Die Liebesblödigkeit

Ich muss gestehen – ich war sehr skeptisch. Ich mag Genazinos Bücher wegen ihrer unaufdringlichen, unentschlossenen, diffusen, hirnverstopften Scheiterer. Wegen der undandyhaften Flanierer, der unter- (und dadurch nicht selten über-) forderten Brotberufler und nichtzupottekommenden Wahrnehmungsautisten. Wegen der noch von 68er-Hoffnungen unterspülten, enttäuschbaren, sich aber zu keinerlei Umsturz mehr aufraffen könnenden, weil bereits zu reflexiv gewordenen, mehr mit sich selbst als dem Großen und Ganzen hadernden, leis verzagten Vorsichhinwurschtler.
Dann kam der Erfolg für den Autor (Büchnerpreis), und es folgte dieser Roman über einen Mann, der zwischen zwei Frauen steht. Ich hatte nun die Befürchtung, der neue Ruhm könne dem Autor zu Kopf gestiegen sein – und Literatur ist halt mal Kopfsache – ; und dass, in abgewandelter Form, der Joseph-von-Westphalen-Effekt eintreten könnten: Vom kritisch-genauen Beobachter zum Weiberheldtheoretiker, dem aber im Laufe der sich immer schneller promiskuierenden Zeit die Feinde ausgehen, weswegen seine Frauengestalten immer nörgeliger, anachronistsicher und unglaubwürdiger werden, weil sie die ganze Last der Glücksverhinderung zu tragen haben.
Meine Skepsis war unbegründet, denn natürlich schafft es ein Held von Genazinos Gnaden, zwischen den Fronten zu stehen, ohne überflüssige Flottheit zu verströmen oder auch nur einen halbwegs kernigen, konkreten Konflikt im Sinne einer menage à trois zu durchleben (oder dessen kultivierte Vermeidung à la Jules et Jim (resp. Julian and Barnes)); die eben aus dem, was sie so genau negiert, ihre gewissermaßen exakte Melancholie gewinnt.
Denn natürlich geht es hier nicht ums >>hoppla, ich bin so frei(zügig)<<. Sondern hier bindet sich jemand, der sich ewig prüft, lieber zweimal ans Leben, um diesem nicht völlig abhanden zu kommen, zumal seine Freunde und Bekannten, ähnliche Nichtszustandebringer wie er und allesamt Leute, die ihre Nutzlosigkeit zum Beruf gemacht haben, diesem Zweck wohl nicht dienlich sein dürften. Fazit: Genazino as usual. Und usual heißt bekanntlich gewöhnlich. Und gewöhnlich bei Genazino heißt bekanntlich: außergewöhnlich.


Genre: Romane
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November 1918 – Eine Deutsche Revolution

Band 1: Bürger und Soldaten

Es sind die ersten Novembertage des Jahres 1918, der Kaiser ist nach Holland geflüchtet, der Krieg für Deutschland verloren. In einem elsässischen Städtchen warten Soldaten und Zivilisten gleichermaßen gebannt auf Neuigkeiten in diesen unruhigen Zeiten der Irrungen und Wirrungen, sie hören die Kunde einer Revolution, ausgehend von Matrosen in Wilhelmshaven und von dort weiter getragen in das ganze deutsche Reich. Wir begleiten – unter anderen – den verwundeten Oberleutnant Becker, einen Gymnasiallehrer auf der Suche nach neuen Werten und dürfen miterleben, wie die tief gespaltene Bevölkerung sich auf die Besetzung durch französische Truppen vorbereitet.

Band 2: Verratenes Volk

Zerrissenheit herrscht auch in der Reichshauptstadt Berlin: Die regierenden Sozialdemokraten Ebert und Scheidemann paktieren im Geheimen mit den alten Mächten, die sich um General Hindenburg scharen; hart bedrängt von den Spartakisten Karl Liebknecht und Kurt Eisner, dem bayerischen Ministerpräsidenten, die nicht bereit sind, ihre Ideale zu verraten und deshalb auf eine echte sozialistische Revolution pochen. Doch wiederum folgen wir ebenso den einfachen Leuten auf ihren verschlungenen Wegen, treffen elegante Kriegsgewinnler und dekadente Schieber, versprengte Deserteure und lustige Witwen. Auch Becker ist wieder in Berlin bei seiner Mutter, wo er sich von den Verletzungen an Körper und Seele erholt. Die politische Krise eskaliert, als am 6. Dezember Gardesoldaten unbewaffnete Spartakus-Demonstranten angreifen und dabei etliche töten.

Band 3: Heimkehr der Fronttruppen

US-Präsident Wilson reist per Schiff nach Europa um seine humanistischen Vorstellungen einer neuen Weltordnung zu präsentieren, aber seine Vision eines gerechten und dauerhaften Friedens und der Aufbau eines Völkerbundes scheitern in der Konferenz von Versailles am Kleingeist und Egoismus der europäischen Staaten. Währenddessen kehren in Deutschland die Soldaten aus dem Krieg heim, ermüdet und desillusioniert zerfällt die einst so gefürchtete Armee. Die Reichsregierung gerät zunehmend zwischen die Fronten der Generale und Spartakisten; der Kleinbürger Ebert verliert dabei immer mehr den Überblick und auch seine letzten Ideale. Becker dagegen findet in der Krankenschwester Hilde eine neue Liebe und kämpft zusammen mit ihr gegen dunkle Dämonen der Depression und Kriegsbilder, die ihn immer wieder quälen. Schließlich gelangt er zum christlichen Glauben, allerdings zu der radikalen Variante des Neuen Testaments; eine Wandlung, die ihn Freunde und Weggefährten kostet.

Band 4: Karl und Rosa

Becker kehrt für kurze Zeit in den Schuldienst zurück, doch er bemerkt schnell, dass das nicht mehr seine Welt ist. Er verliert seine Liebste und wird auf eine harte Probe gestellt: Seine Güte und Menschlichkeit führen ihn in das von Spartakisten besetzte Polizeipräsidium, als es von Regierungstruppen angegriffen wird. Schnell erkennt er, wohin er gehört und kämpft Seite an Seite mit seinen neuen Genossen. Er wird verwundet und festgenommen, lehnt aber eine Begnadigung ab und geht für 3 Jahre ins Gefängnis. Unfähig, sich danach wieder in die ihm fremd gewordene bürgerliche Gesellschaft einzufügen, zieht er als Landstreicher und Rebell durch die Gegend, um schließlich einsam, doch mit geretteter Seele zu sterben.

