Frösche
by Mo Yan

yan-1Halluzinatorischer Realismus

Es ist wahrlich ein sperriges Sujet, an das sich Nobelpreisträger Mo Yan herangewagt hat mit seinem Roman «Frösche», und prompt sah er sich auch etlichen Anfeindungen ausgesetzt bei seiner literarischen Aufarbeitung der Ein-Kind-Politik Chinas. Wäre es besser gewesen, wenn der mit richtigem Namen Guan Moye heißende Autor seinem Pseudonym gefolgt wäre – Mo Yan bedeutet nämlich «Sprich nicht» – und geschwiegen hätte zu diesem äußerst schwierigen Thema? Politisch jedenfalls hat das rigide umgesetzte Staatsdogma «Ein Kind ist gut, zwei Kinder sind korrekt, drei Kinder schlecht» trotz vieler Ausnahmen die erwünschte Wirkung gehabt und das explosionsartige Bevölkerungswachstum stark gedämpft. Der Preis aber, den die einfachen Leute dafür haben zahlen müssen, war und ist zu hoch, ganz abgesehen von den diversen negativen Folgen für das soziale Gefüge der Gesellschaft und die Wirtschaft dieses Riesenstaates.

«Weil er mit halluzinatorischem Realismus Märchen, Geschichte und Gegenwart vereint» habe man Mo Yan den Preis zuerkannt, heißt es 2012 in der Begründung des Nobelkomitees. «Kaulquappe», der Ich-Erzähler, hinter dem man unschwer den Autor erkennen kann, beschreibt die turbulente Lebensgeschichte seiner Tante Gugu in Form eines vierteiligen Briefromans, wobei sein japanischer Briefpartner, wie wir im Nachwort des Autors erfahren, niemand Geringerer ist als Kenzaburō Ōe, der Nobelpreisträger von 1994, der ihn tatsächlich zu diesem Buch animiert hat. Die Protagonistin Gugu ist eine von allen hoch geachtete, wahrhaft begnadete Hebamme, die Tausenden von Babys auf die Welt hilft. Aus der Wohltäterin wird nach der Verkündung der Ein-Kind-Politik eine inzwischen zur Frauenärztin ausgebildete, gnadenlose Funktionärin, die für die Umsetzung dieser Doktrin in ihrem Distrikt verantwortlich ist. Unser Vorstellungsvermögen übersteigende Restriktionen, von der vorher einzuholenden Genehmigung beim Kinderwunsch über zwangsweise eingesetzte Spiralen, massenhafte Sterilisation von Männern bis hin zur staatlich mit allerlei Repressalien erzwungenen Abtreibung, manchmal sogar erst im spätesten Stadium der Schwangerschaft, all dies wird nüchtern und ohne viel Empathie erzählt. So indolente Charaktere wie in diesem Roman begegnen einem nicht oft in der Literatur, für mich war das sogar ein, alles andere als erfreuliches, Novum.

Die geradezu holzschnittartige Erzählweise in der ersten Hälfte des Romans verwandelt sich analog zur fortschreitenden Handlungszeit in einen moderneren Sprachstil, wodurch nicht zuletzt auch das Lesen flüssiger vonstatten geht. Man ist schließlich sogar froh, nicht vorzeitig aufgegeben zu haben bei der ebenso mühsamen wie unerquicklichen Lektüre. Das mag auch daran liegen, dass sich die Standpunkte wandeln. Gugu jedenfalls erkennt irgendwann ihre ungeheure Schuld und wird von Alpträumen geplagt, die ihren Höhepunkt an einem Froschteich erreichen, als sie von unzähligen Fröschen bedrängt wird, den Geistern der unzähligen Föten, die sie zu Tode gebracht hat als fanatische Funktionärin eines menschenverachtenden Regimes. Fast vergnüglich wird es dann im fünften Teil des Romans, der das Theaterstück enthält, welches aus den vier vorangehenden Teilen entstanden ist, in denen der Ich-Erzähler seine Geschichte seinem Brieffreund und uns Lesern in Prosaform geschildert hat. Berthold Brecht hat für seinen Azdak in «Der kaukasische Kreidekreis» den populären chinesischen Richter Bao Cheng als Vorlage verwendet, der nun auch bei Mo Yan ein gleichermaßen weises Urteil fällt in einem ähnlichen Mutterschaftsstreit.

Wie immer bei fremdsprachigen Romanen dürfte auch hier, leider unvermeidbar, einiges an sprachlichen Raffinessen der Übersetzung zum Opfer gefallen sein. Dazu kommt noch die völlig fremde Mentalität und der fehlende Erfahrungshintergrund, dessen Konventionen und Moralverstellungen einem westlichen Leser absolut nicht vertraut sind. Gerade deshalb aber lohnt es sich trotzdem, den Roman zu lesen, man taucht ein in eine völlig andere Welt und wird, so man aufnahmefähig und –willig ist, zu allerlei Recherchen animiert, wobei das Nachwort des Autors wie auch die Anmerkungen am Ende eine erste Anlaufstelle bilden.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
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Teufelsbrück

kronauer-1Im Prinzip Ja

Fast alle Werke der Belletristik schmücken sich heute spätestens im Stadium der Taschenbuchausgabe verkaufsfördernd mit Zitaten des Feuilletons auf dem Umschlag, die, manchmal trickreich aus dem Gesamttext einer Rezension oder aus einem Interview herausgelöst, einen Kauf des Buches dringend nahelegen. Die ehemalige Deutschlehrerin Brigitte Kronauer trat nach langen Jahren im literarischen Untergrund 1980 erstmals mit einem Roman an die breite Öffentlichkeit und hatte dann 1983 mit «Berittener Bogenschütze» ihren literarischen Durchbruch, die Zahl der Ehrungen seither ist ebenso beeindruckend wie ihr vielschichtiges Œuvre. Über den schon zum Alterswerk zählenden, im Jahre 2000 erschienenen Roman «Teufelsbrück» schrieb die ZEIT: «Dieser Roman wird Literaturgeschichte machen». Der Literaturpapst seliger Zeiten MRR wird kurz und bündig im Klappentext zitiert: «Brigitte Kronauer ist die beste Prosa schreibende Frau der Republik». Stimmt das alles, grübelt man resümierend, nachdem man, neugierig geworden, das Buch glücklich zu Ende gelesen hat. Im Prinzip Ja, würde ich wie Radio Eriwan antworten, aber …

