Die vier Söhne des Doktor March

Dienstmädchen Jeanie arbeitet für Doktor March und seine Familie.

Eines Tages findet sie im Schlafzimmer der Hausherrin ein Tagebuch,in dem ein Mord beschrieben wird, der tatsächlich in nächster Umgebung so geschehen ist. Und offenbar ist einer der vier Söhne des Doktor March der Täter, der in diesem Tagebuch nicht nur diese, sondern auch folgende Taten ausführlich beschreibt.

Doch welcher der Vier ist es? Noch während Jeanie versucht, das herauszufinden, gerät sie selbst ins Visier des Täters…

Dieses Buch ist ein aussergewöhnlicher Thriller, an dessen Stil ich mich erst gewöhnen musste. Denn man folgt der Handlung anhand der Tagebucheinträge des Mörders und des Zimmermädchens. Hat man sich einmal daran gewöhnt, kann man sich dem Sog der Geschichte nicht mehr entziehen.

Hausmädchen Jeannie findet im Haus der Familie March ein Tagebuch, dessen Inhalt sie erschauern lässt. Hier beschreibt jemand grausame Taten, die offenbar nicht nacherzählt sind, sondern vom Täter selbst niedergeschrieben. Und dieser ist ein Mitglied der Familie. Somit lebt sie mit dem Mörder unter einem Dach und will herausfinden, wer er ist. Ihr Verdacht fällt schnell auf die jungen Familienmitglieder. Während sie die Söhne des Hausherren beobachtet, hält sie ihre Erkenntnisse ihrerseits in einem Tagebuch fest. Irgendwann beginnt der Täter, sich in seinen Einträgen auf Ihre zu beziehen, auf sie zu antworten. Jeanie begreift, das sie in Gefahr ist- aber wie soll sie sich gegen jemanden schützen, der ihr täglich nah ist, ohne das sie weiß, wer es ist…

Noch dazu ist sie selbst nicht ohne Fehl und Tadel, sie ist in der Vergangenheit mit dem Gesetz in Konflikt geraten, konnte das aber geschickt verbergen. Allerdings offenbar nicht geschickt genug, denn jemand hat herausgefunden, was sie getan hat. Und das gibt diesem Jemand, unserem gesuchten Mörder, einen Trumpf in die Hand, den er ungeniert ausspielt.

Die Geschichte ist extrem fesselnd, gerade durch ihre aussergewöhnliche Erzählform. Man rätselt verzweifelt mit, wer der Täter sein könnte und bangt um Jeanies Sicherheit.

Spannende Unterhaltung der etwas anderen Art!

 


Genre: Krimi, Thriller
Illustrated by Dotbooks Verlag

Der Mitreiser und die Überfliegerin

Hätte Milan den Mut aufgebracht, seine Schulfreundin Jo an ihrem 17. Geburtstag endlich einmal zu küssen, wäre das Mädchen wohl kaum in den Tod gestürzt. Mit diesem szenischen Prolog, der tragisch endet, eröffnet Mira Valentin ihren packenden Jugendroman.
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Genre: Jugendbuch, Romane
Illustrated by Lago

Paradox. Am Abgrund der Ewigkeit

35D95D6D-1967-48D0-9D0A-E85F4EE5B4FEWas macht gute Unterhaltungsliteratur aus? Neben den Aspekten Sprache, Stil, Ästhetik sowie der Kraft, Bilder im Kopf des Lesers zu erzeugen, ihn zu fesseln und zu binden, spielt der Aspekt des Lernens und der Öffnung des eigenen Denkhorizonts ein wichtige Rolle. Gerade in dieser Hinsicht bietet der völlig zu Recht mit dem Kindle Storyteller Award ausgezeichnete Roman „Paradox“ ein Beispiel. Continue reading


Genre: Kindle Award, Science-fiction, Self-Publisher, Thriller
Illustrated by Bastei Lübbe