Rückblende auf die Kriegsjahre: Die revolutionäre Freiheitskämpferin Rosa Luxemburg sitzt in einem Breslauer Kerker und leidet unter der ihr aufgezwungenen Tatenlosigkeit. Endlich ist der Krieg zu Ende und sie – wie auch Karl Liebknecht – wird entlassen. Die beiden gehen nach Berlin, wo sie dringend gebraucht werden, denn Reichskanzler Ebert tut dort alles, um die Revolution zu stoppen. Die Stunde scheint günstig für die Aufständischen, Liebknecht mobilisiert die Massen, doch anstatt gemeinsam dieses Potenzial zu nützen, ergehen sich die übrigen Parteiführer in endlosen Diskussionen und Theoriedebatten; es sind eben sehr deutsche Revolutionäre. Die Regierung wird von derartigen Skrupeln nicht geplagt, Ebert überlässt es seinem Bluthund Noske, die Gegenrevolution zu organisieren und der fackelt nicht lange. Inzwischen in Berlin eingetroffene Offizierstruppen jagen Karl und Rosa, fassen sie schließlich mit Hilfe von Verrätern und erschlagen die beiden auf der Stelle man schreibt den 15. Januar 1919. Die feigen Mörder gehen mit Unterstützung der sozialdemokratischen Regierung straffrei aus, die deutsche Revolution ist zu Ende.

Alfred Döblin ist den meisten Literaturfreunden wohl hauptsächlich durch „Berlin Alexanderplatz“ bekannt, ein Buch, das mich ehrlich gesagt nie sonderlich begeistert hat. In seiner Revolutionstetralogie dagegen zeigt er, dass er sein Handwerk wirklich versteht: Ohne falsches Pathos verknüpft der Autor die historische Entwicklung mit den Geschicken zahlreicher fiktiver Romanfiguren, dabei entsteht ein wunderbar schlüssiges Gesamtbild, ein Sittengemälde dieser spannenden Zeit. Trotz etlicher Nebenhandlungen verzettelt er sich nicht, der Fokus bleibt stets streng erhalten. Die Bücher sind in überschauliche Kapitel gegliedert, die sich in Stil und Inhalt bisweilen erheblich unterscheiden. Mystischen Begegnungen der Protagonisten mit Geistern, Engeln und Dämonen folgen nüchterne Beschreibungen von Truppenverschiebungen, allzu menschliche Liebesaffären werden abgelöst durch tagebuchähnliche Gedanken der Spree in Berlin und wenn es nötig ist, meldet sich der Verfasser auch selbst zu Wort.

„November 1918“ ist weitaus mehr als die Verarbeitung historischer Ereignisse, Döblin erteilt eine Geschichtslektion und bezieht Stellung: Deutlich zutage tritt seine kritische Sympathie für die Revolutionäre des Spartakusbundes (nicht umsonst trägt Band 4 den Titel „Karl und Rosa“), ebenso wie seine Verachtung für die Sozialdemokratie der Genossen Ebert und Noske, die für ihren Verrat am Volk und der Sache mit sorgfältig ausgesuchten Worten voller Zynismus und Sarkasmus bedacht werden. Aber auch die andere Seite bekommt ihr Fett weg; für eine echte Revolution waren sie wohl doch zu deutsch, Respekt vor den Symbolen des Staates, aber auch vor den Theorien ihrer geistigen Lehrer verhinderten die notwendige Spontaneität und Skrupellosigkeit.

Die vier Romane schrieb Döblin in einem Zeitraum von mehr als 15 Jahren auf der Flucht vor den Nazis im Exil. Eine der Hauptfiguren, Studienrat Dr. Friedrich Becker, trägt autobiographische Züge, denn wie der Autor findet er schließlich zum christlichen Glauben in einer radikalen Prägung, die ihm ein Verbleiben in der bürgerlichen Gesellschaft unmöglich macht. Auch Döblin sah sich mit verschiedenen Problemen konfrontiert, als er nach dem zweiten Weltkrieg sein Manuskript anbot; erst in den 70er-Jahren wurde das Werk in kompletter Form veröffentlicht. Nicht nur denen, die sich für diesen Abschnitt deutscher Geschichte interessieren, sondern auch allen anderen, die einfach Freude an gepflegter Literatur empfinden lege ich es wärmstens ans Herz.

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Genre: Politik und Gesellschaft
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Die Liebesblödigkeit

Wilhelm Genazinos Held ist ein freischaffender Zivilisations-Apokalyptiker, der mehr schlecht als recht von Verträgen, Kolloquien, Tagungen und gelegentlichen Essays in Fachzeitschriften lebt. Dafür ist er reich mit den Segnungen der Liebe ausgestattet: Der 52jährige unterhält intensive und langjährige Verhältnisse zu zwei höchst unterschiedlichen Frauen. Dabei handelt es sich um die gescheiterte Konzertpianistin Judith sowie die Büroangestellte Sandra, die sich plötzlich der Hobbymalerei zuwendet.

Die dauerhafte Liebe zu diesen beiden schenkt ihm nach eigenem Dafürhalten eine wunderbare Doppelverankerung in der Welt. Er hält die Liebe zu zwei Frauen weder für obszön noch gemein oder besonders triebhaft. Sie ist ihm vielmehr eine bedeutsame Vertiefung aller Lebensbelange. Dem Ich-Erzähler ist jedenfalls das Bewusstsein dafür, dass sein Sexualleben polygam genannt wird und nach den herrschenden Auffassungen niederträchtig ist, im Laufe der Jahre abhanden gekommen. So wünscht er allen Männern zwei Frauen und allen Frauen zwei Männer, wenigstens phasenweise, denn das sei die Mindestüppigkeit, mit der wir den Kampf gegen unser armseliges Leben antreten können, ohne uns gleich dem Gesetz der Kargheit auszuliefern.

Sein eigenes Leben ist trotz dieser Üppigkeit von keimenden Krankheiten, diversen Zipperlein und einem spürbaren Alterungsprozess bestimmt. Er beobachtet Krampfadern und das Zucken eines Augenlids und erlebt das schleichende Nachlassen seiner Manneskraft. Das alles serviert ihm einen guten Schuss Todesangst. Außerdem fürchtet er, aufzufliegen. Was soll werden, wenn er plötzlich ins Krankenhaus muss und beide Damen prallen aufeinander?

