Ein fremdes Gefühl

Irene Dische ist eine in New York geborene Amerikanerin, die seit vielen Jahren in Berlin lebt. Vermutlich stammen etliche Inspirationen, die in den Roman „Ein fremdes Gefühl“ eingeflossen sind, aus eigenem familiären Erleben der Autorin, deren Vater, ein Biochemiker, für seine Leistungen den Nobelpreis erhalten hat.

Der Roman spielt vor dem Hintergrund der deutschen Wiedervereinigung in den Jahren 1989/90. Der homosexuelle Physiker Dr. Benedikt Waller lebt nur für seine Forschungsarbeit. Er entstammt einer begüterten Adelsfamilie und wächst zusammen mit seiner Schwester nach dem frühen Unfalltod der Eltern bei der Großmutter auf. Während Waller als Wissenschaftler größtes Ansehen genießt, ist er als Mensch ein ganz eigenartiger Sonderling : „ Jede Aktivität in einer Gruppe schien ihm äußerst demütigend, und eine Gruppe begann für ihn dort, wo die Einsamkeit aufhörte. Alles, was in Einklang geschah, schien ihm würdelos, auch Gehen, Singen, Jubeln, Essen, Schlafen.“ Waller erkrankt schwer, wird medizinisch behandelt und psychotherapeutisch betreut, letzteres scheint aber ziemlich überflüssig, da er seine unheilbare Erkrankung mit völliger Gleichgültigkeit hinnimmt. Dr.Benedikt Waller hängt nicht am Leben, er verachtet die Natur : „Die Natur… war ein zum Scheitern verurteiltes Experiment…Die Evolution packte Moleküle zu immer verrückteren Gebilden zusammen und schuf in einer Art mutwilliger Fehlbarkeit ein Monstrum nach dem anderen…Alle zweifelten am Sinn oder an der Gerechtigkeit von Krankheit und Leiden, aber niemand zweifelte am Sinn der Fortpflanzung, eines zeitraubenden Geschäfts, von dem alles, was sich regte, besessen war…“.

Umso überraschender ist angesichts solcher Einstellungen, dass Waller plötzlich den Wunsch verspürt, ein eigenes Kind, einen Nachkommen zu haben. Über eine Annonce in der Tageszeitung sucht er ein Kleinkind „zwecks Adoption“; schon bald meldet sich Marja Golubka mit ihrem Sohn Valerij. Waller überwindet die starken Aversionen, die er anfangs gegenüber Frau Golubka empfindet, und reist mit Mutter und Sohn von Berlin nach Süddeutschland auf das Schloss seiner Familie. Dort lebt, versorgt von wenigen Bediensteten, die Großmutter. Gesund und nicht durch Altersschwäche dazu gezwungen, haust die alte Dame in nur einem Raum völlig zurückgezogen in einem Bett, das sie nie verlässt. Das ändert sich jedoch, als die Beziehung zwischen ihr und den Gästen, die ihr Enkel mitgebracht hat, sich intensiviert. Schließlich wird auf dem Schloss ein großes Hochzeitsfest gefeiert : Dr. Benedikt Walter heiratet Marja Golubka und adoptiert deren Sohn, um dessen Zuneigung er sich sehr bemüht. Allein sitzt Benedikt am Ende des Festes vor den Gemälden seiner Ahnen und denkt nach: „Er hatte nie gelebt. Jetzt wollte er leben.“

Die folgende Zeit des Zusammenseins mit Marja und Valerij verändern Benedikt : Als die Nachricht eintrifft, dass seine „Solitronentheorie“ widerlegt sei (immerhin sein Lebenswerk), scheint ihm das unwichtig. Ein neuerlicher Krankenhausaufenthalt dagegen löst bei ihm lähmende Angstzustände aus. Bei einem Ausflug in die Schweizer Berge geraten Benedikt und Marja in einen heftigen Streit. Marja flüchtet mit ihrem Sohn und stürzt Waller damit in einen Zustand der Verwirrung und Verzweiflung. Er fährt zu seiner Schwester und deren Ehemann und findet dort in seiner Krise vorübergehend Trost . „Benedikt lag auf dem Rücken zwischen ihnen, bis seine Einsamkeit, noch immer unbesänftigt, ihn dazu brachte, sich zusammenzurollen und die Knie ans Kinn zu ziehen. Ein Schluchzen durchbebte ihn…“ Jetzt lebt Waller, aber leben bedeutet auch leiden…

Irene Dische ist eine scharfsinnige Autorin mit analytischem Verstand und einem stilistischen Können, das es ihr ermöglicht, komplizierteste Sachverhalte anschaulich darzustellen. Ein Genuss ist es, die Passagen des Romans zu lesen, die sich mit Intelligenz und Humor dem Thema annehmen, wie sich in Krankenhäusern unter dem Einfluss von Ärzten und Psychotherapeuten Patienten in bedauernswerte Objekte verwandeln. „Ein fremdes Gefühl“ ist ein umfangreicher und gut aufgebauter Roman, der von merkwürdigen Beziehungen und Beziehungslosigkeit handelt und von abgründigen Gefühlen und Gefühlskälte erzählt. Bisweilen schmunzelt oder lacht der Leser über die unterhaltsame Schrulligkeit Dr. Benedikt Wallers, ohne je ganz zu vergessen, um welch bemitleidenswerte und tragische Figur es sich bei diesem Wissenschaftler handelt.


Genre: Romane
Illustrated by Rowohlt

Der Wolkenatlas

Am Anfang war die Verwirrung: Das sollte ein Roman sein? Kaum hatte man sich in die Geschichte eingelesen, begann schon eine neue und noch eine und noch eine … Ein fesselnder Roman war versprochen worden, und nun dieses: ein Band abrupt abbrechender Erzählungen ohne inneren Zusammenhang!? Immerhin war die Sprache brillant und die Handlung durchaus spannend … wenn sie nur nicht dauernd abbrechen würde!

Es beginnt mit dem Pazifiktagebuch eines amerikanischen Notars, der Mitte des 19. Jahrhunderts in einer Erbschaftsangelegenheit auf Reisen ist und dabei an die Grenzen seiner moralischen und körperlichen Kraft stößt.

Sodann findet ein junger englischer Komponist auf der Flucht vor seinen Gläubigern Unterschlupf und Inspiration bei einem einstmals genialen Berufskollegen in Belgien, der durch Alter und Syphillis alle Lebens- und Schaffenslust verloren hat und nach anfänglicher Wiederbelebung mitansehen muss, wie der hilfsbedürftige Assistent sich selbst zum Meister mausert.

