Sie kam aus Mariupol

wodin-1Treppenwitz der Geschichte

In ihrer Dankesrede zum Preis der Leipziger Buchmesse 2017 hat die Schriftstellerin Natascha Wodin auf die Ironie des Schicksals hingewiesen. Ihre Mutter hätte sich nicht träumen lassen, sagte sie, dass ausgerechnet hier ein Bild von ihr auf der Bühne präsentiert würde, am Standort einer ehemaligen Waffenfabrik des Flick-Konzerns, in der sie gegen Kriegsende unter erbärmlichsten Umständen als russische Zwangsarbeiterin für die Nazis arbeiten musste. In dem ausdrücklich nicht als Roman firmierenden Buch «Sie kam aus Mariupol» gibt ihre Tochter diesem Schicksal belletristisch eine beeindruckende literarische Stimme. Schon der Titel deutet darauf hin, hier geht es um eine Lebensgeschichte, die an einem abgelegenen Ort ihren Anfang nimmt, am fernen Asowschen Meer.

«Dass ich den Namen meiner Mutter in die Suchmaschine des russischen Internets eintippte, war nicht viel mehr als eine Spielerei» lautet der erste Satz. Das war 2013, die Autorin mit russisch-ukrainischen Wurzeln hatte die Suche nach ihrer Mutter eigentlich schon lange aufgegeben, «es war mir nicht gelungen, auch nur die Spur einer Spur zu finden». Aber nun geschehen einige Wunder, auf der Internetseite «Asov’s Greecks» war überraschend der Name ihrer Mutter verzeichnet, sie war in einem genealogischen Forum gelandet, und nachdem sie sich dort registriert hatte, konnte sie sogar eine konkrete Suchanfrage starten. Spannend wie ein Krimi liest sich die Geschichte dieser Recherche, die Stück für Stück immer mehr Details aus dem Leben ihrer Mutter ans Tageslicht bringt, sie findet sogar Fotos der Familie und bekommt Kontakt zu entfernten Verwandten und zu Leuten, die Auskunft geben können zu ihren Vorfahren. Es sind viele glückliche Zufälle, die ihr allmählich ein vorher nie für möglich gehaltenes Bild vom Leben ihrer Mutter bescheren. Als Krönung erhält sie schließlich sogar zwei Hefte mit einer Autobiografie, die Lidia, die Schwester ihrer Mutter, als Achtzigjährige geschrieben hat und die sie nun, im zweiten Teil des Buches, mit eigenen Worten nacherzählt. Die Tante berichtet in ihren Memoiren von den Folgen der Russischen Revolution und den Stalinistischen Säuberungen, die ihre wohlhabende Familie nach und nach völlig zerschlagen, sie selbst landet für zehn Jahre in einem sibirischen Arbeitslager.

Alle Brüche des 20. Jahrhunderts spiegeln sich in dieser Familiengeschichte, und das Drama von Lidia wiederholt sich, – grausame Parallelität der Geschichte -, als die Eltern von Natascha Wodin nach den schlimmen Zeiten der deutschen Besetzung 1944 von den Nazis als Zwangsarbeiter nach Leipzig verschleppt werden. Nach dem Krieg leben sie dann im Status von «Displaced Persons» unter erbärmlichsten Umständen in einem Lagerschuppen in Fürth. Der Vater verlässt die Familie schließlich nach einem missglückten Versuch als Unternehmer und geht als Sänger auf Reisen. Er unterstützt sie finanziell, die Mutter aber wird zunehmend depressiv, bewältigt ihr bedrückendes Leben einfach nicht mehr, 1956 dann verlässt die Verwirrte ohne ein Wort die Behelfswohnung, lässt ihre beiden zehn und vier Jahre alten Töchter allein zurück und ertränkt sich in der Regnitz.

Natascha Wodin erzählt ihre berührende Geschichte einer Spurensuche in einer einfach strukturierten Sprache schnörkellos und ohne jedes Pathos, sie ergänzt dabei die recherchierten Fakten mit vielen Mutmaßungen, mit Fiktionen auch. Mir ging es beim Lesen so, dass ich immer wieder auf die Autorin selbst kam in meinen Gedanken, mein Mitgefühl galt weniger den Angehörigen, über die sie berichtet, als ihr selbst, der noch Lebenden, denn was musste sie als Zehnjährige nach dem Tod der Mutter so alles durch gestanden haben! Ihre Spurensuche ist eine ebenso aufregende wie erschütternde virtuelle Reise durch die jüngere Geschichte, mit der die Autorin nicht nur ihre eigene Herkunft aufarbeitet, sondern auch den Zwangsarbeitern in Deutschland ein längst fälliges literarisches Denkmal setzt.

Fazit: erfreulich

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Genre: Biographien
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Wendekreis des Krebses

miller-1Surrealistischer Klassiker

Der in New York als Sohn deutscher Eltern geborene Schriftsteller Henry Miller hat 1934 mit «Wendekreis des Krebses» einen Roman vorgelegt, der schnell Kultstatus erreicht hat, woran der nach seinem Erscheinen wegen der vulgär sexuellen Textpassagen verursachte Skandal nicht unerheblichen Anteil hatte, das Buch stand lange auf dem Index. Dabei wurde völlig unterschätzt, welchen literarischen Rang der stark autobiografisch beeinflusste Roman in Wahrheit einnimmt, ist er immerhin mehr als achtzig Jahre später noch lange nicht in Vergessenheit geraten, vermag auch heute noch viele Leser zu begeistern. Eindeutig also ein literarischer Klassiker, welcher, folgt man der Definition von Heinz Schlaffer, «gleichermaßen vergangen, erinnert und gegenwärtig» ist oder, wie es Vladimir Nabokov umschreibt, ein «zeitloses Kunstwerk, dem ein individueller Genius innewohnt».

Um es gleich vorweg zu nehmen, ein Klassiker sicherlich nicht der obszönen Stellen wegen, die heutzutage niemanden mehr «hinter dem Ofen hervorlocken können». Im Gegenteil, der Sex ist hier plump, vulgär, primitiv anatomisch, hat zudem einen derart beiläufigen Status, nichts Aufregendes, Ersehntes, Beglückendes, dass Voyeure eher abgeschreckt werden, – was da beschrieben wird hat keinerlei Reiz! Fast alle Frauenfiguren des Romans sind Prostituierte der untersten Kategorie, aus der Gosse, unattraktiv, oft abstoßend, der Umgang mit ihnen ist geschäftsmäßig, die Männer verachten sie abgrundtief. Eine unerträglich überhebliche, machohafte Perspektive des Autors, die selbst manche einschlägig geprägten südamerikanischen Kollegen noch weit in den Schatten stellt in ihrer rigiden Frauenfeindlichkeit.

In teils tagebuchartigen Fragmenten werden, ohne erkennbare Zusammenhänge und chronologisch plausible Abfolge, einzelne Episoden aus der Pariser Zeit des Autors erzählt, wobei Alltagsszenen durchmischt sind mit eigenen Reflexionen und philosophischen Betrachtungen. Der tägliche Kampf ums Dasein in einem prekären Milieu steht dabei im Vordergrund, vergebliche Jobsuche, das Schnorren um einen Drink, um Essen, Unterkunft, käuflichen Sex. Die drastischen Schilderungen sind oft grotesk überzeichnet und erzeugen mit häufig surrealistischen Einschüben erstaunliche Assoziationen, die so gar nicht den üblichen Leseerfahrungen entsprechen. Dieser originäre Stil unterstreicht die unverhohlene, aber auch verzweifelte Kritik des Autors an den gesellschaftlichen Zuständen, die zu ändern auch die Literatur aufgerufen sei, wie er mal angemerkt hat. Miller bezieht den Akt des Schreibens mit ein in seine Sinnsuche, benutzt seinen provokanten Erzählstil als Analogie für ein anzustrebendes, von allen äußeren Zwängen befreites Leben des Individuums. In diesem Sinne sind auch seine bewusst drastischen sexuellen Schilderungen zu verstehen, sie sind ein radikales Mittel zur Entlarvung des lebensfeindlichen Wertesystems der puritanischen Gesellschaft seiner Heimat.

