Der zerbrochene Himmel

Ein Lachen, das im Halse stecken bleibt

Im Jahr 1935 überfiel das faschistische Italien Abessinien, das heutige Äthiopien. Mussolinis Hybris und das seiner faschistischen Partei samt dem italienischen Militär und Königshaus, an das Römische Reich zu Zeiten Augustus anzuknüpfen und sich ein Reich rund um das Mittelmeer, dem römischen „mare nostrum“ zu erobern, sollte mit diesem Feldzug beginnen. Waren zuvor schon italienische Waffen am faschistischen Putsch in Spanien beteiligt, so diente der „Abessinien-Feldzug“ auch zur Mobilisierung des nicht besonders auf Krieg erpichten italienischen Volkes. Dieser Feldzug endete rasch mit einer militärischen Katastrophe für das vermeintlich überlegene italienische Heer und aus dem faschistischen „mare nostrum“ wurde bekanntlich und glücklicherweise auch nichts.
1935 allerdings konnten die italienischen Schwarzhemden (die italienischen Faschisten trugen ein schwarzes Hemd zur Parteiuniform) auch in dem sizilianischen Städtchen Vigata ihre Propaganda verbreiten. Mussolinis Stimme tönte hier, wie in allen Orten Italiens, durch die öffentlichen Lautsprecher und erreichte nicht nur Anhänger und Gegner des faschistischen Regimes, sondern auch deren Kinder.
Eines davon ist der kleine Michilino, ein sechsjähriger Junge, Sohn eines faschistischen Parteifunktionärs von Vigata. Michilino wird nicht nur auf der Piazza von Vigata mit dem Loblied auf den Duce und der Herabwürdigung und der Hetze gegen Antifaschisten, „Rote“ und gegen die barbarischen „Abessinier“ penetriert. Zu Hause geht diese Propaganda lupenrein weiter und während eines von seinem Vater arrangierten Privatunterrichts bei einem politisch stramm auf Linie liegenden Alt-Griechisch und Geschichtslehrer werden die faschistischen Propagandabrocken noch mit sexuellen Übergriffen verbunden. Kein Wunder, dass Michilino ständig in Konflikte gerät mit der Realität, die sich mehr als häufig so gar nicht mit der Parteipropaganda übereins bringen lässt. Noch komplizierter wird es für den kleinen Sizilianer, wenn er in der Kirche für die Vorbereitung auf seine Kommunion lernt, dass die Gebote Gottes das Töten verbieten, das Töten von Abessiniern aber völlig in Ordnung sein soll. Auch die Tatsache, dass Abessinier eine schwarze Hautfarbe haben, folglich den italienischen Herrenmenschen also unterlegen sein müssen, hilft Michilino nicht wirklich weiter, ist doch der Schutzpatron seiner Heimatstadt Vigata, der heilige Caloghero auch ein Schwarzer.
Andrea Camilleri hat mit seinem Roman „Der zerbrochene Himmel“ ein berührendes Buch über den Einfluss der faschistischen Propaganda vor allem auf die Kinder seiner Zeit geschrieben. Er hat dies mit den ihm eigenen literarischen Mitteln getan. Er beschreibt auf eine sehr sinnliche Art die Zeit und die Umstände, unter denen Michilino aufwächst. Das Politische wird als etwas dargestellt, das nicht allein Ideologie und Propaganda bleibt, sondern sich tief in das Leben der Menschen eingräbt. Im Falle des kleinen Michilino mehr als das. Camilleri wäre nicht der Autor, der mittlerweile so sehr nicht nur in Italien, sondern in ganz Europa für seine Geschichten geliebt wird, gelänge es ihm nicht auch in einer Geschichte über den faschistischen Alltag auf Sizilien die Skurilitären und die schrillen Widersprüche so zu beschreiben, dass man häufig genug gar nicht anders kann, als während der Lektüre laut loszulachen. Allerdings ist dies ein Lachen, das einem im Halse stecken bleibt.


Genre: Romane
Illustrated by Piper Malik Kabel München

Ich bin dann mal weg

Das Wandern und das Pilgern haben bekanntlich eine lange Tradition in Deutschland. Goethe wanderte, Heine ebenfalls, die Älteren erinnern sich noch an die Wandervogelbewegung oder an die knickerbockerbehosten Herren, die mit Mundharmonika und entsprechendem Liedgut durch die Gegend streiften.