Eine junge amerikanische Journalistin ist einem Atomskandal auf der Spur, ein abgehalfterter Verleger landet irrtümlich in einem geschlossenen Altenheim, eine geklonte Koreanerin der Zukunft will ein richtiger Mensch werden, und ein vom Schicksal gebeutelter alter Mann erzählt in hinterwäldlerischstem Jargon aus seiner dramatischen Kindheit, die in ferner Zukunft „nach dem Untergang“ verlief, als man die letzten Reste von Zivilisation zu bewahren suchte.

Erst lange nach der Hälfte des Buches bekommen die Geschichten des Anfangs ihre Fortsetzung und ihr Ende, und immer deutlicher verknüpfen sich die einzelnen Handlungsstränge. Immer steht der Mensch im Mittelpunkt, der Mensch in seinem zu allen Zeiten egoistischen Streben nach Macht, Geld und Einfluss im Großen wie im Kleinen. Dieses Streben bringt ihn vorwärts und richtet dabei grässliches Unheil an. Jene Menschen, die andere Ideale verfolgen und / oder aufs Gemeinwohl bedacht sind, müssen aus dem Weg geräumt werden – Wurzel fast allen Übels dieser Welt und genug Stoff für Romane von gestern, heute und morgen. Stoff auch für einen so vielschichtigen und bei aller Dramatik witzigen Roman wie den „Wolkenatlas“, den der anfangs skeptische Leser am Ende doch gefesselt und daher höchst ungern aus der Hand legt. Wie gern würde er zum Finale das so plastisch beschriebene Wolkenatlas-Sextett hören, das der junge Assistent des alten Künstlergenies komponiert hat und das fast verlorengegangen wäre …

David Mitchell präsentiert einen aus verschiedenartigsten Materialien gewebten, eigenwilligen und raffinierten Roman, der bei rororo unlängst als Taschenbuch erschienen ist, sodass sich experimentierfreudige Leser kostengünstig auf ihn einlassen können. Bibliophile werden sich an solchen Bonmots wie dem folgenden erfreuen: „Bücher bieten keine wirkliche Rettung an, aber sie können den Geist davon abhalten, sich wund zu kratzen.“

Ebenfalls bei rororo zu haben und unbedingt empfehlenswert ist ein weiterer Roman des britischen Autors: „Der dreizehnte Monat“, ein literarisches und psychologisches Meisterwerk, das von den Gemeinheiten und Wonnen des Erwachsenwerdens und Menschseins berichtet.


Genre: Romane
Illustrated by Rowohlt

Mein Leben als Mann

Philip Roth ist ein zeitgenössischer amerikanischer Autor und gilt als einer der ganz großen; ginge es nach Marcel Reich-Ranicki hätte er schon lange den Literaturnobelpreis erhalten. Der Roman „Mein Leben als Mann“ erschien 1993 als Taschenbuch in deutscher Sprache , umfasst 351 Seiten und handelt vom Trennungs- und Scheidungskrieg eines Ehepaares.

Der Jude Peter Tarnopol wächst in Yonkers, New York, in einer kleinbürgerlichen Familie zusammen mit zwei Geschwistern sorglos auf. Nach Schule und Universität betätigt er sich als Literaturdozent und Schriftsteller, sein erster Roman macht ihn in der literarisch interessierten Welt sehr bekannt. 1959 heiratet er 26jährig Maureen, eine Frau, die er nicht liebt und die schon zwei Ehen hinter sich hat. Drei Jahre nach ihrer Heirat hebt das Ehepaar auf Peters Betreiben die eheliche Gemeinschaft auf, die Ehe endet rechtlich gesehen aber erst Jahre später mit dem Unfalltod Maureens, die sich bis zum Schluss geweigert hatte, in eine Scheidung einzuwilligen.

Das Thema Ehe hat in der Literatur eine lange Tradition, seit dem 19. Jahrhundert befassen sich Schriftsteller damit und schufen Werke, die bis heute gelesen werden, denken wir nur an „Effi Briest“(1895 ) von Theodor Fontane, an „Madame Bovary“(1857) von Gustave Flaubert oder „Anna Karenina“(1877/78 ) von Leo Tolstoi. Solange es die Ehe als gesellschaftliche Institution gibt, wird sie Sujet der Literatur bleiben. Und so erstaunlich es klingen mag : es gibt immer wieder literarische Werke, die das Thema um neue inhaltliche oder formale Aspekte bereichern.

Was ist das Besondere an Roths Roman? Es ist die Textstruktur, der Aufbau. Die Komposition und die damit verbundene Absicht machen das Buch unverkennbar zu einem Werk moderner Literatur. Viele Male wird die Perspektive gewechselt, aus der die Personen und die Handlung betrachtet werden. Als Schriftsteller legt Tarnopol zwei fiktive Geschichten vor, die seinen Werdegang und seine Ehe zum Gegenstand haben, als Betroffener versucht er sich an einer autobiografischen Behandlung des Themas. Dabei gibt Roth seitenweise Dialoge wieder, die Tarnopol mit seinem Psychotherapeuten Dr. Spielvogel führt, zitiert Briefe, in denen sich Bekannte oder Verwandte zur Ehekrise äußern, und berichtet detailliert über den Inhalt von Telefonaten, in denen andere sich über Peter und Maureen auslassen. Dr. Spielvogel veröffentlich über seinen Patienten einen Aufsatz in einer Fachzeitschrift, der von Tarnopol gelesen und einer harten Kritik unterzogen wird.. Auch das gestohlene Tagebuch Maureens sowie die Bemerkungen einer Frau aus Maureens Therapiegruppe bringen neue Interpretationsvarianten der Vorkommnisse …

Dieses formale Element des Perspektivwechsels wird bis an die Grenzen ausgeschöpft mit der Folge, dass sich das Bild des Lesers über den Ehekrieg und die beteiligten Personen permanent verändert. Kaum ist ein Urteil gefasst, muss es schon wieder revidiert werden. Jedes Urteil ist nur vorläufig und das bleibt bis zum Ende so : erfahren hat der Leser viel über Peter und Maureen, ein Urteil ist ihm nicht möglich.

Roths Roman zu lesen ist kein Vergnügen, auch wenn die sprachliche Darstellung größtenteils meisterhaft ist und mancher Dialog spannend und fesselnd. Aber vielleicht liegen ja auch die Aufgaben eines literarischen Werkes gar nicht darin, uns zu erfreuen und zu erbauen.


Genre: Romane
Illustrated by Rowohlt

QQ

»Quiet quality«, abgekürzt »QQ«, ist ein amerikanischer Modebegriff und bedeutet so etwas wie »stille Güte«. Es will all das klammern, was nicht schreit und spritzt. Da Max Goldt das Ende seiner Tage in einem gepflegten Altenheim für betuchte Senioren verleben möchte, sieht er sich gezwungen, noch ein paar Jährchen zu schreien und zu spritzen. Dieser Tätigkeit geht der Autor bevorzugt im Satiremagazin »Titanic« nach. 21 seiner doppelseitigen stilbildenden Aufsätze sind in diesem Bändchen still und gut zusammen gefasst.