Sprachmächtig und gedankenreich führt Miller seine Leser in eine Welt ein, die als extrem abstoßende Subkultur die schlechtesten aller menschlichen Lebensumstände jener Zeit darstellt, ohne ihr je, als Gegenpol sozusagen, behaglichere gegenüber zu stellen. Damit verstärkt er bewusst deren ohnehin niederschmetternde Wirkung, verstört aber zugleich sicherlich auch manchen Leser, den das trostlose Milieu irgendwann mental doch allzu sehr niederdrückt. Überraschende Begegnungen mit Settembrini oder Molly Bloom, überhaupt eine üppige Intertextualität, wirkten da erfreulich aufhellend: «Verloren war ich wie einst, als ich im Schatten junger Mädchenblüte im Speisesaal jener riesigen Welt von Balbec saß und mir zum ersten Mal der tiefere Sinn jener inneren Stille aufging, die sich durch die Verbannung von Sicht- und Greifbarem äußert». Ein philosophischer Streifzug also durch die nihilistische Gedankenwelt eines unkonventionellen Autors, dessen zeitloser Roman ein Klassiker ist, den man gelesen haben sollte.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Justine

durrell-1Genius Loci

Der britische Schriftsteller Lawrence Durrell fand mit dem Alexandria-Quartett erstmals weltweite Beachtung, vier unanhängig von einander zu lesende Romane, deren erster den Titel «Justine» trägt, sicher nicht zufällig auf das Hauptwerk des Marquis de Sade hinweisend. Nur dass hier eine Nymphomanin die Protagonistin ist, alles andere als ein Ausbund von Tugendhaftigkeit also. In dem 1957 erschienenen Roman spielt außerdem die ägyptische Hafenstadt Alexandria die Hauptrolle, der kosmopolitisch geprägte Autor hat in dieser levantinischen Metropole einige Jahre seines Lebens verbracht. Seine Erzählkunst wurde mit Proust und Joyce verglichen; niemand Geringerer als Walter Jens, aber auch das begeisterte englischsprachige Feuilleton, forderte den Nobelpreis für ihn. Das macht natürlich neugierig!

Der Ich-Erzähler lebt in Alexandria, ein erfolgloser Schriftsteller, der unter anderem als Sprachlehrer ein bescheidenes Einkommen erzielt. Als Ausländer verkehrt er mit vielen Intellektuellen, ist aber auch mit reichen Arabern gleichermaßen befreundet wie mit käuflichen Damen, ein kurioses Figuren-Ensemble mithin, dessen dreizehn wichtigste Mitglieder in einem ausführlichen Anhang unter Charakterbilder benannt sind, zusammen mit weiteren Marginalien. Er wird der Geliebte von Justine, der faszinierenden Frau eines steinreichen Bankiers, bei der Untreue die Normalität ist, nicht nur ihrem Ehemann, sondern auch dem Liebhaber gegenüber. Im Verlaufe der ausufernd erzählten Geschichte, thematisch üppig mäandernd wie das Nildelta, erfahren wir ziemlich beiläufig, dass Justine ein Kind hatte, das entführt wurde und nie wieder aufgefunden wurde, in einer kurzen Passage sucht sie es verzweifelt in einem Kinderbordell. Der entscheidende seelische Schock aber, auch das eher nebenbei erzählt, war für sie eine Vergewaltigung als blutjunges Mädchen, und paradoxerweise versucht sie dieses traumatische Erlebnis durch eine extensiv ausgelebte Promiskuität zu kompensieren, die alles andere als lebenslustig erscheint. Justine wird vielmehr als nachdenkliche, grüblerische Frau geschildert, deren Schlussfolgerungen man nicht trauen konnte, «weil sie ständig wechselten, niemals feststanden. Sie streute Erkenntnisse und Betrachtungen um sich her wie Blütenblätter».

Durrells Roman umkreist, konzentrischen Ringen gleich, in vier Teilen sein Kernthema, die Bindungskräfte zwischen den Menschen, die mit dem abgenutzten Begriff Liebe nur unzureichend benannt sind und den Tod als obligatorisches Element beinhalten. In einem endlosen Wechselspiel zwischen seinen rätselhaften Figuren und der geheimnisvollen Stadt, diesem Schmelztiegel am Grenzpunkt gleich dreier Kontinente, beschreibt er mysteriöse, albtraumartige, irrwitzige Geschehnisse, zwischen dem Jetzt und der Vergangenheit oszillierend. Wenn Walter Jens euphorisch Proust heranzog als Vergleich, ist damit schon viel gesagt über den sprachlichen Stil von Lawrence Durrell. Nur wenige Schriftsteller sind mir bisher begegnet, die ihre Protagonisten so präzise und eindringlich, ihr innerstes Wesen so stimmig und glaubwürdig beschrieben, ja geradezu fassbar gemacht haben. Und das Fluidum einer quirligen Stadt wie Alexandria mit ihren Türmen und Minaretten, mit ihrer Ehrfurcht heischenden Geschichte, wirkt zusätzlich ein auf die individuelle Persönlichkeit, «denn der Mensch ist nur eine Erweiterung des Genius Loci», wie Durrell schreibt.

Auch wenn die orientalisch üppige Erzählung ganz am Ende etwas Fahrt aufnimmt, fast spannend wird, ist «Justine» ein extrem handlungsarmer Roman, dessen Stärke die meisterhafte Erzählweise ist, bunt und vielfältig wie ein Bazar, sowohl lebensecht wie mysteriös, aufregend und besänftigend gleichzeitig. Eine kontemplative Lektüre, untrennbar mit Alexandria verbunden; für Genießer geeignet, die sich wohlig mitreißen lassen wollen in eine polyphone Welt, die zu traumartigen Reflexionen anregt. Chapeau, kann ich da nur sagen!

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Tschick

herrndorf-2Urlaub vom Alltag

«Tschick» heißt der Roman, der 2010 den schriftstellerischen Durchbruch für Wolfgang Herrndorf brachte, mit Millionenauflage und lang anhaltender Platzierung auf den Bestsellerlisten. Die nach einem der beiden Protagonisten benannte Coming-of-Age-Story ist mit Jugendroman nur unzureichend klassifiziert. Was die Zielgruppe anbelangt, dürften die meisten der begeisterten Leser die Adoleszenzphase längst hinter sich haben, die Thematik dieses Romans geht andererseits aber auch weit über das für Jugendliche als Lesestoff so anziehend Abenteuerliche hinaus, sie bietet wenig Sensation und Action, wie sie reizüberflutete Kids heute nun einfach mal erwarten.

Der Plot ist kunstvoll aufgebaut und beginnt mit dem Ende einer Ausreißertour, die Maik und Tschick, zwei 14jährige Klassenkameraden aus ganz unterschiedlichem Milieu, während der großen Ferien spontan in einem gestohlenen Lada unternehmen. Ich-Erzähler Maik ist wohlstandsverwahrlost, oft sich selbst überlassen, die Mutter Alkoholikerin, der Vater Unternehmer hart am Rande des Bankrotts, er betrügt die Mutter ungeniert mit seiner jungen Assistentin. Tschick, aus einer russlanddeutschen Familie stammend, in prekären Verhältnissen in einem Plattenbau am Rande Berlins lebend, hat die Idee zur «Reise», er ist auch derjenige, der als geübter Autoknacker den Lada «besorgt». Beide werden als Außenseiter von den anderen Schülern ignoriert, sind nicht zu Tatjanas Geburtstagsparty eingeladen wie all die anderen, empfinden das als Demütigung und wollen nur noch weg. In die Walachei, zu seinem Opa, schlägt Tschick vor. In einer Rückschau wird von dieser odysseeartigen Reise während der großen Ferien berichtet, die etwa eine Woche dauert. Und die natürlich allerlei Überraschungen birgt, die Jungs immer wieder in haarsträubende Situationen bringt, wo sie nicht weiterwissen. Erstaunlicherweise finden sich aber auch fast immer Menschen, die helfen, die ganz OK sind. «Seit ich klein war, hat mein Vater mir beigebracht, das die Welt schlecht ist. […] Und vielleicht stimmte das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war».

Heraus aus dem Einflussbereich der Erwachsenen, die weite Reise ins Unbekannte, der Beengtheit des eigenen kleinen Welt entfliehen, das waren die Motive, die der Autor bei einer Rückbesinnung auf seine eigene Jugend fand als Auslöser für derartige Abenteuerlust, wie er in einem Interview erklärte. In einer wunderbar stimmigen Sprache hat er den Jargon der Jugend getroffen, ohne ins Vulgäre, Unverständliche abzugleiten. Er hat behutsam, fast unmerklich, sein tieferes Wissen in die naive Gedankenwelt von Maik einfließen lassen, andererseits dessen noch unverdaute Eindrücke und Erlebnisse ironisch in die Erzählung eingebaut – und erzeugt damit oft große Heiterkeit beim Leser. Denn meist sind es die Erwachsenen, die da eulenspiegelhaft vorgeführt werden und sich lächerlich machen. Ein guter Teil des Lesespaßes liegt darin, die Welt einmal aus dieser unverdorbenen Perspektive zu betrachten, auch lassen sich erstaunliche Erkenntnisse daraus gewinnen.