Viel älter ist das Pilgern. Das Wort Pilger stammt aus dem Lateinischen und bedeutet Fremdling. Kirchenlateinisch bezieht sich der Ausdruck Pelegrinus auf eine Person, die aus religiösen Gründen in die Fremde geht.

Zum Thema Pilgern und Wandern hat der Humorist, Schauspieler und Entertainer Hape (Hans Peter) Kerkeling ein Buch veröffentlicht.
Nach überstandener Krankheit beschließt Hape Kerkeling eine Pilgerreise, den Jakobsweg, zu gehen. Die Reise auf dem Camino Francés, eine der alten Europäischen Kulturstraßen, führt ihn vom südfranzösischen Saint-Jean-Pied-de-Port über achthundert Kilometer nach Santiago de Compostela. Das Ziel ist am Ende der Reise das Grab des Apostels Jakobus. Neben Jerusalem und Rom ist Santiago de Compostela das dritte Hauptziel christlicher Pilger. In seinem Reisetagebuch beschreibt Hape Kerkeling den äußerst beschwerlichen Weg, die ermüdenden Tagesetappen, die nicht immer einladenden Pilgerherbergen, Hitze, Kälte, Regen und die Einsamkeit des Pilgers. Er berichtet von den Situationen der körperlichen Schwäche, als er nahe daran ist, diesen Weg abzubrechen. In den schwierigen Situationen erlebt er spirituelle Erfahrungen, Zuneigung von Einheimischen und Freundschaft mit anderen Pilgern. Bei all diesen Strapazen findet er aber auch noch Zeit und Muße, von der Schönheit der Landschaft, Städte und Dörfer zu schwärmen.

»Ich bin dann mal weg« ist eine Empfehlung an Alle, die den Jakobsweg real oder nur im Kopf begehen wollen.


Genre: Reisen
Illustrated by Piper Malik Kabel München

Beim Leben meiner Schwester

Die dreizehnjährige Anna ist ein Kind, welches künstlich gezeugt wurde, um das genetische Ebenbild ihrer Schwester Kate zu sein. Kate ist nämlich an einer seltenen Form der Leukämie erkrankt und benötigt zum Überleben Blutspenden, die nur eine genetisch identische Schwester ihr geben kann. Natürlich dreht sich in der Familie der Fitzgeralds mehr oder weniger alles um die kranke Tochter. Die Eltern, eine ehemalige Anwältin, und jetzige überzeugte Hausfrau und Mutter, Sara, und der Kapitän einer Feuerwache, Brian, kämpfen um das Leben ihrer todkanken Tochter Kate.
Die anderen Kinder müssen viel entbehren, doch sie haben, jeder auf seine Weise, gelernt damit zu leben.

Der älteste Bruder Jesse, ist seit frühster Kindheit verhaltensauffällig, er nimmt Drogen, wird zum Kleinkriminellen. Anna, die jüngste, ist der ruhige Pol und die Kraft der Sicherheit in der Familie. Wie selbstverständlich spendet Anna ihr Leben lang Blut und Knochenmark für ihre Schwester, ist stets vernünftig und selbstlos, bis sie, für alle völlig überraschend, eines Tages einen Anwalt aufsucht, um sich aus der elterlichen Gewalt in medizinischen Fragen entlassen zu lassen …

Jodi Picoult schafft es in diesem Buch, die Tragik eines todkranken Familienmitglieds besonders gut und auch tiefgründig zu vermitteln.
Jedes Kapitel wird aus der Sicht eines anderen Familienmitgliedes, auch aus der Sicht des Anwaltes, geschrieben, so dass man sich in alle Charaktere gut hineinversetzen kann. Ebenso hat die Autorin merklich sehr gut recherchiert. Die medizinischen, ethischen und juristischen Aspekte, wirken dadurch realistisch und authentisch.

Bis hierhin ein gelungenes Werk. Nun aber zu dem grossen Aber …

Leider hat Jodi Picoult mitten unter dieses interessante und komplizierte Geflecht von Gefühlen und Gedanken, eine profane Liebesgeschichte, zwischen Anwalt und Verfahrenspflegerin, gemischt. Diese ist, meiner Ansicht nach, völlig überflüssig. Ebenso führt sie die Geschichte, durch ihr Unvermögen einen Sachverhalt für sich selbst sprechen zu lassen und ein feiges, unglaubwürdiges Ende, ad absurdum.


