

Als er zehn Jahre alt war, wurde bei ihm eine unheilbare Netzhauterkrankung diagnostiziert, die die Sehfähigkeit bald auf wenige Prozent herabsetzen wird. Als junger Mann schließlich bemerkte er seine homosexuelle Orientierung, die ihm neben seiner einseitig der Musik gewidmeten Lebensplanung und dem Versinken in die dunkle Welt des weitgehend Blinden auch noch eine geschlechtliche Außenseiterrolle zudiktiert. Sein System sozialer Beziehungen ist deshalb mehr als kümmerlich entwickelt, er lebt zumeist allein in einer winzigen Wohnung in München, sein Privatleben besteht zu großen Teilen aus Üben für das nächste Konzert, aus Cembalounterricht oder der Vorbereitung von Fachvorträgen. Als er jenseits der Vierzig ist, erlischt allmählich das Interesse des Publikums an Alter Musik und am Cembalo als Instrument, die Mäzene ziehen sich zurück; der Absturz in prekäre finanzielle Verhältnisse steht ihm bevor, darüber ist er sich illusionslos im Klaren.

In fünf Kapitel unterteilt erzählt die Autorin in zwei alternierenden Zeitebenen, durch normale und kursive Schrift leicht unterscheidbar, abwechselnd von Vorbereitungen des Superstars auf lukrative Privatkonzerte und vom Lebensweg ihres Protagonisten. Beide Handlungsebenen münden in eine fatale Zukunftsperspektive für das einstige Wunderkind. Die schlichte, humorlos ernste Sprache bietet keine literarischen Höhenflüge, sie vermittelt zweckgerichtet und schnörkellos die Lebensgeschichte eines Hochbegabten, damit einerseits an den «Doktor Faustus» von Thomas Mann erinnernd, vor allem aber an «Der Untergeher» von Thomas Bernhard. Die Tragik des Genies, seine Zwanghaftigkeit, die Defizite im Menschlichen, der zerstörerische Kunstbetrieb, all dies erscheint mir hier sehr klischeehaft erzählt, die so selbstsicher demonstrierte Fachkompetenz ist mir verdächtig, zumindest aber hinterfragbar, ein Adorno wie beim «Doktor Faustus» wird jedenfalls nicht benannt. Weniger wäre mehr gewesen, meine ich, der Plot mit seinem blinden, schwulen Wunderkind trägt deutlich zu dick auf, er verprellt zudem mit seinem musiktheoretischen Fachchinesisch eher, als dass er unterhält oder den Leser wirklich bereichert.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Piper München, Zürich, Piper Verlag München

Die Geschichte der Baltimores

Baltimores Die Goldmans sind eine ganz besondere Familie, so besonders, dass es gleich zwei Clans von ihnen gibt: Der eine Teil lebt in Baltimore in Saus und Braus, der andere ein mühsames Mittelklasseleben im New Yorker Vorort Montclair. Die Großeltern benannten der Einfachheit halber ihre Familienzweige nach den Wohnorten und dabei ist es geblieben. Es gibt die Baltimores und die Montclairs.

Ein Hauch Grausamkeit schwingt dabei mit. „Die Baltimores“ wird immer mit leichter Ehrfurcht in der Stimme ausgesprochen, „die Montclairs“ eher abfällig betont. Marcus Goldman gehört zu den Montclairs, aber in den Ferien wird er zu einem Baltimore. Er bewundert den reichen Teil seiner Familie über alles und wäre nur zu gerne wie sie: erfolgreich, elegant und vom Habitus der Unbesiegbaren umweht. Mit seinem hochintelligenten, aber sozial schwachem Cousin Hillel und dessen wehrhaftem Freund Woody, den die Baltimores als zweites Kind im Hause aufgenommen haben, bildet er die Goldman Gang. Sie sind jung, sie haben Träume, gemeinsam sind sie unschlagbar. In Baltimore so scheint es, ist das Leben leichter und schillernder. Und ja – es ist DER Marcus Goldman. Der Schriftsteller, der uns schon das Buch im Buch über die wahre Geschichte des Harry Quebert geschenkt hat. Seit diesen Ereignissen sind zu Beginn des neuen Romans des Schweizer Ausnahmeschriftstellers Joël Dicker vier Jahre vergangen. Wir schreiben das Jahr 2012 und Marcus räumt in Florida das Haus seines Onkels Saul, des einstigen Baltimore-Onkels aus. Was mit dem Onkel geschah und seiner glanzvollen Familie – das erfahren wir zunächst nicht. Aber von Anfang wissen wir, dass das Märchen von den Baltimores ein brutales Ende haben wird.