Mit Freundschaft, Liebe, Treue, Eifersucht, Hilfsbereitschaft, Ausgrenzung, Einsamkeit, Krankheit und Tod berührt der Roman viele Themenbereiche unseres Lebens, macht nachdenklich, auch wenn das turbulente Geschehen dominiert. Kein Wunder übrigens, dass eine Verfilmung schon in Arbeit ist, der Stoff schreit geradezu danach. Vieles im Roman entwickelt sich aus stimmigen Dialogen, wobei die lebensnahen Figuren allesamt sympathisch wirken. Diese positive Grundstimmung und der rasante Plot macht es dem Leser schwer, das Buch aus der Hand zu legen, ich jedenfalls habe es in einem Rutsch durchgelesen. Leichte Kost sicherlich, aber nicht niveaulos, Urlaub vom Alltag, um den Kopf mal frei zu bekommen von dem vielen Negativen, das medial pausenlos auf uns einwirkt.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Die Verwirrungen des Zöglings Törless

musil-1Ein literarisches Labsal

24 Jahre vor seinem Opus magnum erschien 1906 Robert Musils Erstling «Die Verwirrungen des Zöglings Törleß», ein Bildungsroman der besonderen Art, denn anders als zum Beispiel in «Unterm Rad» von Hermann Hesse ist der Protagonist hier Täter und interessierter Beobachter, nicht Opfer. Schauplatz der Handlung ist ein österreichisches Konvikt zu Zeiten der Donau-Monarchie, von manchen Lesern als Kadettenanstalt gedeutet, was aber beides nicht so recht passt, denn weder sind Kirche und Religion hier Thema noch Militärisches, beides bildet auch nicht den Hintergrund der Erzählung. Was erstaunlich ist, denn Musils Erfolgsroman ist eine äußerst tief reichende, komplexe Beschreibung des Seelenlebens eines jungen Mannes in der Pubertät mit ihren entscheidenden geistig-seelische Umbrüchen, was ja durchaus eine religiöse Thematik darstellt. Auch Schulisches, das typische Leben von Pennälern im abgegrenzten Mikrokosmos eines Internats, ist hier nicht im Fokus, es geht um die Suche nach Identität, die bevorstehende Lösung vom Elternhaus, eine neue soziale Orientierung für den verwirrten Törleß.

Denn was dieser Jüngling erlebt ist zutiefst verstörend für ihn. Der Mitschüler Basini wird beim Stehlen erwischt von zwei anderen, die ihn daraufhin erpressen, er würde nämlich bei Bekanntwerden seiner Tat unnachsichtig aus der Anstalt gewiesen. Sie quälen und demütigen den Wehrlosen, und Törleß ist ein neugieriger Zuschauer, der das Geschehen ganz unemotional als Studie über Macht und Unterwerfung begreift, dann aber erlebt, wie der devote Mitschüler sich auch ihm sexuell anbietet und er zu seinem Erstaunen darauf eingeht. Später distanziert er sich angewidert von den beiden Peinigern, die soweit gehen, ihr Opfer von der ganzen Klasse verhöhnen und verprügeln zu lassen. Von Törleß gewarnt stellt sich Basini der Schulleitung, bevor er noch schlimmeren Quälereien ausgesetzt wird. Gleichzeitig verlässt Törleß im Zustande völliger Desorientierung unerlaubt das Konvikt, versucht nach seiner Rückkehr vergebens, einer Kommission der Schule seine innere Haltung zu erklären, und kehrt schließlich in den Schoß der Familie zurück.

Viele Abiturienten haben sich an diesem komplexen Roman schon abarbeiten müssen. Es gibt diverse Ansätze für seine Interpretation, zum Beispiel, dass hier offensichtlich Autobiografisches verarbeitet wurde vom Autor, auch die Dissertation von Musil wohl Pate stand, Törleß eine Vorfigur des Ulrich sei aus «Der Mann ohne Eigenschaften», geschichtlich folgende Ereignisse visionär vorgezeichnet wurden. Wahrlich verstörend ist die strikte Täterperspektive dieses Romans, für Törless ist Basini ein reines Forschungsobjekt zum Thema Macht und deren Anwendung, eine Haltung, die es dem nicht sadistischen Leser unmöglich machen dürfte, sich mit solch mitleidloser Romanfigur zu identifizieren. In dieser psychologischen Studie über die Faszination der Macht und die seelischen Untiefen des eigenen Seins ist deutliche Gesellschaftskritik enthalten, die zweifellos nicht nur für die k.u.k. Monarchie vergangener Zeiten gültig war, sondern auch heute noch vollinhaltlich berechtigt ist.

Anspruchsvolle Romane, und dies ist zweifellos einer, sind oft schwer lesbar, erfordern volle Konzentration. Dank der schnörkellosen, klaren Sprache Musils ist dieser Roman trotzdem flüssig zu lesen, wozu insbesondere auch eine lineare Erzählweise ohne aberwitzige Zeitsprünge und permanente Perspektivwechsel beiträgt. Insoweit war die Lektüre für mich persönlich eine wahre Labsal nach diversen hochaktuellen Romanen mit ihren modischen sprachlichen Mätzchen, die wohl oft nur davon ablenken sollen, dass ihre Autoren uns wenig oder gar nichts zu sagen haben. Musil hingegen hat uns sehr viel zu sagen, auch nach über hundert Jahren noch.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Pnin

nabokov-1Im falschen Zug

Wer bisher von Vladimir Nabokov nur die allseits bekannte Geschichte jener minderjährigen Femme fatale gelesen hat, dem sei auch die Lektüre von «Pnin» empfohlen, seinem etwa zur gleichen Zeit entstandenen Roman über einen schrulligen Professor. Wie so oft in der Literatur sind die Parallelen zwischen Autor und Held unübersehbar, beide sind russischer Herkunft, leben als Exilanten in den USA und üben den selben Beruf aus. Timofey Pnin lehrt Russisch an einem College, er ist als Romanfigur eher der Antiheld, ein Inbegriff dessen, was man als liebenswerten Kauz bezeichnen würde, aus einer anderen, längst vergangenen Welt stammend. Der «Don Quichotte» von Cervantes diente erklärtermaßen als Vorlage für diesen Roman, aber anders als der «Ritter von der traurigen Gestalt» wird Pnin nicht lächerlich gemacht und höhnisch dem Spott preisgegeben, so niederträchtig, hat Nabokov angemerkt, wollte er mit seinem Protagonisten nicht umgehen. Pnin erscheint am Ende eher als der Überlegene, ein in sich selbst ruhender, feinsinniger und blitzgescheiter Mensch, unbeirrbar optimistisch und gutmütig.

Der gelegentlich vorgebrachte Einwand, die in sieben Kapiteln erzählten, zusammenhanglos scheinenden Szenen aus dem Leben dieses Sonderlings könne man eigentlich nicht als klassischen Roman bezeichnen, ist wahrlich unbegründet. Das wird spätestens dann klar, wenn man den 60-seitigen Anhang der kommentierten Ausgabe mit seinen zahlreichen Hinweise zur Entstehung des Romans und die detaillierten Anmerkungen zu einzelnen Buchseiten gelesen hat. Anders als in Fachbüchern gibt es hier ja keine Fußnoten zum Text, man tut also gut daran, so man das fein verästelte Handlungsgeflecht komplett durchschauen und sämtliche assoziativen Feinheiten verstehen will, von Anfang an parallel auch jeweils diese vielen Hinweise und Erläuterungen mitzulesen.

Gleich zu Beginn erleben wir Professor Pnin in der Eisenbahn, auf dem Weg zu einem Vortrag. In seiner wundervoll treffsicheren Sprache lässt Nabokov diesen «älteren Reisenden» in seinem Zugabteil mit wenigen Sätzen geradezu greifbar vor uns entstehen. Um dann lapidar einen neuen Absatz mit den Worten zu beginnen: «Hier muss nun ein Geheimnis verraten werden. Professor Pnin befand sich im falschen Zug. Er wusste es nicht, und ahnungslos war auch der Schaffner …». Wir erleben Pnin als ein im hoffnungslosen Kampf mit seinem schlechten Englisch radebrechenden Dozenten für Russisch, als seine neue Bleibe «pninisierenden», kauzigen Untermieter, als trotteligen Exmann von Lisa, als liebevollen Vater, als belächeltes Mitglied in der Gemeinschaft der Exilrussen, als stolzen Hausbesitzer und freundlichen Gastgeber. Am Ende schließt sich der Kreis dieser sieben Episoden, denn wir erfahren im letzten Satz des Romans, dass Pnin nicht nur im falschen Zug saß, sondern sich, nach einer Odyssee glücklich doch noch am Reiseziel angekommen, für seinen Vortrag erhebt «und entdeckt, dass er das falsche Manuskript bei sich hat».