Genre: Romane
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Unerwartetes Licht

Bevor Menschen eine Reise unternehmen, lesen sie einen Reisefuehrer. Reisen sie jedoch nach Afghanistan, sollten sie Jason Elliots Buch »Unerwartetes Licht« verschlingen. Besser kann Afghanistan aus der Ferne nicht betrachtet werden.

Mitte der 90iger machte sich Jason Elliot auf zum Hindukush. Hier wollte er lediglich ein Buch schreiben und seine Eindrücke den Menschen zu Hause kundtun. Mehr nicht. Gesagt getan. Mit einer Handvoll Geld in der Tasche, leidiglich guter Ausrüstung, war er sich vor der Reise seiner Schwierigkeiten im vom Bürgerkrieg gebeutelten Land bewusst. Er schreibt in seinem Buch: »Ich hatte noch keinen Führer, und unterwegs gab es keine Hotels oder Herbergen zum Uebernachten. Niemand wuerde Englisch sprechen, es wuerde kalt sein, und die Pässe lagen sehr hoch. Dazu kamen noch der Krieg sowie vollkommene Gesetzlosigkeit — alles in allem also die perfekten Bedingungen für eine wagemutige Expedition.«

Elliot nimmt den Leser mit auf diese wagemutige Expedition. Durch das pulsierende Kabul, die eisigen Höhen des Hindukush bis hin die Ängste im Angesicht des Todes. Vielleicht ein wenig naiv hat er sich auf die Reise gemacht, vielleicht ein wenig manchmal zu überzeichnet — doch stets mitreissend, abenteuerlich und um Details bemüht. So schreibt Elliot ueber das Land inmitten von Asien. Er lässt Muhammad Iqbal zu Wort kommen, der über sein Land sagt: »Asien ist ein lebender Körper, und Afghanistan ist sein Herz. Versagt das Herz, so stirbt auch der Körper. Doch solange das Herz frei ist, bleibt auch der Koerper frei. Wenn nicht, wird er zu einem Blatt im Wind.«

Genau deshalb konnte das Land immer wieder mit einfachen Mitteln gegen seine Eroberer ankaempfen. Timur, Alexander, Dschingis Khan, England, die Sowjetunion und und und. Sie alle versuchten, Afghanistan zu beherrschen. Zahlreiche Zeugnisse vergangener Jahrhunderte zeigen die gescheiterten Versuche. Und eben jenes Land durchreist der Autor, meist dabei auf sich gestellt. Seine Reise beginnt in Kabul, der Hauptstadt von Afghanistan. So schreibt er über Kabul: »Kabul ist ein von Bergen gesäumtes Geschichtsbuch, dessen Buchstaben sich tief in die Gesichter der Menschen eingegraben haben. Bei einem Spaziergang durch die Strassen der Stadt kann man aus den Mienen der Männer und Frauen die Spuren der Jahrtausende ablesen und wird so daran erinnert, dass man einen beispiellosen Schmelztiegel verschiedener Völker betreten hat.« Dieser Schmelztiegel ist Zeugnis der vielen Eroberer, die ihre Frauen und Maenner zum Teil hier lassen mussten oder die freiwillig am Hindukush hängen geblieben sind.

Genau diese verschiedenen Typen von Menschen, die nach Afghanistan kommen oder die hier in ihren Clans leben, beschreibt er in all ihren Facetten: »Sein Gesicht war von einer so tiefen Schwermut überschattet, dass ich in ihm einen ehemaligen Regierungssoldaten vermutete. Die Männer, die unter den Sowjets gezwungen waren, gegen ihr eigenes Volk zu kämpfen, hüteten in ihren Augen stets ein unbeschreibliches Leid. Es war derselbe Gesichtsausdruck, den Vietnamveteranen auch als ‘tausendjährigen Blick’ bezeichnen. Er war unverkennbar.«

