Sudelbücher

lichtenberg-1Gar nicht hohl

Er selbst nannte sie «Sudelbücher», jene uns überlieferten acht Wachstuchhefte, zwischen 1764 und 1799 entstanden und ein Jahrhundert später, 1901 erstmals vollständig herausgegeben, die von Georg Christoph Lichtenberg als «vermischte Einfälle, verdaute und unverdaute» charakterisiert wurden. Es waren Arbeitsmaterialien für ihn, Notizen, Anmerkungen, Entwürfe auch, die meist Fragment blieben, dem Zufall zu verdankende, spontan niedergeschriebene Einfälle philosophischer, politischer, historischer und psychologischer Art, deren innere Ordnung einzig in der Chronologie liegt. All dies war niemals zur Veröffentlichung bestimmt, worin ein besonderer Reiz liegt, denn unredigiert verraten sie natürlich weit mehr vom Wesen ihres Verfassers, sind wahrhaft authentisch, nicht auf ihre Anfechtbarkeit hin bereinigt oder entschärft. Nicht selten allerdings sind diese ziemlich unverblümt formulierten Einfälle entlarvend, zeigen gnadenlos die Widersprüche und Irrtümer auf, die selbst einem großen Denker wie Lichtenberg unterlaufen können, womit er sich de facto einer rigorosen Selbstkritik unterworfen hat.

Die Großen jener Zeit suchten den Kontakt mit dem berühmten Göttinger Physikprofessor, dessen universale Bildung neben vielen der Fachkollegen auch so unterschiedliche Geister wie Kant oder Goethe zum regen Gedankenaustausch reizte, den Weimarer allerdings mit seiner Farbenlehre, nicht der Literatur wegen. Beidem übrigens, Farblehre und Dichtkunst, wie auch der Philosophie Kants, stand Lichtenberg ablehnend gegenüber. So wie er sich überhaupt recht streitlustig zeigte, unbeirrt seinem Prinzip treu bleibend, alles immer wieder kritisch zu hinterfragen, Dogmen nicht zu akzeptieren.

Die Sudelbücher sind keine Sammlung von Aphorismen, auch wenn sie viele enthalten, und so wird auch ihr Verfasser im deutschsprachigen Raum meist an vorderster Stelle genannt in dieser literarischen Disziplin, zusammen mit Novalis und Nietzsche. Sie enthalten zudem Denksprüche, wie sie auch Goethe in seinen «Maximen und Reflexionen» gesammelt hat. Ihren Verfasser weisen die Sudelbücher damit als scharfen Beobachter, als Menschenkenner und witzigen Kommentator aus, der originelle Ideen und Erkenntnisse zu Papier bringt und dabei den berühmten französischen Kollegen La Rochefoucauld oder Montaigne in nichts nachsteht, – letzteren übrigens hält er für einen Schwätzer. Auch die Kirche bekommt ihr Fett ab, «Die Religion, eine Sonntagsaffäre», schreibt er, oder: «Manche Leute beten nicht eher, als bis es donnert». Seine Skepsis kommt auch in der listigen Frage zum Ausdruck, ob denn Gott katholisch sei. Oder, noch krasser: «Da sie sahen, dass sie ihm keinen katholischen Kopf aufsetzen konnten, schlugen sie ihm wenigstens seinen protestantischen ab». Und der Physiker ist erkennbar, wenn er anmerkt: «Dass in Kirchen gepredigt wird, macht deswegen die Blitzableiter auf ihnen nicht unnötig».

Auf den Leser wartet eine kurzweilige Lektüre, bestens portionierbar in kleinen Texthäppchen, ein Buch also, dass man immer wieder mal zur Hand nimmt, auch wenn man es schon komplett gelesen hat. Lichtenbergs Verhältnis zu Büchern scheint distanziert zu sein, wie einem Brief zu entnehmen ist: «Da ich schlechterdings kein Holz mehr kaufen mag, so habe ich mir vorgenommen, Bücher zu brennen … und da hoffe ich doch einmal einen warmen Fuß zu kriegen». Vom Buch als idealem Brennmaterial ist auch in den Sudelbüchern mehrfach zu lesen. «Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinguckt, so kann freilich kein Apostel heraus sehen». Und nicht nur für Buch-Rezensenten, auch für geplagte Deutschlehrer mag die berühmte Frage tröstend sein, mit der die wahre Ursache von Meinungsverschiedenheit bei literarischen Werken ultimativ geklärt ist: «Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?» In diesem Buch bestimmt nicht!

Fazit: erfreulich

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Genre: Essay-Sammlung
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Christus kam nur bis Eboli

levi-c-1Sehr eigenständiger Duktus

Der Ruhm des italienischen Schriftstellers Carlo Levi gründet sich heute ausschließlich auf seinen 1945 erschienenen, stark autobiografisch geprägten Roman «Christus kam nur bis Eboli», der in 37 Sprachen übersetzt und später dann auch verfilmt wurde. Der in Turin geborene Autor und Maler stammte aus großbürgerlichen Verhältnissen und studierte Medizin, wandte sich aber schon bald der Malerei zu und engagierte sich politisch. Als Antifaschist wurde er 1934 verhaftet und in die Verbannung nach Lukanien geschickt, in die Provinz Matera der heutigen Region Basilicata, wo er sich als Konfinierter zunächst in dem Städtchen Grassano und vom September 1935 bis Mai 1936 in dem Dorf Aliano aufhalten musste. Seine Beobachtungen und Erlebnisse dort hat er fast zehn Jahre später dann im Palazzo Pitti in Florenz niedergeschrieben, wobei das Romandorf den leicht verfremdeten Namen Galiano erhielt.

Allein prägend für diesen Roman, das habe ich beim zweiten Lesen nach vielen Jahren erneut festgestellt, sind die darin geschilderte Zustände einer archaische Gesellschaft im Mezzogiorno vor mehr als acht Jahrzehnten. Armut und Elend damals übersteigen das Vorstellungsvermögen heutiger Leser bei Weitem, und so wundert man sich denn auch nicht, dass die Einwohnerzahl von Aliano sich von 1951 bis 2001 auf 1284 Einwohner fast halbiert hat, eine hoffnungslose Entwicklung, die tief blicken lässt. Die Ursachen dafür reichen weit zurück, Levi ist als zeitgenössischer Berichterstatter damals jedenfalls entsetzt über eine süditalienische Gesellschaft, die seiner norditalienischen so gar nicht ähnlich ist. Mit scharfem Blick für kleinste Details und einer beeindruckenden Menschenkenntnis beschreibt er seine neue ländliche Umwelt sehr liebevoll, aber aus kritischer Distanz. Besonders gelungen sind seine Figuren, die er uns in großer Zahl, geradezu medizinisch sezierend, physisch vor Augen führt, deren Wesen er aber nicht minder genau auch psychisch durchleuchtet, ihre Fehler, Schwächen und Macken wie auch ihre liebenswerten Seiten.

Die praktisch nicht vorhandene medizinische Betreuung der in unsäglichem Elend lebenden Bauern, die ihrem kargen Boden in einer malariaverseuchten schroffen Landschaft nur armseligste Erträge abringen können, zwingt Levi trotz Verbot, als Arzt tätig zu werden, obwohl ihm jede praktische Erfahrung fehlt. So lernt er unfreiwillig nicht nur die erschreckenden hygienischen Zustände hautnah kennen, unter denen die Landbevölkerung leben muss, er hört auch von seltsamen Bräuchen und wird mit dem weit verbreiteten Aberglauben konfrontiert, für dessen märchenartige Mystik mit Hexen und Gespenstern das Christentum nur eine unter vielen Spielarten ist. Die titelgebende Redensart der lukanischen Bauern «Cristo si è fermato a Eboli» verdeutlicht somit die völlige Abgeschiedenheit im Mezzogiorno, Rom ist weit und ihnen feindlich gesinnt, man fühlt sich benachteiligt, abgehängt, vergessen, ohne etwas daran ändern zu können. Die Briganten des 18ten Jahrhunderts als Vorbild, bricht bei diesem verschlossenen Menschenschlag gelegentlich schon mal der Volkszorn durch, wird ein Carabiniere ermordet oder ein anderer Quälgeist der feindlichen Obrigkeit, – ohne dass sich allerdings etwas ändert dadurch, wie man resignierend erkennen muss.