Der Roman ist in die drei Kapitel «EEZ», «Holunderburg» und «Schnee» eingeteilt, die jeweils wieder in drei durchnummerierte und mit «Abend» betitelte Unterkapitel gegliedert sind. Damit wird zeitlich die Erzählsituation umrissen, die Ich-Erzählerin Maria Frauenlob spricht an jenen neun Abenden zu einer imaginären Zuhörerin, deren Identität sich dem Leser erst ganz am Ende erschließt. Es geht um die Liebe zu einer Art Traummann, auf den Maria an einem äußerst profanen Ort trifft, im Konsumtempel des Elbe-Einkaufs-Zentrums. Leo verkörpert für sie das Idealbild eines Mannes mit einer maskulinen Ausstrahlung, der sie rauschhaft verfallen ist. Ihre Romanze erreicht den Höhepunkt auf einer gemeinsamen Reise nach Heidelberg, kühlt dann aber, einem Naturgesetz? folgend, allmählich ab und endet schließlich, ein für Maria langer mentaler Prozess, im Gebirge, in Fels, Eis und Schnee. So weit und so profan die Story, die wir auswendig kennen, so oft haben wir sie schon gelesen, da ändern auch zwei Tote und ein erfolgloser Selbstmörder nichts dran!

Gleich auf den ersten paar Seiten wird dem Leser klar, dass hier nicht der Plot im Mittelpunkt stehen wird, dass er es vielmehr mit der geradezu manischen Beschreibungswut einer kreativen Schriftstellerin zu tun hat, deren Phantasie und Wortgewalt in der Tat ihresgleichen sucht in der deutschen Literatur. Hier geht es nicht um Realität oder Plausibilität, hier wird ausnahmslos der inneren Wirklichkeit gehuldigt ohne Rücksicht auf zeitliche, räumliche oder logische Gesetze. Wir befinden uns hier im märchenhaften Reich der Poesie und Phantasie, im Zentrum von Marias romantischer Gedankenwelt, die sie genüsslich vor ihrer imaginären Zuhörerin ausbreitet. Das Alles ist durchtränkt von Anspielungen, Wahrnehmungen, Sehnsüchten aus Marias Innerstem, dem Unterbewussten. Die üppige Symbolik dieses Romans beginnt schon bei der Namensgebung der Figuren, sie bezieht deren berufliche Tätigkeiten ebenso mit ein wie den besonderen Charakter der Handlungsorte oder die grenzenlos ausschweifenden Exkursionen in Flora und Fauna, die selbst kleinste Details nicht aussparen und ihnen, geradezu beflügelnd, metaphysische Bedeutungen zuweisen.

Um auf Radio Eriwan zurückzukommen bleibt die Erkenntnis, dass dieser Roman in der Tat ein glänzendes Stück Prosa ist, weit über den Niederungen massentauglicher Romanproduktion schwebend, aber genau damit nun wirklich nur eine äußerst kleine, aufnahmefähige und –bereite Leserschaft erreichend, die elitär der «hohen» Literatur huldigt. Das ist nicht jedermanns Sache, dafür braucht man auch mehr als nur Spaß am Lesen, am angenehm unterhalten werden, man braucht Entdeckergeist auf der Suche nach neuen Horizonten, nach dem, was als in der Regel unsagbar in den Köpfen anderer vorgeht, so wie hier als berauschende Illusion in dem von Maria Frauenlob.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Reise im Mondlicht

szerb-1Was noch geschehen kann

Er wolle nicht als Literaturhistoriker gesehen werden, sondern als Schriftsteller, «dessen Thema vorübergehend die Literaturgeschichte war», notierte Antal Szerb in sein Tagebuch; bis heute ist er einer der meistgelesenen ungarischen Autoren des 20ten Jahrhunderts. Sein belletristisches Œuvre ist überschaubar klein und wurde erst spät auch in Deutschland entdeckt, als sein bedeutendstes episches Werk gilt der vorliegende, 1937 in Ungarn veröffentlichte Roman, der erst 40 Jahre später auf Deutsch herausgegeben wurde, in Neuübersetzung dann 2005 unter dem Titel «Reise im Mondlicht». «Szerb nicht gekannt zu haben ist ein Versäumnis» hieß es in der Süddeutschen Zeitung. Nach der Lektüre kann ich dem nur beipflichten, soviel vorab.

Mich an den Spielfilm «Brot und Tulpen» erinnernd geht auch hier auf einer Reise durch Italien die Frau verloren, nur ist es diesmal eine Hochzeitsreise. Der 36-jährige Mihály erzählt während der Fahrt seiner frisch angetrauten Erzsi von der Jugendzeit, von den Rollenspielen mit den Geschwistern Támas und Éva im Hause der Familie Ulpius, die ausnahmslos vom Tod handelten in immer neuen Varianten. Auf der Fahrt nach Rom steigt er nach einer Kaffeepause in den falschen Zug und landet allein in Ravenna. Schon in Venedig hatte er gemerkt, dass Erzsi seine große Begeisterung für die antiken Kulturen nicht teilen konnte, und so besichtigt er jetzt die berühmten Mosaiken in Ravenna allein. Er beschließt sogar kurzerhand, auch alleine weiter zu reisen, seine Sehnsucht nach Italien voll auszuleben, den bürgerlichen Konventionen und Zwängen vollends zu entfliehen, sein früheres Bohemeleben wieder aufzunehmen. So kommt er also nicht nur seiner Frau abhanden, sondern auch sich selbst, auf der Suche nach seiner wahren Identität einer rebellischen Jugendzeit nachtrauernd, die der angepasst lebende Unternehmersohn nach der Heirat nun endgültig entschwinden sieht.

