Die Abtreibung

Eine kafkaeske Bibliothek

Der amerikanische Schriftsteller Richard Brautigan hat seinem Roman «Die Abtreibung» den Untertitel «Eine historische Romanze 1966» hinzugefügt und damit gleich auch das Erscheinungsjahr genannt. Nach seinem Freitod in Vergessenheit geraten, wurden seine ironischen, pessimistisch gefärbten Werke später auch in Deutschland wiederentdeckt und neu verlegt, so auch der vorliegende Liebesroman mit seinem verstörenden Titel.

Der 31jährige Ich-Erzähler arbeitet seit drei Jahren in San Francisco in der «Bibliothek der abgelehnten Manuskripte». Er ist der einzige Mitarbeiter, wohnt auch dort und ist immer im Dienst, jeder kann sein selbstgeschriebenes Buch sieben Tage in der Woche zu jeder Tages- und Nachtzeit bei ihm abgeben, es gibt eine Nachtglocke. In all den Jahren hat er seine Bibliothek nie verlassen, sie ist quasi sein Lebenszweck. «Immer schön ist die Liebe» lautet zum Beispiel der Titel eines solchen Buches, das ein etwa fünfzigjähriger Mann mit siebzehn geschrieben hat, ohne je einen Verleger dafür zu finden. «Es ist 459mal abgelehnt worden», klagt er, als er es abgibt. Oder «Der kulinarische Dostojewski», ein Buch mit Rezepten, die sein Verfasser alle in dessen Werken gefunden hat, «Ich habe alles gegessen, was Dostojewski jemals gekocht hat», berichtet er. Eines Tages will zu später Stunde eine junge Frau ihr Buch abgegeben. «Mein Buch handelt von meinem Körper» erklärt sie. Sie ist knapp zwanzig Jahre alt, hat ein Gesicht wie ein Botticelli-Engel und auch sonst alles, wovon ein Mann träumt: «die großen Brüste, die winzige Taille, die vollen Hüften, die langen Playboy-Beine». Vida aber hasst ihren perfekten Körper, weil er überall so viel Aufsehen erregt. «Ich kann nirgendwo hingehen, ohne Pfiffe, Gegrunze, Gejohle und mehr oder weniger obszöne Bemerkungen zu produzieren, und jeder, den ich kennen lerne, will immer gleich mit mir ins Bett gehen». Der Bibliothekar tröstet sie, gibt ihr ein Milky Way und trägt ihr Buch in den Katalog der Bibliothek ein. Die Beiden sind sich sofort sympathisch, Vida fühlt sich verstanden und geborgen bei ihm und bleibt gleich über Nacht. Als sie schließlich schwanger wird, beschließt sie abzutreiben, sie fühlt sich zu jung, wäre der Mutterrolle seelisch noch nicht gewachsen. Die letzten vier der sechs Kapitel handeln von der Abtreibung, zu der sie nach Tijuana in Mexico reisen, – und danach ist dann alles ganz anders!

Nicht der Plot steht hier im Zentrum, sondern die Art und Weise, wie er erzählt wird. Richard Brautigan berichtet mit scharfem Blick in einer betont naiven Diktion ironisch über die Monstrositäten des ‹American Way of Life›. Ohne je zynisch zu werden schildert er mit köstlichem Humor diese Geschichte einer Vertreibung aus dem Paradies, hier also aus dieser absurden Bibliothek, die sich geradezu kafkaesk jedem rationalem Kalkül entzieht. Die obskuren Bilder, die er damit erzeugt, strahlen einen märchenhaften Zauber aus und führen zu überraschenden Assoziationen beim Leser. Als zum Beispiel der Bibliothekar seinen Freund fragt, woher er denn den Whiskey habe, erhält er zur Antwort: «Ich habe ihn einem toten Indianer abgekauft». Im Hotel in Tijuana muss er kurz aufs Klo: «Das Klo war so elegant, dass es einem vorkam, als sollte man hier nur im Smoking pinkeln. Während ich weg war, wurde Vida von drei Männern angesprochen. Einer von ihnen wollte sie heiraten».

Aus einer infantilen Perspektive heraus gelingt es dem Autor, mit seiner beneidenswerten Originalität einerseits lakonisch den lebensbejahenden Optimismus seiner Figuren zu verdeutlichen, andererseits aber poetisch federleicht auch ein so schwieriges Thema wie Abtreibung als narrativen Stoff aufzugreifen. Der Rahmen dafür, die «Bibliothek der abgelehnten Manuskripte», ist ein herrlich ironischer Seitenhieb auf das Verlagswesen, Witzbolde haben später in Vermont und Vancouver tatsächlich «Brautigan Libraries» für unveröffentlichte Bücher eröffnet und ihm damit ein schönes Denkmal errichtet.

PS

Eine ideale Ergänzung zu diesem Roman ist der dieser Tage in die Kinos gekommene, sehenswerte Spielfilm «Der geheime Roman des Monsieur Pick», in dem eine französische Variante der ‹Brautigan Library› im Mittelpunkt steht. Noch ein Denkmal für den Dichter!

 

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
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