Verlorener Morgen

Rumänisches Epos

Der im Original 1983 erschienene Roman von Gabriela Adameșteanu ist unter dem Titel «Verlorener Morgen» nun auch ins Deutsche übersetzt worden, sehr spät allerdings. Wird doch dieses wichtigste Werk der in ihrer Heimat äußerst prominenten rumänischen Schriftstellerin vom Feuilleton als Meisterwerk des vergangenen Jahrhunderts gefeiert. Wobei erstaunlich ist, dass in der Ära Ceaușescu ein durchaus düsterer, sozialkritischer Roman wie dieser überhaupt publiziert werden konnte. Er wurde verschiedentlich als rumänische Version von «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» apostrophiert, einerseits wohl, weil die 76jährige Autorin einst ihre Examensarbeit über Proust geschrieben hatte, andererseits aber gibt es auch thematisch und im ausschweifenden Erzählgestus Ähnlichkeiten.

In vier Teilen erzählt sie von der wechselvollen Geschichte ihres Heimatlandes, wobei die den ersten und letzten Teil des Buches füllende Rahmenhandlung nur einen einzigen Tag im Bukarest des Jahres 1980 beschreibt. Deren Protagonistin ist eine griesgrämige Alte, die in einem atemlosen Wortschwall mürrisch fluchend über ihr Schicksal klagt. Schon mit elf Jahren musste sie für eine ganze Horde von kleinen Geschwistern sorgen. Während der Ehe hatte sie dann ganz allein einen armseligen kleinen Vorstadtladen betrieben, der sie nur recht und schlecht ernährt hat, ihr nichtsnutziger Mann hatte sich nie darum gekümmert. All das wird zumeist als innerer Monolog während des einen Tages erzählt, an dem sie durch Bukarest streift und vergebens bei ihrer Schwägerin und bei der Tochter einer ihr von früher her verpflichteten Arbeitgeberin um Geld bettelt. Diesem vom Elend der Jugendjahre, jahrzehntelanger harter Arbeit und bitterer Altersarmut erzählendem, plebejischem Außenroman steht in zwei Kapiteln ein Innenroman gegenüber, der in die Jahre 1914 beziehungsweise 1916 zurückspringt. Im Milieu bürgerlicher Salons wird da, mit französischen Phrasen und Redewendungen durchsetzt, in der Villa eines Professors über die aktuelle Politik Rumäniens schwadroniert sowie über ein künftiges Rumänien. Des Professors Tagebücher, in denen im dritten Teil des Romans die Frage nach den künftigen Kriegsverbündeten diskutiert wird, sind ohne geschichtliches Vorwissen allerdings kaum zu verstehen.

Dieser aus typisch weiblicher Sicht geschriebene Roman des persönlichen und gesellschaftlichen Scheiterns gleitet trotz seiner unerquicklichen Grundstimmung niemals ins Sentimentale ab. Er beschreibt vielmehr sachlich, aber äußerst assoziationsreich das Schicksal seiner vielen Figuren, thematisiert mit scharfem Blick Vergänglichkeit und Altern. Historisch steht einerseits die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg im Blickpunkt, dessen Folgen den Romanfiguren ebenso wenig bekannt sind wie der 1980 noch nicht absehbare Sturz des Diktators Ceaușescu und der Zusammenbruch des kommunistischen Regimes. Beides sind faszinierende Perspektiven der noch völlig ahnungslosen Rumänen vor zwei weitreichenden politischen Zäsuren.

Erzählt ist dieses gesellschaftliche Panorama einerseits im wüsten Jargon der Unterschicht, in der Gossensprache einer verbitterten alten Frau, durchsetzt mit vielen Flüchen, andererseits im gehobenen Parlando des Bildungsbürgertums mit seinen vielen französischen Einsprengseln, die allerdings nur frankophile Leser goutieren dürften. Der historisch brisante Mittelteil des Zwanzigsten Jahrhunderts mit den beiden Weltkriegen ist hier völlig ausgespart, offensichtlich ein Tribut an die Zensur. Gabriela Adameșteanu deutet letztendlich das Elend der kommunistischen Neuzeit in Rumänien als Folge des großbürgerlichen Untergangs. Bei aller Virtuosität des Romankonstrukts und der Vielfalt an verwendeten Erzählperspektiven stört dann irgendwann doch die weit ausholende Erzählweise, anders als bei Proust ist die Textflut hier nämlich nüchtern und sachlich, also nicht poetisch und schöngeistig. Als langatmiges Epos allenfalls für rumänisch orientierte Leser zu empfehlen!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Die andere Bibliothek

Eine Strasse in Moskau

ossorgin-1Fernab literarischer Niederungen

Mit seinem Debütroman «Eine Straße in Moskau» gehört der russische Schriftsteller Michail Ossorgin zu den aufregendsten literarischen Wiederentdeckungen des Jahres 2015. Der Originaltitel «Siwzew Wrashek» des 1928 im Pariser Exil erschienenen Romans bezeichnet eine kleine, bei der Moskauer Intelligenzija als Wohnsitz beliebte Straße in der Hauptstadt des Zarenreichs. Die vorliegende, sprachlich überzeugende Neuübersetzung entwickelt gleich von der ersten Seite an einen erzählerischen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.