Goldts Sätze sind Sprachkunstwerke. Der Autor erzählt in locker-legerem Stil und mit einem satyrischen Funkeln in den Augenwinkeln kleine Geschichten aus dem Hier und Jetzt. Was assoziativ aneinander gereiht scheint, ist tatsächlich elegant konstruiert und bis in die letzte sprachliche Wendung ausgefeilt.

Ein fulminantes Feuerwerk ist sein Essay »Über Fernsehmusik«, mit dem der Sammelband eröffnet. Goldt beginnt mit der Rezension eines softlesbischen Mystery-Thrillers über zwei in lodernder Hassliebe verhedderten Frauen aus grauer Vorzeit, die sich in weiblicher Dramatik schlussendlich in einem keltischen Burgfried gegenseitig einmauern. Über diesen Einstieg schwenkt Goldt zur Autorin dieses historischen 800-Seiten-Schinkens, einer gewissen Heidi Würsel. Diese Dame steckt sämtliche Tantiemen aus ihrer literarischen Tätigkeit, die sie im vertrauten Kreis auch schon mal »Leseschrott für fette Frauen zusammenkloppen« nennt, in ihre heimliche Sehnsucht: das Restaurant »Schinkenkeller« auf der Insel Sylt.

In diesem Tempel des erlesenen Geschmacks trifft der Leser auch ihre Halbschwester, eine anerkannte Steingartenexpertin aus dem Hausfrauenfernsehen, die ihre Kohle in das Aufmöbeln alter Lamborghinis steckt und darin Erfüllung sucht. Auch sie steht kurz davor, als Buchautorin zu brillieren.

Gemeinsam ist den Damen ein Freund: der Fernsehkomponist Henner Larsfeld, ebenfalls Stammgast im »Schinkenkeller«. Dieser arbeitet, würde er danach gefragt – aber er wird es nicht – ausschließlich in seiner Küche und mixt dort Klangcocktails für unterschiedlichste Fernsehproduktionen. In dieser Kreativküche schrieb Larsfeld auch die Musik für die TV-Adaption des Würselschen Stoffes der eingemauert Schmachtenden. Wobei »schreiben« so verstanden sein will, dass er aus einer Sammlung von CDs mit Mönchschören und extrem verhallten Wummersounds einen Soundteppich knüpft, über den – unabhängig vom Genre – sämtliche der von ihm beschallten Fernsehfilme und Dokumentationen spazieren.

Auch Larsfeld versuchte einst, sich künstlerisch freizuschwimmen und verzichtete in einem ihm besonders geeigneten Fall auf die Chöre der Kuttenträger. Doch die zuständige TV-Redakteurin machte ihm schnell deutlich, dass dies doch gar nicht passe, und so griff der Meister, von einem »Warum nicht gleich so!« seiner Auftraggeberin angefeuert, wieder ins Mönchsarchiv.

Insofern lässt sich schon jetzt prophezeien, welche Fernsehmusik ertönen wird, wenn er den nächsten Würsel-Erfolg unterlegt, der bald über den Bildschirm flimmert und im übrigen erzählt, wie die beiden eingemauerten Frauen fünfhundert Jahre später aus ihrem Kokon ins Mittelalter entschlüpfen und sich dort wieder ihren heimlichen Leidenschaften widmen.

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Genre: Humor und Satire
Illustrated by Rowohlt

Die Möglichkeit einer Insel

Houellebecqs Buch „Die Möglichkeit einer Insel“ thematisiert das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft. Die Liebe, die Sexualität, Werte, das Altern, Religion und künstlerische Tätigkeit stehen im Mittelpunkt philosophischer und politischer Betrachtungen mehrerer Erzähler.
Vor der Lektüre des Romans muss aber nachdrücklich gewarnt werden: Dieses Buch ist nur etwas für erwachsene Leser, die mit Zumutungen, Abstoßendem und Abscheulichem umzugehen wissen. Der empfindsame Literturfreund wird vermutlich das Buch bald aus der Hand legen, weil ihm die Darstellung sexueller Handlungen und menschlicher Grausamkeiten unerträglich sind. Erbauliches und Trost findet sich bei Houellebecq wenig, Desillusionierendes und Deprimierendes dagegen viel. Aber, wer nach Erkenntnis strebt, darf Zumutungen eben manchmal nicht meiden.

Daniel, der uns die letzten Jahre seiner Lebensgeschichte erzählt, ist Zeitgenosse, lebt in Spanien und betätigt sich als Komiker. Er schreibt Sketche, Drehbücher und auch mal einen Rap, steht selbst auf der Bühne und vor der Kamera und lässt kein Tabuthema aus. Je geschmackloser und provozierender seine Produktionen sind, umso erfolgreicher, prominenter und vermögender wird er. Der Wille zu politischer Veränderung ist Daniel fremd, er bezeichnet sich selbst als „Kollaborateur“ und vergleicht sich und seine Kunst mit der Tätigkeit eines Hofnarren. Sein Urteil ist ohne Eitelkeit: „Ich wusste genau, dass keiner meiner billigen Sketche, keines meiner kläglichen Drehbücher, die mit dem Know-how eines gewieften Profis zusammengebastelt waren, es verdiente, mich zu überleben“. Daniel hatte mit zahllosen Frauen Sex; war ohne verliebt zu sein verheiratet und hatte einen Sohn, der ihm nichts bedeutete; lebte mit einer Frau in zweiter Ehe, die auf wechselseitiger Liebe basierte und dennoch scheiterte, weil die Sexualität erloschen war. Am Ende seiner vielfältigen Erfahrungen kommt er zu dem biologistischen Fazit: „Alle Energie ist sexueller Natur, und zwar nicht vorwiegend, sondern ausschließlich, und wenn ein Tier nicht mehr imstande ist, sich fortzupflanzen, ist es zu nichts mehr nütze; dem Menschen geht es genauso.“ Nach einer kurzen Zeit, in der er allein lebt, begegnet der 47jährige der 22 Jahre alten Esther und gerät in eine zügellose und selbstzerstörerische Beziehung mit ihr, die in Hörigkeit und Selbsterniedrigung endet.

