Wie man berühmte Menschen trifft

Den ersten »berühmten Menschen«, den ich in grauer Vorzeit als angehender Journalist interviewen sollte, war ein Filmstar. Ich kannte ihn nicht. Ich hatte seinen Namen nie zuvor gehört, obwohl er doch so unerhört berühmt sein sollte, dass ich eigens nach Berlin zu einem Filmset geschickt wurde, um ihm ein paar Antworten abzuluchsen. Das Internet war in jener undenkbar lang zurück liegenden Zeit noch nicht erfunden, sonst hätte ich den Namen flink gegoogelt und wäre schlauer gewesen. Ich hätte mir auch ein Foto meines Interviewpartners anschauen können, und so wäre mir die erste Peinlichkeit erspart geblieben. Denn ausgerechnet den ersten Typen, der auf dem Set gelangweilt herumstand, fragte ich nach jener Berühmtheit, und ich möchte nicht wissen, was er von mir gedacht hat, als er sich als jener ach so gefragte Promi zu erkennen gab.

Immerhin hatte ich damit meinen ersten Promi im Interview, und ich kam auch leidlich zurecht, weil der Superstar hilfsbereit war und mein Unwissenheit mit mitleidigem Augenaufschlag hinnahm. Gay Talese, der Monate lang Frank Sinatra verfolgte, aber nicht vorgelassen wurde, hatte es da weitaus schwerer. Dafür hat er uns einer der besten Profilreportagen aller Zeiten hinterlassen. Sein Meisterwerk »Frank Sinatra ist erkältet« porträtiert den interviewunwilligen Superstar, ohne mit ihm auch nur ein Wort gewechselt zu haben, aus der Sicht des ihn begleitenden Tross.

Der Schweizer Kolumnist Mark van Huisseling kultivierte seinerseits die persönliche Art des Umgehens mit Berühmtheiten, über die er schreiben sollte. Er durchbrach das klassische Interview, indem er seine Gesprächspartner fragte, worüber sie selbst gern reden wollten. Dabei verstand er die oft bizarren Rahmenbedingungen, unter denen die Interviews stattfanden, als Lösung für seine Arbeit. Statt sich auf die konventionellen Frage-Antwort-Spielchen einzulassen, die zudem meist noch von Zerberussen der jeweiligen PR-Abteilungen überwacht und zensiert werden, erzählt er, was sich am Rande ereignet. Er stellt niemanden bloß, das überlässt er den Befragten selbst. Die floskelhafte Leere, die Pseudo-Promis, Stars und Sternchen umgibt, enthüllt sich damit von ganz allein.

Im Ergebnis schuf er Porträtminiaturen, die den Interviewten bisweilen in einem nicht unbedingt vorteilhaften Licht erscheinen lassen. Auf die Frage, welches Buch sie zuletzt gelesen habe, antwortet Verona Pooth, es seien einige von Homo Faber gewesen … Die dünne Oberfläche, auf der sich derartige Interviews bewegen, lassen damit durchaus tiefe Einblicke zu. Sein Spaziergang durch den Zoo der Alphatiere führt vom Avantgardekünstler Blixa Bargeld (»Wo sind wir heut losgefahren? Ach, Paris!« )über den professionell dauergutgelaunten Roberto Blanco (»Ich bin kein Spaßmacher, ich bin kein Clown. Ich bin Entertainer, ich will unterhalten«) und Pierre »Winnetou« Brice (»Die Helden von heute sind schwule Apachen, rosa gekleidet«) zu Dolly »Ballonbusen« Buster (»Wie lauten die Titel der letzten drei Filme, die Sie produzierten?« – »Ich kann mich nicht erinnern«).

Viereinhalb Stunden muss der Reporter auf Mariah Carey warten, die sich einen Fingernagel abgebrochen hat und ihm dann ihre nackten, langen Beine entgegen streckt (»Ich möchte weniger planen – Planen ist für die Armen«). Rocksänger Joe Cocker überrascht ihn mit dem Geständnis, von Hitler fasziniert zu sein (»Dieses Nazi-Ding war irgendwie umwerfend, von der Ideologie mal abgesehen«). Sarah Connor, die Pop-Prinzessin aus Delmenhorst, wird von einem albanischen Elitesoldaten gemanagt, und will nur über Oberbekleidung statt über Unterwäsche, für die sie wirbt, sprechen. Rolf Eden, Berlins ältester Playboy, bestreitet, Viagra zu nehmen (»Feministinnen – Wenn ich mit denen fertig bin, sind sie bloß noch feminin«).