Tragik und Komik liegen nahe beieinander in dieser äußerst kunstvoll erzählten Geschichte mit ihren verschiedenartigen Motiven, einer reichhaltigen Symbolik und den subtilen Beziehungen ihrer Figuren, immer des Lesers Aufmerksamkeit beanspruchend durch viele Andeutungen und dezente Hinweise. Der von einem Missgeschick ins nächste stolpernde Pnin bringt den Leser oft zum Lachen, beobachtet wird er dabei von einem selbst in die Handlung eingreifenden Ich-Erzähler namens N. – hinter dem sich eindeutig aber nicht Nabokov selbst verbirgt, der sich vielmehr eher als Unheilsbringer erweist im Verlauf der Handlung. Humor mit Tiefgang erwartet den Leser dieses «Jahrhundertromans», wie ihn Marcel Reich-Ranicki überschwänglich bezeichnet hat, eine erfreuliche Lektüre mithin.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Der Besen im System

wallace-1Für Leser mit Sinn für das Absurde

Nach der Lektüre von «Unendlicher Spaß», seinem berühmten Erfolgsroman, war ich nun auch auf den Erstling «Der Besen im System» von David Foster Wallace neugierig, schon der Titel weckt ja gewisse Assoziationen. Eines vorweg: Es macht wenig Sinn, bei diesem amerikanischen Autor der Postmoderne eine Inhaltsangabe zu schreiben, wie es der Klappentext versucht. Dieser Roman folgt keiner literarischen Konvention und ist deshalb schwer fassbar mit den gängigen Maßstäben. Er ist surreal wie ein Bild von Salvatore Dalí, aber anders als in der Malerei ist in der Literatur ja eher Rembrand gefragt, ein klar erkennbarer und nachvollziehbarer Plot jedenfalls. Den sucht man hier vergeblich, auch wenn uns der schon erwähnte Klappentext das vorgaukelt und uns damit (bewusst?) in die Irre führt. Wittgenstein kommt nicht vor, und Ur-Oma Lenore bleibt ohne erkennbaren Grund spurlos verschwunden, bis zum Schluss. Der übrigens, wie es sich gehört im Surrealismus, mitten im Satz, auf Seite 624, abrupt endet, ohne Schlusspunkt eben, arglose Leser könnten an einen Fehldruck glauben.

Ähnlich wie beim Opus magnum findet sich der Leser auch in diesem satirischen Roman mit einer ziemlich komplexen Syntax konfrontiert, die seine volle Aufmerksamkeit fordert, ihn dann aber umso mehr mit spaßigen, unerwarteten, aufregenden Gedanken belohnt und ihn viele abstruse Situationen miterleben lässt in den diversen Handlungssträngen. Der unglaubliche Wortreichtum des Autors wird radikal, ironisch und völlig absurd eingesetzt. Neben hochgestochenen Fremdwörtern findet man absoluten Nonsens als Wortgebilde und, völlig gleichberechtigt, auch den vulgären Jargon des Alltags. Mit diesem Instrumentarium formt er ein literarisches Werk, das seinen Reiz gerade darin hat, in kein Klischee zu passen.

Negative Kritiken sprechen von einem durchgedrehten Roman, in dem ein kreatives Chaos herrsche, und bemängeln den Patchwork-Charakter der diversen, ziemlich wirr zusammengefügten Textabschnitte und Kapitel, einem Zettelkasten ähnlich. Da haben sie wohl Recht, einen Spielfilm könnte man schwerlich machen aus diesem Romanstoff, obwohl – man soll nie nie sagen! Denn in einem Film könnte man alle diese neurotischen Protagonisten und schrillen Charaktere wunderbar darstellen, sämtliche Figuren dieses Romans werden einem nämlich schnell sympathisch, so meschugge sie auch sein mögen. Im Kopfkino des Lesers funktioniert das jedenfalls bestens.

Für mich ist «Der Besen im System» nicht nur eine gnadenlose Abrechnung mit dem American Way of Live, sondern darüber hinaus allgemein mit unserer neurotischen Informationsgesellschaft, eine wirklich amüsante Lektüre außerdem, sehr empfehlenswert insbesondere für Leser mit Sinn für das Absurde, sie werden voll auf ihre Kosten kommen.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Alle Namen

saramago-1Eine Parabel auf uns alle

«Jemand musste Josef K. verleumdet haben» lautet der erste Satz in dem berühmten Roman ‚Der Prozess’ von Franz Kafka. Jemand musste mir das falsche Buch untergeschoben haben, ging es mir unwillkürlich durch den Kopf nach einigen wenigen Sätzen von José Saramago. Die Schilderung einer völlig absurden Bürokratie an einem anonym bleibenden Schauplatz war dann aber auch die einzige Gemeinsamkeit beider Romane. Im Gegensatz zu Kafkas lakonischer und bedrohlich klingender, unheimlich wirkender Prosa nämlich, die ja häufig mit dem gattungsprägenden und sogar dudenwürdigen Attribut kafkaesk umschrieben wird, – welche Ehre für einen Dichter! – im Gegensatz dazu also ist der Schreibstil von José Saramago regelrecht anheimelnd, darüber hinaus aber vor allem äußerst witzig und von einer immer wieder zum Nachdenken anregenden philosophischen Tiefe. Diesem Romancier ist zu Recht der Nobelpreis von 1998 für ein Gesamtwerk verliehen worden, »dessen von Fantasie, Leidenschaft und Ironie geprägte Parabeln den Menschen die trügerische Wirklichkeit begreifen lassen«, wie die Jury es formuliert hat. ‚Alle Namen’ ist eine Lektüre, bei der man sich pudelwohl fühlt, laut lacht und weitersuchend sinniert, und so was kann regelrecht süchtig machen. Leserherz, was begehrst du mehr?

Im Unterschied zu anderen großen Autoren aus dem iberischen Sprachraum wie Gabriel García Márques oder Mario Vargas Llosa verzichtet Saramago in seinem Roman auf jedwedes Lokalkolorit und verdeutlich damit recht drastisch, dass sein Thema alle Menschen betrifft, egal wo sie leben. Was ist der Mensch vor dem Hintergrund der ewig verrinnenden Zeit, so lautet ganz lapidar seine Frage. Aus Sicht der Bürokratie, in der Welt des Personenstandsregisters, nichts weiter als eine Abfolge von Geburt und Tod, ergänzt durch Heirat und zuweilen auch Scheidung, die ja ebenfalls dazu gehört. Mit diesen wenigen Daten ist Senhor José, der Held dieser satirischen Geschichte, als Amtsschreiber in seiner aberwitzigen Behörde befasst. Jeder Mensch ist dort eine Karteikarte, die seinen Namen trägt und die nach Namen sortiert verwahrt wird, getrennt nach Lebenden und Toten, und das seit undenklichen Zeiten. In diesem Register wird nichts gelöscht, werden keine Karteien vernichtet, es enthält also alle Namen, und genau das ist auch die erklärte Devise dieser Behörde, die sich im Romantitel wiederfindet. Zwangsläufig wächst das monströse Archiv unaufhaltsam immer weiter, was zu einer permanenten baulichen Erweiterung des Amtsgebäudes zwingt. Als sich ein Heraldikforscher irgendwann in dem riesigen labyrinthischen Papierlager der Toten verirrt und nur durch Zufall nach einer Woche noch lebend aufgefunden wird, ergeht der streng zu befolgende Diensterlass, das Archiv künftig nur noch mit dem Ariadnefaden gesichert zu betreten.

Der Roman ist gespickt voll von ähnlich skurrilen Einfällen des Autors, der immer wieder mit Metaphern und Symbolen virtuos seine philosophische Thematik verdeutlicht. Sr. José, der stille, pflichtbewusste Protagonist, durchbricht zaghaft seine strengen beruflichen Zwänge. Er widmet sich privatim einem Zufallsfund, der sich für ihn als Trouvaille, als glücklicher Fund erweist, die Karteikarte einer unbekannten, 36jährigen Frau nämlich. Seine Obsession, sie zu suchen, den leibhaftigen Menschen hinter dieser Karteikarte zu entdecken, verblüfft sogar ihn selbst. Der Leser erlebt diese wahnwitzige Suche als spannende Groteske mit einem durchaus überraschenden Ende. Alles das ist ein detektivisches Abenteuer für den unbeholfenen Sr. José, der sogar kriminelle Mittel einsetzt bei seiner verbissen verfolgten Mission. Durch die mannhafte Überwindung seiner drögen Alltagsroutine und seiner Ängste und Schwächen erhält sein armseliges Leben plötzlich einen Sinn, auch wenn das, was er tut, rational völlig sinnlos ist. Ist denn unser aller Leben ebenso sinnlos? Sind wir nichts als Namen auf Karteikarten, die irgendwann zerbröseln und zu Staub werden, die genau so zerfallen wie unser Leib, wenn er erstmal unter der Erde begraben liegt?

Saramago ist ein faszinierender Sprachkünstler, der ironisch, aber nicht zynisch, uns allen in diesem Roman den Spiegel vorhält. Dabei beraubt er mit seiner im Plauderton erzählten Satire manchen wohl auch einer trügerischen Hoffnung auf das Jenseits, entlarvt gedankenlos übernommene Dogmen und Kulte, wofür die Schäferszene auf dem wie eine Krake ausgewucherten Friedhof gegen Ende der Geschichte ein ganz wundervolles Beispiel ist. Ohne unseren Leib nämlich sind wir letztendlich alle – nur Namen.

