Die Katze und der General

Eine tschetschenische Tragödie

Die in Tiflis geborene und heute in Hamburg lebende Dramatikerin, Regisseurin und Schriftstellerin Nino Haratischwili ist mit ihrem neuen Roman auf die Shortlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises gewählt worden, ein schöner Erfolg für die 35jährige Autorin. Geprägt ist ihr Roman von einer schier unbändigen Erzähllust, deren Niederschlag sich in einem 763 Seiten starken Prosaband findet, der gekonnt die Elemente eines Thrillers mit den Ingredienzien eines üppigen Balkan-Epos verbindet. Dessen Handlungskern beinhaltet eine auf einer wahren Begebenheit beruhende Gräueltat während des Ersten Tschetschenischen Krieges. Im Feuilleton wurde der Roman, – in einem merkwürdigen Gegensatz zur Buchpreisjury -, unisono verrissen, da fragt sich der verwirrte Leser nun allerdings, wer denn da irrt.

Im Prolog wird uns die 17jährige Nura aus einem gottverlassenen Dorf in einer Schlucht des Balkangebirges vorgestellt, wo 1994 ein Trupp russischer Soldaten Stellung bezogen hat, eine Art Erholungspause nach den verlustreichen und kräftezehrenden Kämpfen um die Hauptstadt Grosny. Das Mädchen wird als Terroristin verdächtigt und beim Verhör in einem völlig aus dem Ruder gelaufenen Gewaltexzess vergewaltigt und ermordet. Orlow, von seinen Kameraden spöttisch «General» genannt, einer der vier beteiligten Soldaten, meldet die Gewalttat dem Oberkommando und zeigt sich reumütig selbst als einer der Täter an. Das wegen der negativen Schlagzeilen an einer Strafverfolgung nicht interessierte russische Militär kann nach Ermordung eines Verteidigers den Strafprozess dadurch abwenden, dass sie dem nun vollends desillusionierten Orlow einen lukrativen Posten in der militärischen Baubehörde verschafft und so seine Aussage vor Gericht verhindert. In wenigen Jahren wird aus ihm ein mächtiger Oligarch, der skrupellos dem Geld hinterher jagt und sich schließlich mit Frau und Tochter in Berlin niederlässt. Aber die Schatten der Vergangenheit holen ihn ein, seine innig geliebte Tochter Ada kommt ihm mit Hilfe des zwielichtigen Journalisten Onno auf die Spur und begeht verzweifelt Selbstmord. Auf einem Filmplakat sieht der General irgendwann zufällig eine Schauspielerin mit dem Spitznamen «Katze», eine Doppelgängerin von Nura, ihr wie ein eineiiger Zwilling geradezu aus dem Gesicht geschnitten. In ihm reift ein perfider Plan.

Man merkt dem Roman an, dass er von einer ausgewiesenen Dramatikerin geschrieben wurde. Sie schafft es nämlich, ihr von einer überbordenden Stofffülle beinahe überdecktes Handlungskonstrukt mit stetig wachsender Spannung schließlich doch noch zu einem geradezu klassischen, überraschenden Showdown zu führen. Der Weg dorthin aber führt über unendlich viele zeitlich vor- und zurückspringende, aus verschiedenen Perspektiven erzählte Geschichten, in denen eine riesige Schar von Figuren agiert, die allesamt in das vielschichtige Geschehen mit seiner Schuld-und-Sühne Thematik verwoben sind. Als Leser bekommt man durch diese vielen Lebensgeschichten tiefe Einblicke in einen inzwischen weitgehend vergessenen politischen Konflikt und dessen unmittelbare Folgen auf die verschiedenen Romanfiguren. Dabei wird insbesondere der Zusammenbruch der Sowjetunion beleuchtet sowie das nachfolgende ökonomische Chaos mit dem blitzschnellen Entstehen verbrecherisch zusammengerafften Reichtums in Händen weniger Oligarchen.

Der Roman erinnert in seiner düsteren Dramatik an klassische Tragödien, die Figuren sind eher markig als psychologisch tiefsinnig gezeichnet, und auch die bildreiche Sprache ist eher zielgerichtet und zweckmäßig als kreativ und inspiriert. Dieser mit viel Pathos und in epischer Breite erzählte Roman weist leider etliche Ungereimtheiten auf, ist andererseits aber in seiner sezierenden Sichtweise auf enthemmte Menschen in rechtsfreien Räumen und dem zentralen Motiv der Läuterung geradezu beklemmend zu lesen als Spiegel der Seele. Ob Verriss oder Jubel, da irrt sich hier wirklich niemand – völlig!