Mark van Huisseling vertextet seine Interviews und reichert sie mit markigen Zitaten aus der Boulevardpresse an, die sein Gegenüber charakterisieren und spiegeln. Dabei zeichnet er sich durch einen extensiven Gebrauch von Zitaten in Klammern aus, es sind wohl dutzende pro Artikel. Seine Texte lesen sich unterhaltsam und beschwingt, er weicht positiv vom Klischee des Society-Reporters ab. Aber die Texte erschienen ursprünglich ja auch in der liberalen Schweizer »Weltwoche« und nicht in der Klatschpresse. Van Huisselings Interviews sind um ein Vielfaches besser als das Zeug, das ich in meinen Anfangsjahren zusammen dichtete. Gay Talese kann er hingegen nicht das Wasser reichen.

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Genre: Kolumnen
Illustrated by Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins Berlin

Ehre Deinen Vater

Denkt der Durchschnittsleser an die Mafia, stellt er sich meist wild bewegte Schwarzweißszenen und blutige Gewalttaten vor, dramatische Intrigen und illegale Millionen-Dollar-Projekte sowie große schwarze Limousinen, deren Insassen die Gehsteige mit Maschinenpistolenfeuer überziehen. Vieles von dieser Hollywood-Version entspricht zwar der Wahrheit, aber die wesentlichen Umstände der Existenz eines Mafioso werden dabei völlig ignoriert: eine Routine endlosen Wartens, der Langeweile, der Notwendigkeit, immer wieder unterzutauchen, und die zwangsläufigen Folgeerscheinungen jener Phasen, die man in Deckung verbringen musste – Kettenrauchen, zu reichliche Kost bei zu wenig körperlichem Ausgleich, das eingesperrt Sein in Zimmern mit herabgelassenen Rollläden, die zermürbende innere Leere, der man ausgeliefert ist, während man alles tut, um am Leben zu bleiben.

Der Mythos der blutrünstigen Mafia, die eine Spur des Todes durch die USA legte, diente in den Siebziger Jahren vor allem der amerikanischen Propaganda. Während US-Truppen die grausamsten Verbrechen in Vietnam beging, der CIA in aller Welt folterte und mordete und Spezialeinheiten wie die »Green Berets« sich 1969 eines Doppelagenten entledigten, indem sie ihn töteten und die Leiche mit Ketten beschwert ins Meer warfen, war der Regierungspropaganda jedes Mittel recht, um auf den angeblichen Staatsfeind Nummer Eins abzulenken. Millionen Dollar wurden investiert, um den Polizeiapparat aufzurüsten, und die Presse überschlug sich mit bizarren Schlagzeilen und Aufmachern bei jedem Delikt, das dem organisierten Verbrechen in die Schuhe geschoben werden konnte. Dabei spielte der Einfluss der Mafia längst nicht die große Rolle, die ihr öffentlich angedichtet wurde. Vieles ähnelt dem heutigen Propagandakampf gegen die bösen Terroristen, die angeblich unser Dasein zerstören wollen, während »wir« klammheimlich Kulturstaaten in Schutt und Asche legen und aus purer Gewinnsucht Jahrtausende alte gewachsene Strukturen vernichten.

Die amerikanische Mafia ist berühmt als gefährliche Geheimgesellschaft, kriminell, undurchschaubar, aber auch faszinierend. Sie war Stoff unzähliger Romane, von denen Mario Puzos furioses Werk »Der Pate« durch die Verfilmung von Francis Ford Coppola der berühmteste ist. Es ist eine Welt, die von überlieferten italienischen Familienwerten, pompösem Lebensstil und politischen Verstrickungen bis in die höchsten Schichten Amerikas bestimmt wird. Puzo hatte allerdings nie mit einem echten Mafioso gesprochen und schrieb sein fiktionales Werk allein aus seiner Vorstellungskraft.