Auf einem seiner Apokalypse-Seminare in den Schweizer Bergen reift sein Entschluss, sich von einer der beiden Beziehungen zu verabschieden. Aber von welcher der höchst unterschiedlichen Damen soll er sich trennen, oder soll er sich sowohl von Judith wie auch von Sandra lösen und es dann noch einmal völlig neu versuchen? Beim Abwägen der Vor- und Nachteile verfällt der Prediger des Weltuntergangs zunehmend in einen von ihm als Liebesblödigkeit bezeichneten Zustand. Tatsächlich rutscht er in eine Depression, die ihm jede Entscheidungskraft raubt. Er kriecht immer stärker in sein Schneckenhaus und kommt vollends ins Schwimmen, als er auf seine Ex-Frau Bettina trifft, der er lieber aus dem Weg gehen möchte.

Er spürt seine Feigheit, empfindet sich als Versager und erlebt sich als ein Katastrophenbefallener. Auch sein Umfeld, der Postfeind Bausback, der Panik-Berater Dr. Ostwald, Herr Mannschott, der Alkohol-Sekretär der Turbinenfabrik Schnellinger, der Empörungs-Beauftragte Morgenthaler und Dr. Blaul, der als Ekelreferent tätig ist, helfen ihm wenig bei der Lösung des Problems. Sie sind selbst alle Verlorene, merkwürdige Gestalten am Wegesrand, die einfach nur komisch wirken.

Nun erwartet der Leser, der dem Geschehen folgt, wohl eine Lösung oder eine jähe Wendung. Ob die Damen zu guter Letzt vielleicht sogar ihren langjährigen Freund und Liebhaber verlassen, ob er selbst eine Entscheidung fällt und sich vielleicht in ein hübsches junges Ding verliebt, das seinen Weg kreuzt? Geübte Genazino-Leser ahnen jedoch, dass sich der Fortgang der Handlung auflöst in einer Reflektion über Todesangst wie über das Todesangsttheater, das seinen Helden verwirrt. Wie immer bei diesem Autor ist der Roman relativ handlungsarm und dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, spannend bis zur letzten Zeile.

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Genre: Romane
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Mein Lied geht weiter

Eine Schwalbe macht noch keinen – wie bitte?

Der kahle Lindenbaum vor det Museum,
Is -haste Worte- wieda jrien belaubt.
Die Amseln üben wieda ihr „Te deum“,
Der Friehling kommt. Wer hätte det jejlaubt!
Ick laß mia von´ Aprilwind nicht vaschrecken
– Von wejen „Volksmund“, ick bleib fest dabei:

Eene Schwalbe macht eenen Sommer!
Eene Rose macht eenen Mai!

In meinem Blumentopp blieht schon een Krokus
– Na, und mein Emil is so jut wie neu!
Nachts im Park jibts wieda Hokuspokus.
Aus eins und eins wird zwei. Und späta drei!
Det een Mal keen mal sein soll, is een Märchen.
Man hat oft Pech, doch bleib ick fest dabei:

Eene Schwalbe macht eenen Sommer,
eene Rose macht eenen Mai.
Ei wei!

Wenn die ersten Schneeglöckchen blühen und die letzten Schneeflocken fallen, draußen die Sonne scheint, es aber noch a…kalt ist, kann man drinnen noch getrost seinen Leidenschaften frönen, z.B. ein Gedichtbuch zur Hand nehmen…
Dies tuen wahrscheinlich nur wenige Menschen, denn man musste in der bereits verflossenen Schulzeit andauernd Gedichte auswendig lernen und interpretieren…
Aber es gibt auch eine stets wachsende Fangemeinde, die in Gedichten etwas ganz anderes findet, z.B. Humor…
Und den feinen Humor, trotz aller ernsthaften Lebensangelegenheiten, atmen die meisten Gedichte von Mascha Kaleko ein und aus…

Der vorliegende kleine Band ist eine Auswahl von einhundert Gedichten aus Mascha Kalekos Nachlass, der sich in sieben „Kapitel“ gliedert…
Das Gute daran ist, dass man die Kapitel nicht, wie in einem Roman, nacheinander lesen muß, sondern man einfach irgendeine Seite aufschlagen und loslesen kann…
Aber Vorsicht, alles in Maßen und nicht in Massen! Auch für Mascha Kalekos Kleinode gilt: Weniger ist mehr!
Man kann den kleinen Band schon jetzt „durchkämpfen“, aber er liest sich bestimmt auch genauso schön unter einem sommerlichen Apfelbaum…

Zum Schluss noch etwas in Hochdeutsch für alle Fans dieser Internetseite, natürlich von Mascha Kaleko (1907-1975):

Ansprache eines Bücherwurms

Der Kakerlak nährt sich vom Mist,
Die Motte frißt gern Tücher,
Ja selbst der Wurm ist, was er ißt.
Und ich, ich fresse Bücher.

Ob Prosa oder Poesie,
Ob Mord – ob Heldentaten –
Ich schmause und genieße sie
Wie einen Gänsebraten.

Ich bin ein belesner Herr,
Nicht wie die andern Viecher!
Daß Bücher bilden, wißt auch ihr,
Und ich – ich fresse Bücher.

Die Nahrung, sie behagt mir wohl,
Verleiht mir Grips und Stärke.
Was andern Wurst mit Sauerkohl,
Das sind mir Goethes Werke.

Ich fraß mich durch die Literatur
So mancher Bibliotheken;
Doch warn das meiste, glaub es nur,
Bloß elende Scharteken.

Das Bücherfressen macht gescheit.
So denken sich´s die Schlauen.
Doch wer zuviel frißt, hat nicht Zeit,
Es richtig zu verdauen.

Drum lest mit Maß, doch lest genug,
Dann wird´s euch wohl ergehen.
Bloß Bücher fressen macht nicht klug!
Man muß sie auch verstehen.


Genre: Lyrik
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Ein Regenschirm für diesen Tag

Wilhelm Genazinos durch Frankfurt latschender Protagonist ist gut zu Fuß. Der Flaneur, der häufig das Gefühl empfindet, ohne seine innere Genehmigung auf der Welt zu sein, ist Meistertester der Schuhmanufaktur Weisshuhn. Im Auftrag des expandierenden Unternehmens prüft er handgearbeitetes Schuhwerk, schreibt darüber umfangreiche Gutachten und hält sich mit diesem Minijob mehr schlecht als recht über Wasser.

Seine langjährige Gefährtin und Geldgeberin Lisa hat den Schuhtester inzwischen verlassen, um ihn zu zwingen, sich endlich um einen besseren finanziellen Hintergrund zu bemühen. Die früh pensionierte Grundschullehrerin, »die sich für den Staat, für die Kinder oder für ihre Illusionen ruiniert hat«, meint damit seine »mangelhafte finanzielle Verwurzelung in der Welt«.