Schon nach kurzer Zeit in Afghanistan, nach Kämpfen mit Muhaheddin, der Kälte der Berge, dem kargen Essen könnte nichts anschaulicher sein als der Text eines Faxes aus seiner Heimat England. Die Zeilen sind ihm so nah, doch auch so schrecklich fern: »Ich hielt mich seit zehn Tagen in Kabul auf. Im Hauptquartier des Roten Kreuzes erwartete mich ein Fax von zu Hause. Meine Schwester hatte neue Vorhänge gefunden, passend zu ihrem Teppich. Das Wetter in England sei jämmerlich, es schneie. Und wie sehe es bei mir aus? Es war wie eine Nachricht von einem anderen Planeten.«

Waehrend andere Menschen sich in ferne Laender aufmachen, um als Touristen die Staaten zu entdecken, kam der Autor in dieses Land, um dessen Seele zu ergründen. Der Leser ist dabei der Assistant des Forschers. In guten wie in schlechten Zeiten: »Ich hörte, wie sich in mir ein Schrei löste, fuer den toten Mann und auch für alle Menschen, die jemals im Krieg ihr Leben gelassen haben.« Doch auch die Landschaft machte ihn schauen. Eindrucksvoll stellt der Verfasser dies heraus. Besonders wenn er über die Berge zieht, wird es dem Leser schwindelig: »Je höher der Pfad sich zog, desto bedrohlicher wurden diese Begegnungen. Es war, als würde man auf einem Pferd in der fünften, zehnten oder manchmal gar der zwanzigsten Etage über einen Balkon ohne Geländer reiten und dabei versuchen, sich den Platz noch mit jemanden zu teilen.« Oder aber er bewegt sich mit einem klapprigen Fahrzeug: »Während des Anstiegs heulte der Motor immer verzweifelter. Er gab zweierlei Geräusche von sich: eine Art Jammern, das tief aus seinem Herzen drang und flehentlich um einen höheren Gang bat; darüber legte sich das dumpfe Dröhnen der beanspruchten Zylinder. Es war, als würden wir auf einem mechanischen Drachen reiten, der an einem Lasso hing und dessen animalische Energie sich auf jede einzelne Naht und Niete uebertrug.« Natürlich musste es ja auch wieder hinab. Ständig in Todesangst: »Ich wusste nicht, was schlimmer war: nicht mehr nach vorn sehen zu können und somit alle Hoffnungen aufzugeben oder auf diesen Hauch einer Chance zu verzichten und mich blind dem Schicksal zu uebergeben. Stets sties man vor schroffer Kulisse auf unerwartet aufleuchtende Schönheit, ähnlich wie ein Lichtstrahl, der in eine Höhle fällt. Es war wie ein süsser Moment, der aus vielen mittelmässigen Erlebnissen hervorstach und Empfindungen auslöste, die vergleichbar waren mit dem Blick auf ein fruchtbares und liebevoll bepflanztes Tal nach einem stundenlangen Marsch durch kahle Berge.”

Und in all diesen Gegensätzen lebten die Menschen Afghanistans: die Paschtunen, die Hazara, die Tadschiken, die Usbeken. Das Aufeinandertreffen ist bei Elliot stets ein bewegender Moment. Denn es prallten stets die westliche als auf die afghanische Welt. Seine Eindrücke schildert er so: »Es war nicht allein das Leid der Bevölkerung, das derartige Gefuehle in mir hervorrief, sondern vor allem die ruhige Gelassenheit, mit der die Menschen ihr Schicksal ertrugen. Sie flüchteten sich nicht einmal im Zynismus, obwohl dies angesichts ihres schweren Schicksals nur verständlich gewesen wäre. Statt dessen lächelten sie immer noch.«

Stets macht er sich seine Gedanken über die eigene Welt. Stellt sie bisweilen in Frage und kommt dann zum Kern des Ganzen, indem er in wenigen Zeilen die Frage nach dem Sinn des Lebens herausstellt: »Doch was braucht ein Mensch im Grunde? Etwas zu essen jeden Tag, Wärme und ein Obdach, ein Bett, in das er sich legen kann, und irgendeine Art von Betätigung, die ihm ein Gefühl von Erfüllung gibt. Das ist alles — zumindest soweit es das Materielle betrifft. Und das wissen wir auch. Aber unser Wirtschaftssystem hat uns einer derartigen Gehirwäsche unterzogen, dass wir in einem Grab enden werden unter einer Pyramide von Ratenzahlungen, Hypotheken, absurden technischen Spielereien und Spielzeugen, die unsere Aufmerksamkeit von dieser idiotischen Farce ablenken. Die Jahre brausen vorbei, und die Träume der Jugend verblassen, während sie in den Schrankfächern der Geduld verstauben. Und ehe wir uns versehen, ist der Sarg versiegelt. Aber worin liegt dann die Antwort? Ganz einfach — in der Tatsache, dass wir wählen können zwischen dem Bankrott der Brieftasche und dem Bankrott des Lebens.»