Der amerikanische Journalist und Autor Gay Talese liefert dagegen mit »Ehre Deinen Vater« die erste und bislang einzige Tatsachenschilderung aus dem Inneren der Mafia. Es ist die Geschichte der Familie Bonnano, die in den sechziger Jahren die Unterwelt New Yorks dominierte. Talese wandte sich im Januar 1965 in der Verhandlungspause eines Prozesses, den er für die »New York Times« beobachtete, direkt an den Angeklagten Bill Bonanno und schlug ihm vor, ein Buch über dessen Werdegang zu schreiben. Obwohl die Macht der Mafia auf jenem Gesetz des Schweigens beruht, das die Paten »Omertà« nennen, knackte Talese diesen Kodex.

In mühsamer Kleinarbeit gelang es ihm, ein Vertrauensverhältnis zu dem Mafiaboss aufzubauen. Bill Bonanno war der Sohn des berühmt-berüchtigten New Yorker Mafiabosses Joseph »Joe Bananas« Bonanno. Es war die Zeit, als Bonannos 450 Mann starke Verbrecherorganisation sich gerade in einem blutigen Krieg gegen rivalisierende Familien befand, der als »Bananen-Krieg« in die Kriminalgeschichte einging. Der Journalist begleitete ihn sechs Jahre lang, kam mit seinen Freunden und Verwandten in Kontakt und besuchte schließlich sogar die sizilianische Heimat der Bonanno-Familie.

Taleses Erzählung beginnt an einem regnerischen Tag im Jahr 1964, als Bills Vater Joseph Bonanno spurlos verschwindet. Nie wurde geklärt, ob er entführt wurde oder sich versteckt hielt, weil er die Vorladungen vor staatliche Untersuchungsausschüsse umgehen wollte. Der Autor schildert die brutale Fehde innerhalb der Mafia und schlägt einen weiten Bogen zu den Ursprüngen der Familie in den sizilianischen Bergen. Er schildert das Alltagsleben der Mafiosi und ihre Kommunikationsstruktur. Die Reportage endet mit der Verurteilung von Bill Bonanno aus fadenscheinigen Gründen und dem Antritt einer langjährigen Haftstrafe.

Gay Talese, Jahrgang 1932, gehört mit Tom Wolfe, Hunter S. Thompson und Truman Capote zu den wichtigsten Vertretern des »New Journalism«. Der Begriff für diese Stilrichtung wurde von Tom Wolfe geprägt. Es handelt sich dabei um einen Reportagestil, der höchst subjektiv ist und Wert auf starke literarische Stilmittel setzt, ohne jedoch von den Fakten abzuweichen. »Ehre Deinen Vater« liest sich wie ein Roman, tatsächlich ist es eine bis ins kleinste Detail wahre Geschichte, die spannender ist als jede Fiktion. Es handelt sich bei dem vorliegenden Werk um eine der besten Reportagen, die je veröffentlicht wurden.


Genre: Reportagen
Illustrated by Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins Berlin

Der Goldblütenpalast

Am Set einer extrem erfolgreichen Weltraum-Seifenoper treffen sich drei Abkömmlinge berühmter und erfolgreicher Eltern. Sie wollen sich einerseits aus dem Schatten ihrer Eltern lösen und imitieren sie andererseits mit aller Macht. Leider sind alle drei derart unbegabt, dass dies selbst ihren Erzeugern nicht verborgen bleibt. Es ist ein Trio der Verlorenen.

Bertie, Sohn des schwer reichen Produzenten der Serie, möchte als Schauspieler brillieren statt lächerliche Rollen in der Serie des Herrn Papa zu übernehmen. Clea lebt im Schatten ihrer übergroßen Mutter, einer früh verstorbenen Hollywood-Diva. Thad wird überall als VIP erkannt, weil er Spross eines weltberühmten Schriftstellers ist, der sämtliche Literaturpreise kassiert hat und Multimillionen verdient, er selbst muss jedoch inzwischen in Maske auftreten.

Die Kinder tragen zwar den bekannten Namen, ihnen fehlen jedoch Talente und Fähigkeiten ihrer Eltern. Einfluss nutzt wenig, um ihre Karrieren nachhaltig zu fördern, zumal sie mit den Engagements, die ihnen vermittelt werden, unzufrieden sind und diese verachten. Sie leben über ihre Verhältnisse, sind bald überschuldet und schwingen sich teilweise nur noch mit Hilfe von Medikamenten und Drogencocktails von einer Illusion zur nächsten.