In seiner Weltfremdheit zwischen Traum und Realität herumirrend, diffus einer «Reise im Mondlicht» gleichend, holen ihn seine Jugendträume immer wieder ein. Während seine Frau Erzsi die Realität verkörpert, steht sein bester Freund Támas für alle Utopien, seine Gedanken kreisen häufig um dessen Freitod. Er besucht seinen ins Kloster gegangenen Jugendfreund Ervin, trifft schließlich in Rom Éva wieder, seine Jugendliebe, die auch jetzt unerreichbar bleibt. Szerb baut um seine Protagonisten eine Reihe von wunderbaren Randfiguren auf, liebevoll gezeichnet und stimmig in die Handlung integriert. Es sind allesamt markante Typen wie der «Taschendieb» und Luftikus János Szepetneki, der als «brennender Tiger» erscheinende persische Potentat, der überaus verständnisvolle englische Arzt, die naive amerikanische Studentin, der exzentrische Religionswissenschaftler, schließlich Vannina, das magere römische Mädchen, die hellseherische Fähigkeiten zu haben scheint und ihn am Ende als Kindspate in die Realität zurückholt im Verlaufe einer typisch italienischen Familienfeier. Die wahrhaft klassisch zu nennende Katharsis endet mit den Worten: «Und solange man lebt, weiß man nicht, was noch geschehen kann».

Antal Szerb erzählt seine sentimentale Geschichte über die Zwänge des Lebens, über Liebe und Tod in einer klaren, unverschnörkelten Sprache, die so perfekt gegliedert ist, dass Kapitel und Abschnitte in fast schon mathematischer Logik stets punktgenau aufeinanderfolgen. Einen derart perfekt aufgebauten Plot erlebt man nicht so oft als Leser, man merkt ihm an, dass da ein Wissenschaftler am Werke war. Es ist eine Menge Lebensweisheit drin enthalten, viel Alltagsphilosophie bei einer sehr realitätsnahen Suche nach dem Sinn des Lebens, die sich oft in überaus stimmigen Dialogen artikuliert. Eine besinnliche Lektüre mithin, die viele Leser nicht unberührt lassen dürfte, was übrigens auch für die mitreißende Beschreibung von Bella Italia gilt, die mich in ihrer ehrfürchtigen Bewunderung unwillkürlich an Goethe erinnert hat.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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Stoner

williams-1Kompliment an die Literatur

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Wiederentdeckungen gehören für mich zu den erfreulichsten Ereignissen in der Welt der Literatur, weil sie, oft ja erst post mortem, ein Geständnis sind, dass einem vergessenen Autor mutmaßlich Unrecht widerfahren ist von Seiten der Leserschaft. Der Roman «Stoner» von John Williams, bei seinem Erscheinen 1965 wenig beachtet und erst mehr als vierzig Jahre später in den USA neu publiziert, ist mal wieder ein Beispiel dafür. Erfolg ist launisch und unberechenbar, der plötzlich ausbrechende Hype um dieses Buch hat die als «worst case» angenommene Auflage von 4000 Exemplaren für den 2013 erstmals ins Deutsche übersetzten Roman auf weit über zweihunderttausend hochschnellen lassen, wie man einem Interview mit der Lektorin entnehmen konnte. Und «Stoner» ist plötzlich in aller Munde, warum eigentlich?

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Dieser Roman ist doch nur die schlichte, keine Besonderheiten aufweisende Biografie eines Mannes, der als Bauernsohn aus einfachsten Verhältnissen kommend an der Universität von Missouri Agrarwissenschaft studieren soll. Er entdeckt seine Liebe zur Literatur, wechselt das Fach und bleibt dann zeitlebens dort, wird Professor der literaturwissenschaftlichen Fakultät. Insoweit kann man auch von einem Campusroman sprechen, der Unibetrieb nimmt jedenfalls einen breiten Raum ein in dieser Lebensgeschichte eines eher linkischen, wenig zugänglichen Mannes. In 17 Kapiteln begleiten wir William Stoners mühsamen Weg zum angesehenen Hochschullehrer, der oft allerlei Anfeindungen und Querelen ausgesetzt ist, sich allzu häufig desinteressierten Studenten gegenübersieht und seine wissenschaftlichen Ambitionen bald schon dem kräftezehrenden Lehrbetrieb opfern muss, in dem er ebenfalls unauffällig bleibt, jede Karrierechance für sich ausschlagend. Sein Privatleben ist ähnlich unglamourös, er findet eine merkwürdig gehemmte Frau, heiratet sie und bekommt eine Tochter, die er weitgehend alleine großziehen muss, weil die psychisch labile Mutter sich wenig um sie kümmert, und auch seine Ehe scheitert kläglich, wird zum Alptraum für ihn. Die Affäre mit einer jungen Doktorandin bringt ihm nur ein kurzes Glück, auf Druck der Uni muss sie die Stadt bald Hals über Kopf verlassen, der Kontakt zwischen ihnen bricht für immer ab. Als Stoners innig geliebte Tochter schwanger wird und heiraten muss, verliert er in ihr seine letzte familiäre Bindung; sie wird Kriegerwitwe, hat Alkoholprobleme, gibt das Kind zu den Schwiegereltern. Und wir begleiten Stoner weiter bis zu seinem Krebstod, kurz vor der anstehenden Emeritierung.