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Frankfurter Verlagsanstalt

Nackt

toussaint-1Mut zum Honigkleid

In der Tetralogie über seine mythische Frauenfigur Marie hat der belgische Autor Jean-Philippe Toussaint kürzlich den vierten Band unter dem Titel «Nackt» vorgelegt. Er ist im Sinne seines Förderers Alain Robbe-Grillet im Stil des Nouveau Roman verfasst, vertraut also darauf, Spannung zu erzeugen durch Auslassungen. Insoweit erfordert der Roman mitwirkende Phantasie. Der Leser muss, um Verständnislücken zu vermeiden, die Leerstellen in der Geschichte ergänzen, er darf im Kontext mit dem Erzählten seine eigene, individuelle Geschichte konstruieren, die Bilder für sein Kopfkino also nach Gusto komplettieren. Ich habe das Buch geschenkt bekommen und es ohne Kenntnis der vorangehenden Romane als alleinstehende Geschichte gelesen, erst hinterher habe ich ein wenig recherchiert und kann nur bestätigen, dass es sehr wohl auch für sich gelesen werden kann.

Im Mittelpunkt dieses Liebesromans steht Marie Madeleine Marguerite de Montalte, eine zum Jetset gehörende junge Modeschöpferin. Der namenlos bleibende Ich-Erzähler ist unsterblich in sie verliebt, ja geradezu vernarrt, ihre Beziehung jedoch gestaltet sich als ein dauerndes Auf und Ab, Versöhnung und Trennung also in ständigem Wechsel. Auffallend ist, dass der Mann völlig passiv erscheint, nur beobachtend, nicht eingreifend in die Geschehnisse, Marie allein ist die Handelnde. Beide Figuren sind schemenhaft, erscheinen als Charaktere konturlos, umso mehr aber stehen die Dinge und Ereignisse im Vordergrund, werden minutiös beschrieben. Wie die Modenschau in dem mit «Herbst-Winter» überschriebenen, vorspielartigen Abschnitt, bei der Marie in einer auf die Spitze getriebenen, experimentellen Kreation ihr «Honigkleid» präsentiert, «eine Haut Couture ohne Couture, eine Nähkunst ohne Naht», wie Toussaint es ausdrückt. Als das nackte, von Kopf bis Fuß mit Honig bestrichene und von lebenden Bienen umschwärmte Mannequin stolpert, gerät die grandiose Inszenierung zum Desaster.

In Fragmenten wird erzählt, wie nach einer Trennung des Paares der eifersüchtige Mann sie heimlich während einer Ausstellung in Tokio beobachtet, wie dort ein Charmeur zunächst eine falsche Marie, dann aber die Modeschöpferin umgarnt, erfolgreich, wie man erfährt. Nach einem gemeinsamen Urlaub auf Elba trennen Marie und der Ich-Erzähler sich wieder, um zwei Monate später für eine Beerdigung schließlich gemeinsam dorthin zurückzukehren. Der Brand der Schokoladenfabrik, dessen Gerüche die ganze Insel einhüllen, der Schock über einen unautorisierten Benutzer ihres Ferienhauses, das ungeheizte Hotelzimmer, die mangels Ortskenntnissen verpasste Beerdigung, all dies wird minutiös geschildert und noch durch allerlei Andeutungen angereichert. Als Marie ihm erklärt, dass sie schwanger ist, zweifelt er, ob er der Vater ist, «weil wir tatsächlich seit mehreren Monaten nicht mehr miteinander geschlafen hatten, mit der Ausnahme dieser einzigen Umarmung …, als wir in aller Herrgottsfrühe, völlig übermüdet und übel zugerichtet, im dämmrigen Licht des Schlafzimmers flüchtig zusammen waren, mehr in einer harmlosen, Trost spendenden Umarmung, als dass wir so richtig, wie es sich gehört, miteinander Sex gehabt hätten (aber ganz offensichtlich zählt so etwas auch, wir waren hier wohl schlecht beraten)». Ob Marie vielleicht auch nur ein bisschen schwanger ist, fragt sich der verdutzte Leser.

In klarer Sprache erzählt der Autor geradezu minimalistisch karg von Marie und dem namenlosen Ich-Erzähler. Wobei er virtuos ebenso mit Zeitebenen spielt wie mit Orten und Figuren und sich, ganz dem Nouveau Roman verpflichtet, aller psychologischen Deutungen enthält. All dies dient ihm hier übrigens nur dazu, sich in immer neuen Reflexionen über seine exaltierte Heldin zu ergehen. Weder Handlung noch Sprache stünden für ihn im Mittelpunkt, sondern eine bestimmte Sicht auf die Welt, hat Toussaint angemerkt. Ob der Leser das am Ende genauso sieht und ob sich gar seine Weltsicht verändert hat, ist ausschließlich in ihm selbst begründet.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
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Widerfahrnis

kirchhoff-2Überambitioniert erzählter Kitsch

Den Deutschen Buchpreis 2016 hat Bodo Kirchhoff mit «Widerfahrnis» gewonnen, einer Novelle um das Thema Liebe, für das der Autor als Experte gilt. Man sah ihn als solcher schon in einer Talkshow sitzen, wofür damals vermutlich der Roman «Die Liebe in groben Zügen» Anlass war. Es handelt sich um eine Roadnovel, ein dem Roadmovie entsprechendes literarisches Genre. Der insoweit typische Plot handelt von einer spontanen Autoreise an ein zunächst nicht näher bestimmtes Ziel, wobei auf dem Weg allerlei Unvorhergesehenes passiert.

