Quasselbude reloaded – die Neuauflage des literarischen Quartetts

Selten wurde eine Kultursendung im Fernsehen vorab derart betrommelt und bejubelt wie die Neuauflage des literarischen Quartetts. Literaturzeitschrift-Redakteurin Britta Langhoff hat sie gesehen.

 

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Von Britta Langhoff

Und? Hat es das jetzt gebracht? Besser gefragt: hat es das jetzt gebraucht? Sagen wir es so: Sie waren stets bemüht, die Nachfolger von Karasek, Löffler und Reich-Ranicki. Zu viel mehr und vor allem zu ernsthafter Auseinandersetzung mit den besprochenen Büchern hat es (noch) nicht gereicht. Aber eine Meinung zu einem Buch so zu verdichten, dass gleich 16 Meinungen (vier zu jedem besprochenen Buch) plus Diskurs in eine Dreiviertelstunde passen, dazu braucht es wohl Routine. Und davon viel.

So blieb nach 45 Minuten vornehmlich ein Eindruck von Hektik. „Das Buch ist toll“ „Nein“ „Doch“ „Das nächste Buch bitte“ – fertig.

Stapel gelesener Bücher

Die sich Mühe gebenden im Einzelnen:

Volker Weidermann, Literaturkritiker erst bei der TAZ, dann bei der FAS, jetzt beim Spiegel. Fungiert als zum Berufsjugendlichen gestylter Gastgeber. Der Style passt. Zum etwas nervös zappelnden Auftritt. Diese Nervosität sei ihm allerdings gerne nachgesehen, zeigt sie wenigstens, dass er weiß, in welche Fußstapfen er da tritt. Von daher geschenkt. Immerhin scheint er zu wissen, dass man einem Werk in erster Linie Respekt entgegenzubringen hat, dass ein Buch und sein Autor es verdient haben, ernst genommen zu werden – dann kann man es auch ruhig schlecht finden. Vom Ansatz her wirklich in Ordnung. Und – es schimmerte durch, dass er ein begeisterter Leser ist und auch gerne begeistern möchte. Vielleicht klappt das ja besser, wenn seine Nervosität erst gewichen ist.

Maxim Biller, Ein Schriftsteller, der gerne Kritiker wäre. Hat bereitwillig die Rolle des Provokateurs übernommen. Kann sich euphorisch begeistern, vornehmlich für die eigene Meinung. Respekt hingegen ist eher nicht so seins. Weder für seine Mitstreiter noch für die vorgestellten Werke. Originalzitat von gestern Abend:  „Ich habe mir schon vorher vorgenommen, das Buch schlecht zu finden…“ Kommode Position, Herr Biller. Respekt dafür erwarten Sie dann aber Ihrerseits bitte nicht. Ansonsten sollte man sich bei seinen geschwungenen Reden einfach immer vor Augen halten, dass dort der Mann spricht, der Helene Hegemann für den heissesten Scheiss hielt und hält. Dann geht es.

Christine Westermann, WDR-Radio Ikone, Autorin, Fernseh-Moderatorin. Empfiehlt Bücher, vermutlich seit sie lesen kann. Öffentlich im WDR-Radio und TV. Verfügt als Einzige der Stammbesetzung über große Erfahrung vor Kamera und Mikrofon. Die konnte sie gestern auch gut gebrauchen, um die ihr eigene Contenance zu beweisen. Dennoch stand in ihren Augen des öfteren die berechtigte Frage „Und Sie sind?“ – vor allem bei den Reden des Hegemann-Fans. Fungiert – hoffentlich – in der Rolle der begeisterten Leserin. Christine Westermann sah nach eigener Aussage ihre Mission noch nie darin, Bücher öffentlich zu zerreißen, sondern vielmehr darin, durch begeisterte Empfehlungen andere Leser zu inspirieren. Literatur ist für den Leser da, das weiß sie, dies zu vermitteln war ihr immer ein Anliegen. Das hat bis jetzt ganz prima geklappt und es bleibt zu hoffen, dass sie sich in ihre neue Aufgabe ebenso gut einfindet wie in alles andere, was sie bisher gemacht hat. Frau Westermann ist nicht auf den Mund gefallen, fair kontern kann sie, das weiß man. Das wird.

Und der Gast? Nur soviel – gute Absicht, dass es mit Juli Zeh eine versierte Schriftstellerin und Publizistin war. Richtig dumm nur, dass man ihr durchgehen ließ, ausgerechnet ein Buch von Ilija Trojanow vorzustellen, mit dem sie bereits gemeinsam ein Buch veröffentlichte. Das hatte mehr als ein Geschmäckle und war gelinde gesagt nicht gerade subtil für eine erste Sendung. Mehr dazu aus diesem Grunde nicht. Jedes Wort eines zuviel. Als nächsten Gast wünsche ich dieser Sendung Harald Martenstein. Von dem wissen wir wenigstens verläßlich, dass er der Selbstdarstellung des Herrn Biller etwas entgegenzusetzen hat.*

Um zu den Eingangsfragen zurückzukehren: Nein, das hat es noch nicht so wirklich gebracht. Aber vielleicht kommt mit Routine auch etwas weniger Selbstdarstellung und mehr Buchbesprechung. Die Zeit wird es weisen. Aber braucht es das jetzt wirklich? Meiner unmaßgeblichen Meinung nach ein klares Jein. Einerseits – immer schön, wenn mit Getöse auf Bücher hingewiesen wird. Da freut man sich ja über fast jeden Versuch. Andererseits – ich persönlich würde den bisher verfolgten Westermannschen Lösungsansatz vorziehen: Ein oder von mir aus auch mehrere begeisterte Leser, die Bücher empfehlen und so wenigstens diejenigen für das Medium Buch gewinnen, die gerne lesen würden, aber nicht so recht wissen, was. Aber dafür gibt es ja auch bereits – uns: Die Literaturzeitschrift abseits des Mainstreams.

*nachzulesen hier

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