Der handlungsarme Roman dient seinem Autor zu Reflexionen über die Zustände im Mezzogiorno, für die er einzig die Politik verantwortlich macht. Die Welt der Bauern dort sei seit ewigen Zeiten unveränderlich, nur weitgehende Autonomie könne dort etwas bessern. In Skizzen und Anekdoten wird hier essayartig eine knapp einjährige Verbannung beschrieben, die durch eine Generalamnestie vorzeitig endet. Der Thematik nach ist die Lektüre zwar bereichernd, ruhig erzählt zudem, aber nicht gerade erfreulich zu lesen, humorfrei außerdem, zuweilen sogar verstörend in ihrer distanzierten Erzählweise. Ohne Zweifel ein ganz besonderes Stück Literatur mit einem sehr eigenständigen Duktus.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Das Sandkorn

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Hält das Böse drin, oder draußen

In seinem dritten Roman «Das Sandkorn» verblüfft Christoph Poschenrieder seine Leser mit einem jungen Mann, der auf den Straßen von Berlin Sand ausstreut, misstrauisch beäugt von den Passanten, und so dauert es auch nicht lange, bis die Polizei einschreitet und den seltsamen Mann zur Vernehmung mitnimmt. Es ist Krieg, später wird man ihn den Ersten Weltkrieg nennen, und da muss man auf der Hut sein, alles ist verdächtig. Mit seinem famosen Anfang erzeugt der Autor einen erzählerischen Sog, der bis zum überraschenden Schluss seiner Geschichte anhält, ja sogar bis zum Nachwort, der Notiz zur Geschichte der Geschichte, in der erst man schließlich die letzte Aufklärung findet.

Der mysteriöse Sandstreuer entpuppt sich auf der Polizeiwache als der Kunsthistoriker Jacob Tolmeyn, der im Auftrag des Königlich Preußischen Historischen Instituts in Rom die steinernen Zeugen der Herrschaft des Stauferkaisers Friedrich II in Süditalien untersucht hat. Mit dem Kriegseintritt Italiens endete seine Mission, er musste nach Berlin zurückkehren. Poschenrieder erzählt seine Geschichte zweisträngig, einerseits wird chronologisch über die Erlebnisse seines Protagonisten berichtet, andererseits wird das Geschehen aus der Perspektive des verhörenden Kommissars Treptow dargestellt, dessen Manuskript mit Lebenserinnerungen in Einschüben zitiert wird. Beides ist interessant zu lesen und obendrein recht aufschlussreich, der kunstgeschichtliche Teil ebenso wie der kriminalistische.

Tolmeyn ist homosexuell, eine Neigung, die auszuleben vor hundert Jahren mit dem Strafgesetzbuch, dem berühmt-berüchtigten §175, kollidierte und entsprechend geahndet wurde. Als er deswegen erpresst wird, flüchtet er aus Berlin in eine Anstellung in Rom, von wo aus er schon bald als Forschungsleiter, immer auf den Spuren des zu seiner Zeit als Stupor mundi bewunderten Kaisers Friedrich II, verschiedene süditalienische Regionen bereist. Bei den Vermessungen, Ausgrabungen und fotografischen Dokumentationen der Bauwerke hilft ihm sein Kollege Beat, ein junger Wissenschaftler aus der Schweiz. Die Beiden verstehen sich nach anfänglicher Skepsis allmählich immer besser, entwickeln schließlich sogar große Sympathie füreinander, ohne dass über das rein Freundschaftliche hinaus eine weitergehende Beziehung entsteht. Der Autor schildert all dies extrem distanziert, die gleichgeschlechtliche Neigung wird von ihm kaum angedeutet, geschweige denn thematisiert. Tolmeyn entdeckt bei der mikroskopischen Untersuchung von Sandproben deren für jeden Fundort unterschiedliche, charakteristische Struktur, er sammelt daraufhin fleißig Proben aller besuchten Orte zur späteren Auswertung. Bei einer weiteren Reise in gleicher Mission werden die beiden Forscher dann von Letizia begleitet, die als Aufpasserin für den italienischen Staat fungiert. Auf ihren Wunsch hin unternimmt man gemeinsam einen privaten Ausflug zur Hexe von Barile, einer Seherin, die einem von ihnen großes Unglück prophezeit. Als die alte Frau am Ende murmelnd und Sand streuend ihr Haus umkreist, lautet ihre Antwort auf die erstaunte Frage nach dem Warum: «Hat immer geholfen. Hält das Böse drin, oder draußen».

Mit dem gut durchdachten Aufbau des Plots, von dem der Spannung wegen hier nicht mehr verraten werden soll, in einer leicht lesbaren Sprache unpretiös erzählt, ruft Poschenrieder nicht nur bei Italienliebhabern glänzende Augen hervor mit seiner netten Geschichte. Man lässt sich gern einfangen vom Zauber der besuchten Stätten, deren wichtigste, den Höhepunkt bildend, das Castell del Monte ist, von dem uns schon im Vorspann des Buches ein Foto aus dem Jahre 1908 empfängt, die «Kaiserkrone aus Stein» jenes Federico Secondo, des heimlichen Helden dieses Romans.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Der Name der Rose

eco-1Viel Mönchslatein

Der emeritierte Professor Umberto Eco, der unter den Intellektuellen der Welt laut einer Umfrage einen der Spitzenplätze einnimmt, genießt als Semiotiker hohes Ansehen, der Italiener ist aber auch politisch stark engagiert und wurde 1980 mit seinem ersten und natürlich auch verfilmten Roman «Der Name der Rose» schlagartig einem breiten Publikum bekannt. Seine wissenschaftliche Laufbahn hatte er mit einer Dissertation über die Ästhetik bei Thomas von Aquin begonnen, eine Thematik, auf die er in dem berühmten Roman zurückgreift mit seiner spannenden Geschichte. Als Krimi im mittelalterlichen Kloster könnte man das dicke Buch plakativ bezeichnen, wären da nicht Hunderte von Seiten gefüllt mit theologischen Streitgesprächen und philosophischen Betrachtungen, mit religiösen Zeremonien und Exerzitien sowie politischen Ränkespielen in einer finsteren Zeit. Ohne den Aspekt des Krimis würde das Buch also sicherlich deutlich weniger Leser finden, es wäre mehr ein populäres Sachbuch über das Klosterleben jener Epoche, zur Blütezeit der Bettelmönche, – für wissbegierige Leute mit Latinum.

In einem Prolog erzählt Umberto Eco, wie er durch Zufall zu dem Stoff für seinen Roman kam, und schon dieses Vorwort ist ähnlich rätselhaft wie die Geschichte, auf die es hinweist. Die Ereignisse, über die aus der Perspektive des Adson von Melk berichtet wird, einem jugendlichen Novizen des Benediktinerordens, ereignen sich während sieben Tagen Ende November 1327, entsprechend sind auch die Kapitel benannt, die wiederum in acht Abschnitte gegliedert sind – Mette, Laudes, Prima, Tertia, Sexta, Nona, Vesper, Komplet – die den liturgischen Stunden entsprechen. William von Baskerville erhält den Auftrag, ein Treffen seines Ordens mit dem Papst in Avignon vorzubereiten, dem die Position der Franziskaner zur Armut Christi ein Dorn im Auge ist. Man trifft sich in einem italienischen Kloster, das für seine einzigartige Bibliothek weltberühmt ist. Gleich nach der Ankunft Williams mit seinem Adlatus Adson ereignet sich ein mysteriöser Todesfall. Besorgt bittet der Abt den ehemaligen Inquisitor, der für seinen scharfen Verstand bekannt ist, um rasche Aufklärung, bevor die päpstliche Delegation eintrifft. Gleichwohl geschehen noch mehrere Morde, die scheinbar alle einen Bezug zu der geheimnisvollen Bibliothek haben, die nur der Bibliothekar persönlich betreten darf und niemand sonst, nicht mal der Abt.