Mit Daniels Autobiografie verwoben ist der Bericht über die Elohimiten. Sie verehren außerirdische Wesen und erwarten deren Wiederkehr. Die Sekte will zu Beginn ihres Aufstiegs, dass Sexualität unter Erwachsenen keinerlei Zwang und Einschränkungen unterworfen ist und jedes Sektenmitglied seinen Todeszeitpunkt selbst bestimmt. Von der Speicherung der Erbinformationen eines Menschen erhoffen sie sich in naher Zukunft von ihren Wissenschaftlern die Fähigkeit, Menschen zu reproduzieren, also wenn man so will: das ewige Leben, die Unsterblichkeit. Nach internen Auseinandersetzungen und krimireifen Ereignissen gelingt es der Führung der Elohimiten, den Zulauf neuer Mitglieder enorm zu steigern; sie bauen ihre Organisation aus, kaufen sich Anteile an einem TV-Sender und steigen so zu einer mächtigen internationalen Religionsgemeinschaft auf, die der im Niedergang begriffenen katholischen Kirche den Rang streitig macht. Dem Atheisten Daniel ist vom Sektenführer eine ganz besondere Rolle zugedacht. Er soll seinen Lebensbericht niederschreiben, der den Elohimiten sodann zu Propagandazwecken dienen könnte: „ Ich würde im übrigen…eine unabwendbare historische Entwicklung nur beschleunigen. Die Menschen würden in zunehmendem Maße den Wunsch haben,in völliger Freiheit zu leben, verantwortungslos und ständig auf der Suche nach Sinnengenüssen…und wenn sich das Alter mit seiner ganzen Last bemerkbar machte…würden sie sich das Leben nehmen; aber vorher würden sie der elohimitischen Kirche beitreten, ihren genetischen Code speichern lassen und so in der Hoffnung sterben, dieses dem Genuss geweihte Dasein ewig fortzusetzen.“

Neben Daniel lernt der Leser die beiden Erzähler Daniel24 und Daniel25 kennen. Sie sind Klone und leben 1000 Jahre nach unserer Zeit in einer Welt, die sich durch einschneidende Katastrophen radikal geändert hat. Hochentwickelte Technik und Wohlstand sind die Grundlagen der Gesellschaft der Neo-Menschen, während die Wilden wie Tiere auf niederstem Niveau und in archaisch organisierten Gesellschaften leben. Die Klone verbringen ihr Leben zurückgezogen und einsam, direkter und körperlicher Kontakt zu Artgenossen ist ihnen fremd, einzig über das Internet haben sie Verbindung untereinander. Sie scheinen unter ihren Lebensbedingungen nicht zu leiden, da ihre Gefühlswelt sehr reduziert ist. So kommt es zu einem überaus interessanten Experiment: Die Nachfahren Daniels lesen den Lebensbericht ihres Ahnen; und das bleibt nicht ohne Folgen …

Der Ich-Erzähler in Houellebecqs Roman ist ein Wesen, das unser Mitleid verdient, obwohl wir dieses edle Gefühl nur selten während der Lektüre empfinden. Glück und Zufriedenheit vermag Daniel nur sein Sexualtrieb zu verschaffen. Es ist ein erstaunliches Phänomen, dass ein Leben in großem Wohlstand, den täglichen Mühen und Anstrenungen einfacher Menschen enthoben, zu einem derartig verengten Blick auf das menschliche Leben führen kann. Für mich ist die Gedanken- und Gefühlswelt der Romanfigur, ohne dass ich die große Bedeutung menschlicher Sexualität leugnen wollte, Ausdruck einer verkrüppelten und verarmten Existenz. Houellebecqs Roman ist eine Provokation. Indem er uns diesen reduzierten Menschen in seinem trostlosen Leben in seiner eindimensionalen Welt vorstellt, nötigt er jeden vernunftbegabten Leser zum Nachdenken über die grandiose Vielfalt des menschlichen Lebens.


Genre: Science-fiction
Illustrated by Rowohlt

Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens

»Katar will berühmt werden. Ein Mensch, der so ein Ziel vor Augen hat, nimmt an Talentwettbewerben teil. Unter Staaten gilt dieser Weg als unschicklich, also lädt man sich zur Bekanntmachung seiner Herrlichkeiten internationale Schreibkräfte ein, setzt sie an erlesene Tafeln, lässt sie auf King-Size-Betten liegen und erzählt ihnen nebenbei etwas über das hervorragende Erziehungssystem« … Max Goldt zählt zu den Auserwählten, die Katar zum Nulltarif besuchen durften. In dem ihm eigenen überspitzt eleganten und witzigen Stil beschreibt er die Schönheiten des Emirates, das Familien mit Kinder anlocken möchte, ohne den Kleinen auch nur einen Eisstand anzubieten.

Allein diese Geschichte macht Goldts Büchlein »Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens« empfehlenswert. Aber auch die anderen Dialoge, Szenen und Kolumnen, die der einstige Mitbegründer der Band »Foyer des Arts« und langjährige »Titanic«-Kolumnist in seinem Werk zusammengestellt hat, lesen sich vergnüglich und sich sprachliche Leckerbissen.

In der Titelgeschichte »Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens« nimmt er freundlich Abstand von den Aufdringlichkeiten einer Wirklichkeit, die er besonders mit dem alljährlichen Weihnachtsmarktzauber verbindet. An der »Volksschwäche«, »historische Marktplätze für geschlagene fünf Wochen mit billigen Sperrholzverschlägen zu möblieren«, geht er gern, »geführt von ruhigem, friedlichem Desinteresse«, seitlich vorbei.

Max Goldt schreibt mild und mit innerer Heiterkeit, er postuliert die Sanftheit der Sprache. Seine Texte haben einen Drall in Richtung »Quiet Quality«. Dieses neue Schlagwort aus den USA steht für alles, was nicht schreit und spritzt, und der Autor hat die stille Qualität »QQ« inzwischen zum Titel einer weiteren Veröffentlichung erhoben.


Genre: Humor und Satire
Illustrated by Rowohlt

Bekenntnisse eines Nachtsportlers

Verrückt geniales Sportbuch

Comedians haben ein großes Mitteilungsbedürfnis – dafür werden sie schließlich bezahlt. Doch scheint es jetzt Trend zu sein Bücher zu schreiben. Nach Hape Kerkeling und Dieter Nuhr hat es nun auch Wigald Boning gepackt. Der Komiker, bekannt aus „RTL Samstag Nacht“ und „Clever!“ legt ein Buch im Rowohlt Verlag vor. Der erstaunte Leser stellt sich die Frage: Muss das sein? Ja es muss, handelt es sich bei den „Bekenntnissen eines Nachtsportlers“ um ein kleines Motivationsbuch für alle Sportmuffel.