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
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Die siebte Sprachfunktion

Binet: Die Siebte SprachfunktionLaurent Binet gelingt mit diesem abgedrehten Wissenschaftskrimi über die siebte Sprachfunktion etwas Einzigartiges: Er führt seinen Leser mit vergnüglicher Leichtigkeit durch die hoch intellektualisierte Welt philosophischer und semantischer Theorien und entfaltet gleichzeitig einen faszinierenden Kriminalroman, in dem er raffiniert Fiktion, berühmte Zeitgenossen, Wissenschaftstheorie und Wirklichkeit vermengt. Wer glaubt, aus diesen Komponenten ließe sich kein schmackhaftes Gericht komponieren, darf sich bei der Lektüre eines Besseren belehren lassen: Der Autor beschert mit seinem witzig-satirischen Krimi ein farbenfrohes Lesevergnügen. Continue reading


Genre: Kriminalromane, Romane
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Die Liebesgeschichten-Erzählerin

liebesgeschichtenerzaehlerinDie Strandpromenade von Scheveningen im Jahr 1969: Eine Frau, Marie, sitzt auf einer Bank, schaut dem Wellenspiel zu, atmet die herbe Seeluft. Sie ist von Haus aus die Ostsee gewohnt, die rauen Gezeiten der Nordsee sind ihr neu, die Kraft, welche dieses Meer entfaltet, ebenfalls.

Dennoch spürt sie etwas von dieser Kraft in sich. Sie ist dieser Tage frei von Pflichten, Mann und Kinder kommen auch einmal ohne sie zurecht. Finanziell scheint es in ihrer Familie aufwärts zu gehen, das gibt ihr ungewohnte Freiheiten. Sie hat Zeit und Muße, sich auf sich selbst und ihre Ambitionen zu konzentrieren. So recherchiert sie in niederländischen Archiven den Liebesgeschichten ihrer Vorfahren hinterher. Den Liebesgeschichten, von denen sie schon lange spürt, dass sie erzählt werden sollten. Die Geschichte des ersten Königs der modernen Niederlande, der mit einer Berliner Tänzerin eine uneheliche Tochter zeugt, welche wiederum in ihre mecklenburgische Adelsfamilie verheiratet wird. Die Geschichte des Urenkels der Tänzerin (Vater der Erzählerin), der Geschehnisse aus seiner Zeit als kaiserlicher U-Boot Kapitän nie ganz verwunden hat. Und schließlich ihre eigene Geschichte. Sie hat einen Spätheimkehrer geheiratet, einen Gutsbesitzersohn. Und sie entfernt sich immer weiter von ihm.

Friedrich Christian Delius, Träger des Georg-Büchner-Preises, verarbeitet auch in seinem neuen Roman „Die Liebesgeschichtenerzählerin“ Teile seiner eigenen Familiengeschichte. Delius‘ Romane beschäftigen sich meist mit der bundesrepublikanischen Geschichte, so ist er auch einer der Wenigen, die sich literarisch an den „deutschen Herbst“ wagten. Diesmal erzählt er Sequenzen aus dem ganzen letzten Jahrhundert, dieser von Kriegen nie vorher dagewesen Ausmaßes geprägten Epoche, wobei die Liebesgeschichte des niederländischen Königs und der Berliner Tänzerin dem Leser schon aus „Der Königsmacher“ bekannt sein könnte.

Marie nun, die designierte Liebesgeschichtenzählerin, ist das literarische Denkmal für Delius‘ Tante, Irmgard von der Lühe, die ihr Studium für die Familie abbrach und sich erste Sporen als Biographin verdiente – wie Marie. Von der Lühe publizierte auch später noch, allerdings sind von ihr keine Romane veröffentlicht. In Delius‘ Roman bleibt folgerichtig das Ende offen: Wird Marie es wirklich schaffen, „die Liebesgeschichtenerzählerin“ zu werden? Sie verspürt den inneren Drang, „altes verborgenes Wissen von Not, Liebe und Schmerz als von den Vorfahren geerbtes Wissen weiterzugeben“. Diese Marie ist keine Rebellin, sie will auch nicht ausbrechen aus ihrem Leben als umsichtige Hausfrau und Mutter, sie mag dieses Leben. Aber sie hofft darauf, dass dieses Leben auch für sie nun Zeit und Gelegenheit bereithält, ihrem kreativen Gestaltungswillen Raum zu geben. Wobei der Leser nie so recht weiß, ob die Recherche für Marie nicht doch eher so etwas wie eine Flucht aus der Realität bedeutet, um sich nicht allzu tief mit der eigenen Vergangenheit als ehemaliges BDM-Mädel auseinandersetzen zu müssen. Dennoch zeigt Delius anhand ihrer Geschichte, wie sehr politische Geschehnisse in das Leben Einzelner eingreifen. Sehr greifbares Anschauungsmaterial gerade auch in unseren turbulenten Zeiten, besonders auch für diejenigen, die meinen, aktuelle Geschehnisse hätten mit ihnen und ihren Leben nichts zu tun.

Delius erzählt mit leiser, sehr eleganter Sprache, seine Figuren beschreibt er behutsam, immer eine gewisse Distanz wahrend. Auch kritischen Themen wie dem der deutsch-niederländischen Aussöhnung nähert er sich mit sehr viel gebotenem Respekt und Feingefühl. So wie das Ende des Romans offen bleibt, ist auch im Roman selbst bei weitem nicht alles auserzählt. Die Leser mögen die Gelegenheit nutzen, Bruchstücke aus dem eigenen Erinnerungsfundus hinzuzufügen. Auf das, was Marie berichtet, hat sie einen liebevollen Blick, sie ist keine Zynikerin. Auch wenn sie – typisch für ihre Generation – beim Anblick der „Hippies“ im Amsterdam nicht anders kann, als zu denken, ihre Geschichte möge dazu beitragen, dass diese Gestalten erkennen, wie gut sie es doch haben.

Im Roman nimmt die Vater-Tochter-Beziehung einen weiten Raum ein. Viel eher noch als das, was man von einer „Liebesgeschichtenerzählerin“ erwartet, ist er das eigentliche Thema der Marie: der Vater, der nach dem enttäuschten Kaiser-Gehorsam nathlos zum Gottesgehorsam wechselte und Marie unbewusst im Geiste des calvinistisch geprägten Teils der Niederlande erzog. Aber sei es drum: Ist die Vater-Tochter-Beziehung nicht auch eine Liebesgeschichte? Die, aus der sich weitere entwickeln? Insofern folgt Marie dem Leitsatz ihres altes Deutschlehrers: Schreiben heißt ordnen. Auch einordnen. Im Zug auf der Rückfahrt von den Niederlanden am Rhein entlang ordnet Marie das Recherchierte in ihr eigenes Leben ein: Sie ist eine Überlebende und sie ist stolz darauf. Marie ist fest entschlossen, noch vor ihrem Fünfzigsten sich im Familienleben einen neuen Platz als „Liebesgeschichtenerzählerin“ zu erobern und keine Rücksicht mehr darauf zu nehmen, was vor den Augen der Eltern und des Ehemanns Bestand haben könnte. Und vor allem will sie nicht mehr den vom Vater eingebimsten Familien-Imperativ „Schlucks runter, schlucks runter“ befolgen. Immerhin.

Erstveröffentlichung dieser Rezension in den Revierpassagen.de


Genre: Biographien, Briefe, Memoiren, Romane
Illustrated by Rowohlt

Die Zucht

ZuchtNur fünf Minuten hat Helga Schwabe ihren Sohn aus den Augen gelassen. Einen unaufmerksamen Moment lang. Und in diesem Moment ist er verschwunden.
Als fielen Hauptkommissar Henry Conroy die Ermittlungen in diesem Fall mutmaßlicher Kindesentführung nicht schon schwer genug, muss er sich auch noch mit einer neuen Kollegin herumschlagen. Vorlaut, frech, selbstbewusst – das ist Manuela Sperling. Aber sie hat einen guten Riecher. Und bald stoßen die beiden auf eine Spur, die zu einem einsamen, verfallenen Gehöft im Niemandsland an der Grenze zu Tschechien führt, auf dem illegal Hunde gezüchtet werden…

Der sechsjährige Oleg spielt im Garten als seine Mutter nur kurz ins Haus geht um das Mittagessen vorzubereiten, aber als Sie wieder in den Garten kommt ist Oleg verschwunden. Wie kann das sein denn Oleg würde das Grundstück nie allein verlassen…?! Es gibt nur eine Erklärung, Oleg muss entführt worden sein! Aber wer ist der Täter? Die Schwabes wohnen nämlich so einsam dass er eigentlich kein zufällig ausgewähltes Opfer sein kann, oder doch?

Der 2 Meter große, einschüchternde und ziemlich griesgrämige Kommissar Henry Conroy übernimmt denn Fall und wird dabei auch noch vor eine Geduldsprobe gestellt denn seine neue Kollegin Manuela Sperling kann schon ziemlich anstrengend sein. Erst vor kurzem wurde Sie in seine Dienststelle versetzt da es Differenzen mit Ihrem früheren Chef gab…! Auch Henry fällt es zunächst schwer mit Manuela zusammen zu arbeiten und mit Ihrer lockeren und vorlauten Art klar zu kommen…!