Diese dreitägige Fahrt ins Blaue widerfährt dem ehemaligen Kleinverleger Reither und Leoni Palm, vordem Besitzerin eines Hutladens, beide im Pensionsalter, Bewohner eines Seniorenheims in Oberbayern, die Beiden kennen sich nicht. Der Zufall, ein von ihr anonym geschriebenes Buch, bringt sie unvermutet zusammen, sie möchte seine Meinung wissen. Man trinkt Rotwein miteinander, und Leoni schlägt ihm übermütig eine mitternächtliche Spritztour mit ihrem BMW Cabrio vor, das eingeschneit auf dem Parkplatz steht. Der spontane nächtliche Ausflug endet drei Tage später auf Sizilien, wo sie auf ein verwahrlostes kleines Mädchen treffen, das sich vermutlich illegal dort aufhält. Sie kümmern sich um die Kleine, lassen sie in ihrem Appartement übernachten. Auf der Fähre bei der Rückfahrt aber flüchtet sie in panischer Angst aus dem Auto, Leoni läuft ihr nach. Reither, der bei dieser Flucht verletzt wurde, bleibt allein zurück und verlässt auch allein die Fähre. Er wird von einem Nigerianer verarztet, der mit Frau und Säugling auf der Flucht nach Deutschland ist. Reither will die Familie dorthin mitnehmen, durch Zufall trifft er Leoni wieder, und sie gibt ihm die Schlüssel für ihre Wohnung, die Nigerianer könnten bei ihr wohnen, sie will allein weiterreisen durch Italien.

Die beiden Protagonisten eint ihr Scheitern, sie sind aus der Zeit gefallen wirtschaftlich, ihr Ruhestand ist unfreiwillig. Natürlich kommen sich die munteren Frührentner allmählich näher, ohne allerdings allzu viel von sich preiszugeben. Sie sind sich sympathisch, eine späte Liebe keimt auf zwischen ihnen, in Sizilien, wo sie nach zwei Übernachtungen im Auto erstmals ein festes Quartier nehmen, landen sie dann auch prompt im Bett miteinander. Kirchhoffs Geschichte wirkt wie am Reißbrett konstruiert, allzu forsch und selbstverliebt werden da offensichtliche Altmännerphantasien, traumatische Verlusterfahrungen, bedrückende Flüchtlingsschicksale und arrogante Überlegenheitsgefühle des wie ein Alter Ego erscheinenden Helden unmotiviert miteinander verwoben. Vieles ist an den Haaren herbeigezogen, nicht nur die Geschichte als solche. Der Nigerianer aus Lagos zum Beispiel, ein Fischer, näht Reithers tiefe Wunde an der Hand mit nicht weniger als zehn Stichen, auf offener Straße, die Utensilien dafür hat er im Fluchtgepäck, in einer Blechbüchse. Gefühlte hundert Mal zünden Reither und die bis dato nicht rauchende Leonie sich eine Zigarette an, ein kultische Handlung geradezu, die ich seit Hemingway so extensiv nicht mehr beschrieben fand, und auch der Rotwein gehört immer dazu.

Kirchhoff erzählt seine pathetische Geschichte vom verpassten Lebensglück überambitioniert, wie ein – zur Verdeutlichung übertreibendes – Lehrstück für kreatives Schreiben, in das allzu viel hineingepackt ist. Darauf deuten auch seine häufigen Anmerkungen zum Schreibprozess selbst hin, als auktorialer Erzähler lässt er den Leser an der Suche nach der richtigen Formulierung teilnehmen, was ebenfalls peinlich aufgesetzt wirkt, man fühlt sich in einen seiner Schreibkurse am Gardasee versetzt. Der Plot selbst aber ist hanebüchen, gut erzählter Kitsch, der sich schamlos der Flüchtlingsproblematik bedient. Wenn man nicht wüsste, dass Kirchhoff es besser kann, würde man diese überladene, geradezu gespreizt erzählte Geschichte kopfschüttelnd zur Seite legen und den Autor vergessen. So aber fragt man sich, wie er zu dem Preis gekommen ist.

Fazit: miserabel

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Genre: Roman
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