Bruce Wagner seziert die Scheinwelt Hollywoods und führt sie in ihrer Erstarrung und eigenwilligen Komik vor. Der in Amerika hoch gelobte Autor beleuchtet die Erbengeneration, die jetzt an den Sets steht. Wie durch das Etikett eines berühmten Modeschöpfers der reizlose Fummel mit einem Nadelstich zum Modell avanciert, so werden die Kinder der Stars durch ihre Herkunft geadelt. Leider verbessert das ihre Leistungen nur unwesentlich. So führt die Jagd der drei Freunde nach Anerkennung letztlich in einen tragischen Strudel von Lügen, Selbstbetrug und Chaos.

Pointiert beleuchtet Wagner den Narzissmus des amerikanischen Showgeschäfts. Thema und Stil des Buches sind faszinierend. Allerdings wird vielen deutschen Lesern der Zugang zur Hollywoodwelt schwer fallen. Interna und Details, auf die der Autor abstellt, mögen dem US-Publikum vertraut sein, der europäische Leser tut sich damit schwer. Wem dies keine Hürde bedeutet, kann im »Goldblütenpalast« einen gesellschaftskritischen wie sprachlich anspruchsvollen Lesestoff entdecken.

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Genre: Romane
Illustrated by Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins Berlin

Die totale Erinnerung

Nordkorea, das Land, in dem die rote Sonne Kim Jong Ils ohne Unterlass scheint, ist eine der wenigen unerforschten Flecken unserer Erde. Sagenumwoben wird einer der letzten Bastionen des Personenkults alles Mögliche unterstellt und angedichtet: vom Kannibalismus seiner ausgehungerten Landsleute bis zum Größenwahn des geliebten Führers, der mit Drogen handeln, wüste Partys feiern und diversen Lastern frönen soll. Der amerikanische Präsident wittert inzwischen sogar den Achselschweiß des Bösen von Pjöngjang bis ins Oval Office und möchte gern sein tödliches Deo versprühen. Da kommt der erste Bildband mit Fotos aus dem Inneren des kommunistischen Landes gerade recht, um sich zumindest einen optischen Eindruck zu verschaffen.

Ist es möglich, ein Land abzubilden, dessen Regime streng darüber wacht, was offizielle Besucher sehen und fotografieren dürfen? Christian Kracht als Autor sowie Eva Munz und Lukas Nikol als Fotografen des Bildbandes berichten, dass sie immer wieder von Aufsehern in inszenierte Situationen gelenkt wurden, die sie ablichten konnten. Sogar die Einfahrt eines U-Bahn-Zuges soll gestellt gewesen sein: die Fahrgäste waren Schauspieler, auffallend viele steckten in nationalen Trachten. Die drei waren zu Dreharbeiten eines historischen Filmes geladen, bei dem alles echt aussah, bis sie bemerkten, dass die Kabel der Filmkamera ausgestöpselt waren. In dieser Show wurden sie selbst gefilmt und am Abend im Staatsfernsehen ausgestrahlt, um zum Bestandteil der Inszenierung zu werden. Die Autoren erlebten die Volksrepublik als farbenprächtiges Theaterstück, in dem sie selbst zu aktiven Mitwirkenden wurden.

Ein derart geschmähtes Land wie Nordkorea will sich verständlicherweise von seiner besten Seite zeigen und lässt keine Gelegenheit aus, frische Blumen und fröhliche Menschen aufzustellen. Die Kulisse dient dem Gastgeber, um konfuzianisch das Gesicht zu wahren und peinliche Situationen im Vorfeld zu vermeiden und ehrt gleichermaßen den Besucherfreund. Um ihre Befangenheit in dieser Inszenierung auszudrücken, unterlegten die Buchmacher ihre rund einhundert Farbabbildungen mit Zitaten aus dem Regelwerk »Über die Filmkunst« des als Filmfreak bekannten Großen Führers. Kracht schreibt dazu über Kim Jong Il: »Er ist, in seinen eigenen Worten, Sonne, Sterne und Erde zugleich; Kamera, Leinwand und Projektor; schließlich auch Regisseur und Publikum«. So mag auch die vorliegende Veröffentlichung als Teil einer staatlich inszenierten Operette gesehen werden.