Olympiagold bringt Boning zum Laufen
2ooo. Olympische Sommerspiele. Heike Drechsler gewinnt Gold für Deutschland. Dieser Sieg stellt den Ausgangspunkt der sportlichen Karriere von Boning dar. Gleichzeitig fällt der Startschuss für sein nachfolgendes Buchprojekt. Von enormen Eifer und Trainingsfleiß beseelt, beschließt der Comedian spontan mit dem Ausdauersport zu beginnen. Und, dass obwohl er mit Zeit nicht gerade gesegnet ist. Außerdem befürchtet er um sein Image bei öffentlichen Sportauftritten. Boning schreibt: „Für einen Fernsehfritzen ist es immer eine gefährliche Sache, öffentlich in Grenzbereiche vorzustoßen, weil ihm in der Grauzone zwischen Tunnelblick und Sauerstoffzelt die Kontrolle über seine mediale Performance entgleiten kann.“

Über Stock und Stein zur nächsten TV Sendung
Seine Schlaflosigkeit in der Nacht kombiniert er mit Trainingseinheiten. Mit einer Kopfleuchte bewaffnet, bereitet er sich neben normalen Waldläufen auf diverse Marathons vor. Zwischen Drehterminen für „Clever“ Sendungen und Filmpreisverleihungen schafft es Boning sein Trainingspensum permanent auszubauen. Perfekte Planung ist alles. Er nimmt den Leser mit auf die Berge, in die dunklen Wälder und querfeldein durch Bayern. Er lässt sich von Johann Mühlegg die Berge raufhetzen, fährt mit dem Fahrrad von Köln nach Paris, nimmt an 24 Stunden Bike Rennen teil und wandert von Bayern nach Italien.

Durchgeknallt und auf der Flucht
Manchmal gerät selbst dieser ausgeflippte Mann ins Grübeln: „Kann man überhaupt 100 Kilometer am Stück laufen? Klar, Wehrmachtsoldaten auf der Flucht aus sibirischen Kriegsgefangenenlagern, gehetzt von ausgehungerten Wölfen, außerdem Reinhold Messner, wenn er Geld braucht, und irgendwelche arbeitslosen Profilneurotiker, um ins Fernsehen zu kommen – aber normale Leute?“ Kurios, dass er sich noch zu den Normalpersonen zu zählen. Das ist er beileibe nicht.

Der Mann scheint etwas am Kopf zu haben, mutet es dem Leser an, wenn Boning seine Trainings- und Ernährungspläne wortgewandt schildert. Dabei scheint ihn nichts aufzuhalten: Weder Komaattacke nach Flüssigkeitsmangel zu Trainingszwecken oder 24 Stunden Tretboottour auf einem kleinen Tümpel. Der Komiker bleibt sich treu. Die durchgeknallte Type ist mit seinem Humor so freakig wie die Zeilen in seinem Buch. Diejenigen, die seinen Humor mögen, werden das Buch lieben und sich gleich auf Fahrrad schwingen. Die anderen Leser werden mit dem Kopfschütteln und sagen: Der ist krank.

So kommt er nicht umhin selbst festzustellen: „Im Regelfall sind professionelle Komiker gemütliche Pummels mit allerlei körperlichen, seelischen und sozialen Defekten, ich jedoch fühle mich in der Blüte meiner Jahre, energiegeladen wie ein Druckwasserreaktor, sexy und begehrenswert, ein besonders glänzender Zacken in der Krone der Schöpfung. Kurz: Das geilste Stück Fernsehen seit Erfindung der Gummilinse.“


Genre: Humor und Satire
Illustrated by Rowohlt

Der Seitensprung

Die Ehe von Eva und Hendrik scheint zerrüttet. Er betrügt sie mit der Kindergärtnerin ihres Sohnes. Sie fühlt sich tief verletzt und will sich von ihm trennen. Doch zuvor will sie Genugtuung. Sie rächt sich mit einem One-Night-Stand, bei dem sie allerdings einen Psychopathen aufgabelt. Damit gerät die Geschichte vom Seitensprung aus allen Fugen und führt ins Chaos. Was wie ein Drama sprachlicher Missverständnisse zwischen Mann und Frau beginnt und durch eine klärende Aussprache vielleicht gerettet werden könnte, entwickelt sich zu einem spannenden Thriller voller Hintersinn und doppelter Böden.

Die subtil scheinende Geschichte der schwedischen Krimiautorin Karin Alvtegen entpuppt sich als phantastisch ausgefeilte Fallstudie über die Kommunikationslosigkeit zwischen Mann und Frau vor dem Hintergrund von Zwangsneurosen. Vor allem aus weiblicher Perspektive zeichnet sie das Fühlen und Empfinden der Protagonistin auf, die entdeckt, dass sie von ihrem Ehemann hintergangen wird und vergeblich versucht, die Beziehung zu retten. Als sie erkennt, dass ihre Versuche harsch zurück gewiesen werden, entwickelt sie sich zum verletzten Racheengel.

Eva versucht, die Rivalin fertig zu machen. Sie fälscht deren E-Mails und kramt im Hintergrund der Widersacherin herum, um sie unmöglich zu machen. All das würde auch aufgehen, wäre sie nicht eines Nachts Jonas in die Arme gelaufen. Jonas ist ein von Zwängen getriebener Psychopath, der Frauen, die ihm begegnen, nicht mehr loslässt. Der Wahnsinnige verfolgt die Ehefrau und Mutter und bricht in ihr Leben ein. Damit entsteht in kürzester Zeit ein Tohuwabohu, das Eva nicht mehr beherrschen kann …


Genre: Frauenliteratur
Illustrated by Rowohlt

Heimatliebe ist mehr als eine Spreewaldgurke

»Vor lauter Globalisierung und Computerisierung dürfen die schönen Dinge des Lebens wie Kartoffeln oder Eintopf kochen nicht zu kurz kommen.« Hier spricht eine berufene Hausfrau, es formuliert aber auch die Chefköchin der Bundesrepublik Deutschland, Angela Merkel.

Im Zeitalter der digitalen Medien rutschen immer mehr Äußerungen von Würdenträgern und anderen Wichtigtuern unredigiert in die Öffentlichkeit, die dem Bürger ein Lächeln schenken. Im Falle der Pionierleiterin Merkel ist jetzt daraus ein kleines Büchlein entstanden, das eine Viertelstunde Freude schenkt. Die Zitate werden dem Ruf der großen Führerin gerecht, der kleinstmögliche Abstand zwischen zwei Fettnäpfchen zu sein.

Angelas Welt ist voller Geheimnisse und Abgründe: »Frauen sind wie Teebeutel. Du weißt nicht, wie stark sie sind, bis du sie ins heiße Wasser tauchst«, prophezeite die Oberkommandierende und tauchte unter. Vielleicht dachte sie dabei an den Kochtopf eines Kannibalenstammes und betete: »Die heilige Barbara starb den Martyrertod. Ich hoffe, dass mir das erspart bleibt.

Da sie aber über »gewisse kamelartige Fähigkeiten« verfügt, wird die Merkelin diesen Weg kaum beschreiten müssen. Derweil bereist sie die blühenden Landschaften und lobt dieses, unser deutsches Land: »Ich denke an dichte Fenster! Kein anderes Land kann so dichte und so schöne Fenster bauen!« Das ist auch gut so, dann dringen die Lacher der Bürger selten an die Öffentlichkeit.