Marcus trifft in Florida seine Jugendliebe Alexandra wieder, mittlerweile eine gefeierte Sängerin. Alexandra ist ein Teil der Geschichte, sie hat den Zauber der Baltimores nicht nur miterlebt, sondern auch mitgeprägt. Marcus wird von seinen Erinnerungen an die schönsten Monate seiner Jugend überrollt. Doch die Rückschau ist auch schmerzhaft, denn ihm wird klar, der Keim für die Katastrophe, welche über die Baltimores hereinbrechen sollte, wurde früh gelegt. Aber immer noch vermisst er die Goldman-Gang und er weiß, dass er diese nur zurückholen kann, wenn er von ihr erzählt. Eigentlich will er ihnen ein Denkmal setzen, aber auch ein noch so begabter Schriftsteller wie Marcus Goldman kommt an der Wahrheit nicht vorbei. Dennoch oder gerade deshalb schreibt er die Geschichte der Baltimores in einer Melange aus traditionellem Familienroman und coming-of-age Geschichte. Er berichtet vom Aufstieg und Fall der Baltimores und entlarvt dabei auch seine eigenen Selbsttäuschungen, Die Montclairs spielen eine untergeordnete Rolle, zunächst. Doch irgendwann wird klar, was Alexandra immer schon wusste: Dass die Montclairs der bessere Teil des Clans waren. Und am Ende nur die Menschen zählen, die man liebt und von denen man geliebt wird.

Wieder zeigt Joël Dicker, wie gut er Charaktere und Situationen zu zeichnen vermag, wie aufmerksam er menschliche Abgründe erfühlt und aus all dem dramatische Spannung erzeugt. Auch dieser Roman ist erstaunlich komplex, dabei mit Leichtigkeit auf verschiedenen Zeit-und Handlungsebenen beleuchtet. Nach und nach sehen wir, dass die Baltimores eine Familie sind, die viel Zeit damit zubringt, ihr eigenes Image zu pflegen. Vergangenes – und sei es noch so belastend – wird nicht aufgearbeitet, alle zeigen sich von ihrer besten Seite und es funktioniert. Die Großeltern, die Montclairs, Marcus – sie alle sehen nur das, was sie sehen sollen. Im Mittelpunkt der Erzählung steht eine Katastrophe, auf die alles zusteuert, die aber keiner kommen sah. Zu perfekt war das Image. Ein weiteres wiederkehrendes Thema im Roman ist Eifersucht. Eifersucht, die nicht nur in der Liebe, auch in einer Freundschaft zum vorherrschenden Gefühl werden kann. Eifersucht ist ein beschämendes Gefühl, aber auch eines, das Energien freisetzen kann. Leider nur allzu oft düstere Energien, die in Verrat münden, wenn man sie nicht kontrollieren kann. Die Frage, wieviel Rivalität Freundschaft verträgt, wird zum Überlebenskampf.

In meiner Rezension zum erstem auf deutsch erschienenen Roman des Genfer Juristen und Schriftsstellers Joël Dicker „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ schrieb ich „Ein Buch wie ein Autounfall. Man will nicht hinsehen, tut es aber doch man kann einfach nicht aufhören, zu lesen. Vollkommen unmöglich.“ Mit der Geschichte der Baltimores ist es genauso, ganz genauso. Man sollte sich besser für die kommenden Tage nicht allzu viel vornehmen, wenn man mit diesem Buch beginnt. Der Roman zieht einen einfach zu tief in einen ganz besonderen Sog und das Schlimmste daran: Man weiß nicht wirklich, wie der Autor das macht. Joël Dicker bedient sich einer unprätentiösen, klaren Sprache. Seine Cliffhanger am Ende eines Kapitels sind nicht allzu spektakulär, seine Charaktere sind fein gezeichnet, so richtig verliebt man sich dennoch nicht in sie und dennoch: Man kommt einfach nicht weg von dieser Geschichte, man kann sich dem Zauber, den Dicker entfaltet, einfach nicht entziehen. Es ist, als ob man zur Familie der Goldmans gehört, als ob einem der Wind eine Geschichte erzählt, die Geschichte von Dir und mir, die Geschichte von uns allen. Dicker erschafft Welten, die einem fremd sind, zu denen man sich aber zugehörig gefühlt. Eifersucht, Neid, Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Zugehörigkeit, der Wunsch, etwas darzustellen – das sind Gefühle, die jeder kennt. Gefühle, die jeden von uns antreiben. Und Dickers Geschichten erzählen davon, was diese Gefühle mit uns und unserem Beziehungsgeflecht machen und wo sie hinführen können. Vielleicht ist es das, was so fesselt an seinen Büchern: Er schafft Situationen, in die man sich gut hineinversetzen kann und man erkennt sich wieder, man will einfach wissen, wie es ausgeht, wenn eine Person so handelt, wie man es selber vielleicht schon oft gedacht hat. Und dabei ist die Geschichte phantastisch genug, dass sie den Zauber des uns Fremden, einer ganz anderen Welt darüber legt.