Sherlock Holmes und Dr. Watson standen Pate für Ecos Protagonisten, die im Stile des berühmten Detektivs durch deduktive Methoden den immer komplizierter werdenden Fall zu lösen versuchen. Es versteht sich, dass der Spannung wegen mehr hier nicht gesagt werden darf, die Auflösung findet sich genretypisch in einem ebenso überraschenden wie grandiosen Showdown. Umrahmt sind die beiden Helden von einer Fülle von Figuren des Klosters, von denen dreiundzwanzig vorab unter Dramatis Personae aufgelistet werden, was die Orientierung sehr erleichtert. Darüber hinaus aber werden in den Gesprächen und Disputen unzählige Namen genannt, die den Normalleser ohne Theologie- und Geschichtsstudium weit überfordern dürften. Gleiches gilt für ebenfalls unzählige lateinische Begriffe, Redewendungen und Zitate, von denen leider nur einige wichtige Passagen im Anhang übersetzt werden, was natürlich dem Lesefluss nicht gerade zuträglich ist.

Die ungeheure gedankliche Fülle ist zweifellos sehr bereichernd, und auch wenn Vieles davon nur Fachleuten immer und vollinhaltlich verständlich sein dürfte, kann und muss man nicht jeden Begriff nachschlagen. Denn der Lesespaß stellt sich gerade auch durch ironische Übertreibungen ein, die immer wieder zum Schmunzeln Anlass geben, Gleiches gilt für die lachhaft naive Frömmigkeit jener Zeit. Und über das Thema Buch vor Gutenbergs Erfindung wird man hier sehr anschaulich informiert, man ist ehrfürchtiger Gast im Skriptorium der Abtei. Es gibt also einige gute Gründe, diesen Roman zu lesen.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Leseverführer

greiner-1Club der toten Dichter

«Nackenbeißer» nennt Ulrich Greiner in seinem Ratgeber «Leseverführer» reißerische Buchumschläge und beklagt: «Immer wieder garnieren seriöse Verlage ihre Bücher mit unseriösen Lockungen. Da sieht man die sehr erotische Rückenlinie einer nackten Frau – und findet drinnen eine ziemlich banale Selbstverwirklichungsepisode». Gar nicht banal verbirgt sich hinter dem hier vorliegenden Nackenbeißer «Eine Gebrauchsanweisung zum Lesen schöner Literatur», wie der Untertitel verheißt. Die dtv-Buchgestalter haben das Buch natürlich nicht gelesen, ihr Sex-sells-Cover stößt ernsthaft literarisch interessierte Leser nämlich eher ab. Der solcherart vom Verlag düpierte Autor wendet sich mit seinem Ratgeber natürlich an Laien und erklärt im Vorwort: «Damit sie keine falschen Erwartungen hegen: Dieses Buch enthält keinen Kanon der verbindlichen Texte».

Der renommierte Fachmann mit langjähriger Erfahrung im Literatur-Feuilleton gliedert sein Buch in zehn Kapitel mit jeweils einer resümierenden Pause. Dabei benutzt er deskriptive Titel, die sehr gut einstimmen auf das jeweilige Thema. Zunächst wendet er sich der Leselust als Phänomen zu, klärt dann über die dichterische Wahrheit auf und das Fortwirken literarischer Helden, von denen er Frodo ebenso benennt wie Winnetou, Tom Sawyer, Miss Marple und Sherlock Holmes, aber auch die antiken Helden, deren Namen unvergänglich sind. Sehr ausführlich widmet er sich Parzival und Michael Kohlhaas, um dann nach Werther, Emma Bovary, Don Quijote und Oblomow bei Kapitän Ahab zu enden. «Müssen gute Bücher schlecht ausgehen» ist das Thema im nächsten Kapitel, in dem eine Lanze für komische Romane gebrochen wird, abschließend mit dem Gedicht «Wo bleibt das Positive, Herr Kästner». Die Bedeutung der Anfänge wird an Beispielen von Fontane, Thomas Mann, Kafka, Musil, Thomas Bernhard, Hemingway, Melville und Tolstoi erläutert, wobei Greiner «Nennt mich Ismael» als kürzesten und prägnantesten Romananfang rühmt, den er kenne. «Ilsebill salzte nach» kennt er demnach nicht, Romananfang von Günter Grass in «Der Butt», der ja immerhin den Wettbewerb «Der schönste erste Satz» gewonnen hat und wahrlich nicht minder prägnant ist. Aber, um den wichtigsten Kritikpunkt an diesem Buch hier schon anzusprechen, des Autors Beispiele stammen leider aus ziemlich angestaubten Klassikern, man erkennt den rückwärtsgewandten Germanisten und fragt sich verblüfft nach der Zielgruppe für seinen Ratgeber.

Der lobenswerte Versuch, im sechsten Kapitel Aufschluss über die unterschiedlichen Erzählhaltungen und -perspektiven zu geben, ist leider misslungen, die genannten Beispiele sind eher verwirrend, das Wesentliche daran wird nicht verdeutlicht. Informativer ist da schon das nächste Kapitel, in dem an relativ aktuellen Beispielen von André Gide, Italo Calvino, Paul Auster und Georges Perec eher «artistische» Formen des Romans behandelt werden, was bei Letzterem zu einer wahren Eloge Greiners ausartet. Im folgenden Kapitel mit der Überschrift «Über Romane, die mit dem Leser spielen» setzt sich diese Thematik fort, zitiert werden dabei wieder Auster und Calvino. Den sprachlichen Aspekt gut geschriebener Roman behandelt das neunte Kapitel an Beispielen von Stifter und Konrad Weiß sowie – man staune! – von Juli Zeh.

Selbstkritisch erwähnt Greiner unter dem Zwischentitel «Was fehlt» seine Versäumnisse und nennt dann als nicht besprochen: Dostojewski, Balzac, Powys, Doderer, Henry James, Proust, Eichendorff und Joseph Conrad. Die wahren Versäumnisse aber zeigt gnadenlos das Register auf, für Greiner ist gute Literatur nur im «Club der toten Dichter» zu finden. Die Lektüre kann sich trotzdem lohnen, denn was er ausführt gilt natürlich auch für weniger vergilbte Bücher. Aber wenn er Arno Schmidt überhaupt nicht und Böll dezidiert im Kapitel «Über Romane, die nicht gut geschrieben sind» erwähnt, bezeugt er damit überdeutlich, dass «Fachleute» in der Literatur auch nur Menschen sind, die sich gewaltig irren können.

Fazit: mäßig

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Genre: Sachbuch
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Die Brücke über die Drina

andric-1Im Kanon der Weltliteratur

Im Jahre 1945 erschienen die drei Romane der «Bosnischen Trilogie» von Ivo Andrić, von denen «Die Brücke über die Drina» der mit Abstand bekannteste wurde. Sechzehn Jahre später erhielt Andrić den Nobelpreis «für die epische Kraft, mit der er Motive und Schicksale aus der Geschichte seines Landes gestaltet». Sein weltberühmter Roman ist der Versuch eines Brückenschlags zwischen Okzident und Orient, symbolisiert durch jene Brücke in seiner bosnischen Heimatstadt Višegrad, die beispielhaft das multiethnische Zusammenleben auf dem Balkan thematisiert. Eine kunstvoll angelegte Geschichtsbeschreibung des auch als Politiker und Diplomat tätigen Autors, der sich entschieden für den Vielvölkerstaat Jugoslawien eingesetzt hat, welcher später so kläglich gescheitert ist. Warum, das erfahren wir Leser aus diesem historischen Roman, der insoweit auch eine Lehrstunde darstellt über politische und soziologische Hintergründe, äußere und innere Ursachen der unsäglichen, bis heute andauernden Querelen in diesem Unruheherd Europas.

Auf dem Weg zwischen Istanbul und Sarajevo gelegen, gewinnt Višegrad mit seiner steinernen Brücke wirtschaftlich, aber auch militärisch an Bedeutung. Ein weitsichtiger osmanischer Wesir hatte die Brücke nahe der Grenze zwischen Serbien und Bosnien in den Jahren 1571 bis 1578 erbaut, sie bildet ein wichtiges Bindeglied zwischen Ost und West. In diesem Epos, das von der Gemeinschaft verschiedener Ethnien in dieser kleinen Stadt erzählt, ergänzen sich historische Geschehnisse und menschliche Schicksale zu einem homogenen, den Leser mitreißenden Erzählstrom. Der zeitliche Horizont dieser «Višegrader Chronik» reicht über einige Jahrhunderte hinweg, er umfasst die türkische Herrschaft vom Bau der Brücke an bis hin zur Annexionskrise und dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges.