Zeitlich zwischen dem Frühjahr 1914, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, und dem nahenden Frühling 1920 angesiedelt, handelt dieser Roman von den Umbrüchen im Russland jener Jahre. Ossorgin spiegelt Weltkrieg, kommunistische Revolution und den Bürgerkrieg «Weiß gegen Rot» an den Geschehnissen seines Mikrokosmos in der Siwzew Wrashek, dessen Mittelpunkt der betagte Ornithologe Iwan Alexandrowitsch und dessen verwaiste Enkelin Tanjuscha sind. Wir erleben als Leser die Auswirkungen der politischen Umbrüche, die unsäglichen Schrecken des Krieges, die bittere Notlage der Bevölkerung und das mit der Machtübernahme durch die Bolschewisten einhergehende, totale Chaos, illustriert an den Schicksalen der Protagonisten, wobei die defekte Kuckucksuhr des Professors zu Beginn der Geschichte den völligen gesellschaftlichen Zusammenbruch sehr wirkungsvoll symbolisiert. Überhaupt findet der Autor immer wieder wunderbar stimmige Bilder, die das Geschehen poetisch umschreiben, wofür die Schwalbe beispielhaft ist, die zu Beginn der Geschichte gerade angekommen ist und ihr altes Nest bezieht am Haus des Ornithologen, als Frühlingsbote freudig begrüßt von Tanjuscha. Und die Schwalben sind es dann auch, deren ersehnte Wiederkehr sechs Jahre später, am Ende des Romans, die Zuversicht auf bessere Zeiten versinnbildlichen.

Der Autor zeichnet seine Figuren liebevoll, den Komponisten Lwowitsch zu Beispiel, der abends im Salon des Professors Klavier zu spielen pflegt, oder die beiden jungen Männer, die Tanjuscha umwerben und deren Schicksal nicht unterschiedlicher sein könnte. Patriotischer Soldat der Eine, dem eine deutsche Granate alle Gliedmaße abreißt, was er, nur noch Torso nun, als medizinisches Wunder überlebt, vom Autor im weiteren lapidar als «Der Stumpf» bezeichnet. Der sich nun mit einem im Krieg erblindeten Soldaten einen makabren Streit darüber liefert, wem es schlechter gehe. Trotz aller Schrecken erzählt Ossorgin seine Geschichte mit ironischem Unterton, der ins Urkomische umschlägt, wenn er zum Beispiel den kometenhaften Aufstieg eines Deserteurs bei den Bolschewiki schildert, dem Zufall und Kaltschnäuzigkeit im Wirrwarr der kommunistischen Machtergreifung unerwartet einen Posten beschert. Ein anderer findet sein Auskommen als Henker, der, quasi im Akkord bezahlt, ungerührt sein grausiges Handwerk betreibt, beim Schlachten des von seiner Frau gemästeten Schweins hingegen kläglich scheitert.

Der in 86 kurze Kapitel gegliederte zweiteilige Roman ist schlaglichtartig auf das Private fokussiert, er zeigt den unfassbaren Fatalismus seiner Figuren auf, die sich in all dem gesellschaftlichen Horror eine Nische der Menschlichkeit offenhalten. Es wird chronologisch erzählt in überwiegend realistischen Einzelszenen, wobei die Mäuse und Ratten im alten Haus des Professors ebenso einbezogen sind wie der Kuckuck, dessen Rufe dem Ornithologen die ihm verbleibenden Jahre verkündet. Feinsinn und brutalster Horror stehen sich diametral gegenüber in diesem grandiosen Panorama eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbruchs, der den Autor selbst ins Exil getrieben hatte, zusammen mit 600.000 russischen Flüchtlingen übrigens, die damals binnen eines Jahres ins Deutsche Reich gekommen sind, wie uns das informative Nachwort wissen lässt. Den Leser erwartet eine äußerst gekonnt erzählte, bereichernde Lektüre, die ihresgleichen nicht hat in den Niederungen der Gegenwartsliteratur.

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
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