Der Tätowierer von Auschwitz

Am 23. April 1942 trifft der 25-jährige Ludwig Eisenberg aus Krompachy, Slowakei, in einem verschlossenen Viehtransporter im Konzentrationslager Auschwitz ein. Sein Verbrechen: Er ist Jude. Der junge Mann hat keine Ahnung, welcher Horror ihn in den nächsten zweieinhalb Jahren in der Tötungsfabrik erwarten wird, in der rund 1,5 Millionen Leidensgenossen aus aller Herren Länder ihr Leben lassen. Doch der Junge überlebt den Holocaust, den Auschwitz symbolisiert. Ein halbes Jahrhundert später vertraut er sich der australischen Autorin Heather Morris in Melbourne an, die seine Erlebnisse unter dem Titel „Der Tätowierer von Auschwitz“ literarisch verdichtet und damit einen Weltbestseller schafft.

Lale, wie Ludwig Eisenberg genannt wird, denkt anfangs an nichts Böses, als er zum Arbeitseinsatz abkommandiert wird. Er hofft sogar, seinen Eltern etwas Geld von dem zu erwartenden Lohn schicken zu können. Doch als er im weißen Hemd und mit einem Koffer in der Hand in einen Viehtransporter gestoßen wird, schwant ihm, dass es keine Vergnügungstour wird. Mit tausenden anderen auf engstem Raum zusammengepferchten Männern wird er ohne Verpflegung oder Wasser in eine unbekannte Richtung gefahren. Ihr Ziel ist Auschwitz.

Es ist in Worten kaum darstellbar, was Lale in dem Lager erlebt. Der Tod lauert an jeder Ecke in Gestalt geschniegelter SS-Männer, die sich einen Spaß daraus machen, die Gefangenen zu erniedrigen, zu schlagen oder zu erschießen. Wer es nachts wagt, seinen Strohsack in einer der Baracken zu verlassen, um auszutreten, wird gleich auf dem Donnerbalken erschossen und im Kot begraben. Wer es wagt, einen der Herrenmenschen anzusehen oder auch nur den Blick zu heben, ist des Todes. Wer zu langsam arbeitet, es werden ständig weitere Unterkünfte für Neuzugänge benötigt; wer bei der Arbeit vor Hunger, Durst oder Erschöpfung zusammenbricht oder wer auch nur den kleinsten Regelbruch begeht, wird umgebracht.

Lale hält mit ungeheurer Willenskraft an seiner Überzeugung fest, eines Tages der Hölle entrinnen zu können. Er teilt sein tägliches Stückchen Brot mit kranken Mithäftlingen und hilft, wo er kann. Das zahlt sich aus, und so wird er eines Tages vom amtierenden Tätowierer als dessen Gehilfe vorgeschlagen. Künftig besteht sein Tagesablauf darin, tausenden Neuankömmlingen eine Nummer in den Oberarm zu tätowieren, unter welcher der Häftling geführt wird. Als eines Tages sein bisheriger Chef verschwindet, rückt er auf dessen Platz vor und wird zum Tätowierer von Auschwitz.

Durch diese besondere Tätigkeit sowie seine umfassenden Sprachkenntnisse, er spricht Deutsch, Slowakisch, Jiddisch, Russisch und Polnisch, bekommt Lale eine Sonderstellung mit eigener Schlafkammer und Zusatzrationen der wertvollsten Währung in der Welt der teilweise bis zum Skelett abgemagerten Insassen: Nahrung. Diese nutzt er, um todkranken Mithäftlingen zu helfen.

Täglich treffen neue Viehtransporte ein und spucken tausende verängstigte Männer, Frauen und Kinder aus. Lale, der Tätowierer von Auschwitz, schuftet teilweise rund um die Uhr, um jedem eine Nummer zu verpassen. Aus der langen Reihe der Wartenden sucht sich derweil Lagerarzt Josef Mengele Opfer für seine Experimente aus, er droht auch dem Tätowierer, ihn zu „untersuchen“. Lales neuem Helfer schneidet er kurzerhand die Hoden ab.

Eine Tages trifft Lale auf eine junge Frau aus dem Lager Birkenau, das mit Auschwitz verbunden ist und zu seinem Tätigkeitsgebiet gehört. Er schaut ihr in die Augen und verliebt sich in das Mädchen, von dem er nur die Nummer weiß. Es beginnt eine romantische Liebesgeschichte in der Hölle des KZs, die von Hollywood ersonnen sein könnte, Doch das Makabre daran ist, dass es tatsächlich so war, und die beiden sich sogar heimlich trafen. Lale dehnt nämlich seinen Tauschhandel aus und erhält für Nahrung Brillanten, Schmuckstücke und Geldnoten von weiblichen Häftlingen, die die Kleidung der Neuzugänge nach Wertsachen durchsuchen müssen. Für diese Preziosen bekommt er wiederum Delikatessen wie Schokolade von Arbeitern, die von aussen kommen, um beim Aufbau der Baracken, Gaskammern und Verbrennungsöfen zu helfen. So gelangt er auch an Medikamente, mit denen er das Leben seiner an Typhus erkrankten großen Liebe rettet.

Es gibt keine Abscheulichkeit, die der junge Mann nicht miterleben muss. Als eines Tages bei den zur Verbrennung aufgeschichteten vergasten Häftlingen eine Nummer doppelt auftaucht, wird der Tätowierer von Auschwitz zum „Ofen“ bestellt. In dem Leichenberg vergleicht er Nummern und stellt zu seinem eigenen Glück fest, dass es sich um unterschiedliche Ziffern handelt. Später lachen ihn die SS-Männer aus: Lale sei der erste und einzige Jude, der den Ofen lebendig verlasse.

Seine Hilfsbereitschaft, seine Geschäftstüchtigkeit und eine Riesenportion Glück sind es letztlich, die dem jungen Juden und seiner Freundin das Leben retten. Als Auschwitz am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit wird, können die rund achttausend SS-Bewacher zwar den größten Teil der Lagerakten vernichten, aber es bleiben immer noch ein paar tausend Häftlinge von den rund anderthalb Millionen am Leben, deren eintätowierte Häftlingsnummer sie über jeden Zweifel erhebt, woher sie kommen und wohin sie gehören. Lale findet sogar seine Gita wieder, die beiden Holocaust-Überlebenden heiraten, ziehen nach Melbourne in Australien, bekommen einen Sohn und bleiben bis an ihr Lebensende zusammen.

Heather Morris versteht es auf einfühlsame Weise und ohne übertriebenes Pathos, die Tatsachenstory zu Papier zu bringen. Angefeindet von Holocaustleugnern und auch kritisiert von jüdischen Organisationen, die Details des Melodrams für nicht repräsentativ halten, erschüttert die Liebesgeschichte von Lale und Gita Leser in allen Sprachräumen und ist nun endlich auch in deutscher Sprache erhältlich.

Rezension anhören auf Literatur Radio Hörbahn (bitte klicken)


Genre: Biographien, Liebesroman
Illustrated by Piper Verlag München
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