In ständigem Gedankenfluss wandert der namenlose Ich-Erzähler durch die Stadt. Er erlebt die Zerbröckelung, Zerfaserung und Ausfransung seines Lebens als Prozess, den er »Verflusung« nennt. Er stört sich an Kindern, die Schokolade essen ebenso wie an Autos, die am Straßenrand parken. Während er ziellos durch die Landschaft schlendert und sich vom Leben abzulenken versucht, beobachtet er unterschiedlichste Gestalten und notiert in Gedanken ihre Bewegungen, Eigentümlichkeiten und Eigenschaften. Es scheint ihm dabei so, dass der Auftritt einer Person, der es offenkundig noch schlechter geht als ihm, in ihm das Verhalten eines guten Menschen hervorruft.

Gelegentlich trifft er weibliche Bekannte, die ihn an seine Kindheit und Jugend erinnern. »Man wird die Leute nicht mehr los, denen man einmal von seiner Kindheit erzählt hat«, klagt er und kehrt in einen Frisiersalon ein, mit deren Inhaberin ihn ein gelangweiltes Gelegenheitsverhältnis verbindet. Auch eine Freundin aus der Jugendzeit rührt ihn nicht wirklich an, wenn er zum wiederholten Mal ihrem verpatzten Traum von einer Schauspielerkarriere lauscht.

Seine »Tagesverdammnis« will es, dass die Schuhmanufaktur sein Honorar für die Berichte auf ein Viertel kürzt. Er beschließt, den Job aus Verachtung aufgeben, doch er ist zu matt und erfindet künftig lieber aus Rache die Gutachten. Sein Dünkel besteht aus einem fast permanenten Zusammenstoß von Demut und Ekel. Die Demut gemahnt ihn, auch die dümmsten Geschichten seiner Mitmenschen anzuhören. Der Ekel stachelt ihn an, zu fliehen, um nicht in den Ausdünstungen seiner Mitmenschen unterzugehen.

Beiläufig stößt er auf den Redakteur des Generalanzeigers, für den er einstmals bereits tätig war. Obwohl er es eigentlich ablehnen möchte, nimmt er dann doch dessen Angebot an, für das Blatt lokale Berichte zu schreiben. Zudem erklärt er Leuten, die ihm ein Gespräch aufdrängen, er leite ein Institut für Gedächtnis- und Erlebniskunst. Zu ihm kämen Menschen, die das Gefühl haben, dass aus ihrem Leben nichts als ein lang gezogener Regentag geworden sei. Sein Institut versuche, Klienten zu Erlebnissen zu verhelfen, die wieder etwas mit ihnen selber zu tun haben, jenseits von Fernsehen, Urlaub, Autobahn und Supermarkt. Verstört reagiert er, als sich Menschen von seiner Notlüge angesprochen fühlen und sich ihm als Kunden aufdrängen.

Genazinos Roman besteht aus dem endlosen Monolog eines intellektuellen Stadtstreichers, der sich und seine Umwelt ständig beobachtet. Der Autor beschreibt haargenau Menschen, die sich im Alltag bewegen und lässt sich, genau wie im richtigen Leben, federleicht ablenken von Figuren, die wie Treibgut in sein Blickfeld schwimmen. Dabei fällt die ungeheure Kraft des Erzählers auf, den Leser nur durch Beobachtungen am Geschehen teilhaben zu lassen. Genazino verzichtet nahezu vollständig auf den Einsatz anderer Sinne, wie es den Teilnehmern jedes »Kreativ-Schreiben«-Kurs bereits in den ersten Lektionen ins Hirn gehämmert wird. Höchst selten findet ein Riechen, Schmecken, Hören oder Tasten statt, ein Geruch »fällt ihm auf«, aber dabei lässt er es auch schon bewenden.

Die lakonische Erzählweise Genazinos und das dabei entstehende Gemälde einer Persönlichkeit am Rande des Scheiterns sind eindrücklich. Der Autor arbeitet photographisch exakt, er belichtet ausgewählte Details und vergrößert sie für seine Prosacollage im »Gestrüpp, Geröll, Geraschel, Geschluppe, Geschlappe« des Lebens. Sein Roman über ein im Gleichmass verlaufendes «Ablenkungsleben» ist ein Buch für Leser, die zuweilen auch das Gefühl haben, dass ihr bisheriges Leben lediglich ein lang gezogener Regentag ist und «ihr Körper der Regenschirm für diesen Tag».

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Genre: Romane
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Zeiten des Aufruhrs

Richard Yates‘ Roman „Zeiten des Aufruhrs“ erschien erstmals 1961 in den USA. Er erzählt die Geschichte des jungen Ehepaares April und Frank Wheeler. Sie leben Mitte der 50er Jahre mit ihren beiden Kindern in einem Haus mit Garten in „Revolutionary Hill“, einer Neubausiedlung in Connecticut in der Nähe von New York.
In der Familie herrscht die traditionelle Rollenteilung : April kümmert sich um die Kinder und den Haushalt, Frank arbeitet als Verwaltungsangestellter einer New Yorker Firma, die Geräte für Büros herstellt und vertreibt, darunter den „Knox 500“, den ersten Firmencomputer. Die Wheelers zählen nur das Ehepaar Campbell zu ihren Freunden, die anderen Nachbarn sind ihnen zu spießig. Mit Milly und Shep Campbell treffen sie sich öfters zu einem gemeinsamen Abend zu Hause oder zum Besuch eines Tanzlokals. Dem oberflächlichen Blick eines Nachbarn präsentieren sich die Wheelers als ganz normale junge Familie; in Wirklichkeit stecken sie, wie der Leser schon nach kurzer Lektüre erfährt, in einer schlimmen Krise.
April ist unglücklich in ihren Rollen als Mutter, Hausfrau und Partnerin, und sie gibt sich keine Mühe, dies vor ihrem Mann zu verbergen. Ihr Versuch, als Laienschauspielerin Anerkennung und Bestätigung zu erhalten, scheitert kläglich. Frank hat den „ödesten Job“ der Welt, den er seinerzeit nur angenommen hat, um seine Frau und das erste Kind, das ungeplant (und unerwünscht) unterwegs war, ernähren zu können. Interesse für seine Arbeit und Anerkennung seiner Leistungen kann er von seiner Ehefrau nicht erhalten. So herrscht in der Familie oft Streit, die sexuelle Beziehung der Eheleute ist gestört und es spricht einiges dafür, dass die Liebe,falls es sie in dieser Beziehung überhaupt einmal gegeben haben sollte, dahingegangen ist.
In dieser ausweglosen Situation ergreift April mit einem radikalen Plan die Initiative : sie schlägt Frank vor, Job und Haus aufzugeben, mit den Kindern nach Paris überzusiedeln und es ihr zu überlassen, bei einer internationalen Organisation das Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen, während Frank, endlich erlöst von den Fesseln des verhassten Jobs, ohne Druck herausfinden könnte, wozu er in seinem Leben wirklich berufen ist. Der Ehemann hat Einwände, doch er kann überzeugt werden; nun beginnt für die Beiden eine Zeit der Zufriedenheit und der Zuversicht, ihre emotionale Beziehung wird intensiv und lebendig. Die Vorbereitungen kommen gut voran, die Nachbarn und die New Yorker Firma sind informiert und der Hausverkauf ist in die Wege geleitet, da nimmt die Geschichte erneut eine überraschende Wende : April ist schwanger …

