Zum 200. Geburtstag von Walt Whitman

200. Geburtstag Walt Whitman

Wie ein Self-Publisher der berühmteste amerikanische Dichter wurde

Von Ruprecht Frieling

1863 porträtierte Alexander Gardner Walt Whitman

Brooklyn 1855. Die Akzidenzdruckerei der Brüder Rome & Rome stellt für einen befreundeten Dichter ein schmales Taschenbuch her. Auf dem Einband des fünfundneunzigseitigen Büchleins fehlt der Name des Verfassers, aber ein Frontispiz zeigt einen 36-jährigen Mann in Arbeitskleidung mit einem großen dunklen Filzhut schräg auf dem Kopf.

Das Buch mit dem Titel »Leaves of Grass« (»Grashalme«) enthält zwölf Gedichte ohne Überschrift. Der Auftraggeber für Satz und Druck wird viele Generationen später von Literaturwissenschaftlern als »Wegbereiter der modernen amerikanischen Lyrik« bezeichnet und heißt Walt Whitman. Er finanzierte mit seiner Erstveröffentlichung den Grundstein seines späteren Erfolges. Vor 200 Jahren wurde der Dichter geboren.

Der steinige Lebensweg des Walt Whitman

Unternehmen wir eine Reise zurück ins Jahr 1819, auf die Insel Paumanok (der indianische Name von Long Island). Dort, wo die rauen, stürmischen Winde das Salz des Atlantischen Ozeans über Prärien und Weidegrasflächen tragen, wird Walt Whitman am letzten Tag des Maimonats im Zeichen des Zwillings geboren. Er ist das zweite Kind, und im Lauf der Zeit wird die Familie noch um sieben hungrige Mäuler reicher werden.

Vom fischförmigen Paumanok kommend, wo ich geboren wurde,

Wohlgezeugt, aufgezogen von einer vollkommenen Mutter …

Vater Whitman kann die große Familie nur mühsam ernähren, denn die Einnahmen als Zimmermann und Bauhandwerker sind unbeständig. Er zimmert ein hübsches Häuschen, das die Whitmans an der Nordküste in Huntington beziehen. Immer wieder jedoch müssen sie ihr Heim mit einer Hypothek belasten, bis sie es schließlich an die Bank verlieren. So ist die Familie einige Male gezwungen, umzuziehen und sich eine andere Bleibe zu suchen.

Trotz ärmlicher Verhältnisse erlebt Walt Whitman eine märchenhafte Kindheit. Die ländlich-unberührte Halbinsel Long Island, die Einsamkeit der Strände, der gewaltige Ozean und die wilde Schönheit der Natur entschädigen ihn millionenfach für materielle Entbehrungen. Im Winter vertreiben er und seine Freunde sich die Zeit auf der Insel mit Aalstechen. Wenn die südliche Bucht in den kalten Monaten mit Eis bedeckt ist, hacken die Aaljäger, ausgerüstet mit Schlitten, Axt und Aalgabel, Löcher in die weiße Decke und fischen die großen, fetten Tiere heraus, direkt in ihre Körbe. Im Sommer sorgen Strandfeste und Möweneier-Wettsammeln für Vergnügen.

Der ich die Erde kenne und die Felsen und die Blumen des fünften Monats, Sterne, Regen und Schnee, mein Erstaunen,

Der ich des Spottvogels Töne erforscht habe und den Flug des Bergfalken,

Und bei der Dämmerung die Unvergleichliche höre, die Einsiedlerdrossel in den Sumpfzedern,

Einsam, singend im Westen, stimme ich an für eine neue Welt.

Walt Whitman entdeckt die Macht des Lesens

1823 zieht die Familie nach Brooklyn. Sechs Jahre besucht der Junge dort die Schule. In der Umgebung der Hafenstadt nimmt Whitman im Alter von zehn Jahren seinen ersten Job an: Botengänge für das Rechtsanwaltsbüro Clark & Söhne. In diese Tage fällt auch das bemerkenswerteste Ereignis seines bisherigen Lebens: Sein Arbeitgeber bestellt aus einer Leihbibliothek die erste Lektüre für den Jungen – alle Bände von »Tausendundeine Nacht«. Whitmans Interesse für Bücher und alles, was mit ihnen zu tun hat, ist schlagartig geweckt.