Und dann gibt es noch Rieke, eine Tierschützerin die es sich zum Ziel gemacht hat Tiere, vor allem Hunde, aus schlechter Haltung zu befreien und immer wieder Befreiungsaktionen auf eigene Faust durchführt…! Doch bald ist Rieke spurlos verschwunden, nachdem Sie auf einem abgelegenen Hof nahe der Tschechischen Grenze rumgeschnüffelt hat der von sehr seltsamen Leuten bewohnt wird…! Ihre beste Freundin Lea begibt sich auf die Suche nach Ihr…!

Die einzelnen Kapitel werden abwechselnd mal aus Riekes, Leas, Henrys oder Manuelas Sicht geschildert, was eine schöne Abwechslung in die Geschichte bring wenn man so viele Sichtweisen zur Verfügung hat. Außerdem werden manche Kapitel auch immer wieder mal aus der Sicht eines gewissen Mareks erzählt der auf diesem seltsamen Hundehof lebt…! In diesem Zusammenhang gibt es auch noch die „Früher“ Kapitel, die von Mareks Kindheit erzählen, als er 6 Jahre alt war!

Die Geschichte ist sehr spannend, sehr kreativ und schon ziemlich krank! Es geht hauptsächlich um Henrys und Manuelas polizeiliche Ermittlungen, diese sind aber absolut nicht langatmig, wie es so oft bei ausführlichen Ermittlungen in Büchern der Fall ist! Die Geschichte ist ziemlich krass aber größtenteils ziemlich unblutig! Wenn es dann aber mal blutig wird, sind die Szenen aber nur etwas für stärkere Mägen…! Das Ende bringt dann noch eine Wendung mit der man nicht gerechnet hat und die auch offen bleibt, so dass ich jetzt immer noch darüber grüble…!

Ich fand das Buch absolut großartig und habe den 528 seitigen Klopper förmlich verschlungen! Absolut zu empfehlen wenn man kranke Geschichten mag und nicht zu zart besaitet ist…!

*Anmerkung: Die Figur Manuela Sperling ermittelt bereits in dem Buch „Wassermanns Zorn“! Dort jagt sie einen Mörder und gerät dabei mit Ihrem früheren Chef aneinander, bevor Sie in eine andere Stadt zu Henry Conroy versetzt wird! „Die Zucht“ ist also quasi der Nachfolger, kann aber völlig unabhängig gelesen werden! „Wassermanns Zorn“ habe ich mir jetzt aber auch direkt bestellt und es werden mit Sicherheit noch weitere Bücher von Andreas Winkelmann folgen…!

Andreas Winkelmann wurde 1968 in einem „Dreißig-Einwohner-Nest irgendwo in Niedersachsen“ geboren. Natur und Einsamkeit prägten ihn von Kindheit an. In Korea erreichte sein Buch „Blinder Instinkt“ kurz nach Erscheinen den dritten Platz der Bestsellerliste, was dort vorher noch keinem deutschen Thriller-Autor gelungen ist.

 

 


Genre: Thriller
Illustrated by Rowohlt

Der goldene Handschuh

Strunck, HandschuhHamburger Berg Nr. 2. Goldener Handschuh. Eine Kneipe der untersten Art. In der schrundigen Spelunke trifft sich der Bodensatz des Abschaums. Ex-Knackis, Obdachlose, Spritter geben sich ein Stelldichein in dem Laden nahe der Reeperbahn. Rund um die Uhr ist geöffnet. Die Stammgäste tragen Namen wie Soldaten-Norbert, Fanta-Rolf und Samba-Eddy. Sie trinken nicht, sie saufen sich vom Delirium ins Tremens. Continue reading


Genre: Tatsachenroman
Illustrated by Rowohlt

Bilder Deiner großen Liebe

Bilder Deiner großen Liebe „Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert.“ Es kommt in Schüben, gegen die man sich nicht wehren kann – „wie Hunger oder Durst, oder wenn man ficken will“. Mit solcher Art Betrachtungen beginnen die „Bilder deiner großen Liebe“.

Ein junges Mädchen stellt diese Betrachtungen an. Sie steht im Hof einer Anstalt, betrachtet die blühenden Blumen, die Sonne am Himmel – das Klischee ist ihr bewusst. Mit dem Daumennagel berührt sie die Sonne, schiebt sie Millimeter um Millimeter zurück. Langsam verschiebt sich auch das Eisentor, welches die Anstalt vom Rest der Welt trennt. Das Mächden, welches eben noch die Sonne berührt hat, huscht hinaus.
Sie hat keine Schuhe an, egal.

Sie zieht die Socken auch noch aus und beginnt barfuß ihre Wanderung. An der Autobahn entlang, durch Dörfer, Wiesen und immer wieder durch den Wald, der ihr, seit sie denken kann, ein Freund, ein Trost war. Mehr Freund als die meisten Menschen, denen sie begegnet ist in ihrem Leben oder die sie auf ihrer Wanderung noch treffen wird: Den Binnenschiffer, der mal ein Bankräuber war oder auch nicht, einen verdrucksten Schriftsteller, einen lüsternen Fernfahrer, auf dem Friedhof einen wohlwollenden Mann in grüner Trainingsjacke, ihr und uns bekannt.* Und auf einer Müllkippe trifft sie zwei Jungen, mit denen sie eine Zeitlang zusammenbleibt. Eine kurze, aber eine wahrhaftige, eine fast schon glückliche Zeitlang. Das wandernde Mädchen – wir kennen sie. Es ist Isa, die hinreißende, grandiose Isa aus Wolfgang Herrndorfs nicht weniger hinreißendem Jugendroman „Tschick“.

Der unvollendete Roman „Bilder deiner großen Liebe“ ist der letzte veröffentlichte Text des viel zu früh verstorbenen Wolfgang Herrndorf. Wolfgang Herrndorf war Schriftsteller, Maler, Illustrator und Blogger, der seinen hoch verdienten, berechtigten Erfolg erst erfuhr, als er schon unheilbar an einem Gehirntumor erkrankt war. In Konsequenz dieser unheilbaren, ihn zerstörenden Krankheit nahm er sich im August 2013 das Leben. Sein Leben mit der Krankheit und seine Vorbereitungen auf den Freitod teilte er in seinem tief berührenden, auch verstörenden Blog Arbeit und Struktur mit der Öffentlichkeit, posthum als Buch herausgegeben.

Der Veröffentlichung des fragmentarischen Isa-Textes stimmte er erst wenige Tage vor seinem Freitod zu. Zum Glück für uns, die Leser, die ihn und seine Texte schon länger begleitet haben. Ja, es ist unfassbar traurig, zum letzten Mal etwas Neues von Wolfgang Herrndorf lesen zu dürfen, aber es ist schön, es ist eine große Freude, dass es ein Text über Isa ist.

Wolfgang Herrndorfs Jugendroman „Tschick“, der Überraschungserfolg des Jahres 2010, ist ein großartiges Buch. Die Figur Tschick war grandios, die Figur Maik Klingenberg war grandios, aber seien wir ehrlich, die Grandioseste von allen war Isa. Die Figur, die auch Jahre nach der Lektüre am präsentesten in der Erinnerung ist. Isa, die Unbezähmbare, die Lebenskluge, so wild entschlossen, dem Leben wenigstens ein bißchen etwas abzutrotzden. Nicht nur die Protagonisten in Tschick liebten sie, nicht nur der Leser, sondern wohl auch Wolfgang Herrndorf.

Möglicherweise war Isa sogar diejenige von Herrndorfs Romanfiguren, die ihm am meisten bedeutete. Isa ist wohl die Romanfigur der letzten Jahre mit dem größten Potential. Es ist (bei aller Tragik des Schicksals von Herrndorf) eine weitere Tragik in sich, dass diese Figur mit ihm unvollendet gehen musste. Mit den letzten Zeilen der „Bilder“ kommt der Gedanke auf, dass Isa seine imaginäre Gefährtin war, die ihn in den Tod begleiten und doch zurückbleiben sollte, um für ihn noch etwas zu Ende zu bringen.

Den Titel „Bilder deiner großen Liebe “ hat Herrndorf selbst noch bestimmt, irgendwie ist er untypisch für ihn. Die Romanfigur Isa hat ein reales Vorbild aus dem Leben Wolfgang Herrndorfs. Ines, eine Frau, die mitten im Wald in einer Hütte wohnte, die barfuß durch den Wald streifte und über Katarakte kletterte, die ihm zum Einschlafen Musils „Fliegenpapier“ vorlas. Sie gab schon der Hauptfigur in den „Plüschgewittern“ ihren Namen, der Autor bezeichnete sie als „naturkindhaft“ und die Tage mit Ines, mit der ihn eine platonische Beziehung verband, nennt er die glücklichsten seines Lebens. (Nachzulesen im oben verlinkten Blog, Kapitel 6, 22.07.2010, 5:33h ) So betrachtet, passt der Titel dann doch wieder ganz gut. Ein weiteres schönes, berührendes Detail am Rande: Das Landschaftsgemälde auf dem Schutzumschlag ist ein Gemälde von Wolfgang Herrndorf selbst. Wie einem Hinweis im Buch zu entnehmen ist, hing es lange Zeit schief und ungerahmt und mit der Zeile „macht einem manchmal Angst: Die Natur“ an der Wand über seinem Schreibtisch.