„Zeiten des Aufruhrs“ ist ein zentrales Werk der amerikanischen Nachkriegsliteratur, das unverkennbar mit dem europäischen Gesellschaftsroman verwandt ist, wie wir ihn von Theodor Fontane und Gustav Flaubert kennen. Der exzellent aufgebaute Roman erzählt in klarer, schnörkelloser Sprache eine dramatische Geschichte und verbindet diese gekonnt mit Elementen der Komödie( z.B. wenn Howard und Helen Givings auftauchen. Howard hat sich angewöhnt, sein Hörgerät abzuschalten, wenn er vom endlosen Gerede seiner Frau genug hat, doch diese bemerkt es nicht einmal).
Interessant und aktuell ist Yates‘ Roman heute genauso wie vor 35 Jahren, denn er behandelt eine Frage, die sich für jede Zeit und jede Generation und jede Gesellschaft immer wieder neu stellt : Hat die Institution Ehe in einer modernen Gesellschaft überhaupt noch eine Chance oder ist sie ein Anachronismus?


Genre: Romane
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Thomas Bernhard

Hoell beschreibt die schwierige Kindheit Bernhards als Initialzündung für dessen literarische Arbeit. Bernhards Mutter Herta floh aus dem erzkatholischen, intoleranten Österreich, um ihr unehelich geborenes Kind zur Welt zu bringen und ging dazu nach Holland. Geburtsort Bernhards war insofern Heerlen/NL. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, gab die Mutter den Sohn weg. Thomas verlebte die frühe Kindheit bei seinem Großvater, dem Heimatschriftsteller Johannes Freumbichler (1881-1949) und gewann diesen als Vorbild. Ab 1936 nahm ihn seine Mutter, die inzwischen Emil Fabjan geheiratet hatte, wieder auf.

1948 erkältet sich Bernhard, der inzwischen eine Lehre angetreten hat, beim Abladen einer Lastwagenfuhre Kartoffeln. Ein mehrjähriger Aufenthalt in Krankenhäusern und Sanatorien ist die Folge dieser unausgeheilten Lungeneerkrankung. Diese wächst sich schließlich zu einer TBC aus und erzwingt im Verbund mit anderen Erkrankungen schlussendlich auch das Ende des Dichters, dessen Werk entsprechend von Krise und Krankheit bestimmt ist.

Durch Vermittlung Carl Zuckmayers wird Bernhard ab Januar 1952 beim »Demokratischen Volksblatt« in Salzburg als freier Mitarbeiter beschäftigt. Dort erlernt er das Handwerk des Schreibens. Er versteht sich in seinem journalistischen Schaffen als »Übertreibungskünstler«. »Wenn drei Tote waren, warn´s bei mir immer sieben, dass war eine Berichtigung am dritten Tag … aber es hat die Auflage gehoben, war sehr günstig.« Im Dezember 1954 endet seine Tätigkeit bei dem Blatt, da er sich weigert, in die Sozialistische Partei Österreichs einzutreten, der die Zeitung gehört. Aber er hat in der redaktionellen Zeit »Blut geleckt am Schreiben«.

Bald folgen erste Veröffentlichungen von Erzählungen, und auch einige Gedichtbände, die er später als »Schmarrn« bezeichnet, werden gedruckt. Bernhard hofft noch auf eine Solokarriere als Sänger, fällt jedoch wegen seiner unausgebildeten Stimme durch, er studiert neben Musik auch Schauspiel und wirkt in Theaterstücken mit. Der spätere Autor von 18 abendfüllenden Stücken, die an allen großen Bühnen Europas aufgeführt werden, erhält dadurch intime Einsichten und Kenntnisse in Dramaturgie und Regie.

Durchschlagener Erfolg ist Bernhard erstmals für seinen 1963 erschienen Roman »Frost« beschieden. Wieder ist es Zuckmayer, der ihm mit einer enthusiastischen Rezension in »Die Zeit« den Weg ebnet. In »Frost« erhält ein junger Medizinstudent von einem Assistenzarzt einen ungewöhnlichen Auftrag: Er soll von dessen Bruder, dem in einem österreichischen Gebirgsdorf lebenden Maler Strauch, ein exaktes Beobachtungsprotokoll erstellen. Die Reise führt ihn in ein verkommenes Dorf und in die abgründige Existenz des wahnsinnig gewordenen Malers. Der Roman besteht neben Wahrnehmungen des Studenten und gemeinsamen Gesprächen größtenteils aus Strauchs Monologen. Für dieses Werk erhält Bernhard den Julius-Campe-Literaturpreis. Von einem weiteren Preisgeld erwirbt er einen Vierkanthof im oberösterreichischen Ohlsdorf nahe Gmunden am Traunsee, in dem er sich als Gesamtkunstwerk inszeniert.

»Frost« ist ein Stück Anti-Heimatliteratur, in welchem der Alpentraum zum Albtraum wird: Die Provinz ist kein Idyll mehr, ihre Bewohner sind keine harmlosen Ländler, die Berge kein Postkartenmotiv; es entsteht ein Szenario aus unbarmherziger Kälte, stinkenden Jauchegruben, feisten Wirtinnen und brutalen Verbrechern. Es ist kein Wunder, dass das offizielle Österreich unfreundlich auf seinen erfolgreich schreibenden Staatsbürger reagiert und Bürgermeister über die angebliche Schädigung des Fremdenverkehrs durch die Veröffentlichung lamentieren.

Zum Eklat kommt es anlässlich der Verleihung des österreichischen Staatspreises an Bernhard, als der Autor formuliert: »Wir sind Österreicher, wir sind apathisch; wir sind das Leben als das gemeine Desinteresse am Leben«. Minister, Funktionäre und Würdenträger verlassen empört den Saal und demütigen den Autor, der nicht die übliche Schönrednerei bei einer solchen Veranstaltung pflegt. Einige Preise wird Bernhard noch annehmen, dann verweigert er selbst den Vorschlag zum Literaturnobelpreis.