Das Buch endet acht Jahre nach der Katastrophe und wir erfahren noch, wie es den Überlebenden gegangen ist. Vor allem müssen sie erkennen, dass es die eine alles bestimmende Katastrophe nicht gibt. Es gibt nur Katastrophen, große und kleine, wenn auch manche Katastrophen so gewaltig sind, dass sie einen Schlusspunkt setzen. So banal, so schrecklich. Vielleicht müssen wir lernen, was der bewunderte Onkel am Schluss des Buches erkennt: Katastrophen sind unvermeidlich, sie haben im Grunde keine große Bedeutung. Wichtig ist nur, wie wir sie überwinden. Die letzten Seiten widmen sich der Versöhnung und hätten eine üble Kitschorgie werden können, aber Dicker bleibt auf seinem Kurs. Das Ende ist bittersüß mit einer Prise tieftraurig, aber auch ehrerbietend und sehr wahrhaftig. Weil es in wenigen Worten das Fazit resümiert, welches Dicker so sehr am Herzen liegt: man kann nicht glücklich werden, wenn man nicht verzeihen kann. Nicht nur denen, die einem etwas angetan haben, auch sich selbst.


Genre: Gesellschaftsroman, Romane
Illustrated by Piper München, Zürich

Warum französische Frauen nicht dick werden

41fER4JJGwL._SX309_BO1,204,203,200_Die Autorin Mireille Guiliano ist eine extrem schlanke, extrem erfolgreiche französische Frau. Präsidentin in New York für Louis Vuitton und die Luxuslabels, die noch dazu gehören. Sie schildert in ihrem Buch „Das Geheimnis genussvollen Essens“ und die Überschrift des Klappentextes lautet: „Dieses Buch wird Ihr Leben verändern“. Dermaßen provoziert, musste ich dieses Buch, über das ich beim Stöbern in einer Buchhandlung gestolpert bin, natürlich kaufen. Welche Frau wüsste nicht gerne, wie man genussvoll isst und dabei noch klapperdürr bleibt? Und wenn ein einfaches Büchlein mein ganzes Leben verändern würde, mit dem ich doch sehr zufrieden bin? Der Kaufzwang war mit diesem Satz garantiert, denn es kann ja nur noch besser werden.

Mit einiger Skepsis machte ich mich an das Buch, immer meine französischen Freundinnen vor Augen. Deren Essverhalten hatte ich bisher nicht weiter beachtet, muss aber dazu sagen, dass eine wirklich gertenschlank ist und die andere  schöne natürliche Rundungen hat und sehr gerne auch mal zu viel futtert.

Madame Guiliano schildert auf sehr vielen Seiten ein äußerst luxuriöses Leben, das wir Normalfrauen gar nicht in der Lage sind, zu führen. Sie lebt in New York und in der Provence. Pendelt natürlich erster Klasse zwischen beiden Ländern hin und her und muss, ach die Ärmste, ständig in Sterne-Restaurants essen. Dort gibt es immerzu Champagner und erlesene Weine, vom guten Essen ganz zu schweigen. Selbstverständlich werden nur Designerstücke in der kleinsten Größe am Körper getragen und das soll auch so bleiben.

Beim Lesen werden die Augen größer und größer und man ist geneigt, der Dame gehörig in den knochigen Hintern zu treten, ob so vieler Beschwerden über dieses harte Leben.