Als er zwölf ist, geben ihn seine Eltern zu einer Druckerei in die Lehre zum Schriftsetzer und beenden damit die ohnehin kurze Schulzeit. Bildungslücken füllt Whitman durch unermüdliches Lesen. Er verschlingt Shakespeare, Dante und Homer. Nach der Lehrzeit arbeitet er als Setzer in einer Druckerei in New York City und genießt die kulturelle und menschliche Vielfalt der brodelnden Großstadt. Am liebsten befindet er sich in Gesellschaft von einfachen Leuten – Hafenarbeitern, Handwerkern, Omnibusfahrern, Tagelöhnern, Fährleuten, Fischern. Das arbeitende Volk verkörpert für ihn die Zukunft Amerikas, eine Art Garantie für Demokratie und Freiheit.

Schließlich zieht Whitman, er ist etwas über 18, eine Weile umher und unterrichtet in Dorfschulen in Queens und Suffolk. Seine Schwäche für die Druckerei lässt ihm jedoch keine Ruhe. So fährt er kurzentschlossen zurück nach New York, kauft sich eine Presse und Lettern, stellt eine Hilfskraft ein und gründet 1839 in seiner Heimatstadt Huntington seine erste Zeitung, den »Long Islander«. Den größten Teil der anfallenden Arbeit erledigt er allein und sorgt sogar für den Vertrieb seiner Zeitung: Mit einem Pferdewagen zieht er übers Land, um das Gedruckte an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Nach sieben Monaten gibt er das Blatt auf und zieht weiter.

Walt Whitman als Autor auf eigene Kosten

Die dritte Ausgabe der »Grashalme« erschien ausnahmsweise bei Thayer & Eldridge in Boston

Whitman jobbt als Tagelöhner, Zimmermann, Bauunternehmer und Wohnungsmakler. Dieser Lebensabschnitt, da sich der Dichter ohne feste Anstellung über Wasser hält und keiner gesicherten Zukunft entgegensehen kann, bildet den Nährboden für die erste Fassung seiner heute weltberühmten Gedichtsammlung »Leaves of Grass« (»Grashalme«). Es dauert lange, bis er sich entschließt, die Texte in Druck zu geben. Immer wieder fallen ihm Änderungen ein, er ringt um den poetischen Ausdruck.

Da er auf seiner nervenaufreibenden Suche keinen Verleger findet, der sich seines Werkes annimmt, bestreitet er die Kosten einer Veröffentlichung mit eigenen finanziellen Mitteln. Was Walt Whitman zu diesem Schritt bewegt, ist nicht das Verlangen nach Reichtum oder gar Prominenz. (Über die Wohlhabenden New Yorks notiert er einmal, dass sie weit davon entfernt seien, glücklich zu sein. Sie besäßen nichts, worum er, der er arm sei, sie zu beneiden brauche. Statt nach Gras, Wald und Küste röchen ihre teuren Seifen schal und muffig.) Die erste Ausgabe der »Grashalme« erscheint 1855, es folgen mehrere Überarbeitungen. Die zweite Ausgabe von 1856 umfasst 34 Poeme. Für die dritte Ausgabe findet der Dichter zum ersten Mal einen Verleger. Das Buch erscheint mit 154 Gedichten 1860 bei Thayer & Eldridge in Boston.

Ich bin der Dichter des Leibs und bin der Dichter der Seele,

Die Freuden des Himmels sind bei mir, und die Qualen der Hölle sind bei mir,

Die ersten veredle und mehre ich in mir selbst, die zweiten übersetz ich in eine neue Sprache.