Die begeisterte Kritik etikettiert Bernhard dagegen frühzeitig als »Alpen-Beckett«, und er selbst bestätigt den Einfluss von Genets »Zofen« auf sein erstes Theaterstück, »Ein Fest für Boris«, das 1967 entstand. Diese rabenschwarze Komödie schrieb er für Salzburg als »eine Art Anti-Jedermann, eine Tafel mit Leuten, ein Fest, aber Verkrüppelte«. Wegen der Vieldeutigkeit des Werkes prägte Umberto Eco den Begriff des »offenen Kunstwerks«, der fortan für Bernhards Gesamtwerk stehen sollte.

In seinem Porträt versteht es der Biograph, die Facetten der Persönlichkeit Bernhards heraus zu arbeiten. Auf der einen Seite war der Erfolgsautor innerlich unsicher und schwankend, gehemmt und oft schroff im Umgang mit seiner Umwelt. Auf der anderen Seite spielte und pokerte er um seinen eigenen Marktwert und nahm dazu ein divenartiges Gehabe an, um die Besonderheit seiner künstlerischen Persönlichkeit zu unterstreichen und bezeichnete sich selbst als »geldgierig«. Seine Verletzlichkeit mündet aufgrund der erlittenen Kränkungen in einer krassen Haltung gegen sein Heimatland. Zwei Tage vor seinem Tod verfügt er, dass seine Werke in Österreich weder aufgeführt noch dargeboten werden dürfen.

Durch die schon in der Kindheit erlittenen Verletzungen verbirgt sich Bernhard hinter Masken und richtet einen Schutzwall um sich auf. Der hoch sensible Autor hegt tiefes Misstrauen gegenüber anderen Menschen. Er geht nie eine feste Beziehung ein und hält sich in jeder Freundschaft Rückzugsmöglichkeiten offen. Lediglich mit seinem »Lebensmenschen«, der 37 Jahre älteren Hedwig Stavianicek, die seine Künstlerkarriere auch finanziell fördert, verbindet ihn eine lebenslange Freundschaft.

Als Bernhard im Alter von 58 Jahren am 12. Februar 1989 an seiner schweren Krankheit stirbt, hinterlässt er ein gewaltiges Werk. Theaterstücke wie »Kalkwerk«, »Ritter, Dene, Voss«, »Minetti«, »Alte Meister«, »Auslöschung«, »Über allen Gipfeln ist Ruh« und »Heldenplatz« stehen neben brillanten Prosawerken wie »Wittgensteins Neffe«, »Der Untergeher«, »Auslöschung«, »Beton«.


Genre: Biographien, Memoiren, Briefe
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Ignaz oder Die Verschwörung der Idioten

Ignaz J. Reilly ist ein Muttersöhnchen aus dem tiefschwarzen New Orleans, das sich auch mit 30 Jahren noch von Mami mit Kuchen und Cremeschnitten füttern lässt. Der feiste, stinkfaule und philosophisch veranlagte Phlegmatiker lebt bevorzugt in seinem Bett und rennt von dort gegen die Segnungen der amerikanischen Zivilisation an. Wütend kommentiert er die nachmittäglichen Programme des Verdummungsfernsehens, ohne auch nur eine Folge der Achse des Schwachsinns auszulassen.

Gelegentlich greift er zu Banjo und Trompete, um ein paar Takte abzusondern und damit die Nachbarn auf die Palme zu bringen. Auf Schmierzetteln notiert er Traktate und Erkenntnisse, mit denen er die Welt aus den Angeln heben will. Der Fleischklops beschimpft alles und jeden. Er ist deftig, dreist, obszön, dabei aber auch unerhört gebildet und ausgesprochen intellektuell. Sich selbst bezeichnet er als »Anachronismus«.

Einer Verkettung unglücklicher Umstände ist es geschuldet, dass Mutter Reilly einen Verkehrsunfall verursacht. Um den entstandenen Schaden zu bezahlen, will Ignaz arbeiten gehen. Er streift sein bodenlanges Flanellnachthemd ab und hüllt sich in eine Ausgehuniform, zu der ausgebeulte Tweedhosen, kariertes Hemd und eine grüne Jagdmütze gehören. Deren Ohrenklappen schlägt er herunter, wenn er redet und klappt sie auf, wenn er ausnahmsweise zum Zuhören bereit ist.

Der exzentrische Parasit, der sich durch vulkanische Blähungen und freche Überheblichkeit gegen alles und jeden auszeichnet, tritt seinen Dienst in der Welt einer herunter gekommenen Hosenfabrik an. Dessen verwesendes Personal sieht in ihm ein Vorbild. Ignaz entwickelt einen »Kreuzzug zur Ehrenrettung der Mohren« und wird zum Anführer der mehrheitlich schwarzen Belegschaft. Er möchte damit auch seiner Brieffreundin Myrna Minkoff aus Manhattan imponieren, die ihn unbedingt »durch Sex« therapieren will. Der Kreuzzug endet im Inferno, die Hosenbude rutscht ins Chaos.

Darauf versucht der eigenwillige Ignaz sich als Würstchenverkäufer. Während er selbst bald sein bester Kunde wird, arbeitet er verbissen an einem neuen Plan zur Rettung der Menschheit »durch ihre Entartung«. Dazu versucht er sich als Anführer einer Schwulenbewegung, die in dem Gecken einen lustigen Zeitvertreib sieht. Er schlüpft in die Rolle des spätantiken Philosophen Boethius, der im entarteten späten Rom als »letzter Römer« die Rolle des Mahners übernahm.

»Ignaz oder Die Verschwörung der Idioten Roman« ist ein unvergleichlich köstliches Buch. Der originelle Held versteht es, durch pures Ungeschick und intellektuelle Missverständnisse von einer Katastrophe in die nächste zu stolpern. Kann der Leser sich eigentlich nur schütteln über die widerwärtige Erscheinung dieses verfressenen Riesenbabys, dessen Verdauungsprobleme sein Hauptanliegen sind, so liefert ihm der Protagonist zugleich eine Steilvorlage nach der anderen zum chronischen Lachanfall. Dieses wahnsinnige Buch ist so intensiv und milieudicht geschrieben, dass es in einem Rutsch verspeist werden möchte, was bei dem Umfang von 478 Seiten jedoch kaum gelingt.