Bei aller Empörung bin ich aber irgendwann ihrem Plauderton erlegen und habe tiefe Einblicke in das Essverhalten „der Französinnen“ bekommen und vieles davon leuchtet ein. Plötzlich sehe ich meine schlanke französische Freundin mit anderen Augen. Auch sie schiebt gerne ihr Essen auf dem Teller hin und her, lässt grundsätzlich etwas liegen und gleicht ständig Mahlzeiten mit Salätchen aus.

Madame Guiliano gibt viele Tipps, die sich auch hier in die Realität umsetzen lassen und es macht Spaß, ihr zu folgen.

Am Ende muss aber das eigene Versagen stehen, denn es ist in Deutschland nicht möglich, wenn man Frau Normalverbraucher ist, ein Leben wie die Autorin zu führen.Trotzdem kann man gut ein paar Ernährungstipps übernehmen, die wirklich simpel sind und den Umgang mit Lebensmitteln erleichtern.

Wer einen Einblick in die französsische Lebensart wagen möchte und staunend erfahren möchte, mit welchen Wehwechen die Schönen und die Reichen und die ganz schön Reichen zu kämpfen haben, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt.

Leicht zu lesen, mit einem Augenzwinkern zu genießen.

Unterhaltsam.


Genre: Biographien, Ratgeber
Illustrated by Piper München, Zürich

Cheng

Heinrich Steinfest, den ich über seinen Roman »Der Allesforscher« kennenlernte, blickt in »Cheng« durch eine sarkastisch-schwarz gefärbte Brille auf die Gesellschaft, auf die Wiener Schickeria insbesondere, und dort auf den Klüngel, der das gesellschaftliche Leben unserer Tage diktiert: Politfuzzis, Geldsäcke, Kunstbanausen, Professoren, Würdenträger, Pfaffen, Spitzensportler und deren gelangweilte Gattinnen.

Um diesen Abschaum zu schmähen, lässt er seinen Protagonisten, einen Chinesen, der das Land der Mitte nie gesehen hat, kein Wort Mandarin spricht und ansonsten gebürtiger Österreicher ist, wie eine Comic-Figur durch die österreichische Landschaft taumeln.

Der erfolglose Detektiv Cheng wird von einem Mann beauftragt, der leider kurz darauf erschossen wird und einen Zettel mit einer unverständlichen Botschaft im Einschussloch hinterlässt. Offenbar steckt eine Frau hinter dem Mord, denn bald meldet sich eine weibliche Stimme bei Cheng, schickt ihm eine geheimnisvolle Katze mit einer mysteriösen Botschaft und kidnappt den Ermittler kurz darauf zu allem Überfluss. Der ist jedoch ein im Grundsatz humoriger Typ, und so nimmt es ihn nicht sonderlich mit, dass er die Entführung nur knapp überlebt, dafür einen Arm opfern muss und künftig humpelt. Für seine künftigen Fälle, denn Cheng ist Steinfests Serienheld, bleibt ihm deshalb nur noch sein rechter Arm. Dumm gelaufen!

All das hat wenig mit einem klassischen Kriminalroman zu tun, obwohl es natürlich vordergründig um irgendwelche Verbrechen geht und auch die Wiener Mordkommission bald auftritt, um ihre Unfähigkeit zu beweisen. Nein, es geht dem Autor in erster Linie darum, den Leser in gesellschaftliche Räume zu locken, in denen er in wundervoll gebauten Schachtelsätzen subtile Botschaften übermitteln kann. Und dies ist das sprachlich Großartige an dem Werk des Autors, der seine Geschichte ruhig und unaufgeregt erzählt, dabei aber im Kokon des Nebensatzes herrliche süßsaure Schweinereien verwebt, die die Lektüre zum Genuss machen. Steinfest präsentiert sich damit als der Meister der Hypotaxe, und seine herrlichen Schachtelkonstruktionen sowie der geschickt darin versteckte Schmäh sind der eigentliche Clou des Buches.


Genre: Kriminalliteratur
Illustrated by Piper München, Zürich

Freitagsflug

Die Abteilung für organisierte Kriminalität bei der Münchener Polizei hat ein Problem: Es will ihr einfach nicht gelingen, die illegalen Bordelle vor Ort auszuheben. Gibt es einen Maulwurf, also einen Verräter in den eigenen Reihen? Kommissar Ricardo Bauer ist doch sehr überrascht, als ausgerechnet in seinem Schreibtisch verdächtige Kontoauszüge entdeckt werden.