Besonders bemerkenswert ist die ausgeprägte Heimatliebe unserer Regierungschefin. »Ich will, dass Mecklenburg-Vorpommern das Bayern des Ostens wird«, lautet ihr politisches Credo. Und so ist es auch ein Merkel-Spruch, der diesem Band seinen Titel verlieh: »Heimatliebe ist mehr wert als eine Spreewaldgurke.« – Guten Appetit!


Genre: Humor und Satire
Illustrated by Rowohlt

Unterwegs

Beat-Generation — Gemeinschaft auf der Suche nach der Gegenwelt zum »American way of life«

Nach der Veröffentlichung des ersten Kerouac-Buches »The Town and the City« dauerte es ganze sieben Jahre voller Streit und Schwierigkeiten, bis 1957 sein »On the Road« endlich bei Viking Press in New York erschien. Trotz der orthodoxen Art, mit welcher der Verlag das Buch redigiert und somit die Leser weitgehend gegen Kerouacs stilistische Neuerungen abgeschirmt hatte, wurde »Road« — der »Film in Worten« — zum vielbeachteten Durchbruch für den damals 35jährigen Autor.

Mit Staatsangehörigkeit »Franko-amerikanisch« wurde John L. (»Ti Jean«) Kerouac am 12. 3. 1922 in Lowell (Massachusetts), einer soliden Fabrikstadt in New England, geboren. Er war der zweite Sohn des Druckers Emil Kerouac und seiner Frau Gabrielle (geb. L’Evesque). Nach dem Tode des Vaters entwickelt Jack eine starke, jungenhaft-schwärmerische Bindung zu seiner Mutter, die geduldigen Lesern nur zu gut in Erinnerung bleiben wird.
Mit siebzehn Jahren wechselt er von der High School in seinem Geburtsort Lowell zur etwas extravaganten »Horace Mann School for Boys« in New York City. 1940 erhielt er das Stipendium für’s Columbia College. Nach knapp zwei Jahren brach mit dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor auch für die USA der Krieg aus, sodaß Kerouac die Universität nicht beendete. Er ging zunächst zur Handelsmarine, wurde 1943 für kurze Zeit Rekrut, bis er als »schizoide Persönlichkeit« entlassen wurde, um den Rest des Krieges wieder als Handelsmatrose auf dem Nordatlantik zu verbringen.
Obwohl Jack also keine akademischen Grade erreichte, lernte er während seiner Studenten-Zeit zwei seiner wichtigsten Freunde und späteren Weggenossen kennen: Allen Ginsberg und William S. Burroughs. Von beiden kann man ohne Übertreibung behaupten, daß sie zu den literarisch produktivsten und bedeutendsten Vertretern der »Beat-Generation« zählen und einen nicht zu unterschätzenden Stellenwert in der amerikanischen Literatur der 50er bis 70er Jahre aufweisen. Noch 1990 tauchen sie mit ihren kreativen Projekten regelmäßig im rauschenden Blätterwald der bunten Gazetten auf.

Wanderjahre und Gelegenheitsjobs
In den Jahren ab 1941 übte Jack Kerouac — wie er selbst angibt — »alles mögliche« aus, im einzelnen Jobs als Tankwart, Bremser bei der Eisenbahn, Eisverkäufer, Bahnhofsarbeiter, Gepäckträger, Baumwollpflücker, Möbelpackergehilfe, Blechverarbeitungslehrling beim Bau des Pentagon (1942), Bauarbeiter und Brandwache im Forstdienst. Alles Stationen einer Reise durch den Kontinent Amerika, die seinem späteren literarischen Werk als loses Gerüst dienen sollen — abgesehen von jenem unendlich gewaltigeren Gefühls-Kontinent, den Kerouac mit vorher nicht dagewesener Spontanität und Unmittelbarkeit einer ureigenen Sprache vor unserem inneren Auge ausbreitet.
1950 erscheint sein erster Roman »The Town and the City«, 1955 Stipendium der National Academy of Arts and Letters. Nach Erscheinen des rasch zum Kultbuch avancierenden »On the Road« im Jahre 1957 hat Jack Kerouac — wie es Allen Ginsberg in der Einleitung zu »Howl« formuliert — »Intelligenz in elf Bücher hineingesprudelt, die in halb so vielen Jahren geschrieben wurden«. Die ersten beiden erschienen, sicher nicht ohne Druck seitens der Verleger, die den schnellen Dollar eines Nachfolge-Geschäfts witterten, bereits im darauffolgenden Jahr.
Nach siebenjährigem Kampf um die Durchsetzung seines lange verschmähten individuellen Stils nahm Kerouac frustriert und angewidert zur Kenntnis, daß seitdem sich ein kommerzieller Erfolg eingestellt hatte, er von der Verleger- und Kritiker-Schickeria in den höchsten Tönen gelobt wurde, gern gesehener Gast in Talk-Shows war und das Image, das um ihn herum gezimmert wurde, mit seinem eigentlichen Wesen nicht mehr allzu viel gemein hatte.
Zwei Jahre vor seinem Tod am 21. Oktober 1969 in St. Petersburg/Florida veröffentlicht der innerlich längst emigrierte Vielschreiber die »Vanity of Duluoz«, einen romanhaften Report über »Eine abenteuerliche Erziehung«, durchtränkt mit der pessimistischen Tinte eines 45jährigen, der zeit seines Lebens durch Amerika und neue Länder umhergeschwirrt war, um »alles kennenzulernen«. Was — um Seymour Krim zu zitieren — »die unfallsicheren Eskapaden, denen sich die Mehrheit der jungen amerikanischen Literaten damals hingab, lächerlich erscheinen ließ«.