In vielen Episoden und Szenen, garniert mit allerlei Anekdoten, wird aus wechselnder Perspektive chronologisch von all jenen Menschen erzählt, die im Umkreis der Brücke leben. Die drei monotheistischen Religionen sind dort gleichberechtigt nebeneinander vertreten, der Hodscha betreut seine Gemeinde ebenso wie der Pope und der Rabbiner. Man fristet ein äußerst karges Leben im ständigen Kampf mit den Naturgewalten, erträgt stoisch alles Ungemach, verharrt in einer latenten Lethargie über die Generationen hinweg, ist anfällig für dumpfen Aberglauben und skurrile Mythen. Inwieweit all dies deterministisch bedingt ist, gehört zu den großen Fragen, die der Roman aufgreift und aus der Innenperspektive zu beantworten sucht, wobei die Brücke mit ihrer Symbolkraft ein ständig wiederkehrendes Leitmotiv bildet. Der Leser begegnet einer Hundertschaft archaischer Typen, physisch und psychisch ebenso liebevoll wie treffend beschriebene, herrlich lebensechte Figuren allesamt, die ein dichtes Geflecht von Beziehungen unterhalten, welche letztendlich das Miteinander über die Jahrhunderte hinweg bestimmen.

Besonders erhellend fand ich die Episode nach der Annexion, als die neuen österreichisch-ungarischen Machthaber eifrig Vieles zu erneuern und zu reparieren begannen, was nach Meinung der lethargischen Einheimischen durchaus noch lange hätte bleiben können wie es war. Kritisch befasst sich Ivo Andrić am Ende auch mit den sozialen Veränderungen beim Übergang in die Moderne, hinterfragt ungehemmten Kapitalismus, ausufernden Konsum und eine die Menschen manipulierende Medienflut. Dieser in Deutschland lange vergessene Roman eines in seiner Heimat wenig geachteten Schriftstellers ist in einer wunderbar klaren, angenehm lesbaren Sprache geschrieben, inhaltlich unglaublich dicht zudem, völlig ohne Arabesken. Jede einzelne Seite der bildstark erzählten Geschichte eröffnet weitere Aspekte und ergänzt die Handlung durch immer neue Facetten. Den Leser erwartet ein ruhig erzählter, überaus bereichernder Roman von einem zu Recht mit dem Nobelpreis geehrten Schriftsteller, der damit ein kanonisches Werk der Weltliteratur geschaffen hat.

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
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Die Liebe in groben Zügen

kirchhoff-1Nichts für faule Leser

Ein schwieriges Unterfangen, auf das sich Bodo Kirchhoff mit seinem gewichtigen Roman eingelassen hat, der Titel schon eine Untertreibung. Denn nicht in groben Zügen wird hier über die Liebe erzählt, das ewige Thema wird vielmehr in vielen Facetten sehr detailliert beschrieben, in unserer Zeit spielend, alles hochaktuell. Aber nicht nur die Liebe ist ein Thema, auch unsere Nöte mit dem Altwerden sind scharfsichtig geschildert, und das Sterben einer noch jungen, krebskranken Frau schließlich ist hier so eindringlich dargestellt, wie ich es noch nie erlebt habe in einem Buch. Der Autor ist ein sprachgewaltiger Erzähler, der manch Autobiografisches verarbeitet hat und dem man gerne folgt durch seine lange, ausführlich geschilderte Geschichte, denn der Weg ist das Ziel, und dieser Weg ist einfach immer wieder schön.

Protagonisten sind ein Ehepaar mittleren Alters mit erwachsener Tochter, beide beim Fernsehen tätig, durchaus wohl situiert mit großer Altbauwohnung in Frankfurt am Main, Haus am Gardasee, mit eigenem Boot natürlich, und auch der Jaguar V8 darf nicht fehlen. Man lebt also gut, immer nach dem Motto: Was lacostet die Welt, Geld spielt keine Rolex. Renz, einige Jahre älter als seine Frau, hat öfter Affären, und Vila ist auch kein Kind von Traurigkeit. Aber man findet sich immer wieder, hat sich fugenlos angepasst an den Partner, lebt fast schon symbiotisch miteinander. Bis beide einen Jüngeren kennenlernen, er eine agile Kollegin vom Fernsehen, sie einen vergeistigten ehemaligen Lehrer, der ein Buch über Franz von Assisi schreibt.

Der historische Stoff über Franz, ganz aktuell durch den neugewählten Papst, der bekanntlich dessen Namen angenommen hat, und die heilige Klara, 1958 von Papst Pius XII zur Schutzpatronin des Fernsehens (sic!) erklärt, dieser Stoff also bildet einen zweiten Handlungsstrang, der einen unüberbietbaren Gegensatz darstellt zu den Helden unseres Alltags. Köstlich zu lesen ist dazu Kirchhoffs beißende Gesellschaftskritik, Talkshow-Politiker, die gegen ihr fieses Gesicht anreden, ein Ministerpräsident und späterer Bundespräsident mit Schulsprecherhabitus, das absurde Völkchen der Fitnessstudios mit Porsche und Pulsmesser, und vieles andere mehr.

Das alles aber nur am Rande. Dieser Roman beleuchtet nüchtern, sachlich, klug und detailreich, aber auch feinfühlig und unterhaltsam die Liebe von den frühen Stadien der prickelnden Verliebtheit bis zur abgeklärten, wohligen Gemeinsamkeit zweier Partner, deren verborgene Bindungskräfte immer wieder obsiegen, allen Versuchungen zum Trotz. Die ewige Jagd nach dem berauschenden Liebesglück mit dem dazugehörigen tollen Sex, in unserer nimmersatten Gesellschaft kräftig angeheizt von den Medien, wird behutsam zwar, aber unerbittlich und zwingend als letztendlich unhaltbare Illusion vorgeführt. Jüngere werden das womöglich nicht akzeptieren wollen, Ältere werden eher verständnisvoll nicken, sich tatsächlich wiederfinden in dieser Beschreibung. Allen aber sei gesagt, dieser ausschweifende Gegenwartsroman ist nichts für faule Leser, eher für geschichtensüchtige Genießer.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Das Treffen in Telgte

grass-2Gestern wird sein, was morgen gewesen ist.

Mit diesem Satz beginnt die Erzählung, ein vergnüglicher Beitrag zur Schlüsselliteratur, obwohl der Klappentext das strikt verneint. Auch wenn «Das Treffen in Telgte» nicht gerade zu den erfolgreichen Büchern von Günter Grass gehört, sagt das ja bekanntlich nichts über literarische Qualitäten aus. Schon das von ihm selbst gezeichnete Titelbild einer Hand, die eine Schreibfeder hält, weist treffend auf die Thematik hin, es geht um die Dichtkunst in Zeiten, als man dazu noch Federkiel und Tinte brauchte. Ein Jahr vor den sehnlich herbei gewünschten Friedensschlüssen von Münster und Osnabrück, die den Dreißigjährigen Krieg beenden werden, im Jahre 1647 also, lädt Simon Dach, ein Königsberger Dichter, eine Reihe von Kollegen zu einem Treffen ein, an dem auch einiger ihrer Verleger teilnehmen. Das Buch ist erklärtermaßen eine Hommage an Hans Werner Richter, Grass hat es dem Gründer und Spiritus Rector der Gruppe 47 gewidmet. Er selbst war ja ein prominentes Mitglied und hat mit einer Lesung aus «Die Blechtrommel» in diesem Kreis seinen künstlerischen Durchbruch erlebt, ihm wurde der «Preis der Gruppe 47» verliehen, ein literarischer Ritterschlag zu jener Zeit.

Kurzerhand lässt Grass in seiner humorigen Erzählung eine ähnliche Zusammenkunft einfach dreihundert Jahre früher stattfinden, als Vorläufer quasi, bei der sich eine erlauchte Schar von barocken Wortsetzern in Telgte trifft, ganz in der Nähe vom Ort der Friedensverhandlungen im westfälischen Münster. Ein Ausweichquartier, nachdem der ursprünglich geplante Tagungsort von den Schweden in Beschlag genommen ist. Christoffel Gelnhausen, rotbärtiger und blattergesichtiger Führer eines Kommandos kaiserlicher Reiter und Musketiere, bietet uneigennützig seine Dienste an und vertreibt mit einer frechen Lüge in einer Nacht- und Nebelaktion sämtliche im Gasthaus einquartierten Gäste.