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Ein solch konventioneller Plot kann, wie man sieht, kaum ausschlaggebend sein für eine derart erfolgreiche Rezeption. Auch sprachlich bietet dieser Roman nichts Besonderes, er ist stilistisch dem unspektakulären Sujet angepasst, nüchtern erzählt, knapp und sparsam, leicht lesbar also. Mit einer unterschwellig permanent spürbaren Spannung allerdings, die einen an den Text fesselt, weil man stets einen Umschwung erwartet, eine überraschende Wende. Die aber bleibt aus in der einsträngig und strikt chronologisch erzählten Geschichte, – trotzdem ist man fasziniert und darüber hinaus tief betroffen von ihr.

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Es wird nämlich nichts beschönigt in dieser Biografie eines stets aufrichtigen, uneitlen, integeren Mannes, dessen unerschütterliche Leidenschaft für die Literatur seinem äußerlich wenig erfreulichen Leben den Sinn gibt, allen Fährnissen zum Trotz. Und genau darum beneiden wir ihn in unserem tiefsten Inneren, begleiten ihn am Ende – buchstäblich bis zum letzten Atemzug -mit einer ängstlichen Faszination, wie man sie ganz ähnlich auch beim «Jedermann» empfinden mag. John Williams hat wagemutig Grundfragen des Menschseins aufgegriffen in seinem Roman und philosophisch Handfestes geliefert statt intellektuellem Geschwafel. Ihm ist ein formidables Meisterwerk gelungen, in dem die Literatur die Hauptrolle spielt, Lebenssinn verkörpernd. Kann man der Literatur denn überhaupt ein schöneres Kompliment machen?

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
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Im diplomatischen Dienst

41KYJ73ECEL._SX261_BO1,204,203,200_Auf Empfehlung eines Freudes, der im Berliner Auswärtigen Amt seinem Leben als Berufsbeamter frönt, habe ich dieses Buch verspeist. Im Vorfeld wurde mir gesagt, es sei erstaunlich, wie exakt der Autor den Zustand im Bauche der deutschen Diplomatie beschrieben habe.

Protagonist Harry von Duckwitz hängt seinen Beruf als Anwalt an den Nagel und tritt in den diplomatischen Dienst ein, der ihn unter anderem nach Kamerun und Ecuador führt. Er gibt sich dabei als Enfant terrible der Behörde und versucht auszuloten, wie weit man mit Indiskretionen und Provokationen gehen kann, um entlassen zu werden. Letztlich interessiert ihn jedoch nur die Damenwelt. Er heiratet Rita, eine bildschöne Inderin und pflegt eine Ménage-à-trois mit seiner alten Freundin Helene. Continue reading


Genre: Romane, Satire
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Riven Rock

riven_rock-9783423127844Nahezu überschwappend dieser Irrsinn. Der arme Mr McCormick, ein Gejagter seiner inneren Richter, der Unfähigkeit Sexualität als etwas Normales sehen und fühlen zu können, eine übermächtige Mutter, eine ebenfalls psychisch kranke große Schwester. Dann die Jahrzehnte, in denen der Millionär weggesperrt leben muss. Wechselnde Psychiater, die „Redekuren“ verordnen, sprich Psychoanalyse, die damals völlig unbekannt war, dazwischen einer, der die Affen und ihre Sexualität im Park des Anwesens erforscht. Sehr schräg, amüsant und gut gemacht. Continue reading


Genre: Belletristik, Romane
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Bad Monkeys

41f8RoyD1JL._SX339_BO1,204,203,200_Jane Charlotte, eine junge Frau aus San Francisco, hat ein Problem. Sie wurde wegen Mordes festgenommen und erzählt jetzt ihre schier unglaubliche Geschichte einem Psychologen. Demnach nämlich gehört sie zu einer mächtigen Organisation, die sich „Bad Monkeys“ nennt und die wirklich üblen Typen aus dem Verkehr zieht. Dabei bedient man sich vorzugsweise geheimnisvoller Wunderwaffen wie Pistolen, die einen Herzinfarkt verursachen und eines nahezu unerschöpflichen High-Tech-Repertoires. Jane berichtet von ihrer nicht allzu glücklichen Kindheit und ihrem ersten Kontakt mit den „Bad Monkeys“ als sie mit 14 auf eigene Faust einen Kindermörder verfolgte. Ihre Jugend verlief eher ziellos, dazu kamen Drogenprobleme und so war sie durchaus bereit, gegen das Böse zu kämpfen, als die Organisation sie einige Jahre später anwirbt und auf erste Missionen schickt.

Janes Geschichte ist zweifellos faszinierend, aber als der Psychiater einige Fakten dazu recherchiert, stößt er recht bald auf Widersprüche und Ungereimtheiten. Besonders die Beziehungen zu Bruder und Mutter stellen sich dort doch entscheidend anders dar, als von der Geheimagentin geschildert. Ihre Erklärung dafür, die Affen-Chefs hätten die Dokumente gefälscht, um Spuren zu verwischen vermag nicht ganz zu überzeugen und so entwickelt sich ein Showdown, in dem sich die Ereignisse überstürzen…

Regelmäßige Besucher und Leser dieses famosen Blogs wissen, dass Matt Ruff einer meiner Lieblingsautoren ist und er hat mich auch dieses Mal nicht enttäuscht, denn wieder einmal hat er mit „Bad Monkeys“ eine völlig neue Richtung eingeschlagen, die Festlegung auf ein bestimmtes Genre ist ganz klar seine Sache nicht. Wir haben es hier mit einem Thriller zu tun, voll futuristischer Elemente und die Komplexität der Handlung weckt Erinnerungen an die Matrix-Filme. Obwohl vordergründig ein Zwei-Personen-Stück, erschließen sich aus Janes Erzählung mehrere Dimensionen in einer Welt, in der unter der Oberfläche der Normalität Konflikte von beinahe biblischen Ausmaßen ausgetragen werden. Natürlich nur dann, wenn die Geschichte stimmt und der Kampf nicht ausschließlich in der Psyche der jungen Frau tobt…

Die gewohnte Sprachgewandtheit des Autors, gepaart mit seinem feinsinnigen Humor tut ein Übriges, um das Buch zu einem höchst spannenden Lesevergnügen zu machen, bei dem man ehrlich bedauert, wenn die letzte Seite umgeblättert ist. In diesem Fall wiederhole ich mich gern und appelliere erneut an alle hier versammelten Literaturfreunde: Lest endlich Matt Ruff, ihr werdet es nicht bereuen!