Beat-Generation — alles andere als uniformiert
Die Rede ist von einer »Generation«. Mit reizüberfluteter Selbstverständlichkeit schlucken wir einen solchen Begriff. Unsere Zeit ist unzweifelhaft geprägt von »trendy« Slogans, von wohlklingenden Schlagworten, die zumeist eher auf unseren Griff in den Geldbeutel abzielen, als daß sie uns einen inhaltlichen Sinn vermitteln wollen.
Das man eine Wortschöpfung wie »Beat-Generation« zunächst relativieren muß, verdeutlicht Walter Höllerer bereits 1961, also gerade vier Jahre nach dem Erscheinen von »Road«. Mit Nachdruck unterstreicht er in seiner damaligen Betrachtung aktueller Tendenzen in der amerikanischen Literatur, daß sich die »jungen Amerikaner« zu Recht gegen die allgegenwärtige Etikettierung, das Abstempeln unter dem Schlagwort »BG« wenden. Sie seien alles andere als uniformiert, und was sie zusammenhalte, sei nicht nur ein äußerer Anlaß, nämlich der »Protest gegen etwas«; vielmehr beruhe ihr »spontanes Zusammengehörigkeitsgefühl« auf gemeinsamen Erfahrungen und Entdeckungen und auf der Unmittelbarkeit ihrer Kunst.
Was (damals wie heute) als »Generation« heraufbeschworen werde, sei genau genommen eine »Schar verschiedenster junger, eigenwilliger Leute, über den ganzen Kontinent und z.T. auch Europa verstreut, die einander kennen, einander unterstützen, …, deren Stimme vertrauenswürdiger geworden ist, nachdem sie sich aus den Zwangsvorstellungen einer eingerichteten Sprache, einer vorgeschriebenen Denkweise und einer vorgezeichneten Laufbahn zu lösen versuchten und sich zu einer unverstellten Sicht verschworen haben«.
Auf einen gemeinsamen Nenner bringt es der Protagonist in »On the Road«, die eigentliche Schlüsselfigur des amerikanischen Beat und personifizierte Legende: Neal Cassady. Nach dem Zusammentreffen mit Jack Kerouac 1948 in New York gibt er dessen literarischem Schaffen die entscheidende Prägung. Kerouac wiederum meißelt ihm als Hauptfigur (»Dean Moriarty«) seines bekanntesten Buches ein sicher unvergessenes Denkmal.
Cassady, 1926 in Denver/Colorado geboren, verbringt nach der Trennung seiner Eltern die ersten Jahre unter »Obhut« des Vaters in einer Pennerherberge seines Geburtsortes. Zum ersten Mal 14jährig und erneut ein Jahr später gerät er in Polizeihaft, nachdem er einen Autodiebstahl verübt hat. Sein vor Lebensungestüm berstendes, vor Anstrengung und Sehnsucht keuchendes Dasein verbrachte Cassady »sich den Teufel um die eigene Existenz« und den »Plunder überkommener Habseligkeiten« scherend, liebend, leidend, schwitzend und »being on the road«. Sein Leben im Rausch, in Ekstase, in einer uneingeschränkten Freiheit, von der viele allenfalls träumten und die so manche seiner Zeitgenossen nur »darzustellen« versuchten, endete mit 42 Jahren im Drogenrausch auf den Gleisen einer Bahnstrecke.
»Das Buch in Drehbuchform ist der Film in Worten« proklamierte Jack Kerouac, und keinen geeigneteren Hauptdarsteller für »Road« hätte er sich wünschen können als eben Neal Cassady, einen »abgefahrenen« Typen jenseits von Gut und Böse. Alles an ihm war übersprühendes Leben. Und das ist der Punkt, um den es in Kerouacs Werk geht: um unmittelbare Aktion und Sprache.
Das Motto seiner Erzählweise will sein: »Rede jetzt oder schweig für immer«. Als Vollgasfahrer der amerikanischen Prosa schuf er mit Worten eine »rasante Wiedergabe totalen Erlebens voller Handlung, Farbe, Milieu, Rhythmus und Klang« — und alles so organisch verpackt, daß Nachahmung praktisch unmöglich ist. Ein Generalangriff gegen die korsettierte Literatur einer Zeit voller angestaubter Tabus und eingleisigen Denkens.

Epilog
»Etwas, was du fühlst, wird die ihm eigene Form finden.« — Jack Kerouac, Evergreen Review, NY, 1959.


Genre: Romane
Illustrated by Rowohlt

Auf meiner Haut

Ros Taylor erwacht nach einer durchfeierten Nacht in blutigen Laken, kann sich an nichts erinnern und findet zu allem Überfluss auch noch ihre Mitbewohnerin tot im Bad auf. Auf Ros Rücken findet sich das Datum des Tattages eingeritzt. Bill Thomson übernimmt die Ermittlungen des Falls und kümmert sich sehr intensiv um Ros. Es stellt sich heraus, dass beide Frauen vergewaltigt worden sind, nur wer der Täter war, ist aufgrund des Gedächtnisverlustes zunächst nicht zu ermitteln. Die Indizien der Polizei sprechen für den Freund der Toten und Ros lässt sich durch Bill zu einer Falschaussage überreden. Der mutmaßliche Täter wird verurteilt, alles scheint geregelt, doch dann findet Ros täglich mysteriöse Briefe vor ihrer Tür, die darauf schließen lassen, dass der wahre Täter noch auf freiem Fuß ist, was Ros und Bill in Erklärungsnot gelangen lässt.

Die Geschichte wird immer abwechselnd aus der Sicht von Ros oder Bill erzählt, wodurch sich vieles wiederholt, trotzdem aber nicht langweilt, weil immer neue Details dazukommen, die dem Leser die Lösung des Falls näher bringen. Der Roman beruht auf wahren Begebenheiten, was schon nachdenklich stimmt, wenn man bedenkt, wie schnell ein Mensch aufgrund eines Meineids verurteilt werden kann. Insgesamt spannend zu lesen, mit einem überraschenden und blutigen Ende.


Genre: Thriller
Illustrated by Rowohlt

Drachentochter

Buchmessen sind immer wieder inspirierend. In diesem Jahr aber habe ich den wichtigsten Buchtipp erst bekommen, als die quirlige Leipziger Messe gerade hinter mir lag. Eher zufällig — oder doch schicksalhaft? — fiel mir das Buch einer Frau in die Hände, die ebenso wie ich sorbische Wurzeln hat. Erstes Interesse war geweckt, aber dann: Vom ersten Satz an entfaltet sich ein Feuerwerk an Worten, Bildern und Gedanken. Ein lakonischer Sturmwind fegt durch die Seiten, überfliegt das Leben der eigenwilligen Heldin, das tragisch zu nennen wäre, trüge seine Eigentümerin nicht ein hieb- und stichfestes Fell, das sie vor einem Teil der ihr zugefügten Verletzungen schützt. Als Tochter einer überforderten dreizehnjährigen Mutter im Auffanglager für danebengegangene Kinder aufgewachsen, absolviert sie diverse chaotische Stationen zwischen Ostsee und Niederlausitz, bringt mit ihrer ungebärdigen Art ihre sorbische Großmutter aus der Ruhe und versetzt die jeweiligen Entwicklungshelfer regelmäßig in Aufregung. Wo sie ist, bleibt sie Außenseiterin, behauptet sich tapfer gegen alle Anfechtungen von Gruppenzwang und öffentlicher Meinung. Fieberhaft sucht sie nach Halt. Nervös setzt sie die Segel, kaum dass der Anker ausgeworfen ist. Ruhelos strebt sie in die Ferne. Beharrlich reizt sie die Grenzen der allzu engen DDR aus. Auf dem Rad erobert sie sich sorbisches Minderheitenland, froh, endlich ein Stück Identität errungen zu haben. Doch sie bleibt zerrissen, sucht die Liebe und stößt sie weg, findet hie und da Anschluss bei anderen Außenseitern, die sich in den Nischen der sozialistischen Realität eingerichtet haben. Immer wieder bricht sie auf, auch wenn sich Wetter und allgemeine Lage erkältet haben. Die Wende eröffnet ihr Unglaubliches, aber die vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten bleiben ihr verwehrt, denn auch die Haut, in der sie steckt, ist von Vorurteilen gesprödet. Die atemlosen Leser in irdischeren Gefilden zurücklassend, gelingt der Ausbruch am Ende auf eine irrsinnig konsequente Art …

»Drachentochter« — ein großartiger, verstörender Roman einer bemerkenswerten Debütantin, die über einen unerschöpflichen Fundus an Sarkasmus, Wortwitz und Sprachspielen zu verfügen scheint und hoffentlich aufs neue zu Atem und Schöpferkraft kommen wird, um weitere literarische Werke hervorzubringen. Wir dürfen gespannt sein.