Dem Konsumenten bleibt jetzt die Wahl, das Buch zu lesen oder eines der besten Werke der Reiseliteratur zu verpassen. Es ist ein Muss fuer alle, die es nach Afghanistan zieht.


Genre: Reisen
Illustrated by Piper Malik Kabel München

Mit brennender Geduld

Es ist für leidenschaftliche Leserinnen und Leser eine gewisse Herabwürdigung ihrer Lektüre, wenn ein Buch als »Buch zum Film« gehandelt wird. Wenn allerdings die Verfilmung eines literarischen Stoffes sowohl ästhetisch gelungen ist, und sie zudem dem Buch zu Aufmerksamkeit und zu weiteren Lesern verhilft, dann sollte man alles Beleidigtsein vergessen und sich freuen, dass der Text womöglich neue Freunde gefunden hat.

Mit diesem Literaturtipp verhält es sich leider noch nicht einmal so. Und dabei waren alle Voraussetzungen erfüllt: eine wahrhaft kongeniale Verfilmung mit zwei herausragenden Schauspielern in den Hauptrollen, Phillip Noiret und der leider nach den Dreharbeiten verstorbene Italiener Troisi. Der Name des Filmes lautet »Il Postino — der Postmann«. Das Buch, dem dieser Film zugrunde liegt trägt den Titel »Mit brennender Geduld« und wurde von dem chilenischen Schriftsteller Antonio Skármeta verfasst. In diesem Buch schildert Skármeta die Geschichte des Postboten Mario Jiménez und des chilenischen Dichters Pablo Neruda. Jiménez bringt Neruda täglich seine Post und mit einem Gedicht, das er dem Dichter abringt, bezirzt er seine Liebste. Es ist eine Geschichte über die Poesie und die Kraft der Dichtung. Es ist zugleich eine Geschichte aus der jüngeren Historie Chiles und seiner Menschen. Eine Erzählung über die Emanzipation der »kleinen Leute«, über Putsch und Exil. Aber es ist vor allem eine zutiefst emotionale Erzählung, die auf knapp 140 Seiten mit einer eindringlichen und poetischen Sprache fesselt und sehnsüchtig macht — auf mehr Poesie.

Das Buch hat es in Folge des wunderschönen und unbedingt sehenswerten Filmes leider nicht zu großer Auflage geschafft. Aber es ist erhältlich — und das ist heute doch schon etwas wert. Zumindest für die, die sich auf dessen Lektüre freuen dürfen.


Genre: Romane
Illustrated by Piper Malik Kabel München

Andrea Camilleri, Mein Leben

Er hat weltweit Millionen begeisterte Leserinnen und Leser. Seine Romanfigur, der sowohl kriminalistisch wie kulinarisch begabte Kommissar Salvo Montalbano, ist mittlerweile fast Kult. Dass sein Schöpfer diesem sizilianischen Quadratschädel zugleich einiges an Spitzbübigkeit mitgab, hat vielleicht zu dem in der Welt der Literatur einmaligen Ereignis geführt, dass eine Romanfigur seinen Schöpfer anruft, um ihm die Kündigung anzudrohen. Wir sprechen natürlich von Andrea Camilleri. Als dieser an eine Erzählung arbeitete, die »ein bisschen à la Hannibal Lector« sein sollte, verhält sich Montalbano, »der in dieser Geschichte ermittelt, an einem bestimmten Punkt wie folgt: Anstatt pflichtgemäß die Pistole zu zücken, macht er kehrt, fährt zu einer Telefonzelle und ruft einen alten Herrn in Rom an, der zu nächtlicher Stunde Geschichten schreibt: `Hör zu Camilleri, wenn du weiterhin ein solches Zeug schreiben willst, dann mach es, aber ich will damit nichts zu tun haben.´ Und Montalbano weigert sich, die Ermittlungen fortzusetzen.«