Genre: Romane
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G.A.S. – Die Trilogie der Stadtwerke

51-4pCwzk2L._SX312_BO1,204,203,200_Wir schreiben das Jahr 2023 und befinden uns in New York City. Während der erfolreiche Unternehmer und Wolkenkratzer-Fan Harry Gant seine Sehnsucht nach immer noch höheren Gebäuden stillt, plagen sich die Mitarbeiter der städtischen Kanalisation mit ganz anderen Problemen herum. In den giftigen Abwässern gedeihen nämlich mutierte Raubtiere prächtig, dort wüten nicht nur Kanalligatoren sondern auch ein Weißer Hai, der zu Vermarktungszwecken auf den Namen „Meisterbrau“ getauft wird und schon bald Bekanntschaft mit Harrys Ex-Frau Joan schließt, die im wahrsten Sinne des Wortes im Untergrund tätig ist.

Unterdessen widmet sich eine Gruppe von Öko-Piraten dem gewaltlosen Kampf gegen die Umweltverschmutzung und die Ausbeutung der verbliebenen Natur. Ihre mobile Kommandozentrale ist das luxuriöse U-Boot „Yabba-dabba-doo“, mit dem sie (unterstützt von sprechenden Bibern und Eichhörnchen) ihre witzigen und effektiven Aktionen durchführen. Selbst ein Transrapid kommt – fernab von Wolfratshausen – zum Einsatz und es gilt auch noch, den Mord an einem Finanz-Tycoon aufzuklären. All das rückt jedoch in den Hintergrund, als ein durchgeknallter Super-Computer sich anschickt, mittels eines Heeres dunkelhäutiger Androiden („Elektro-Neger“) eine globale Verschwörung anzuzetteln…

Es ist – zumindest für mich – fast unmöglich, eine schlüssige Inhaltsangabe von „G.A.S.“ abzuliefern, zu komplex und opulent ist das Werk. Wie schon in „Fool on the Hill“ erschuf Matt Ruff mit ungeheurer Fantasie einen eigenen Mikrokosmos, in dem skurrile, liebenswerte Figuren ihr Unwesen treiben und der Leser verfolgt atemlos staunend das Geschehen, dankbar, dass er daran teilhaben darf. Trotz zahlreicher Nebenhandlungen verliert er nie den Überblick, da es der Autor meisterhaft versteht, die Stringenz zu wahren und das Heft in der Hand zu behalten.

Der Roman ist mit viel feinsinnigem Humor gewürzt, man meint, die Freude des Schriftstellers beim Spinnen der unzähligen Fäden zu verspüren und kommt so in den Genuss intelligenten Lesevergnügens. Matt Ruff macht einfach Spaß, seine Bücher sprühen vor Witz und Geist. Es wäre zu wünschen, dass eine breitere Leserschaft von diesem Autor Notiz nimmt, er hat es ganz sicher verdient.


Genre: Romane
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Ich und die anderen

51TJxRCoClL._SX312_BO1,204,203,200_Wenn der junge Andrew Gage frühstückt, so läuft dies nach einem streng geordneten, komplizierten Ritual ab: Zunächst gibt es Rührei und Kaffee, dann folgen eine Tasse Kräutertee kombiniert mit Pfefferminzgelee auf Weizentoast; ein halbes Brötchen mit einer Scheibe Speck wird abgelöst von Orangensaft mit Honigpops und das Mahl endet schließlich mit einem Teller gesalzener Radieschen. Nun ist es keineswegs so, dass Andy ein unmäßiger Vielfraß wäre, nein, er leidet an einer multiplen Persönlichkeitsstörung. Hervorgerufen durch extremen Missbrauch in der Kindheit haben sich nach und nach immer wieder verschiedene Teile seiner Psyche verselbständigt und diese verschiedenen „Seelen“, männlich wie weiblich, alt und jung leben alle in seinem Körper. Andy hat sich damit arrangiert und die Situation einigermaßen im Griff, kommt gut zurecht, denn er hat im Kopf ein Haus errichtet, in dem alle Bewohner Platz und Zuflucht finden.

Allerdings gerät eines Tages dieses mühsam aufrecht erhaltene Gleichgewicht in Gefahr als er an seinem Arbeitsplatz – passenderweise ein Virtual Reality-Unternehmen – auf Penny Driver trifft, eine junge Frau, die unter derselben Störung leidet, dies aber noch nicht bewusst realisiert hat. Behutsam versucht Andy ihr zu helfen, die Erfahrungen zu verarbeiten und sie zu überzeugen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dummerweise ist er selbst aber auch noch mit einer unglücklichen Liebe belastet, und so sind die beiden von den auf sie einstürzenden Ereignissen schnell überfordert. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg zu Andys Heimatort, um die die dunlen Geheimnisse seiner Kindheitstraumata aufzuspüren. Die Reise treten sie jedoch nicht alleine an, denn im Gepäck führen sie eine ganze Reihe unberechenbarer Seelenbegleiter mit sich, von denen manche nicht ganz ungefährlich sind.