Brock war selbst jahrelang verdeckter Ermittler bei der Münchener Polizei; er schreibt daher hier unter einem Pseudonym. Als Autor liefert Brock hier solide Arbeit ab, bei der er sicherlich auch von seinen Kenntnissen aus der Polizeiarbeit profitiert. Etwas behäbig, wenn nicht gar pomadig ist die Handlung möglicherweise auch, auf jeden Fall gut lesbar für einen Liebhaber deutscher Kriminalliteratur.


Genre: Kriminalliteratur
Illustrated by Piper München, Zürich

Der Allesforscher

Steinfest, Allesforscher Steinfest beginnt seinen genremäßig phantastischen Roman mit einer gewaltigen Explosion: Manager Sixteen Braun beobachtet im südlichen Taiwan, wie ein toter Pottwal auf einem Schwertransporter durch die Straßen gefahren wird. Augenblicke später wird er im Koma liegen, die im Inneren des riesigen Tieres metabolisierenden Gase lassen den Meeresriesen explodieren, Braun wird hart von Innereien getroffen und verliert das Bewusstsein.

Er erwacht in einem Krankenhaus und macht dort – Glück im Unglück – Bekanntschaft mit der sexuell eigenwilligen Ärztin Lana. Der Dame will er treu sein, doch daheim bricht trotz guter Vorsätze das fremd bestimmte Leben über ihn herein. Er heiratet seine von ihm ungeliebte Verlobte, steigt in der Firma des Schwiegerpapas auf und lebt ein frustriertes Dasein. Zwei Jahre darauf wird er davon per Scheidung erlöst, schult vom Manager zum Bademeister um und beginnt, Lana zu suchen. Die ist jedoch zwischenzeitlich überraschend verstorben, und so könnte die Geschichte eigentlich schon zu Ende sein.

Doch da klingelt das Telefon, und mit diesem kleinen Kunstgriff, dessen sich manch ein Autor bedient, der aus der Sackgasse des Handlungsgefüges ausbrechen will, erfährt Sixteen Braun von einem Sohn. Diesen hat er angeblich mit Lana gezeugt, der Waise soll seinem leiblichen Vater zugeführt werden. Nach anfänglichem Sträuben akzeptiert er die Vaterschaft. Die körperliche Zuwendung der Botschaftsangestellten, die ihm das Waisenkind vermittelt, leistet dabei zusätzliche Überzeugungsarbeit. Allerdings wundert sich der frisch gebackene Papa, dass der Knabe ein kleiner Chinese ist, den er mit der Europäerin gezeugt haben soll. Zudem spricht der Knabe eine vollkommen eigene Sprache, die keinem verständlich ist und ist offensichtlich in einer eigenen, geheimnisvollen Welt gefangen und dort zurückgeblieben. Dafür kann er meisterhaft zeichnen und klettert wie eine Bergziege.

Der Leser als Allesforscher

Es soll nun nicht zu viel verraten werden, aber Sixteen begegnet in Träumer seiner Schwester, die beim Bergsteigen tödlich verunfallte und deren Unfallort die frisch verkuppelte dreiköpfige Familie aufsuchen will. Zwischen Wahn und Wirklichkeit, getrieben von Albträumen und Fantasien geht der ehemalige Businessman und jetzige Bademeister nun mitsamt Sohn und Freundin auf die Reise. In den Alpen begegnet er einem Chinesen, der eigentlich mit der Geschichte eng verwoben ist …

Spätestens hier nun ist es am Leser, im Sinne des Buchtitels zum Allesforscher zu werden und die verschiedenen Fäden und Handlungsstränge aufzunehmen und zu verweben. Das wirkt im ersten Augenblick verwirrend surreal, liest sich aber äusserst geschmeidig, denn Steinfest ist ein Autor, der zumindest im Steinbruch der Worte gewandt zu klettern versteht.

Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2014 hätte dieses Werk durchaus verdient, gekrönt zu werden. Doch dazu hätte der 1961 geborene Verfasser seinen Roman wohl auf die Insel Hiddensee statt nach Taiwan verlegen müssen …

Ruprecht Frieling

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Genre: Romane
Illustrated by Piper München, Zürich