Also nachm Regenbogen um sechs Uhr abends

240CDA11-0B5A-40CD-BE31-EC0A3F4D1B08Victoria Suffrage legt mit „also nachm Regenbogen um sechs Uhr abends“ eine ungewöhnlich eindringliche und einfühlsame Erzählung über Abschiednehmen, Altwerden, Vergehen und Vergessen vor, die als Kammerspiel beginnt und als Roadmovie endet.
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Genre: Erzählung, Self-Publisher
Illustrated by Kindle Edition

Otherland 4

Der vierte und letzte Band der »Otherland«-Reihe reißt die auf der Suche nach den verlorenen Kindern befindlichen Gefährten vollständig auseinander und lässt sie in verschiedenen Simwelten wieder auftauchen. Sie erleben dort atemberaubende Verfolgungsjagden und hasten von einem lebensbedrohenden Abenteuer in Märchen- und Mythenwelten in die nächste Umgebung.

Dabei stoßen die umherirrenden Reisenden auf immer neue Rätsel: Wer steckt hinter dem Betriebssystem, das als »Der Andere« bezeichnet wird und offenbar intelligentes Leben beherbergt? Wo stecken die offline im Koma liegenden Kinder, die ins Netz gelockt und dort offensichtlich missbraucht wurden? Wie gelingt es den Gefährten, sich aus den Klauen des Netzes zu befreien und wieder offline zu gehen? Welche der vielen Gestalten ist real, welche nur reiner Code? Schaffen es die in der realen Welt fieberhaft um das Leben ihrer online gefangenen Freunde kämpfenden Personen, in das Herz des Unternehmens einzudringen, das Otherland betreibt?

Es gelingt dem Autor trotz erheblicher Längen und einer schier unübersehbaren Schar von Akteuren, die Handlung bis zum letzten Augenblick im Griff zu behalten. Die endlos vielen Handlungsfäden, die er im Laufe der Ereignisse spinnt, nimmt er auf und bindet sie wieder zusammen. So gibt er in sich schlüssige Antworten. Er erzeugt ernorme Spannung, wobei er den Einsatz von Cliffhangern stark strapaziert.

Williams zeichnet seine zentralen Figuren überzeugend und in sich schlüssig: Die Programmiererin Renie ist die kühne und nie allzu verbissene Heldin der Geschichte. Der Buschmann !Xabbu spielt ihren weisen Freund. Paul Jonas ist der Spielball des Schicksals, sich selbst und den anderen ein Rätsel. Martine gibt die blinde Seherin, die dank ungewöhnlicher Sinneskräfte schier unmögliche Dinge vollbringt, eine Zauberin, eine gute Hexe. Den Part des Bösen übernimmt der nach Unsterblichkeit strebende Multimilliardär Jongleur, der ein wenig an Bill Gates erinnert, sowie sein mordender Ziehsohn Dread, der sich letztlich gegen ihn wendet. Sellars ist die vom Militär missbrauchte Kampfmaschine, der seine Fähigkeiten zur Änderung der Zeitläufe einsetzen will. Die vielen hundert um die Hauptrollen herum agierenden Charaktere sind differenziert ausgearbeitet. Allerdings verlangt es vom Leser sehr viel Aufmerksamkeit, jeden Strang im Auge zu behalten.

Tad Williams Tetralogie ist vor allem deshalb ein lesenswertes Werk, weil er das Basismaterial des Genres auf die Verhältnisse der Multimediawelt hochrechnet. Er verarbeitet literarisch die symbiotische Beziehung, die Menschen mit Maschinen eingehen. Damit stellt er sich weniger als Fantasy-Autor im Geiste von Tolkien und seinem unerreichten »Herr des Ringe« vor. Vielmals präsentiert der Verfasser ein komplexes und in sich geschlossenes Stück durchaus realistisch scheinender Zukunftsliteratur.