Selbst auf die Gefahr hin, die Leser hier zu langweilen; ich muss mich wiederholen und erneut ein Werk von Matt Ruff preisen. „Ich und die anderen“ unterscheidet sich gänzlich von den beiden bisherigen Büchern, ist aber nicht minder faszinierend. Der Autor führt uns mit großem Geschick in die Welt der Multiplen ein, er lässt uns staunen und er tut das einfühlsam und verständnisvoll, dennoch nicht ohne Humor. Es gelingt ihm zum Beispiel wunderbar, den realen Schrecken der Protagonistin zu schildern, wenn sie morgens in einem fremden Bett erwacht, ohne Erinnerung an die vergangenen Tage, dafür aber mit einer Liste ausgestattet, welche Dinge heute zu erledigen sind. Auch das brisante Thema Kindesmissbrauch packt Ruff mit der richtigen Mischung aus Emotionalität und Entschlossenheit an, er rührt an das Herz des Lesers, ohne dabei auf die Tränendrüse zu drücken. Ich finde, mehr kann man von einem guten Roman nicht verlangen und erteile den klaren Auftrag: Lesen!


Genre: Romane
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Fool on the Hill

41Y99YOz28L._SX312_BO1,204,203,200_Merkwürdige Dinge geschehen in dem kleinen Städtchen Ithaca und der dort ansässigen Cornell-Universität. Dinge, die die Fähigkeit des Rezensenten übersteigen, einen stringenten Handlungsablauf auf die Festplatte zu meißeln. Also lasse ich es lieber gleich sein und begnüge mich zunächst damit, die Hauptdarsteller des Romans vorzustellen. Im Angebot hätten wir:

S. T. George: Schon mit 23 ein höchst erfolgreicher Schriftsteller, der die besten Texte schreibt, wenn er unglücklich verliebt ist.

Kalliope: Die schönste Frau der Welt, die ihr Aussehen ständig wechselt und den Wünschen der jeweiligen Verehrer anpasst.

Aurora Smith: Tochter eines haschrauchenden Nonkonformisten und mit einem tödlichen Langweiler verlobt.

Zephyr und Puck: Kleine verliebte Kobolde, die mit Modellflugzeugen und -booten unterwegs sind und bisweilen gegen bewaffnete Ratten kämpfen müssen.

Luther und Blackjack: Ein Hund und eine Katze auf der Flucht vor rassistischen Rassehunden und auf der Suche nach dem Tierhimmel. Wir lernen, dass Hunde zu religiösem Eifer neigen, während Katzen eher atheistische Thesen vertreten.

Mr. Sunshine: Ein altersloser Grieche und der geheimnisvolle Lenker der Geschichte.

Manchmal meint das Schicksal es gut mit mir, so wie an jenem Tag, als ich mich wieder einmal recht gelangweilt in einer Buchhandlung herumdrückte und mir „Fool on the Hill“ von Matt Ruff ins Auge fiel. Ich kannte weder Roman noch Autor, dennoch griff ich zu und landete unversehens einen Volltreffer! Es ist ein herrliches Buch mit epischen Ausmaßen, eine Welt der Magie, voller Humor und Fantasie, eine zauberhafte Liebesgeschichte mit Elementen von Abenteuer und Horror, aber immer leichtfüßig beschwingt und heiter. Streckenweise fühlt sich der Leser an Shakespeare-Komödien erinnert, allerdings angereichert mit beinahe apokalyptischen Schlachten, mit Rittern, Jungfrauen und Drachen.

Der Autor pflegt einen wunderbaren Stil, setzt seine Worte mit Bedacht, doch stets treffsicher; es gibt unzählige Reminiszenzen an die Literatur zu entdecken, liebevolle Details, wie zwei Hundephilosophen namens Wiedumir und Östrogen, die auf Dogot warten, mögen hierfür als Beispiel dienen. Die zahlreichen verschiedenen Handlungsstränge sind kunstvoll miteinander verwoben und lassen beim Leser niemals Langeweile aufkommen; im Gegenteil: Ich hätte mir die eine oder andere Szene noch ausführlicher gewünscht. Der Roman verzaubert, man ist ehrlich betrübt, wenn er zu Ende ist und ein schöneres Kompliment für ein Buch kann ich mir nicht denken.

Fazit: Ich habe viele Bücher gelesen, aber das ist definitiv eines der besten.


Genre: Romane
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Billard um halbzehn

Ein Tag i41gLwiF6FyL._SX312_BO1,204,203,200_m September 1958: Der rheinische Architekt Heinrich Fähmel begeht seinen 80. Geburstag, es ist die Zeit für Erinnerungen, für Rückblenden, nicht nur für ihn, sondern für die ganze Familie. Seine Frau, die im Irrenhaus lebt, ohne verrückt zu sein; sie erträgt nur das „normale“ Leben nicht und will endlich Rache nehmen (muss haben ein Gewehr) für die toten Kinder. Sein Sohn Robert, ebenfalls Architekt, der die vom Vater erbaute Abtei St. Anton in den letzten Kriegstagen sprengte, aus Hass auf die Nazis und ihre Kollaborateure, Mönche, die die Lämmer nicht geweidet haben, sondern stattdessen die Lieder der Faschisten sangen. Und auch Heinrich Fähmel selbst erinnert sich schmerzlich daran, wie er sein Lachen verlor, weil er erfahren musste, dass Ironie nicht ausreichte und nie ausreichen würde.

„Billard um halbzehn“ von Heinrich Böll ist eines jener Bücher, die mich in der Jugend fasziniert, begeistert und geprägt haben; ich habe es mehrmals geradezu verschlungen. Für diese Rezension las ich den Roman nun erneut und stellte erfreut fest, dass er immer noch funktioniert, der Zauber ist nicht verflogen. Natürlich ist der Stoff in erster Linie eine Abrechnung mit der Nazi-Zeit, dennoch hat er in meinen Augen nicht an Aktualität eingebüßt, da er sich grundsätzlich mit Fragen des menschlichen Charakters beschäftigt. Täter und Opfer, und Opfer die manchmal zurück schlagen, ohne dass sie deshalb zu Tätern werden. Opportunisten, die sich in jedem politischen System zurechtfinden und andere, die das eben nicht können, auch nicht vergessen und vergeben, denn sie sind nicht Gott und können sich seine Allwissenheit so wenig anmaßen wie seine Barmherzigkeit.