Camilleri erzählt diese Episode dem Journalisten Saverio Lodato, der aus einer Reihe langer und intensiver Gespräche mit dem sizilianischen Autor dessen Leben mehr dokumentiert, als dass er es schildert. Lodato hatte 2001 den Auftrag für die kommunistische Tageszeitung »L´Unita« ein Interview mit Camilleri über dessen Auffassungen zur sizilianischen Mafia zu führen. Nach dem Interview entwickelte sich ein umfangreicher Dialog zwischen den beiden. In mehreren Gesprächen erzählte der zur Zeit wohl erfolgreichste und bekannteste italienische Autor Lodato Episoden aus seinem Leben. Und glücklicherweise erkennt Lodato die besondere Qualität des Erzählens. Er beschließt, aus diesem Material keinen eigenen Text zu erstellen, sondern diese Gespräche zu dokumentieren. »(…) Camilleris ungetrübten Erzählduktus zu bewahren, und (habe) mich darauf beschränkt, ein sehr weit reichendes Themenmaterial auf einige simple Leitfäden für die Marschrichtung einzustellen. Ich wollte, daß der Leser auf gewisse Weise die `Stimme´ Andrea Camilleris genauso hört, wie ich sie vernommen habe«, schreibt er in seinem Vorwort. Ein größeres Geschenk hätte er seinen Lesern nicht machen können. Camilleri ist — seine Fans wissen es — ein ausgezeichneter Erzähler. Beim Lesen dieses Buches schleicht sich Neid ein. Gerne würde man ihn nicht nur lesen, sondern ihm auch zuhören dürfen.

»Andrea Camilleri, Mein Leben« ist eine Sammlung von Geschichten, die vom Beginn des Faschismus in Italien bis zur Hybris der Berlusconi-Jahre reichen. Es ist kein im eigentlichen Sinne politisches Buch. Die erste Hälfte handelt vor allem von Camilleris Kindheit und Jugendzeit. Hier schildert er aus dem Leben seines Vaters, er berichtet von der Faszination des Meeres. Beides entfaltet bis heute eine große Wirkung auf Camilleri. Geruch und Geschmack der Kindheit werden lesend lebendig und machen nicht nur im übertragenen Sinne Appetit auf die folgenden Kapitel seines Lebens.

Camilleri erzählt natürlich auch von seiner Arbeit. Wir erfahren, dass die Piazza von Porto Empedocle, seinem Heimatort, die Geburtsstadt der fiktiven Romanstadt Vigata ist. Wir hören tatsächlich, lesend, vielen Geschichten zu. Keine ist zu klein, um sie auszulassen, nicht eine ist unwichtig im Zusammenhang des langen Lebens, das Camilleri schon hat leben dürfen. Andrea Camilleri wurde 1925 geboren. Mehr als sein halbes Leben lang hat er in der italienischen Filmindustrie gearbeitet, war Regisseur, Drehbuchautor. Schriftsteller ist er erst im Herbst seines Lebens geworden. Die Gespräche in Lodatos Buch zeigen, wie gut die Reife des Lebens seiner Literatur getan hat.


Genre: Biographien, Memoiren, Briefe
Illustrated by Piper Malik Kabel München

Tiefer Schmerz

Tiefsten Schmerz müssen verschiedene Opfer empfinden, die auf die jeweils gleiche bestialische Weise hingerichtet werden: an den Füssen aufgehängt, damit das Blut in den Kopf strömt und den Schädel mit einem eigenartigen Drahtinstrument durchbohrt. Der eine Tote ist ein brutaler Zuhälter, der andere ein betagter jüdischer Gehirnforscher, und bald stellen sich rund um den Globus weitere ähnliche Morde dar, die jedoch keinen erkennbaren Zusammenhang haben.

Grund genug für die Sonderermittlungsgruppe der schwedischen Reichspolizei um Kerstin Holm und Paul Hjelm, europaweit auszuschwärmen und zu ermitteln. Mit Hilfe von viel Gespür, unglaublichen Zufällen und einem funktionierenden Europolsystem finden sie nach langen Mühen den gemeinsamen Nenner, der die brutalen Morde eint. Dazu müssen sie weit in die Vergangenheit zurückgreifen.