Williams wirft die Frage nach der Entwicklung der virtuellen Realität ebenso auf wie er die Möglichkeit einräumt, für kurze Zeit ein Gott zu werden und in eine Welt einzutreten, die aktiv verändert, ja vernichtet werden kann. Interessant ist die Betrachtung, wie im virtuellen Raum zwischen Mensch und Maschine unterschieden werden kann, zumal auch künstliche Intelligenz programmierte Gefühle zeigen kann.

Für jeden, der sich gern und viel im Internet tummelt, stellt sich irgendwann die Frage, in welchem Leben er sich mehr bewegt und besser zurechtfindet. Dabei ist die Entwicklung klar: immer mehr Leute unterschiedlichsten Alters, neben Kids vor allem die Generation 50+ bewegen sich teilweise ganztags im virtuellen Raum und richten sich in Blogs, Chatrooms und Second Life mit ihren unterschiedlichsten Interessen und Neigungen bequem ein. Ob sie in naher Zukunft ganz in einen wie auch immer gearteten virtuellen Leben aufgehen? – Vieles spricht derzeit dafür, und das Kolossalwerk »Otherland« beschreibt anschaulich, wohin die Entwicklung laufen könnte.


Genre: Fantasy, Science-fiction
Illustrated by Heyne München

Otherland 3

Im dritten Band des umfangreichen Werkes gehen Renie und ihre im Netz gefangenen Freunde auf die Suche nach einem Schwarzen Berg aus Glas, von dem sie die Lösung aller Rätsel erhoffen. Darin vermuten sie das Betriebssystem des Netzes. Dabei geraten sie immer tiefer in das Geflecht aus Mythen und Märchen, aus denen das virtuelle Netzwerk gebaut zu sein scheint. So zieht es sie in eine Troja-Simulation, in der sie auf den verschiedenen Seiten Positionen einnehmen und die jeweiligen historischen Rollen spielen müssen. Dabei stoßen sie erstmals auch auf einen Mann namens Paul Jonas, der sich ebenso wie die Gefährten hilflos durch Otherland bewegt.

Während die virtuell Reisenden im realen Leben von Auftragskillern verfolgt und bedrängt werden, scheint das Netzwerk selbst immer instabiler zu werden. Simulationen geraten durcheinander und stürzen ein. Die Gruppe macht schließlich das Betriebssystem ausfindig. Die Freunde geraten mitten in die entscheidende Zeremonie, mit der sich die neun Kaiser der Netzwelt Unsterblichkeit verleihen wollen, indem sie ihren physischen Körper aufgeben, um künftig nur noch virtuell bis in alle Ewigkeit zu existieren. Inzwischen ist aber auch der vom Gottkaiser der Gralsherren angeheuerte Killer Dread in das System eingedrungen und übernimmt Teile des Betriebssystems.

Nach Dreads Einbruch stürzt Otherland zusammen. Den Gefährten bleibt keine andere Wahl, als sich mit dem Schöpfer und bisherigen Gott der geheimnisvollen Wunderwelt zusammen zu schließen, um gemeinsam einen Ausweg aus der immer realen werdenden Simulation zu suchen.

Nun gewinnt die Erzählung rasant an Fahrt und schlägt den Leser voll in Bann. Viele der losen Fäden, die in den ersten beiden Bänden scheinbar sinnlos ausgeworfen wurden, werden elegant verknüpft. Figuren gewinnen zunehmend an Kontur und werden auch biographisch ausgearbeitet.

Weiter geht es mit Otherland 4: »Meer des silbernen Lichts«


Genre: Science-fiction
Illustrated by Heyne München

Otherland 2

Im zweiten Band der vierteiligen Cyberspace-Saga entdecken die Gefährten, die in das virtuelle System von »Otherland« eingedrungen sind, die verbindende Bedeutung des Flusses. Dieser Fluss aus blauem Feuer ist die einzige stabile Nahtstelle zwischen den verschiedenen Welten der virtuellen Realität, die sie durchqueren.