Die Charaktere sind streng eingeteilt in Gut und Böse, viel Spielraum für Zwischentöne bleibt nicht, sie kosten entweder vom „Sakrament des Büffels“ oder vom „Sakrament des Lammes“. Böll, der rigorose Moralist, fordert klare Entscheidungen, mit allen Konsequenzen, die dann zu tragen sind, in einer Zeit, in der eine Handbewegung das Leben kosten kann. Die Sprache, mit der er dies vorträgt ist ungeheuer intensiv, jedes Wort ist wichtig. Wie in fast allen seinen Romanen ist auch in „Billard um halbzehn“ die Konfrontation mit der katholischen Kirche wieder ein Thema, sie steht zwar nicht im Vordergrund wie bei „Ansichten eines Clowns“, aber sie ist da. Böll nimmt die Kirche beim Wort, er misst sie an ihren eigenen Ansprüchen und stellt fest, dass sie diesen nicht gerecht wird. Gewogen und zu leicht befunden.

 


Genre: Romane
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Ein Flamingo im Regen

Der „Flamingo“ ist eine finstere und verrufene Kneipe. Dort hat der Schuldirektor Humphrey das Mädchen Rose kennengelernt.

Da er verheiratet ist, wird er schnell und leicht Opfer einer Erpressung. Doch dann wird dummerweise das Mädchen tot aus einem Kanal gefischt – und seine Briefe stecken in ihrer Tasche.

Nina Bawden ist Jahrgang 1925; ist starb im Jahre 2012. Sie ist nicht nur Schriftstellerin, nach ihrem Studium in Oxfort hat sie auch in einem Stadtplanungsamt, bei einer Lehrfilmgesellschaft und als Buchkritikerin gearbeitet.

Das Buch bietet gute Unterhaltung, die angenehm zu lesen ist. Es bietet doch mehr als das Niveau als der Durchschnitt. Wie stark Nina Bawden auf dem deutschsprachigen Buchmarkt vertreten ist, sei einmal dahingestellt. Das Buch macht jedenfalls neugierig.


Genre: Kriminalliteratur
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Signale der Liebe

Verhaltensforscher haben in einem breit angelegten Forschungsprojekt der Max-Planck-Gesellschaft und des Wiener Ludwig-Boltzmann-Instituts für Stadtethologie untersucht, welche Faktoren unser Beziehungsverhalten beeinflussen. Welche Gesetze und Mechanismen der Kontaktaufnahme gibt es? Welche Strategien bestimmen die Wahl eines Partners? Welche Rolle spielen Fakten wie Schönheit, erotische Attraktivität und Selbstdarstellung? Wie funktioniert die Körpersprache? Mit welchen Tricks und Finessen wird der Wunschpartner umgarnt?

Grammer ist Jahrgang 1950. Das Studium der Zoologie, Anthropologie und Physik an der Universität München schloß er 1982 mit der Promotion ab. Schon seit 1978 ist er Mitarbeiter an der Forschungsstelle für Humanethologie der Max-Planck-Gesellschaft. seit 1985 ist er wissenschaftlicher Assistent, oon 1991 bis 2008 leitete Grammer das Ludwig-Boltzmann-Institut für Stadtethologie in Wien und ist außerordentlicher Professor an der Universität Wien im Department für Anthropologie. Dies hier ist seine erste Buchveröffentlichung.

Der berufliche Hintergrund des Autoren läßt es erahnen: Hier liegt ein streng wissenschaftliches Werk vor. Es geht um Faktenwissen und nicht um populärwissenschaftliche Betrachtungen im Stile der Boulevardpresse. Dementsprechend hoch ist auch das sprachliche und inhaltliche Niveau. Ein Buch wie dieses ist für den Fachmann gemacht.


Genre: Sachbuch
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Landschaften einer fernen Mutter

Said LandschaftenIn einem sehr persönlichen Kontext gab mir eine junge deutsche Frau mit Migrationshintergrund die „Landschaften einer fernen Mutter“, einen autobiographischer Text des iranischstämmigen Autors Said.

Darin beschreibt und verarbeitet er die wenige Tage nach seiner Geburt vollzogenen Trennung von seiner Mutter. Die Scheidung der Eltern vollzog sich bereits während der Schwangerschaft und es war beschlossene Sache, dass das Kind ausschließlich bei seinem Vater leben sollte. Ein einziges Mal durfte er als Zwölfjähriger die Mutter sehen.

Jahrzehnte später: Said ist inzwischen 43 Jahre alt und lebt schon seit langem im deutschen Exil. Überraschend erhält er einen Telefonanruf: die Mutter sei auf dem Weg nach Kanada und möchte ihn, Said, treffen. Nach umständlichen Pass- und Visaverhandlungen begegnen sich die beiden Fremden in Toronto in der Wohnung des ebenfalls unbekannten Halbbruders zum ersten Mal. Drei Wochen verbringen sie gemeinsam in einer Wohnung, drei Wochen, um sich zu begrüßen, kennenzulernen und sich wieder voneinander zu verabschieden.

Die Landschaften sind viel mehr als nur eine Erzählung über die allgemeine Erfahrung des Fremdseins. Ausschließlich in Kleinbuchstaben geschrieben fällt der Text den Leser ungedämpft mit all seinem Schmerz und seinen Ressentiments an, der Leser schwankt zwischen Befremden und Betroffenheit. Das zerrissene Verhältnis zur Mutter spiegelt der Autor in der Romankonstruktion wider, sich der Stilmittel des Fragmentarischen, Lückenhaften und eingefügter, scheinbar willkürlich in der Zeit springender Passagen bedienend. Über weite Strecken schafft Said eine beeindruckende Sachlichkeit, eine unterdrückte, beherrschte Traurigkeit, doch spätestens im Epilog zeigt sich seine große Verbitterung über die zweimal verlorene Mutter, die ihn nicht mehr loslässt und auch den Leser noch länger begleitet.