Die Bilder von Munz und Nikol wirken distanziert und beklemmend kühl, sie unterscheiden sich kaum von touristischen Fotos, die sich beispielsweise im Internet von gelegentlichen Reisen in die Volksrepublik finden. Gleichwohl öffnen sie ein Fenster in die durchkomponierte Welt des Sohns von Kim Il Sung, die sich dem Betrachter als größtes, manisches Kunstwerk auf Erden darstellt: Kim Jong Ils Volksrepublik Nordkorea.


Genre: Fotografie
Illustrated by Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins Berlin

Frank Sinatra ist erkältet

Gay Talese und seine Kollegen Tom Wolfe und Hunter S. Thompson gehören zu den bekanntesten Vertretern des sogenannten New Journalism. Talese beschrieb seine Art der Recherche einmals als »the fine art of hanging around«. In dem vorliegenden Band werden Stories aus vier Jahrzehnten vorgestellt, mal ist es eine Geschichte über die Stadt New York, in der wir unter anderem etwas über die umherstreunenden Katzen der Großstadt erfahren. Eine andere Geschichte entführt uns nach Kuba, als der Boxer Muhammad Ali mit großem Gefolge der Insel und Fidel Castro »an einem warmen, windigen Winterabend« einen Besuch abstattet.

In der Titelgeschichte »Frank Sinatra ist erkältet« versucht Talese wochenlang, an den bekannten Sänger heranzukommen, was aber immer wieder scheitert, da Sinatra tatsächlich erkältet oder einfach schlecht gelaunt ist. Stattdessen erfährt der Leser Erstaunliches über Freunde und Umfeld von Sinatra und deren Milieu.

Eine großartig recherchierte Reportage ist »Die Brücke«. Hier erfährt man die wichtigsten Dinge über den amerikanischen Stahl- und Hängebrückenbau. Wir erfahren etwas über Boomer und Punks, über die Hierarchie und Rivalität der Arbeiter bei ihrer äußerst gefährlichen Tätigkeit.

Der Band »Frank Sinatra ist erkältet« besteht aus zehn großartig erzählten, unaufgeregten Geschichten, in denen sich der Erzähler im Hintergrund hält, und deren Lektüre ein einziges Vergnügen ist.


Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins Berlin

Wacht auf! Wir sind gleich da

Chandler Brossard (1922-1993) zählt stilistisch zur Beat-Generation, ohne bislang über den Rand des amerikanischen Sprachraums bekannt zu sein. In seinem, jetzt erstmals in deutscher Sprache vorliegenden 764 Seiten starken Monolog mäandert der Autor wortgewaltig durch den sozialen Untergrund. Das exquisite Werk liest sich wie ein Trip einer multiplen Persönlichkeit der 60er Jahre auf Droge, der immer wieder der Erzählfaden zu reißen scheint und die ihn dann doch geschickt wieder aufgreift. Es ist eine farbenprächtige Assoziationskette, die Brossard aufzieht, und die ihn immer wieder selbst begeistert: da war doch noch dies, und das, und dort…

Der Protagonist erzählt vom unerträglichen Leben mit seiner Frau: Sie fressen einander auf — und zwar pausenlos. Täglich haben sie den Geschmack von Blut im Mund, fügen sich Schmerzen zu wie Stromschläge, reißen sich das Fleisch vom Leib, denn erst das gibt ihrer Existenz Form und Substanz. Dann wechselt er jäh die Identität und schlüpft in die Haut eines Negers, ins Kostüm eines Homosexuellen, in Frauenkleider. Bald ist er im Vietnamkrieg, dann raubt er eine Bank aus, und immer wieder gestaltet er atemberaubende Orgien mit. In seiner dichterischen Phantasie spielt zügelloser Genuss eine bestimmende Rolle, und so enthält das Buch viele Stellen, die von ordentlichen Müttern unter Wachschutz gestellt sind. Zugleich wird im Rollenwechsel das unvergleichliche Talent des Autors deutlich: sich in bizarre Identitäten hineinzufühlen und diese prall und lebensnah zu beschreiben.