„Bilder deiner großen Liebe“ ist keine Fortsetzung von „Tschick“. Es sind gerade mal sechs Seiten, die sich in den „Bildern“ mit der „Tschick“-Handlung überschneiden. Das mag manchen enttäuschen, zumal sich nach der Lektüre der Gedanke aufdrängt, dass die beiden Jungs für Isa bei weitem nicht das waren, was sie umgekehrt für die Jungs war. Für die „Bilder“ ist das aber völlig in Ordnung, „Tschick“ braucht keine Fortsetzung. „Tschick“ ist genauso wie es ist richtig.

Aber – so weiß der Leser schon vor der Lektüre ungefähr, was ihn erwartet. Ein Text aus der Sicht einer unzuverlässigen Erzählerin. Unter allen unzuverlässigen Erzählern, die es je gegeben hat, ist Isa wohl die unzuverlässigste. Sie mäandert durch Zeit und Raum und das liegt nicht nur daran, dass der Text den Herausgebern als Fragment vorlag. Aber gerade deswegen funktionieren die Bilder als Road Novel außerordentlich gut, gerade deswegen wirkt der Roman weit weniger unvollendet und fragmentarisch, als vor Lektüre erwartet. Es ist wirklich weniger der Roman, der unvollendet bleibt, als vielmehr Isa selbst, deren viel zu kurzes Gastspiel in der literarischen Welt man nur außerordentlich bedauern kann.

Die Herausgeber Kathrin Passig und Marcus Gärtner waren enge Freunde des Autors und zeichneten auch schon verantwortlich für die Veröffentlichung des Blogs als Buch. Man kann es nicht anders sagen, als dass sie es auch mit den „Bildern“ gut, sogar sehr gemacht haben. Man merkt (auch im erkärenden Nachwort der Beiden), dass sie sich den Entscheidungen, die sie zu treffen hatten und die eigentlich nur einem Autor zustehen, mit tiefem Respekt genähert haben. Sie haben sehr sorgfältig gearbeitet, leichtgefallen ist es ihnen auch nach eigener Aussage nicht. Sie verbergen vorhandene Lücken nicht, dennoch ist der Text zusammenhängend. Vor allem aber bewahren sie Wolfgang Herrndorfs ganz eigene Sprache und würdigen so die Einzigartigkeit des Autors.

Worte waren seine Bilder, je plastischer, desto lieber. Die gelegentlich etwas schief sitzende Grammatik – sie ist gewollt und die Herausgeber haben sie unverändert gelassen. So hat Wolfgang Herrndorf es sich gewünscht, so haben Passig und Gärtner es gemacht. Bloß keinen „Germanistenscheiß“ an den Text ranlassen, das war Herrndorf wichtig. Er wäre stolz auf das Ergebnis gewesen.

Auch wenn der Roman noch so oft unvollendet genannt werden wird, für mich als Leserin, die alle Werke Herrndorfs chronologisch zum jeweiligen Zeitpunkt ihres Erscheinens – angefangen mit den Erzählungen „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“ bis hin zum Blog – gelesen hat, für mich sind die „Bilder Deiner großen Liebe“ ein versöhnliches, wenn auch für immer traurig bleibendes Ende.

Erstveröffentlichung dieser Rezension in den Revierpassagen.de am 20.März 2015


Genre: Fragmente, Roman, unvollendeter Roman
Illustrated by Rowohlt

Angst

AngstDas Leben von Randolph Tiefenthaler scheint mit dem Kauf der schönen Berliner Altbauwohnung seine Erfüllung zu finden. Der Architekt und seine Familie ahnen nichts Böses, als der schrullige Herr Tiberius ihnen Kuchen vor die Tür stellt. Doch bald wird der Nachbar aus dem Souterrain unheimlich. Er beobachtet Tiefenthalers Frau, schreibt erst verliebte, dann verleumderische Briefe, erstattet sogar Anzeige. Die Ehe stürzt in eine Krise, das bloße Dasein des Nachbarn vergiftet den Alltag. Die unerträgliche Situation bringt Randolph auf einen entsetzlichen Gedanken…

Randolph ist Mitte 40, Architekt und zieht mit seiner Frau Rebecca und den beiden Kindern Paul und Fee in eine Berliner Altbauwohnung. Herr Tiberius aus dem Souterrain ist zuerst ziemlich nett, legt Ihnen selbstgebackenen Kuchen und Plätzchen vor die Tür und ist freundlich. Dann verändert sich sein Verhalten allerdings, er fängt an Rebecca gegenüber anzügliche Bemerkungen zu machen, woraufhin Sie ihn in seine Schranken weist!

Ab diesem Zeitpunkt fängt er an ihr Gedichte von Sex und Tod vor die Tür zu legen! Es dauert dann auch nicht lange, da fängt Herr Tiberius an zu behaupten, dass Randolph und Rebecca Ihre Kinder sexuell missbrauchen würden und erstattet Anzeige gegen Sie. Ständig ruft er die Polizei und Randolph und Rebecca erstatten Anzeige wegen Verleumdung. Randolph ist nun selbst ständig bei der Polizei, bei Anwälten und sogar beim Jugendamt aber Niemand kann ihm helfen Herrn Tiberius aus der Wohnung zu bekommen da dieser ja nie gewalttätig ist und keine aktive Gefahr darstellt…! Seine Briefe werden immer schlimmer und er schildert sehr bildlich was Randolph und Rebecca in seinen Augen angeblich mit Ihren Kindern anstellen…!

Die Geschichte wird aus Randolphs Ich-Erzählperspektive erzählt und beginnt damit dass Randolph im Gefängnis ist um dort seinen 78 jährigen Vater zu besuchen der wegen Mordes an Herrn Tiberius zu 8 Jahren Haft verurteilt wurde! Randolph sitzt nach diesem Besuch ziemlich verzweifelt zu Hause und beginnt die komplette Geschichte aufzuschreiben! Er beginnt in seiner frühesten Kindheit, was auch nicht unwichtig ist, da Randolph und sein Vater schon immer ein schwieriges Verhältnis hatten! Eigentlich schreibt Randolph sein komplettes Leben auf und zwischendurch denkt man schon des Öfteren mal „also so ausführlich brauch ich das alles jetzt eigentlich nicht“ sondern möchte eigentlich viel mehr über den Nachbarn erfahren! Uninteressant sind Randolphs Erinnerungen aber wirklich nicht und dadurch dass man seine komplette Lebensgeschichte erfährt, bekommt man einen sehr engen Bezug zu ihm als Protagonisten!

Eigentlich kommt Herr Tiberius in dem Buch gar nicht so oft vor und ich hatte mir die Geschichte völlig anders vorgestellt! Wer ausgeprägte Streitereien und einen ordentlich aus dem Ruder laufenden Kleinkrieg zwischen Nachbarn erwartet, der wird von diesem Buch enttäuscht sein denn das alles gibt es nicht und das Buch ist komplett gewaltfrei!

Es geht hauptsächlich darum mit dem Psychoterror und seiner eigenen Angst klarzukommen denn die Angst ist in dieser Geschichte das beherrschende Thema (wie der Titel ja auch vermuten lässt)! 😉 Randolph hat Angst! Er hatte schon in seiner Kindheit Angst, in seiner Jungend und auch jetzt hat er Angst! Angst davor wie weit Herr Tiberius gehen wird, denn wer so detailliert Kindesmissbrauch beschreibt, der hat doch bestimmt selbst eine pädophile Ader, oder?! Er hat Angst davor dass die Polizei Herrn Tiberius glauben könnte, Angst davor bald als Kinderschänder abgestempelt zu werden, Angst davor seine Kinder in der Öffentlichkeit zu berühren und auch Angst davor dass seine Kinder eine unbedachte Äußerung machen könnten die man falsch auslegen könnte…! Randolphs und Rebeccas Leben wird von Angst bestimmt und auch das angespannte Verhältnis zwischen den beiden spielt eine große Rolle und wird stark thematisiert.

Ein wirklich sehr gutes Buch über Psychoterror, Verzweiflung, Hilflosigkeit, Selbstjustiz, Angst und darüber was Angst aus Menschen machen kann…! Ich hatte mir das Buch völlig anders vorgestellt, bin aber total begeistert und kann es sehr weiterempfehlen!

Dirk Kurbjuweit wurde 1962 geboren und war Redakteur der „Zeit“ und arbeitet nun seit 1999 für den „Spiegel“. Bisher hat er sechs Romane geschrieben, von denen drei verfilmt wurden („Die Einsamkeit der Krokodile“ „Zweier ohne“) Für seine Reportagen erhielt er 1998 und 2002 den „Egon-Erwin-Kisch-Preis“ und weitere Auszeichnungen.