Whitmans Grashalme sind Steine des Anstoßes

1862 zieht Walt Whitman freiwillig in den Sezessionskrieg der industriell aufstrebenden Nord- gegen die sklavenhaltenden Südstaaten. Er schreibt die »Drum-Taps« (»Trommelschläge«), die 1865 im Selbstverlag veröffentlicht werden. Fast pausenlos ist er damit beschäftigt, die erste Auflage zu überarbeiten, zu erweitern und umfangreichere Fassungen auf eigene Kosten zu veröffentlichen. Seine Entschlossenheit verschafft ihm einen immer größer werdenden Freundeskreis, Bewunderung im Ausland, und selbst die Amerikaner würdigen das Lebenswerk »ihres« Dichters in gewissem Maße.

Whitman setzt sich gegen die Sklaverei ein und betrachtet den schwarzen Amerikaner als gleichberechtigten Landsmann. Für ihn sind alle Menschen gleich und keine Handelsware. Besonders wichtig ist ihm dabei stets die Seele, die nicht nur Menschen, sondern auch Pflanzen, Bäumen und Tieren innewohnt.

Der entlaufene Sklave kam an mein Haus und hielt draußen an,

Ich hörte seine Bewegungen an dem Knacken der Zweige des Reisighaufens,

Durch die offene Halbtür der Küche sah ich ihn schlapp und schwach

Und ging hin, wo er saß auf einem Holzklotz, und führt ihn hinein und beruhigte ihn,

Und brachte Wasser und füllte eine Wanne für seinen schweißigen Leib und seine wundgelaufenen Füße,

Und gab ihm eine Stube neben der meinen und gab ihm ein paar einfache saubere Sachen zum Anziehen.

1865 wird Whitman im Innenministerium angestellt, bald jedoch vom Minister wegen »Unsittlichkeit seiner Dichtung« wieder entlassen. 1867 gibt der Autor auf eigene Kosten die vierte Auflage der »Grashalme« in New York heraus. Er arbeitet ständig an weiteren Texten im freien Rhythmus und gibt weiterhin alles selbst heraus. 1871 erscheint »Passage to India« (»Durchfahrt nach Indien«), die er dann in die fünfte Auflage der »Grashalme« aufnimmt.

Sofern die amerikanische Öffentlichkeit überhaupt auf Whitmans Publikation reagiert, äußert sie Empörung über die formlose Rhythmik seiner Texte, seine freizügige Art, über Liebe, Sexualität und männliche Kameradschaft zu sprechen. Auffällig ist Whitmans thematische Nähe zur Homosexualität, er schreibt über das Thema Männerfreundschaften bis hin zu offen autoerotischen Beschreibungen des männlichen Körpers. Die offizielle Kulturkritik reagiert wenig erfreut auf derartige Texte.

Walt Whitmans Ende

Der größte Dichter kennt nichts Kleinliches, keine Nebensächlichkeit. Haucht er seinen Atem in etwas, was zuvor als klein galt, so weitet es sich in die Größe und Lebensfülle des Universums. Er ist ein Seher – er ist individuell – ist in sich selbst vollkommen – die anderen sind ebensogut wie er, nur, er sieht es und sie nicht.

Walt Whitman am Ende seiner Tage. Foto: © Diogenes Archiv

Ein Schlaganfall im Jahre 1873 zwingt Whitman, sich aufs Land zurückzuziehen und Heilung in natürlicher Umgebung zu suchen. Klare Flusswasser, die reine, würzige Luft und die tägliche Berührung mit Bäumen, Gräsern und Steinen sind ihm unbezahlbare Medizin. An den knorrigen starken Stamm einer Eiche gelehnt, schickt der inzwischen halbgelähmte Dichter seine Gedanken über die Blumenwiesen, einen plätschernd tanzenden Bach entlang, zu den Vögeln in den Himmel – und haucht gestaltlosen Worten Leben ein.