Brossard ist ein Autor, der sich zum sprachlichen Milieu des gesellschaftlichen Auswurfs hingezogen fühlt und der alles hasst, was gesellschaftlichen Konventionen und Verpflichtungen entspricht. Damit bereichert der Sprachschamane die Beat-Generation um eine Note, die dem deutschen Sprachraum bislang verschlossen blieb.


Genre: Romane
Illustrated by Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins Berlin

Per Anhalter durch die Galaxis

Schon der Weltuntergang, mit dem das schrägste Science-Fiction-Spektakel der Literaturgeschichte beginnt, ist ein Klassiker: Der Engländer Arthur Dent versucht verzweifelt, sein Eigenheim gegen die Willkür der Gemeindeverwaltung zu verteidigen, die sein Haus für eine Umgehungsstraße beseitigen will. Da naht eine mächtige vogonische Bauflotte aus den Weiten des Weltraums, die den Auftrag hat, die gesamte Erde aus der Umlaufbahn zu sprengen, um Platz für eine wichtige Hyperraum-Expressroute zu schaffen!

Mit Hilfe eines »elektronischen Daumens« für intergalaktische Anhalter rettet der Außerirdische Ford Prefect, der zu Studienzwecken für seinen Reiseführer »Per Anhalter durch die Galaxis« die Erde besucht, seinen Kumpel Arthur auf ein vogonisches Raumschiff. Vogonen sind allerdings ungastliche Gesellen, und so fliegen Arthur und Ford durch eine Luftschleuse wieder zurück ins All. In letzter Sekunde werden die beiden vom Raumschiff »Herz aus Gold« gerettet. An Bord dieses Schiffs treffen sie die anderen Hauptfiguren der verrückten Geschichte: Das sind Zaphod Beeblebrox, Halbcousin von Ford und Präsident der Galaxis, Trillian, eine Frau, die Arthur einmal auf einer Party traf sowie ein manisch-depressiver, ständig schlecht gelaunter Androide namens Marvin. Die Freunde brechen auf, den legendären Planeten Magrathea zu suchen und schließlich die Frage auf die ultimative Antwort zu finden.

Erstmals liegt jetzt der Klassiker des 2001 verstorbenen Erfolgsautors mit allen fünf Bänden in einer Gesamtausgabe exklusiv beim Versandhaus Zweitausendeins vor. Unterstützt von fröhlichen Illustrationen von Gerhard Seyfried und Ziska Riemann kann der Leser mit dem Reiseführer »Per Anhalter durch die Galaxis« ein äußerst ungewöhnliches Universum durchstreifen und den Erdenbewohner Arthur Dent und seinen Freund, den Reiseführer-Autor Ford, bei ihren extrem unwahrscheinlichen, aber total amüsanten Abenteuern begleiten.


Genre: Science-fiction
Illustrated by Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins Berlin

Ein Mann wie Holm

Holm wird mit 37 Jahren aus dem elterlichen Nest geschubst und zieht auf die Couch zu Tante Hede, mit der er ein autistisches Zusammenleben zwischen Pantoffeln, Staubsauger und Kaffeetasse pflegt. Er begegnet in kleinen, vorsichtigen Schritten dem Leben, lernt Supermärkte und andere Herausforderungen des Alltags kennen. Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, nimmt er sogar eine Verkaufstätigkeit in einem Zigarrengeschäft auf. Schließlich drängt ihn die Tante, eine Damenbekanntschaft zu machen. Nach einem missglückten Treff mit einer Kontaktanzeige begegnet er Ulrike, Verkäuferin in der Herrenkonfektionsabteilung des Berliner KaDeWe. Tapsig und stets auf der Lauer vor den vielen Risiken im Umgang mit dem anderen Geschlecht schleicht Holm um die junge Frau herum, bis er schließlich mit seiner bescheidenen Habe vor ihrer Tür steht und einzieht.

»Ein Mann wie Holm« ist die kuriose Skizze eines sympathisch-schrägen Spießers, der sein Dasein und vor allem den Umgang mit dem anderen Geschlecht als Erkundung eines unwirtlichen Planeten erlebt. Das Buch ist skurril, amüsant und unterhält die Lachmuskulatur.


Genre: Humor und Satire
Illustrated by Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins Berlin