Tragisch ist der Hintergrund des satirischen Romans. Autor John Kennedy Toole suchte verzweifelt einen Verleger für seinen Roman. Als ihm das nach jahrelangem Bemühen misslang, nahm er sich entmutigt 1969 das Leben. Seine Mutter mühte sich dann noch einmal elf Jahre lang, einen Verlag für das Manuskript zu finden. Als es ihr tatsächlich gelang, wurde das Buch ein unbeschreiblicher Erfolg. 1981 erhielt der Autor postum den Pulitzer-Preis für seinen Roman. Die jetzt vorliegende deutsche Taschenbuchausgabe in hervorragender Übersetzung trägt bestimmt dazu bei, diese wahrhaft göttliche Komödie auch dem deutschsprachigen Publikum zu erschließen.

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Genre: Humor und Satire
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Großmama packt aus

„Jener Teil von meinem eigenen Fleisch und Blut, den ich Enkeltochter nannte, ging eines Tages verloren“, schreibt Großmama. Und da sich solche schauderhaften kleinen Geschichten des öfteren ereigneten, scheint es der alten Dame an der Zeit, der kapriziösen Enkelin das ganze Wie und Warum ihres Lebens, eine Art Beichte, aufzuzeichnen.
Irene Dische, die Enkeltochter, wurde 1953 in New York geboren. Ihre Familie aber stammt aus Deutschland, aus einer oberschlesischen Kleinstadt. Großmama freilich kommt aus den besten katholischen Kreisen des Rheinlandes, das sie der Liebe wegen verlassen hat. Dr. Carl Rother wiederum hat seinen jüdischen Glauben aufgegeben, um für sie zum glühenden Katholiken zu werden. Ein Leben in Wohlstand und Anerkennung erwartet die beiden leidenschaftlichen Glückskinder. Dummerweise kommen die Nazis dazwischen, und nichts ist mehr, wie es einmal war. Rother muß nach Amerika fliehen, Frau und Tochter folgen später nach. Schon beim Empfang in New York beginnt das Elend: Statt mit einem prachtvollen Blumenstrauß empfängt der Familienvater seine beiden Frauen mit schnöden Pampelmusen. Während daheim alle anderen Rothers umkommen, beginnt für die Einwanderer der Kampf um das harte amerikanische Brot. Hartnäckig und effektiv verfolgen die ehrgeizigen Deutschen ihren Weg, und auch ihre eigenwillige Tochter gelangt, wenngleich auf Umwegen, ans Ziel. Schade nur, dass sie sich den unmöglichen Dische zum Wegbegleiter auserkoren hat, einen für den Alltag ungeeigneten, genialen und geizigen Wissenschaftler. Ihre gemeinsame Tochter Irene muß nun die genetisch bedenkliche Suppe auslöffeln, die ihr die verblendeten Eltern eingebrockt haben. Wenngleich sie schon als Kind mit der Mutter Leichen seziert und ihre Schulkameraden mit eingelegten Föten schockiert, gerät sie später auf die schiefe Bahn der Literatur. Doch bis dahin ist es eine lange Geschichte, und die erzählt Großmama trotz aller Katastrophen mit solchem Witz, solch unterhaltsamen Plattitüden und solcher Leidenschaft, daß die Lektüre ein wahres Vergnügen ist. Denn diese Großmutter hat es in sich: Noch mit Siebzig liebt sie das Tempo so, daß sie dafür sieben Strafzettel für ihren alten Studebaker in Kauf nimmt und mit aller Macht aus dem Koma zurück ins Leben prescht, wo es gerade am schönsten ist, denn der Kampf zwischen den Geschlechtern ist in eine Friedenszeit übergegangen. Näher kommt man auf Erden dem Paradies nicht, meint sie, und sowieso ist sie doch noch so neugierig! Leider aber hat die Zeit ihre Röcke gerafft und jagt einfach weiter. So übernimmt irgendwann die wilde Irene das Regiment in der Familie, nachdem sie Europa, Asien und Afrika unsicher gemacht hat und schließlich einen Mann wegen seiner kleinen Nase heiratet, damit Großmama im Himmel endlich zufrieden sein kann und wenigstens ihre Urenkel einmal zierliche Näschen bekommen …
Irene Dische aber hat den richtigen Riecher gehabt, wie Bücher flott und fesselnd werden: durch trockenen Humor, starke Charaktere, originelle Episoden und die geschickte Mischung von Tragik und Komik, Naivität und Respektlosigkeit, untermalt von einer umwerfend unsentimentalen Warmherzigkeit.


Genre: Romane
Illustrated by dtv München

Schrei nicht so laut

Frank Elder hat sich nach dreißig Jahren Polizeidienst und einer gescheiterten Ehe nach Cornwall zurückgezogen. Hier in der Abgeschiedenheit versucht der von Albträumen geplagte ehemalige Detectiv-Inspector Ruhe und Abstand zu finden. Aufgeschreckt durch die Nachricht, dass ein junges Mädchen ermordet wurde, erinnert sich Frank Elder an einen ähnlichen Fall, der viele Jahre zurückliegt. Damals konnten unter seiner Leitung zwei Täter ermittelt und verurteilt werden.

Von Susan Blacklock, einem ebenfalls verschwundenen Mädchen, fehlt aber seit vielen Jahren jede Spur. Elder beschließt, diesen Fall wieder aufzurollen. Gleichzeitig wird Shane Donald, einer der ehemaligen Mörder und Vergewaltiger, vorzeitig aus der Haft entlassen. Elder heftet sich auf seine Spur, ermittelt aber gleichzeitig in verschiedene Richtungen und kommt dabei zu interessanten Erkenntnissen. Aber als seine eigene Tochter gekidnappt wird, sieht es so aus, als ob der ehemalige Polizist zu spät kommen würde.

Ein spannender Roman, der herrlich britisch und voller Überraschungen ist.


Genre: Kriminalliteratur
Illustrated by dtv München

Novecento

Ein Buch ist mir nach Jahren wieder in die Hände gefallen. Sie wissen doch auch wie das ist: vor Zeiten gelesen, wunderbar gefunden und nun als Taschenbuch erschienen, wieder geblättert und wieder das Eintauchen in eine andere Welt, eine völlig andere Welt. Viele wünschen sich dorthin und sei es auch nur für kurze Zeit. Vielen hat es das harte Leben Brot und Hoffnung gegeben: Das Meer. Viele mussten aus dem alten Europa weg, um in der neuen Welt ihr Glück zu suchen… »Novecento« war diese Zeit und »Novecento« heißt auch die Hauptgestalt in diesem schmalen Bändchen: Die Legende vom Ozeanpianisten.