Dahls Talent liegt in der lebensnahen Zeichnung von Personen, die er differenziert und kantig schildert. Die blutige Story selbst ist in hohem Masse konstruiert, doch die intensive Dramatik des Romangeschehens zwingt zum Weiterlesen. Schleppend wirkt, wenn der Autor immer wieder seine bisherigen drei Bücher, also die anderen Fälle der Ermittlungsgruppe, zitiert und damit Zeilen schindet. Die detailgetreue Beschreibung von zerfetzten Leichen ist dem Leser skandinavischer Krimiliteratur inzwischen vertraut, davor muss in diesem Fall also kaum gewarnt werden. »Tiefer Schmerz« bietet spannende Lektüre und Arne Dahl präsentiert sich als Autor, von dem bestimmt noch weitere Krimis zu erwarten sind.


Genre: Kriminalliteratur
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Rosenrot

In ihrem fünften Fall haben es die Ermittler der sogenannten A-Gruppe, der Spezialeinheit beim Stockholmer Reichskriminalamt für Gewaltverbrechen von internationalem Charakter, mit einer besonders brisanten Situation zu tun: Winston Modisane, Afrikaner mit abgelehntem Asylantrag, wurde von einem Polizisten während einer Razzia erschossen. Der Fall bekommt eine völlig andere Dimension, da Kerstin Holm als Ermittlerin der A-Gruppe in ihrer Vergangenheit eine Liebesbeziehung zu dem schießenden Polizisten hatte. Gleichzeitig findet die Polizei einen Selbstmörder, der in einem Abschiedsbrief mehrere Morde gesteht. Die Opfer werden gefunden und identifiziert. Im Laufe der Ermittlungen verbinden sich die unterschiedlichen Fälle und nach einer rasanten Jagd wird der Täter gestellt.

In der Tradition von Sjöwall/Wahlöö erzählt dieses Buch von Liebe, Leidenschaft und Tod, aber auch über die Aids-Problematik in Afrika und das Leben illegaler Einwanderer in Europa. Arne Dahl bietet Spannung und gute Unterhaltung.


Genre: Kriminalliteratur
Illustrated by Piper Malik Kabel München

Die schwarzen Vögel

Jenny mit den langen, schwarz lackierten Fingernägeln verschwindet, und natürlich gerät unter Verdacht, wer zuletzt mit ihr gesehen worden ist: Thomas Kuyper, Pharmakologe in einem Tierforschungslabor. Seine Frau war eine Woche verreist, er hatte nicht der Versuchung widerstanden — nun sieht sich Thomas mit den Scherben seiner Ehe und Existenz konfrontiert. Grandios komponiert Bestsellerautor Maarten ‚t Hart die Themen Liebe, Ehe, Eifersucht und Mord zu einem ungemein fesselnden Roman. — Nur so viel: Maarten ‚t Hart hat eine Geschichte erzählt, der auch der Leser begierig erliegt, denn man muß wissen, was aus der Frau wurde.


Genre: Kriminalliteratur
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Das Wüten der ganzen Welt

Der Roman-Titel ist einer Bach-Kantate entlehnt und spielt in der Nachkriegszeit in Holland. In diesem autobiografisch geprägten Buch, in dem die Atmosphäre einer permanenten Bedrohung vorherrscht, verknüpft `t Hart spannende Kriminalhandlung mit Elementen des bürgerlichen Bildungs- und Erziehungsromans.

Der zwölfjährige Alexander, Sohn des Lumpenhändlers Goudevyl, wächst in einer holländischen Kleinstadt auf. Die alten Geschichten vom Krieg begleiten den Jungen. Von seinen Schulkameraden gehänselt und verprügelt und vom Ortspolizisten missbraucht, sucht er Zuflucht in der Musik. Da wird der Junge Zeuge eines Mordes an dem Dorfpolizisten, der unmittelbar hinter dem Rücken des Jungen erschossen wird. Die Aufklärung der Tat begleiten den Jungen Alexander sein Leben lang, der später als Komponist Ruhm und Ehre ernten wird.

Die Spuren führen zurück zu einem Kriegsverbrechen im Jahr 1940. Bei der Flucht aus dem besetzten Holland (nach England) wird ein Fischerboot versenkt. In dem Beiboot können die Passagiere und der Fischer (der später als Ortspolizist wieder auftaucht) entkommen. Als Alexander später Musikunterricht nimmt und sich mit den Söhnen der Musiklehrerin befreundet, ahnt er, dass hier eine Verbindung zu dem Verbrechen liegen könnte, genauso wie beim Apotheker, der ihn immer wieder zu sich einlädt.

