Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid

Mit seinem eigenwilligen Roman »Ein Mann namens Ove« bewies Fredrik Backman, dass schwedische Autoren viel mehr können als spannende Krimis mit eigener Melodie zu verfassen. 2013 wurde er dafür zum erfolgreichsten Autor Schwedens gekürt. Sein Folgeroman »Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid« stieg auch in Deutschland sofort in die Bestsellerlisten auf, obwohl oder gerade weil Großkritiker vor dem Buch warnen, das ihnen zu schlicht ist.

Im Mittelpunkt von »Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid« steht die fast achtjährige Elsa, die einerseits hellwach ist und sich mittels der Wissensdatenbank Wikipedia in der Welt der Erwachsenen orientiert, andererseits zurückgezogen in einer kindlich-naiven Märchenwelt lebt. Allzugern fliegt sie auf Wolkentieren ins Land-Fast-Noch-Wach, isst Traumkekse, baut phantastische Königreiche, trifft Superhelden und findet Freunde wie den riesigen Wors, einen Hund, der ihr beisteht. Und Elsa braucht dringend Beistand, denn in der Schule wird sie von Mitschülern gehänselt, gemobbt und gejagt. Sie sei altklug und zu reif für ihr Alter, meint der Schulleiter, als sei Intelligenz eine Behinderung, die man verspotten darf.

Im Alltagsleben hat Elsa jedenfalls nur einen Freund – das ist ihre Oma. Oma ist eine unkonventionelle ältere Dame, die gern raucht, Bier trinkt, alles andere als politisch korrekt ist und sich vor niemandem fürchtet. Sie war als Ärztin ohne Grenzen in Kriegs- und Krisengebieten unterwegs, rettete dutzenden Kinder das Leben und verfügt aus Elsas Sicht über zwei Superkräfte: Leben retten und andere Menschen in den Wahnsinn treiben.

Oma erzählt ihrer Enkelin von den Traumländern und schildert ihr die unterschiedlichen Personen, die darin leben. Leider ist Oma sehr krank und stirbt bald. Und nun entwickelt sich nach und nach eine vielschichtige Geschichte, die zeigt, dass Oma ihre Enkelin mit ihren Märchen auf das reale Leben vorbereitet hat und dass alle Märchenfiguren nur Übersetzungen sind der Beziehungen der Menschen, die sie umgeben. Das sind in erster Linie die Bewohner des Hauses, in dem Elsa mit ihrer Mutter lebt.

In einer durchaus als rührend zu bezeichnenden Weise erschließt sich Elsa nun nach und nach ihre Nachbarn und lernt dabei auch die Beziehungen kennen, die einige von ihnen seit langen Jahren verbinden. Dabei wird sie von geheimnisvollen Briefen geleitet, die Oma vor ihrem Tod geschrieben und im Haus versteckt hat. In diesen Schreiben entschuldigt sich Oma für ihr bisweilen unverständliches Verhalten gegenüber den Mitbewohnern. Für Elsa sind diese Briefe eine Schatzkarte, die sie durch das vierstöckige Mietshaus führen, in dem hinter jeder Tür eine Überraschung wartet.

Das Besondere an Frederik Backmans Roman ist, dass es komplett aus der Sicht eines siebenjährigen Mädchens geschrieben ist, das langsam lernt, zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden. Eine entsprechend schlichte Sprache und im Präsenz verfasste Hauptsätze zeichnen den Text aus. Es sind bewusst keine verschachtelten Satzungetüme, die den Leser erwarten. Die intellektuelle Herausforderung liegt vielmehr zwischen den Zeilen im Aufbröseln der Figuren, ihrer Eigenarten und Besonderheiten.

Gerade diese kunstfertige Einfachheit ist es wohl, die Großkritiker wie die Nasen vom SPIEGEL gegen den Roman aufbringen. Das Buch sei »mitleiderregend. Der komplizierteste Satz in „Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid“ ist der Titel«, heißt es bei den Kulturredakteuren, die anstrengend-intellektuelle Texte bevorzugen, um ihre bisweilen verquast-abgehobene Interpretationshoheit zu rechtfertigen.

»Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid« ist ein wundervolles Buch für junge und junggebliebene Leser, die das Kind in sich bewahrt haben. Es ist ein Roman mit viel Humor und einem Tiefgang, der sich fließend erschließt. Das Werk ist eine herzerwärmende Hymne auf das Anderssein, ein einfühlsamer Text über die Kraft der Phantasie, ein mitunter auch melancholisch-tragischer Text mit rührenden Momenten, der durchaus neben »Ein Mann namens Ove« bestehen kann.

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Genre: Romane
Illustrated by Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

4 thoughts on “Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid

  1. Vielen Dank für diese schöne Rezension eines Buchs, das ich sehr gerne gelesen habe. Nun darf ich mich endgültig als Junggebliebene fühlen.

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