Die folgenden Tage sind nun ausgefüllt mit Lesungen der mehr als zwanzig anwesenden Poeten, die ganz im Stil der Gruppe 47 in anschließenden Diskussionen die Texte bewerten. Erzählt wird all das von einem namenlos bleibenden Ich-Erzähler, der selbst nicht in das Geschehen eingreift, sich lediglich als Chronist eines wichtigen Ereignisses sieht. Ausgiebig wird von den besorgten Dichtern auch das politische Chaos jener Zeit diskutiert und die Verwüstungen ganzer Landstriche als Folge der jahrzehntelangen Kampfhandlungen beklagt. Trotzig sieht man Sprache und Literatur als über den weltlichen Niederungen stehende, autonome Instanz von bleibendem Wert, erhaben in ihrer geistigen Fülle, dem Zeitlauf im besten Fall auf ewig entrückt. Von dieser Warte aus will man einen gemeinsamen Friedensaufruf formulieren, was erst nach langwierigen redaktionellen Überarbeitungen gelingt.

Günter Grass hat seine herrliche Geschichte in einer geradezu barocken Sprache verfasst, die einerseits seine fundierten Kenntnisse der Literatur aus jener Zeit belegt, andererseits aber auch unübersehbar ironisch wirkt durch einen ausgeprägt rhetorischen Stil, der ohne direkte Rede auskommt. Insoweit ist diese Erzählung keine leichte Lektüre, vor allem dann, wenn zitiert wird in einem damals noch keinen Duden-Regeln unterworfenem «Teutsch». Im umfangreichen Anhang sind weitere Texte der versammelten Poeten abgedruckt, die ihrerseits Zeugnis davon abgeben, in welchen mundartlichen Färbungen die gedruckte deutsche Sprache zu jener Zeit verbreitet wurde. Wer auch nur ein bisschen Geduld aufbringt, sich da einzulesen, wird zusätzlich belohnt, kommt vielleicht sogar auf den Geschmack und liest der «Simplicissimus» von Grimmelshausen, den Grass als Christoffel Gelnhausen listenreich ebenfalls in seine sehr wohl verschlüsselte Geschichte eingebaut hat, in der man auch so manchen seiner Weggenossen wiedererkennen kann.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Edmond

leupold-2Eine Nabelschau

Ihrem 1992 erschienenen Debütroman «Edmond» hat die damals 37jährige Dagmar Leupold den Titelzusatz «Geschichte einer Sehnsucht» beigefügt, womit sie das Genre ihres Erstlings von vornherein definiert hat: es handelt sich um einen Liebesroman. Und wer die Vita der Autorin anschaut, dem drängen sich so manche Übereinstimmungen auf zwischen ihr und ihrer namenlos bleibenden Ich-Erzählerin. Ob ihre Geschichte also autobiografisch ist oder doch fiktional, bleibt somit fraglich, – es ist aber auch ziemlich egal, wenn’s nur gut ist. Ist es das?

Wie eine äußere Klammer umgibt eine bevorstehende Geburt die viele Jahre zurückliegende innere Erzählung, ein Stilmittel der Autorin, das sie später in ihrem Roman «Unter der Hand» ganz ähnlich benutzt hat. «Mit jeder Stunde, die vergeht, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass mein Kind in die Schlagzeilen gerät» lautet der erste Satz. Denn es ist der letzte Dezembertag des Jahres 1999, das Ungeborene könnte also medienwirksam als das erste Baby des Jahrtausends auf die Welt kommen. Ob es so war, bleibt ungewiss. Denn der Roman endet mit den Sätzen «Einundzwanzig Stunden nach der ersten Wehe kommt mein Sohn auf die Welt. Er gleicht niemandem». Die Frage nach dem Vater bleibt offen. «Viele Jahre nach unserer Liebesgeschichte (sie liegt jetzt neun Jahre zurück, und eigentlich hat er die Frau schon während unserer Geschichte kennengelernt) hat Edmond eine Frau geheiratet, deren Gefühlskompass intakt war».

Nun zur inneren Geschichte: Im Zug nach Paris lernt eine junge Schriftstellerin Edmond aus der Dominikanischen Republik kennen, einen muskulösen Sportlehrer, der in den USA studiert hat. Es ist Liebe auf den ersten Blick, schon am Gare de l’Est geben sie sich den ersten Kuss. Die fast ohne Dialoge erzählte Geschichte ist an sich belanglos, man liest sie nicht der Handlung wegen und begeht also auch keinen die Spannung zerstörenden Verrat, wenn man sie hier kurz skizziert. Die Beiden verbringen einige Wochen in Paris, gehen dann gemeinsam nach New York. Auf einer Party bei Edmonds Kollegin merkt sie, dass ihre Romanze dem Ende zugeht. Edmond überrascht sie zwar noch mit einer gemeinsamen Reise nach Jamaika, danach aber trennen sich ihre Wege endgültig.

«Jeder hat so seine Epiphanie; meine war der Buddha im Wald bei Worpswede». Leupold bindet diese Statue wie einen Schutzengel in ihre Geschichte ein, sie dient der Heldin, einer inneren Stimme gleich, als Kommentator und Souffleur. «Ohne Götzen keine Bücher und ohne Gespenster auch nicht» heißt es im Text, und genau hier liegt der Reiz dieser leichtfüßigen, wie schwebend erscheinenden Prosa. Weite Passagen der Geschichte nämlich sind dem Thema Schreiben im Allgemeinen gewidmet und der Entstehung dieses Romans im Besonderen. «Statt Bücher über Edmond zu schreiben könnte man selbstverständlich die deutsche Einheit oder Zwietracht zum Gegenstand wählen …» erklärt sie dem staunenden Leser, die ihr beim Schreiben quasi über die Schulter schauen darf. Wobei ihr Buch im Krankenhaus entsteht, wo sie wegen einer Komplikation die letzten Monate der Schwangerschaft verbringen muss, sie nutzt dort die Zeit zum Schreiben. Dass sie dabei über eine vergangene Liebschaft berichtet, muss nichts bedeuten, kann es aber. «Man schreibt aus denselben Gründen, aus denen man liest: aus Wissensdurst und Liebeshunger» heißt es einmal, und weiter: «Unordnung stiften, verlorenes Territorium zurückgewinnen: Blühender Sinn und ausschweifender Verstand – für all das gewährt das Papier Raum». Und was die Leser anbelangt, so stellt sie klar, «dass man jemand die Bücher ansieht, die er gelesen hat». Die Schriftstellerin hält also eine vergnügliche Nabelschau in diesem Roman, nicht mehr und nicht weniger. Liebe, Erleben, Erzählen, Lesen bilden hier eine literarische Funktionskette, formen «eine Liebesgeschichte, die im Sande verläuft», die aber auf eine intelligente und nachdenkliche Art erzählt wird, in der die Genese des Plots das eigentliche Ereignis ist.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Die Schule der Frauen

gide-1Ein hintergründiges Triptychon

Es geht um mehr als um die Geschichte einer Ehe in diesem dreiteiligen Prosawerk, als dessen «Herausgeber» André Gide in persona fungiert, eine Fiktion in der Fiktion also, von ihm kunstvoll und raffiniert zu einem Roman zusammengefügt, der es in sich hat. Wie ein dreiteiliges Altarbild aufgebaut, ergänzen und bedingen sich die Texte diese Trilogie gegenseitig und führen den Leser zum mit Spannung erwarteten, überraschenden Schluss, der mit einer versteckten, nur angedeuteten Pointe endet, die mancher vielleicht sogar übersieht.

Aber der Reihe nach! Eine Ehe bildet den äußeren Rahmen dieses genial konstruierten Plots, in dem erzählt wird, wie sich Mutter und Tochter des autoritären «Oberhauptes» einer gutbürgerlichen Familie emanzipieren und damit zunehmend von ihm entfernen. Robert pocht in der Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts spielenden Geschichte unbeirrt auf seine Rechte, den damals gültigen Konventionen gemäß. Er wird unerbittlich demaskiert als egoistischer, seelenloser Opportunist, der nur seinen Vorteil sucht, er ist ganz einfach unehrlich in privaten wie auch in seinen- ziemlich undurchsichtigen – geschäftlichen Belangen.