Über den Fluss gelingt es, die Welten zu wechseln und weiter zu kommen. So stolpern die Freunde durch Cartoonwelten, Urwälder, Eiszeiten und Insektenbauten, mal sind sie winzig, mal sind sie riesig, hier können sie fliegen, dort treiben sie hilflos umher und zittern um ihr Leben. Es ist wie in einem Computerspiel: »Monster töten, Edelstein finden, Bonuspunkte einheimsen. Diddel – duddel – daddel«. Nur wer es schafft, zu überleben, der kommt einen Level weiter!

Renie, !Xabbu, Martine, Orlando, Frederic und ihre Gefährten sind inzwischen längst Gefangene der Matrix geworden, in die sie sich begeben haben, um sie zu ergründen und zu bekämpfen. Gleichzeitig spürt die das »Otherland« beherrschende Gralsbrüderschaft, die sich durch die virtuelle Welt körperloses Überleben erhofft, dass ihre komplexe Schöpfung außer Kontrolle gerät, erhebliche Anomalien aufweist und in Einzelbereichen bereits zusammenbricht.

Hinter den Kulissen deutet sich ein blutiger Machtkampf um die Führung an.

Weiter geht es mit Otherland 3: »Berg aus schwarzem Glas«

 


Genre: Science-fiction
Illustrated by Heyne München

Otherland 1

Tad Williams liest • Foto: © Ruprecht Frieling

Die wohl umfangreichste Erzählung über ein Leben im virtuellen Raum ist Tad Williams Monumentalwerk »Otherland«. In dem Werk geht es darum, dass immer mehr Kinder Opfer ihrer Netzsucht werden und nicht mehr offline gehen können. Um diese Kinder zu retten, beschließen Jugendliche und Erwachsene aus unterschiedlichen Kulturen, sich in den virtuellen Raum zu begeben und nach ihnen zu suchen. Sie erleben eine atemberaubende Weltenschöpfung und geraten in gefährliche Auseinandersetzungen.

Die fast viertausend Seiten starke Cyberspace-Saga in vier Teilen beginnt schleppend und ohne erkennbaren Handlungsstrang, indem verschiedene Surfer in einem komplexen virtuellen Netz vorgestellt und bei ihren Erlebnissen begleitet werden. Mit faszinierender Sogwirkung entsteht ein komplexes Handlungs- und Figurengerüst, das mit einem geheimen Bereich der Virtuellen Realität verknüpft ist und vor allem Kinder und Jugendliche magisch anzieht.

Im Zentrum der Geschichte steht eine Gruppe meist junger Helden, die auf unterschiedlichen Wegen diesen geheimen Bereich entdecken, dessen Kunstwelten real erscheinen und dennoch die Grenzen der Wirklichkeit sprengen. Das »Otherland« ist ein elektronisches multidimensionales Universum, errichtet von einer mächtigen Organisation steinreicher Weltmänner, die sich Gralsbrüderschaft nennt. Diese benötigt Kinder, um sich selbst jung zu erhalten. Die Helden ziehen aus, ihre Freunde zu retten und die Gefahr zu vernichten.

Im ersten Band der Tetralogie schafft die Gruppe es, in das erstmals auf Seite 569 der Taschenbuchausgabe erwähnte geheimnisvolle »Otherland« einzudringen und vom Gottkaiser, hinter dem sich eine steinreiche Persönlichkeit verbirgt, empfangen zu werden. Doch im gleichen Moment wird der hinter der Simulation stehende reale Mensch im Auftrag seiner eigenen Bruderschaft ermordet. Die Eindringlinge sind damit im System gefangen und können sich nicht mehr ausloggen.

Hier geht es zum zweiten Band von »Otherland«: Fluss aus blauem Feuer

 


Genre: Fantasy, Science-fiction
Illustrated by Heyne München