Genre: Romane
Illustrated by Rowohlt

Die gleissende Welt

SiriHustvedt „Die gleißende Welt“ – im 17. Jahrhundert gab es diesen Buchtitel schon einmal. Margaret Cavendish, eine der ersten Frauen, die unter eigenem Namen publizierten, betitelte so einen utopischen Roman. Im 21. Jahrhundert dient die Cavendish der New Yorker Künstlerin Harriet Burden als Vorbild. Harriet Burden ist die Hauptfigur in Siri Hustvedts neuem Roman und ihr Nachname ist Programm. Denn es sind schon mannigfache Bürden, welche die arme Frau trägt. Zwar verfügt sie über ein Millionenvermögen, aber ach. Ach.

Geld alleine macht ja nicht glücklich. Noch dazu ist es „nur“ das von ihrem verstorbenen Mann, einem einst gefeierten New Yorker Galeristen, ererbte Vermögen und keines, welches Harriet sich selbst erarbeitet hätte. Ein großes Unglück für die Ärmste, ist sie doch in Wahrheit eine hochtalentierte Installationskünstlerin und hätte mit eigenen Millionen überhäuft werden müssen – nur erkennt es leider keiner. Schlimmer noch, ihre Kunst wird verhöhnt und wenn sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, dann immer nur als Frau an der Seite von. Tief gekränkt zieht Harriet sich aus dem öffentlichen Leben zurück und beginnt ein zweites Leben als Mäzenin. Zudem bleibt sie ihrer Kunst treu, doch zu sehen bekommen nur wenige Auserwählte ihre Werke. Harriet ist überzeugt davon, dass eine Frau in der Kunstszene eh keine gerechte Chance bekommt. Schließlich verfällt sie auf ein gewagtes Experiment. Sie zeigt ihre Kunst doch noch öffentlich. Aber nicht als sie selbst, sondern sie bedient sich im Laufe der Jahre dreier „Maskenmänner“, die als Strohmann ihre Werke in Ausstellungen zeigen – und natürlich dafür gefeiert werden. Doch die große „Enthüllung“, welche Harriet Burden für sich gleichermaßen als Rache und Katharsis geplant hat, findet nicht statt. Der letzte ihrer „Maskenmänner“ durchkreuzt ihre Pläne und dreht den faustischen Handel gegen Harriet.

Wie ihre Protagonistin ist auch Siri Hustvedt auf ein gewagtes Experiment verfallen, um ihren geplanten Parforce Ritt durch die Gemengelage aus Vorurteilen, Begierde, Ruhm, Geld und Selbstverwirklichung dem Leser als auch wirklich von allen Seiten durchleuchtetes Paket zu präsentieren. Amerikas Ausnahme-Autorin schlüpft dafür in die Rolle der Herausgeberin und präsentiert die Geschichte der Harriet Burden als fingierte Spurensuche. Zu Wort kommen alle (fingierten) Weggefährten Harriets, Freunde wie Feinde, Gönner wie Kritiker und die mittlerweile unvollendet gestorbene Harriet selbst, deren (ebenfalls fingierte) Tagebücher der „Herausgeberin“ Hustvedt anvertraut wurden. Ein geschickter Kniff – und anhand der unbestrittenen Wortmächtigkeit und literarischen Begabung der Hustvedt hätte es ein ganz großes Buch werden können.

Ein Buch, welches – wie der Verlag nicht müde wird, zu erwähnen – alle großen Themen Siri Hustvedts vereint. Literatur, Kunst, Psychologie und Naturwissenschaften. Nur das allergrößte Thema der Hustvedt hat der Klappentexter vergessen zu erwähnen: Nämlich sie selbst. Nichts interessiert Siri Hustvedt bzw. ihre Stellvertreterin Harriet Burden so sehr wie die eigene Befindlichkeit, vornehmlich in der gespiegelten Wahrnehmung anderer. Und so wurde aus der Vereinigung eines großes Talents mit einem großen Thema leider nur eins: Das hohe Lied der sich selbst bemitleidenden Larmoyanz und Siri Hustvedt avanciert von der von einer ganzen Generation bewunderten Schriftstellerin zur Hohepriesterin regressiver Luxusprobleme.

Denn um nichts anderes geht es in diesem Buch: First world problems in platin. Es tut geradezu weh, dieses Buch zu lesen. Siri Hustvedt kann schreiben, ihr Talent ist unbestritten und nahezu unerreicht. Es hätte ein kluges, ein berührendes Buch werden können – aber irgendwann hilft auch der wundervollste Stil nicht mehr. Dann ist gejammerte Selbstgerechtigkeit nur noch ein nervtötendes Ärgernis. Man möchte in das Buch hineingehen, Harriet und Siri gleichermaßen schütteln und sie von ihrem selbstgerechten Ego-Trip runterholen. Nach den Erfolgen der Vergangenheit tut Siri Hustvedt viel, um ihren eigenen Nimbus zu festigen. Zuviel, denn mit der „gleißenden Welt“ hat dieser Nimbus bereits begonnen zu bröckeln. Sie wollte zuviel. Zu viele Themen, die sie ausgräbt und nur anreißt. Zuviele Genres, durch die sie mäandert. Und dann noch die unzählbar vielen Fußnoten, in denen sie sich gelegentlich nicht entblödet, als Quelle auf ihr eigenes Werk zu verweisen und die ansonsten nur dazu dienen, ihre Bildung auszubreiten. Darin ihrer Protagonistin nicht unähnlich verheddert sie sich schlußendlich nur noch in ihren Manierismen, scheitert an diesen und ihrem eigenen Anspruch.

Viel hatte man von diesem Buch erwartet – versprach es doch, dass Siri Hustvedt mit der „gleißenden Welt“ in die New Yorker Kunstwelt zurückkehrt, Immerhin die Welt ihres größten Erfolges „Was ich liebte“. Doch nicht ein einziges Mal löst sie die Emotionen aus, die dieses Buch hinterließ. Aus der ans Innerste ihrer Leser rührenden Erzählerin ist eine selbstgerechte Autorin geworden, die sich aller Erfolge und Lobeshymnen zum Trotz nicht genug gewürdigt fühlt. Möglicherweise liegt es daran, dass Siri Hustvedt sich immer noch an ihrem Mann, dem gefeierten Schriftsteller Paul Auster abarbeitet. Zwar finden sich genug Stimmen, die der Meinung sind, sie habe Auster mittlerweile in den Schattten gestellt, aber ihr Drang, sich selbst zu beweisen, scheint immer größer zu werden. Denn – ganz egal, wie oft es abgestritten wird – auch „die gleißende Welt“ ist mit Sicherheit zu einem Teil autobiographisch. Die Parallelen sind einfach nicht zu übersehen, gerade wenn man auch ihre anderen Werke kennt.

Oder – es liegt daran, dass Siri Hustvedt in Wahrheit gar nicht so begabt ist, wie es ihre Wortmächtigkeit suggeriert. Denn – auch in „Was ich liebte“ hat sie letzten Endes nur nacherzählt. Auch dieser Roman fußte auf eigenem Erleben, schlimmer noch auf Leben, die sie nur als Beobachterin miterlebte. Welchen Preis die als Vorlage dienenden Personen – ihr Stiefsohn und die erste Frau von Paul Auster – dafür gezahlt haben, das will man lieber gar nicht wissen. Dann schon lieber ihre eigene Befindlichkeit – aber auch von der will man eben nicht endlos lesen. So gesehen ist es kein Wunder, dass Hustvedt mit der epischen Darbietung ihrer eigenen Klugheit den Mangel an Phantasiebegabung kaschiert.

Um den Bogen zurück zu schlagen: Da ist ja noch der entlehnte Titel. Margaret Cavendish wird heute als Universalgenie gefeiert und es bedarf schon einer gewissen Chuzpe, sich einfach einen Buchtitel von einem Universalgenie zu entlehnen. Passt aber dazu, dass Hustvedt sich auch ihre Themen bisher immer nur geliehen hat. Bitter, dass sie das eigentlich gar nicht nötig hat. Und schon gar nicht hat sie es nötig, sich hinter vorgeblichen oder tatsächlichen Vorurteilen wie die von Harriet Burden immer wieder angeprangerte Bevorzugung männlicher Künstler zu verstecken.

So heißt es in der „gleißenden Welt“ : „Alle intellektuellen und künstlerischen Unterfangen, sogar Witze, ironische Bemerkungen und Parodien schneiden in der Meinung der Menge besser ab, wenn die Menge weiß, dass sie hinter dem großen Werk oder dem großen Schwindel einen Schwanz und ein paar Eier ausmachen kann.“ Hier sei die zugegeben platte Anmerkung, dass man auch als Frau durchaus Eier zeigen kann, erlaubt. Und wer, wenn nicht eine Autorin mit dem Renommee einer Siri Hustvedt wäre dazu besser in der Lage. Eine große Chance – vertan.


Genre: Romane
Illustrated by Rowohlt