Eveline, Gattin dieses archetypisch bourgeoisen Mannes des Fin de Siècle, erzählt in ihrem Tagebuch, wie im Verlauf ihrer Ehe ihre anfänglich euphorische Liebe langsam erlosch und allmählich sogar in Hass umschlug. Je älter sie wurde, desto klarer durchschaute sie seine verlogene, selbstgerechte Natur. Sie lehnte sich auf, wehrte sich immer heftiger gegen die unhaltbaren Konventionen der Gesellschaft und entfremdete sich sogar von der katholischen Religion, die ja deren, wie sie erkennt, geradezu einfältiges moralisches Rückgrat bildet.

«Der Geist des Widerspruchs ist immer tadelnswert, aber insbesondere halte ich ihn für tadelnswert bei einer Frau», schreibt Robert in seiner Erwiderung auf das veröffentlichte Tagebuch von Eveline. Alice Schwarzer, Urgestein der feministischen Bewegung, hätte ihre helle Freude an solch einem Macho! Eine kleine Episode, die dessen naiv-religiöse, gleichwohl scheinheilige Gesinnung erhellt: Als der Arzt seiner nach einer Fehlgeburt mit dem Tod ringenden Frau dem für die «Letzte Ölung» herbeigerufenen Abbé den Zutritt zum Krankenzimmer verwehrt, um die sich abzeichnende Besserung durch dessen bedrohliches Erscheinen nicht zu gefährden, die Hoffnung auf Genesung also nicht im Keime zu ersticken, da ist für Robert die «Rettung der Seele» durch die Sterbesakramente wichtiger als die Gefährdung des Lebens von Eveline, – der Kirchenmann darf eintreten.

Die gemeinsame Tochter Genoveva erzählt im dritten Teil des Romans ihre Entwicklung zu einer jungen Frau, die deutlich radikaler als ihre Mutter sich gegen die offensichtlichen Lügen der bürgerlichen Gesellschaft, gegen deren allenthalben spürbare Doppelmoral wehrt. Ihre Ablehnung alles Konventionellen geht so weit, dass sie sich ein Kind wünscht, ohne jedoch heiraten zu wollen, ein Sakrileg in jenen Zeiten, und dementsprechend sind denn auch die Reaktionen derer, zu denen sie davon spricht. André Gide, der 1947 mit dem Nobelpreis geehrt wurde, schreibt all das in einer kristallklaren, wunderbar schnörkellosen Sprache, wobei er vieles nur andeutet, durchscheinen lässt, dem mitdenkenden Leser dadurch also reichlich Freiraum gibt für eigene Deutungen der psychologisch komplexen Geschichte. Wie gut, dass wir in einer anderen Zeit leben, wird sich so mancher Leser da wohl denken!

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Die kleine Stechardin

hofmann-1Es darf gesudelt werden

Eine Arbeit liederlich und nachlässig, also schludrig auszuführen kann man auch als sudeln bezeichnen. Wer seine Tagebücher selbst als «Sudelbücher» bezeichnet, beweist damit Sinn für Humor und nimmt sich wohl auch selbst nicht so ernst. Georg Christoph Lichtenberg, der Mathematik, Astronomie und Naturgeschichte studierte und in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Professor für Mathematik in Göttingen war, ist der Protagonist dieses Romans. Er wird uns als ein quirliger Typ von universaler Bildung geschildert, der an Vielem interessiert war und ständig wissenschaftliche Forschungen betrieb. Seinen Nachruhm jedoch begründeten jene erst posthum veröffentlichten «Sudelbücher» mit zahllosen Notizen und den literarisch bedeutsamen Aphorismen, denen man noch heute immer wieder begegnet. «Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen, und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?» wäre ein markantes Beispiel dafür, welches auch gut hierher passt. Lichtenberg war als unabhängiger Vertreter der Aufklärung ein scharfsinniger Beobachter, ein Freigeist mit feinem psychologischem Gespür, wie wir aus seinen satirischen Aufsätzen wissen.

Vieles ist «erstunken und erlogen» in diesem Buch, lässt uns Gert Hofmann im Vorwort wissen, und so ist denn auch der Plot seiner Geschichte frei erfunden, allerdings mit dem Anspruch, dass es durchaus so hätte sein können. Hofmanns Schreibstil, naiv und skurril gleichermaßen, an Märchen erinnernd, ja sogar pennälerhaft einfältig erscheinend, wirkt auf den Leser merkwürdig holzschnittartig, unelegant und uninspiriert. Ein Stilmittel, das wohl auf ein anderes Jahrhundert hinweisen soll oder auf die urkomische Figur, als die Lichtenberg in dem Roman unablässig geschildert wird, der als bunter Vogel durch Göttingen spaziert und fatal an die Märchenfigur des Rumpelstilzchens erinnert. Ein ewigkranker Hypochonder, durch Rachitis von Kindheit an buckelig und kleinwüchsig, ausgesprochen hässlich noch obendrein. So findet der professorale Protagonist denn auch lange nicht sein privates Glück, Frauen sind für ihn unerreichbar. Bis er als 35-Jähriger plötzlich auf das wunderschöne, 13-jährige Blumenmädchen Maria Dorothea Stechard trifft, im Roman die Stechardin genannt, die als Schülerin und Hausmamsell bei ihm einzieht und nicht lange darauf dann auch die Geliebte des Buckligen wird.

Eine ungewöhnliche Liebe, die sich da allmählich entwickelt zwischen den beiden so ungleichen Partnern, die schon bald nicht mehr nur sexuell miteinander verbunden sind, sondern die beide aufblühen vor Glück und als Mensch von einander profitieren. Das wissbegierige Mädchen von der Gelehrsamkeit des Professors, der lebensfremde Wissenschaftler von der Natürlichkeit des unverdorbenen Menschenkindes an seiner Seite, die ihn zu neuen Sinnfragen inspiriert und seine bisher den Mittelpunkt seines Lebens bildende Wissenschaft in den Hintergrund drängt. Dieses Glück, sogar von Heirat ist die Rede, währt nur ganze vier Jahre, bis zum frühen Tod der Stechardin, die einer Epidemie zum Opfer fällt.

Mit sprödem Charme und durchaus auch humorvoll erzählt, hinterlässt der Roman einen zwiespältigen Eindruck. Er ist kaum bereichernd, der als Protagonist missbrauchte Lichtenberg wird zwar häufig mit seinen Aphorismen zitiert, er wird aber eher als Hampelmann denn als scharfsinniger Satiriker vorgeführt, man erfährt nichts Erhebendes von ihm. Und der zweifellos vorhandene Unterhaltungswert der ungewöhnlichen Liebesgeschichte leidet doch sehr an der merkwürdigen Erzählweise, die passt weder auf  Lichtenberg noch auf die Liebe. Schade eigentlich, dass da so gesudelt wurde!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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Greasy Lake und andere Geschichten

boyle-1Amerikanisch, daran ist kein Zweifel

Der als Thomas John Boyle geborene US-amerikanische Schriftsteller änderte seinen Namen in jungen Jahren zu Ehren eines schottischen Vorfahren in Tom Coraghessan Boyle, bekannt geworden ist er dann jedoch unter dem Kürzel T. C. Boyle. Wie bei seinem Namen sind auch im Werk des Autors unbändige Kreativität und sprachliche Knappheit die entscheidenden gestalterischen Merkmale, der 1985 erstmals veröffentlichte Band «Greasy Lake und andere Geschichten» ist ein prägnantes Beispiel dafür. In ihm sind vierzehn seiner Kurzgeschichten zusammen gefasst, insgesamt gibt es mehr als sechzig davon, die von ihm in etlichen derartigen Bänden publiziert wurden, gleichwertig neben seinen Romanen.

Und es geht gleich richtig zu Sache in der titelgebenden ersten Geschichte «Greasy Lake», eine durchaus schockierende Erzählung über eine Gruppe Jugendlicher, von der es da im ersten Absatz heißt: «Wir waren neunzehn. Wir waren böse. Wir lasen André Gide und nahmen ausgeklügelte Posen ein, um zu zeigen, dass wir auf alles schissen. Abends fuhren wir meistens zum Greasy Lake rauf». Es folgt ein von Alkohol und Drogen geförderter, völlig sinnloser Gewaltexzess. Wie hier sind auch in den anderen Kurzgeschichten zumeist Außenseiter der Gesellschaft als Protagonisten vertreten, oft komische Sonderlinge, die Boyle mit wenigen Worten glaubhaft und treffend skizziert. Er tut dies mit einer unterschwelligen Ironie, die aus dem ernstesten Geschehen eine amüsante Story entstehen lässt. Sprachlich ist all das brillant umgesetzt durch einen metaphernreichen, gleichwohl aber eher nüchternen, knappen und pointierten Schreibstil, der mich zuweilen an Hemingway erinnert hat.