Als 1900 ein Auswandererschiff im Amerika anlegt, das Jahrhundert hat gerade eben begonnen, das Feuerwerk über dem Hafen, streben alle ins gelobte Land, wird im allgemeinen Aufbruch ein Baby vergessen. Der Heizer des Ozeanriesen, Danny Boodman, wird es finden und den kleinen Jungen großziehen, ihn lesen lehren anhand von Pferdewetten in der Zeitung. Als nun Danny Boodman durch ein Unglück bei der Arbeit stirbt, entscheidet der Kapitän, der Junge muß an Land gebracht werden; doch der ist verschwunden. Das Schiff legt ab und auf hoher See taucht der Junge wieder auf, klavierspielend, wie man nie zuvor jemand spielen hörte. In der ersten Klasse spielt er nach Noten, aber nachts in der dritten Klasse erklingt seine eigene Musik, die alle in ihren Bann zieht und verzaubert. So bleibt es nicht aus, dass sein Ruhm irgendwann ans Festland gelangt und er ein Klavier-Duell gegen den selbsternannten »King of Jazz« bestehen muß. Wer gewinnt? Eine Stunde lesen, Sie werden es wissen, aber bedauern, dass dieser Text einen Schluss hat.


Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
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Die Frau mit dem roten Herzen

Oberinspektor Chen, Held dieser weit überdurchschnittlichen Krimireihe, bekommt die Aufgabe, eine amerikanische Kollegin zu betreuen, die nach Shanghai kommt, um eine Zeugin ins US-Zeugenschutzprogramm zu überführen. Doch diese Zeugin, eine chinesische Fabrikarbeiterin, deren Ehemann in den USA Asyl beantragt hat und dafür gegen Menschenhändler aussagen will, ist vom Erdboden verschwunden. Hält sie sich versteckt? Wurde sie entführt? Bald stellt sich heraus, dass eine in Südchina operierende Triade namens »Fliegende Äxte« hinter der Frau her ist und sie in ihre Gewalt bekommen will. Dabei scheint die Geheimgesellschaft mehr Erfolg als Chen zu haben, da sie über bessere Kontakte sowie verlässliche Freunde in Polizeidienststellen und Behörden verfügt.

Der Roman führt tief in die dem westlichen Leser weitgehend fremde Lebenswirklichkeit der chinesischen Bevölkerung ein und konfrontiert mit den Gegensätzen von Stadt und Land, von klassischen Religionen und kommunistischer Ideologie, von tradierten und modernen Lebensplänen. Zwei ethische Säulen werden beschrieben, die auch Chen anerkennen muss, um vorwärts zu kommen: gute Beziehungen, das »guanxi«, sowie der »yiqi« genannte ethische Kode der Brüderschaft und Loyalität, nach dem man sich für eine erwiesene Gefälligkeit revanchiert.

Das Besondere an der Reihe um den aufstrebenden Kriminalkommissar Chen ist seine Liebe zur chinesischen Literatur und Lyrik. Immer wieder werden hochpoetische Zitate aus klassischen und zeitgenössischen chinesischen Gedichten eingeflochten und für den Alltag anwendbar gemacht. Damit entsteht vor dem Auge des Lesers ein China, das sich auf der einen Seite im Umbruch befindet, auf der anderen Seite jedoch ein Land mit derart starken kulturellen Wurzeln ist, dass seine Bewohner auch in unübersichtlichen Zeiten Philosophen bleiben.


Genre: Kriminalliteratur
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Die Rückkehr des Tanzlehrers

Fast irritiert reagiert der Mankell-trainierte Leser auf die Tatsache, dass diesmal kein Kommissar Wallander die Knoten eines schier unlösbaren Falls entwirrt. Doch auch Kommissar Stefan Lindman ist ein brillantes Talent. Er versteht es, auf der Flucht vor der Strahlentherapie eines bösartigen Krebsgeschwürs auf seiner Zunge sowohl eine Reise ins eigene Ich zu unternehmen als auch quasi im Urlaub erfolgreich kriminalistisch tätig zu werden. Weil er im Angesicht des eigenen Todes Regeln übertritt, blickt er hinter die Kulissen und schaut tief in die politische Unterwelt Schwedens.

Der Autor versteht es wieder einmal, den Leser in eine Orgie von Gewalt zu locken, die sich im Schweigen der Wälder an der norwegischen Grenze abspielt, dort wo gelegentlich ein gewaltiger Elch die Fahrbahn überquert, Geweihschaufeln die Wände zieren und ein Elchhund zum Hauspersonal gehört.


Genre: Kriminalliteratur
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Die Wand

Eine Frau mittleren Altes erwacht eines Morgens in einer Jagdhütte und entdeckt, dass sie durch eine undurchdringliche gläserne Wand von ihren Begleitern und der gesamten Außenwelt abgeschlossen ist. Auf der anderen Seite der Barriere scheint jede Zivilisation erloschen, eingefroren, in der Bewegung des Augenblicks erstarrt. Die Frau versucht, sich mit ihrem Schicksal zu arrangieren und nimmt herrenlose Tiere in ihre Behausung auf. Mit Katzen, einem Hund und einer Kuh verschmilzt sie zu einer Familie.

Akribisch beschreibt die Erzählerin ihre täglichen Verrichtungen im Laufe der Jahreszeiten, das sich zu einem immer stärkeren Aufgehen in der Natur entwickelt. Der Leser folgt dem oft banalen Geschehen mit wachsender Spannung. Als schließlich ein weiterer Mensch in den Lebenskreis der Eingeschlossenen einbricht, verteidigt sie ihre Robinsonade ohne mit der Wimper zu zucken.


Genre: Romane
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Der schwarze Herr Baßethub

In seinem zweiten Memoirenroman, der nach Mallorca in Amsterdam spielt, erweist sich Don Vigo erneut als Meister des mäandernden Monologs. Ins Detail verliebt beschreibt er seine Rolle als Begleiter eines rabenschwarzen brasilianischen Gelehrten durch die holländische Metropole, von dem erst in den letzten Zeilen enthüllt wird, ob es sich um einen Hochstapler, ein Genie oder eine tragische Gestalt handelt. Wie bereits in seiner »Insel des zweiten Gesichts« breitet Thelen auch in diesem Band sein lexikalisches Wissen über historische Zusammenhänge ebenso ausführlich aus wie augenzwinkernde Beobachtungen des Alltagslebens in den Niederlanden und das Wesen ihrer Bewohner.

Thelen ist ein ausufernder Erzähler, das macht sein Werk zu anspruchsvoller Lektüre. Doch das Vergnügen, diesen Eulenspiegel begleiten zu dürfen, überwiegt. Thelen ist eine echte Entdeckung unter den deutschsprachigen Erzählern.


Genre: Erinnerungen
Illustrated by dtv München