Whitman will dem amerikanischen Volk etwas geben. Er möchte es durch seine Augen sehen lassen, durch seine Ohren hören lassen: »Die Botschaft großer Dichtungen an alle Menschen lautet: Kommt als Gleichberechtigte zu uns, nur dann könnt ihr uns verstehen. Wir sind nicht besser als ihr; was in uns ist, das ist auch in euch, woran wir uns erfreuen, daran könnt ihr euch auch erfreuen.«

1876 kommt die sechste, 1881 die siebente Auflage der »Grashalme« heraus. 1888 legt Whitman die erste Gesamtausgabe seiner Dichtung vor: »Complete Poems and Prose« wird von ihm selbst verlegt und vertrieben. 1889 folgt die achte Ausgabe seines Lebenswerks.

Bevor der Dichter am 26. März 1892 nach langer Krankheit in Camden stirbt, gibt der Verlag Rees, Welsh & Co., später McKay, die neunte Ausgabe der »Leaves of Grass« in zwei Bänden mit fast 400 Gedichten heraus. Sie wird als »Death-bed Edition« (etwa: Totenbett-Ausgabe) bezeichnet.

Walt Whitmans Bedeutung als Dichter

Ich glaube, ein Grashalm ist nichts Geringeres als das Tagwerk der Sterne.

Walt Whitmans Gedichte sind hymnische Gesänge in ungebundener Sprache. Mitunter im Stakkato-Stil preist der Dichter Amerika als Heimat seiner Väter und Vorväter, als Gebiet der landschaftlichen Vielfalt, als Wiege der Demokratie, als Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Sein Weltbild ist positiv, sein Enthusiasmus mitreißend, seine Lebenslust mitunter ekstatisch.

Amerika! Ich prahle nicht mit meiner Liebe zu dir, Ich weiß, was ich habe.

Tausende kennen und lieben die außergewöhnliche, aufrichtige, stolze Dichtung Whitmans. Seine »Grashalme« gelten heute als eines der bedeutendsten Meisterwerke der amerikanischen Literatur. Erst- und Originalausgaben erzielen Höchstpreise auf Aktionen. Walt Whitman bricht stilistisch mit bestehenden Traditionen und erfasst die Seele der amerikanischen Gesellschaft seiner Zeit in ihrem Kern. Sein Hymnus auf Demokratie, Natur, Liebe und Freundschaft hat bis heute nichts von seiner ursprünglichen Schönheit und Menschlichkeit eingebüßt.

Reim und Gleichmaß vollkommener Gedichte weisen das freie Wachstum metrischer Gesetze auf und knospen aus ihnen ebenso untrüglich und zwanglos wie Flieder und Rosen am Busch und nehmen Gestalt an, die ebenso fest ist wie die von Kastanien, Orangen, Melonen und Birnen, und verströmen Duft, um ihm unspürbar Gestalt zu verleihen.

Thomas Mann bezeichnete Whitman als »Donnerer von Manhattan« und nannte ihn in einem Atemzug mit Goethe. Walt Whitman lässt sich allerdings weder in Schubkästen zwängen, noch gehört er einer Schule an. Whitman schreibt unabhängig der bekannten literarischen Strömungen, wenngleich seine Verse manchmal an die Genieperiode des deutschen »Sturm und Drang« erinnern. Der Dichter überragt seine Zeitgenossen wie ein Riese und ist gleichzeitig untrennbar mit der Entwicklung seines geliebten Amerika verbunden.

Erinnern wir uns bei all dem an den publizistischen Ausgangspunkt: Hätte Walt Withman nicht als kompromissloser Self-Publisher dafür Sorge getragen, dass seine Dichtung ihren Weg zum Leser findet, wäre sein Name heute unbekannt. Withmans Mut, seine innere Kraft, seine Hartnäckigkeit und Zähigkeit waren es, die den Rahmen schufen, sein Werk unsterblich zu machen.

Wer sich mit der feingliedrigen Poesie Walt Whitmans vertraut machen möchte, findet in der zum 200. Geburtstag des Dichters aufgelegten Edition des Diogenes Verlag mit der Nachdichtung von Hans Reisiger die kompletten Texte der Ausgabe letzter Hand.

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