Boyles Themen sind nicht nur originell, sie verblüffen den Leser auch durch ihre Vielfalt. Da geht es um eine verhängnisvolle Leihmutterschaft, eine heimliche Liaison des amerikanischen Präsidenten Eisenhower mit der Frau des KPdSU-Generalsekretärs Chruschtschow, einen grausamen indischen Bettlerkönig, um üble Geschäfte mit naiven Überlebensängsten, fanatische Walschützer, den Erfolg der Neumondpartei in den USA, einen gescheiterten Elvis-Presley-Imitator, die Einbürgerung der Stare 1890 mit ihren unerwünschten Folgen 1980, es geht um den grotesken materiellen Mangel im kommunistischen Russland und anderes mehr. Detailreich geschildert und immer wieder überraschende Wendungen nehmend, wobei wie gesagt auch der Humor nicht zu kurz kommt, sind diese wahrhaft abenteuerlichen Geschichten eine gleichermaßen abwechslungsreiche wie kurzweilige Lektüre.

«Literatur kann in jeder Hinsicht großartig sein, aber sie ist nur Unterhaltung». Wie stimmig dieses Zitat von T. C. Boyle ist, speziell für ihn persönlich, das zeigt sich für mich recht deutlich in der vorliegenden Sammlung von Geschichten. Der Autor hinterlässt mit ihnen beim Leser keine nachhaltige Wirkung, man hat sie vergessen, kaum dass man sie gelesen hat, mithin eine ziemlich belanglose Lektüre, für die U-Bahn oder den Badestrand geeignet. Gut und Böse sind da immer klar getrennt, Zwischentöne fehlen weitgehend, Philosophisches gar ist nirgendwo zu finden, obwohl die interessanten Themen ja bestens dazu geeignet wären, die Dinge etwas tiefer auszuloten, ihnen auf den Grund zu gehen, auch andere Facetten zu beleuchten. Man wird also nicht gerade bereichert durch dieses Buch, aber immerhin sehr gut unterhalten, amerikanisch eben, daran ist kein Zweifel.

Fazit: lesenswert

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Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen, Roman
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Die Frau im Mond

agus-1Realität und Fiktion

Welcher Zauber liegt doch in der Vorstellung vom Mann im Mond, dieser mythischen Gestalt auf unserem Erdtrabanten, deren Gesicht wir manchmal zu erkennen glauben! Mit dem Titel «Die Frau im Mond» wird an dieses Faszinosum erinnert in der Geschichte einer Frau auf Sardinien, deren Leben uns von ihrer Enkeltochter erzählt wird. «Ihr ganzes Leben lang hatte man ihr gesagt, dass sie wirke, als stamme sie von einem Dorf im Mond». Milena Agus wandelt mit ihrem zweiten Roman auf den Spuren ihrer großen Kollegin Grazia Deledda, «die das Leben ihrer väterlichen Herkunft schildert und allgemein menschliche Probleme mit Tiefe und Wärme behandelt», wie das Nobelkomitee 1926 befand. Nicht anders Milena Agus, die in ihrem kleinen Roman vom ziemlich unkonventionellen Liebesleben einer sardischen Bauerntochter berichtet, an Gabriel García Márquez erinnernd, so der aus dem Feuilleton zitierende Klappentext. Ihre Sprache ist schlicht, unkompliziert, geradezu karg, dem besonderen Flair dieser abgesonderten italienischen Insel und ihrer auf Eigenständigkeit bedachten Bewohner damit geradezu archetypisch entsprechend.

Die Protagonistin dieses Romans, von der Ich-Erzählerin stets nur als Großmutter bezeichnet, womit immer wieder die Erzählperspektive verdeutlicht wird, ist eine für ihre bäuerliche Umgebung ungewöhnliche Frau auf der Suche nach Liebe. Gleich im ersten der zwanzig Kapitel erfahren wir, wie es dazu kam, dass sie ihrer großen Liebe begegnete, im Roman der Reduce genannt, ein beinamputierter Kriegsheimkehrer. In etlichen Rückblenden erzählt die Enkelin, die mit ihr ein geradezu intimes Vertrauensverhältnis hat, die Lebensgeschichte ihrer innig geliebten Großmutter. Von den Eltern viel zu früh aus der Schule genommen reift sie zu einer schönen Frau, ist mit dreißig aber immer noch unverheiratet, weil sie als verrückt gilt, weil sie mit ihren Liebesgedichten, auch anzüglichen Inhalts, alle potentiellen Ehemänner vergrault. Nach versuchtem Selbstmord durch Sturz in den Brunnen und einigen Selbstverletzungen eine Kandidatin für die Psychiatrie, findet sie schließlich doch noch einen Mann, den sie zwar nicht liebt, mit dem sie sich aber auf ungewöhnliche Weise arrangiert in ihrer Ehe. Bis sie bei einer Kur dann auf den Reduce trifft, der ihre große Liebe ist, das erkennt sie sofort. Einer, der sie versteht wie niemand sonst, der sie in die schöne Welt der Musik einführt, der ihre geheimen Texte schätzt und sie ermuntert, weiter zu schreiben. Die wenigen Wochen dieses Kuraufenthaltes stellen den unvergesslichen Höhepunkt ihres Lebens dar. Beide aber sind verheiratet, und so sehen sie sich später nie wieder, auch wenn sie einmal naiv versucht, ihn in Mailand zu finden, ohne eine Adresse zu haben. Der sehr spät dann doch noch geborene Sohn entwickelt sich zu einem international gefeierten Pianisten, als Mutter förderte sie liebevoll sein ganz offensichtlich vorhandenes musikalisches Talent.

Geradezu als euphorische Hommage gerät der sardischen Autorin diese phantasievoll erzählte, pralle Lebensgeschichte einer unbeirrbaren Frau, die ihrer naiven Vision von der wahren Liebe anhängt. Aber ist es denn naiv, an die große, die einmalige Liebe zu glauben? Oder muss sie ein lebenslanger Traum bleiben, weil die Realitäten des Lebens anders sind? Denn auch davon ist zu lesen, wenn zum Beispiel in der Ehe der Protagonistin diverse Bordellspiele praktiziert werden, bei denen Liebe ganz ohne Tabu als rein sexuelle Lustbarkeit betrieben wird. Im Finale schließlich erlebt der Leser eine handfeste Überraschung, die zwar nicht jeden überzeugen wird, aber doch nachdenklich machen dürfte, und dieses Reflektieren lohnt sich allemal! Realität und Fiktion immer streng auseinander zu halten ist nämlich manchmal gar nicht erwünscht, und in einem Roman mit solch geheimnisvollem Titel erst recht nicht!

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Feinde, die Geschichte einer Liebe

singer-1Tragikkomisches Gefühlschaos

«Für seine eindringliche Erzählkunst, die mit ihren Wurzeln in einer polnisch-jüdischen Kulturtradition universale Bedingungen des Menschen lebendig werden lässt» erhielt laut Jury der in den USA lebende Autor mit polnischen Wurzeln Isaak Bashevis Singer, als bislang einziger jiddische schreibender Schriftsteller, 1978 den Literatur-Nobelpreis. Sein Roman «Feinde, die Geschichte einer Liebe» erschien 1974 in deutschsprachiger Ausgabe, wurde fünfzehn Jahre später verfilmt und 2007 in die SZ-Bibliothek der hundert größten Romane des 20. Jahrhunderts aufgenommen. Zu Recht?