Ein wirklich spannungsreiches Buch, das nicht so schnell loslässt, obwohl auch epische Längen das Lesen etwas zäh machen. Musische Passagen lockern den Roman wieder auf.


Genre: Romane
Illustrated by Piper Malik Kabel München

In kalter Absicht

Lakonisch erzählter, vielfach verschachtelter Kriminalfall aus Norwegen um Kindesentführungen und —morde eines unberechenbaren Psychopathen, der von einem gemütlichen älteren Kommissar und einer von ihm spontan als Profilerin auserkorenen Psychologin gesucht wird. Die Fachfrau von der geisteswissenschaftlichen Fakultät ist überdies mit einem düsteren Justizirrtum aus der Vergangenheit des Landes beschäftigt, hier geht es um die unschuldige Verurteilung eines angeblichen Kinderschänders. Auf dem Höhepunkt des Romans laufen die Handlungsstränge zusammen und verweben sich elegant.

Der Text lässt dem Leser viel Freiraum für eigenes Überlegen und Mutmaßen, er lädt regelrecht zur persönlichen Stellungnahme ein und wirkt damit alles andere als glatt gegossen. Die sachkundige Autorin hebt weniger das kriminalistische Genie Einzelner in den Himmel, sie beleuchtet vielmehr ihre Fälle von möglichst vielen Seiten und aus den unterschiedlichsten Perspektiven und wirkt insofern auch realistischer als andere skandinavische Kriminalschriftsteller. Hier müht sich, anders als bei Mankells Starkommissar Wallander, kein Polizist als Alter Ego des Autors. Holt reportiert spannende Fälle und leuchtet sie facettenreich und fachkundig aus.


Genre: Kriminalliteratur
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Das Puppenkabinett des Senyor Bearn

Ein wundervoll poetischer Roman über den Niedergang des mallorquinischen Landadels von einem der großen Literaten der Insel, Llorenç Villalonga. Die besondere Originalität des Werkes besteht darin, das spätfeudale Weltbild einer zum Untergang verurteilten Klasse auf äußerst anschauliche Weise für die Nachwelt aufgezeichnet zu haben. Die Ereignisse im Hause von Bearn wird aus der Sicht eines unmittelbar Betroffenen berichtet. Es handelt sich dabei um den Hauskaplan der Eheleute Bearn, Don Joan Mayol.

Don Joan sieht sich vor die ihn belastende Aufgabe gestellt, die Memoiren des Senyors Bearn heraus zu geben, die dieser vor seinem Tod in seine Hände gelegt hat. Einige der Thesen und Auffassungen des Autors dieser Memoiren wirken auf den Kaplan schockierend, und so richtet er seinen Bericht unter dem Siegel des Beichtgeheimnisses an einen Jugendfreund, der ebenfalls Priester ist. Immer wieder kommt dabei das geheimnisvolle Puppenkabinett im Hause der Bearns zur Sprache, das seit dreißig Jahren verschlossen ist und von niemandem betreten wird. Ob das Geheimnis mit dem Ableben der letzten beiden aus dem Geschlecht derer von Bearn gelöst wird?


Genre: Romane
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Blinde Göttin

Die smarte Polizeikommissarin Hanne Wilhelmsen, eine faszinierend aussehende, hochintelligente und brillant kombinierende Lesbe und damit Alter Ego der Autorin fährt am liebsten Harley Davidson ohne Helm. Im Showdown des Krimis um einen von angesehenen Juristen gesteuerten Drogenring muss sie aber auch schon mal einen verabscheuungswürdigen japanischen Reiskocher knacken und durch die winterkalte Nacht Norwegens knallen, um das Schlimmste zu verhindern. Die insgesamt arg konstruiert wirkende Story wird gekonnt und spannend erzählt. Holts Interesse, höchste staatliche Stellen mit den verbrecherischen Vorfällen zu verfilzen, wurde vor Jahrzehnten schon eleganter und glaubhafter von den Meistern des sozialkritischen Krimis, dem Schriftstellerpaar Sjöwall/Walhöö umgesetzt. Die „Blinde Göttin“ ist kaum Holts Spitzentitel, spannende Urlaubslektüre ist das Buch allemal.


Genre: Kriminalliteratur
Illustrated by Piper Malik Kabel München