Die „Landschaften einer fernen Mutter“ sind ein bis zur Exhibition persönliches Buch, über weite Strecken zwar pragmatisch und aus selbstauferlegter Distanz geschrieben, im Epilog dann so undiplomatisch, so radikal von der Seele geschrieben wie nur möglich. Einmal nennt er Kafka, so dass der Vergleich mit dem „Brief an den Vater“ sich geradezu aufdrängt. Der große Unterschied besteht darin, daß Said weiß, daß seine Mutter den Abschiedsbrief nie lesen wird.

Das Buch an sich ist so eigenartig wie die Erfahrung, die es beschreibt. Streckenweise gerät der Leser zwischen die Fronten, fühlt sich fast zum Schöffen ernannt. Aber wünscht Said die Zustimmung seiner Leser oder die Widerrede? Entscheiden will man hier nicht. Befremden und Betroffenheit mischen sich zu einer seltsamen Leseerfahrung.

SAID ist ein im deutschen Exil lebender iranischer Schriftsteller. Er kam 1965 als Student nach München, wo sich seine literarischen Ambitionen schnell mit einem politischen Engagenment und einem Bekenntnis zur Demokratie verbanden, welches eine Rückkehr in den Iran bis heute verhindert. Seit längerem deutscher Staatsbürger schreibt er Lyrik und Prosa in deutscher Sprache mit all ihren Nuancen. Auszeichnungen erhielt er nicht nur für sein literarisches Werk, sondern auch für sein Engagement für politisch Verfolgte, u.a. im  „Writers in Prison Committee“ .

Ich muss gestehen, dass mir der Schriftsteller bisher unbekannt war. Ich war von dem Buch aber tief berührt, werde sicher noch mehr von ihm lesen und empfehle das auch gerne  – schon alleine, weil es sich die intellektuelle, gebildete Schicht der Muslime wünscht.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Genre: Biographien, Memoiren, Briefe
Illustrated by dtv München

Houwelandt

Jorge Houvelandt braucht das Meer. Hier fühlt er sich seinem Gott nahe, hier flieht er den Schmerz, der ihn innerlich zerfrisst. Täglich schwimmt der Daueremigrant an der spanischen Costa Blanca zu einer unwegsamen Insel, um allein zu sein, und hier fasst er seinen Entschluss, sich einer Feier zu seinem 80. Geburtstag zu entziehen.

Der alte Mann und das Meer sind das bestimmende Thema in John von Düffels Novelle »Houwelandt«, die das Scheitern, Zerbrechen und erneute Zusammenwachsen einer Familie skizziert. Das Meer dient ihm dabei als romantische Metapher – Sinnbild für Sehnsucht und Aufbruch, für Abschied und Heimweh eines zerbrochenen Familienclans.

Jorges Sohn Thomas, 57, verwaltet dessen Besitz in Deutschland. Er hat in seinem Leben viel angefangen und wenig zu Ende gebracht. Entsprechend herunter gekommen ist das Anwesen derer von Houwelandts. Seine Mutter Esther, Jorges Frau, hat heimlich Geld gespart, um notwendige Renovierungsarbeiten zu bezahlen. Dafür will sie den Sohn zwingen, eine Rede zum 80. Geburtstag des Patriarchen zu schreiben.

Esther möchte nämlich ein dem Anlass gebührendes Fest veranstalten: kulinarisch anspruchsvoll, aber nicht extravagant, großzügig, aber ohne übertriebene Opulenz. Als ihre Sachwalterin vor Ort betrachtet sie Thomas Ex-Frau Beate, bei der sie sich einige Tage vor der Veranstaltung einquartiert.

Thomas nutzt die Ausarbeitung der Rede zu einer Generalabrechnung mit seinem Vater, einem unnahbaren Hagestolz, der seinen Sohn schikanierte. Mit der Aufarbeitung erlittener Grausamkeiten will er seinem eigenen Spross Christian, „Erstgeborener des Erstgeborenen“, die Augen öffnen. In seiner Aufarbeitung zerrt er tief sitzende Kränkungen und Verletzungen ans Licht. Dabei kämpft er um die eigene Wahrheit wie um Recht und Unrecht in der Vergangenheit.

Über die Vorbereitungen der Geburtstagsfeier wächst die aus lauter Fremden bestehende Familie wieder ein wenig zusammen. Derweil zieht Patriarch Jorge im weit entfernten Mittelmeer unverdrossen seine Bahnen und begegnet dabei einem Jungen, in dem er sich in seiner Härte, seinem Misstrauen und seiner Unfähigkeit, zu lieben, wieder findet. Die einzige Frage, die sich der Leser stellt, lautet nur noch: wird die Geburtstagsfeier tatsächlich stattfinden?

„Houwelandt“ liest sich spannend und schnell. Das Tempo der Erzählung wird durch den Wechsel der Erzählperspektive bestimmt, die jeweils das entsprechende Familienmitglied einnimmt. Was jedoch wie eine Familiensaga beginnt, ertrinkt bald im Klischee. Der bittere Alte, der missratene Sohn, die ungeliebte Frau, das alles sind Ansätze, aus denen sich wesentlich mehr entwickeln ließe.

John von Düffel beobachtet zwar ausgezeichnet und versteht es auch, die drei Generationen in ihrer jeweiligen Denkungsart deutlich zu machen. Er verzichtet jedoch auf den großen Bogen, mit dem er sein Thema zu einer wirklichen Familiensaga hätte machen können.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Genre: Romane
Illustrated by dtv München