«Wie in den meisten meiner erzählenden Werke wird in diesem Buch ein Ausnahmefall dargestellt – mit einzigartigen Helden und einer einzigartigen Verflechtung der Ereignisse» schreibt der Autor im Vorwort. Sein Protagonist ist der in New York lebende Jude Herman Broder, den Jadwiga, das polnische Dienstmädchen seiner Eltern, drei Jahre lang in einem Heuschuppen vor den Deutschen versteckt hatte. Hermans Frau Tamara und die beiden Kinder wurden nach Zeugenaussagen Opfer der Nazis. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs emigriert er mit Jadwiga in die USA und heiratet sie aus tiefer Dankbarkeit, nicht aus Liebe. Mit der attraktiven Mascha jedoch, einer von ihrem Mann getrennt lebenden Jüdin, hat er eine leidenschaftliche Affäre. Als er zufällig eine Suchanzeige nach ihm selbst in der Zeitung entdeckt und sich meldet, erfährt er, dass Tamara den Holocaust überlebt hat und seit kurzem in New York ist. Er trifft sie, gesteht ihr die Ehe mit Jadwiga und die Liaison mit Mascha. Sie ist sofort bereit, sich scheiden zu lassen, er jedoch zögert. Als Mascha schwanger wird, drängt sie Herman zur Ehe und findet prompt auch einen Rabbi, der nicht viel Fragen stellt. Nun ist Herman mit drei Frauen verheiratet, und seine Jadwiga ist inzwischen auch schwanger. Maschas Schwangerschaft hingegen stellt sich bald als falscher Alarm heraus. Virtuos jongliert Herman als Polygamist in diesem sich immer mehr zuspitzenden Gefühlschaos. Willensschwach, wie er ist, kann er sich aber nicht entscheiden, mag den Status quo ihrer Ménage à quatre nicht ändern. Ist er wirklich Jadwiga zu ewigem Dank verpflichtet? Soll er die von allen Männern begehrte Mascha doch verlassen? Muss er letztendlich zu Tamara zurückkehren? «Ich will alle drei haben, das ist die beschämende Wahrheit». Parallel zur immer unhaltbarer werdenden Situation und zum tragischen Ende wendet sich der Erzählton von verschmitzt humorig zu elegisch traurig.

Als dem Grauen des Holocaust entronnener Jude plagt den traumatisierten Herman die Frage, warum Millionen sterben mussten und ausgerechnet er überlebt hat, ein gottloser Hedonist, dem leidenschaftliche Liebe und gutes Essen viel bedeuten und religiöse Pflichten rein gar nichts. Singers Roman führt den Leser tief hinein in das jüdische Leben New Yorks, in das Spannungsfeld zwischen modernem Amerika und tief wurzelnder jüdischer Religiosität. Er brandmarkt zum Brauchtum verkommene jüdische Riten als Folklore, zeigt das skandalöse soziale Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich in diesem Staate auf. Dabei lässt er seinen physisch eher unscheinbaren, fatalistisch eingestellten, tollpatschigen  Helden, dem man den Frauenhelden so gar nicht abnehmen will, viele philosophische Probleme durchdenken, ureigene Reflexionen des Autors, darf man vermuten.

Dieser Roman der Verluste – Heimat, Vermögen, Liebe, Selbstvertrauen, – wird von neurotischen Figuren bevölkert, deren emotionale Befindlichkeit eher indirekt, über ein realistisch geschildertes Geschehen, verdeutlicht wird, wobei Singers Sprache angenehm unprätentiös ist. «Ich schäme mich nicht zu gestehen, dass ich zu jenen zähle, die sich einbilden, Literatur könne neue Horizonte und Perspektiven erschließen – philosophische, religiöse, ästhetische und auch soziale» hat er bei seiner Nobelpreisrede bekannt. Nach Lektüre dieses bereichernden Romans wird man ihm darin unbedingt beipflichten!

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
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Die Gesellschaft vom Dachboden

kreuder-1Ein Griff in die hinterste Reihe

«Meine Zeit wird kommen» hat der Komponist Gustav Mahler, der letzte Romantiker nach eigenem Bekunden, einst prophezeit, und er sollte Recht behalten, die Wiederentdeckung seines sinfonischen Werkes mehr als fünfzig Jahre später verlief triumphal. Dem literarischen Werk Ernst Kreuders ist eine solche späte Anerkennung, bisher jedenfalls, versagt geblieben, er gehört zu den vergessenen Literaten, ein Los, das er mit vielen anderen teilt. Wer die Erzählung «Die Gesellschaft vom Dachboden» gelesen hat, 1946 erschienen, das bekannteste und seinerzeit erfolgreichste Buch des mit dem Büchner-Preis geehrten Autors, dürfte über die Ignoranz des lesenden Publikums unserer Tage ins Grübeln kommen. Eine Haltung übrigens, die jeden Verlag zögern lässt, solche alten Schätze in Neuauflage noch einmal herauszubringen, was natürlich schade ist.

Kreuder gehört zu den romantischen Dichtern, seine Erzählung über eine Gruppe von «Aussteigern«, wie man heute sagen würde, ist ebenso gesellschaftskritisch wie mystisch, sie trägt darüber hinaus unverkennbar märchenhafte Züge. Den wundersamen Plot zu erzählen erspare ich mir, nur soviel sei verraten: Der Dachboden eines Kaufhauses, voll gestellt mit Gerümpel, dient einer illustren Gruppe von Männern als Treffpunkt und Unterkunft. Man gründet einen «Bund der Sieben», beschließt ein Programm für die Gruppe und definiert als deren Tugenden Aufrichtigkeit, Anhänglichkeit, Beharrlichkeit, Barmherzigkeit, Überschwänglichkeit, Friedfertigkeit und Unüberwindlichkeit. Ich-Erzähler Berthold, dessen Erlebnisse die Handlung bilden, ist Schriftsteller, in seinen Ansichten und seiner Haltung ein Alter Ego von Ernst Kreuder. Alle Protagonisten sind ebenso wundersame wie urige Gestalten, von ihm liebevoll charakterisiert und darüber hinaus dargestellt als krasse Gegenentwürfe zu den Normalbürgern, die nicht zu leben verstünden. «Viele leben gar nicht, denn sie haben keine Zeit. Sind wie Leichen, die man auf Arbeit schickt. Die Städte sind voll davon, nur die Sucht nach Genüssen bewirkt, dass sie sich regen, dass sie zappeln und toben».

Der Wortführer der Gruppe, der gerne Reden hält und sich dabei oft ins Pathetische verliert, resümiert an einer Stelle, auch wenn «Dostojewski versichert hatte, es gäbe für ihn nichts Dümmeres als eine Tatsache», seien alle modernen Schriftsteller gleichwohl doch «Tatsachenschreiber». An anderer Stelle heißt es ergänzend: «Dummheit ist der Mangel an Phantasie». Genau den aber kann man Kreuder nicht vorwerfen, seine Erfindungsgabe scheint grenzenlos, er phantasiert sich unbeeindruckt von den Fakten einer «physikalischen Welt» seine ganz eigene «metaphysische Welt», die keiner Logik unterworfen ist, ohne aber ins naiv Utopische abzugleiten.

All das wird in einer angenehm zu lesenden, klaren und schnörkellosen Sprache ohne jedes literarische Raffinement vor dem Leser ausgebreitet, was in einem durchaus reizvollen Kontrast steht zu dem traumhaften, weltfremden Geschehen, über das da so nüchtern und sachlich berichtet wird. Zweifellos aber ist diese Geschichte nicht als Parodie gedacht oder als Märchen für Erwachsene, Kreuder erfüllt damit seine ganz eigene Mission, die Bloßstellung gesellschaftlicher Fehlentwicklungen, das Anprangern einer sinnentleerten Lebensweise und der kollektiven Blindheit für das elementar Schöne in der Welt. Insoweit also ein Buch zum Träumen, aber auch zum Nachdenken, zum Weiterdenken. Mir haben besonders die Passagen gefallen, in denen es um Literatur geht und Kreuder so manchen Seitenhieb auf die Kollegen seiner Zunft austeilt, denen er Phantasielosigkeit unterstellt, dabei aber die Erwartungshaltung der Leserschaft ignorierend. Auch über die verblüffende Selbstverständlichkeit, mit der die aberwitzigsten Situationen geschildert werden, musste ich oft schmunzeln, was ja schön ist und den Lesegenuss angenehm erhöht. Manchmal, das hat sich hier gezeigt, lohnt sich der Griff in die hinterste Reihe des Bücherschranks eben doch, einer allgemeinen Wiederentdeckung allerdings dürfte der Zeitgeist entgegenstehen.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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