Genre: Romane
Illustrated by Rowohlt

Deutsch fürs Leben

Dieses für jeden, der schreibt, nützliche Buch will dreierlei erreichen: erstens, die Autoren für die Einsicht gewinnen, dass sie sich mit der Technik des Schreibens plagen müssen, um den Leser zu fesseln; zweitens, ihnen klarzumachen, dass dies im Wettlauf mit elektronisch bewegen Bildern immer mehr Mühe, Grips und Phantasie erfordert; drittens, ihnen Werkzeuge für jene Art des Formulierens zu liefern, die das Lesen attraktiver macht.

Schneider erwartet von Journalisten, Lektoren und Schriftstellern ebenso wie von Verfassern komplexer Gebrauchsanweisungen, präzise, konkret und anschaulich zu schreiben. Auf 50 Regeln verdichtet er den Umgang mit der Sprache unter Berücksichtigung neuester Erkenntnisse der Verständlichkeitsforschung und aktueller Richtlinien für eingängiges Deutsch! Dazu zählen das Anstechen von Wortballons, das Zertrümmern von Hülsen, das Vermeiden von Klischees und Floskeln sowie der bewusste Umgang mit Nebensätzen, Schachtelungen, Attributen und Präpositionen. Er behandelt Lesehilfen (Satzzeichen, Zahlen, Kursiva), das Spiel mit Metaphern und die hohe Kunst, den richtigen Einstieg zu finden.

Wer gelesen werden möchte, findet in Schneider einen Ratgeber, der ohne Rohrstock und Peitsche hilft, den Texter wieder stärker an den Leser zu binden. Sein Lehrbuch ist gleichzeitig ein Plädoyer für eine »Stiftung Schreiben«, die der umtriebigen »Stiftung Lesen« viel Aufwand ersparen könnte.


Genre: Sprache
Illustrated by Rowohlt

Fleisch ist mein Gemüse

Wenn es eine Sonnenseite des Lebens gibt, so lebt Heinz Strunk direkt gegenüber. Hamburg-Harburg in den 80er Jahren erscheint als ein langweiliges Vorstadtkaff mit winzigen Reihenhäusern und ist für Heinz der Mittelpunkt seiner kleinen Welt. Seit seiner Pubertät ist der Jungerwachsene von schwerer Akne gezeichnet. Seine Chancen beim anderen Geschlecht hat er abgeschrieben und hofft, dass mit 40 Jahren der Sexualtrieb vorbei ist. Doch was machen bis man 40 Jahre alt ist? Einen Beruf lernen will »Heinzer«, wie ihn die wenigen Bekannten nennen, nicht. Das Einzige, was er gut kann, ist Blasinstrumente spielen. Deshalb verbringt Heinz Strunk seine Wochenenden mit einer drittklassigen Band auf Schützenfesten und Hochzeiten. So trifft sich die Truppe mehr oder weniger trauriger Gestalten, um im rosa Bandkostüm deutsches Schlagergut und Stimmungshits unter die Leute zu bringen. Die restliche Woche wird hauptsächlich mit langem Schlafen, Alkohol und Automatenglücksspiel sowie ein paar Stunden als Musiklehrer für untalentierte Jugendliche überwunden, was den anspruchslosen Protagonisten zufrieden stellt. Ein Leben, in dem »Souvlaki satt« beim örtlichen Griechen nicht nur ein kulinarischer Höhepunkt ist. Auch die schwere Erkrankung der Mutter vermag Heinz Strunk nicht aus der selbst gewählten Lethargie zu wecken. So traurig die Fakten auch sein mögen, »Fleisch ist mein Gemüse« findet die Komik im Tragischen. Nebenbei lernt man die skurrile Musikwelt deutscher Vereins- und Familienfeiern kennen. Eine deutsche Tragikkomödie der besonderen Art.


Genre: Romane
Illustrated by Rowohlt

Dorfpunks

Seine Kindheit und Jugend als »OH-Sub«, ein »Ost-Holstein-Punk«, beschreibt Rocko Schamoni in seinem autobiographischen Roman »Dorfpunks«. In lakonisch unbehauenem Stil und uninteressiert an filigraner Sprache erzählt der 1966 geborene Autor von der Trostlosigkeit und tödlichen Langeweile des 5000-Seelen-Ortes Schmalenstedt an der Ostsee, die seinen Hang zu Suff und Gewalt förderte. Dort erhält er die ideale Grundausbildung für seine Punkwerdung, die sich im Bemühen um Anderssein und ein schmutziges und zerfetztes Äußeres zeigt. Zusammengehalten aus einem Kitt von Alkohol, Drogen, Nikotin, Video und Gewalt gründet Schamoni »Die Amigos«, eine Zwei-Mann-Truppe, die sich mit Schlagern und Saufliedern interessant macht und meist den Auftakt für eine vollständige Zerstörung der Saaleinrichtung liefert. Daneben bestimmen Schulstress, Liebeskummer, der Traum von der großen Stadt und eine Töpferlehre das Leben des jungen Mannes, der sich heute als »Musiker, Lebemann und Autor« bezeichnet, verschiedene Alben veröffentlichte und Musiksendungen moderierte.

Die Lektüre von „Dorfpunks“ hinterlässt einen seltsamen Geschmack. Im Text wächst keine Persönlichkeit, die ein künstlerisches Ziel vor Augen hat und intensiv daran arbeitet. Es geht ausschließlich darum, aus Enge und Langeweile auszubrechen, um nach Hamburg oder Berlin zu kommen, wo ein selbst bestimmtes Leben lockt. Gleichwohl ist es ein einfühlsamer Rückblick mit Sinn für Komik und Tragik. »Entschuldigung, es ging nicht anders«, schreibt der Autor zu seinem ungeschminkten Bericht und erklärt damit seine Punk-Haltung mit einer gewissen Zwangsläufigkeit.


Genre: Erinnerungen
Illustrated by Rowohlt